17. Juni 1953

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zollagent
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17. Juni 1953

Beitragvon zollagent » Mi 17. Jun 2015, 12:13

Ein Datum, das lange Zeit für den Freiheitswillen der (Ost)-Deutschen stand, der lange den Tag der deutschen Einheit symbolisierte. Und das von Seiten des Regimes als "Konterrevolution" und "versuchte Einflußnahme des Westens" verteufelt wurde. Hier wäre ohne das Eingreifen der Sowjetmacht das sozialistische Experiment auf deutschem Boden schon zu Ende gewesen. Wer kennt noch die Ereignisse?
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Re: 17. Juni 1953

Beitragvon Dingo » Mi 17. Jun 2015, 14:44

Meine Eltern waren damals acht und neun Jahre alt. In unserem Geschichtsunterricht war dieser Tag eigentlich nie groß Thema. Wirklich viel weiß ich nicht. Es gab einen Arbeiteraufstand, weil die Zielvorgaben, die die Arbeiter in der Planwirtschaft erreichen sollten, erhöht worden waren. Der Aufstand wurde von Sowjet-Soldaten gewaltsam niedergeschlagen.

Wenn ich z. B. hier nachlese, ist das allerdings ausgesprochen vereinfacht. Am 17. Juni ging es nicht mehr nur um diese Zielvorgaben, auch wenn das der Auslöser gewesen sein mag.


Reinhard Mey singt in "Mein Berlin" darüber, wie er den Tag in Erinnerung hat:
"Dann der Juni-Tag, als der Potsdamer Platz in Flammen stand. Ich sah Menschen gegen Panzer kämpfen mit der bloßen Hand."

Sehr kurz, aber wenn man sich das bildlich vorstellt, ist man vielleicht gar nicht so weit weg von der Realität.


Mich hätte es nicht gestört, wenn der 17.06. weiterhin "Tag der Deutschen Einheit" geblieben wäre. Als "Gedenktag" geht er mittlerweile ziemlich unter.
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Re: 17. Juni 1953

Beitragvon frems » Mi 17. Jun 2015, 14:53

'n dominierendes Thema war's bei uns in der Schule auch nicht, aber fiel nun auch nicht unter den Tisch. In Berlin scheint es -- nachvollziehbar -- etwas anders auszusehen. Da gibt's auch regelmäßig Ausstellung zum 17. Juni und es wurden ja auch Plätze und Straßen in prominenter Lage (z.B. durch den Tiergarten an Siegessäule und Schloß Bellevue vorbei bis zum Brandenburger Tor) nach diesem "Ereignis" benannt. Jedenfalls im Westen der Stadt. Von mir aus hätte man den Tag auch beibehalten können, ob nun als Tag der Deutschen Einheit (wobei es um die ja nur am Rande ging), als Tag der Freiheit oder sonsteinen Namen. Ich kann aber auch nachvollziehen, daß man sich bei der Wiedervereinigung dazu entschied ein Datum zu wählen, das nicht durch Ost oder West "vorbelastet" war.
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Re: 17. Juni 1953

Beitragvon Ammianus » Mi 17. Jun 2015, 16:09

Tja, wenn man sich das so vorstellt: Um die Mittagszeit des 17. Juni war die DDR de facto verschwunden. Ihre Regierung hatte sich nach Karlshorst hinter die Mauern sowjetischer Kasernen verkrümelt. Viele treu ergebene Genossen entledigten sich des Bonbons – des Abzeichens mit den beiden abgehackten Händen. Nur in einigen Städten hatte sich ein Rest Staatsmacht vor den andrängenden Demonstranten verschanzt. Aber selbst die hätten ohne die am Nachmittag aufziehenden russischen Panzer wohl spätestens am folgenden Tag aufgegeben.

Pech gehabt, es dauerte noch ein paar Jahrzehnte. Immerhin traten die Kommunisten dann ohne größere Gewaltanwendung zurück. Memoiren statt Laternen – eine weise Entscheidung.


Gibt ein ganz gutes Buch mit Zeitzeugenberichten aus den verschiedensten Städten der DDR über das Geschehen.
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Re: 17. Juni 1953

Beitragvon Dingo » Mi 17. Jun 2015, 16:40

Ein 17jähriger aus der Heimatstadt meiner Mutter wurde im Schnellverfahren zum Tod verurteilt. :s Ein Gerichtsvollzieher hatte mehr Glück und saß nur wenige Tage ein.

Die Ereignisse dieses Tages dürfte bei vielen, die eigentlich mit dem System unzufrieden waren, eine tiefsitzende Angst erzeugt haben.
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Re: 17. Juni 1953

Beitragvon zollagent » Mi 17. Jun 2015, 16:44

Ganz so harmlos war die Sache nicht. Es gab eine Menge Tote.
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Re: 17. Juni 1953

Beitragvon Dingo » Mi 17. Jun 2015, 17:11

Interessanter Link. Demnach wurde der 17jährige, von dem ich eben schrieb, nicht erschossen. Er wurde verhaftet, am 07.07. aber wieder entlassen. Danach hat er die DDR verlassen.

Selbst für Historiker mit Zugang zu ganz anderen Quellen als der normale Internet-Nutzer, die außerdem sehr viel methodischer und mit mehr Zeit recherchieren, dürfte es schwierig sein, genau zu ermitteln, was damals in jedem Einzelfall geschehen ist.
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Re: 17. Juni 1953

Beitragvon zollagent » Mi 17. Jun 2015, 17:28

Ändert nichts daran, daß sich hier ein autoritäres Regime mit purer Gewalt im Sattel gehalten hat.
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Re: 17. Juni 1953

Beitragvon Dingo » Mi 17. Jun 2015, 17:43

zollagent » Mi 17. Jun 2015, 18:28 hat geschrieben:Ändert nichts daran, daß sich hier ein autoritäres Regime mit purer Gewalt im Sattel gehalten hat.

Hat auch niemand behauptet, glaube ich. Ohne die Sowjet-Panzer wäre das damals sehr wahrscheinlich anderes ausgegangen. Was am Ende draus geworden wäre, wird man nie wissen.
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Re: 17. Juni 1953

Beitragvon zollagent » Mi 17. Jun 2015, 17:50

Dingo » Mi 17. Jun 2015, 17:43 hat geschrieben:Hat auch niemand behauptet, glaube ich. Ohne die Sowjet-Panzer wäre das damals sehr wahrscheinlich anderes ausgegangen. Was am Ende draus geworden wäre, wird man nie wissen.

Nun zumindest eine Tradition des Widerstandes gegen autoritäre Regimes wurde so begründet.
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Re: 17. Juni 1953

Beitragvon Ammianus » Mi 17. Jun 2015, 18:28

Die Vorgänge 1953 wie auch 56 in Ungarn, 68 in der Tschechoslowakei, später mehrmals in Polen wo auch jedes Mal Menschen ermordet wurden und am Ende 1989 haben immer eins gezeigt: Die Kommunisten hatten nie eine breite Machtbasis in der von ihnen beherrschten Bevölkerung. Immer wenn der Druck auch nur etwas nachließ kamen Prozesse in Bewegung die zu ihrer Entmachtung geführt hätten oder letztendlich eben auch haben. Herrschen konnten sie nur durch einen beständig aufrecht erhaltenen Druck, die Drohung mit brutalen Sanktionen bei nicht angepasstem Verhalten und in letzter Konsequenz mit offener Gewalt, dann aber meistens mit eigenem oder fremden Militär.

Das hat sich in all den Jahrzehnten ihrer Herrschaft nicht geändert. Die DDR implodierte 89 regelrecht in dem Moment, als die Kommunisten nicht mehr bereit und fähig waren, etwas für ihren Machterhalt zu riskieren. Aber wollten sie das jemals? 1953 tauchten Moskaus deutsche Vasallen ab und überließen den Russen die Dreckarbeit. In Ungarn gab Imre Nagy auf und lenkte das Land getreu dem Mehrheitswillen seiner Bürger auf einen Kurs in Richtung Westen. Dafür wurden er und andere von Stalins Nachfolger und deren einheimischen Dienern ermordet. Im Ergebnis wäre es auch in der CSSR zur Gründung unabhängiger Parteien, freien Wahlen und dem Ende der kommunistischen Herrschaft gekommen. Die Panzerkohorten des Warschauer Pakts feierten auf ihre Art den 30. Jahrestag der Besetzung der „Resttschechei” durch Hitler. Ulbricht war traurig, dass seine Helden an der Grenze halt machen mussten.

Ist der Deckel erst einmal geöffnet und wird Meinungsfreiheit gewährt kommt das Ende automatisch. Schließlich kann man dann lautes Nachdenken über unabhängige Bewegungen und freie Wahlen nicht mehr mit Gefängnis und anderen Terrormaßnahmen sanktionieren.
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Re: 17. Juni 1953

Beitragvon Cat with a whip » Mi 17. Jun 2015, 20:18

"Wir wollen nicht nur haben Brot, sondern wir schlagen alle Russen tot"


Hat ja nicht ganz geklappt, hatten sich wohl nicht genug Totschläger auf den Straßen zusammengerottet.
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Re: 17. Juni 1953

Beitragvon Dingo » Mi 17. Jun 2015, 20:37

Cat with a whip » Mi 17. Jun 2015, 21:18 hat geschrieben:
Hat ja nicht ganz geklappt, hatten sich wohl nicht genug Totschläger auf den Straßen zusammengerottet.

Die Russen waren unfair und kamen mit Panzern. Da sind dann Mauersteine als Wurfgeschosse auch nicht wirksamer als Wattebäusche.
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Re: 17. Juni 1953

Beitragvon zollagent » Mi 17. Jun 2015, 20:37

Cat with a whip » Mi 17. Jun 2015, 20:18 hat geschrieben:
Hat ja nicht ganz geklappt, hatten sich wohl nicht genug Totschläger auf den Straßen zusammengerottet.

Wer hat dieses skandiert? Wohl nicht wirklich die Mehrheit der Aufständischen, oder? Die wollten doch eher die Rücknahme überhöhter Arbeitsnormen.
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Re: 17. Juni 1953

Beitragvon Cat with a whip » Mi 17. Jun 2015, 21:01

Dingo » Mi 17. Jun 2015, 20:37 hat geschrieben:Die Russen waren unfair und kamen mit Panzern. Da sind dann Mauersteine als Wurfgeschosse auch nicht wirksamer als Wattebäusche.

Mauersteine brauchten die doch nicht, die wollten alle Russen totschlagen.
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Re: 17. Juni 1953

Beitragvon zollagent » Mi 17. Jun 2015, 23:05

Cat with a whip » Mi 17. Jun 2015, 21:01 hat geschrieben:Mauersteine brauchten die doch nicht, die wollten alle Russen totschlagen.

Und wer waren "die, die Russen totschlagen wollten"?
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Re: 17. Juni 1953

Beitragvon Ammianus » Do 18. Jun 2015, 12:46

Cat with a whip » Mi 17. Jun 2015, 20:18 hat geschrieben:
Hat ja nicht ganz geklappt, hatten sich wohl nicht genug Totschläger auf den Straßen zusammengerottet.


Von den unterschiedlichsten Parolen, die am 17. Juni auf Transparenten erschienen oder von der Menge skandiert wurden hast du dir gerade diese ausgesucht. Warum?
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Re: 17. Juni 1953

Beitragvon Der Neandertaler » Fr 19. Jun 2015, 11:52

Hallo zollagent.
zollagent hat geschrieben:Ein Datum, das lange Zeit für den Freiheitswillen der (Ost)-Deutschen stand, der lange den Tag der deutschen Einheit symbolisierte. [...] Wer kennt noch die Ereignisse?
Wenn ich mich richtig erinnere, ging es in erster Linie um die sogenannte "Normenerhöhung" - sprich: die Erhöhung der Arbeitsnormen ... von Einigungswillen war wohl weniger die Rede.
    (wie auch 1989 anfangs skandiert wurde: "Wir sind das Volk!" - "Wir sind ein Volk!", dieser Ausspruch kam erst später hinzu!)
Der 17. Juni, als Feiertag, war im Grunde genommen ein Relikt des Kalten Krieges ... dessen Sinn wohl schnell vergeßen war. Wobei ich mich immer gefragt habe, was da zu feiern gibt, wenn Menschen gestorben sind?

Für viele war es zudem ein schöner, zusätzlicher Feiertag ... ein zusätzlicher Urlaubstag - mehr nicht.
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Re: 17. Juni 1953

Beitragvon Ammianus » Fr 19. Jun 2015, 15:37

Der Neandertaler » Fr 19. Jun 2015, 11:52 hat geschrieben:Hallo zollagent.Wenn ich mich richtig erinnere, ging es in erster Linie um die sogenannte "Normenerhöhung" - sprich: die Erhöhung der Arbeitsnormen ... von Einigungswillen war wohl weniger die Rede.
    (wie auch 1989 anfangs skandiert wurde: "Wir sind das Volk!" - "Wir sind ein Volk!", dieser Ausspruch kam erst später hinzu!)
Der 17. Juni, als Feiertag, war im Grunde genommen ein Relikt des Kalten Krieges ... dessen Sinn wohl schnell vergeßen war. Wobei ich mich immer gefragt habe, was da zu feiern gibt, wenn Menschen gestorben sind?

Für viele war es zudem ein schöner, zusätzlicher Feiertag ... ein zusätzlicher Urlaubstag - mehr nicht.


Die Normerhöhungen waren nur der allererste Auslöser. Am 17. ging schon nicht mehr darum - und auch nicht darum, die Russen totzuschlagen. Vielerorts wurde extra darauf geachtet, die Besatzer gerade nicht zu provozieren.
Es ging dann vorrangig um freie Wahlen, Meinungsfreiheit, die Absetzung der SED-Regierung. "Spitzbart, Bauch und Brille, das ist nicht unser Wille!” war eine der maßgebenden Parolen, und dann natürlich um das Ende der unnatürlichen Teilung.

Dazu soll laut Gromyko Berija auf einer Sitzung des Präsidium des sowjetischen Ministerrats am 27. Mai 1953 gesagt haben:

„Wir brauchen nur ein friedliches Deutschland. Aber ob es dort den Sozialismus gibt oder nicht, ist uns ganz gleich … Die DDR? Was ist sie wert, die DDR? Sie ist ja noch nicht einmal ein richtiger Staat. Sie wird nur durch sowjetische Truppen am Leben erhalten, selbst wenn wir sie mit Deutsche Demokratische Republik betiteln.”

(S. 247 der folgenden Empfehlung)

Kleine Literaturempfehlung: Stefan Wolle, Der große Plan. Alltag und Herrschaft in der DDR 1949-1961.
Lohnt sich wirklich. Sehr informativ und dazu gut und spannend geschrieben. Kein trockenes Geschichtsbuch. Jede Menge Zitate und Vollzitate. So auch Liedtexte wie „Die Partei hat immer recht” und dessen Entstehungs- und Wirkungsgeschichte usw.

(Datum des Berija-Zitats vergessen und nachträglich eingefügt)
Zuletzt geändert von Ammianus am Fr 19. Jun 2015, 15:38, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: 17. Juni 1953

Beitragvon Teeernte » Fr 19. Jun 2015, 15:51

Dingo » Mi 17. Jun 2015, 21:37 hat geschrieben:Die Russen waren unfair und kamen mit Panzern. Da sind dann Mauersteine als Wurfgeschosse auch nicht wirksamer als Wattebäusche.


Es haben auch Deutsche im Panzer gesessen.... nur - "normal" durften sie das nicht - deshalb in Russen Uniform....

Aber ja - der Sieger schreibt in JEDEM Fall die Geschichte.

Seine. - wie er sie gern hätte.
Obs zu kalt, zu warm, zu trocken oder zu nass ist:.... Es immer der >>menschgemachte<< Klimawandel. :D

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