(europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Moderator: Moderatoren Forum 7

...wäre meine Wahl (aus praktischen Gründen auf Europa + Mittelmeeraum beschränkt) die folgende:

EINFACH ALLES
3
7%
Ur- und Frühgeschichte (Altsteinzeit bis Jungsteinzeit)
2
5%
Altertum I - Frühe Hochkulturen bis Bronzezeit (ca. 3000 - 1500 v Chr)
1
2%
Altertum II - Bronzezeit - Eisenzeit (ca. 1500 - 800 v Chr)
0
Keine Stimmen
Altertum III - Frühantike (ca. 1200 - 800 v Chr)
1
2%
Antike - ALLES
3
7%
Antike I (ca. 800 - 400 v Chr)
0
Keine Stimmen
Antike II (ca. 400 - 1 v Chr)
2
5%
Antike III - (ca. 0 - 500)
2
5%
Mittelalter - ALLES
2
5%
Frühmittelalter (ca. 500/600 - 1000)
1
2%
Hochmittelalter (ca. 1000 - 1300)
1
2%
Spätmittelalter (ca. 1300 - 1500)
0
Keine Stimmen
Neuzeit - ALLES
2
5%
Frühe Neuzeit I (ca. 1500 - 1648)
0
Keine Stimmen
Frühe Neuzeit II (ca. 1648 - 1789)
1
2%
Neuere & Neuste Geschichte (1789 - 1918/1945)
8
18%
Zeitgeschichte I (1945 - 1991)
9
20%
Zeitgeschichte II (1991 - heute)
4
9%
EINFACH GAR NIX, ich hab mich nur verirrt
2
5%
 
Abstimmungen insgesamt: 44
Sniper

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon Sniper » Di 8. Apr 2014, 23:20

Adam Smith » Di 8. Apr 2014, 22:06 hat geschrieben:
Sniper » Sa 5. Apr 2014, 01:24 hat geschrieben:Bitte kurz und knapp sowas wie Jahreszahl/Ereignis/Aspekt/etc nennen, das die jeweilige Zäsur bestimmt, und natürlich nach Möglichkeit begründen :)


Der Kapitalismus war die entscheidende Veränderung.

In England waren der Absolutismus und die Grundherrschaft früher als in anderen Ländern Europas gelockert worden, Zunftzwang gab es im Gegensatz zu deutschen Ländern schon lange nicht mehr.


http://de.wikipedia.org/wiki/Industrialisierung

Erst England und die USA, dann Frankreich, Holland und Deutschland. Und nun auch China. Indien funktioniert nicht so richtig, wegen der Religion usw.

Ähnlich ausladend wie die Sache mit dem Chistentum. Haste ne Zäsur zum Kapitalismus (ich hätt da welche, hehe)?
Sniper

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon Sniper » Di 8. Apr 2014, 23:33

Progressiver » Di 8. Apr 2014, 23:22 hat geschrieben:Zur Periodisierung:

Ich habe mir verschiedene wikipedia-Artikel durchgeguckt und bin dort auf folgende Daten gestoßen:

Das Ende der Antike wird spätestens auf das Jahr 568 gelegt, da dann die Invasion der Langobarden in Italien stattfand. In Mittel- und Westeuropa begann das Zeitalter der Völkerwanderung früher. Deswegen kann man, allgemein gesehen, nicht von einem einzigen Jahr für Gesamteuropa ausgehen, das als bedeutende Zäsur den ganzen Kontinent plötzlich umwandelte.

Quelle:

http://de.wikipedia.org/wiki/Mittelalte ... Einordnung

Ich selber wundere mich allerdings auch ein wenig, dass da nicht auch andere Daten gefallen sind, die in der älteren Forschung noch eine Rolle gespielt haben. So z.B. für Westeuropa das Jahr 476 für die Absetzung des letzten weströmischen Kaisers. Aber die Problematik der Periodisierung findet man dann auch hier:

http://de.wikipedia.org/wiki/Ende_der_Antike

Beim Ende des Mittelalters wiederum fällt neuerdings wieder vor allem das Jahr 1453 als Zäsur. Siehe hier:

http://de.wikipedia.org/wiki/Neuzeit

Jedoch verschieben einige Wissenschaftler den Beginn der Neuzeit gerne auf die Zeit nach 1600, da erst dann so etwas wie eine wissenschaftliche Methode entstanden ist.

Aber auch hier kann sich der Interessierte bei der Problematik der Periodisierung auch auf andere wikipedia-Artikel stürzen, die ihm das Ganze näher bringen. Wie z.B. hier:

http://de.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%BChe_Neuzeit

was ja auch schlüssig machbar is (1618/48), hehe.

Was die (hier vermisste) Zäsur A-MA btrifft. 568, ok - und weitere :?:

Wie schon angemerkt, Westrom oder Chlodwig oder Chrlemagne oder Byzant. Aufstieg an sich, oder gar die Loslösung des Ostänkischen Reichsteils, oder der hier schon genannte Investiturstreit-Kiste, usw...wat is damit?
Progressiver » Di 8. Apr 2014, 23:37 hat geschrieben:Zu meiner Interessenlage:

Ich habe die Wahlmöglichkeiten

    Neuere & Neuste Geschichte (1789 - 1918/1945)

    und

    Zeitgeschichte I (1945 - 1991)

angekreuzt. Im Moment interessiert mich dabei der 1.Weltkrieg und die Zeit davor und danach. Ich habe aber auch andere Interessen. Wenn ich irgendwann einmal dazu komme, will ich mir auch Bücher über die Menschheits- bzw. Universalgeschichte gönnen. Oder ich kaufe mir irgendwann vielleicht von Heinrich August Winkler die beiden bisherigen Bände der Geschichte des Westens, von denen der erste Band die Zeit von den Anfängen bis 1914 behandelt, der zweite diejenige von 1914-45.

Sowat gibet (sinnvoll) net, is unmöglich. Gesamtdarstellungen gehen nie tief genug :D

MfG
Sniper

Geänder wegen Gehirnaussetzer
Zuletzt geändert von Sniper am Di 8. Apr 2014, 23:35, insgesamt 1-mal geändert.
Benutzeravatar
Ammianus
Beiträge: 3253
Registriert: Sa 17. Dez 2011, 22:05

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon Ammianus » Mi 9. Apr 2014, 10:20

@Walter Hofer

Wiki zur Lichtensteinhöhle:

„Einem Aufruf im Jahre 2007 zur Abgabe einer Speichelprobe unter der alteingesessenen Bevölkerung aus den umliegenden Orten folgten 270 Personen. Dabei wurde ihre DNA auf eine eventuelle Verwandtschaft zu den in der Höhle bestatteten Menschen hin untersucht. Federführend war die Anthropologin Susanne Hummel von der Universität Göttingen.[6] Es konnten elf Personen identifiziert werden, die dieselben genetischen Muster wie ein Großteil der Toten aufweisen. Zwei Männer, die in Sichtweite der Höhle leben, wiesen eine äußerst seltene Erblinie auf. Sie ist mit der eines Mannes aus der Höhle identisch, so dass dies ein Hinweis auf eine über 100 Generationen währende Familienkontinuität ist.”

Und das ist wahnsinnig interessant. Spricht es doch für eine deutliche Konstanz der Bevölkerung durch die Jahrtausende – jedenfalls im Harzraum. Damit fällt Licht auf einen intensiven Disput, der in den letzten Jahrzehnten innerhalb der Ur- und Frühgeschichtsforschung stattgefunden hat. Sind es die Wanderungen, Eroberungen, Landnahmen die für kulturellen Wandel sorgen oder geschehen solche Veränderungen die zu völlig neuen Keramik-, Schmuck-, Werkzeug- und Waffenformen führen aus der ursprünglichen Kultur selbst heraus. Seit der „New Archeology” Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre des 20. Jh. schlug das Pendel mehr und mehr zu Letzterer Erklärung aus. Man ging so weit, Wanderungen fast ganz abzulehnen. Höchstens sollten es kleine Gruppen von Menschen gewesen sein. Maximal sollte es einen Austausch der Eliten gegeben haben, von der Einführung von Ackerbau und Viehzucht in Mitteleuropa bis zur Völkerwanderung am Ende der Spätantike.

Im 6. Jt. haben sich Landwirtschaft betreibende Kulturen bis ins Gebiet des heutigen Ungarn ausgebreitet. Hier entsteht jetzt eine Kultur, die sich innerhalb weniger Jahrhunderte vom Pariser Becken bis zum Dnestr im Osten ausbreiten sollte. Merkmale sind die namensgebende Keramik mit ihren typischen durch eingeritzte Linien begrenzten Bändern, große Langhäuser, der sogenannte „Schuhleistenkeil” als typische Axt- und Dechselform. Diese Linienbandkeramik oder kürzer Bandkeramik breitet sich auch die Oder aufwärts bis in die Uckermark und Vorpommern aus, wo sich ihre Fundplätze, so um das nordbrandenburgische Prenzlau, regelrecht ballen.
Früher ging man davon aus, dass Siedler aus Südosteuropa sich nach und nach entlang der Flüsse ausgebreitet hätten, dabei die alteingesessene Sammler- und Jägerbevölkerung verdrängend und assimilierend. Da nun aber Wanderungen in der Forschung größtenteils abgelehnt wurden suchte man nach anderen Erklärungen. Der Wissenschaftler Jens Lüning z.B. vertrat die Ansicht, dass der Gedanke von Ackerbau und Viehzucht durch regelrechte Missionare bei der mesolithischen Bevölkerung verbreitet worden sei und diese dann das gesamte Paket (Hausbau, Keramik, spezielle Werkzeuge) übernommen hätte.

Dem widerspricht nun eine aktuelle Untersuchung:

http://www.archaeologie-online.de/magaz ... eit-27430/

Kurz zusammengefasst: Es gibt zwischen den Trägern der Bandkeramik und den mesolithischen Jägern und Sammlern keine genetische Verwandtschaft. Die Bandkeramiker kommen eindeutig aus dem Südosten und verdrängen die ursprünglichen Einwohner an die Küsten. Dort werden die im Lauf der Jahrhunderte auch zu Bauern, die Trichterbecherkultur, bekannt für ihre Hühnengräber, entsteht und dringt selbst wieder nach Süden vor.

In der zu Ende gehenden Jungsteinzeit, im 3. Jt., erscheinen noch einmal neue genetische Merkmale, die Bestandteil des mitteleuropäischen Genpools werden sollen. Ihre Ursprünge liegen einmal im Osten und einmal im Westen. Archäologisch dürfte dies mit dem Auftreten der mehr östlichen Schnurkeramik und der mehr westlichen Glockenbecherkultur zu tun haben.
Seit dem bleibt die genetische Zusammensetzung in Mitteleuropa relativ konstant.
Wie die Untersuchungen am Skelettmaterial aus der Lichtensteinhöhle zeigt.
Benutzeravatar
Adam Smith
Beiträge: 24791
Registriert: Mi 18. Jan 2012, 21:57

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon Adam Smith » Mi 9. Apr 2014, 20:53

Sniper » Mi 9. Apr 2014, 00:20 hat geschrieben:Ähnlich ausladend wie die Sache mit dem Chistentum. Haste ne Zäsur zum Kapitalismus (ich hätt da welche, hehe)?

Schon. Aber das gilt jetzt nur für einzelne Länder oder Regionen. Wobei der Kapitalismus die Menschheit entscheidend verändert hat. Noch weitaus mehr als das Christentum.
Zuletzt geändert von Adam Smith am Mi 9. Apr 2014, 20:54, insgesamt 1-mal geändert.
Diskursant

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon Diskursant » Mi 9. Apr 2014, 23:17

Adam Smith » Mi 9. Apr 2014, 20:53 hat geschrieben:
Sniper » Mi 9. Apr 2014, 00:20 hat geschrieben:Ähnlich ausladend wie die Sache mit dem Chistentum. Haste ne Zäsur zum Kapitalismus (ich hätt da welche, hehe)?

Schon. Aber das gilt jetzt nur für einzelne Länder oder Regionen. Wobei der Kapitalismus die Menschheit entscheidend verändert hat. Noch weitaus mehr als das Christentum.


"+"

zum Gruße
Nun was gilt derKapitalismuss gegen die Notwendigkeit des altäglichen Stuhlgangs, - ´
Doch spaßohne
Des Menschen Egoismus (=Kapitalismus)
überwiegt seinen Idealismus (=Religion) bei Weitem. . .
Egoismus bringt uns Behinderung, Streit, Gewalt, Krieg,
und darauf bist Du stolz?!

diskurstolz

D
Benutzeravatar
Ammianus
Beiträge: 3253
Registriert: Sa 17. Dez 2011, 22:05

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon Ammianus » Do 10. Apr 2014, 15:23

Keineswegs unpassend hier im Strang, wo es auch schon um Kompetenz oder deren Abwesenheit ging ein paar drollige Beispiele aus den Medien:

Dokus sind der Füllstoff zwischen der Werbung bei sogenannten Nachrichtensendern. Der interessierte Laie kann dort sein Allgemeinwissen verbessern. Da zappte ich einmal in so ein Meisterwerk, in dem es um die Machtkämpfe am Ende der Römischen Republik ging. Der geneigte Zuschauer erfuhr dort wissenswertes über die Seeschlacht von Actium, bei der Octavian, der spätere Princeps. die Flotte von Antonius und Cleopatra vernichtend schlug. Und da dies im Monat August gewesen sein soll, nannte sich der neue Alleinherrscher von da an Augustus.

Die öffentlich rechtlichen sind jedoch nicht unbedingt besser. Vor einigen Jahren taten sich mehrere europäische Rundfunkanstalten zusammen und produzierten eine mehrteilige Reihe über die Germanen. Der Aufwand dabei war nicht unbeträchtlich, die Zahl der Komparsen beachtlich. Man konnte erfahren, dass, als in der späteren Kaiserzeit die Bedrohung durch die Barbaren aus dem Norden stetig anwuchs, Rom deswegen mit einer Mauer umgeben wurde. Dazu schnitt man Bilder der noch heute teilweise gut erhaltenen Anlage zusammen mit solchen der Reiterstatue Marcus Aurelus' – schließlich heisst ja die Mauer auch die Aurelianische.

Geschichtslehrer dürften wir alle kennengelernt haben. Die einen waren so, die anderen eben so. Einen präsentiert uns der rbb in seiner Reihe „Randtour” bei der sich das Team der Sendeanstalt entlang der brandenburgischen Grenzen bewegt und dabei auch im äußersten Südwesten das Dorf Kosilenzien erreicht. Youtube hat uns den Beitrag bewahrt, Kosilenzien findet sich ungefähr ab 1:52

http://www.youtube.com/watch?v=iT3MZ59LsS8

Wenigstens spricht er nicht von Seminolen oder Klingonen...
Sniper

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon Sniper » Fr 11. Apr 2014, 22:24

Adam Smith » Mi 9. Apr 2014, 21:53 hat geschrieben:
Sniper » Mi 9. Apr 2014, 00:20 hat geschrieben:Ähnlich ausladend wie die Sache mit dem Chistentum. Haste ne Zäsur zum Kapitalismus (ich hätt da welche, hehe)?

Schon. Aber das gilt jetzt nur für einzelne Länder oder Regionen. Wobei der Kapitalismus die Menschheit entscheidend verändert hat. Noch weitaus mehr als das Christentum.

Oh! Schulle, auch das hab ich übersehen. Hab indirekt schon drüben (Personen-Abendland-Thread) unwissentlich darauf geantwortet, hehe. Wie gesagt ich hätte da einige, aber es wird eben schwierig hier ne Zäsur zu setzen, die alle befriedigt (alle geht eh net, aber eben die meisten).
Ich denk drüber nach :) (im Hinblick auf das WE vielleicht mit "Verzögerung") :D


MfG
Sniper
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 14392
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 07:08
Benutzertitel: From Hell

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon Dark Angel » Mi 16. Apr 2014, 09:09

Ammianus » Do 10. Apr 2014, 15:23 hat geschrieben:Keineswegs unpassend hier im Strang, wo es auch schon um Kompetenz oder deren Abwesenheit ging ein paar drollige Beispiele aus den Medien:

Dokus sind der Füllstoff zwischen der Werbung bei sogenannten Nachrichtensendern. Der interessierte Laie kann dort sein Allgemeinwissen verbessern. Da zappte ich einmal in so ein Meisterwerk, in dem es um die Machtkämpfe am Ende der Römischen Republik ging. Der geneigte Zuschauer erfuhr dort wissenswertes über die Seeschlacht von Actium, bei der Octavian, der spätere Princeps. die Flotte von Antonius und Cleopatra vernichtend schlug. Und da dies im Monat August gewesen sein soll, nannte sich der neue Alleinherrscher von da an Augustus.


Geschichtslehrer dürften wir alle kennengelernt haben. Die einen waren so, die anderen eben so. Einen präsentiert uns der rbb in seiner Reihe „Randtour” bei der sich das Team der Sendeanstalt entlang der brandenburgischen Grenzen bewegt und dabei auch im äußersten Südwesten das Dorf Kosilenzien erreicht. Youtube hat uns den Beitrag bewahrt, Kosilenzien findet sich ungefähr ab 1:52

http://www.youtube.com/watch?v=iT3MZ59LsS8

Wenigstens spricht er nicht von Seminolen oder Klingonen...

Ich habe mir das Video mal angetan. Da kann man sich nur voller Grauen abwenden - ein Paradebeispiel, wie man populärwissenschaftliche Sendungen NICHT machen sollte. Da ist nix mit Bildung, sondern eher das Gegenteil - Volksverdummung.
In der Gegend gab und gibt es keine archäologischen Grabungen, bei den Funden handelt es sich nach Aussage des "Geschichtslehrers" um Zufallsfunde und der schließt nun "knallhart", dass es sich a) um Grabbeigaben handelt - woher will er das wissen, OHNE den entsprechenden Nachweis, dass dort tatsächlich Grablegungen stattfanden. Also eine (nicht nur) unzulässige, sondern völlig aus der Luft gegriffene, durch nichts belegte Behauptung und b) kann das Alter der Keramik OHNE weiterführende Untersuchung(en) und OHNE Vergleichsfunde gar nicht ermittelt werden - also wieder nur eine unbelegte unzulässige Behauptung.
Und zu guter Letzt noch die Behauptung " ... vermutlich von Frauen hergestellt ...", was ganz eindeutig falsch ist. Keramiken, die mittels Töpferscheibe hergestellt wurde (relativ dünnwandige Keramik) wurde nicht von Frauen hergestellt.
Wirklich einfach nur grauenhaft das hat nicht mal was mit populärwissenschaftlich zu tun. :s
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Benutzeravatar
Bleibtreu
Moderator
Beiträge: 7637
Registriert: Mi 27. Feb 2013, 11:58
Benutzertitel: freigeist
Wohnort: Tel Aviv // Paris

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon Bleibtreu » Mi 16. Apr 2014, 09:15

Wie wäre es denn mit einem Strang, in welchem gute Dokumentationen empfohlen werden?
Ich bin eine Bücherwürmin, aber auch ein großer Fan von Dokus. :D
•Wer fuer alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein. // Moderatorin im Forum 2
https://www.shabak.gov.il/english/Pages/index.html#=2
Concordia - Integritas - Industria
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 14392
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 07:08
Benutzertitel: From Hell

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon Dark Angel » Mi 16. Apr 2014, 09:51

Bleibtreu » Mi 16. Apr 2014, 09:15 hat geschrieben:Wie wäre es denn mit einem Strang, in welchem gute Dokumentationen empfohlen werden?
Ich bin eine Bücherwürmin, aber auch ein großer Fan von Dokus. :D

Naajaaa - die Dokus von National Geographic-Channel und Discovery-Channel sind nicht schlecht, die laufen aber auf Pay-TV. Haben aber den Vorteil, dass die Teams vor Ort sind und diejeweiligen (an den Grabungen beteiligten) Wissenschaftler selbst zu Wort kommen und die jeweiligen Datierungsmethoden erläutert werden. Spiegel-Geschichte geht so und History ist eher mit Vorsicht zu genießen.
Sind aber, wie gesagt, alles Pay-TV Sender.
Arte hingegen glänzt schon mal mit Pseudowissenschaft.
Zuletzt geändert von Dark Angel am Mi 16. Apr 2014, 09:52, insgesamt 1-mal geändert.
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Benutzeravatar
Ammianus
Beiträge: 3253
Registriert: Sa 17. Dez 2011, 22:05

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon Ammianus » Mi 16. Apr 2014, 20:36

@Dark Angel

Na ja, mit Geschichtslehrer ist das so eine Sache. Wobei ich den Fall hier nicht verallgemeinern will. Dazu kommt noch, dass Geschichte und Ur- und Frühgeschichte (auch Prähistorie und andere Bezeichnungen kommen vor ) zwei unterschiedliche Fächer mit unterschiedlichen Quellen und Methoden sind. Historiker leisten sich dann so manchen Patzer und umgekehrt wenn sie im fremden Gebiet „Wildern”.

Auf oder am Burgwall von Kosilenzien wurde zwar nie gegraben aber es gab doch forstwirtschaftliche Sondagen im Boden, neugierige Wanderer und Einheimische mit guten Augen. So fand sich dann im Innenraum unter einer Humusschicht von ca. 25 cm eine „starke Kulturschicht” aus der vorwiegend „jungbrztl. Keramik geborgen” wurde. Angeblich stieß man bei früheren Grabungen sogar noch auf „Bruch- und Ziegelmauerwerk”. Weitere Funde sind „wellenverz. Randscherbe und kammstrichverz. Randscherbe” sowie eine eiserne Lanzenspitze, 3 Messer, 1 Schere, 1 Trense (alles Eisen), 1 Eisenbeschlag.

Das angebliche Mauerwerk mal beiseite, wobei es nicht unmöglich ist, so deutet alles darauf hin, dass die Anlage in mittelslawischer Zeit wieder genutzt wurde. Ein Befund, auf den man bei einigen anderen ursprünglich bronzezeitlichen Anlagen wie der Römerschanze bei Potsdam ebenfalls trifft.

Damit wären wir schon beim „Germanischen Burgwall”. Das ist die Anlage nämlich auf keinen Fall. Sie ist auch nicht bis zu 2400 Jahre alt sondern gut 3000, vielleicht etwas jünger. Eine Vorstellung, wie sie der Lehrer äußert herrschte aber noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. So glaubte auch Carl Schuchard, einer der Väter der deutschen Archäologie, der die erwähnte Römerschanze ausgrub, das sie von Germanen angelegt worden sei und zwischen der germanischen und der dann folgenden slawischen Nutzung nur ein paar Jahrhunderte gelegen hätten. Ein Irrtum wie man heute weiss. Na ja, und dann die „Semneonen”, die waren es wirklich nicht, obwohl sie abgesehen davon, dass sie Semnonen genannt wurden, obwohl sie es waren, die im späteren Brandenburg siedelten. Allerdings gibt es keinen einzigen Fund von Burgwällen und anderen Befestigungen der darauf hindeutet, dass diese germanischen Stämme Burgen errichtet oder wenigstens genutzt hätten.

Auch aus längst vergangenen Zeiten stammt die Vorstellung, es wäre einfach ein Wall aufgeschüttet worden und der dann mit einer Holzpalisade gekrönt. Tatsächlich haben wir es hier sowohl bei den bronzezeitlichen wie auch den slawischen Anlagen mit Holz-Erde-Konstruktionen, teilweise ziemlich komplexer Natur, zu tun. Schuchard, Ausgräber der Römerschanze, stellte fest, dass dort 2 Holzwände hintereinander errichtet worden waren und der Raum dazwischen mit Erde aufgefüllt. Um den Druck der Verfüllung aufzufangen zog man eine große Zahl horizontaler Ankerbalken ein, welche die hölzerne Vorder- und Rückseite der Mauer verbanden. Ähnlich dürfte es auch in Kosilenzien geschehen sein.

Die oben erwähnte, bei Forst-Sondagen beobachtete, dicke jungbronzezeitliche Kulturschicht weist auch darauf hin, dass es sich bei der Anlage wohl nicht um eine Fluchtburg, sondern eine befestigte Siedlung, vielleicht auch das Zentrum einer größeren Siedlungskammer gehandelt haben könnte. Dabei ist es durchaus möglich, dass der Innenraum dicht bebaut war. Ähnliches konnte beim sogenannten „Alten Schloß” von Senftenberg – ein früheisenzeitlicher Burgwall – beobachtet werden.

Das wären meine Anmerkungen zu den Ausführungen des Geschichtslehrers im Film. Als ich den sah, dachte ich zuerst daran, eine Mail an den Sender zu schicken. Irgendwie war mir das dann aber doch zu affig und ich ließ es bleiben. Zu deinen Kritikpunkten schreib ich noch was in den nächsten Tagen.
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 14392
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 07:08
Benutzertitel: From Hell

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon Dark Angel » Do 17. Apr 2014, 07:22

Ammianus » Mi 16. Apr 2014, 20:36 hat geschrieben:@Dark Angel

Na ja, mit Geschichtslehrer ist das so eine Sache. Wobei ich den Fall hier nicht verallgemeinern will. Dazu kommt noch, dass Geschichte und Ur- und Frühgeschichte (auch Prähistorie und andere Bezeichnungen kommen vor ) zwei unterschiedliche Fächer mit unterschiedlichen Quellen und Methoden sind. Historiker leisten sich dann so manchen Patzer und umgekehrt wenn sie im fremden Gebiet „Wildern”.

Nee, verallgemeinern kann man das sicher nicht, aber dieser Geschichtslehrer war ein wirklich abschreckendes Beispiel, wenn der solchen Mist mit in seinen Geschichtsunterricht eingebaut hat - na dann gute Nacht Marie.
Und - eben Geschichtswissenschaften und Altertumswissenschaften (Archäologie) sind zwei verschiedene Paar Schuhe.

Auf oder am Burgwall von Kosilenzien wurde zwar nie gegraben aber es gab doch forstwirtschaftliche Sondagen im Boden, neugierige Wanderer und Einheimische mit guten Augen. So fand sich dann im Innenraum unter einer Humusschicht von ca. 25 cm eine „starke Kulturschicht” aus der vorwiegend „jungbrztl. Keramik geborgen” wurde. Angeblich stieß man bei früheren Grabungen sogar noch auf „Bruch- und Ziegelmauerwerk”. Weitere Funde sind „wellenverz. Randscherbe und kammstrichverz. Randscherbe” sowie eine eiserne Lanzenspitze, 3 Messer, 1 Schere, 1 Trense (alles Eisen), 1 Eisenbeschlag.

Das angebliche Mauerwerk mal beiseite, wobei es nicht unmöglich ist, so deutet alles darauf hin, dass die Anlage in mittelslawischer Zeit wieder genutzt wurde. Ein Befund, auf den man bei einigen anderen ursprünglich bronzezeitlichen Anlagen wie der Römerschanze bei Potsdam ebenfalls trifft.

Damit wären wir schon beim „Germanischen Burgwall”. Das ist die Anlage nämlich auf keinen Fall. Sie ist auch nicht bis zu 2400 Jahre alt sondern gut 3000, vielleicht etwas jünger. Eine Vorstellung, wie sie der Lehrer äußert herrschte aber noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. So glaubte auch Carl Schuchard, einer der Väter der deutschen Archäologie, der die erwähnte Römerschanze ausgrub, das sie von Germanen angelegt worden sei und zwischen der germanischen und der dann folgenden slawischen Nutzung nur ein paar Jahrhunderte gelegen hätten. Ein Irrtum wie man heute weiss. Na ja, und dann die „Semneonen”, die waren es wirklich nicht, obwohl sie abgesehen davon, dass sie Semnonen genannt wurden, obwohl sie es waren, die im späteren Brandenburg siedelten. Allerdings gibt es keinen einzigen Fund von Burgwällen und anderen Befestigungen der darauf hindeutet, dass diese germanischen Stämme Burgen errichtet oder wenigstens genutzt hätten.

Auch aus längst vergangenen Zeiten stammt die Vorstellung, es wäre einfach ein Wall aufgeschüttet worden und der dann mit einer Holzpalisade gekrönt. Tatsächlich haben wir es hier sowohl bei den bronzezeitlichen wie auch den slawischen Anlagen mit Holz-Erde-Konstruktionen, teilweise ziemlich komplexer Natur, zu tun. Schuchard, Ausgräber der Römerschanze, stellte fest, dass dort 2 Holzwände hintereinander errichtet worden waren und der Raum dazwischen mit Erde aufgefüllt. Um den Druck der Verfüllung aufzufangen zog man eine große Zahl horizontaler Ankerbalken ein, welche die hölzerne Vorder- und Rückseite der Mauer verbanden. Ähnlich dürfte es auch in Kosilenzien geschehen sein.

Die oben erwähnte, bei Forst-Sondagen beobachtete, dicke jungbronzezeitliche Kulturschicht weist auch darauf hin, dass es sich bei der Anlage wohl nicht um eine Fluchtburg, sondern eine befestigte Siedlung, vielleicht auch das Zentrum einer größeren Siedlungskammer gehandelt haben könnte. Dabei ist es durchaus möglich, dass der Innenraum dicht bebaut war. Ähnliches konnte beim sogenannten „Alten Schloß” von Senftenberg – ein früheisenzeitlicher Burgwall – beobachtet werden.

Das ist alles hochinteressant und hätte auch erwähnt gehört. Ein Mitarbeiter des Archäologischen Landesamtes hätte das mit Sicherheit auch erwähnt. Eines hätte der aber mit Sicherheit nicht getan - derart unsinnige und unbelegte Schlussfolgerungen ziehen.
Erkenntnisse, die (auf welche Weise auch immer) erlangt wurden, gehören dargelegt und erläutert, aber auch in populärwissenschaftlichen Sendungen muss man sich auf die bekannten Fakten beschränken. Alles andere ist Kaffeesatzleserei und gehört da nicht rein.
Dass die Siedlungsstrukturen in Mittel- und Noreuropa sehr alt (teilweise finden sich Siedlungsplätze aus dem Gravetién/Magdalenién) und auch sehr komplex sind, ist ja mittlerweile bekannt - das zeigen auch die Grabungen bei Salzmünde, Esperstedt im Zusammenhang mit der Bau der BAB 38/BAB 143.
Was mich in diesem Zusammenhang aufbringt, ist der Dilletantismus, mit dem die Sendung gemacht worden ist. Es dürfte doch nicht allzu schwer sein, wirklich kompetente Leuten für ein Gespräch zu gewinnen.
Mit den Semneonen, die eigentlich Semnonen genannt wurden, ist mir auch aufgefallen. Ich war mir aber nicht ganz sicher, ob ich das auch richtig verstanden hatte.

Das wären meine Anmerkungen zu den Ausführungen des Geschichtslehrers im Film. Als ich den sah, dachte ich zuerst daran, eine Mail an den Sender zu schicken. Irgendwie war mir das dann aber doch zu affig und ich ließ es bleiben. Zu deinen Kritikpunkten schreib ich noch was in den nächsten Tagen.

Hättestes mal gemacht. Ich denke nicht, dass es affig ist, auf ganz offensichtliche Fehler/Falschaussagen aufmerksam zu machen.
So wie Dir und mir ging es bestimmt noch einigen anderen, bei denen sich beim Ansehen die Fußnägel nach oben gekrempelt haben. ;)
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Sniper

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon Sniper » Fr 18. Apr 2014, 04:27

Dark Angel » Do 17. Apr 2014, 08:22 hat geschrieben:[...] Hättestes mal gemacht. Ich denke nicht, dass es affig ist, auf ganz offensichtliche Fehler/Falschaussagen aufmerksam zu machen.
So wie Dir und mir ging es bestimmt noch einigen anderen, bei denen sich beim Ansehen die Fußnägel nach oben gekrempelt haben. ;)

Hätte er es gemacht, wäre das eine weiter Peinlichkeit, nix weiter... Meinste die interesseieren sich dafür, was denen einer emailed (jetzt bleib ma ernst...)? KLAR is das "affig" denen mails zu schicken, die haben das schon absichtlich so gemacht wie es ist - das versuchte ich Euch ja zu erklären, aber dann gab es spam-storm... :rolleyes:

MfG
Der Schweigende
Sniper

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon Sniper » Fr 18. Apr 2014, 04:35

Bleibtreu » Mi 16. Apr 2014, 10:15 hat geschrieben:Wie wäre es denn mit einem Strang, in welchem gute Dokumentationen empfohlen werden?
Ich bin eine Bücherwürmin, aber auch ein großer Fan von Dokus. :D

Aus wissenschaftlicher Sicht kann ich nur ein "Doku-Format" empfehlen: Den Seminarrraum :D Man KANN net fürs (Mainstream)TV auch nur eine ansatzweise effektive Essenz transportieren, geht net (wegen Format).

MfG
Sniper

PS: BESONDERS (!) von NatGeo würd ich abraten (was Geschichte betrifft kann ich das sogar amtlich tun, also davon abraten, aber als unverblödeter Mensch tue ich das idF partout, hehe)


MfG (II)
Sniper
Benutzeravatar
NMA
Beiträge: 11164
Registriert: Mo 24. Mai 2010, 14:40
Benutzertitel: mit Augenmaß
Wohnort: Franken

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon NMA » Fr 18. Apr 2014, 07:25

Mag theoretisch sein. Dann aber verfehlt das Fach sein Ziel, belastet seine eigene Rechtfertigung und schafft sich ab.
Übrigens: Was haltet ihr hiervon:
viewtopic.php?f=16&t=40000
Sniper

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon Sniper » Fr 18. Apr 2014, 08:35

New Model Army » Fr 18. Apr 2014, 08:25 hat geschrieben:Mag theoretisch sein. Dann aber verfehlt das Fach sein Ziel, belastet seine eigene Rechtfertigung und schafft sich ab.
Übrigens: Was haltet ihr hiervon:
viewtopic.php?f=16&t=40000

KEINESWEGS :D ("Ziel") :?:

Aber bevor ich darauf hier eingehen (dat isset ja):

WO ist denn der Wissenschaftsthread den Du meintest dort (Wissenschaft) genau? Find isch näd...


MfG
Sniper
Sniper

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon Sniper » Fr 18. Apr 2014, 09:55

Sniper » Fr 18. Apr 2014, 09:35 hat geschrieben:
New Model Army » Fr 18. Apr 2014, 08:25 hat geschrieben:Mag theoretisch sein. Dann aber verfehlt das Fach sein Ziel, belastet seine eigene Rechtfertigung und schafft sich ab.
Übrigens: Was haltet ihr hiervon:
http://www.politik-forum.eu/viewtopic.php?f=16&t=40000

KEINESWEGS :D ("Ziel") :?:

Aber bevor ich darauf hier eingehen (dat isset ja):

WO ist denn der Wissenschaftsthread den Du meintest dort (Wissenschaft) genau? Find isch näd...


MfG
Sniper

Ich wollt gerade knacken, da fiel es mir auf - Du hast nur darauf hingewiesen WO ein solcher zu machen wäre, heißt den gibbet gar net - aaaaaaaaaaaaaaaaaah, jetzt check ich dat!
:D

MfG
Sniper
Benutzeravatar
Ammianus
Beiträge: 3253
Registriert: Sa 17. Dez 2011, 22:05

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon Ammianus » Fr 18. Apr 2014, 21:43

Dark Angel:

"In der Gegend gab und gibt es keine archäologischen Grabungen, bei den Funden handelt es sich nach Aussage des "Geschichtslehrers" um Zufallsfunde und der schließt nun "knallhart", dass es sich a) um Grabbeigaben handelt - woher will er das wissen, OHNE den entsprechenden Nachweis, dass dort tatsächlich Grablegungen stattfanden. Also eine (nicht nur) unzulässige, sondern völlig aus der Luft gegriffene, durch nichts belegte Behauptung und b) kann das Alter der Keramik OHNE weiterführende Untersuchung(en) und OHNE Vergleichsfunde gar nicht ermittelt werden - also wieder nur eine unbelegte unzulässige Behauptung.
Und zu guter Letzt noch die Behauptung " ... vermutlich von Frauen hergestellt ...", was ganz eindeutig falsch ist. Keramiken, die mittels Töpferscheibe hergestellt wurde (relativ dünnwandige Keramik) wurde nicht von Frauen hergestellt."


Jetzt muss ich den pensionierten Lehrer doch etwas in Schutz nehmen. Zwar gab es auf dem Wall von Kosilenzien keine archäologischen Untersuchungen dafür aber doch insgesamt viele in Mitteldeutschland. Dabei verzeichnet die Bronzezeit die größte Zahl an Fundstellen und Funden und wird erst im Hochmittelalter zur Zeit des Landesausbaus, früher Ostkolonisation, übertroffen. Scheinbar begünstigt durch eine klimatische Hochphase muss es am Ende des 3. Jt. und zu Beginn des 1. Jt. eine starke Bevölkerungszunahme gegeben haben. Auch wurden jetzt Gegenden besiedelt, die noch in der Jungsteinzeit so gut wie menschenleer waren. Diese Entwicklung erstreckte sich bis in die frühe Eisenzeit in der 1. Hälfte des 1. Jt.
Reist man auf der Karte von Kosilenzien nach Norden, so stößt man zur Rechten der Straße von Falkenberg nach Herzberg auf die sogenannten „Wallberge”, ebenfalls eine prähistorische Befestigung. Unweit davon liegt eines der größten noch erhaltenen Grabhügelfelder Mitteleuropas in einem Schweinert genannten Waldstück. Die Teile sind wirklich sehenswert. Zwar nicht so hoch und groß wie die späthallstattzeitlichen Hügel um die Heuneburg an der Donau aber für Brandenburg doch beeindruckend und einen Besuch lohnend. Noch weiter nördlich, zwischen Malitschkendorf und Schlieben dann der nächste große Burgwall. Das alles zeigt, wie dicht damals das Siedlungsnetz gewesen sein muss. Selbst dann, wenn die einzelnen Burgen nicht unbedingt gleichzeitig bestanden.

Die archäologische Kultur, der die Befestigungen und auch die am meisten gefundene Keramik zugeordnet wird ist die „Lausitzer Kultur” bzw. ihre früheisenzeitliche Spätphase, die „Billendorfer”. Tatsächlich stammt hier fast alle Keramik aus Gräbern. Diese Gräberfelder können aus nicht mehr als 10 Bestattungen, aber auch wie in Niederkaina bei Bautzen aus 2000 Gräber bestehen. Bei landwirtschaftlichen Tätigkeiten werden solche Gräber immer wieder angeschnitten, meist dabei zerstört, manchmal auch die Funde geborgen. Um derartiges dürfte es sich bei den beiden Keramiken, die der Lehrer im Fernsehen vorführt, auch handeln. Tatsächlich entsprechen beide Gefäße in Form und Verzierung, bei der Kegelhalsamphore finden sich die typischen Riefen auf der Schulter, dem was man im Südwesten Brandenburgs für die jüngste Bronzezeit und die frühe Eisenzeit zu erwarten hat. Vom Wall weiß man ja leider nur, dass hier vorwiegend jungbronzezeitliche Keramik geborgen worden sei. Dazu passen die beiden Vasen eigentlich ganz gut.

Denn wie für eine Reihe anderer Kulturen stützt sich auch die relative Datierung der mittleren und jüngeren Bronzezeit auf die doch ziemlich gut untersuchte Keramik. Und die ist bei der Lausitzer Kultur von sehr hoher Qualität z.B. gegenüber eines Großteils der späteren germanischen oder slawischen Produktion. Allerdings sind die Gefäße, auch die dünnwandigsten, tatsächlich handgeformt. Die Lausitzer kannten die Töpferscheibe noch nicht.
Ob die Gefäße nun von Männern oder Frauen geformt wurden wird mit Sicherheit nie zu klären sein. Es gibt allerdings ethnographische Untersuchungen bei gegenwärtigen Kulturen in denen noch für den allgemeinen Bedarf getöpfert wird. Hier bestehen tatsächlich gewisse Zusammenhänge zwischen Geschlecht, Technologie und dem Markt, für den Produziert wird.

für die Familie – handgemacht – Frauen
für das Dorf – handgemacht – Frauen
für einen größeren Markt – Töpferscheibe – Männer

Allerdings muss das keine vollkommen starre Regel sein.
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 14392
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 07:08
Benutzertitel: From Hell

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon Dark Angel » Sa 19. Apr 2014, 07:02

Ammianus » Fr 18. Apr 2014, 21:43 hat geschrieben:Dark Angel:

"In der Gegend gab und gibt es keine archäologischen Grabungen, bei den Funden handelt es sich nach Aussage des "Geschichtslehrers" um Zufallsfunde und der schließt nun "knallhart", dass es sich a) um Grabbeigaben handelt - woher will er das wissen, OHNE den entsprechenden Nachweis, dass dort tatsächlich Grablegungen stattfanden. Also eine (nicht nur) unzulässige, sondern völlig aus der Luft gegriffene, durch nichts belegte Behauptung und b) kann das Alter der Keramik OHNE weiterführende Untersuchung(en) und OHNE Vergleichsfunde gar nicht ermittelt werden - also wieder nur eine unbelegte unzulässige Behauptung.
Und zu guter Letzt noch die Behauptung " ... vermutlich von Frauen hergestellt ...", was ganz eindeutig falsch ist. Keramiken, die mittels Töpferscheibe hergestellt wurde (relativ dünnwandige Keramik) wurde nicht von Frauen hergestellt."


Jetzt muss ich den pensionierten Lehrer doch etwas in Schutz nehmen. Zwar gab es auf dem Wall von Kosilenzien keine archäologischen Untersuchungen dafür aber doch insgesamt viele in Mitteldeutschland. Dabei verzeichnet die Bronzezeit die größte Zahl an Fundstellen und Funden und wird erst im Hochmittelalter zur Zeit des Landesausbaus, früher Ostkolonisation, übertroffen. Scheinbar begünstigt durch eine klimatische Hochphase muss es am Ende des 3. Jt. und zu Beginn des 1. Jt. eine starke Bevölkerungszunahme gegeben haben. Auch wurden jetzt Gegenden besiedelt, die noch in der Jungsteinzeit so gut wie menschenleer waren. Diese Entwicklung erstreckte sich bis in die frühe Eisenzeit in der 1. Hälfte des 1. Jt.
Reist man auf der Karte von Kosilenzien nach Norden, so stößt man zur Rechten der Straße von Falkenberg nach Herzberg auf die sogenannten „Wallberge”, ebenfalls eine prähistorische Befestigung. Unweit davon liegt eines der größten noch erhaltenen Grabhügelfelder Mitteleuropas in einem Schweinert genannten Waldstück. Die Teile sind wirklich sehenswert. Zwar nicht so hoch und groß wie die späthallstattzeitlichen Hügel um die Heuneburg an der Donau aber für Brandenburg doch beeindruckend und einen Besuch lohnend. Noch weiter nördlich, zwischen Malitschkendorf und Schlieben dann der nächste große Burgwall. Das alles zeigt, wie dicht damals das Siedlungsnetz gewesen sein muss. Selbst dann, wenn die einzelnen Burgen nicht unbedingt gleichzeitig bestanden.

Die archäologische Kultur, der die Befestigungen und auch die am meisten gefundene Keramik zugeordnet wird ist die „Lausitzer Kultur” bzw. ihre früheisenzeitliche Spätphase, die „Billendorfer”. Tatsächlich stammt hier fast alle Keramik aus Gräbern. Diese Gräberfelder können aus nicht mehr als 10 Bestattungen, aber auch wie in Niederkaina bei Bautzen aus 2000 Gräber bestehen. Bei landwirtschaftlichen Tätigkeiten werden solche Gräber immer wieder angeschnitten, meist dabei zerstört, manchmal auch die Funde geborgen. Um derartiges dürfte es sich bei den beiden Keramiken, die der Lehrer im Fernsehen vorführt, auch handeln. Tatsächlich entsprechen beide Gefäße in Form und Verzierung, bei der Kegelhalsamphore finden sich die typischen Riefen auf der Schulter, dem was man im Südwesten Brandenburgs für die jüngste Bronzezeit und die frühe Eisenzeit zu erwarten hat. Vom Wall weiß man ja leider nur, dass hier vorwiegend jungbronzezeitliche Keramik geborgen worden sei. Dazu passen die beiden Vasen eigentlich ganz gut.

Denn wie für eine Reihe anderer Kulturen stützt sich auch die relative Datierung der mittleren und jüngeren Bronzezeit auf die doch ziemlich gut untersuchte Keramik. Und die ist bei der Lausitzer Kultur von sehr hoher Qualität z.B. gegenüber eines Großteils der späteren germanischen oder slawischen Produktion. Allerdings sind die Gefäße, auch die dünnwandigsten, tatsächlich handgeformt. Die Lausitzer kannten die Töpferscheibe noch nicht.
Ob die Gefäße nun von Männern oder Frauen geformt wurden wird mit Sicherheit nie zu klären sein. Es gibt allerdings ethnographische Untersuchungen bei gegenwärtigen Kulturen in denen noch für den allgemeinen Bedarf getöpfert wird. Hier bestehen tatsächlich gewisse Zusammenhänge zwischen Geschlecht, Technologie und dem Markt, für den Produziert wird.

für die Familie – handgemacht – Frauen
für das Dorf – handgemacht – Frauen
für einen größeren Markt – Töpferscheibe – Männer

Allerdings muss das keine vollkommen starre Regel sein.

Die Existenz der Wallanlage und ihre Funktion habe ich nicht in Zweifel gezogen, ebensowenig die recht dichte Besiedlung und auch deren Alter nicht. Hügel in, einer ansonsten flach geschliffenen Region deuten eigentlich immer auf Besiedlungsspuren irgend einr Art hin. Was mich stört ist nur die Behauptung, es handele sich zweifelsfrei um Grabbeigaben. Das kann eben ohne weitere Untersuchungen so nicht gesagt werden. Auch wenn es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um solche handelt, bleibt es eine Wahrscheinlichkeit. Mit Verwendung Töpferscheibe war ich in der Tat sehr voreilig, die kam in Mitteleuropa tatsächlich erst recht spät zum Einsatz.
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Benutzeravatar
Ammianus
Beiträge: 3253
Registriert: Sa 17. Dez 2011, 22:05

Re: (europäische) Geschichte - wenn ich wählen müsste...

Beitragvon Ammianus » Sa 19. Apr 2014, 11:36

Dark Angel hat geschrieben:Die Existenz der Wallanlage und ihre Funktion habe ich nicht in Zweifel gezogen, ebensowenig die recht dichte Besiedlung und auch deren Alter nicht. Hügel in, einer ansonsten flach geschliffenen Region deuten eigentlich immer auf Besiedlungsspuren irgend einr Art hin. Was mich stört ist nur die Behauptung, es handele sich zweifelsfrei um Grabbeigaben. Das kann eben ohne weitere Untersuchungen so nicht gesagt werden. Auch wenn es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um solche handelt, bleibt es eine Wahrscheinlichkeit. Mit Verwendung Töpferscheibe war ich in der Tat sehr voreilig, die kam in Mitteleuropa tatsächlich erst recht spät zum Einsatz.


Das war keine Zurechtweisung von mir. Allerdings kann man bei Lausitzer Keramik, besonders in dem guten Erhaltungszustand mit einer ziemlichen Sicherheit davon ausgehen, dass sie aus Gräbern stammt. Der Fachmann hätte dabei natürlich eine Konjunktivform genutzt wie z.B. das schöne Wörtchen „wohl”: „Diese beiden Gefäße stammen wohl aus Gräbern”. Damit ist man dann immer auf der sicheren Seite.
Abgesehen davon, dass wohl insgesamt der Gros der archäologischen Funde aus Gräbern stammt bzw. im Zusammenhang mit Bestattungen steht. Man findet zwar auch jede Menge Keramik – unter Umständen Unmassen – in den Abfallgruben von Siedlungen. Die ist dann jedoch zerscherbt. Da kommt dann auch noch die nächste Frage nach den Unterschieden von Grabkeramik und Siedlungs- also Alltagskeramik und ob es überhaupt einen solchen in der jeweiligen Kultur gibt.

Zurück zu „71. Geschichte“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste