Zweckentfremdung von Wohnraum (Airbnb und co.)

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frems
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Zweckentfremdung von Wohnraum (Airbnb und co.)

Beitragvon frems » Mi 25. Mai 2016, 21:35

Seit einigen Jahren machen sich diverse "Sharing"-Unternehmen wie Uber im Taxigewerbe unbeliebt. Das trifft nun auch Firmen wie Airbnb, die es ermöglichen, dass Besitzer von Wohneigentum sowie Mieter relativ einfach in Kontakt mit Touristen kommen können, die in der Privatwohnung gegen einige Euro leben. Gerne genutzt wurde dies von Pendlern, die wochenends in ihrer Heimat sind und sich etwas Geld hinzuverdienen, indem sie Gäste übers Wochenende bei sich leben lassen.

Städte sind aber weniger begeistert, da es auch immer wieder Fälle gibt, wo ausgewiesener Wohnraum von keinem Mieter bzw. Eigentümer fürs Wohnen genutzt wird, sondern ausschließlich zur Geldeinnahme durch Touristen und sonstige Gäste. Das alte Dilemma zwischen dem Recht am Eigentum sowie dem Grundsatz, dass Eigentum verpflichtet.

Mittlerweile hat das Land Berlin dieses Geschäftsmodell weitestgehend verboten. Man kann jedoch eine Ausnahmegenehmigung beantragen, wenn man weiterhin bei Airbnb und anderen Plattformen seinen Wohnraum anbieten möchte. Die Anbieter und Kunden dieser Dienste sind natürlich nicht sehr begeistert.

Aber Berlin hat die Handbremse in einer speziellen Art und Weise gezogen: Die Stadt hat sich eine Gruppe ausgesucht, die sie quasi „vernichten“ will. Und zwar mit allen moralischen Kategorien, die so zur Verfügung stehen. Alle anderen Zweckentfremder von Wohnraum – die größere Gruppe – werden mehr oder weniger ohne Hinsehen geschützt: Rechtsanwälte, Steuerberater, Ärzte – alle! Wenn wir gegen Ferienwohnungen sind, müssten wir dann nicht mit der gleichen Berechtigung auch gegen die „Verrechtsanwaltung“ von Charlottenburg sein? Wir fordern nur gleiches Recht und gleichen Schutz für alle.

http://www.tagesspiegel.de/berlin/strei ... 18974.html

Wie steht Ihr dazu? Ist es richtig, dass Wohnraum für die lokale Bevölkerung einen höheren Stellenwert genießt als die komplett freie Verfügung eines Eigentümers über seinen erworbenen Wohnraum? Habt Ihr selbst schon an Touristen gewerblich vermietet und/oder Eure Unterkunft auf Reisen über so eine Plattform gebucht?
Labskaus!

Ob Mailand oder Madrid -- Hauptsache Europa.
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Boraiel
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Re: Zweckentfremdung von Wohnraum (Airbnb und co.)

Beitragvon Boraiel » Mi 25. Mai 2016, 21:52

Im Zweifel für die Freiheit.
Wenn jemand ein Gästezimmer o.ä. hat, warum sollte er es nicht vermieten dürfen?
Solange die hygienischen und sicherheitsrelavanten Anforderungen eingehalten werden habe ich da nichts dagegen.
Es geht hier doch vor allem darum die monetären Interessen von Hotelbetreibern zu beschützen.
Konkurrenz belebt das Geschäft, als Reisender sehe ich in solchen Angeboten nur positives.
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Re: Zweckentfremdung von Wohnraum (Airbnb und co.)

Beitragvon Unité 1 » Mi 25. Mai 2016, 21:59

Boraiel hat geschrieben:(25 May 2016, 22:52)

Im Zweifel für die Freiheit.
Wenn jemand ein Gästezimmer o.ä. hat, warum sollte er es nicht vermieten dürfen?
Solange die hygienischen und sicherheitsrelavanten Anforderungen eingehalten werden habe ich da nichts dagegen.
Es geht hier doch vor allem darum die monetären Interessen von Hotelbetreibern zu beschützen.
Konkurrenz belebt das Geschäft, als Reisender sehe ich in solchen Angeboten nur positives.

Als Wohnungssuchender würdest du das etwas anders betrachten. In angespannten Wohnungsmärkten halte ich das für sinnvoll, wenn ausreichend Leerstand vorhanden ist, sehe ich allerdings keine Probleme im kurzfristigen Vermieten von Wohnraum an Touristen. Und soweit ich das mitbekommen habe, ging es hauptsächlich um komplette Wohnungen, nicht um Zimmer.

Die andere Frage ist, inwieweit das relevante Größenordnungen hat. Wohnungsknappheit kann in der Regel nur durch forcierten Neubau begegnet werden. Die alleinige Untersagung von Zweckentfremdung von Wohnraum ohne weitere Maßnahmen erscheint mir weder ausreichend noch zielorientiert. Hat eher was von Aktionismus, vom Wunsch nach einer Wäsche bei trockenem Pelz. Dennoch nachvollziehbar, dass Städte mit stark steigenden Mieten wie Berlin Stellschrauben justieren, den Anstieg wenigstens zu dämpfen.
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Re: Zweckentfremdung von Wohnraum (Airbnb und co.)

Beitragvon Boraiel » Mi 25. Mai 2016, 22:06

Unité 1 hat geschrieben:(25 May 2016, 22:59)

Als Wohnungssuchender würdest du das etwas anders betrachten. In angespannten Wohnungsmärkten halte ich das für sinnvoll, wenn ausreichend Leerstand vorhanden ist, sehe ich allerdings keine Probleme im kurzfristigen Vermieten von Wohnraum an Touristen. Und soweit ich das mitbekommen habe, ging es hauptsächlich um komplette Wohnungen, nicht um Zimmer.

Die andere Frage ist, inwieweit das relevante Größenordnungen hat. Wohnungsknappheit kann in der Regel nur durch forcierten Neubau begegnet werden. Die alleinige Untersagung von Zweckentfremdung von Wohnraum ohne weitere Maßnahmen erscheint mir weder ausreichend noch zielorientiert. Hat eher was von Aktionismus, vom Wunsch nach einer Wäsche bei trockenem Pelz. Dennoch nachvollziehbar, dass Städte mit stark steigenden Mieten wie Berlin Stellschrauben justieren, den Anstieg wenigstens zu dämpfen.

Ich finde das nicht nachvollziehbar, anstatt, dass man seine Energie auf die Lösung des Problems richtet, wird sie hier verschwendet. Du hast es ja schon angesprochen: Auf Wohnungsknappheit sollte man mit dem Wohnungsneubau reagieren. Ganz einfach.
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Re: Zweckentfremdung von Wohnraum (Airbnb und co.)

Beitragvon Unité 1 » Mi 25. Mai 2016, 22:11

Boraiel hat geschrieben:(25 May 2016, 23:06)

Ich finde das nicht nachvollziehbar, anstatt, dass man seine Energie auf die Lösung des Problems richtet, wird sie hier verschwendet. Du hast es ja schon angesprochen: Auf Wohnungsknappheit sollte man mit dem Wohnungsneubau reagieren. Ganz einfach.

So einfach ist das nicht, da kommunaler Wohnungsbau über die Jahre immer weiter runtergefahren wurde, sozialer Wohnungsbau komplett eingestellt. Erst in letzter Zeit scheint es Bestrebungen hin zum sozialen Wohnungsbau zu geben. Ein Problem verfügbarer Geldmittel (und politischen Willens). Der Neubau durch private Vermieter reicht bei weitem nicht aus. Daher die Suche nach solchen Möglichkeiten wie die Untersagung der Zweckentfremdung von Wohnraum.
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Re: Zweckentfremdung von Wohnraum (Airbnb und co.)

Beitragvon MoOderSo » Mi 25. Mai 2016, 22:22

Der Staat macht doch Airbnb selbst Konkurrenz:
Migranten in illegalen Ferienwohnungen - Flüchtlinge bringen mehr Geld als Touristen und Obdachlose
Im Bezirk Mitte, der regelmäßig nach illegalen Ferienwohnungen fahndet, stoßen die Mitarbeiter von Sozialstadtrat Stephan von Dassel (Grüne) nach seinen Angaben immer öfter auf Wohnungen, die statt mit Besuchern aus New York, Madrid oder Buenos Aires mit Flüchtlingen belegt sind – und zwar teils in großer Zahl.

:D
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Re: Zweckentfremdung von Wohnraum (Airbnb und co.)

Beitragvon watisdatdenn? » Do 26. Mai 2016, 06:03

Boraiel hat geschrieben:(25 May 2016, 23:06)
Auf Wohnungsknappheit sollte man mit dem Wohnungsneubau reagieren. Ganz einfach.

häuser bauen ist zu teuer und es gibt in den ballungsgebieten zu wenig neu ausgewiesene bauflächen. die neuen bauverordnungen machen das nicht einfacher...
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Re: Zweckentfremdung von Wohnraum (Airbnb und co.)

Beitragvon Tom Bombadil » Do 26. Mai 2016, 07:31

Unité 1 hat geschrieben:(25 May 2016, 23:11)

So einfach ist das nicht, da kommunaler Wohnungsbau über die Jahre immer weiter runtergefahren wurde, sozialer Wohnungsbau komplett eingestellt.

Und der Bürger darf es jetzt wieder ausbaden. Es ist hirnverbrannt, jemand zu untersagen, seine Wohnung oder Teile davon temporär unterzuvermieten, der Staat mischt sich mal wieder in Bereiche ein, die ihn einen Scheißdreck angehen. Wenn Wohnungen fehlen und privat keine gebaut werden, dann muss er eben selber ran und Wohnungen bauen, so einfach ist das, aber nein, man schikaniert lieber die Bürger mit weiteren Sinnlosgesetzen.
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Re: Zweckentfremdung von Wohnraum (Airbnb und co.)

Beitragvon William » Do 26. Mai 2016, 07:58

Typisch linkslastiges Thema.
Viele Eigentümer haben in Erwartung steigender Preise rechtzeitig in Wohneigentum investiert und ernten nun die Früchte ihrer Arbeit in Form von höheren Mieten und gestiegenen Immobilienwerten. Die kurzfristige Vermietung auf privater Basis ist dabei nur eine, wenngleich logische Randerscheinung.
Wer heute über Wohnraummangel klagt, der hat selbst nicht gebaut. Daran sind weder Staat noch andere Bürger Schuld.
Wer sich hohe Mieten in Ballungszentren nicht leisten kann, muss entweder nach einem besser bezahlten Job umsehen oder ins billigere Umland ziehen.
Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, zumindest ist das in einer freien Marktwirtschaft so.
Mischt sich nun wieder der Staat ein, verprellt er damit (vorrangig konservative) Investoren. Wer nicht weiß was die Zukunft bringt, lässt von diesen Geschäften die Finger und legt sein Geld andersweitig an. Mehr Wohnraum wird dadurch aber nicht geschaffen, im Gegenteil. Es sei denn der Staat springt ein (sozialer Wohnungsbau), was bei der der momentanen Finanzlage flächendeckend aber sehr unwahrscheinlich ist.

Kurzfristige Vermietung, z.B. an Deutschlandurlauber ist keine Zweckentfremdung von Wohnraum, sondern in umliegenden Ländern wie Frankreich, Österreich, Schweiz, Italien, usw. absolut gängige Praxis. Die Haushalte/Besitzer haben sich darauf eingerichtet und generieren so eine zusätzliche Einnahmequelle. Das stellt zwar eine natürliche Konkurrenz zu Hotels und anderen kommerziellen Vermietern dar, aber auch das gehört zu einem freien Markt dazu. Es federt zudem Spitzen in Zeiten erhöhter Nachfrage ab. Bestes Beispiel hierfür ist Monaco zum Formel1 Grand-Prix. In den Tagen des Jahres ziehen viele Wohnungsbesitzer aus, suchen sich auf dem Land eine günstige Unterkunft und vermieten die eigenen vier Wände zu Hammerpreisen.

Eine staatliche Unterbindung solcher Vorgehensweisen ist nichts anderes als Enteignung bzw. massiver Eingriff in die Privatsphäre.
Natürlich sind Einnahmen daraus steuerpflichtig und wer sie nicht angibt macht sich u.U. strafbar, das hat aber mit der Art der Vermietung an sich nichts zu tun.

Grund zur Klage hat dennoch niemand, denn jeder hat das Recht selbst Wohnraum zu erwerben bzw. zu bauen um damit Wohnraummangel und hohen Mietpreissteigerungen aus dem Wege zu gehen. Wer das nicht möchte ist selbst Schuld bzw. muss, sofern er es sich finanziell nicht leisten kann, auf Alternativen ausweichen, sprich sich im Speckgürtel der Metropolen oder billigen Hinterland häuslich niederlassen.

Ein Grundrecht auf billigen Wohnraum in der Innenstadt gibt es nicht.
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Re: Zweckentfremdung von Wohnraum (Airbnb und co.)

Beitragvon Amtsschimmel » Di 31. Mai 2016, 21:03

Der Unterschied insbesondere zu unseren südeuropäischen Nachbarn ist allerdings, dass hierzulande tatsächlich Wohnraum verloren geht, indem er derart umgewandelt wird, während andernorts nur Leerstand in Bares umgewandelt wird. Im Ausland sind die Zahlen der Eigentümer von Wohnraum viel höher als in Deutschland. Hinzu kommt, dass die meisten jungen Leute noch bis zur Heirat meist zuhause wohnen, da die wirtschaftliche Lage etwas anders meist nicht erlaubt (Stichwort Jugendarbeitslosigkeit). Dementsprechend macht sich der faktische Verlust des Wohnraums zugunsten von airbnb und Co. auch dort kaum bemerkbar.
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Re: Zweckentfremdung von Wohnraum (Airbnb und co.)

Beitragvon el loco » Sa 4. Jun 2016, 19:38

Tom Bombadil hat geschrieben:(26 May 2016, 08:31)

Und der Bürger darf es jetzt wieder ausbaden. Es ist hirnverbrannt, jemand zu untersagen, seine Wohnung oder Teile davon temporär unterzuvermieten, der Staat mischt sich mal wieder in Bereiche ein, die ihn einen Scheißdreck angehen. Wenn Wohnungen fehlen und privat keine gebaut werden, dann muss er eben selber ran und Wohnungen bauen, so einfach ist das, aber nein, man schikaniert lieber die Bürger mit weiteren Sinnlosgesetzen.

Du hast sehr treffend auf den Punkt gebracht. Weshalb der Staat allerdings Wohnungen bauen soll, erschließt sich mir nicht.
Who is John Galt?
All die Götter, all die Himmel, all die Höllen wohnen in dir.

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