Städte nach dem WWII - Übertriebener Abriss/Neugestaltung?

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jack000
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Städte nach dem WWII - Übertriebener Abriss/Neugestaltung?

Beitragvon jack000 » Mo 20. Jul 2015, 19:05

Im 2. Weltkrieg haben die Städte in Deutschland und im Ausland schwere Kriegsschäden erleiden müssen. Was Deutschland betrifft stellt sich die Frage ob die Verunstaltung/Verhäßlichung der Städte in Deutschland überhaupt in diesem Maße so sein musste (Bis hin zur "Autogerechten Stadt").

Im Frankfurter Stadtmuseum ist ein Modell der zerstörten Altstadt zu finden, aber:
Erschütternd ist hier ein Modell der Frankfurter Altstadt am Ende des Zweiten Weltkrieges. Nahezu kein Stein steht mehr auf dem anderen, die ehemals dicht bebaute Altstadt gleicht einer Wüste – hier lohnt sich jedoch ein zweiter Blick: Wie uns der Wandtext verrät, handelt es sich bei dieser Darstellung von 1946 um eine grobe Übertreibung, angefertigt als „Argumentationshilfe“ zur Begründung eines städtebaulichen Neuanfangs.

http://blog.historisches-museum-frankfu ... tadtmodell

Argumentationshilfe:
http://blog.historisches-museum-frankfu ... chnitt.jpg

Realität:
http://blog.historisches-museum-frankfu ... Ph7375.jpg

Warschau war eine von Deutschen völlig zerlegte Stadt:
http://img.welt.de/img/history/crop1018 ... rschau.jpg

Aber nun:
http://www.world2travel.de/uploads/2/9/ ... 3_orig.jpg

Zweifellos sind die Deutschen Städte nach dem WWII in ihrer bisherigen Form Geschichte gewesen, aber ist die Ursache der erheblichen Hässlichkeit deutscher Städte "Es begann mit einer Lüge"? Wenn ja, wer ist daran schuld?
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Re: Städte nach dem WWII - Übertriebener Abriss/Neugestaltun

Beitragvon frems » Fr 24. Jul 2015, 18:54

Da spielt ja immer der Zeitgeist mit. Und den Architekten alleine kann man nicht die Schuld geben. Die arbeiten ja stets im Auftrag anderer, die das finanzieren und ihre Wünsche vorher geäußert haben. Keine Bausünde wurde zu Beginn als solche gesehen. Gebäude wie das "Technische Rathaus" in Frankfurt, das vor wenigen Jahren abgerissen wurde, erhielt für seine Moderne etliche hohe Auszeichnungen, während ältere Gebäude als Ballast angesehen wurde: niedrige Wohnqualität und veralteter Städtebau (kaum Platz für Autos). Gerade die Nachkriegsjahre waren da ja sehr speziell. Ich kann mich noch an ein Interview mit Albert Speer jr. erinnern, wo er sagte, daß das Paradigma damals besagte, ein Grund für den Nationalsozialismus lag darin, daß viele Menschen im Elend lebten und sie somit leicht auf radikale Lösungen hereinfielen. Aber wohlgemerkt: ein Grund, nicht der Grund schlechthin. Also nahm man an, daß man mit "besseren" Wohneinheiten die Grundlage für einen "besseren" Menschen schaffen kann. Und da hieß es: Bloß nicht so wie früher bauen. Das Ergebnis war dann die autogerechte, aufgelockerte Stadt, wo die Funktionen (Wohnen, Arbeiten, Erholen) klar voneinander getrennt waren. Die Leute sollten ruhig im Grünen leben und nicht neben Fabriken und Handel. Durch die Motorisierung konnte man auch die Städte "strecken" ohne daß sich die Arbeitswege (zeitlich) verlängert haben. Lieber 20 Minuten mit dem Auto vom Stadtrand ins Zentrum fahren als 20 Minuten durch versiffte Gassen zu latschen oder Rad zu fahren. Im Nachhinein ist man bekanntlich immer schlauer und kann sagen, daß gut gemeint nicht automatisch gut ist. Daher ist es ganz charmant, wenn man sich auf historische, gewachsene Strukturen wieder beruft. Aber die damalige Wohnqualität will niemand zurück.
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Re: Städte nach dem WWII - Übertriebener Abriss/Neugestaltun

Beitragvon jack000 » Fr 24. Jul 2015, 20:56

frems » Fr 24. Jul 2015, 19:54 hat geschrieben:Im Nachhinein ist man bekanntlich immer schlauer und kann sagen, daß gut gemeint nicht automatisch gut ist.

Nun, einen "neuen Menschen" zu schaffe ist ja erst kurz davor gewaltig schief gegangen, man hätte berücksichtigen müssen das solche Experimente schiefgehen.

Ein sehr schöner Artikel zum Thema (So wurde ein schlechterer Mensch geschaffen):
Es war der Nervenarzt und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, der 1965 in einem Buch „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ beklagte. Er stieß sich daran, wie der Abriss-Furor nach dem Zweiten Weltkrieg ihr historisches Gefüge zerstört hatte und weiter zerstörte.

Vieles von dem, was der Krieg verschont hatte, fiel Baggerschaufeln und Abrissbirnen zum Opfer – mit bis heute sichtbaren Folgen: Durch gewachsene Wohnquartiere aus der Zeit vor dem Krieg schlug man breite, lärmende Verkehrsadern, klotzige Schuhkarton-Architektur ohne jeden Liebreiz verstellte den Bürgern gewohnte Wege, und plötzlich lebten Tausende zusammengepfercht in wuchtigen Hochhauskomplexen, in denen Nachbarn bis heute oft Fremde bleiben.

http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/i ... 69326.html

Daher ist es ganz charmant, wenn man sich auf historische, gewachsene Strukturen wieder beruft. Aber die damalige Wohnqualität will niemand zurück.

Das ist richtig, aber um Bad und Küche zu sanieren (ggf. neue Aufteilung) muss man nicht gleich das ganze Haus abreissen.
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Re: Städte nach dem WWII - Übertriebener Abriss/Neugestaltun

Beitragvon frems » Fr 24. Jul 2015, 23:50

jack000 » Fr 24. Jul 2015, 21:56 hat geschrieben:Nun, einen "neuen Menschen" zu schaffe ist ja erst kurz davor gewaltig schief gegangen, man hätte berücksichtigen müssen das solche Experimente schiefgehen.

Waren halt andere Zeiten. In Paris hat man die halbe Altstadt abgerissen, damit Feuerwagen dort besser durchkommen und Aufständische weniger Rückzugsmöglichkeiten haben. Heute bewundert man die brutalen Bauten. Wer weiß schon, wie Leute in 50 oder 500 Jahren zurückblicken? Hab das besagte Interview (von 2010) übrigens wiedergefunden:

SPIEGEL ONLINE: Warum haben die Architekten solchen Auftraggebern nicht trotzdem ein wenig mehr Widerstand geleistet?

Speer: Weil sie auch selbst von der Idee, ganz neu anzufangen, fasziniert waren. Das ist doch verständlich nach dem Nazi-Debakel.

SPIEGEL ONLINE: Kein bisschen berufsständische Selbstkritik?

Speer: Doch, die Idee der modernen Architektur war mit der Vorstellung verbunden, durch besseres Bauen einen besseren Menschen schaffen zu können, einen aufgeklärten, mündigen Bürger mit sozialem Gewissen, mit einem neuen Bewusstsein. Aber wir haben gelernt: Der Architekt ist kein Sozial-Ingenieur. Überhaupt dieser Anspruch: Was wir heute denken, ist das einzig Richtige, was die Altvorderen gedacht haben, ist bedeutungslos - der war anmaßend. Das neue Bewusstsein, das man erzeugen wollte, war ja total geschichtslos. Diese Leute haben Geschichte geradezu verabscheut. Die wahre Ursache der baulichen Nachkriegsmisere ist diese fundamentale Geschichtslosigkeit des Zeitgeists. Schuld daran war aber kein einzelner Architekt.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellscha ... 95219.html

Vieles (geschichtlich) war damals ja noch nicht so aufgearbeitet wie heute, während man gleichzeitig im Zugzwang war. Da das Alte (auf den ersten Blick) gescheitert war, kam halt das Neue. Raumplanung als wissenschaftliche Disziplin existierte damals noch nicht einmal und setzte sich erst dann durch, als man bemerkte, daß da so einige Griffe ins Klo realisiert wurden. Nur hat man nun auch nicht die Möglichkeit wieder die halbe Stadt abzureißen, aber Schritt für Schritt Fehler zu beheben.

Ein sehr schöner Artikel zum Thema (So wurde ein schlechterer Mensch geschaffen):

http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/i ... 69326.html

Das ist richtig, aber um Bad und Küche zu sanieren (ggf. neue Aufteilung) muss man nicht gleich das ganze Haus abreissen.

Man mußte aber die Wohnungen komplett neu aufteilen, sanitäre Einrichtungen hinzufügen, ein neues Strom- und Energiesystem installieren etc. Da war ein Neubau günstiger als alles bis auf die brökelnde Fassade abzureißen. Es mußte ja schnell gehen. Aus ähnlichen Gründen scheitern in China viele Wohn- und Infrastrukturprojekte. Man hat einen extrem hohen Druck und riskiert lieber das eine oder andere Scheitern als jahrelang gar nichts zu machen und die Situation somit zu verschärfen. Der Artikel ist schon interessant, aber vergißt, daß der Abriß in der Nachkriegszeit auch der Beseitigung von Angsträumen diente. Die Innenstädte waren oft verwinkelte, vergammelte Gassen mit einer hohen Kriminalität und sehr viel Armut. Die Großwohnsiedlung am Stadtrand war damals quasi die Flucht der (neuen) Mittelschicht vor solchen Lebensbedingungen.
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Re: Städte nach dem WWII - Übertriebener Abriss/Neugestaltun

Beitragvon Dampflok94 » Di 1. Sep 2015, 20:34

Noch bis in die 60er hinein lebten Ausgebombte und Flüchtlinge zum Teil in Nissenhütten und ähnlichen Provisorien. Da gab es nur ein Ziel: Neubauten! Und da war die Ästhetik nur zweitrangig. Was man verstehen kann. Und dann war da das aufkommende Ideal einer autogerechten Stadt. Derartige Verirrungen haben sich immer wieder gefunden und sie werden sich immer wieder finden. Auch nicht welches wir heute bauen uns mehrheitlich für "schön" gehalten wird, hat dieses Prädikat auch noch in zwanzig oder dreißig Jahren.
Leute kauft mehr Dampflokomotiven!!!

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