Françafrique - Die Fortsetzung der Kolonialpolitik mit anderen Mitteln

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schokoschendrezki
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Françafrique - Die Fortsetzung der Kolonialpolitik mit anderen Mitteln

Beitragvon schokoschendrezki » Di 13. Jun 2017, 08:28

Juliette Poirson von der Nonprofit-Organisation "Survie Françafrique" beschreibt die gegenwärtige Rolle Frankreichs in Afrika so:
Die Françafrique ist wie ein Eisberg. An der Oberfläche sehen Sie Frankreich als besten Freund Afrikas und als das Mutterland der Menschenrechte. Unsichtbar, versunken bleibt, was die Françafrique ausmacht, dieses Netzwerk, das dazu dient, Frankreichs Dominanz über Afrika zu erhalten. So jedenfalls definieren wir es bei Survie Françafrique: als ein System der Dominanz, das die Unabhängigkeit der afrikanischen Länder der 1960er-Jahre überdauert hat.

Tatsächlich gibt es zahlreiche Beispiele dafür, dass Frankreich autioritäre und brutale Diktatoren in seinem afrikanischen Einflussgebiet über die ganze Nachkriegszeit hinweg gestützt hat. Kamen sie nach Paris zum Staatsbesuch, wurden zeitweise aufmüpfige Studenten aus dem Stadtgebiet entfernt, um die Herrschaften nicht belästigt zu sehen.

Und auf der anderen Seite: 2011 wurde durch den langjährigen inoffiziellen Afrika-Beauftragten der französischen Regierung, Robert Bourgi, bekannt, dass
Fast alle französischen Staatsoberhäupter der Nachkriegszeit ... illegale Gelder von Herrschern in Afrika erhalten haben. Mal soll es eine Sporttasche voller Geldscheine gewesen sein, mal afrikanische Trommeln, in denen bündelweise Bargeld aus Afrika seinen Weg nach Frankreich fand. Einmal habe er "vier Millionen Euro in kleinen Scheinen" im Kofferraum seines Autos durch Paris gefahren und dem damaligen Staatschef Chirac überbracht.


Auch die Operation "Serval", bei der hauptsächlich französische Truppen den Norden Malis von Dschihadisten befreit wurde, und die anfänglich in Afrika und auch weltweit positiv aufgenommen wurde, steht in der Kritik. Es hätte auch eine rein afrikanische Lösung geben können. Dass sie so ablief wie sie ablief, hat weniger mit Hilferufen Malis als vielmehr mit Druck aus Frankreich zu tun. Und im Ergebnis ist wiederum eine brutale Diktatur - Tschads Idriss Deby - gestärkt und Frankreichs Truppenpräsenz erhöht worden.

Wie weit Frankreich - im Gegensatz zu anderen großen westlichen Staaten - noch immer in diesem postkololonialistischen Sumpf steckt, zeigt die gesellschaftliche Reaktion auf Macrons Ankündigung, man wolle Kolonialismus künftig als "Verbrechen gegen die Menschheit" ansehen. Was anderswo in der Welt eigentlich ein Allgemeinplatz ist, löste selbst noch im Frankreich von 2017 einen Sturm der Entrüstung aus. Es ist aber gleichzeitig auch ein Zeichen der Hoffnung. Wie wird es weitergehen mit der Aufarbeirtung der kolonialistischen Vergangenheit Frankreichs?

Ein ausführliches aktuelles politisches Dossier mit Informationen zu all den angesprochenen Punktern hier: http://www.deutschlandfunk.de/frankreichs-afrikapolitik-in-der-kritik-alte-seilschaften.1170.de.html?dram:article_id=386634
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt

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