Wird AUFSTEHEN eine reguläre Partei?

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Liegestuhl
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Re: Wird AUFSTEHEN eine reguläre Partei?

Beitragvon Liegestuhl » Mi 14. Nov 2018, 07:45

Keine linke Vereinigung ist klein genug, um nicht noch einmal der wahren Lehre wegen gespalten zu werden.
Ein Hütchen mit Federn, die Armbrust über der Schulter, aber ein Jäger ist es nicht.
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imp
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Re: Wird AUFSTEHEN eine reguläre Partei?

Beitragvon imp » Mi 14. Nov 2018, 08:15

Liegestuhl hat geschrieben:(14 Nov 2018, 07:45)

Keine linke Vereinigung ist klein genug, um nicht noch einmal der wahren Lehre wegen gespalten zu werden.

In dem Fall geht es eher um einen Opportunismuswettlauf. Die sogenannten Reformer und ihre Nachfolger aus der meist inzwischen ehemaligen Jugend haben keinerlei Konzept, an dem sie ihr vage linkes Sammelsurium messen könnten - ähnlich den Grünen.

Die Aufsteh-Position setzt zu "links ist, was geht" noch hinzu, der Masse halber muss es auch Hinz und Kunz und co gefallen, die höchstens die konkret-finanzielle Sozialpolitik interessiert, aber irgendwelche Gender- und Dies-und-das-kostenlos- und Juden/Ausländersolidarität null bis negativ begeistert.

Dass die Aufstehen-Truppe dabei in irgendwas rechter wäre als Nahles, Merkel oder Seehofer, ist teil professionell-politischer Beißreflexe von verschiedenen Seiten.

Die Kritik ist anders:
- wer braucht eine weitere vage linke Stimme ohne Konzept
- wie soll sowas wirkmächtig werden ohne Verankerung in realen Konfliktgruppen von Straßenausbaubeitrag bis Schwimmbadpreise, von ÖPNV-Einsparungen bis Heimische Kleintierschlachtung, von Erziehungskonzepte bis Lehrpläne, von Krankenhausrettung bis Visaregeln.

Es nützt wenig, abstrakt-politische Normen und Ziele auszuformulieren, wenn sie nicht an konkreten Folgen für die Menschen zuhause erfahrbar sind.

- Weder in den traditionellen Medien noch in den modernen Blog- und Netzwerkmedien gibt es interessierte Kommentare, wahrscheinlich auch kaum Leserschaft für diese Fragen rund um die Bewegung. Das merkt man auch am Forum. Mimimi Wagenknecht hier, ohohoho Wagenknecht da, Linkspartei-Werbeverein hi, böser rechter Querfrontverein ho. Dass es solche sachfremde Befassung gibt, ist normal. Dass es dazwischen keine eigentliche Befassung mit der Gruppe und ihren Anliegen gibt, zeigt ihre Schwäche. Sie gibt keine Impulse, sie ist weder sehr relevant noch interessant - genau wie Die Linke oder das Gewerkschaftsumfeld weiss sie gar nicht recht, was sie sagen will und was nicht, wem, warum. Nur, dass sie gern gehört und beachtet werden will. Dass es anderen politischen Richtungen ähnlich geht, Konservative, Sozialdemokraten, Liberale, hilft der Gruppe wenig.

- Die Gruppe ist zu sehr in Fragen der praktischen Parteipolitik befangen, um wirklich Akteur in populären Konflikten zu sein.
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Re: Wird AUFSTEHEN eine reguläre Partei?

Beitragvon MäckIntaier » Mi 14. Nov 2018, 10:15

imp hat geschrieben:(14 Nov 2018, 08:15)


- wer braucht eine weitere vage linke Stimme ohne Konzept


Wagenknecht folgt hier Chantal Mouffe:

https://www.suhrkamp.de/buecher/fuer_einen_linken_populismus-chantal_mouffe_12729.html

Darum geht es.
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Re: Wird AUFSTEHEN eine reguläre Partei?

Beitragvon MäckIntaier » Mi 14. Nov 2018, 10:16

Liegestuhl hat geschrieben:(14 Nov 2018, 07:45)

Keine linke Vereinigung ist klein genug, um nicht noch einmal der wahren Lehre wegen gespalten zu werden.


Wunderbarer, sehr treffender Aphorismus. Zehn Linke, elf Meinungen, hieß ein Spottwort in grauer Vorzeit.
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Re: Wird AUFSTEHEN eine reguläre Partei?

Beitragvon imp » Mi 14. Nov 2018, 10:19

MäckIntaier hat geschrieben:(14 Nov 2018, 10:15)

Wagenknecht folgt hier Chantal Mouffe:

https://www.suhrkamp.de/buecher/fuer_einen_linken_populismus-chantal_mouffe_12729.html

Darum geht es.

Das ist verständlich, jedoch bedarf ein linker Populismus eines Ökosystems. Eine geeignete Partei ist aber nicht, was hier fehlt - sondern alles andere. Deshalb kann der Weg dieser Gruppierung, der Überschrift-Frage entsprechend, nicht die Parteiwerdung sein.
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Re: Wird AUFSTEHEN eine reguläre Partei?

Beitragvon MäckIntaier » Mi 14. Nov 2018, 10:23

imp hat geschrieben:(14 Nov 2018, 10:19)

Das ist verständlich, jedoch bedarf ein linker Populismus eines Ökosystems. Eine geeignete Partei ist aber nicht, was hier fehlt - sondern alles andere. Deshalb kann der Weg dieser Gruppierung, der Überschrift-Frage entsprechend, nicht die Parteiwerdung sein.


Eine Institutionalisierung wird nur in dem Umfang stattfinden, die zur Erfüllung formeller Kritierien zur Teilnahme an Wahlen erforderlich sind.
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Re: Wird AUFSTEHEN eine reguläre Partei?

Beitragvon imp » Mi 14. Nov 2018, 10:47

MäckIntaier hat geschrieben:(14 Nov 2018, 10:23)

Eine Institutionalisierung wird nur in dem Umfang stattfinden, die zur Erfüllung formeller Kritierien zur Teilnahme an Wahlen erforderlich sind.

Die sind in Deutschland für die Bundesebene klar umrissen: Mit Listen beteiligen dürfen sich allein Parteien. Auf den Listen kandidieren dürfen Parteimitglieder und Parteilose, jedoch ist die Beteiligung von Mitgliedern dritter Parteien sehr restriktiv geregelt. Das Wahlrecht bietet Bündnissen mehrer Parteien auch sonst für die Bundestagswahl nur wenige Kooperationsmöglichkeiten. Für die Freien Wähler ergab sich daher die Notwendigkeit, Partei zu sein (und nicht etwa bloß eine politische Vereinigung, wie es für Kommunalwahlen und manche Landtagswahlen hinreicht).

Gegen eine Parteiwerdung spricht, dass das ungefähre Themenspektrum der Gruppierung von mehreren Anbietern bereits belegt ist, insbesondere Die Linke, und sich gesellschaftlicher Rückhalt arg begrenzt zeigt. Eine erfolgreiche Kandidatur in Absprache mit der Linken oder in erklärter Konkurrenz zu ihr scheint wenig aussichtsreich, für die übrigen Bewerberparteien des linken Flügels ergibt sich gleich gar kein Anknüpfungspunkt.

Durch Parteiwerdung lässt sich die Leerstelle, das Manko des linken politischen Spektrums nicht füllen. Für einen Sozialpopulismus (wenn man ihn halbwegs links einordnet) gibt es keine nennenswerten Publikationen, keine Kristallisationspunkte. Es gibt keine irgendwie vermaschte Basis. Ich würde sogar behaupten, die Vernetzungen des vergangenen Jahrzehnts im Zuge des Europäischen Sozialforums, der Agenda-Proteste, der Abwehrhaltung gegenüber dem damals offen ausgesprochenen Zeitgeist, sind weitgehend erledigt und ermattet. Es gibt anders als damals auch keinen Barbarossa im Ruhestand mehr, auf den sich irgendwelche berechtigten oder unberechtigten Hoffnungen stützen könnten.

Frau Wagenknecht hat sehr gut analysiert, dass es für einen linken Populismus eine Bewegung jenseits der Linken-Partei braucht, die sich von dieser auch nicht abhängig macht, diese vielleicht sogar kritisiert oder sich für Teile des Programms unempfänglich zeigt. Ich sehe aber nicht, dass sie diese Bewegung stiften könnte ausgerechnet durch Gründung einer Partei. Schon die Frage, ob "Aufstehen" überhaupt ein nennenswerter Beitrag zu einer solchen Bewegung ist, erscheint mir offen. Es bleibt jedoch zu sagen: Der Versuch war sicher nicht verkehrt. Ob man in den konkreten Ausformungen und Handlungen von "Aufstehen" nun handwerkliche Fehler sehen will oder eher notwendige Folgen praktischer Probleme und Beschränkungen, ist dann wieder so eine Frage.
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Re: Wird AUFSTEHEN eine reguläre Partei?

Beitragvon Misterfritz » So 16. Dez 2018, 09:59

"Gelbwesten"-Protest in München
"Wir haben das Signal gesetzt"
In München rief die Wagenknecht-Bewegung "Aufstehen" zur ersten "Gelbwesten"-Demo in Deutschland auf. Zu einem Großaufmarsch der politischen Linken kam es jedoch nicht.

Am Mittag zählten die Veranstalter etwa 200 Teilnehmer, die Polizei sprach am Ende von hundert Demonstranten.
Ja, so stelle ich mir eine Bewegung vor. Ein paar Hanseln, die versuchen die Franzosen zu kopieren.
Nicht mal eigene Ideen hat die "Aufstehen-Bewegung" ....
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Re: Wird AUFSTEHEN eine reguläre Partei?

Beitragvon JJazzGold » So 16. Dez 2018, 10:12

Misterfritz hat geschrieben:(16 Dec 2018, 09:59)

"Gelbwesten"-Protest in München
"Wir haben das Signal gesetzt"
In München rief die Wagenknecht-Bewegung "Aufstehen" zur ersten "Gelbwesten"-Demo in Deutschland auf. Zu einem Großaufmarsch der politischen Linken kam es jedoch nicht.

Ja, so stelle ich mir eine Bewegung vor. Ein paar Hanseln, die versuchen die Franzosen zu kopieren.
Nicht mal eigene Ideen hat die "Aufstehen-Bewegung" ....


Das ist exakt das, was ich auch dachte, als ich es gestern in den Nachrichten sah. :D :thumbup:
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Re: Wird AUFSTEHEN eine reguläre Partei?

Beitragvon Tom Bombadil » So 16. Dez 2018, 11:40

Misterfritz hat geschrieben:(13 Nov 2018, 20:59)

Das wird ein Rohrkrepierer und die Linke zerlegt sich selbst. Wenn man jetzt die Linke teilt, dann kommen wahrscheinlich beide Parteien bei Wahlen nicht mehr über die 5%-Hürde. Selten dämlich ....

Wieso dämlich? :D
The tree of liberty must be refreshed from time to time with the blood of patriots and tyrants. It is its natural manure.
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Re: Wird AUFSTEHEN eine reguläre Partei?

Beitragvon jorikke » So 16. Dez 2018, 11:48

JJazzGold hat geschrieben:(16 Dec 2018, 10:12)

Das ist exakt das, was ich auch dachte, als ich es gestern in den Nachrichten sah. :D :thumbup:


Nun wollen wir aber deutsches Aufmucken nicht klein reden.
Immerhin war es eine Symbiose von Revolution und Gesetzestreuen.
Der Aufstand war angemeldet, die Gebühren quittiert und bezahlt und mit dieser Legitimation hätte es keine deutsche Ordnungsmacht gewagt, sich ihnen in den Weg zu stellen.
… Planung ist alles, revolutionärer Erfolg irgendwie undeutsch.
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Re: Wird AUFSTEHEN eine reguläre Partei?

Beitragvon sünnerklaas » Di 18. Dez 2018, 06:38

Misterfritz hat geschrieben:(16 Dec 2018, 09:59)

"Gelbwesten"-Protest in München
"Wir haben das Signal gesetzt"
In München rief die Wagenknecht-Bewegung "Aufstehen" zur ersten "Gelbwesten"-Demo in Deutschland auf. Zu einem Großaufmarsch der politischen Linken kam es jedoch nicht.

Ja, so stelle ich mir eine Bewegung vor. Ein paar Hanseln, die versuchen die Franzosen zu kopieren.
Nicht mal eigene Ideen hat die "Aufstehen-Bewegung" ....


Etwas anderes, außer kopieren, können viele der in ihrem Denken vom Bedenkenträgertum geprägten Deutschen nicht. Das ist aber nichts neues. Ich erlebe sowas schon in vielen Bereichen seit Jahren. Neuerungen, andere Gedanken machen vielen angst. Wenn Projekt xyz schief ginge, was dann? Und wenn dann noch zeitgleich in China ein Sack Reis umfiele und dazu noch in Honolulu ein Vulkan ausbreche und der Herr Bundesbank Durchfall hätte. dann wäre man pleite! Brächte doch alles sowieso nichts. Schuster, bleib bei Deinen Leisten.
Mir hat einmal ein alter, inzwischen verstorbener, hannoveraner Unternehmer erklärt, wo das Problem in Deutschland liege: wir hätten zu wenige Unternehmer, dafür aber viel zu viele Betreiber im Land. Betreiber wäre Getriebene, Unternehmer würden etwas unternehmen und dabei auch Wagnisse eingehen. Unternehmertum wäre eben ein Abenteuer, Betreibertum nur von Ängsten und Zwängen geprägt. Ich glaube, der alte Herr hatte für praktisch alle Bereiche unserer Gesellschaft recht.

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