Zukunft der CSU

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Europa2050
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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon Europa2050 » Fr 9. Nov 2018, 07:01

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 Nov 2018, 01:03)

Das wäre interessant, wenn es so etwas wie "Bayern" (oder Sachsen oder Preußen) - außer als Verwaltungseinheit - überhaupt gäbe.

Kurt Eisner, der in Berlin geborene mit jüdischen Wurzeln, auf den die heutige brustklopfende bayerische Selbst-Bezeichung "Freistaat" überhaupt zurückgeht, wurde von einem sich als echt bayerischem Thule-Gesellschafts-Mitglied ermordet. Weil Eisner nicht-bayerisch, nicht-deutsch, nicht-katholisch, jüdisch, bolschewistisch (war er überhaupt nicht!) sei. Und hinter seiner USPD standen gerade mal 2 noch etwas Prozent der Bevölkerung. Und gleichzeitig war der Trauermarsch für Eisner einer der größten, die Deutschland je erlebt hat. Was bedeutet das? Es gibt kein "Bayern"!

Die historischen Analysen aus aktuellem Jubiläumsanlass sind allesamt hochspannend. Ich bin momentan so fasziniert vom Thema 1918 ...

Wann endlich gibt es eine Partei mit einer "parteinahen Kurt Eisner Stiftung"?


Natürlich gibt es Bayern :)

Nur ist es wohl von allen Bundesländern das komplizierteste, am schwierigsten zu verstehende und damit auch klischeebehaftetste.

Da wo die stockkonservative CSU den Freistaatvater Eisner (Beschreibung siehe oben ...) ohne jegliche Berührungsängste ehrt.
Wo Seehofer gegen Flüchtlinge wettert und die Hilfe, Integration und das Miteinander nahezu reibungslos funktioniert.
Wo eine Flüchtlingsgruppe (Deutsch-Böhmer aka Sudetendeutsche) offiziell als 4. Stamm bezeichnet wird.
Wo man sich dörflich gibt und seit Jahrhunderten einen regen Kulturaustausch mit Italien und Südosteuropa pflegt.
Wo die sprichwörtliche „Liberalitas Bavariae“ herrscht und die FDP traditionell eher magere Ergebnisse einfährt.
Wo man traditionell Frankreichfreudlich ist und auch Napoleon einen guten Namen hat, wie kaum sonstwo außerhalb Frankreichs.
Und zu guter Letzt das einzige Bundesland, in dem sich Katholiken und Evangelische ziemlich die Waage halten.

ÜberJahrzehnte hat die CSU es perfekt geschafft, dieses komplexe Gebilde durch Erfolg und Tradition vorwärts zu bringen, Seehofer hat das mit seinem Merkelhass riskiert.

Mal sehen, ob der Söder (der als fränkischer MP eigentlich genauso ein NO-Go ist, wie ein BuKa aus Bayern - siehe Strauß, Stoiber) das wieder hin bekommt.
Nationalismus lehrt Dich,
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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon JJazzGold » Fr 9. Nov 2018, 07:16

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 Nov 2018, 01:03)

Das wäre interessant, wenn es so etwas wie "Bayern" (oder Sachsen oder Preußen) - außer als Verwaltungseinheit - überhaupt gäbe.

Kurt Eisner, der in Berlin geborene mit jüdischen Wurzeln, auf den die heutige brustklopfende bayerische Selbst-Bezeichung "Freistaat" überhaupt zurückgeht, wurde von einem sich als echt bayerischem Thule-Gesellschafts-Mitglied ermordet. Weil Eisner nicht-bayerisch, nicht-deutsch, nicht-katholisch, jüdisch, bolschewistisch (war er überhaupt nicht!) sei. Und hinter seiner USPD standen gerade mal 2 noch etwas Prozent der Bevölkerung. Und gleichzeitig war der Trauermarsch für Eisner einer der größten, die Deutschland je erlebt hat. Was bedeutet das? Es gibt kein "Bayern"!

Die historischen Analysen aus aktuellem Jubiläumsanlass sind allesamt hochspannend. Ich bin momentan so fasziniert vom Thema 1918 ...

Wann endlich gibt es eine Partei mit einer "parteinahen Kurt Eisner Stiftung"?


Oh doch, es gibt ein “Bayern“, nicht nur als Verwaltungseinheit, sondern als verbindendes und nicht zu unterschätzendes Lebensgefühl.

Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt.

Goethe


In dieses versucht die derzeitige CSU gerade massiv und ungehindert von den FW steuernd einzugreifen und das bekam ihr bereits schlecht und wird ihr zukünftig noch schlechter bekommen.

Nachdem der Kurt Eisner Verein Bestandteil der Rosa Luxemburg Stiftung ist, vermute ich, dass die Partei, die dieser am nächsten steht, die Die Linke ist.

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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon JJazzGold » Fr 9. Nov 2018, 08:29

Europa2050 hat geschrieben:(09 Nov 2018, 07:01)

Natürlich gibt es Bayern :)

Nur ist es wohl von allen Bundesländern das komplizierteste, am schwierigsten zu verstehende und damit auch klischeebehaftetste.

Da wo die stockkonservative CSU den Freistaatvater Eisner (Beschreibung siehe oben ...) ohne jegliche Berührungsängste ehrt.
Wo Seehofer gegen Flüchtlinge wettert und die Hilfe, Integration und das Miteinander nahezu reibungslos funktioniert.
Wo eine Flüchtlingsgruppe (Deutsch-Böhmer aka Sudetendeutsche) offiziell als 4. Stamm bezeichnet wird.
Wo man sich dörflich gibt und seit Jahrhunderten einen regen Kulturaustausch mit Italien und Südosteuropa pflegt.
Wo die sprichwörtliche „Liberalitas Bavariae“ herrscht und die FDP traditionell eher magere Ergebnisse einfährt.
Wo man traditionell Frankreichfreudlich ist und auch Napoleon einen guten Namen hat, wie kaum sonstwo außerhalb Frankreichs.
Und zu guter Letzt das einzige Bundesland, in dem sich Katholiken und Evangelische ziemlich die Waage halten.

ÜberJahrzehnte hat die CSU es perfekt geschafft, dieses komplexe Gebilde durch Erfolg und Tradition vorwärts zu bringen, Seehofer hat das mit seinem Merkelhass riskiert.

Mal sehen, ob der Söder (der als fränkischer MP eigentlich genauso ein NO-Go ist, wie ein BuKa aus Bayern - siehe Strauß, Stoiber) das wieder hin bekommt.


Wie soll er das wieder hinbekommen, wenn ihm durch die Koalition mit den FW das PAG quasi durchgewunken wird, man als Gegner der verordneten Flutkreuze nach wie vor als Religionshasser oder mental Gestörter gilt, man lt. FW nicht “abheben“ will, siehe dritte Startbahn, Bildung nur in Form von zusätzlichen und zusätzlich verbeamteten Lehrern Erwähnung findet, Manna in Form von Herdprämie überm Volk abgeworfen wird, was ein deutliches Licht auf das Frauenbild der Koalitionäre wirft, wie im Übrigen auch die Nominierung für Ministerien, ein bis dato nicht durch einen Finanzierungsplan gedeckeltes Eur 365,- Jahresticket nur für Städte eingeführt werden soll und als Finanzierung für Alles, von Reiter- und Hundestaffel bis Raumfahrt, kein Finanzierungsplan vorliegt, sondern nur die Devise, es geht nicht mehr raus, als reinkommt.

Innovativ und ambitioniert, sowie ein Söder'sches demütiges, “ich habe verstanden“, geht anders.
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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 9. Nov 2018, 09:36

Europa2050 hat geschrieben:(09 Nov 2018, 07:01)
Natürlich gibt es Bayern :)

Dass das ein wenig polemisch-ironsich gemeint war ... dürfte doch klar sein.
Nur ist es wohl von allen Bundesländern das komplizierteste, am schwierigsten zu verstehende und damit auch klischeebehaftetste.

Da wo die stockkonservative CSU den Freistaatvater Eisner (Beschreibung siehe oben ...) ohne jegliche Berührungsängste ehrt.
Wo Seehofer gegen Flüchtlinge wettert und die Hilfe, Integration und das Miteinander nahezu reibungslos funktioniert.
Wo eine Flüchtlingsgruppe (Deutsch-Böhmer aka Sudetendeutsche) offiziell als 4. Stamm bezeichnet wird.
Wo man sich dörflich gibt und seit Jahrhunderten einen regen Kulturaustausch mit Italien und Südosteuropa pflegt.
Wo die sprichwörtliche „Liberalitas Bavariae“ herrscht und die FDP traditionell eher magere Ergebnisse einfährt.
Wo man traditionell Frankreichfreudlich ist und auch Napoleon einen guten Namen hat, wie kaum sonstwo außerhalb Frankreichs.
Und zu guter Letzt das einzige Bundesland, in dem sich Katholiken und Evangelische ziemlich die Waage halten.

ÜberJahrzehnte hat die CSU es perfekt geschafft, dieses komplexe Gebilde durch Erfolg und Tradition vorwärts zu bringen, Seehofer hat das mit seinem Merkelhass riskiert.

Mal sehen, ob der Söder (der als fränkischer MP eigentlich genauso ein NO-Go ist, wie ein BuKa aus Bayern - siehe Strauß, Stoiber) das wieder hin bekommt.


Alle aktuellen Reflektionen zum Mord an Meisner und zum Freistaat-Begriff sprechen nicht von "Ehren" sondern von "Totschweigen" und auch von der ungefragten Übernahme dieses Begriffs des erst Getöteten und dann Totgeschwiegenen. Den Zusammenhang zwischen "Eisner", "Räterepublik" und "Freistaat" soll (angeblich) über Jahrzehnte hinweg so gut wie kein Schulkind in Bayern gekannt haben.

Ist der aktuelle politische Wandel in Bayern wirklich auf das Wirken eines Mannes oder einer kleinen Gruppe von Personen zurückzuführen oder gibt es nicht vielmehr (mindestens in den Städten) einen Wandel in den Einstellungen der menschen und auch in den Sozialstrukturen?
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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 9. Nov 2018, 10:08

JJazzGold hat geschrieben:(09 Nov 2018, 07:16)

Oh doch, es gibt ein “Bayern“, nicht nur als Verwaltungseinheit, sondern als verbindendes und nicht zu unterschätzendes Lebensgefühl.

Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt.

Goethe


In dieses versucht die derzeitige CSU gerade massiv und ungehindert von den FW steuernd einzugreifen und das bekam ihr bereits schlecht und wird ihr zukünftig noch schlechter bekommen.

Es mag Schwierigkeiten bei der Innensicht auf die CSU für Außenstehende geben ... Darf ich aber darauf hinweisen, dass es vermutlich ebensolche Schwierigkeiten beim Verständnis der Außensicht auf die CSU für Innenstehende gibt.

Die CSU hat nicht nur ein "bayerisches Lebensgefühl" vermittelt sondern massiv und über Jahrzehnte hinweg eine eigenständige Außenpolitik betrieben. Nicht nur über die häufig genannten Verbindungen zum Vatikan oder über die berühmten Milliardenkredite zur Lebensverlängerung der bereits halbtoten DDR. Die Einfädelung des Falls des Eisernen Vorhangs - Stichwort Paneuropäisches Picknick - ist ganz entscheidend auf die Aktivität bestimmter CSU-Politiker zurückzuführen. Ganz aktuell die massive Rückendeckung Orbáns durch CSU-Politiker. Und nicht umsonst wurde dem CSU-Politiker Posselt jüngst einer der höchsten kroatischen Staatsorden verliehen. Denn auch der EU-Beitritt von Ländern wie Kroatien ist zu einem hohen Anteil den Initiativen von CSU-Politikern zu verdanken.

Ich habe schon manchesmal gedacht: Wenn die Kinder einer intakten, bürgerlichen Familie mal zufällig ihre Eltern in einer Kneipe bei einer Prügelei sehen ...
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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon Europa2050 » Fr 9. Nov 2018, 10:19

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 Nov 2018, 09:36)

Dass das ein wenig polemisch-ironsich gemeint war ... dürfte doch klar sein.


Alle aktuellen Reflektionen zum Mord an Meisner und zum Freistaat-Begriff sprechen nicht von "Ehren" sondern von "Totschweigen" und auch von der ungefragten Übernahme dieses Begriffs des erst Getöteten und dann Totgeschwiegenen. Den Zusammenhang zwischen "Eisner", "Räterepublik" und "Freistaat" soll (angeblich) über Jahrzehnte hinweg so gut wie kein Schulkind in Bayern gekannt haben.

Ist der aktuelle politische Wandel in Bayern wirklich auf das Wirken eines Mannes oder einer kleinen Gruppe von Personen zurückzuführen oder gibt es nicht vielmehr (mindestens in den Städten) einen Wandel in den Einstellungen der menschen und auch in den Sozialstrukturen?


Ich habe 1985 in Obberbayern Abitur gemacht und ja, der Zusammenhang Eisner - Räterepublik - Freistaat war durchaus ein wichtiges Thema, wie auch Kahr - Hitler - Landsberg.

Wenn man dann noch die Irrungen und Wirren um Napoleon - Montgelas - Max Josef, sowie Ludwig II - Bismark oder aber die Deals Strauß mit Honecker 1983 dazurechnet, bleibt nur ein Bild:

Bayern ist hochkomplex. Aber ich denke schon, dass diese Zusammenhänge in Bayern präsent sind und waren.

Und als „Beweis“ dass die Themen schon unpolemisch abgearbeitet werden etwas „Lokalkolorit“

https://www.blickpunkt-verlag.de/bpws/n ... 86,2136292
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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 9. Nov 2018, 10:22

Bernd Posselt (Stichwort CSU, Paneuropa-Union, Sudetendeutsche ) gehört dieser Generation von europäischen Fädenziehern an und ist jetzt in die zweite Reihe getreten.

Und wird ersetzt durch stromlinienförmigere (auch im wahrsten körperlichen SInne) Politiker einer neuen Generation wie Verkehrsminister Scheuer. Der seine fragwürdige Dissertation an der Prager Uni unter Vermittlung eines höchst fragwürdigen Funktionärs der tschechischen Paneuropa-Union und ebenfalls den Vertrieben-Verbänden Nahestehenden erhielt. (Rudolf Kučera). Die Beziehungen der CSU zu den rechtskonsvervativen, reaktionär-katholischen, nationalistischen bis rechtsextremen Kräften in Osteuropa setzt sich fort. Und hat eine lange Tradition.

Zusatz: Ebenso wie die Sonderbeziehungen zu allen möglichen Autokraten und Diktatoren der Welt: Von Ceacescu über Pinochet bis Orbán und Putin.
Zuletzt geändert von schokoschendrezki am Fr 9. Nov 2018, 11:01, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 9. Nov 2018, 10:25

Europa2050 hat geschrieben:(09 Nov 2018, 10:19)

Ich habe 1985 in Obberbayern Abitur gemacht und ja, der Zusammenhang Eisner - Räterepublik - Freistaat war durchaus ein wichtiges Thema, wie auch Kahr - Hitler - Landsberg.


Ich hab' ja auch vorsichtigerweise "angeblich" geschrieben. Die Sendung, in der davon die Rede war, lief allerdings in der Reihe "radiowissen" des Bayerischen Rundfunks. Also irgendwo schon aus der "Innensicht".
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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon Orbiter1 » Fr 9. Nov 2018, 10:43

Europa2050 hat geschrieben:(09 Nov 2018, 07:01)

Natürlich gibt es Bayern :)

Nur ist es wohl von allen Bundesländern das komplizierteste, am schwierigsten zu verstehende und damit auch klischeebehaftetste.

Da wo die stockkonservative CSU den Freistaatvater Eisner (Beschreibung siehe oben ...) ohne jegliche Berührungsängste ehrt.
Wo Seehofer gegen Flüchtlinge wettert und die Hilfe, Integration und das Miteinander nahezu reibungslos funktioniert.
Wo eine Flüchtlingsgruppe (Deutsch-Böhmer aka Sudetendeutsche) offiziell als 4. Stamm bezeichnet wird.
Wo man sich dörflich gibt und seit Jahrhunderten einen regen Kulturaustausch mit Italien und Südosteuropa pflegt.
Wo die sprichwörtliche „Liberalitas Bavariae“ herrscht und die FDP traditionell eher magere Ergebnisse einfährt.
Wo man traditionell Frankreichfreudlich ist und auch Napoleon einen guten Namen hat, wie kaum sonstwo außerhalb Frankreichs.
Und zu guter Letzt das einzige Bundesland, in dem sich Katholiken und Evangelische ziemlich die Waage halten.
:thumbup: Besser kann man es nicht beschreiben.

ÜberJahrzehnte hat die CSU es perfekt geschafft, dieses komplexe Gebilde durch Erfolg und Tradition vorwärts zu bringen, Seehofer hat das mit seinem Merkelhass riskiert.

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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon JJazzGold » Fr 9. Nov 2018, 11:06

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 Nov 2018, 10:08)

Es mag Schwierigkeiten bei der Innensicht auf die CSU für Außenstehende geben ... Darf ich aber darauf hinweisen, dass es vermutlich ebensolche Schwierigkeiten beim Verständnis der Außensicht auf die CSU für Innenstehende gibt.

Die CSU hat nicht nur ein "bayerisches Lebensgefühl" vermittelt sondern massiv und über Jahrzehnte hinweg eine eigenständige Außenpolitik betrieben. Nicht nur über die häufig genannten Verbindungen zum Vatikan oder über die berühmten Milliardenkredite zur Lebensverlängerung der bereits halbtoten DDR. Die Einfädelung des Falls des Eisernen Vorhangs - Stichwort Paneuropäisches Picknick - ist ganz entscheidend auf die Aktivität bestimmter CSU-Politiker zurückzuführen. Ganz aktuell die massive Rückendeckung Orbáns durch CSU-Politiker. Und nicht umsonst wurde dem CSU-Politiker Posselt jüngst einer der höchsten kroatischen Staatsorden verliehen. Denn auch der EU-Beitritt von Ländern wie Kroatien ist zu einem hohen Anteil den Initiativen von CSU-Politikern zu verdanken.

Ich habe schon manchesmal gedacht: Wenn die Kinder einer intakten, bürgerlichen Familie mal zufällig ihre Eltern in einer Kneipe bei einer Prügelei sehen ...


Es ist in der Tat schwer, uns Bayern zu begreifen. Das Bayern des Paradoxen, in dem ein SPD Hoegner den Kampf um die Eigenstaatlichkeit Bayerns führte, während eine in sich völlig zerstrittene renitent bis fanatisch zusammengefasste CSU die Mehrheit erringt. Renitenz gehört zum Markenkern Bayerns, den haben Seehofer und Söder nicht erfunden, sondern nur egozentrisch missbraucht und auch "die Alternative" ist keine neue Erfindung, sondern nur ein bis auf einen Rest "Souveränitätsanspruch" Großteils entleertes und rechtspopulistisch bis rechtsextrem inhaltlich gefülltes copy&paste der Bayernpartei, den bis heute existenten Vertretern des souveränen Freistaats Bayerns, dekoriert mit einigen wenigen monarchietreuen Einschlüssen.

Ebenso paradox muss dem Aussenstehenden das damalige "Nein" zum Grundgesetz bei gleichzeitig erklärter Absicht dem Bund beizutreten, erscheinen.
Alles eine Sache des Kalküls zugunsten der Rechte und Vorteile Bayerns und wie sich im Laufe der Zeit erwiesen hat, erfolgreich.

Vor dieser Betrachtung aus lässt sich meines Erachtens die Brücke zu der im Bund misstrauisch beobachteten und kommentierten, eigenmächtig handelnder Außenpolitik bayerischer Regierungen und politischer Protagonisten schlagen. Sie erscheint auf den ersten Blick unverständich in ihrer Eigenmächtigkeit und ist letztendlich doch wieder nur das Produkt eines souverän freistaatlichen Denkens, das die Jahrzehnte überdauert hat.

Man kann und darf dessen Auswüchse loben oder kritisieren, aber erst, nachdem der bayerische Bürger per se dies getan hat, respektive, man darf sich ihm und seiner Meinung anschließen. Denn es ist unser Bayern. ;)
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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon Alexyessin » Fr 9. Nov 2018, 12:50

JJazzGold hat geschrieben:(09 Nov 2018, 11:06)

Man kann und darf dessen Auswüchse loben oder kritisieren, aber erst, nachdem der bayerische Bürger per se dies getan hat, respektive, man darf sich ihm und seiner Meinung anschließen. Denn es ist unser Bayern. ;)
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So schauts aus. Meine Kinder schlag ich mir selbst. Und genauso ekelhaft kann ich reagieren, wenn jemand die CSU beschimpft, nur weil die aus Bayern sind.
Der neue Faschismus wird nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Er wird sagen: Ich bin kein Nazi, aber...
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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon JJazzGold » Fr 9. Nov 2018, 13:01

Alexyessin hat geschrieben:(09 Nov 2018, 12:50)

So schauts aus. Meine Kinder schlag ich mir selbst. Und genauso ekelhaft kann ich reagieren, wenn jemand die CSU beschimpft, nur weil die aus Bayern sind.


Das sind die seltsamen Blüten, die der Neid treibt und bei denen in der Betrachtung unterschlagen wird, dass die CSU in der Vergangenheit zumeist in absoluter Mehrheit regierend zum Wohl Bayerns agierte, durchaus mit a bisserl Eigennutz verbunden, aber unter dem Strich immer dem Großen und Ganzen verpflichtet. Die Tätigkeit der CSU auf strittige Ansichten, oder die Verfehlungen Seehofers und Söders zu reduzieren, wird ihr nicht gerecht.
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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon Fliege » Fr 9. Nov 2018, 13:22

JJazzGold hat geschrieben:(09 Nov 2018, 13:01)
[...] dass die CSU in der Vergangenheit zumeist in absoluter Mehrheit regierend zum Wohl Bayerns agierte, durchaus mit a bisserl Eigennutz verbunden, aber unter dem Strich immer dem Großen und Ganzen verpflichtet.

Und die CSU ist nach Merkels Linksruck mit Mühe und Not als die letzte Volkspartei in Deutschland übrig geblieben.
Schnittblumen verhalten sich zahm, sind aber nicht immer stubenrein; gelten "als politisch ungefestigt und unklar".
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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon JJazzGold » Fr 9. Nov 2018, 14:06

Fliege hat geschrieben:(09 Nov 2018, 13:22)

Und die CSU ist nach Merkels Linksruck mit Mühe und Not als die letzte Volkspartei in Deutschland übrig geblieben.


Fürs bayerische Völkchen und das nicht unkritisiert und dementsprechend abgestraft, auch wenn man innerhalb der CSU nicht wahrhaben will.
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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon Fliege » Fr 9. Nov 2018, 17:08

JJazzGold hat geschrieben:(09 Nov 2018, 14:06)
Fürs bayerische Völkchen und das nicht unkritisiert und dementsprechend abgestraft, auch wenn man innerhalb der CSU nicht wahrhaben will.

Ich denke, das bayerische Völkchen ist zufrieden und freut sich auf einen Neuanfang ohne Merkel.
Schnittblumen verhalten sich zahm, sind aber nicht immer stubenrein; gelten "als politisch ungefestigt und unklar".
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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon Moses » Fr 9. Nov 2018, 17:16

Fliege hat geschrieben:(09 Nov 2018, 17:08)

Ich denke, das bayerische Völkchen ist zufrieden und freut sich auf einen Neuanfang ohne Merkel.

Blödsinn, Frau Merkel stand in Bayern nie zur Wahl - was soll denn ein "Neuanfang in Bayern ohne Merkel" bedeuten?
Der Herr gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich nicht hinnehmen kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon JJazzGold » Fr 9. Nov 2018, 17:57

Fliege hat geschrieben:(09 Nov 2018, 17:08)

Ich denke, das bayerische Völkchen ist zufrieden und freut sich auf einen Neuanfang ohne Merkel.


Wenn ich die erreichten Prozente der einzelnen Parteien zur Landtagswahl Bayern betrachte, dann ergibt sich ein anderes Bild.
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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon JJazzGold » Fr 9. Nov 2018, 17:59

Moses hat geschrieben:(09 Nov 2018, 17:16)

Blödsinn, Frau Merkel stand in Bayern nie zur Wahl - was soll denn ein "Neuanfang in Bayern ohne Merkel" bedeuten?


Insbesondere, da die Wahrscheinlichkeit steigt, dass wenigstens Seehofer bald weg ist, während Frau Merkel nach wie vor da ist.
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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon Moses » Fr 9. Nov 2018, 18:00

JJazzGold hat geschrieben:(09 Nov 2018, 17:59)

Insbesondere, da die Wahrscheinlichkeit steigt, dass wenigstens Seehofer bald weg ist, während Frau Merkel nach wie vor da ist.

Nicht zu vergessen, auch Söder bleibt uns erhalten :|
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Re: Zukunft der CSU

Beitragvon Fliege » Fr 9. Nov 2018, 18:03

Moses hat geschrieben:(09 Nov 2018, 17:16)
Blödsinn, Frau Merkel stand in Bayern nie zur Wahl - was soll denn ein "Neuanfang in Bayern ohne Merkel" bedeuten?

Politische Fantasie liegt vor, wenn einer politische Fantasie hat. :-)
Schnittblumen verhalten sich zahm, sind aber nicht immer stubenrein; gelten "als politisch ungefestigt und unklar".

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