Gibt es unpolemische Parteien in der deutschen Parteienlandschaft?

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lamprog

Gibt es unpolemische Parteien in der deutschen Parteienlandschaft?

Beitragvon lamprog » Mi 2. Aug 2017, 20:24

Hallo zusammen,

mein erstes Posting hier und die Frage ist auch der Hauptgrund, aus dem ich mich in dem Forum angemeldet habe.

Ich würde mich politisch/wirtschaftlich Richtung Mitte der traditionellen, eindimensionalen Links-/Rechtsachse verorten, bzw. auf dem zweidimensionalen Koordinatensystem nach Political Compass. Ich muss gestehen, dass ich, nachdem ich lange Zeit sehr politikinteressiert war, mich gegen das Thema abgegrenzt habe, da ich merkte, dass mich die Politik zu sehr in negativer Weise beschäftigt; salopp würde man sagen "fertig macht". Ich habe mich lange Zeit emotional zu sehr vom tagesaktuellen politischen Geschehen beeinflussen und vor allem polarisieren lassen: Gegenüber anderen Ansichten, politischer oder wirtschaftlicher Art. Da ich im privaten Leben, so meine ich, ein sehr umgänglicher, konfliktscheuer Mensch bin, habe ich, an einem gewissen Punkt, über mich selber erschrocken, was für starke, negative Gefühle (ich will nicht von Hass sprechen) ich gegen manche Politiker oder auch einzelne Parteien empfand. Solche Gefühle sind mir eigentlich fremd und ich bin mir sicher, dass ich diese nicht gegen Personen, außerhalb des politischen Kontexts, kultivieren könnte.

tl;dr-Version für alle, die den unten stehenden Rant nicht lesen wollen: Gibt es eine Partei, die von folgenden Eigenschaften geprägt ist:
* Bemüht um Konsens, auch mit politischen Rivalen.
* Die es schafft, ihre Ideen nicht marktschreierisch, sondern rational ohne Showeinlagen à la Hamburger Fischmarkt darzulegen.
* Die sich in der Vergangenheit dadurch ausgezeichnet hat, in Wahlkämpfen für ihr eigenes Programm zu argumentieren, anstatt bei anderen Parteien schmutzige Wäsche zu suchen.
* Die nicht eine Nischenpartei ist. (Graue Panther, Autofahrerpartei, Die Violetten...)

Im folgenden beginnt mein, weitgehend ins Konzept geschriebener Monolog, in dem ich versuche zu erklären, was mich eigentlich an der Politik in ihrer heutigen Form stört:

Was mich am meisten stört an der politischen Realität heutzutage (und gestern und vorgestern war das sicher auch nicht anders): Bundestagsdebatten gleichen einer Show, in der sich die Protagonisten meist völlig respektlos anfeinden. Auf Parteitagen wird von Podesten gebrüllt und Stimmung gemacht gegen die jeweiligen Konkurrenzparteien/-kandidaten. Anstatt nach Lösungen oder neuen Ideen zu suchen beschäftigt man sich lieber damit, Fehler beim Anderen aufzustöbern, diese aufzublasen und den so konstruierten Strohmann so öffentlichkeitswirksam wie möglich abzufackeln. Anstatt gemeinsam über Partei- und Koalitionsgrenzen hinaus nach Kompromissen und gemeinsamen Lösungen zu suchen nutzt man vielmehr tragische wie weniger tragische Geschehnisse dafür, diese dem geeignetsten Konkurrenten in die Schuhe zu schieben: Ob es nun die Flüchtlingskrise ist, oder das Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt, die Schere zwischen Arm und Reich oder Ausfälle bei der Abfallentsorgung auf Kommunalebene.

In einer perfekten Welt stelle ich mir ein politisches Leben vor, in dem sich Abgeordnete verschiedener Parteien auf Augenhöhe begegnen und respektvoll und in einem normalen Ton miteinander diskutieren. Parteien unterschiedlicher Couleur versuchen, bei Meinungsverschiedenheiten zu einer konstruktiven Lösung und wenigstens zu einem kleinsten gemeinsamen Nenner zu gelangen. Auf Parteitagen schreit niemand vom Podium als sei er direkt der NS- oder SED-Propaganda entsprungen, sondern stellt Punkte des Parteiprogramms in einem normalen Tonfall und in einer normalen Lautstärke vor. In der Regel gibt es auf solchen Veranstaltungen ja Mikrofone.

Natürlich ist das stark idealisiert; ich will hier einfach verdeutlichen worauf es mir ankommt, und was ich schmerzlich in der Parteienlandschaft hierzulande vermisse.

Ich würde ja die Grünen wählen, wenn da nicht ein Anton Hofreiter auf den Tisch haute wie am Kneipenstammtisch in bereits leicht angetrunkenem Zustand. Ich könnte mir vorstellen, SPD zu wählen wenn nicht Martin Schulz zwanghaft versuchen würde, bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dreckige CDU-Wäsche zu waschen. Ich könnte mir auch noch vorstellen, CDU zu wählen wenn diese auf Landesebene nicht eben dasselbe Verhalten zeigen würde in jenen Ländern, in denen sie nicht teil einer regierenden Koalition ist. Und auf Bundesebene, so bin ich mir sicher, wäre es exakt dasselbe wenn sie in der Opposition wäre.

Das diese Ausführung überzeichnet ist und vielen Parteimitgliedern Unrecht tut ist mir klar. Das ist aber der Eindruck, den die Parteien als Ganzes vermitteln. Natürlich gibt es einige sympathische Ausnahmen, darunter ein rationaler und besonnener Wolfgang Schäuble, ein weitgehend sympathischer und menschlich auftretender Olaf Scholz oder ein um politischen Konsens bemühter undogmatischer Winfried Kretschmann.

Ich glaube meinen politischen Vorlieben entspricht noch am ehesten die ÖDP. Ich habe zuvor noch nie eine weitgehend chancenlose Kleinpartei gewählt. Dennoch wird dieses, sozial eher in der Mitte angesiedelte und wachstumskritischere Pendant zu den Grünen meine Stimme bekommen, auch wenn ich das konsequente Bekenntnis zur EU bei diesen eher vermisse. Aber wenigstens treten dort die überheblichen, streitlustigen Schreihälse nicht so zu Tage wie in den etablierten Parteien.

Ich freue mich auf Antworten, Anregungen und Meinungen! :-)

Lampróg
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Re: Gibt es unpolemische Parteien in der deutschen Parteienlandschaft?

Beitragvon hafenwirt » Mi 2. Aug 2017, 20:29

Bundestagsdebatten sind das Unwichtigste im politischen Business und dienen nur der Show.

Man ist anwesend, aber eigentlich mit den elektronischen Geräten beschäftigt.
...
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jorikke
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Re: Gibt es unpolemische Parteien in der deutschen Parteienlandschaft?

Beitragvon jorikke » Mi 2. Aug 2017, 20:52

hafenwirt hat geschrieben:(02 Aug 2017, 21:29)

Bundestagsdebatten sind das Unwichtigste im politischen Business und dienen nur der Show.

Man ist anwesend, aber eigentlich mit den elektronischen Geräten beschäftigt.


Dildo?
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Re: Gibt es unpolemische Parteien in der deutschen Parteienlandschaft?

Beitragvon hafenwirt » Do 3. Aug 2017, 07:18

jorikke hat geschrieben:(02 Aug 2017, 21:52)

Dildo?


Hauptsächlich natürlich die Smartphones, Handys, Laptops, Tablets, aber ich halte es für vorstellbar, dass auch Frau Merkel oder jemand anderes damit herumspielt.

Übrigens falsche Begrifflichkeit, mit Dildos sind in der Regel die Elemente ohne Elektronik gemeint, zweiteres sind Vibratoren. ;)
...
lamprog

Re: Gibt es unpolemische Parteien in der deutschen Parteienlandschaft?

Beitragvon lamprog » Do 3. Aug 2017, 11:52

Danke für die Antworten, auch die nicht sachdienlichen! ;-) Mir ging es in erster Linie darum, Dampf abzulassen und selber ein bisschen zu reflekterien, was mir in schriftlicher Form am besten gelingt.

Dass Bundestagsdebatten von vornherein nur der Show dienen sollen ist ein Gedanke, der sich mir so tatsächlich nie aufgedrängt hat, aber ein interessanter Denkanstoß ist; so unbefriedigend das auch erscheinen mag: Es muss doch auch eine transparente Politik möglich sein, die sich an das interessierte und engagierte Publikum richtet und nicht nur an die sensationslüsterne Leserschaft einer bestimmten Art von Boulevardblättern... Für letztere könnte man ja unser Zweikammersystem um eine dritte erweitern, die eigens der Volksbelustigung und der Regenbogenpresse als Futter dient. Dann auch gerne mit Dildos und smartphonedaddelnden Abgeordneten.
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Re: Gibt es unpolemische Parteien in der deutschen Parteienlandschaft?

Beitragvon Maikel » Do 3. Aug 2017, 13:06

lamprog hat geschrieben:(02 Aug 2017, 21:24)
In einer perfekten Welt stelle ich mir ein politisches Leben vor, in dem sich Abgeordnete verschiedener Parteien auf Augenhöhe begegnen und respektvoll und in einem normalen Ton miteinander diskutieren. Parteien unterschiedlicher Couleur versuchen, bei Meinungsverschiedenheiten zu einer konstruktiven Lösung und wenigstens zu einem kleinsten gemeinsamen Nenner zu gelangen.

Ich gehe davon aus, daß solch ein Umgang eher in den Ausschüssen "gepflegt" wird. Dort erfolgt auch die Hauptarbeit bzgl. Ausarbeitung von Gesetzen etc.
Es bleibt aber die Tatsache, daß auch diese Ausschüsse keine reinen Debattierklubs sind; es müssen Ergebnisse geliefert werden. Und um die wird auch gerungen. Es gibt nun mal, leider, keine objektive Sichtweise.

Daß bei "öffentlichkeitswirksamen" Äußerungen jeder Art zugespitzt formuliert wird, gehört mMn. zu einer Demokratie dazu; und wird ggf. durch die Interpretation durch die Medien gefördert.

Ich glaube meinen politischen Vorlieben entspricht noch am ehesten die ÖDP. Ich habe zuvor noch nie eine weitgehend chancenlose Kleinpartei gewählt. Dennoch wird dieses, sozial eher in der Mitte angesiedelte und wachstumskritischere Pendant zu den Grünen meine Stimme bekommen, auch wenn ich das konsequente Bekenntnis zur EU bei diesen eher vermisse. Aber wenigstens treten dort die überheblichen, streitlustigen Schreihälse nicht so zu Tage wie in den etablierten Parteien.

Letzteres mag daran liegen, daß die ÖDP noch nicht so viele Gelegenheiten hatte, etwas falsch zu machen.
Weil sie nie in Regierungsverantwortung war, und auch weit entfernt davon ist.
Sole.survivor@web.de
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Re: Gibt es unpolemische Parteien in der deutschen Parteienlandschaft?

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Sa 2. Sep 2017, 16:01

Die Bundestagsdebatten sind in dem Sinne keine Debatten. Die vorbereiteten Redebeiträge werden allenfalls der Form halber auf das zuvor gesagte angepasst. Im Wesentlichen ist vorhersagbar, wer welches Argument sagt, auch wenn ein geplanter Vorredner mal überraschend wegfällt.

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