"Liberalismus" als Vehikel, den eigenen Markt auszubauen

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Kirchgessner

"Liberalismus" als Vehikel, den eigenen Markt auszubauen

Beitragvon Kirchgessner » Sa 19. Mär 2016, 14:16

Gregor Gysi hat jetzt einen Nachruf aus Guido Westerwelle veröffentlicht. Dort lobt er ihn als Menschen und lobt seine politischen Liberalismus. Auf den ersten Blick reibt man sich verwundert die Augen, ist doch Gysi jetzt nicht in einer Partei, der man so einfach das Etikett "liberal" anheften würde. Das führt zu der Frage: Was verbindet, bzw. verband, eigentlich Westerwelle und Gysi?

Man kann schnell fündig werden: Beides sind Anwälte. Anwälte neigten, wie auch andere "freie Berufe" schon immer in hohem Maße zur FDP und zum "Liberalismus" allgemein.

Warum ist das so?

Da ist zunächst mal das Berufsfeld: Das Kerngeschäft der Anwälte ist die Beratung, Hilfe bei und die Bewätigung sozialer Konflikte. Seien es Strafsachen, Zivilsachen oder Verträge. Es geht um die Regelung und Austarierung gegensätzlicher Interessen und die Hilfe bei rechtlichen Nachteilen (Zivilklagen, Strafprozesse etc.).

Anwälte haben deshalb ein berufsmäßiges Interesse daran, dass sich zwei oder mehrere streiten oder vor Gericht landen. Folglich haben sie ein geschäftsmäßiges Intersse an der Merhung sozialer Konflikte, an der Unüberstilichkeit der Gesellschaft und an der Ausweitung ihrer Geschäftsfelder.

Deshalb sind Anwälte "liberal". Sie befürworten, dass es Konflikte gibt. So war die FDP führend z.B. bei der Scheidungsreform der 70er Jahr in der sozialliberalen Koalition. Nur mehr instabile Ehen generieren neue Anwaltsmandate. Eine Scheidungsreform, welche dann Scheidung zum Alltagsereignis erhebt, ist das ein probates Mittel. Wenn es mehr Scheidungen gibt, haben die Menschen mehr Referenzfälle und Vorbilder und werden mehr Scheidungen initieren, weil Scheidung nicht mehr mit gesellschaftlichem Makel behaftet ist. Das weitet den Markt für Anwälte.

Und hier treffen sich Anwälte wie Gysi und Westerwelle. Das ist der Kern der "Liberalität".

"Liberal" sein heißt keineswegs Zugangshürden zu beseitigen und Marktregularien zu beseitigen. So verteidigen Anwälte natürlich zäh, die BRAGO. "Liberale Berufe" verstecken sich im Allgemeinen hinter Honorarordnungen, um sich vor dem Wettbewer zu schützen.

Wirtschaftsliberal ist man nur gegenüber anderen. So hat man etwas dagegen, dass man für andere zahlen muss und möchte gerne Risiken provatisieren. Nicht mehr das Versicheungsprinzip soll gelten, sondern das Verursacherprinzip. Wer ein höheres Risiko der Arbeitslosigkeit hat, soll auch dafür zahlen. Sprich: Der Handlanger soll mehr dafür zahlen, weil er ein größeres Risiko birgt als der gutsituierte höhere Angestellte.

Liberal sind auch gerne Beamte. Beamtenprivilegien hat die FDP immer zäh verteidigt. Für die anderen, wollte sie immer gerne den Abbau angeblicher Provilegien und die den Rückbau des Sozialstaats. Besonders gerne sind Professoren "liberal" und wirtschaftsliberal. Sie meinen damit nicht sich, sondern andere, die Nichtakademiker. Professoren die aus eine geschützten Position heraus agieren könnne, plädieren auch gerne für mehr Markt und Wettbewerb, und meine damit, dass sie profitablen Nebentätigkeiten nachgehen dürfen. Juristen arbeiten als Anwälte, Lobbyisten oder beraten die Wirtschaft. Manachmal geraten sie in Konflikte mit den freien Berufen, häufiger werden sie von diesen aber engagiert, um Renommee zu gnnerieren oder ihre Amtsbeziehungen zu nutzen. Wie man dieser Tage lesen kann, scheinen Spitzenbeamte aus Schäubles Ministerium sich bei Wirtschafsprüferkanzleien verdingt zu haben, die Steuervorteile ihrer Kunden erstritten haben (cum-ex-Geschäfte).

Summa summarum: Der "Liberalismus" ist eine abgefeimte Masche zur Verteidigung von Privilegen und der Marktposition kleiner privilegierter Gruppen. Dabei geht er "über Leichen", scheut sich nicht, soziale Konfliktfelder zu provozieren und zu ermöglichen. Bürgerrrechte zu verteidigen, die Abwehr staatlicher Bevormundung" hat er nie betreiben. Eher im Gegenteil. Und mehr noch: Heute droht die größte Gefahr für die individuellen Freiheiten von Datenkraken wie Google, Facebook etc. Die Überwachung wird privatisiert. Der Liberalismus steht dabei Pate: Als Wirtschaftsberatung.
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Re: "Liberalismus" als Vehikel, den eigenen Markt auszubauen

Beitragvon Adam Smith » Sa 19. Mär 2016, 14:23

Kirchgessner hat geschrieben:(19 Mar 2016, 14:16)

Summa summarum: Der "Liberalismus" ist eine abgefeimte Masche zur Verteidigung von Privilegen und der Marktposition kleiner privilegierter Gruppen.


Das ist so nicht richtig.

Nicht umsonst fängt die Geschichte des Liberalismus mit dem Verbot aller Gilden und Zünfte an. Der Nachtwächterstaat muß die Menschen daran hindern, Licht in die Wirtschaft zu bringen, sich selber zu organisieren und mittels Boykott und übergreifenden Zusammenschlüssen den Kapitalismus in die Schranken zu weisen.


http://www.dreigliederung.de/liberalismus/glossar.html

Die Autoren der klassischen Nationalökonomie traten politisch für eine Befreiung der Wirtschaftstätigkeiten von allen Beschränkungen des Zunft- und Feudalwesens ein.[6] Gefordert wurden Wettbewerb, Freihandel, das Recht auf Privateigentum und Vertragsfreiheit.[7


https://de.wikipedia.org/wiki/Klassischer_Liberalismus

Liberale sind für einen schlanken Staat und fordern weniger Steuern. Leider werden dann manchmal bestimmte Gruppen bevorzugt behandelt. Das ist aber bei den Linken genauso.
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Re: "Liberalismus" als Vehikel, den eigenen Markt auszubauen

Beitragvon Svi Back » Sa 19. Mär 2016, 14:39

ich wollt auch gerade schreiben, dass du ein sehr verzerrtes Bild von Liberalismus hat.
Und Westerwelle und Gysi verbindet der Beruf und sonst eigentlich nichts.
Kein Vormarsch ist so schwer wie der zurück zur Vernunft.
(B.Brecht)
Kirchgessner

Re: "Liberalismus" als Vehikel, den eigenen Markt auszubauen

Beitragvon Kirchgessner » Sa 19. Mär 2016, 14:57

Ich beschreibe den Liberalismus, wie er heute ist.
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Re: "Liberalismus" als Vehikel, den eigenen Markt auszubauen

Beitragvon HugoBettauer » Mo 21. Mär 2016, 19:04

Gysi schwätzt viel. Der kleine Anwalt aus dem DDR-Adel findet vor allem sich selbst wichtig. Darin passt er zur FDP.
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Re: "Liberalismus" als Vehikel, den eigenen Markt auszubauen

Beitragvon BlueMonday » Di 22. Mär 2016, 14:52

Als Anwalt oder als Steuerberater oder dergl. "neigt" man eher dazu, einen möglichst dichten, möglichst undurchdringlichen Gesetzesdschungel zu begrüßen. Das verbessert ja die Geschäftsbasis ungemein. Mit Liberalismus hat das nichts zu tun.

Was hier angesprochen wird, ist der übliche Etatismus quer durch alle Parteien und Seiten, also den Staat in seinem eigenen Sinne und Interesse in Anschlag zu bringen, sei es um Kosten auf andere abzuwälzen oder sich eben ein Einkommen auf Kosten anderer zu sichern. Das ist ja die Pointe am Staat, sein Sinn und Zweck. Genuinen Liberalismus sollte man nicht innerhalb von Parteien suchen.
But who would build the roads?
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Re: "Liberalismus" als Vehikel, den eigenen Markt auszubauen

Beitragvon Excellero » Di 22. Mär 2016, 15:01

Der klassische Liberalismus ist eine sehr gute Gesellschaftsform. Leider ist das was man heute kennt, kaum noch den Namen wert. Liberal heute heißt mal so mal so und über die Wirtschaftsliberalen brauch ich ja auch nich viel sagen.
Um fremden Wert willig und frei anzuerkennen, muß man eigenen haben.
-Immanuel Kant

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