Kommt der Westen zur Vernunft?

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Hyde
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Re: Kommt der Westen zur Vernunft?

Beitragvon Hyde » Mo 9. Jul 2018, 01:06

Senexx hat geschrieben:(15 Apr 2018, 11:20)

Wir erleben derzeit eine Reihe von Krisen: Trump und die Frage des Protektionismus, Euro-Krise und EU-Krise, die neue Aggressivität von Putin-Russland, die Expansion Chinas mit seinem Aufkaufen der Welt und Aufbau globaler Militärmacht, das Wiedererwachen des Islams, den extremen Migrationsdruck.

Krisen sind nicht nur schlecht, sie haben auch eine positive Seite, denn sie zwingen zur Besinnung und können das Freimachen der Hirne von Flausen befördern.

Die westlichen Hirne sind voller Flausen.

Eine davon hat Francis Fukuyama befördert: Mit seiner naiven Vorstellung vom "Ende der Geschichte", der kindischen Vorstellung vom Siegeszug der liberalen westlichen Gesellschaft und der Freiheit. Dabei hat er nur aufgenommen, was man in vom Nachkriegssiegeszug der westlichen Gesellschaften verwirrten Gesellschaften so gedacht hat. Die postmodernistischen Strömungen wie die Grünen sind ein Ausfluss dieser Hybris. Antimodernismus kann nur gedeihen in saturierten sozialen Strata. Das dämliche Geschwätz von der "Friedensdividende" ist so eine Denkfigur, die zu falschen Entscheidungen geführt hat.

Nun haben wir an allen Ecken und Kanten heftige Krisen. Die Frage ist nun, welche Schlussfolgerungen man nun daraus zieht?


Ich würde erstmal die Frage in den Raum werfen, ob wir heute wirklich mehr Krisen haben als früher? Oder nimmt man sie wegen der Globalisierung nur stärker wahr? Oder verklärt man im Rücktritt die Vergangenheit?

Selbst die Neunziger (das Jahrzehnt nach dem Ende des Kalten Krieges) hatten doch genügend Krisen: Jugoslawien-Kriege, zweiter Golfkrieg, afghanischer Bürgerkrieg, tiefe Wirtschaftskrisen in Osteuropa und Asien, Flüchtlingskrisen und massive fremdenfeindliche Ausschreitungen in Deutschland, Massenarbeitslosigkeit (insbesondere in Ostdeutschland), generell Umbrüche nach der Wende, Völkermord in Ruanda, Hungersnot in Nordkorea mit Millionen Toten, etc.

Und im neuen Jahrtausend ging es dann gleich weiter mit Terroranschlägen, Irakkrieg, Rekord-Massenarbeitslosigkeit in Deutschland, etc.

In die Zeit vor dem Ende des Kalten Krieges will ich gar nicht erst zurückgehen, da stand die Welt ja sowieso oft genug am Abgrund.

Ich würde also sagen: Krisen hat es immer zur Genüge gegeben, und die Krisen werden uns auch in kommenden Jahrzehnten nicht ausgehen.
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Re: Kommt der Westen zur Vernunft?

Beitragvon Hyde » Mo 9. Jul 2018, 01:42

schokoschendrezki hat geschrieben:(31 May 2018, 14:26)

Vollzieht sich der Sieg von Liberalismus und Demokratie einfach nach einem quasimarktwirtischaftlichen System notwendig und "wie von selbst", wie von einer unsichtbaren Hand geleitet?


Früher oder später ja, würde ich mal behaupten. Die Entwicklung ist nicht immer geradlinig, aber in der Tendenz eindeutig.
Bei technischem Fortschritt ist es ja so, dass jede neue Generation (an Wissenschaftlern, Ingenieuren etc) auf dem Wissen und den Errungenschaften der Vorgängergenerationen aufbaut - und so wird die Technik und Wissenschaft immer weiterentwickelt.

Ähnlich ist es auch im gesellschaftlichen Bereich. Jede Generation ist weiter entwickelt als die vorherige, weil sie auf vorherigen (sozialen) Errungenschaften aufbauen kann. Somit verbessert sich nicht nur die Technik immer weiter, sondern auch der Mensch verbessert sich immer weiter. Die heutige junge Generation ist weltoffener, toleranter, gebildeter, gewaltfreier, weniger homophob und weniger autoritär als die Elterngeneration. Und die Elterngeneration wiederum war schon toleranter, gebildeter und weniger autoritär als die Großelterngeneration, usw.

Damit werden die Voraussetzungen für demokratische Entwicklung von Generation zu Generation verbessert. So ein Prozess (zunehmende Demokratisierug) verläuft natürlich nie ganz geradlinig oder ohne Rückschläge (es wird immer temporäre Gegenbewegungen geben), aber die langfristige Richtung ist klar.


Es ist in keinster Weise absehbar, dass der ökonomische und technologische Aufstieg Chinas ein vorläufiges Ende findet und ebensowenig, dass sich die Menschenrechtslage dort im selben Maße verbessert (oder auch nur nicht weiter verschlechtert). Da gibt es offenbar weder eine Kausalität noch eine Korrelation.


Warten wir mal ab, es gibt eigentlich immer eine Korelation, dass mit steigendem Lebensstandard auch das Bedürfnis der Bevölkerung nach Partizipation und Menschenrechten steigt. Ist ja auch logisch: wenn man nicht mehr seine ganze Energie 24h am Tag auf die Erfüllung seiner Grundbedürfnisse verwenden muss (überleben, genug zu Essen haben), dann hat man Zeit sich, auch um die sekundären Bedürfnisse mehr zu kümmern.

Übrigens, allein schon der Kapitalismus (bzw. die wirtschaftlichen Zwänge) sorgt für mehr gesellschaftlichen Fortschritt: denn Kapitalismus/Wirtschaft verlangt bestmögliche Bildung (und Bildung wiederum fördert Partizipation und Menschenrechte) und zum Beispiel verlangt er auch bestmögliche Einbindung der Frauen in den Arbeitsmarkt, zwecks besserer ökonomischer Potentialnutzung.
In Saudi Arabien sieht man das gerade sehr gut, wie Kapitalismus und wirtschaftliche Zwänge geradezu zu gesellschaftlicher Modernisierung zwingen.

Je besser es China wirtschaftlich geht, umso schwieriger wird es also werden, die Bevölkerung gefügig und hörig zu halten. Denn Wohlstand geht mit dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung einher...die dann wiederum den Wohlstand weiter fördert. Das sind quasi positive gegenseitige Rückklopplungsprozesse.
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Re: Kommt der Westen zur Vernunft?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 9. Jul 2018, 07:53

Hyde hat geschrieben:(09 Jul 2018, 02:42)
Je besser es China wirtschaftlich geht, umso schwieriger wird es also werden, die Bevölkerung gefügig und hörig zu halten. Denn Wohlstand geht mit dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung einher...die dann wiederum den Wohlstand weiter fördert. Das sind quasi positive gegenseitige Rückklopplungsprozesse.

Aber genau das, dieses "Bedürfnis nach Selbstbestimmung", läuft logisch gesehen eigentlich einer Zwangsläufigkeit und dem Wirken einer "unsichtbaren Hand" entgegen. Dass materieller Wohlstand eine Befreiung von existenziellen Nöten bewirkt und damit überhaupt erst einen Freiraum für Bildung, Ingenieurwesen, Kunst etc. schafft, ist erstmal klar. Aber dann: Wenn der Mensch ab einem gewissen Wohlstands-Niveau tatsächlich die Frage nach der Selbstbestimmtheit stellt ... In einer Hochtechnologie-Gesellschaft wie der japanischen wollen die Menschen - mal vereinfacht gesagt - vorwiegend in Städten leben, keine Kinder mehr bekommen, keine ausländische Butter und keine ausländischen Arbeitskräfte sehen. Die Folge sind Absurditäten wie Butterrationierung und gleichzeitig Pflegeroboter aus der Welt von Übermorgen. Die gesellschaftliche Entwicklung ist nur noch sehr schwer prognostizierbar.
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Re: Kommt der Westen zur Vernunft?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 9. Jul 2018, 08:08

Hyde hat geschrieben:(09 Jul 2018, 02:06)

Ich würde erstmal die Frage in den Raum werfen, ob wir heute wirklich mehr Krisen haben als früher? Oder nimmt man sie wegen der Globalisierung nur stärker wahr? Oder verklärt man im Rücktritt die Vergangenheit?

Selbst die Neunziger (das Jahrzehnt nach dem Ende des Kalten Krieges) hatten doch genügend Krisen: Jugoslawien-Kriege, zweiter Golfkrieg, afghanischer Bürgerkrieg, tiefe Wirtschaftskrisen in Osteuropa und Asien, Flüchtlingskrisen und massive fremdenfeindliche Ausschreitungen in Deutschland, Massenarbeitslosigkeit (insbesondere in Ostdeutschland), generell Umbrüche nach der Wende, Völkermord in Ruanda, Hungersnot in Nordkorea mit Millionen Toten, etc.

Und im neuen Jahrtausend ging es dann gleich weiter mit Terroranschlägen, Irakkrieg, Rekord-Massenarbeitslosigkeit in Deutschland, etc.

In die Zeit vor dem Ende des Kalten Krieges will ich gar nicht erst zurückgehen, da stand die Welt ja sowieso oft genug am Abgrund.

Ich würde also sagen: Krisen hat es immer zur Genüge gegeben, und die Krisen werden uns auch in kommenden Jahrzehnten nicht ausgehen.


Das ist vollkommen richtig. Sowohl mit Leuten, die eher links wie auch mit Leuten, die eher rechts ticken streite ich mich um dieses Krisenwahrnehmungsthema. Zunächst einmal gilt es, ganz nüchtern und objektiv die weltweite Entwicklung bestimmter Phänomene zu erfassen. Welthunger und Gewalt weltweit werden als sehr bedrohlich wahrgenommen. Das sind sie auch. Und dennoch hat beides in den letzten 50 Jahren insgesamt abgenommen. Dass in Norwegen ein Rentnerehepaar möglicherweise irgendwann nicht zwei sondern nur ein Elektro-SUV besitzen wird ist eben mit dem Faktor 5 Millionen zu bewichten. Und dass es in China keine Massenhungerkatastrophen mehr gibt mit dem Faktor 1379 Millionen.

Das Ende ist nah. Und das ist erst der Anfang.
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