Neues von der Mitleidsindustrie

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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon H2O » Sa 10. Mär 2018, 21:41

zollagent hat geschrieben:(10 Mar 2018, 21:27)

DAS bestreitet Keiner. Genau hinschauen muß jeder sorgfältig. Nur wird mit diesem widerlichen Begriff jedwede humanitäre Hilfe diffamiert.


Dagegen wehre ich mich hier ja auch als flächendeckendem Begriff. Denn es ist ja genau so widerlich, wenn Bettler schwerste Behinderungen vortäuschen, um mein hartes Herz zu erweichen, oder Organisationen... selbst sehr bekannte... auf meine Tränendrüsen drücken, um eine riesigen und von mir gar nicht mehr überprüfbaren Apparat am Laufen zu halten. Da wende ich mich auch ab, womöglich sogar zu Unrecht. Ich möchte letztlich urteilsfähig bleiben.
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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon zollagent » So 11. Mär 2018, 11:19

H2O hat geschrieben:(10 Mar 2018, 21:41)

Dagegen wehre ich mich hier ja auch als flächendeckendem Begriff. Denn es ist ja genau so widerlich, wenn Bettler schwerste Behinderungen vortäuschen, um mein hartes Herz zu erweichen, oder Organisationen... selbst sehr bekannte... auf meine Tränendrüsen drücken, um eine riesigen und von mir gar nicht mehr überprüfbaren Apparat am Laufen zu halten. Da wende ich mich auch ab, womöglich sogar zu Unrecht. Ich möchte letztlich urteilsfähig bleiben.

Das liegt an dir, da hinzusehen und Unterscheidungen zu treffen.
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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon H2O » So 11. Mär 2018, 11:26

zollagent hat geschrieben:(11 Mar 2018, 11:19)

Das liegt an dir, da hinzusehen und Unterscheidungen zu treffen.


Das ist bei großen Organisationen schon Wirtschaftsprüfern fast unmöglich; für Otto Normalverbraucher aus zu schließen. Die Folge davon ist auch klar: Nichts dort, wo mir schon von der Größe her jedes Gefühl für den Verbleib von Mitteln verloren geht.
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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon zollagent » So 11. Mär 2018, 11:27

H2O hat geschrieben:(11 Mar 2018, 11:26)

Das ist bei großen Organisationen schon Wirtschaftsprüfern fast unmöglich; für Otto Normalverbraucher aus zu schließen. Die Folge davon ist auch klar: Nichts dort, wo mir schon von der Größe her jedes Gefühl für den Verbleib von Mitteln verloren geht.

Auch das ist dir unbenommen.
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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon H2O » So 11. Mär 2018, 12:23

zollagent hat geschrieben:(11 Mar 2018, 11:27)

Auch das ist dir unbenommen.

Die Gedanken, sie sind frei... :)
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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon Kleinlok » So 11. Mär 2018, 13:03

zollagent hat geschrieben:(10 Mar 2018, 20:32)

Du magst das sehen, wie du möchtest. Für mich ist das nichts weiter als ein Schlechtreden von humanitären Aktivitäten. Widerlich ist die Rohheit und Feindseligkeit, die aus deinen Worten spricht. Zivilisierte Menschen sollten weiter sein.



Mir geht es nicht um ein Schlechtreden von humanitärer Hilfe, sondern um eine m.E. sehr berechtigte und notwendige Kritik an der vielen unehrlichen Politik, die da in diesem Bereich der versuchten humanitären Hilfe erfolgt. Diese Unehrlichkeit ist unfair den Spendern bzw. potentiellen Spendern gegenüber, die unter Auslassung einer eigentlichen Problemerkennung bzw. Problemanalyse in erster Linie auf die Bildung sentimentaler Mitleidseffekte setzen, die miese Gefühle in Richtung moralischer Verpflichtung und Hilflosigkeit bei den so umworbenen Spendern erzeugen können. Wer nicht spendet soll sich schlecht fühlen- das ist scheiße!

Die wirklichen Schweine versauen derweil ungehindert weiter die Welt, werfen Bomben auf Kinderheime, verdienen sich an den Flugzeugen die diese Bomben werfen und den Bomben, die da geworfen werden dumm und dämlich, sie roden Regenwälder, saugen Erdölfelder leer und bomben sich auch mal schnell eben die Trasse für eine neue Pipeline her.

Und das machen sie schon seit Jahrzehnten, weil eine korrupte Politik dieses miese Spiel zulässt und befördert und viele Hilfsorganisationen trauen sich nicht in diesem Saustall Farbe zu bekennen, werden somit (wenn auch unfreiwillig) zu Helfershelfern des ganzen Schwachsinns, dessen Folgen sie beklagen und therapieren wollen. Sie doktern somit nur an den Symptomen der vielen globalen Probleme, machen nichts oder zu wenig gegen die Ursachen und klemmen sich politisch alle Eier ab.

Die Spendenbettelbriefe sind fast immer unisono eine Mischung aus Wegschauen von den Ursachen, Drücken auf die Tränendrüsen und versuchte Moralisierung der Gutbürger, während man feige die Betrüger und Kriegstreiber ungeschoren weitermachen lässt. das ist nicht nur unfair den Spendern sondern auch den Opfern der miesen Politik gegenüber, denen diese Organsiationen angeblich oder real helfen wollen.
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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon zollagent » So 11. Mär 2018, 13:07

Kleinlok hat geschrieben:(11 Mar 2018, 13:03)

Mir geht es nicht um ein Schlechtreden von humanitärer Hilfe,...

Die wirklichen Schweine versauen derweil ungehindert weiter die Welt, werfen Bomben auf Kinderheime, verdienen sich an den Flugzeugen die diese Bomben werfen und den Bomben, die da geworfen werden dumm und dämlich, sie roden Regenwälder, saugen Erdölfelder leer und bomben sich auch mal schnell eben die Trasse für eine neue Pipeline her.

....

Das wirst du mit einem Schlechtreden von Hilfeleistern nicht abstellen können.
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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon zollagent » So 11. Mär 2018, 13:08

H2O hat geschrieben:(11 Mar 2018, 12:23)

Die Gedanken, sie sind frei... :)

Mir liegt nichts daran, Gedankenfreiheit einzuschränken. Ich hätte halt gern, daß die Gedanken aufgrund von Denken entstehen. ;)
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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon H2O » So 11. Mär 2018, 14:49

zollagent hat geschrieben:(11 Mar 2018, 13:08)

Mir liegt nichts daran, Gedankenfreiheit einzuschränken. Ich hätte halt gern, daß die Gedanken aufgrund von Denken entstehen. ;)

Da geht so mancher Anlauf in die Hose!
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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon Kleinlok » Mi 28. Mär 2018, 10:42

zollagent hat geschrieben:(11 Mar 2018, 13:07)

Das wirst du mit einem Schlechtreden von Hilfeleistern nicht abstellen können.


Das wollen wir erst mal sehen. ;)

Mit bequemen Schweigen ist mit Sicherheit niemanden geholfen
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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 28. Mär 2018, 12:39

Ich glaube, einer der Denkfehler in dieser Diskussion besteht darin, grundsätzliche Kritik mit der Forderung nach Abschaffung (und nicht der nach Reformierung) gleichzusetzen.
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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon zollagent » Do 29. Mär 2018, 11:34

schokoschendrezki hat geschrieben:(28 Mar 2018, 13:39)

Ich glaube, einer der Denkfehler in dieser Diskussion besteht darin, grundsätzliche Kritik mit der Forderung nach Abschaffung (und nicht der nach Reformierung) gleichzusetzen.

Das hängt von dem ab, der kritisiert. Es sind leider zu viele unterwegs, die genau diese Abschaffung wollen.
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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon schokoschendrezki » Do 29. Mär 2018, 12:01

zollagent hat geschrieben:(29 Mar 2018, 12:34)

Das hängt von dem ab, der kritisiert. Es sind leider zu viele unterwegs, die genau diese Abschaffung wollen.


Also die Autorin des im Eingangsbeitrag vorgestellten Buchs will das nicht. Sie ist Journalistin und sagte in einem Interview - völlig berechtigterweise - es sei nicht ihre Aufgabe, Werbung für Hilfsorganisationen zu machen. Aufgabe des Journalismus ist es, unnachgiebig kritisch zu sein. Und dazu kann sehr wohl auch gehören, ein Buch zu schreiben, in welchem eben die negativen Seiten eines Problems beleuchtet werden. Jede notwendige kritische Debatte würde unterbleiben, wenn man sich auf Passagen berufen könnte, in denen stünde, was so alles an Positivem auch geleistet wird.
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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon zollagent » Fr 30. Mär 2018, 18:19

schokoschendrezki hat geschrieben:(29 Mar 2018, 13:01)

Also die Autorin des im Eingangsbeitrag vorgestellten Buchs will das nicht. Sie ist Journalistin und sagte in einem Interview - völlig berechtigterweise - es sei nicht ihre Aufgabe, Werbung für Hilfsorganisationen zu machen. Aufgabe des Journalismus ist es, unnachgiebig kritisch zu sein. Und dazu kann sehr wohl auch gehören, ein Buch zu schreiben, in welchem eben die negativen Seiten eines Problems beleuchtet werden. Jede notwendige kritische Debatte würde unterbleiben, wenn man sich auf Passagen berufen könnte, in denen stünde, was so alles an Positivem auch geleistet wird.

Auch hier wieder, Kritik und Abschaffung sind zwei paar Stiefel. Und wenn ich diesen Strang hier durchlese und auch die Überschrift mit dem Schlagwort "Mitleidsindustrie" sehe, dann wird da einfach nur suggeriert, zumindest in den Beiträgen hier, daß dies einfach nur Täuschung und Betrug sei. Wirkliche Notlagen, die dann auch der Hilfe bedürfen, scheint es da in den Augen einiger Diskutanten nicht zu geben.
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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon schokoschendrezki » Di 3. Apr 2018, 12:16

zollagent hat geschrieben:(30 Mar 2018, 19:19)

Auch hier wieder, Kritik und Abschaffung sind zwei paar Stiefel. Und wenn ich diesen Strang hier durchlese und auch die Überschrift mit dem Schlagwort "Mitleidsindustrie" sehe, dann wird da einfach nur suggeriert, zumindest in den Beiträgen hier, daß dies einfach nur Täuschung und Betrug sei. Wirkliche Notlagen, die dann auch der Hilfe bedürfen, scheint es da in den Augen einiger Diskutanten nicht zu geben.

Anlässlich der Fußball-WM 2006 in Deutschland wurden in Zusammenarbeit mit FIFA und SOS-Kinderdörfer für - ich glaube - so um die 800 Kinder neue Kinderdörfer weltweit gebaut. Das hört sich erstmal gut an. Ich behaupte: Aktionen wie diese sollen eine der schmutzigsten und korruptesten Organisationen weltweit mit einem Überzug von Gutherzigkeit bemänteln. In gewisser Hinsicht ein Fall von Missbrauch. Der Betrag, der für diese Kinderdörfer aufgebracht wurde, ist nichts gegen allein die Korruptionsmillionen, die der südamerikanische Odebrecht-Baukonzern anlässlich der Fußball-WM in Brasilien eingesteckt hat. Millionen, die dem Staat für den Bau von Schulen und Krankenhäusern fehlen. Kritik an solchen Organisationen hilft Bedürftigen am Ende mehr als Wohlwollen.
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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon zollagent » Di 3. Apr 2018, 15:31

schokoschendrezki hat geschrieben:(03 Apr 2018, 13:16)

Anlässlich der Fußball-WM 2006 in Deutschland wurden in Zusammenarbeit mit FIFA und SOS-Kinderdörfer für - ich glaube - so um die 800 Kinder neue Kinderdörfer weltweit gebaut. Das hört sich erstmal gut an. Ich behaupte: Aktionen wie diese sollen eine der schmutzigsten und korruptesten Organisationen weltweit mit einem Überzug von Gutherzigkeit bemänteln. In gewisser Hinsicht ein Fall von Missbrauch. Der Betrag, der für diese Kinderdörfer aufgebracht wurde, ist nichts gegen allein die Korruptionsmillionen, die der südamerikanische Odebrecht-Baukonzern anlässlich der Fußball-WM in Brasilien eingesteckt hat. Millionen, die dem Staat für den Bau von Schulen und Krankenhäusern fehlen. Kritik an solchen Organisationen hilft Bedürftigen am Ende mehr als Wohlwollen.

Diese Verwerflichkeit der Korruption sehe ich ebenso. Und das gehört auch ausgeräuchert. Die Aktion der SOS-Kinderdörfer sehen die Kinder, die dort eine Heimat gefunden haben, sicher anders.
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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon Billie Holiday » Sa 7. Apr 2018, 08:30

Ich spende ausschließlich dem THW.
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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Mo 9. Apr 2018, 15:08

Kleinlok hat geschrieben:(11 Mar 2018, 13:03)
Die Spendenbettelbriefe sind fast immer unisono eine Mischung aus Wegschauen von den Ursachen, Drücken auf die Tränendrüsen und versuchte Moralisierung der Gutbürger, während man feige die Betrüger und Kriegstreiber ungeschoren weitermachen lässt. das ist nicht nur unfair den Spendern sondern auch den Opfern der miesen Politik gegenüber, denen diese Organsiationen angeblich oder real helfen wollen.

Das musst du funktional betrachten. Die Mailings werden oft von externen Agenturen mit Umsatzbeteiligung durchgeführt. Die kaufen die Adressdateien zusammen, die basteln am Wording und der Präsentation. Jede sachliche Kritik an politischen, von Menschen gemachten Ursachen kann da nur im Weg sein. Bei der Spendenmaximierung geht es darum, dem Appell möglichst keine abschreckenden oder ausschließenden Hinweise hinzuzugesellen. Lieber große Schrift als viele Details. Der Spender soll emotional gepackt werden. Wenn er ins Grübeln kommt, ist er schnell bei alternativen Spendemöglichkeiten, findet die Argumentation doof, sich selbst und sein tun und lassen hinterfragt oder immerhin in seinem Meinen nicht abgeholt. Dann ist das Mailing auch schon im Hausmüll und die Chance vertan.
Lieber noch einen Koala und ein hungriges Kind, vielleicht noch eine verbundene Person im Krankenbett, bloß nichts ekliges.
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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 23. Apr 2018, 09:20

Mir war übrigens bis vor kurzem (als ich nämlich das Radio-Feature "Weltverbesserer 2.0" (http://www.deutschlandfunkkultur.de/radio-feature-die-bewegung-des-effektiven-altruismus.976.de.html?dram:article_id=400278) hörte) ... noch gar nicht richtig klar, dass es eine jüngere, von Unternehmern wie Facebook-Mitgründer Moskovitz oder von Akademikern wie MacAskill oder Peter Singer initiierte und vor allem über Soziale Netzwerke verbreitete regelrechte soziale Bewegung namens "Effektiver Altruismus" gibt.

Zentraler Punkt dabei ist, das "Gutmenschentum" sozusagen zu rationalisieren. Es von einem moralischen Akt auf eine völlig nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung zu reduzieren. Moralisches Handeln zu verwissenschaftlichen. Mac Askill wurde mit seinem Buch "Doing Good Better" zur zentralen Figur dieser Bewegung.

Aber erstens: Auch die "effektiven Altruisten" - schon vom Namen her allen Ideologien unverdächtig - kommen zu dem Schluss, dass große Organisationen wie Save the Children, SOS Kinderdörfer oder Oxfam eben gerade nicht effektiv sind. Und man sich - wenn man denn Geld spenden will - überlegen sollte, wie man es eben effektiv einsetzt. Es werden auch direkt berechenbare Kennziffern für diese Effektivität angegeben.

Und zweitens und vielleicht noch wichtiger: Wenn ich so über (in dem Feature vorgestellte) Extrembeispiele nachdenke. Etwa ein Medizinstudent, der dann doch lieber Finanzwirtschaft studierte, um später in der Schweiz einen Haufen Geld zu verdienen und davon sage und schreibe 60 Prozent an Hilfsorganisationen spendet. (Das Konzept nennt sich: "Earning To Give". Möglichst hochbezahlte Jobs anzunehmen, um möglichst viel Geld zu spenden) ... Ich halte das für kurzsichtig. Für ein Ausweichen vor der ziemlich komplexen Frage, welche Auswirkungen etwa die Schweizer Finanzwirtschaft auf die wirtschaftliche Lage armer Länder hat.

Und natürlich gibt es einen fundamentalen Widerspruch: Der effektivste Altruismus, wenn man ihn einfach nur an den "eingebrachten Geldmengen" misst ... wäre wohl die Einführung des politischen Systems Chinas. Gemessen an dem reinen Wohlstandssprung für hunderte Millionen ehemals bitterarmer Menschen ist die "Effektivität" der effektiven Altruisten dagegen mehr oder weniger gleich Null.
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Re: Neues von der Mitleidsindustrie

Beitragvon relativ » Mo 23. Apr 2018, 09:31

H2O hat geschrieben:(11 Mar 2018, 11:26)

Das ist bei großen Organisationen schon Wirtschaftsprüfern fast unmöglich; für Otto Normalverbraucher aus zu schließen. Die Folge davon ist auch klar: Nichts dort, wo mir schon von der Größe her jedes Gefühl für den Verbleib von Mitteln verloren geht.

Je größer die NGO umso mehr fließst in deren Verwaltung, kann man sich als Faustregel merken. Man sollte immer genau hinschauen für was und wieviel von dem gespendeten Geld auch wirklich ankommen. Vertrauen ist gut, aber wer häufiger spendet, oder dauerhaft, sollte sich schon im klaren sein wohin er spendet.
Spenden sind sehr wichtig, auch wenn es natürlich Scharlatane gibt, was ja auch "normal" ist, dann da wo Geld fließst sind auch Kriminelle schon immer allzu nicht weit.
Die Hilfe auf Grund dessen einzustellen wäre m.M. fatal, da es meist diese ist, die viele dieser Menschen in Not, noch an Ort und Stelle hält und ihnen Chancen anbieten kann.
Viele Chancen und Hilfe geht auch wegen der Machtpolitik in diesen regionen verloren, enorm wichtig ist sie m.M. trotzdem.

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