Die entkolonialisierte Sicht der Weltkarte - Gerechte Verteilung und Präsenz?

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King Kong 2006
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Die entkolonialisierte Sicht der Weltkarte - Gerechte Verteilung und Präsenz?

Beitragvon King Kong 2006 » Mo 20. Mär 2017, 21:06

Wenn man sich Bilder von Weltkarten aus den USA ansieht, sieht man oft den Amerikanischen Kontinent in der Mitte. Im Osten Europa, dann ein harter Schnitt und Ende. Im Westen sieht man Asien (wie man sieht ist das auch nur eine Ansichtssache, was "Westen" und "Osten" ist, entpolitisiert sozusagen). Eine zerschnittene Weltkarte. Unsinnig, aber die USA in der Mitte. Das Reich der Mitte. Auf anderen Weltkarten ist Europa in der Mitte. Ist ja aus europäischer Sicht auch völlig logisch. Schon recht in Kolonialzeiten. Dabei hielt und hält sich ja China als Reich der Mitte auf deren Karten ist meist China in der Mitte, wenigstens werden da die Kontinente nicht zerschnitten. Der Osten ist für sie die USA. Auch hält sich das Kalifat und oder für die Muslime Mekka um das sich sprichwörtlich alles dreht für den Nabel der Welt. Je nach Kultur hält sich so manches Völkchen für den Mittelpunkt der Erde. Bei einer grafischen Darstellung würden sie sich wohl zentralisiert darstellen.

In den USA wird jetzt wieder eine Weltkarte herausgekramt - von einem Deutschen - der die geografischen Verhältnisse an die realen Umstände angepasst darstellen soll. Die asiatische Landmasse ist nicht mehr zerschnitten und die Flächen der Kontinente und somit Staaten ist der Realität entsprechender. Erstaunend in der Relation, wie groß Afrika wirklich ist. Und China und Indien. Insgesamt "wird" die sogenannte 2. und 3. Welt größer und Nordamerika, Europa und Russland deutlich kleiner. Ist das in der Korrelation in der Bedeutung in der Gegenwart Asiens zum "Westen"? (z.B. „Die Rückkehr Asiens. Das Ende der westlichen Dominanz“ von Kishore Mahbubani)

Man mag meinen, ist doch eh egal, aber solch eine Darstellung ist mutig. Und die Verschiebung der Darstellung. Wie wichtig das ist sieht man wie gesagt daran, daß die USA sich gerne in der Mitte der Weltkarte sehen. Solche Fragen können existentieller und streitsüchtiger sein, als man denkt. Und die Sicht auf die Dinge verändern, siehe die Schüler.

Maßstabsgetreue Kontinente

US-Schüler lernen mit neuer Weltkarte

Europa und die USA schrumpfen, Indien und Australien wachsen: Die Bostoner Schulbehörde will Kindern zeigen, wie die Welt wirklich aussieht - und verabschiedet sich von der Standardweltkarte.


So erscheint Grönland etwa gleich groß wie Afrika, obwohl der afrikanische Kontinent in Wahrheit gut 14-mal größer ist. Schweden wirkt dreimal so groß wie Indien, dabei weist es nur ein Siebtel von dessen Landfläche auf.

In öffentlichen Schulen in Boston wird deshalb neuerdings eine andere, maßstabsgetreuere Weltkarte verwendet: Im Vergleich zur Mercator-Karte sind die USA und Europa darauf geschrumpft, Afrika und Lateinamerika schmaler, aber länger. Und Deutschland liegt nicht mehr in der Mitte der Karte, sondern im Norden.

"Die Mercator-Projektion zeigt Europa als Zentrum der Welt", sagt Colin Rose, der bei der Bostoner Schulbehörde für das Pilotprojekt zuständig ist. Mit den neuen Weltkarten wolle man "den Lehrplan entkolonialisieren" und nicht mehr nur die "weiße Sicht der Geschichte" zeigen.


Die Weltkarte, die nun in Boston zum Einsatz kommt, geht auf den Bremer Historiker und Hobby-Kartograf Arno Peters zurück. Er versuchte in den Siebzigerjahren, Mercators Verzerrung mit seiner "Peters-Projektion" auszugleichen. Anders als Mercator ließ er die Abstände zwischen den Breitengraden zum Äquator hin anwachsen.

Als er seine Karte 1973 der Öffentlichkeit präsentierte, urteilte die Deutsche Gesellschaft für Kartografie, sie zeige "groteske Deformierungen der einzelnen Erdteile" und die Kontinente sähen aus, "als wären sie aus zerlaufenem Soft-Eis". Trotzdem konnte Peters Kirchen und Uno-Organisationen für seine Karte begeistern und auch ein Atlas wurde gedruckt.


In Boston bekommen die Schüler im Unterricht nun die Kartenversionen von Mercator und Peters vorgelegt. Die ersten Reaktionen seien erstaunlich gewesen, sagt eine Lehrerin. "Es war spannend zu sehen, wie die Schüler plötzlich infrage gestellt haben, was sie bisher zu wissen glaubten."

http://www.spiegel.de/lebenundlernen/sc ... 39537.html
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Re: Die entkolonialisierte Sicht der Weltkarte - Gerechte Verteilung und Präsenz?

Beitragvon Perdedor » Di 21. Mär 2017, 01:02

Naja. Die Wahl zwischen einer winkelgetreuen (z.B. Marcator) oder flächengetreuen (z.B. Peters) Darstellung hat nichts mit Kolonialismus zu tun.
Winkeltreue ist für die Navigation wichtig. Im schulischen Kontext mag Flächentreue wichtiger sein, aber die Petersprojektion ist doch ziemlich verzerrt und macht die Wiederekennung von Formen schwieriger. Besser wären da nicht-zylindrische Projektionen, z.B. Eckert IV
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/ ... ion_SW.jpg
Siehe https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_map_projections
Hier sind Längengrade aber leider keine Geraden mehr. Die perfekte Projektion einer Kugeloberfläche auch eine Ebene ist eben nicht möglich.

Die Frage nach der Zentrierung ist davon unabhängig und natürlich ist es nicht sinnvoll eine Landmasse zu durchschneiden. Ebenso wäre es nicht sinnvoll die Pole nicht oben bzw unten darzustellen. Demnach muss der Äquator immer in der vertikalen Mitte sein, unabhängig von der historischen Relevanz der Region.
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Re: Die entkolonialisierte Sicht der Weltkarte - Gerechte Verteilung und Präsenz?

Beitragvon Quatschki » Di 21. Mär 2017, 07:21

Da gibt es noch was viel genialeres. Nennt sich Globus!
In seiner digitalen Form auch Google Earth
Sollte man denen in Boston vielleicht mal sagen?

Da versteht man auch, warum die Flugzeuge nach Amerika alle auf so (auf der flachen Karte komisch krummen) Routen über Grönland und das Polargebiet fliegen
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Re: Die entkolonialisierte Sicht der Weltkarte - Gerechte Verteilung und Präsenz?

Beitragvon Perdedor » Di 21. Mär 2017, 12:48

Quatschki hat geschrieben:Da gibt es noch was viel genialeres. Nennt sich Globus!


Der passt aber nicht in den Schulranzen.
Ein Globus ist als Ergänzung im Unterricht sinnvoll, ersetzt aber nicht den Weltatlas. Die Frage nach der Darstellung bleibt also.
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Re: Die entkolonialisierte Sicht der Weltkarte - Gerechte Verteilung und Präsenz?

Beitragvon Quatschki » Di 21. Mär 2017, 13:03

Perdedor hat geschrieben:(21 Mar 2017, 12:48)

Der passt aber nicht in den Schulranzen.
Ein Globus ist als Ergänzung im Unterricht sinnvoll, ersetzt aber nicht den Weltatlas. Die Frage nach der Darstellung bleibt also.

Eine dreidimensionale Erd-Visualisierung passt in jedes Handy.
Papieratlanten sind eine aussterbende Gattung genau wie Lexika

Und die Weltkarten in unseren Schulatlanten hatten alle gekrümmte Meridiane. Vermittelnde Netzentwürfe mit hoher flächentreue
Ungefähr so:
http://www.welt-karte.com/plan/weltkarte-lander/
Die Mercator-Projektion mit grotesk vergrößerten Polarregionen kannte ich eigentlich nur aus Vorkriegs-Atlanten. Keine Ahnung, warum die Amerikaner diese Darstellung beibehalten haben.
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Re: Die entkolonialisierte Sicht der Weltkarte - Gerechte Verteilung und Präsenz?

Beitragvon Perdedor » Di 21. Mär 2017, 13:40

Quatschki hat geschrieben:Papieratlanten sind eine aussterbende Gattung genau wie Lexika


Lexika wurden in der Schule nie verwendet.
Wie lange es dauert bis Atlanten (an der Schule) sinnvoll durch digitale Karten ersetzt können werden ist abzuwarten. Vorerst spielen Atlanten noch eine wichtige Rolle.

Quatschki hat geschrieben:Und die Weltkarten in unseren Schulatlanten hatten alle gekrümmte Meridiane.


Ja. Der Diercke Weltatlas nutze für die Übersichtskarte die Winkel Tripel Darstellung.
Sicherlich ein guter Kompromiss (der allerdings weder Winkel- noch Flächentreu ist).
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Re: Die entkolonialisierte Sicht der Weltkarte - Gerechte Verteilung und Präsenz?

Beitragvon King Kong 2006 » Do 6. Jul 2017, 08:02

Neben der geografischen Präsenz wächst die ökonomische.

Die Bedeutung des Westens schrumpft

Die globalen Gewichte verschieben sich: Seit dem ersten G20-Treffen von 1999 sinkt der Beitrag der etablierten Industrienationen zur Weltwirtschaft kontinuierlich. Klare Gewinner sind nur zwei Nationen.


Besonders eindrucksvoll ist die Entwicklung Chinas von 7,1 Prozent auf 17,6 Prozent und Indiens (von 4,23 auf 7,3 Prozent). Die beiden asiatischen Mächte sind die einzigen Länder, die klar an Gewicht gewinnen konnten.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/g20-la ... 55920.html
Wenn man zuviel weiß, wird es immer schwieriger, einfache Entscheidungen zu treffen.
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