Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

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keinproblem
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Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon keinproblem » Mi 5. Dez 2018, 17:07

Die Franzosen sind zu einem erschütternd großen Teil nicht mit ihrer Regierung zufrieden, so unzufrieden, dass ~280.000 Menschen sich auf den Straßen für ein anderes besseres Frankreich einsetzen wollten.
Du Ursache ist wohl klar, nämlich die zunehmende Verarmung innerhalb der französischen Bevölkerung während wenige Charaktere ihr Vermögen rasant vermehren.

Heute habe ich von den Forderungen der Gelbwesten gelesen und finde ihre Ambitionen im Kern äußerst sympatisch (ohne zu behaupten, auch nur ein Viertel davon würde umgesetzt werden). Der Großteil zielt auf die ökonomische Politik der vergangenen Jahre ab.
Was ist denn eure Meinungen dazu?
Findet ihr, dass diese Forderungen auch in Deutschland (unser Niedriglohnsektor war 2010 fast 4x so hoch) artikuliert werden sollten, bzw. ist das bei der Anzahl prekär beschäftigter überhaupt zu vermeiden oder wird sich der wirtschaftlich verursachte Unmut weiterhin in Ressentiments gegen Andersdenkende aufladen?

Abgeordnete Frankreichs, wir übermitteln Ihnen die Direktiven des Volkes, damit Sie diese in Gesetze umsetzen.

Abgeordnete, verschaffen Sie unserer Stimme Gehör in der Nationalversammlung!

Folgen Sie dem Willen des Volkes! Setzen Sie diese Direktiven durch:

Null Obdachlosigkeit: DRINGEND.

Mehr Progression bei der Einkommenssteuer, das heißt, mehr Stufen.

Mindestlohn von 1.300 Euro netto.

Förderung der kleinen Geschäfte in den Dörfern und Stadtzentren. Einstellung des Baus von großen Einkaufszentren um die Großstädte herum, die den Einzelhandel abwürgen, und mehr kostenlose Parkplätze in den Stadtzentren.

Isolierung von Wohnungen im großen Maßstab, um die Ökologie mit Einsparungen in den Haushalten voranzubringen.

Steuern: die GROSSEN (McDonald´s, Google, Amazon, Carrefour ...) sollen GROSS zahlen und die Kleinen (Handwerker, Klein- und Mittelbetriebe) zahlen KLEIN.

Ein einheitliches System der Sozialversicherung für alle (Handwerker und kleine Selbständige eingeschlossen). Abschaffung der Selbständigen-Sozialversicherung (RSI).

Das Rentensystem muss solidarisch bleiben und demzufolge vergesellschaftet werden. Keine Rente nach Punkten.

Schluss mit der Erhöhung der Treibstoffsteuer.

Keine Rente unter 1.200 Euro.

Jeder gewählte Abgeordnete hat das Recht auf den Medianlohn. Seine Reisekosten werden überwacht und, soweit begründet, erstattet. Recht auf Restaurant- und Urlaubsgutscheine.

Die Löhne aller Franzosen sowie die Renten und Leistungen sind entsprechend der Inflation zu indexieren.

Schutz der französischen Industrie: Verbot von Verlagerungen. Schutz unserer Industrie bedeutet Schutz unseres Know-hows und unserer Arbeitsplätze.

Schluss mit der Arbeitnehmerentsendung. Es ist nicht normal, dass jemand, der auf französischem Territorium arbeitet, nicht den gleichen Lohn und die gleichen Rechte erhält. Jede Person, die autorisiert ist, auf französischem Territorium zu arbeiten, ist einem französischen Staatsbürger gleichzustellen und ihr Arbeitgeber muss für sie die gleichen Abgaben entrichten wie ein französischer Arbeitgeber.

Zur Sicherung der Beschäftigung: Befristete Arbeitsverträge in großen Unternehmen stärker begrenzen. Wir wollen mehr unbefristete Verträge.

Abschaffung der „Steuergutschrift für die Förderung des Wettbewerbs und der Beschäftigung“, CICE (1). Nutzung dieser Gelder zur Förderung einer französischen Wasserstoffauto-Industrie (wirklich ökologisch, anders als Elektroautos).

Ende der Austeritätspolitik. Einstellung von Zinszahlungen auf illegitim eingeschätzte Schulden und Beginn der Schuldentilgung – ohne auf das Geld der Armen und weniger Armen zurückzugreifen, sondern durch Aufspüren der 80 Milliarden an Steuerhinterziehungen.

Abstellung der Ursachen für erzwungene Migration.

Korrekte Behandlung von Asylbewerbern. Wir schulden ihnen Wohnraum, Sicherheit, Ernährung sowie Bildung für die Minderjährigen. Zusammenarbeit mit der UNO zur Einrichtung von Empfangslagern in zahlreichen Ländern der Welt in Erwartung des Ergebnisses des Asylverfahrens.

Rückführung abgelehnter Asylbewerber in ihr Ursprungsland.

Umsetzung einer tatsächlichen Integrationspolitik. In Frankreich zu leben heißt, Franzose/Französin zu werden – Französisch-Kurse, Kurse in französischer Geschichte und in staatsbürgerlicher Bildung mit Abschlusszeugnis am Ende der Kurse.

Festlegung eines Maximallohns von 15.000 Euro.

Schaffung von Arbeitsplätzen für Arbeitslose.

Erhöhung der Leistungen für Personen mit Behinderungen.

Begrenzung der Mieten. Mehr Wohnungen mit gemäßigten Mieten – insbesondere für Studenten und prekär Beschäftigte.

Verbot des Verkaufs von Grundstücken und Einrichtungen, die sich im Eigentum Frankreichs befinden – Talsperren, Flughäfen und so weiter.

Konsequente zur Verfügung Stellung von Mitteln für Justiz, Polizei, Gendarmerie und Armee. Bezahlung oder Freizeitausgleich von Überstunden der Ordnungskräfte.

Einsatz aller Mauteinnahmen für den Unterhalt der Autobahnen und Landstraßen Frankreichs sowie für die Straßenverkehrssicherheit.

Da die Gas- und Strompreise seit der Privatisierung gestiegen sind, wünschen wir, dass beides wieder in die öffentliche Hand kommt und die Preise entsprechend gesenkt werden.

Sofortiger Stopp der Einstellung kleiner Bahnstrecken, der Abschaffung von Postämtern und der Schließung von Schulen und Entbindungsstationen.

Wohlergehen für ältere Menschen. Verbot der Gewinnerzielung auf Kosten älterer Menschen. Statt „Graues Gold“ „Graues Wohlergehen“.

Maximal 25 Schüler pro Klasse von der Vorschule bis zur Abschlussstufe.

Bereitstellung notwendiger Mittel für die Psychiatrie.

Volksentscheide sind in die Verfassung aufzunehmen. Schaffung einer lesbaren und effizienten Website, überwacht durch ein unabhängiges Kontrollorgan, auf der Menschen Gesetzesvorschläge einbringen können. Wenn ein solcher Vorschlag 700.000 Unterschriften erhält, ist er von der Nationalversammlung zu diskutieren, zu ergänzen und gegebenenfalls mit Änderungsvorschlägen zu versehen. Die Nationalversammlung ist zu verpflichten, ihn – ein Jahr nach dem Stichtag der Erlangung der 700.000 Unterschriften – der Gesamtheit der Franzosen zur Abstimmung vorzulegen.

Rückkehr zu einem 7-Jahres-Mandat für den Präsidenten der Republik. Die Wahl der Abgeordneten zwei Jahre nach der Wahl des Präsidenten wird dem Präsidenten der Republik ein positives oder negatives Signal hinsichtlich
seiner Politik übermitteln. Dies wird dazu beitragen, der Stimme des Volkes Gehör zu verschaffen.

Rente mit 60 Jahren. Recht auf Rente mit 55 Jahren für alle Personen, die schwer körperlich arbeiten – beispielsweise Maurer oder Schlachthausarbeiter.

Verlängerung des Systems der Zuschüsse für Kinderbetreuung (Pajemploi) über das 6. Lebensjahr hinaus bis zum 10. Lebensjahr des Kindes.

Förderung des Schienengütertransports.

Kein Quellensteuerabzug.

Schluss mit den lebenslangen Bezügen für Altpräsidenten.

Verbot der Erhebung einer Gebühr von Händlern für die Zahlung per Kreditkarte durch deren Kunden.

Besteuerung von Schiffsdiesel und Kerosin


(Streitereien über einzelne Punkte sind unerwünscht, der Strang behandelt die Forderungen als Anhäufung diverser Grundsatzpositionen, die auf den aktuellen und absehbaren Zustand der BRD zu beziehen sind)

Die Farbe rot ist diesem Forum dem Vorstand für Mitteilungen vorbehalten und wurde daher hier durch mich geändert. Moses
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Re: Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon Tom Bombadil » Mi 5. Dez 2018, 17:13

Da fällt mir der Klassiker zu ein:

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Re: Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon Skull » Mi 5. Dez 2018, 17:15

Ich halte NICHTS davon, ein Lahm Land zu legen, um bestimmte politische Wünsche oder Forderungen zu formulieren.

Es gibt Wahlen...und es gibt gewählte Volksvertreter. Manchmal auch Volksabstimmungen.

Die Franzosen haben diesen Staatspräsidenten und das Parlament in GROSSER Mehrheit gewählt.
FÜR Reformen und für eine gewisse Liberalisierng und Flexiblisierung.
Sie wussten, wofür Her Macron und seine Bewegung steht. DESWEGEN wurde er auch gewählt.

Und in Deutschland sehe ich NOCH weniger Gründe "lautstark" aufzubegehren...

Für oder gegen was auch immer. :p

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Re: Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon keinproblem » Mi 5. Dez 2018, 17:21

Tom Bombadil hat geschrieben:(05 Dec 2018, 17:13)

Da fällt mir der Klassiker zu ein:


Verstehe ich nicht, steht doch in der neunten Zeile.
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Re: Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon Quatschki » Mi 5. Dez 2018, 17:22

Ich denke mal, den Wunschzettel kann man so an den Weihnachtsmann weiterleiten...

Nein, im Ernst:
Für jeden einzelnen Punkt könnte man einen eigenen Strang eröffnen.
Für die meisten gibt es ja schon welche.
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Re: Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon Vongole » Mi 5. Dez 2018, 17:27

keinproblem hat geschrieben:(05 Dec 2018, 17:21)

Verstehe ich nicht, steht doch in der neunten Zeile.


Und das steht in deinem Eingangspost:
(Streitereien über einzelne Punkte sind unerwünscht, der Strang behandelt die Forderungen als Anhäufung diverser Grundsatzpositionen, die auf den aktuellen und absehbaren Zustand der BRD zu beziehen sind)

Damit erübrigt sich eigentlich jegliche Diskussion.
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Re: Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon keinproblem » Mi 5. Dez 2018, 17:28

Skull hat geschrieben:(05 Dec 2018, 17:15)

Ich halte NICHTS davon, ein Lahm Land zu legen, um bestimmte politische Wünsche oder Forderungen zu formulieren.

Es gibt Wahlen...und es gibt gewählte Volksvertreter. Manchmal auch Volksabstimmungen.

Die Franzosen haben diesen Staatspräsidenten und das Parlament in GROSSER Mehrheit gewählt.
FÜR Reformen und für eine gewisse Liberalisierng und Flexiblisierung.
Sie wussten, wofür Her Macron und seine Bewegung steht. DESWEGEN wurde er auch gewählt.

Und in Deutschland sehe ich NOCH weniger Gründe "lautstark" aufzubegehren...

Für oder gegen was auch immer. :p

mfg


Wenn man Länder wie Litauen oder Rumänien mal außen vorlässt, ist dtl. Niedriglohnsektor der größte der EU. Findest du das soft? Nimmt die prekäre Beschäftigung nicht zu? Wer sollte sich deiner Meinung nach um die ganzen Arbeitnehmer kümmern, die in den kommenden Dekaden das Rentenalter erreichen?
Offensichtlich ist ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung nicht mit dieser Konzeption des Modells "repräsentativen Demokratie" einverstanden und verlangen glasklar mehr Volksentscheide, sollte das nicht haltbar für eine selbsternannte Demokratie sein?
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Re: Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon keinproblem » Mi 5. Dez 2018, 17:30

Vongole hat geschrieben:(05 Dec 2018, 17:27)

Und das steht in deinem Eingangspost:

Damit erübrigt sich eigentlich jegliche Diskussion.

Die Implikation, man könne die ganze Liste in den Papierkorb schmeißen, weil das mit dem aktuellen Staatshaushalt nicht machbar ist, ist doch vollkommen absurd wenn in selbiger Liste klar aufgeführt ist, dass der Staatshaushalt radikal geändert werden muss.
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Re: Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon Quatschki » Mi 5. Dez 2018, 17:37

keinproblem hat geschrieben:(05 Dec 2018, 17:28)

Wenn man Länder wie Litauen oder Rumänien mal außen vorlässt, ist dtl. Niedriglohnsektor der größte der EU. Findest du das soft? Nimmt die prekäre Beschäftigung nicht zu? Wer sollte sich deiner Meinung nach um die ganzen Arbeitnehmer kümmern, die in den kommenden Dekaden das Rentenalter erreichen?

In Tschechien beträgt der Mindestlohn für Vollzeittätgkeit bei knapp 500 EUR
Und das liegt geografisch quasi in der Mitte zwischen Berlin und München
Trotzdem gibt es weniger Armut und soziale Verwahrlosung als in deutschen Metropolen.
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Re: Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon Vongole » Mi 5. Dez 2018, 17:41

keinproblem hat geschrieben:(05 Dec 2018, 17:30)

Die Implikation, man könne die ganze Liste in den Papierkorb schmeißen, weil das mit dem aktuellen Staatshaushalt nicht machbar ist, ist doch vollkommen absurd wenn in selbiger Liste klar aufgeführt ist, dass der Staatshaushalt radikal geändert werden muss.


Genau so absurd ist es, ein Konglomerat teilweise wirtschaftlich absurder Vorstellungen mit Gewalt erzwingen zu wollen.
Weder in Frankreich noch hier machbar und/oder erwünscht.
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Re: Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon keinproblem » Mi 5. Dez 2018, 17:50

Vongole hat geschrieben:(05 Dec 2018, 17:41)

Genau so absurd ist es, ein Konglomerat teilweise wirtschaftlich absurder Vorstellungen mit Gewalt erzwingen zu wollen.
Weder in Frankreich noch hier machbar und/oder erwünscht.

Die eigenen Interessen zu Beginn einer Verhandlung einfach mal ungeschält auf den Tisch zu hauen ist gewaltsamer Zwang? Was denkst du was es in den Bürgern auslöst auf die ihre Zeit und Mühe aufgebracht haben von ihrem Protestrecht gebrauch zu machen, nur um zu registrieren wie uninteressant das für die Obrigkeit ist? Und viel wichtiger: Was sagt es über Demokratie aus, wenn 280.000 Menschen sich auf Straße wagen und ihre Position damit abgetan wird, dass nur gewählte Abgeordnete zu entscheiden haben und der gewalttätige Pöbel ohnehin nur Randinteressen vertritt, auf die man selbstredend nicht einzugehen braucht.
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Re: Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon BlueMonday » Mi 5. Dez 2018, 17:51

Nur der übliche etatistische Wahn. Den gibt es schon zur Genüge auch hierzulande. Die Franzosen waren in der Beziehung noch nie Vorbild. Aber wenn's denn unbedingt französisch sein muss, vielleicht mal Landsmann Bastiat lesen: http://bastiat.de/bastiat/schriften/staat.html
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Re: Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon keinproblem » Mi 5. Dez 2018, 17:54

Quatschki hat geschrieben:(05 Dec 2018, 17:37)

In Tschechien beträgt der Mindestlohn für Vollzeittätgkeit bei knapp 500 EUR
Und das liegt geografisch quasi in der Mitte zwischen Berlin und München
Trotzdem gibt es weniger Armut und soziale Verwahrlosung als in deutschen Metropolen.

Kann man denn in Deutschland genauso viel mit 500€ anfangen wie in der Tschechei?
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Re: Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon H2O » Mi 5. Dez 2018, 17:54

keinproblem hat geschrieben:(05 Dec 2018, 17:21)

Verstehe ich nicht, steht doch in der neunten Zeile.


Klar, irgend jemand soll bezahlen; nur das Ergebnis hat keiner dieser Wutknochen durchgerechnet. Auch hat niemand abseits jeder Sachkenntnis und der Zusammenhänge etwas zu fordern; jeder Abgeordnete und Minister ist dem Recht und seinem Gewissen verpflichtet.

Allerdings sehe ich auch einen entscheidenden Mangel: Das Wahlvolk wird nicht in Erklärstunden auf die Zusammenhänge von Maßnahmen hingewiesen, und auf die Folgen, wenn man alles so läßt, wie es sich so herausgebildet hat. Das hatte Präsident Macron in seinem Wahlkampf in wohltuend klarer Sprache vorgetragen und damit vermutlich auch die Zustimmung seiner Wähler gewonnen. Der Rückfall in die gewohnte Regierungsweise ohne jede Zuwendung und gedankliche Auseinandersetzung mit den Wählern ist eine ziemlich dumme Vorgehensweise.

Unsere Bundeskanzlerin ist diesem Muster ebenfalls gefolgt, und so war fast jede ihrer Entscheidungen "alternativlos". Das kann sogar zutreffen, bleibt aber ein ziemlich volksfernes Verfahren der Entscheidungsfindung. Dabei gilt es noch nicht einmal, eine lästige Opposition in Schach zu halten, sondern es geht darum, die Mitbürger wieder und wieder zu gewinnen und sie ernst zu nehmen.

Präsident Macron hatte sich in seinem Wahlkampf für das öffentliche Gespräch mit dem europäischen Bürger stark gemacht. Dieser Vorschlag hatte ihm und Frankreich viele Sympathien bei jenen Menschen eingetragen, denen das europäische Projekt eine Herzensangelegenheit ist. Was ist daraus geworden? Erkennbar gar nichts!

Das nenne ich in diesem Rahmen "Politikversagen"... keine französische Besonderheit. Eine große Zahl ganz gewöhnlicher französischer Mitbürger drückt ihre Unzufriedenheit mit dieser selbstherrlichen Regierungsführung aus; daß sich bei solchen Gelegenheiten dann Strolche in diese Schar einreihen, das kennen wir von fast jedem Bundesligaspiel... nichts Besonderes!
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Re: Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon Tom Bombadil » Mi 5. Dez 2018, 17:56

Die Liste liest sich eben so, als hätte da jeder wahllos seinen Wunsch reinwerfen dürfen, der eine will 1300 € Netto-Mindestlohn, der andere 1200 € Mindestrente, ein anderer will billigen Sprit, der nächste wieder billige Wohnungen. Sowas funktioniert nicht, weil es nicht gegenfinanzierbar ist, auch dann nicht, wenn man die Großen groß schröpft, denn bei den Kleinen soll es ja die Steuersenkung sein.
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Re: Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon Tom Bombadil » Mi 5. Dez 2018, 17:58

keinproblem hat geschrieben:(05 Dec 2018, 17:50)

Und viel wichtiger: Was sagt es über Demokratie aus, wenn 280.000 Menschen sich auf Straße wagen...

Ja? Was denn? Frankreich hat über 65.000.000 Einwohner.
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Re: Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon Vongole » Mi 5. Dez 2018, 18:02

keinproblem hat geschrieben:(05 Dec 2018, 17:50)

Die eigenen Interessen zu Beginn einer Verhandlung einfach mal ungeschält auf den Tisch zu hauen ist gewaltsamer Zwang? Was denkst du was es in den Bürgern auslöst auf die ihre Zeit und Mühe aufgebracht haben von ihrem Protestrecht gebrauch zu machen, nur um zu registrieren wie uninteressant das für die Obrigkeit ist? Und viel wichtiger: Was sagt es über Demokratie aus, wenn 280.000 Menschen sich auf Straße wagen und ihre Position damit abgetan wird, dass nur gewählte Abgeordnete zu entscheiden haben und der gewalttätige Pöbel ohnehin nur Randinteressen vertritt, auf die man selbstredend nicht einzugehen braucht.


Welcher Verhandlungen? Zum angebotenen Termin sind die Gelbwesten ja nicht erschienen.
Demonstrationen sind ein demokratisches Recht, seine Vorstellungen mittels brachialer Gewalt gegen Menschen und Sachen durchsetzen zu wollen, dagegen nicht.
Wer so "demonstriert", wird das bei Erfolg wieder versuchen, bis er den Staat demontiert hat.
Macron hat Zugeständnisse gemacht, die Demonstranten fordern einen kompletten Politikwechsel nach ihren Vorstellungen.
Glaubst du wirklich, dass der so gelingt? Ich nicht.
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Re: Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon H2O » Mi 5. Dez 2018, 18:03

Tom Bombadil hat geschrieben:(05 Dec 2018, 17:56)

Die Liste liest sich eben so, als hätte da jeder wahllos seinen Wunsch reinwerfen dürfen, der eine will 1300 € Netto-Mindestlohn, der andere 1200 € Mindestrente, ein anderer will billigen Sprit, der nächste wieder billige Wohnungen. Sowas funktioniert nicht, weil es nicht gegenfinanzierbar ist, auch dann nicht, wenn man die Großen groß schröpft, denn bei den Kleinen soll es ja die Steuersenkung sein.


Diese Kritik ist aber etwas einfach angelegt; wie kann man denn "durchgerechnete Konzepte" von verärgerten Bürgern erwarten, die zu keiner erkennbaren politischen Sacharbeit oder Parteiarbeit zusammen gelaufen sind, außer um ihrer Verärgerung Luft zu machen. Gewalttäter sind dabei ein besonderes Kapitel, das uns auch nicht ganz fremd ist. Nein, man muß sich schon aufraffen und heraus finden, was hinter diesem ungeordneten Wust an Forderungen steckt.
Zuletzt geändert von H2O am Mi 5. Dez 2018, 18:14, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon Wähler » Mi 5. Dez 2018, 18:06

keinproblem hat geschrieben:(05 Dec 2018, 17:07)
Heute habe ich von den Forderungen der Gelbwesten gelesen und finde ihre Ambitionen im Kern äußerst sympatisch (ohne zu behaupten, auch nur ein Viertel davon würde umgesetzt werden). Der Großteil zielt auf die ökonomische Politik der vergangenen Jahre ab.
Was ist denn eure Meinungen dazu?
Findet ihr, dass diese Forderungen auch in Deutschland (unser Niedriglohnsektor war 2010 fast 4x so hoch) artikuliert werden sollten, bzw. ist das bei der Anzahl prekär beschäftigter überhaupt zu vermeiden oder wird sich der wirtschaftlich verursachte Unmut weiterhin in Ressentiments gegen Andersdenkende aufladen?
(Streitereien über einzelne Punkte sind unerwünscht, der Strang behandelt die Forderungen als Anhäufung diverser Grundsatzpositionen, die auf den aktuellen und absehbaren Zustand der BRD zu beziehen sind)

Dass soziale Bewegungen immer stärker an die Stelle von Parteien und Gewerkschaften treten, könnte auch hier in Deutschland an Bedeutung gewinnen. Allerdings könnten auch die traditionellen Parteien und Gewerkschaften grenzüberschreitend für eine koordinierte Sozialpolitik auf EU-Ebene eintreten.
So könnten vielleicht auch Anregungen aus den national unterschiedlichen Sozialstaatssystemen von einem Land ins andere sachgerecht transportiert werden. Gewalttätige Demonstrationen sind allerdings undemokratisch und abzulehnen.
Zeitungstexte bei Genios mit Bibliotheksausweis kostenlos: https://www.wiso-net.de/login?targetUrl=%2Fdosearch (Zugang auch bundesweit)
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Re: Forderungen der Gelbwesten - Vorbild für Deutschland?

Beitragvon Quatschki » Mi 5. Dez 2018, 18:09

keinproblem hat geschrieben:(05 Dec 2018, 17:54)

Kann man denn in Deutschland genauso viel mit 500€ anfangen wie in der Tschechei?

Lebenshaltungskosten.
Da liegt irgendwo der Trick
internationale Markenartikel, Elektronik, Handys, Neuwagen, Auslandsreisen etc. alles genauso teuer oder teurer als in D,
aaber Wohnen, Energie, Wasser, ÖPNV, Grundnahrungsmittel, Versicherungen, Schule, Kita, Krankenhaus, Gebühren für dies oder jenes - also die Sachen, die man unbedingt an Ausgaben hat
und wo auch der Staat steuern kann, sind entsprechend bezahlbar oder es gibt zumindest immer eine Alternative, die auch für Leute mit wenig Geld bezahlbar ist, ohne irgendwohin betteln gehen zu müssen, stigmatisiert und ausgegrenzt zu werden.

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