Warum ich Demokratie hasse

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zollagent
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon zollagent » Di 23. Okt 2018, 10:11

Letzter_Hippie hat geschrieben:(23 Oct 2018, 01:48)

Kannst Du es denn? Kannst Du etwas anderes als die immergleichen Einwürfe von wegen "braunrechts"? ;)

Ja, ich kann es. Was glaubst du, worauf meine "Einwürfe" gründen?
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ThorsHamar
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon ThorsHamar » Di 23. Okt 2018, 10:49

Betrachter hat geschrieben:(23 Oct 2018, 08:50)

Politik, also Staatsgewalt, ist nötig, um die Gegensätze der Interessen im "sozialen Frieden" zu halten. Wo kämen wir denn hin, wenn sich Menschen, die den gesellschaftlichen Reichtum erarbeiten, an diesem bedienen würden?


... dann würden bald alle "rübermachen" ...

btw. Politik ist nicht Staatsgewalt.
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon Letzter_Hippie » Di 23. Okt 2018, 11:16

Tomaner hat geschrieben:(21 Oct 2018, 12:48)

Nehmen wir doch mal nur die Fakten. die Wirtschaft läuft gut, wir sind nahe an Vollbeschäftigung. Die Vermögen ohne Grundstückbesitz, der Deutschen sind seit Wende nahezu verdreifacht auf jetzt 6000 Milliarden und dies ohne wesentliche Inflation. So nebenbei erwähnt von Rechten, Deutschland zahle für alle armen EU Länder kann so also nicht stimmen, sonst könnten sich unser Vermögen nicht so nach oben schießen. Das wirkliche Problem dürfte dann also sein, wie ist dieses vermögen verteilt und ist dies gerecht. SPD führte Mindeslohn ein und jetzt Krankenkassenparität und wirkt an Mietpreisbremse mit. Alles Dinge die etwas von Oben nach Unten verteilen und wird dafür brutalst abgestraft. Auch das Geschrei einer AfD stimmt so nicht, denn bei Kriminalitätsstatistiken, sind Morde, Gewalttaten und auch Vergewaltigungen rückläufig auf 30 Jahren betrachtet.


Ich glaube diese Thesen nicht wirklich. Und nein, ich bestreite sie auch nicht - ich hab lediglich die Statistken nicht selber gefälscht. ;) Ernsthaft, ich hab aus dem beruflichen Umfeld viele Dinge gehört, die nicht so zu der blühenden Wirtschaft passen wollen, und ich sehe im Alltag eine immer mehr zunehmende Rücksichtslosigkeit, Respektlosigkeit, Egoismen - was auch nicht recht zu einer sinkenden Kriminaitätsstatistik passt.

Interessanter wäre, herauszufinden, warum die Leute mit der SPD so unzufrieden sind. Konkret die klassische Stammwählerschaft, die austauschbar abhängig Beschäftigten. Das könntest aber eher Du mir sagen, weil Du dahin bestimmt bessere Kontakte hast.
Ich weiss nur, dass es nicht hilft, auf irgendwelche Daten oder Statistiken zu verweisen, sondern -das ist im Consulting so, das ist in der therapeutischen Arbeit so, und das ist hier bestimmt auch so- man muss schauen, was für Bedenken da sind, und diese, auch wenn sie irrational sein mögen, erstmal ernstnehmen und drauf eingehen.

Dennoch sind viele Leute unzufrieden und gehen weit nach rechts und da bleibe ich dabei, eine AfD hat da keine Antworten und Lösungen und vertritt die Interessen der abhängig Beschäftigten nicht. Weder bei Gewerkschaften und versuchten Verbesserungen, noch bei Steuerrecht (Versteuerung von Nachtschichtzulagen), auch nicht bei Sozialen und bei Rente haben sie noch nicht mal einen Plan.


Dass sie noch keinen rechten Plan haben, das dürfte zutreffen. Aber das hilft uns nicht weiter, denn die Leute sind unzufrieden, und wollen vor allem erstmal in ihrer Unzufriedenheit ernst genommen werden - alles andere kommt später.
Was ich aber nicht verstehe, ist, wie Du darauf kommst, dass die AfD die Arbeitnehmer nicht vertritt. Das sind doch ihre Wähler - wen sonst sollte sie vertreten? Die AfD hat doch keine Industrielobby hinter sich, der sie sich erkenntlich zeigen müsste (wie die traditionellen konservativen Parteien), sondern kriegt von allen Seiten Prügel.

So stellt sich mir doch mal die schlichte Frage, was wollen die Leute wirklich[...]
Unsewre Demokratie in die Tonne treten, für eine Katze im Sack?


Das sehe ich so nicht, und ich kann auch nicht nachvollziehen, wie man eine angebliche Demokratiefeindlichkeit der AfD begründen wollte. Im Gegenteil, wenn die AfDler überhaupt einen Plan haben, dann gehört ganz sicher dazu, die abendländischen Werte zu verteidigen - und die Demokratie ist nunmal ein ganz wichtiger Aspekt dieser Werte.

Ich höre dazu nur immer die Befürchtungen: boah, das sind Nazis, und Nazis wollen doch die Demokratie abschaffen! Rational kann man das nicht nachvollziehen, sondern dahinter steht die geschichtliche Schuld der Deutschen, wegen derer man "der Anfänge wehren" will - weswegen man ganz empfindlich auf das guckt was von vermeintlich "rechts" kommt - aber wenn ein Linker öffentlich Konzentrationslager für politische Gegner fordert, dann hat man damit überhaupt kein Problem (und löscht sogar hier im Forum sofort alle Links auf die betreffende Pressemitteilung). Ich finde das ziemlich kurzsichtig.
Zuletzt geändert von Letzter_Hippie am Di 23. Okt 2018, 11:23, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon Letzter_Hippie » Di 23. Okt 2018, 11:16

zollagent hat geschrieben:(23 Oct 2018, 11:11)

Ja, ich kann es. Was glaubst du, worauf meine "Einwürfe" gründen?


Das frag ich mich schon lange.
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon zollagent » Di 23. Okt 2018, 12:05

Letzter_Hippie hat geschrieben:(23 Oct 2018, 12:16)

Das frag ich mich schon lange.

Eben darauf. Sich selbst als progressiv zu sehen, hilft da nicht viel.
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon schokoschendrezki » Di 23. Okt 2018, 12:18

Letzter_Hippie hat geschrieben:(23 Oct 2018, 12:16)
Was ich aber nicht verstehe, ist, wie Du darauf kommst, dass die AfD die Arbeitnehmer nicht vertritt. Das sind doch ihre Wähler - wen sonst sollte sie vertreten? Die AfD hat doch keine Industrielobby hinter sich, der sie sich erkenntlich zeigen müsste (wie die traditionellen konservativen Parteien), sondern kriegt von allen Seiten Prügel.

Leute wie Alexander Gauland machen vielleicht in jüngerer Zeit opportunistisch ein wenig auf "Arbeiterführer", gehören aber in eine völlig, vollkommen andere soziale Ecke. In das traditionelle konservative Großbürgertum.
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon Letzter_Hippie » Di 23. Okt 2018, 12:21

Uffhausen hat geschrieben:(21 Oct 2018, 21:09)

Erstmal: Was ist "miese" bzw. "gute Qualität"? Gibt es da allgemein gültige Richtlinien oder bestimmen darüber einzig persönliche Vorlieben?


Danke, Uffhausen, sehr lohnender Beitrag (auf den aber wahrscheinlich kaum jemand eingehen wird).

Zu "armen" Menschen - nun, bei allen aus meinem persönlichem Umfeld bekannten Fällen, die entweder Hartz-4 empfangen oder nur schwer von ihrer Arbeit, bzw. verschiedenen Arbeiten leben können, muss ich ganz ehrlich sagen, erkenne ich einzig und allein, dass sie sich "weigern", ihren Lebensstil ihren finanziellen Mitteln anzupassen. Tut mir leid, aber wenn's UNBEGINGT eine Riesen-Flachbildfernseher sein muss, oder Handy und Laptop von Apple, ständig neue Marken-Klamotten, wenn man das immer teurer werdende Rauchen nicht einstellen will, wenn man kurze Strecken partout nicht laufen will [...]

"Armen" Menschen bin ich misstrauisch gegenüber. Z. B. habe ich mal vor Jahren spontan den Selbstversuch gestartet und einem Trio von Obdachlosen, die vor der Sparkasse rumlümmelten (aber nicht bettelten) ein paar belegte Brötchen und süße Stückle beim naheliegenden Bäcker gekauft. Als ich es ihnen anbot, guckten sie mich an, als käme ich vom Mond. Einer warf mir die Brötchentüte vor die Füße und meinte, ich sollte ihnen lieber eine Kiste Bier spenden, wenn ich doch so sozial wäre.


Genau solche und ähnliche Erfahrungen hab ich auch gemacht. Aber dann auch: wenn man solche Verhaltensweisen anmahnt und auf die Möglichkeit der Selbstbeschränkung verweist, wird man ganz schnell als asozial und anmaßend beschimpft, gern auch als "nazi", und es wird einem erklärt, man würde diesen Menschen unrecht tun.

Ich hatte auch mal die hippietypischen Ideen, man könnte ja zB eine Kommune begründen und die Dinge im eigenen Kreis etwas besser machen. Dazu ist es nie gekommen, weil ich bei den meisten Interessierten auch genau diese beschriebene Anspruchsmentaität bemerkte - und so kann das nicht funktionieren.
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon Tomaner » Di 23. Okt 2018, 12:39

Letzter_Hippie hat geschrieben:(23 Oct 2018, 12:16)

Ich glaube diese Thesen nicht wirklich. Und nein, ich bestreite sie auch nicht - ich hab lediglich die Statistken nicht selber gefälscht. ;) Ernsthaft, ich hab aus dem beruflichen Umfeld viele Dinge gehört, die nicht so zu der blühenden Wirtschaft passen wollen, und ich sehe im Alltag eine immer mehr zunehmende Rücksichtslosigkeit, Respektlosigkeit, Egoismen - was auch nicht recht zu einer sinkenden Kriminaitätsstatistik passt.

Interessanter wäre, herauszufinden, warum die Leute mit der SPD so unzufrieden sind. Konkret die klassische Stammwählerschaft, die austauschbar abhängig Beschäftigten. Das könntest aber eher Du mir sagen, weil Du dahin bestimmt bessere Kontakte hast.
Ich weiss nur, dass es nicht hilft, auf irgendwelche Daten oder Statistiken zu verweisen, sondern -das ist im Consulting so, das ist in der therapeutischen Arbeit so, und das ist hier bestimmt auch so- man muss schauen, was für Bedenken da sind, und diese, auch wenn sie irrational sein mögen, erstmal ernstnehmen und drauf eingehen.



Dass sie noch keinen rechten Plan haben, das dürfte zutreffen. Aber das hilft uns nicht weiter, denn die Leute sind unzufrieden, und wollen vor allem erstmal in ihrer Unzufriedenheit ernst genommen werden - alles andere kommt später.
Was ich aber nicht verstehe, ist, wie Du darauf kommst, dass die AfD die Arbeitnehmer nicht vertritt. Das sind doch ihre Wähler - wen sonst sollte sie vertreten? Die AfD hat doch keine Industrielobby hinter sich, der sie sich erkenntlich zeigen müsste (wie die traditionellen konservativen Parteien), sondern kriegt von allen Seiten Prügel.



Das sehe ich so nicht, und ich kann auch nicht nachvollziehen, wie man eine angebliche Demokratiefeindlichkeit der AfD begründen wollte. Im Gegenteil, wenn die AfDler überhaupt einen Plan haben, dann gehört ganz sicher dazu, die abendländischen Werte zu verteidigen - und die Demokratie ist nunmal ein ganz wichtiger Aspekt dieser Werte.

Ich höre dazu nur immer die Befürchtungen: boah, das sind Nazis, und Nazis wollen doch die Demokratie abschaffen! Rational kann man das nicht nachvollziehen, sondern dahinter steht die geschichtliche Schuld der Deutschen, wegen derer man "der Anfänge wehren" will - weswegen man ganz empfindlich auf das guckt was von vermeintlich "rechts" kommt - aber wenn ein Linker öffentlich Konzentrationslager für politische Gegner fordert, dann hat man damit überhaupt kein Problem (und löscht sogar hier im Forum sofort alle Links auf die betreffende Pressemitteilung). Ich finde das ziemlich kurzsichtig.


Ich komme aus einer Industriestadt mit mehreren Weltkonzerne, FAG, jetzt Schaeffler, SKF, Fichtel und Sachs, jetzt ZF und auch aufstrebendes Fresenius Medical Care und wo soll da auch nur ein AfDler sein, der etwas für die Arbeitnehmer macht? Hunderte Betriebsräte und tausende Vertrauensleute opfern Freizeiten für Arbeitnehmer und ihren Belangen. Es gibt einen AfD Stadtrat, der in 28 Jahren noch nicht mal einen Wortbeitrag dort gemacht hat. Gewählt wird AfD in Stadteilen mit hoher Anzahl Russlanddeutschen. Es gibt bei uns zahlreiche Veranstaltungen für Arbeitnehmer, beispielsweise die sich mit Industrie 4.0 beschäftigen, zu Harz4 oder 100 Jahre Betriebsräte, wo soll da jemals auch nur ein AfDler da gewesen sein, der sich wenigstens mal anhört, was gerade so läuft? Wo waren bei uns am 1. Mai jemals ein Vertreter der AfD um sich mal die Belange und aktuelle Probleme der Beschäftigen anzuhören? Wo war jemals ein AfDler der auf Betriebsversammlungen auch nur einen Satz gesprochen hat?
Auch das es bei AfD keine Lobby gibt ist unwahr, dort halten Edelmetallhändler sogar Vorträge! Aus AfD Sicht geht Deutschland unter und man soll Geld in Gold anlegen. Ein Austritt aus EU und wirtschaftlicher Katastrophe wäre sogar denen ihr Geschäft.

Nun ich war gerade mal auf die AfD Seite für Arbeitnehmer: "Die verpflichtende Einführung gemeinnütziger Arbeit bei dem Bezug von
Hartz 4 gibt den betroffenen Menschen ein Stück Ihrer Würde zurück, nutzt
der Allgemeinheit und ist somit ein wichtiges Element unserer Sozialpolitik."

Das heißt nichts anderes als Zwangsarbeit um Harz4 zu bekommen, also ein Existenzminimum. Dies soll im Interesse der Arbeitnehmer sein? Vor allem können dann Gemeinden ihren Straßenkehrer entlassen und die Straßen von Harz4 lern kehren lassen? Sicher kennt man solche Forderungen aus dem neoliberalen oder extrem konservativen Lager, auch unter Hitler gab es so was wie Zwangsarbeit (bei Autobahnbau starben pro Kilometer zig Arbeiter weil sie für den Job gar nicht geeignet waren oder ausgebildet), aber soll das im Interesse der Arbeiter selbst sein?
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon Betrachter » Di 23. Okt 2018, 12:41

ThorsHamar hat geschrieben:(23 Oct 2018, 11:49)
Politik ist nicht Staatsgewalt.


Politik mag auch sein, wenn Laien darüber diskutieren. Das geschieht an jedem Stammtisch. Worauf ich mich bezog- wie wohl die meisten hier- ist die Politk, welche Macht hat- und das ist die Staatsgewalt.
Zuletzt geändert von Betrachter am Di 23. Okt 2018, 13:06, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon Letzter_Hippie » Di 23. Okt 2018, 12:57

schokoschendrezki hat geschrieben:(23 Oct 2018, 13:18)

Leute wie Alexander Gauland machen vielleicht in jüngerer Zeit opportunistisch ein wenig auf "Arbeiterführer", gehören aber in eine völlig, vollkommen andere soziale Ecke. In das traditionelle konservative Großbürgertum.


Das dürfte treffend sein. Das war aber nicht meine Überlegung, sondern meine Überlegung ist: sollte die AfD es jemals schaffen, regulär parlamentarisch zu arbeiten (über die Kritikfunktion hinaus), dann wird sie sich an ihrer Wählerklientel orientieren müssen.

Und die andere Frage, die mich da beschäftigt, ist, ob dieser traditionelle "Arbeiterführer" heute überhaupt noch zeitgemäß ist. Man sieht den Verfall der SPD, und man sieht auch ein bischen Wanderung von der SPD (trad. Arbeiterpartei) zur Linken (allgemein für sozial Schwache aufgestellt).

Ich stimme Dir zu, dass die AfD da keine irgendwie der Linken vergleichbare Ausrichtung hat (mal abgesehen davon, dass ich persönlich von einer solchen Ausrichtung wenig halte, aber das hängt mehr mit solchen Dingen zusammen, die Uffhausen hier beschrieben hat), das will die AfD aber auch nicht sein, sondern sie sieht sich selber als konservative Mitte oder Mitte-rechts. Dass man das als Sozi ablehnt, ist für mich nachvollziehbar - und das ist eine seriöse Kritik (im gegensatz zu der unsäglichen Faschismuskeule). Dennoch funktioniert auch eine Regierung der konservativ-bürgerlichen Mitte, und durchaus nicht schlecht - ich sehe jedenfalls nicht, dass in Bayern die Armen verhungert wären, oder so.
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon Betrachter » Di 23. Okt 2018, 13:10

schokoschendrezki hat geschrieben:(23 Oct 2018, 13:18)

Leute wie Alexander Gauland machen vielleicht in jüngerer Zeit opportunistisch ein wenig auf "Arbeiterführer", gehören aber in eine völlig, vollkommen andere soziale Ecke. In das traditionelle konservative Großbürgertum.


Dennoch sehen viele Arbeiter die AfD- und wohl auch Gauland- als "Führer" an. Dahin kommt es, wenn man gewohnt ist, seine Stimme "abzugeben", statt sie im eigenen Interesse zu erheben. Auch das ist Demokratie: aus enttäuschten Nationalisten werden gern mal kleine Faschisten, die viel auf einen starken Staat geben.
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon zollagent » Di 23. Okt 2018, 13:14

Letzter_Hippie hat geschrieben:(23 Oct 2018, 12:16)
...



Das sehe ich so nicht, und ich kann auch nicht nachvollziehen, wie man eine angebliche Demokratiefeindlichkeit der AfD begründen wollte. Im Gegenteil, wenn die AfDler überhaupt einen Plan haben, dann gehört ganz sicher dazu, die abendländischen Werte zu verteidigen - und die Demokratie ist nunmal ein ganz wichtiger Aspekt dieser Werte.

Ich höre dazu nur immer die Befürchtungen: boah, das sind Nazis, und Nazis wollen doch die Demokratie abschaffen! Rational kann man das nicht nachvollziehen, sondern dahinter steht die geschichtliche Schuld der Deutschen, wegen derer man "der Anfänge wehren" will - weswegen man ganz empfindlich auf das guckt was von vermeintlich "rechts" kommt - aber wenn ein Linker öffentlich Konzentrationslager für politische Gegner fordert, dann hat man damit überhaupt kein Problem (und löscht sogar hier im Forum sofort alle Links auf die betreffende Pressemitteilung). Ich finde das ziemlich kurzsichtig.

Und ich finde deine Sichtweise sehr kurzsichtig. Du brauchst nur zuzuhören, wenn AfD'ler und ihre Fans ihre Vorstellungen ausbreiten. Und das dann mit den Anforderungen an eine Demokratie zu vergleichen. Und es funktioniert auch nicht, eine Aufrechnerei mit angeblichen Verfehlungen irgendeines Dritten zu versuchen. Die AfD ist keine Partei der Demokratie, sie ist eine Partei des Demokratiemißbrauchs.
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon Tomaner » Di 23. Okt 2018, 13:16

Tomaner hat geschrieben:(23 Oct 2018, 13:39)

Ich komme aus einer Industriestadt mit mehreren Weltkonzerne, FAG, jetzt Schaeffler, SKF, Fichtel und Sachs, jetzt ZF und auch aufstrebendes Fresenius Medical Care und wo soll da auch nur ein AfDler sein, der etwas für die Arbeitnehmer macht? Hunderte Betriebsräte und tausende Vertrauensleute opfern Freizeiten für Arbeitnehmer und ihren Belangen. Es gibt einen AfD Stadtrat, der in 28 Jahren noch nicht mal einen Wortbeitrag dort gemacht hat. Gewählt wird AfD in Stadteilen mit hoher Anzahl Russlanddeutschen. Es gibt bei uns zahlreiche Veranstaltungen für Arbeitnehmer, beispielsweise die sich mit Industrie 4.0 beschäftigen, zu Harz4 oder 100 Jahre Betriebsräte, wo soll da jemals auch nur ein AfDler da gewesen sein, der sich wenigstens mal anhört, was gerade so läuft? Wo waren bei uns am 1. Mai jemals ein Vertreter der AfD um sich mal die Belange und aktuelle Probleme der Beschäftigen anzuhören? Wo war jemals ein AfDler der auf Betriebsversammlungen auch nur einen Satz gesprochen hat?
Auch das es bei AfD keine Lobby gibt ist unwahr, dort halten Edelmetallhändler sogar Vorträge! Aus AfD Sicht geht Deutschland unter und man soll Geld in Gold anlegen. Ein Austritt aus EU und wirtschaftlicher Katastrophe wäre sogar denen ihr Geschäft.

Nun ich war gerade mal auf die AfD Seite für Arbeitnehmer: "Die verpflichtende Einführung gemeinnütziger Arbeit bei dem Bezug von
Hartz 4 gibt den betroffenen Menschen ein Stück Ihrer Würde zurück, nutzt
der Allgemeinheit und ist somit ein wichtiges Element unserer Sozialpolitik."

Das heißt nichts anderes als Zwangsarbeit um Harz4 zu bekommen, also ein Existenzminimum. Dies soll im Interesse der Arbeitnehmer sein? Vor allem können dann Gemeinden ihren Straßenkehrer entlassen und die Straßen von Harz4 lern kehren lassen? Sicher kennt man solche Forderungen aus dem neoliberalen oder extrem konservativen Lager, auch unter Hitler gab es so was wie Zwangsarbeit (bei Autobahnbau starben pro Kilometer zig Arbeiter weil sie für den Job gar nicht geeignet waren oder ausgebildet), aber soll das im Interesse der Arbeiter selbst sein?



Mir ist speiübel: Gewerkschafter*innen wählen AfD

Seit mehr als 25 Jahren vertrete ich aus Überzeugung Gewerkschafter*innen vor den Arbeits-, Verwaltungs- und Sozialgerichten. Dass viel zu viele von ihnen jetzt die Rechtaußenpartei AfD gewählt haben, ruft bei mir Empörung und Zorn gleichermaßen hervor.

Schon am Wahlabend bekam ich soooo einen Hals, als der AfD-Balken zeitweise auf über 13 % stieg. Ein blauer Balken, der ehrlicherweise braun hätte sein müssen.

Eine zweite Welle von Übelkeit überfiel mich einige Tage später. Da veröffentlichte die Fachgruppe Wahlen e.V. aus Mannheim, dass auch satte 12 % der Gewerkschafter*innen ihr Kreuzchen bei der stramm rechten Partei gemacht hatten!

Deshalb möchte ich mich jetzt ausdrücklich und direkt an diese Personengruppe wenden:

Kolleg*innen! Ich kann eure „Begründungen“ und „Argumente“ nicht mehr hören!
1.) „Die kümmern sich wenigstens um die Belange des kleinen Mannes.“

Ja geht‘s noch? Wer auch nur einen flüchtigen Blick in das Wahlprogramm dieser Partei wirft, erkennt ohne Mühe, dass die arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitischen Vorstellungen und Vorschläge eine glasklare Zielrichtung haben. Alles, was dem so genannten freien Markt dient, will die AfD fördern, alles was Arbeitnehmer*innen dient, will sie abschaffen oder drastisch reduzieren.

Ihr wollt Kostproben?

Bitte sehr!

Die AfD von euch gewählte will (unter anderem)

die gesetzliche Arbeitslosenversicherung abschaffen

Statt dessen sollt ihr euch freiwillig und privat gegen Arbeitslosigkeit versichern. Positiv wirkt sich das allein für das private Versicherungsgewerbe aus. Außerdem ist zu befürchten, dass ihr euch mit einem Einkommen, das mehr schlecht als recht zum Leben reicht, eine zusätzliche Belastung schlicht nicht leisten könnt. Wenn ihr dann eure Arbeit verlieren, steht ihr ohne jeden Schutz auf der Straße!

die gesetzliche Unfallversicherung abschaffen

Bislang könnt ihr wegen Berufskrankheiten sowie wegen Arbeits- und Wegeunfällen Verletztengeld oder Verletztenrente bekommen. Die Beiträge für diese Unfallversicherung tragen die Arbeitgeber. Auch wenn im Streitfall die einzelnen Entscheidungen der Sozialgerichte mitunter kaum nachvollziehbar sind, ist die bestehende gesetzliche Unfallversicherung ein Instrument, das für euch eine unverzichtbare Absicherung für Fälle von arbeitsbedingter Krankheit darstellt. Aber genau darauf will die AfD zugunsten von Einsparungen für die Arbeitgeber verzichten!

die Altersrente allein von zurückgelegten Versicherungszeiten abhängig machen

Wenn ihr heute zwischen 65 und 67 Jahre alt seid und eine Wartezeit von fünf Jahren erreicht habt, könnt ihr die Regelaltersrente beanspruchen. Ginge es nach den Plänen der AfD, lägen die Voraussetzungen für eine abschlagsfreie Altersrente erst vor, wenn - unabhängig vom Alter - 45 Versicherungsjahre erfüllt sind. Das bedeutet, dass die Mehrheit von euch über 67, viele, insbesondere Frauen, sogar über 70 Jahre hinaus arbeiten müssten, um in den Genuss einer abschlagfreien Altersrente zu kommen. Damit ist klar, was die von der AfD vorgeschlagene Maßnahme in Wirklichkeit wäre: eine bislang in dieser Intensität nie da gewesene Rentenkürzung!

Diese Liste der AfD-Schweinereien ließe sich nahezu beliebig lang fortsetzen. Wie ihr euch gerade als Gewerkschaftsmitglieder dafür entscheiden konntet, eine Partei zu unterstützen, die klar und eindeutig gegen eure eigenen Interessen als Arbeitnehmer*innen handelt, kriege ich in meinen Kopf einfach nicht rein!

Dabei habe ich alles Verständnis der Welt dafür, wenn ihr mit eurer wirtschaftlichen Situation unzufrieden seid und Veränderungen fordert. Befristete Arbeitsverhältnisse, Leiharbeit und so niedrige Löhne , dass ihr aufstocken müsst, sind unerträglich. Da habt ihr vollkommen Recht. Weltweiter Waffenhandel, Kindersoldaten, Hunger und Armut in der so genannten Dritten Welt, Wetten auf die Entwicklung von Preisen für Lebensmittel und kompromisslose Ausbeutung der Umwelt sind nicht länger hinnehmbar. Auch da stimme ich mit euch überein. Aber warum engagiert ihr euch dann nicht bei attac und greenpeace, die sich für grundlegende politische Veränderungen einsetzen? Warum lauft ihr statt dessen den braunen Rattenfängern nach, die solche Zustände im Interesse eines freien Marktes sehenden Auges in Kauf nehmen? Ich kann es einfach nicht begreifen!
2.) „Die schützen unsere deutsche Kultur“

Ein Grundgedanke der Gewerkschaftsbewegung war immer und ist der der Solidarität. Das muss insbesondere Menschen gegenüber gelten, die vor Krieg, Folter, Vergewaltigung oder Repressionen wegen ihrer sexuellen Identität aus ihrer Heimat fliehen mussten.

Dem gegenüber missbraucht die AfD diese Menschen als Sündenböcke für alles und jedes. Und dafür, von den eigentlichen neoliberalen Schweinereien abzulenken, unter denen ihr zu leiden habt. Warum lasst ihr als Gewerkschafter*innen euch vor diesen Karen spannen? Warum seid ihn nicht in der Lage, ein offenes Herz für Menschen zu haben, denen es noch wesentlich schlechter geht als euch selbst? Warum hackt ihr stattdessen zusammen mit der AfD und anderen auf diesen Menschen herum?

Ach so! Ihr habt Angst um die deutsche Kultur.

Was ist das, die deutsche Kultur? Männer, die im Bierzelt oder im Fußballstadion rassistische Parolen grölen? Hetze gegen Homosexuelle? Katholische Priester, die Kinder missbrauchen?

Dass Angehörige fremder Kulturen auch eine Bereicherung darstellen, scheint ihr euch offensichtlich nicht vorstellen zu können. Aber ihr seid auf der anderen Seite ohne weiteres bereit, dem Märchen Glauben zu schenken, dass die geflüchteten Menschen nur gekommen sind, um euch etwas wegzunehmen. Wie sich das mit gewerkschaftlicher Solidarität vereinbaren lässt, müsst ihr mir erklären!
3) „Ich habe aus Protest AfD gewählt“

Gratuliere!

Ihr habt es geschafft! Die etablierten Parteien werden ihre Politik aufgrund eures Protests verändern.

Aber in die völlig falsche Richtung! Nach der Wahl sprechen die Herren Seehofer und Söder in jedes Mikrofon, das nicht schnell genug ist, dass sie „verstanden haben“. Und das gilt keineswegs nur für die CSU. Aber statt insbesondere eine menschenverachtende Politik Geflüchteten gegenüber zu korrigieren, präsentieren die jetzt unverhohlen AfD-Parolen als eigenes Programm.

Was ihr mit eurem „Protest“ erreicht habt, ist ein Rechtsruck bei etablierten Parteien. Was ihr statt dessen in keiner Weise erreicht habt, ist, dass sich die Politik in den nächsten vier Jahren zu euren Gunsten verändert.

Euer „Protest“ war also ein voller Erfolg.

Wie gesagt: Gratuliere!
https://www.dgbrechtsschutz.de/aktuelle ... ehlen-afd/
Michael Wanner
Rechtsschutzsekretär und Online-Redakteur
Stuttgart
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon Letzter_Hippie » Di 23. Okt 2018, 13:34

Tomaner hat geschrieben:(23 Oct 2018, 13:39)

Ich komme aus einer Industriestadt mit mehreren Weltkonzerne, FAG, jetzt Schaeffler, SKF, Fichtel und Sachs, jetzt ZF und auch aufstrebendes Fresenius Medical Care und wo soll da auch nur ein AfDler sein, der etwas für die Arbeitnehmer macht? Hunderte Betriebsräte und tausende Vertrauensleute opfern Freizeiten für Arbeitnehmer und ihren Belangen. Es gibt einen AfD Stadtrat, der in 28 Jahren noch nicht mal einen Wortbeitrag dort gemacht hat. Gewählt wird AfD in Stadteilen mit hoher Anzahl Russlanddeutschen. Es gibt bei uns zahlreiche Veranstaltungen für Arbeitnehmer, beispielsweise die sich mit Industrie 4.0 beschäftigen, zu Harz4 oder 100 Jahre Betriebsräte, wo soll da jemals auch nur ein AfDler da gewesen sein, der sich wenigstens mal anhört, was gerade so läuft?


Bist Du Dir sicher dass der nicht verprügelt würde?

Nun ich war gerade mal auf die AfD Seite für Arbeitnehmer: "Die verpflichtende Einführung gemeinnütziger Arbeit bei dem Bezug von
Hartz 4 gibt den betroffenen Menschen ein Stück Ihrer Würde zurück, nutzt
der Allgemeinheit und ist somit ein wichtiges Element unserer Sozialpolitik."

Das heißt nichts anderes als Zwangsarbeit um Harz4 zu bekommen, also ein Existenzminimum. Dies soll im Interesse der Arbeitnehmer sein?


Das haben wir doch schon längst. Nennt sich ein-Euro-Jobs.
Nur ist es sehr verklausuliert, und wird zur Schönung der Arbeitslosenstatistik verwendet.

Vor allem können dann Gemeinden ihren Straßenkehrer entlassen und die Straßen von Harz4 lern kehren lassen?


Auch das passiert schon mit den ein-Euro-Jobs. Im Gegenteil, wenn das auf gemeinnützige Arbeit beschränkt wird (die also üblicherweise nicht bezahlt wird), dann werden solche Verdrängungseffekte vermieden.
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon Tomaner » Di 23. Okt 2018, 13:59

Letzter_Hippie hat geschrieben:(23 Oct 2018, 13:57)

Das dürfte treffend sein. Das war aber nicht meine Überlegung, sondern meine Überlegung ist: sollte die AfD es jemals schaffen, regulär parlamentarisch zu arbeiten (über die Kritikfunktion hinaus), dann wird sie sich an ihrer Wählerklientel orientieren müssen.

Und die andere Frage, die mich da beschäftigt, ist, ob dieser traditionelle "Arbeiterführer" heute überhaupt noch zeitgemäß ist. Man sieht den Verfall der SPD, und man sieht auch ein bischen Wanderung von der SPD (trad. Arbeiterpartei) zur Linken (allgemein für sozial Schwache aufgestellt).

Ich stimme Dir zu, dass die AfD da keine irgendwie der Linken vergleichbare Ausrichtung hat (mal abgesehen davon, dass ich persönlich von einer solchen Ausrichtung wenig halte, aber das hängt mehr mit solchen Dingen zusammen, die Uffhausen hier beschrieben hat), das will die AfD aber auch nicht sein, sondern sie sieht sich selber als konservative Mitte oder Mitte-rechts. Dass man das als Sozi ablehnt, ist für mich nachvollziehbar - und das ist eine seriöse Kritik (im gegensatz zu der unsäglichen Faschismuskeule). Dennoch funktioniert auch eine Regierung der konservativ-bürgerlichen Mitte, und durchaus nicht schlecht - ich sehe jedenfalls nicht, dass in Bayern die Armen verhungert wären, oder so.


Wie ich bereits geschrieben habe, sind wir momentan in einer wirtschaftlich sehr guten Situation. Wir sind nahe an Vollbeschäftigung (unter 5 % Arbeitslosigkeit ist als Vollbeschäftigung definiert) , Gewerkschaften erreichen Reallohnerhöhung, Öl ist relativ billig, Mindeslohn wurde erreicht und auch jetzt wieder Parität bei Krankenversicherung. Dies mal zur Einschätzung, wird SPD noch gebraucht? Dinge die diese Partei in Koalition durchgesetzt hat, wird nicht honoriert. Ebenfalls nicht Dinge, die SPD und Gewerkschaften vorgeschlagen und durchgesetzt haben, die uns bestens aus der Bankenkrise geführt hat im Bezug auf andere Staaten. Zusammengefasst es geht uns relativ gut, wozu braucht man SPD? Stellt sich aber die Frage, kommt ein wirtschaftlicher Abschwung oder eine wirkliche Krise, was für Programme haben dafür rechte Parteien und vor allem AfD? Wo stehen die AfD Leute wenn Massenentlassungen angekündigt werden und Arbeitnehmer dagegen auf die Strasse gehen? Wir hatten so eine Krise und es ging ums überleben unseres Konzernes und die Entlassung der Hälfte von der 10 000 er Belegschaft. Die IGM damals vor Ort, musste sich die Frage stellen, wie geht es weiter und zwar für die ganze Stadt? Man schaute sich um und stellte sich auch die Frage, wer kommt als Bündnisparter in Frage? Auch wurden die Kirchen vor Ort gefragt, auf welche Seite stellen sie sich? So entwickelte sich ein breites Bündnis mit Kirchen und Sozialverbänden und auch Parteien das bis heute besteht und den damaligen Höhepunkt, einen Fussmarsch nach Bonn um dort die Anliegen vorzutragen. Unter anderm liefen sogar die örtlichen Pressevertreter jeden Meter mit! Die Antwort war also Solidarität, auch mit konkurierenden Unternehmen zwischen den Belegschaften. Dies heißt seit damals, wenn Unternehmensführung in einem Unternehmen den Leuten ans Bein pinkeln will, hat sie es mit allen zu tun!
Heute sind wir wieder ein hochprofitables Unternehmen und wir wissen wer uns damals zur Seite stand und noch steht und wer nicht. Und bis heute nicht gibt es da einen von der AfD, der sich für uns interessiert oder überhaupt mal zuhört oder auch nur eine Meinung oder Vorschlag dazu macht. Die AfD steht für exakt dem Gegenteil was wir als positve Erfahrung machten, also dem Gegenteil von Solidarität, die Spaltung der Gesellschaft, zwischen Arbeitslosen und Beschäftigten, Ausländern, Moslems, Reich und Arm!

Jeder Arbeitnehmer sollte sich also fragen, wer steht in Krise auf seiner Seite und welches wären z.B. die Rezepte der AfD, wenn es um seine Existenz geht? Zwangsarbeit für Harz4 Empfänger?
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon Letzter_Hippie » Di 23. Okt 2018, 14:03

Tomaner hat geschrieben:(23 Oct 2018, 14:16)

[quote von Michael Wanner, DGB]

Mir ist speiübel: Gewerkschafter*innen wählen AfD


Der Ärmste. Hm, vielleicht haben die einfach von dem *innen genug? ;)

Aber ja, genau das ist ein beispiel für die üble Propaganda, die ich eigentlich Hetze nennen möchte.

Gehen wir mal anders ran. Ichhab vorhin über Deinen Text nachgedacht, und zu einem Punkt noch ein bischen was aufgeschrieben:

Tomaner hat geschrieben:(21 Oct 2018, 12:48)

So stellt sich mir doch mal die schlichte Frage, was wollen die Leute wirklich


Das, denke ich, ist die richtige Frage.

genau


Und das, denke ich, ist der schwierigere Teil dabei. ;)
Denn da muss man sich oft hinsetzen und aufeinander einlassen, bis sich ein Bild entwickelt.

Ich wage mal vorsichtig zu prognostizieren, dass da u.a. zwei große Spannungsfelder existieren.

1. eine immer schnellere Innovation und größere Entfremdung. Bedenke: noch vor gut hundert Jahren konnte ein durchschnittlicher Mensch das meiste, was er zum Leben brauchte, selber herstellen. Heute weiss der Durchschnittsmensch von fast nichts, was er verwendet, mehr wie es hergestellt wird - oder wie es überhaupt funktioniert. Und das schlägt sich inzwischen auch massiv im Arbeitsleben nieder. (Zeichne mal ein Diagramm über hundert Jahre mit der Anzahl neu aufgekommener Berufe.)

2. der Kulturschock, also das was üblicherweise als "Fremdenfeindlichkeit" abgetan wird und dann irgendwie mit Nationalismus und Rassismus verquickt wird. Da gebe ich zu bedenken: wir haben eine zweieinhalbtausend jährige Geschichte einer abendländischen Kultur, und das ist es, was Europa ausmacht. Und ja, da gehört auch die Demokratie dazu, denn die wurde genau in diesem Kontext erfunden, und nirgendwo sonst.
Und diese Kultur war schon immer Angriffen aus dem Morgenland ausgesetzt - das geht weit über tausend Jahre zurück, das kann man nicht mit "Fremdenfeindlichkeit" abtun, das ist tiefgründiger, und das sollte man sich bewusst machen. Das geht nicht um irgendwelche Nazi-Allüren, das geht letztlich um das Erbe des klassischen Altertums. Und wenn jemand erklärt, wir hätten gar keine Kultur ausser der Sprache, dann wird damit auch der Humanismus und die Demokratie verneint! Denn das ist ja nicht irgendwie 1949 aus dünner Luft entstanden und ins Grundgesetz geschrieben worden, sondern beruht auf philosophischen Grundlagen, die schon 450 BC gelehrt wurden und überliefert sind, und jedenfalls von Gymnasiasten auch immer noch gelesen werden.
Der Ottonormalo auf der Strasse mag sich dessen vielleicht nicht bewusst sein, aber er kann doch spüren, dass es einen unvorstellbaren Einschnitt bedeutet, wenn wir jetzt immer mehr arabisch und afrikanisch werden.


Was schreibt nun der Herr Wanner dazu?

Ach so! Ihr habt Angst um die deutsche Kultur.

Was ist das, die deutsche Kultur? Männer, die im Bierzelt oder im Fußballstadion rassistische Parolen grölen? Hetze gegen Homosexuelle? Katholische Priester, die Kinder missbrauchen?


Aha. Vom klassischen Altertum hat er vermutlich nie was gehört.

Der Rest ist auf ähnlichem Niveau.

Und natürlich kommt dabei auch wieder dieser Schlenker:
Ein Grundgedanke der Gewerkschaftsbewegung war immer und ist der der Solidarität. Das muss insbesondere Menschen gegenüber gelten, die vor Krieg, Folter, Vergewaltigung oder Repressionen wegen ihrer sexuellen Identität aus ihrer Heimat fliehen mussten.


Dazu hab ich hier schon was geschrieben: viewtopic.php?p=4318435#p4318435 Es wird wie immer unterschlagen, dass er größte Teil der sog. Flüchtlinge eben keine anerkennbaren Fluchtgründe hat - kein Wort davon, dass es sich um Wirtschaftsmigranten handelt. Also: Desinformation und Propaganda, wie üblich.
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon Tomaner » Di 23. Okt 2018, 14:08

Letzter_Hippie hat geschrieben:(23 Oct 2018, 14:34)

Bist Du Dir sicher dass der nicht verprügelt würde?



Das haben wir doch schon längst. Nennt sich ein-Euro-Jobs.
Nur ist es sehr verklausuliert, und wird zur Schönung der Arbeitslosenstatistik verwendet.



Auch das passiert schon mit den ein-Euro-Jobs. Im Gegenteil, wenn das auf gemeinnützige Arbeit beschränkt wird (die also üblicherweise nicht bezahlt wird), dann werden solche Verdrängungseffekte vermieden.

Sorry, aber was glaubst du wer zu Veranstaltungen wie, Industrierevolution 4.0, in seiner Freizeit kommt? Schläger und Hooligans?
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon Letzter_Hippie » Di 23. Okt 2018, 14:19

Tomaner hat geschrieben:(23 Oct 2018, 14:59)

Wie ich bereits geschrieben habe, sind wir momentan in einer wirtschaftlich sehr guten Situation. Wir sind nahe an Vollbeschäftigung (unter 5 % Arbeitslosigkeit ist als Vollbeschäftigung definiert) , Gewerkschaften erreichen Reallohnerhöhung, Öl ist relativ billig, Mindeslohn wurde erreicht und auch jetzt wieder Parität bei Krankenversicherung. Dies mal zur Einschätzung, wird SPD noch gebraucht? Dinge die diese Partei in Koalition durchgesetzt hat, wird nicht honoriert. Ebenfalls nicht Dinge, die SPD und Gewerkschaften vorgeschlagen und durchgesetzt haben, die uns bestens aus der Bankenkrise geführt hat im Bezug auf andere Staaten. Zusammengefasst es geht uns relativ gut, wozu braucht man SPD?


Ah, so siehst Du das... der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen...

Das glaube ich nicht. So ticken die Arbeiter nicht. Freilich geht es den Arbeitern im allgemeinen recht gut. Aber deswegen, nee, wenn man Sozi ist, dann bleibt man doch Sozi. Sonst hätte man sich ja auch schon nach dem Wirtschaftswunder abgewendet.

Ich denke eher, da sind Ängste, die schwerer wiegen als die Treue zu den Sozis, und auf die die Politik keine Antworten gibt. Und meine Vermutung, in welche Richtung diese Ängste gehen könnten, hab ich im vorigen Beitrag anzudeuten versucht.
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon Tomaner » Di 23. Okt 2018, 14:47

Letzter_Hippie hat geschrieben:(23 Oct 2018, 15:03)

Der Ärmste. Hm, vielleicht haben die einfach von dem *innen genug? ;)

Aber ja, genau das ist ein beispiel für die üble Propaganda, die ich eigentlich Hetze nennen möchte.

Gehen wir mal anders ran. Ichhab vorhin über Deinen Text nachgedacht, und zu einem Punkt noch ein bischen was aufgeschrieben:



Das, denke ich, ist die richtige Frage.



Und das, denke ich, ist der schwierigere Teil dabei. ;)
Denn da muss man sich oft hinsetzen und aufeinander einlassen, bis sich ein Bild entwickelt.

Ich wage mal vorsichtig zu prognostizieren, dass da u.a. zwei große Spannungsfelder existieren.

1. eine immer schnellere Innovation und größere Entfremdung. Bedenke: noch vor gut hundert Jahren konnte ein durchschnittlicher Mensch das meiste, was er zum Leben brauchte, selber herstellen. Heute weiss der Durchschnittsmensch von fast nichts, was er verwendet, mehr wie es hergestellt wird - oder wie es überhaupt funktioniert. Und das schlägt sich inzwischen auch massiv im Arbeitsleben nieder. (Zeichne mal ein Diagramm über hundert Jahre mit der Anzahl neu aufgekommener Berufe.)

2. der Kulturschock, also das was üblicherweise als "Fremdenfeindlichkeit" abgetan wird und dann irgendwie mit Nationalismus und Rassismus verquickt wird. Da gebe ich zu bedenken: wir haben eine zweieinhalbtausend jährige Geschichte einer abendländischen Kultur, und das ist es, was Europa ausmacht. Und ja, da gehört auch die Demokratie dazu, denn die wurde genau in diesem Kontext erfunden, und nirgendwo sonst.
Und diese Kultur war schon immer Angriffen aus dem Morgenland ausgesetzt - das geht weit über tausend Jahre zurück, das kann man nicht mit "Fremdenfeindlichkeit" abtun, das ist tiefgründiger, und das sollte man sich bewusst machen. Das geht nicht um irgendwelche Nazi-Allüren, das geht letztlich um das Erbe des klassischen Altertums. Und wenn jemand erklärt, wir hätten gar keine Kultur ausser der Sprache, dann wird damit auch der Humanismus und die Demokratie verneint! Denn das ist ja nicht irgendwie 1949 aus dünner Luft entstanden und ins Grundgesetz geschrieben worden, sondern beruht auf philosophischen Grundlagen, die schon 450 BC gelehrt wurden und überliefert sind, und jedenfalls von Gymnasiasten auch immer noch gelesen werden.
Der Ottonormalo auf der Strasse mag sich dessen vielleicht nicht bewusst sein, aber er kann doch spüren, dass es einen unvorstellbaren Einschnitt bedeutet, wenn wir jetzt immer mehr arabisch und afrikanisch werden.


Was schreibt nun der Herr Wanner dazu?



Aha. Vom klassischen Altertum hat er vermutlich nie was gehört.

Der Rest ist auf ähnlichem Niveau.

Und natürlich kommt dabei auch wieder dieser Schlenker:


Dazu hab ich hier schon was geschrieben: viewtopic.php?p=4318435#p4318435 Es wird wie immer unterschlagen, dass er größte Teil der sog. Flüchtlinge eben keine anerkennbaren Fluchtgründe hat - kein Wort davon, dass es sich um Wirtschaftsmigranten handelt. Also: Desinformation und Propaganda, wie üblich.


[Themenfremdes editiert - Mod]


Das es da Ängste gibt will ich aber gar nicht bestreiten, aber man kann darüber diskutieren und streiten wie real sie in jedem Fall wirklich sind. Einfliessen lassen möchte ich aber schon, in welcher Gesellschaft wir leben möchten? Offene weltweite Grenzen für Kapital und Waren in einner globalen Weltwirtschaft, aber riesige Mauern und schwerstbewaffneter Grenzschutz, gegen Menschen? Es werden alleine mehr Geld als in Deutschland in einem Jahr verdient wird, pro Tag auf Währungsverschiebungen gezockt. Die Ladung eine ankommenden Öltankers nach Rotterdamm wechselt vielleicht 500 mal den Besitzer.

Was sind also unsere wirklichen Probleme? 2 Millionen Flüchtlinge, die als Sündenböcke für Kapitalineressen herhalten sollen? Ich leb schon etwas länger hier und es waren von rechter Seite schon immer auswechselbare Sündenböcke, angefangen im Dritten Reich die Juden, dann die Gastarbeiter, die Türken, auch die Aussiedler, dann mal die Osteuropäer durch Grenzöffnung bei EU und jetzt Kriegsflüchtlinge. Im Kern steht bei den Rechten auf der Fahne, Ausländer raus, Deutschland den Deutschen, was jetzt, weil damit kein Blumentopf zu gewinnen ist, heutige AfD mit gleichen Parolen, lediglich spezifiziert. Was sie aber fürchten wie der Teufel das Weihwasser ist, wenn man über gerechte Verteilung der gemeinsam erarbeiteten Vermögens sprechen will. Man legt Kosten für Flüchtlinge auf dem Tisch, aber niemals unvorstelbare Milliardenbeträge die vorbei am Volk und jeweiligen Staaten, gemacht werden. Konzerne zahlen teilweise weniger Steuern als eine Putzfrau.
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Re: Warum ich Demokratie hasse

Beitragvon Tomaner » Di 23. Okt 2018, 15:13

Letzter_Hippie hat geschrieben:(23 Oct 2018, 15:19)

Ah, so siehst Du das... der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen...

Das glaube ich nicht. So ticken die Arbeiter nicht. Freilich geht es den Arbeitern im allgemeinen recht gut. Aber deswegen, nee, wenn man Sozi ist, dann bleibt man doch Sozi. Sonst hätte man sich ja auch schon nach dem Wirtschaftswunder abgewendet.

Ich denke eher, da sind Ängste, die schwerer wiegen als die Treue zu den Sozis, und auf die die Politik keine Antworten gibt. Und meine Vermutung, in welche Richtung diese Ängste gehen könnten, hab ich im vorigen Beitrag anzudeuten versucht.

Die SPD hat mehrere Probleme, dies sehe ich nur als eins. Da fällt der SPD die Agenda 2010 auf die Füße. Das mitregieren in großer Koalition, was alle Parteien in Regierung negativ beeinflusst. Auch eine AfD, die einfache Lösungen vorlügt. Letztendlich auch im wesentlichen die Grünen, die es immer stärker schaffen, Ökologie, Wirtschaft und soziale Gerechtigkeiten zusammen zu verknüpfen.

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