Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

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sünnerklaas
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon sünnerklaas » Di 25. Sep 2018, 10:36

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(25 Sep 2018, 08:58)

Sowas habe ich auch erlebt. Jedoch nicht nur zwischen diesen Aggregaten sondern auch zwischen älteren und jüngeren, Männern und Frauen, Bayern und Zugereisten, Anhängern zweier fachlicher Herangehensweisen... Warum erinnern viele Leute gerade die Konflikte, die "Ost und West" spielen? Debatte ist gut, Ergebnis ist noch besser. Im Zweifel entscheidet im Verein der Vorstand oder die Mehrheit, in der Firma der nächstgrößere Chef.


Es gibt Themen, da bringen langwierige Debatten einfach nichts, weil sie einfach nutz- und fruchtlos sind.

Entscheidungen "nach Nase" sind vielen Menschen nicht recht, da sie das Einfallstor für alle möglichen Mißstände sind. Viele gerade ältere Menschen finden nachvollziehbare Regeln wichtig.


Das sind keine Entscheidungen nach "Nase", sondern begründete Einzelfallentscheidungen, Kompromisse. Hebel ist da der berühmte Dreizeiler, mit dem eine Entscheidung begründet wird. Idealerweise gibt es bei solchen Entscheidungen eine Win-Win-Situation.

Ich halte diese Erzählung für verklärend. In Wahrheit musste, wer etwas wollte, sich kümmern. Wissen, wo und wann es seltene Ware gab. Wissen, wer beschaffen konnte, was es nicht gab und was er dafür haben wollte. Wissen, welcher Sekretär gern Westkaffee und welcher lieber gutes Bier hat, wenn man mit ihm "nochmal nachdenken" wollte. Vieles, das man woanders einfach gekauft hätte, musste improvisiert oder gebastelt werden. Alles sehr aufwändig und unbequem.


Wo ist eigentlich der Erfindergeist der Leute aus den ehemaligen RGW-Staaten geblieben? Weg.
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schokoschendrezki
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Beitragvon schokoschendrezki » Di 25. Sep 2018, 12:29

sünnerklaas hat geschrieben:(25 Sep 2018, 11:16)
Dass es so gelaufen ist, war in erster Linie ein Versagen Mielkes. Mielke war nicht in der Lage aus all den Lagerberichten aus der Vollüberwachung der Bevölkerung die richtigen Schlüsse zu ziehen. Vielleicht war er auch gar nicht willens, weil zu alt, zu starrsinnig und zu machtgeil. Jedenfalls hat man die Chancen, die sich boten, gar nicht genutzt. Horch und Guck waren mit ihren Ohren überall und nirgends, war aber nicht in der Lage, wirklich zuzuhören. Im Grunde wurden da Berge von Papiermüll produziert.

Klar ist, und das ist inzwischen kaum umstritten: Honecker, Mielke, Mittag war das entscheidende Machttrio spätestens ab Ende der 70er. Von einem "Versagen" MIelkes kann deshalb nicht die Rede sein, weil ein "Nichtversagen" Mielkes ja nur bedeutet hätte, dass er - in seiner Funktion eben - den DDR-Geheimdienst noch perfekter und lückenloser geführt hätte. Beim Wirtschaftsboss Mittag kann man schon eher von einem "Versagen" reden. Ich glaube auch, dass der ab Mitte der 80er tatsächlich das eigentliche Sagen hatte. Seine vieldokumentierten cholerischen Ausbrüche lehrten interne Kritiker das Fürchten und irgendwann muckte niemand mehr auf.

Für mich stellt sich nach wie vor und immer noch eine entscheidende Frage: Wie war der spektakuläre von F.J.Strauß eingefädelte Milliardenkredit 1983 für die DDR motiviert. Der das Überleben der DDR für bestimmt 5 Jahre noch mal absicherte. Wie. (Und das Überleben der weitaus schlimmeren Autokratie RUmänien sollte - ebenfalls auf Initiative von Strauß - gleichfalls künstlich verlängert werden.)

Es gibt die - inzwischen etwas in Vergessenheit geratene - sogenannte "Sonthofen-Strategie" von Strauß und der CSU. Durch die Veröffentlichung einer an sich internen Rede wurde bekannt. dass Strauß - vereinfacht gesagt - die CSU dazu aufrief, die Bundesrepublik möglichst selbst an die Wand zu fahren, damit man nach dem "starken Mann" rufen solle, der er selbst dann sein werde. Das zeigt, wie skrupellos ein solcher Politiker seine Machtspiele austrägt. Und irgendetwas in dieser Richtung wird ihn wohll auch bei diesen Milliardenkrediten geleitet haben.

Was wirklich absolut pikant und gleichzeitig bezeichnend ist: Die Gründung der "Republikaner" - eigentlich ein Vorgängerphänomen der AfD - geht genau auf diesen Milliardenkredit-Coup von Strauß zurück.
So mancher Parteikollege sieht die Glaubwürdigkeit der CSU in Gefahr. Auf dem Parteitag am 14. Juli wird Strauß nur noch mit 77 Prozent als CSU-Chef bestätigt - eine Klatsche angesichts von sonst 95 Prozent. Franz Handlos und Eckehard Voigt verlassen aus Protest die CSU und gründen Ende 1983 in München mit Franz Schönhuber "Die Republikaner" - eine neue Partei, rechts von der CSU, die allerdings nach einiger Zeit wieder in der Bedeutungslosigkeit versinkt.
(https://www.br.de/nachricht/inhalt/strauss-kredit-ddr100.html)

Was hat das nun mit den verbreiteten Stimmungslagen im Osten Deutschlands heute zu tun? Na, zumindest, dass ab Mitte der 80er eine eher linksliberale Opposition in den Westen gegangen war. Diese künstlich lebensverlängerte DDR war eine kaum aushaltbare Gesellschaft. Später kam dann noch Glasnost und Perestroika und die strikte Ablehnung dieser Vorstöße durch die DDR-Oberen hinzu. Bis hin zu Aufführungsverboten sowjetischer Filme. Die Luft wurde - kulturell natürlich, nicht sozial und materiell - so dünn, dass ein großer Teil der DDR-Bürger quasi bleibende Gehirnschäden davontrug. Gut, das ist jetzt vielleicht etwas drastisch formuliert. Verblieben waren lediglich innerparteilich moderat oppositionelle Leute in der SED wie etwa Gysi. Und eher rechtskonservative Oppositiionelle aus Kirchenkreisen wie Rainer Eppelmann.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen? Antwort erstellen

Beitragvon Selina » Di 25. Sep 2018, 15:52

schokoschendrezki hat geschrieben:(25 Sep 2018, 13:29)

Was hat das nun mit den verbreiteten Stimmungslagen im Osten Deutschlands heute zu tun? Na, zumindest, dass ab Mitte der 80er eine eher linksliberale Opposition in den Westen gegangen war. Diese künstlich lebensverlängerte DDR war eine kaum aushaltbare Gesellschaft. Später kam dann noch Glasnost und Perestroika und die strikte Ablehnung dieser Vorstöße durch die DDR-Oberen hinzu. Bis hin zu Aufführungsverboten sowjetischer Filme. Die Luft wurde - kulturell natürlich, nicht sozial und materiell - so dünn, dass ein großer Teil der DDR-Bürger quasi bleibende Gehirnschäden davontrug. Gut, das ist jetzt vielleicht etwas drastisch formuliert. Verblieben waren lediglich innerparteilich moderat oppositionelle Leute in der SED wie etwa Gysi. Und eher rechtskonservative Oppositiionelle aus Kirchenkreisen wie Rainer Eppelmann.


Also ich hab keine "bleibenden Gehirnschäden" als Folge der DDR-Verhältnisse davongetragen (zumindest nicht, dass ich wüsste :D ) und ich glaube auch nicht, dass die jetzigen rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Entwicklungen viel mit der DDR zu tun haben, sondern wesentlich mehr mit den Verhältnissen im Osten in den Jahren nach der Wende. Und das dauert bis heute an. Dass es Rechtsradikale und Neonazis auch in der DDR gab, wie überall in Europa, und das schon lange vor dem Fall des Eisernen Vorhanges, ist unstrittig. Aber nun jetzt jeden Mittag-Honecker-Pups heute 30 Jahre (!) nach der Wende für die jetzige Entwicklung verantwortlich zu machen, halte ich für ziemlich schräg.

Man kann sich hier zwar viel "Sympathie" und ne Menge Pluspunkte holen, wenn man behauptet, die besonders große Hinwendung der Ostdeutschen zum Rechtspopulismus hätte mit ihrer tragischen und verfehlten DDR-Vergangenheit zu tun. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die heute draußen herumgrölenden 35- bis 40-Jährigen, vor allem viele Männer, keine besonders engen innerlichen Bindungen mehr haben zur DDR-Vergangenheit, zumindest nicht vordergründig im Sinne von "ganz schlimme Diktatur". Im Gegenteil, ich hab sogar mal aus dem Mund eines heute sehr weit rechts stehenden jungen Sachsen höchstpersönlich gehört, dass er es gut findet, was seine Eltern (keine SED-Mitglieder) aus der DDR-Zeit erzählen, dass die soziale Sicherheit Gold wert gewesen sei und man das nach der Wende erst wieder schätzen gelernt habe, was es damals bedeutet habe, sich nie um den Job, die Wohnung, die Miete, den Kita-Platz, die Ausbildung und die Rente sorgen zu müssen. Auch wenn das Fehlen der Reisefreiheit und der Mangel an bestimmten Konsumgütern schon unheimlich genervt hätten, meinte er. Er habe jedoch als Kind erlebt, wie seine Eltern, die in der DDR ihr ganzes Leben lang beide Vollzeit gearbeitet hätten und das auch sehr gerne, nach der Wende dann jeden Tag immer wieder aufs Neue kämpfen mussten, um halbwegs abgesichert zu sein, wie sie sich von ABM zu ABM hangeln mussten und ab und zu mal einen schlecht bezahlten Job fanden. All das hat den jungen Mann mehr geprägt im negativen Sinne als das, was Honecker und co. veranstaltet haben. Vielleicht sollte man mal fragen, warum sich so einer nun magisch von den Rechten angezogen fühlt.

Es wird bei dieser DDR-Analyse meistens viel zu wenig beachtet, dass die von Stasi, Staat und SED Verfolgten nur ein Teil der Bevölkerung waren, dass die meisten aber ganz normale durchschnittliche nicht verfolgte Leute waren, die einfach mal besser leben und konsumieren und deshalb die D-Mark haben wollten. Der große oft postulierte Anspruch, den "schrecklichen, diktatorischen und gefängnisartigen Staat DDR" endlich loszuwerden und gegen die "freiheitliche und demokratische BRD" einzutauschen, war nur die Intention eines Teils der Menschen. Dass sie dann in der Mehrheit den Anschluss wählten, hat eher Wohlstandsgründe. Man wollte das haben, was "die da drüben" auch hatten. Das wird nachträglich immer so heroisiert und als "Freiheitskampf" hochstilisiert.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen? Antwort erstellen

Beitragvon Skull » Di 25. Sep 2018, 16:04

Selina hat geschrieben:(25 Sep 2018, 16:52)

Es wird bei dieser DDR-Analyse meistens viel zu wenig beachtet, dass die von Stasi, Staat und SED Verfolgten nur ein Teil der Bevölkerung waren, dass die meisten aber ganz normale durchschnittliche nicht verfolgte Leute waren, die einfach mal besser leben und konsumieren und deshalb die D-Mark haben wollten. Der große oft postulierte Anspruch, den "schrecklichen, diktatorischen und gefängnisartigen Staat DDR" endlich loszuwerden und gegen die "freiheitliche und demokratische BRD" einzutauschen, war nur die Intention eines Teils der Menschen. Dass sie dann in der Mehrheit den Anschluss wählten, hat eher Wohlstandsgründe. Man wollte das haben, was "die da drüben" auch hatten. Das wird nachträglich immer so heroisiert und als "Freiheitskampf" hochstilisiert.

Solchen Relativierungen kann ich NICHTS abgewinnen.

Auch wenn vielleicht...die Mehrheit nicht gerade besonders politisiert ist , besser aber ...war...

Die Stasi, der Staatsapparat, die DDR als Staat, war für jeden DDR-Bürger präsent.
Und diesen eingeschlossenem Raum, war definitiv die MEHRHEIT mehr als "erfreut", ihn hinter sich zu lassen.

Freiheit.

Das alles auf "Konsum" herunterzubrechen...ist eher...billig.

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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen? Antwort erstellen

Beitragvon Selina » Di 25. Sep 2018, 16:10

Skull hat geschrieben:(25 Sep 2018, 17:04)

Solchen Relativierungen kann ich NICHTS abgewinnen.

Auch wenn vielleicht...die Mehrheit nicht gerade besonders politisiert ist , besser aber ...war...

Die Stasi, der Staatsapparat, die DDR als Staat, war für jeden DDR-Bürger präsent.
Und diesen eingeschlossenem Raum, war definitiv die MEHRHEIT mehr als "erfreut", ihn hinter sich zu lassen.

Freiheit.

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Hast du in der DDR gelebt?
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen? Antwort erstellen

Beitragvon Skull » Di 25. Sep 2018, 16:11

Selina hat geschrieben:(25 Sep 2018, 17:10)

Hast du in der DDR gelebt?

Ironische Replik:

Hast Du im Dritten Reich gelebt ?


Ernsthaft:

Was soll diese Frage ? Meine persönliche Geschichte und die meiner Familie tut NICHTS zur Sache.
Wir haben aber eine Kopie "unserer" Stasiakte zu Hause.

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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen? Antwort erstellen

Beitragvon Selina » Di 25. Sep 2018, 16:42

Skull hat geschrieben:(25 Sep 2018, 17:11)

Ironische Replik:

Hast Du im Dritten Reich gelebt ?


Ernsthaft:

Was soll diese Frage ? Meine persönliche Geschichte und die meiner Familie tut NICHTS zur Sache.
Wir haben aber eine Kopie "unserer" Stasiakte zu Hause.

mfg


Wie ich schon mehrfach erwähnte, gehörte meine Familie auch zu denjenigen, die gravierenden Ärger mit den DDR-Oberen hatten. Dazu habe ich ebenfalls diverse Akten hier liegen. Auch eine zur Rehabilitierung nach der Wende. Allerdings fiele mir nie im Traum ein, deshalb die gesamte damalige Gesellschaft als eine Gesellschaft von Verfolgten zu beschreiben. Weil es auch nicht so war. Ja, ein Teil litt unter Verfolgung und Repressalien, ein anderer Teil (die Mehrheit) jedoch nicht. Es war schon so, auch wenns schwerfällt, das einzugestehen: Viele Leute schätzten die soziale Sicherheit sehr, was ihnen nach der Wende erst richtig bewusst wurde, und fragen heute, wieso man nicht beides haben konnte, soziale Sicherheit und Demokratie/Freiheit. Und dauerhaft unter sozialen Ängsten leben zu müssen, kann einen Menschen auch verändern, ja, sogar krankmachen. Selbst die Fast-Vollbeschäftigung heute in Sachsen ist nicht das Wahre, weil man ja immer fragen muss, was das für Jobs sind. Das sind eben oft schlecht bezahlte Jobs, zu viel prekäre Arbeit. Unterm Strich verbessert man zwar mit jedem neuen Job die Arbeitslosenstatistik, aber keiner fragt, was das für Jobs sind, wie viele davon nur befristet, Leiharbeit, erzwungene Teilzeit (es geht nicht um die freiwillige Teilzeit, die ja ok ist) und Minijobs etcpp.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen? Antwort erstellen

Beitragvon Skull » Di 25. Sep 2018, 17:03

Selina hat geschrieben:(25 Sep 2018, 17:42)

Allerdings fiele mir nie im Traum ein,
deshalb die gesamte damalige Gesellschaft als eine Gesellschaft von Verfolgten zu beschreiben.

Die übliche Ausweich- und Nebendiskussion.

Da hat nie irgendjemand so etwa geschrieben. Da wird einfach geschrieben...andere...würden...
Und dann will man eine Diskussion über das von niemand geschriebene führen.

Vergiss es. Zumindest mit mir. ;)


P.S.: Ich führe auch keine Diskussion, das es im Dritten Reich noch auf deutschen Strassen sicherer war. :mad2:

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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen? Antwort erstellen

Beitragvon Selina » Di 25. Sep 2018, 17:14

Skull hat geschrieben:(25 Sep 2018, 18:03)

Die übliche Ausweich- und Nebendiskussion.

Da hat nie irgendjemand so etwa geschrieben. Da wird einfach geschrieben...andere...würden...
Und dann will man eine Diskussion über das von niemand geschriebene führen.

Vergiss es. Zumindest mit mir. ;)


P.S.: Ich führe auch keine Diskussion, das es im Dritten Reich noch auf deutschen Strassen sicherer war. :mad2:

mfg


Die DDR und Hitlerdeutschland gleichzusetzen, ist ein Fehler. Da gibts schon ne Menge größerer Unterschiede. Aber gut. Das wars auch meinerseits dazu. Hat keinen Sinn, wie man sieht.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon Ammianus » Di 25. Sep 2018, 17:44

sünnerklaas hat geschrieben:(25 Sep 2018, 11:16)

...

Dass es so gelaufen ist, war in erster Linie ein Versagen Mielkes. Mielke war nicht in der Lage aus all den Lagerberichten aus der Vollüberwachung der Bevölkerung die richtigen Schlüsse zu ziehen. Vielleicht war er auch gar nicht willens, weil zu alt, zu starrsinnig und zu machtgeil. Jedenfalls hat man die Chancen, die sich boten, gar nicht genutzt. Horch und Guck waren mit ihren Ohren überall und nirgends, war aber nicht in der Lage, wirklich zuzuhören. Im Grunde wurden da Berge von Papiermüll produziert.


Das Entscheidende und die ganz simple Realität war, dass die DDR zu keinem Zeitpunkt von einer deutlichen Mehrheit ihrer Bewohner getragen wurde. Um die Mittagszeit des 17. Juni z.B. hatte sie de facto aufgehört zu existieren. Und dann kamen die Panzer der Russen. Genau so war es auch in den anderen Ostblockstaaten. Jedes Mal, wenn die Regime sich zu lockern begannen kündigte sich deutlich ihr Ende an. Das sieht man 56 in Ungarn, 68 in der CSSR und 81 in Polen. Aber bei Letzterem liess man die Schmutzarbeit die polnische Armee erledigen da Teile von dieser signalisiert hatten gegen fremde Truppen Widerstand zu leisten. Nirgendwo in der Welt waren die Kommunisten durch freie Wahlen oder eine Mehrheit an die Macht gelangt. Das ganze System war an sich eine nicht wirklich funktionierende Farce.

Und so brach es dann auch zusammen, als die Herrschenden jeglichen Widerstand aufgaben. Voraussetzung war aber, dass die Führungsmacht UdSSR deutlich macht, nicht mehr zu Gunsten der Regime in den anderen Staaten zu interveniren. Das Politbüro konnte nicht mehr hoffen, dass sie noch einmal durch russische Panzer gerettet werden. Sie hatten die Wahl entweder zu kapitulieren oder sich noch eine Weile mit Gewalt an der Macht zu halten. So war der 9. Oktober, der Tag der friedlichen und großen Montagsdemonstration in Leipzig eigentlich der entscheidenste Tag der gesamten Ereignisse von 1989. Die Tausende von Menschen, die da auf die Straße gingen, wussten nicht, ob sich Polizei und Staasi auf sie stürzen würde, ob nicht sogar Schüsse fallen würden. Vorbereitungen dafür waren getroffen genau wie für landesweite Internierungen von als Negativ-feindliche Elemente eingestufte Menschen. Die Kommunisten hätten sich dann vielleicht noch ein paar völlig trostlose Jahre gehalten. Doch je nach Lage und Zahl der Opfer hätten sie dann ihr verspätetes Ende wohl nicht mehr überlebt.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen? Antwort erstellen

Beitragvon Skull » Di 25. Sep 2018, 17:45

Selina hat geschrieben:(25 Sep 2018, 18:14)

Die DDR und Hitlerdeutschland gleichzusetzen, ist ein Fehler.

Da gibts schon ne Menge größerer Unterschiede.

Ersteres mache ich auch nicht.

Zweiteres ist sicherlich richtig.

Richtig ist aber auch -> das BEIDE (totalitäre) Unrechts-Staaten waren.

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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen? Antwort erstellen

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 26. Sep 2018, 07:45

Selina hat geschrieben:(25 Sep 2018, 16:52)

Also ich hab keine "bleibenden Gehirnschäden" als Folge der DDR-Verhältnisse davongetragen (zumindest nicht, dass ich wüsste :D ) ...


Das ist mir doch klar. Ich auch nicht. Was ich damit sagen wollte und was historisch ja auch auf der Hand liegt: Die historische Wende 89/90 war speziell in der DDR und anders als in den anderen Staaten des sogenannten Ostblocks völlig von der Frage der "Deutschen Einheit" und der "Mauer" überformt.

Opposition in der damaligen Sowjetunion - in dem Falle legale, mehr oder minder geduldete Opposition - hieß unter anderem künstlerisch überragende Filme wie "Abschied von Matjora". Übergreifende Menschheitsthemen. Wie will die Menschheit künftig leben. Ich habe absolut nix, wirklich nix mit Katholizismus am Hut. Aber die Solidarnosc-Bewegung in Polen hatte selbstverständloch etwas damit zu tun, dass mit Johannes Paul II erstmals ein Pole in Rom Papst wurde. Der "Hauptstadt der Welt". Die DDR zu der Zeit war von piefigen-miefigen Meckerern bevölkert. Denen es nicht um Weltläufigkeit sondern um die "Deutsche Einheit" ging. Die in ihren Camping-Anhängern in Erkner sich über fehlende Reisefreiheit und fehlende Bananen mockierten. Dass die jetzt den Zuzug von Asylanten ablehnen oder einfach nicht verstehen ... das wundert doch eigentlich nicht. Oppositionelle gegen Ende der 80er, Künstler, Literaten, produzierten zwar auch Samisdat-Publikationen ... liefen aber häufig mit 'ner Flasche Rotwein durch Berlin oder Dresden, weil sie dieses miese kleinbürgerliche DDR-Klima sonst einfach nicht ausgehalten hätten. Ich weiß, wovon ich spreche.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen? Antwort erstellen

Beitragvon becksham » Mi 26. Sep 2018, 07:49

Skull hat geschrieben:(25 Sep 2018, 18:03)

Die übliche Ausweich- und Nebendiskussion.

Da hat nie irgendjemand so etwa geschrieben. Da wird einfach geschrieben...andere...würden...
Und dann will man eine Diskussion über das von niemand geschriebene führen.

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Das ist kein Ausweichmanöver. Das war tatsächlich für viele Realität. Viele hatten sich bequem eingerichtet und dachten nicht viel über Politik nach, sondern lebten ihr Leben. Das war wirklich so.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon zollagent » Mi 26. Sep 2018, 07:56

Ammianus hat geschrieben:(24 Sep 2018, 17:17)

Wie ist diese Aussage jetzt im Kontext des von mir Geschriebenen zu verstehen?

So, wie du sie auch verstanden hast. Es wird von einigen in den neuen Bundesländern immer noch ein Opferkult gepflegt, man "war Opfer in der DDR und man ist wieder Opfer im vereinigten Deutschland". Das aber als das zu erkennen, was es ist, nämlich Selbstmitleid und Hader, daß die Dinge, die man erwartet hat, so nicht eingetroffen sind, und statt dessen andere Zumutungen oder auch Anforderungen an einen gestellt werden, wird empört von sich gewiesen. Das würde die Eigensicht als Opfer gefährden.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen? Antwort erstellen

Beitragvon Skull » Mi 26. Sep 2018, 07:59

becksham hat geschrieben:(26 Sep 2018, 08:49)

Das ist kein Ausweichmanöver. Das war tatsächlich für viele Realität.
Viele hatten sich bequem eingerichtet und dachten nicht viel über Politik nach,
sondern lebten ihr Leben. Das war wirklich so.

Klar. So wie in jedem totalitären System.

Natürlich wird sich jeder einrichten (müssen) und MUSS sein Leben leben. Man hat ja auch nur dieses eine.

Ich betone ja selbst immer wieder den Unterschied.

Der Staat und das System DDR war scheisse. Und das hat gerade die überwiegende Mehrheit der Bürger so empfunden.
Das bedeutet natürlich nicht, dass die Menschen alle permanent unzufrieden waren.
Schliesslich hatte dort auch jeder sein einmaliges "glückliches" Leben, in dem er lebte.

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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon zollagent » Mi 26. Sep 2018, 08:02

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(25 Sep 2018, 08:13)

Wir kennen unselbständige Menschen in ganz Deutschland und darüber hinaus. Daraus eine DDR-Diskussion zu machen, erscheint mir fragwürdige Ideologiebildung.

Feststellen, wo solche Phänomene gehäuft auftreten und warum sie auftraten, kann durchaus vermitteln, wo man ansetzen muß. Und, auch wenn ich dir zustimme, daß eine reine "DDR-Diskussion" fehl am Platze wäre, so darf nicht übersehen werden, daß die DDR-Bevölkerung durch die Staatserziehung gespalten wurde, in diejenigen, die eben der staatlich gewollten Unselbständigkeit nachgaben und diejenigen, die letztlich das Regime gestürzt haben, eben weil sie sich diese Unselbständigkeit nicht aufdrängen lassen wollten.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen? Antwort erstellen

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 26. Sep 2018, 08:20

Skull hat geschrieben:(25 Sep 2018, 17:04)

Solchen Relativierungen kann ich NICHTS abgewinnen.

Auch wenn vielleicht...die Mehrheit nicht gerade besonders politisiert ist , besser aber ...war...

Die Stasi, der Staatsapparat, die DDR als Staat, war für jeden DDR-Bürger präsent.
Und diesen eingeschlossenem Raum, war definitiv die MEHRHEIT mehr als "erfreut", ihn hinter sich zu lassen.

Freiheit.

Das alles auf "Konsum" herunterzubrchen...ist eher...billig.

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Was Du vergisst: Die Präsenz der Stasi und des Staatsapparats war für eine relative MINDERHEIT repressiv. Eine relative MEHRHEIT sah sich nach karrierefördernden Beziehungen zum Staatsapparat um. Das ist eine ziemlich bittere Wahrheit.
Zuletzt geändert von schokoschendrezki am Mi 26. Sep 2018, 08:23, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen? Antwort erstellen

Beitragvon zollagent » Mi 26. Sep 2018, 08:23

Selina hat geschrieben:(25 Sep 2018, 16:52)
..Dass sie dann in der Mehrheit den Anschluss wählten, hat eher Wohlstandsgründe. Man wollte das haben, was "die da drüben" auch hatten. Das wird nachträglich immer so heroisiert und als "Freiheitskampf" hochstilisiert.

Nun ja, "Gehirnschäden" würde ich auch nicht sagen, aber prägende Erlebnisse, das durchaus. Erwartungen, Selbstversprechen und auch viele Versprechungen wurden nicht erfüllt. Und "zu bekommen, was die hatten" entpuppte sich schon als schwierig. Das ist so, als wenn man bei einem Marathonlauf startet, eine Stunde nach dem Startschuß, wenn die Anderen längst auf und davon sind. Und das programmiert jemanden, der gewohnt war, daß der Staat allumfänglich umsorgt. Danach sehnt man sich wieder, der Druck der Eigenvorsorge wird als unbequem empfunden. Und man wäre ihn gerne los. Da bietet sich doch an, jemandem zu folgen, der a. "Schuldige an der Misere" anbieten kann und b. verspricht, eben diesen Druck wegzunehmen. Daß solcherlei Versprechungen sehr diffus sind, tut dem keinen Abbruch.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen? Antwort erstellen

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 26. Sep 2018, 08:36

zollagent hat geschrieben:(26 Sep 2018, 09:23)

Nun ja, "Gehirnschäden" würde ich auch nicht sagen, aber prägende Erlebnisse, das durchaus. Erwartungen, Selbstversprechen und auch viele Versprechungen wurden nicht erfüllt. Und "zu bekommen, was die hatten" entpuppte sich schon als schwierig. Das ist so, als wenn man bei einem Marathonlauf startet, eine Stunde nach dem Startschuß, wenn die Anderen längst auf und davon sind. Und das programmiert jemanden, der gewohnt war, daß der Staat allumfänglich umsorgt. Danach sehnt man sich wieder, der Druck der Eigenvorsorge wird als unbequem empfunden. Und man wäre ihn gerne los. Da bietet sich doch an, jemandem zu folgen, der a. "Schuldige an der Misere" anbieten kann und b. verspricht, eben diesen Druck wegzunehmen. Daß solcherlei Versprechungen sehr diffus sind, tut dem keinen Abbruch.


Das ist schon eine ziemlich zutreffende Sicht ... ich würde nur anstelle oder zumindest neben des "Drucks der Eigenvorsorge" die "Konfrontation mit der Welt" setzen wollen.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen? Antwort erstellen

Beitragvon Skull » Mi 26. Sep 2018, 08:45

schokoschendrezki hat geschrieben:(26 Sep 2018, 09:20)

Was Du vergisst: Die Präsenz der Stasi und des Staatsapparats war für eine relative MINDERHEIT repressiv. Eine relative MEHRHEIT sah sich nach karrierefördernden Beziehungen zum Staatsapparat um. Das ist eine ziemlich bittere Wahrheit.

Die meisten Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind -> die ich kenne,
trauern der DDR NULL nach. Hatten auch kaum bis keine karrierefördernden Beziehungen zum Staatsapparat.
Sie differenzieren die eigene staatliche Vergangenheit,
hatten wie die meisten Menschen, Umstellungsprobleme nach dem Fall der DDR, haben ihre Chancen genutzt.

Und kritisieren HEUTE ebenso Dinge, wie andere Menschen auch. Das auch in der BRD nicht alles, das gelbe vom Ei ist.
Relativieren und romantisieren aber (trotzdem) nicht die DDR.

mfg
Man dient für Lohn und liebt sich für Geschenke

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