Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon imp » Mo 24. Sep 2018, 14:59

Großer Adler hat geschrieben:(24 Sep 2018, 15:49)

Nachdem der Osten ja in den nächsten Landtagswahlen "vermutlich" die AfD an der Spitze in allen Landtagen haben wird, sind meine Sorgen weniger geworden. Zu gegebener Zeit könnte es sein, dass ich wieder optimistischer voraus blicke.

Glaubst du echt noch, dass Landtagswahlen etwas am grundlegenden Gelingen des Lebens in Deutschland ändern? Noch dazu irgendwelche Randparteien auf dem Zuschauersitz? Nach DVU und NPD immer noch nicht gelernt, wie der Laden läuft? Die Politik findet zwischen den Parteien statt, die zusammenpassen. Gerade in der Landespolitik sind die Spielräume minimal, zudem gibt's wegen Schuldenbremse und Rahmengesetzen wenig zu investieren. Allenfalls bei der Bildung könnte man sich austoben, wenn nicht die wichtigsten Dinge der Vernunft halber in der KMK normiert werden würden und da niemand ernsthaft ausscheren will der Konsequenzen wegen. Landespolitik ist nicht egal, aber Schicksalsfragen finden woanders statt.
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Fuerst_48
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon Fuerst_48 » Mo 24. Sep 2018, 15:01

Großer Adler hat geschrieben:(23 Sep 2018, 21:33)

Besser Fragen als nichts tun. Das zeugt von Stärke.

Fragen brauchen aber auch Antworten, sonst ist es nur heisse Luft.
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Ammianus
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon Ammianus » Mo 24. Sep 2018, 16:17

zollagent hat geschrieben:(24 Sep 2018, 15:30)

Mit Selbstmitleid verbessert niemand was.


Wie ist diese Aussage jetzt im Kontext des von mir Geschriebenen zu verstehen?
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 24. Sep 2018, 18:20

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(24 Sep 2018, 14:25)

Vergessen wir nicht Italien und Frankreich.

Usw. Ja. Da muss man aber jetzt den Wiedereinstieg in das eigentliche Strangthema finden. Es gibt - das ist nun wirklich inzwischen eine Trivialaussage - einerseits überall zentrifugale Kräfte in Europa .. Brexit, Rechtspopulismus überall ... wenn auch in verschiedenenen Varianten. Der grundsätzliche Irrtum schon im Eingangsbeitrag besteht in der Annahme, dass es "Ostdeutsche" (oder "Westdeutsche") als Menschenkategorie überhaupt gäbe ... und nicht politische Phänomene, die aus verschiedenerlei Gründen vermehrt im Osten oder vermehrt im Westen Deutschlands auftauchen. Es gibt keine "Ostdeutschen"! Der anfängliche Link auf ausgerechnet einen BILD-Artikel spricht dafür, das Ganze eigentlich am besten ins Vergessen zu versenken.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon imp » Mo 24. Sep 2018, 18:37

schokoschendrezki hat geschrieben:(24 Sep 2018, 19:20)

Usw. Ja. Da muss man aber jetzt den Wiedereinstieg in das eigentliche Strangthema finden. Es gibt - das ist nun wirklich inzwischen eine Trivialaussage - einerseits überall zentrifugale Kräfte in Europa .. Brexit, Rechtspopulismus überall ... wenn auch in verschiedenenen Varianten. Der grundsätzliche Irrtum schon im Eingangsbeitrag besteht in der Annahme, dass es "Ostdeutsche" (oder "Westdeutsche") als Menschenkategorie überhaupt gäbe ... und nicht politische Phänomene, die aus verschiedenerlei Gründen vermehrt im Osten oder vermehrt im Westen Deutschlands auftauchen. Es gibt keine "Ostdeutschen"! Der anfängliche Link auf ausgerechnet einen BILD-Artikel spricht dafür, das Ganze eigentlich am besten ins Vergessen zu versenken.

Von der Idee her stimmt das ja. Jedoch gibt es Ostdeutsche so wie Christen und Bayern, solange sich Menschen selbst unter diesem Begriff subsumieren. Auch wenn keine einzelne Zuschreibung zu "den Ostdeutschen" jeden einzelnen DDR-geborenen trifft oder jeden, der sich selbst ostdeutsch bezeichnet sieht, ist der Begriff damit nicht entsorgt. Wenn "wir Ostdeutschen" wieder mal "das Volk" sind und den Rauswurf von "den Fremden" fordern, ist das mengentheoretisch bescheuert und auch sonst nicht so toll. Da begreifen sich welche (eine Minderheit!) als Kollektiv mit Anrecht auf einen nationalen Sozialplan. Darum geht es hier doch. Und wehe dem, der aus der Reihe tanzt.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 24. Sep 2018, 19:27

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(24 Sep 2018, 19:37)

Von der Idee her stimmt das ja. Jedoch gibt es Ostdeutsche so wie Christen und Bayern, solange sich Menschen selbst unter diesem Begriff subsumieren. Auch wenn keine einzelne Zuschreibung zu "den Ostdeutschen" jeden einzelnen DDR-geborenen trifft oder jeden, der sich selbst ostdeutsch bezeichnet sieht, ist der Begriff damit nicht entsorgt. Wenn "wir Ostdeutschen" wieder mal "das Volk" sind und den Rauswurf von "den Fremden" fordern, ist das mengentheoretisch bescheuert und auch sonst nicht so toll. Da begreifen sich welche (eine Minderheit!) als Kollektiv mit Anrecht auf einen nationalen Sozialplan. Darum geht es hier doch. Und wehe dem, der aus der Reihe tanzt.


Ja. Das Phänomen "Selbstzuschreibung" im Sinne von Gruppenzuordnung gibts nicht nur sondern es ist wahrscheinlich dominanter als irgendwann seit längerer Zeit. Es ist leider etwa umständlich, aber man müsste eigentlich fragen: Was wollen die, was steckt hinter dem Wunsch, sich unbedingt und dann auch irgendwann gemeinschaftlich als "Ostdeutscher" oder als "Bayer" sehen zu wollen und dann auch irgendwann meint, zu sein.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon Großer Adler » Mo 24. Sep 2018, 23:19

schokoschendrezki hat geschrieben:(24 Sep 2018, 19:20)

Usw. Ja. Da muss man aber jetzt den Wiedereinstieg in das eigentliche Strangthema finden. Es gibt - das ist nun wirklich inzwischen eine Trivialaussage - einerseits überall zentrifugale Kräfte in Europa .. Brexit, Rechtspopulismus überall ... wenn auch in verschiedenenen Varianten. Der grundsätzliche Irrtum schon im Eingangsbeitrag besteht in der Annahme, dass es "Ostdeutsche" (oder "Westdeutsche") als Menschenkategorie überhaupt gäbe ... und nicht politische Phänomene, die aus verschiedenerlei Gründen vermehrt im Osten oder vermehrt im Westen Deutschlands auftauchen. Es gibt keine "Ostdeutschen"! Der anfängliche Link auf ausgerechnet einen BILD-Artikel spricht dafür, das Ganze eigentlich am besten ins Vergessen zu versenken.


Ich betrachte mich als individuell in vielen Dingen. Dazu gehört nun mal auch ein nationaler Bezug, z.B. ein Ost- bzw. Westdeutscher zu sein uvm. Vielfalt sollte nicht nur ein Phänomen ala Willkommenskultur zugeschrieben sein, dazu gehört auch der Gegenpol. Unterschiede zwischen Ost und West gibt es ja auch noch genug. Destruktive Gedankenansätze und Handlungen beiderseits verschlimmern diese Lage nur. Deshalb passt das Thema aktuell, wie ich finde. Alles andere ist ignorant und naiv. Leider gehört auch das zum Diversity. Deswegen ist anzuraten, den sachlichen Bezug zu wählen, aber auch der unsachliche ist dem Individuum anzuerkennen.

Fazit: Wir werden uns irgendwann die Köpfe einschlagen, weil jeder individuell sein will und heute nahezu jede Veränderung, sowohl einen krassen positiven, aber auch negativen Effekt hervorruft. Veränderung sollte also so stattfinden, dass der Grad verhältnismäßig und schwerpunktmäßig kurz-, mittel- langfristig angesetzt wird und "alle" wenigstens kompromissbereit bleiben. Das wurde vor allem politisch verspielt. Die einen haben einen so positiven Erfolg errungen, das die anderen negativ auf sie einwirken und gleichzeitig ausbremsend oder herb rückschlagend wirken. Das Gefühl teilen wohl mittlerweile alle und ist eine unbedeutende Gemeinsamkeit.

Mir ist der Name des Autors nicht mehr bekannt, aber sein zitat ist:" Integration scheitert genau dort wo sie ansetzen sollte, nämlich am Problem."

Sind die Ostdeutschen, Westdeutschen das Problem? Subjektiv eingeschätzt ist es wohl der Ostdeutsche. Objektiv, sind es die, die falsche "Veränderungen" herbeiführen und richtige, also bürgerliche Interessen, als unwichtig (unverhältnismäßig) bewerten. So ist zumindest mein Eindruck.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon JJazzGold » Di 25. Sep 2018, 06:59

Großer Adler hat geschrieben:(23 Sep 2018, 19:23)

Um dich aufzuklären, ich bin gelernter Maler/ Lackierer, habe nach 17 Jahren mein Abi nachgeholt und studiert. Ich war nie arbeitslos. Das Versagen, wie du es beschreibst ist nicht allein den Eltern vorzuwerfen, auch der Staat trägt Mitverantwortung. Ebenso fällt es manchen nicht so leicht, dem gesellschtlichen Druck standzuhalten oder den gestellten Anforderungen gerecht zu werden.

Ich selbst bin nun in der sozialen Branche tätig und mein Klientel gehört zu den "Restbeständen" des Staates. Ich wage vorsichtig zu urteilen, über den deiner Meinung nach abnehmenden Restbestand. Ein von massiv ansteigenden Problemen, Krisen, Katastrophen und Risiken bedrohtes System, sorgt eher dafür, dass ein Versagen eine Masse an Menschen treffen kann, die es nie vorher glaubte.


Dann ist mir unverständlich, weshalb ausgerechnet Sie mit ihrer Vita schreiben, es stünde im Osten der Republik nur Montage oder Hartz IV zur Verfügung. Krisen und Katastrophen werden bewältigt und Risiken können nie ausgeschlossen werden. Das war doch in der DDR nicht anders, als heute, wenn auch die zur Verfügung stehenden Mittel deutlich begrenzter waren, als heute.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon JJazzGold » Di 25. Sep 2018, 07:11

Gilmoregirl hat geschrieben:(23 Sep 2018, 20:26)

Ja, auch ich bin eine mit so einer Biographie.
Ich wollte nicht lienientreu und parteiabhängig meinen beruflichen Weg gehen, wobei mich mein eigentlicher Job ( Kindergärtnerin) schon sehr im Gleis hielt.
Die Wende kam, da war ich 23, nun stand so viel für mich offen...was mache ich... gerade in Zeiten, als der Osten die Kitas eher schloss als neue benötigte.
Da, wo ich heute beruflich bin, hab ich z.T. meiner Entschlossenheit zu verdanken. Aber ich habe auch immer noch mit Mitarbeitern zu tun, die darauf warten: Sag mir, was ich machen soll...


Diese Einstellung scheint von Eltern zu Kindern weitergegeben zu werden. Denn dass der Staat nicht mehr anweist, müsste nach 28 Jahren eigentlich in den Köpfen angekommen sein. Aber vielleicht müssen wir einfach noch eine Generation warten, in der gesamten Republik. Denn ich kann mich noch gut an den sog. “Sozialadel“ erinnern, der zum Teil innerhalb drei Generationen die Haltung vertrat, Sozialhilfe zu beziehen, sei völlig ausreichend. Das hat sich meines Erachtens geändert, zum Einen weil es diese Sozialhilfe nicht mehr gibt, zum Anderen, weil zumindest nach meiner Beobachtung Eltern wieder vermehrt Wert auf, “meine Kinder sollen es besser haben als ich“ Wert legen.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon imp » Di 25. Sep 2018, 07:13

JJazzGold hat geschrieben:(25 Sep 2018, 08:11)

Diese Einstellung scheint von Eltern zu Kindern weitergegeben zu werden. Denn dass der Staat nicht mehr anweist, müsste nach 28 Jahren eigentlich in den Köpfen angekommen sein.

Wir kennen unselbständige Menschen in ganz Deutschland und darüber hinaus. Daraus eine DDR-Diskussion zu machen, erscheint mir fragwürdige Ideologiebildung.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 25. Sep 2018, 07:28

Großer Adler hat geschrieben:(25 Sep 2018, 00:19)
Sind die Ostdeutschen, Westdeutschen das Problem? Subjektiv eingeschätzt ist es wohl der Ostdeutsche. Objektiv, sind es die, die falsche "Veränderungen" herbeiführen und richtige, also bürgerliche Interessen, als unwichtig (unverhältnismäßig) bewerten. So ist zumindest mein Eindruck.

Es mag den meisten als reiner Formalismus erscheinen. Aber für mich persönlich macht die Formulierung "Will man in Ostdeutschland eine andere Republik ..." und "Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik ..." einen fundamentalen Unterschied. Ich bin im Osten Deutschlands geboren, aufgewachsen und habe noch immer meinen Lebensmittelpunkt dort. Aber ich bin kein "Ostdeutscher" sondern ein sich kosmopolitisch verstehender Mensch mit der Muttersprache Deutsch, die weitaus prägender ist als der geographische Ort dieses Lebensmittelpunkts.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon sünnerklaas » Di 25. Sep 2018, 07:34

Großer Adler hat geschrieben:(23 Sep 2018, 19:23)


Ich selbst bin nun in der sozialen Branche tätig und mein Klientel gehört zu den "Restbeständen" des Staates. Ich wage vorsichtig zu urteilen, über den deiner Meinung nach abnehmenden Restbestand. Ein von massiv ansteigenden Problemen, Krisen, Katastrophen und Risiken bedrohtes System, sorgt eher dafür, dass ein Versagen eine Masse an Menschen treffen kann, die es nie vorher glaubte.


Da stimme ich Dir zu. In dem aktuellen System darf einem EINES nie passieren: man darf nicht wirklich schwerer krank werden. Es darf einem im Grunde nichts passieren. Ein Autounfall mit sehr schwer zu klärender Schuldfrage, langer Prozessiererei, weil Versicherungen sich die Verantwortung gegenseitig zuschieben und sich nicht zuständig fühlen und längerer Erwerbunsunfähigkeit reicht da schon aus, um einen wirtschaftlichen Absturz herbei zu führen. Es war ein ganz großer Fehler, die EU-Rente zu privatisieren.

Hinzu kommt, dass das aktuelle globale Wirtschaftssystem extrem krisenanfällig ist. Da brauchen nur wichtige Verkehrswege für eine längere Zeit nicht funktionieren. Ich kann mich noch gut an das Elbhochwasser 2002 erinnern, als Rettungskräfte aus den Katastrophengebieten abgezogen werden mussten, weil auf Biegen und Brechen die Autobahnbrücken gehalten werden mussten. Hätte es da Probleme gegeben, wären die Verkehrswege unterbrochen worden, hätten binnen 24 Stunden die Produktionsbänder in der westeuropäischen Automobilindustrie still gestanden - mit fatalen Folgen auch für den Börsenkurs, weil Just-In-Time geliefert werden muss und der steigende Börsenkurs ein ehernes und mit vielen Ehrenworten versehenes Vorstandsversprechen ist. Sehr schön konnte man das alles auch bei der Hanjin-Pleite beobachten. Die Schiffe konnten wg. Insolvenz der Reederei keine Häfen anlaufen - an Bord waren aber Verkaufsartikel für das Weihnachtsgeschäft - also für das Geschäft des Jahres. Da brach dann bei nicht wenigen Panik aus. Die Waren waren geordert und bezahlt, die Kalkulation fürs Weihnachtsgeschäft stand. Wenn dann nicht geliefert wird, gibt es Ärger - und zwar richtig.

Kurz gesagt; das Wirtschaftssystem muss krisienfest gemacht werden. Es kann nur funktionieren, wenn es von vielen Schultern getragen wird. Es kann nur funktionieren, wenn vorausschauend und umsichtig gedacht und gehandelt wird - und nicht nur kurzfristig bvon Quartal zu Quartal. Zum Plan A gehören stets auch Pan B und Plan C. Nur dann ist man auf der halbwegs sicheren Seite.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon sünnerklaas » Di 25. Sep 2018, 07:43

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(25 Sep 2018, 08:13)

Wir kennen unselbständige Menschen in ganz Deutschland und darüber hinaus. Daraus eine DDR-Diskussion zu machen, erscheint mir fragwürdige Ideologiebildung.


Ich würde es anders ausdrücken: es sind unterschiedliche Mentalitäten. Ich erlebe es im Beruf immer wieder, dass es zwischen Ost- und Westdeutschen bei bestimmten Entscheidungen zu Konflikten kommt - bei Entscheidungen, bei denen es weder ein klares JA, noch ein klares NEIN, ein klares ERLAUBT oder ein klares VERBOTEN gibt. Wenn Entscheidungen getroffen werden müssen, die zwischen JA und NEIN liegen, gibt es regelmässig zum Teil hitzige Debatten, weil die inividuelle Einzelfallentscheidung von vielen Ostdeutschen dann als "ungerecht" angesehen wird. Dabei beobachte ich eines: Die Ostdeutschen, die nach ca. 1980 geboren sind, haben mit solchen Entscheidungen weniger Probleme, als die älteren.
Man darf immer eines nicht vergessen: die DDR war zwar eine Diktatur, aber sie bot auch Annehmlichkeiten. Für jeden war gesorgt, man brauchte sich um vieles nicht wirklich zu kümmern. Das machte der Staat. Und die Pflicht zur Arbeit implizierte stets auch das Recht auf Arbeit und somit das Recht auf Einkommen - auch wenn man sich von dem Geld vielleicht nicht all zu viel kaufen konnte. Sowas ist sehr bequem.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon sünnerklaas » Di 25. Sep 2018, 07:48

schokoschendrezki hat geschrieben:(25 Sep 2018, 08:28)

Es mag den meisten als reiner Formalismus erscheinen. Aber für mich persönlich macht die Formulierung "Will man in Ostdeutschland eine andere Republik ..." und "Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik ..." einen fundamentalen Unterschied. Ich bin im Osten Deutschlands geboren, aufgewachsen und habe noch immer meinen Lebensmittelpunkt dort. Aber ich bin kein "Ostdeutscher" sondern ein sich kosmopolitisch verstehender Mensch mit der Muttersprache Deutsch, die weitaus prägender ist als der geographische Ort dieses Lebensmittelpunkts.


Ich meine, man sollte -allein aus der historischen Erfahrung heraus - zwischen Sachsen und Ostdeutschland differenzieren. Die Sachsen hatten schon immer große Probleme mit Berliner Regierungen. Berlin steht für Preußen und Preußen stand für den Alten Fritz.
Auch wenn die DDR immer den "preußischen Militarismus" beklagt und verurteilt hat - der Staat selbst stand fest in preußischer Tradition. In Teilen war die DDR sogar fast eine Kopie des Preußens unter König Willem Zwo: Kaderparteien (Gültigkeit von Wahlen erst nach Bestätigung des gewählten Kandidaten durch obere Hierarchien), Funktionärsunwesen, nach außen hin strikt abgeschlossene Nomenklatura (unter Willem Zwo Adel, in der DDR "Avantguarde der Arbeiterklasse"), Provinzen (nannten sich in der DDR "Bezirke").
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon imp » Di 25. Sep 2018, 07:58

sünnerklaas hat geschrieben:(25 Sep 2018, 08:43)

Ich würde es anders ausdrücken: es sind unterschiedliche Mentalitäten. Ich erlebe es im Beruf immer wieder, dass es zwischen Ost- und Westdeutschen bei bestimmten Entscheidungen zu Konflikten kommt - bei Entscheidungen, bei denen es weder ein klares JA, noch ein klares NEIN, ein klares ERLAUBT oder ein klares VERBOTEN gibt.

Sowas habe ich auch erlebt. Jedoch nicht nur zwischen diesen Aggregaten sondern auch zwischen älteren und jüngeren, Männern und Frauen, Bayern und Zugereisten, Anhängern zweier fachlicher Herangehensweisen... Warum erinnern viele Leute gerade die Konflikte, die "Ost und West" spielen? Debatte ist gut, Ergebnis ist noch besser. Im Zweifel entscheidet im Verein der Vorstand oder die Mehrheit, in der Firma der nächstgrößere Chef.

Wenn Entscheidungen getroffen werden müssen, die zwischen JA und NEIN liegen, gibt es regelmässig zum Teil hitzige Debatten, weil die inividuelle Einzelfallentscheidung von vielen Ostdeutschen dann als "ungerecht" angesehen wird. Dabei beobachte ich eines: Die Ostdeutschen, die nach ca. 1980 geboren sind, haben mit solchen Entscheidungen weniger Probleme, als die älteren.

Entscheidungen "nach Nase" sind vielen Menschen nicht recht, da sie das Einfallstor für alle möglichen Mißstände sind. Viele gerade ältere Menschen finden nachvollziehbare Regeln wichtig.

Man darf immer eines nicht vergessen: die DDR war zwar eine Diktatur, aber sie bot auch Annehmlichkeiten. Für jeden war gesorgt, man brauchte sich um vieles nicht wirklich zu kümmern. Das machte der Staat. Und die Pflicht zur Arbeit implizierte stets auch das Recht auf Arbeit und somit das Recht auf Einkommen - auch wenn man sich von dem Geld vielleicht nicht all zu viel kaufen konnte. Sowas ist sehr bequem.

Ich halte diese Erzählung für verklärend. In Wahrheit musste, wer etwas wollte, sich kümmern. Wissen, wo und wann es seltene Ware gab. Wissen, wer beschaffen konnte, was es nicht gab und was er dafür haben wollte. Wissen, welcher Sekretär gern Westkaffee und welcher lieber gutes Bier hat, wenn man mit ihm "nochmal nachdenken" wollte. Vieles, das man woanders einfach gekauft hätte, musste improvisiert oder gebastelt werden. Alles sehr aufwändig und unbequem. Wenn ich heute eine bestimmte Schraube brauche, hole ich sie einfach im Laden. Sollte der sie wirklich nicht haben, was extrem selten ist, kann ich sie dort reservieren lassen oder gleich nach Hause bestellen. In der DDR hätte ich vermutlich einfach alle verfügbaren Schrauben jederzeit besorgt, damit ich im Bedarfsfall eine habe. Die, die ich brauche, hätte trotzdem gefehlt. Keller voll, Laden leer, und wenn ich tot bin, kommen die Enkel und hauen den ganzen Mist auf den Müll. Ich bin froh, dass wir uns um so vieles nicht kümmern müssen, weil der Markt es für uns erledigt. Das ist bequem. Die DDR kann mich mal samt ihrer Anhänger.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon JJazzGold » Di 25. Sep 2018, 08:39

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(25 Sep 2018, 08:13)

Wir kennen unselbständige Menschen in ganz Deutschland und darüber hinaus. Daraus eine DDR-Diskussion zu machen, erscheint mir fragwürdige Ideologiebildung.


Das ist keine DDR Diskussion, den sog. Soziadel gab es weit vor 1990 und zwar im zwar im Westen der Republik.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon imp » Di 25. Sep 2018, 08:41

JJazzGold hat geschrieben:(25 Sep 2018, 09:39)

Das ist keine DDR Diskussion, den sog. Soziadel gab es weit vor 1990 und zwar im zwar im Westen der Republik.

Den gibt es auch in England, obwohl das Sozialsystem dort vergleichsweise karg ist. Ich habe da wenig Hoffnung, dass es diesen Typus irgendwann nicht mehr gibt.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 25. Sep 2018, 08:42

sünnerklaas hat geschrieben:(25 Sep 2018, 08:48)

Ich meine, man sollte -allein aus der historischen Erfahrung heraus - zwischen Sachsen und Ostdeutschland differenzieren. Die Sachsen hatten schon immer große Probleme mit Berliner Regierungen. Berlin steht für Preußen und Preußen stand für den Alten Fritz.
Auch wenn die DDR immer den "preußischen Militarismus" beklagt und verurteilt hat - der Staat selbst stand fest in preußischer Tradition. In Teilen war die DDR sogar fast eine Kopie des Preußens unter König Willem Zwo: Kaderparteien (Gültigkeit von Wahlen erst nach Bestätigung des gewählten Kandidaten durch obere Hierarchien), Funktionärsunwesen, nach außen hin strikt abgeschlossene Nomenklatura (unter Willem Zwo Adel, in der DDR "Avantguarde der Arbeiterklasse"), Provinzen (nannten sich in der DDR "Bezirke").

Ich lege weiterhin großen Wert auf die Formulierung "In Sachsen" und nicht "die Sachsen" ...

Aber davon unabhängig: Natürlich stand der Staat DDR weitgehend in der Tradition von preußischer Disziplin und Ordnung. Noch Mitte, Ende der 60er war es in einigen Schulen üblich, dass Grundschulkinder - wenn auch im Pionierhemd - den Unterricht mit Knicks und Diener begannen. Ich kann das bezeugen! Das war aber die Ulbricht-Ära.

Dann kam die Ulbricht-Honecker-Klicken-Ablösungsphase und eine zeitlang gab es in diesem Machtvakuum eine gewisse Lockerung. Bis etwa zur Biermann-Ausweisung. Also 1976. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Honecker-Klicke, in erster Linie Mittag und Mielke alle Macht an sich gerissen und es sah nach irgendeinem tausendjährigen Reich des dostojewskischen Großinquisitors aus. Ab Mitte der 80er dann der Absturz. Und verzweifelte Versuche der Rettung. Neue WIrtschaftspolitik. Informatik. Computer. Kulturelle Öffnung. Neue Synagoge in Ostberlin. Aber umsonst: Die Gesellschaft war von Frust zerfressen und ein nicht kleiner Teil ging entweder irgendwie in den Westen oder betrank sich regelmäßig statt auf Computerprogramme oder eine Renaissance jüdischer Kultur zu sinnen. Dennoch befanden sich gerade in Sachsen die verbliebenen Teile der die Gesellschaft noch am Leben haltenden Wirtschaft. Daraus entstand - aus meiner Sicht - dieser rechtskonservative Geist in Sachsen. Als könne man die rechtskonservative Epoche der (west)deutschen Nachkriegs-Bundesrepublik der 50er, 60er Jahre irgendwie nachholen oder wieder heraufholen. In der Bundesrepublik war jedoch mittlerweile Weltläufigkeit eingezogen.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon JJazzGold » Di 25. Sep 2018, 08:48

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(25 Sep 2018, 09:41)

Den gibt es auch in England, obwohl das Sozialsystem dort vergleichsweise karg ist. Ich habe da wenig Hoffnung, dass es diesen Typus irgendwann nicht mehr gibt.


Anteilig wird es ihn wohl immer geben. In Deutschland hat diesen Anteil das Hartz IV Modell deutlich reduziert.
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Re: Wollen die Ostdeutschen eine andere Republik als die Westdeutschen?

Beitragvon sünnerklaas » Di 25. Sep 2018, 10:16

schokoschendrezki hat geschrieben:(25 Sep 2018, 09:42)

Dann kam die Ulbricht-Honecker-Klicken-Ablösungsphase und eine zeitlang gab es in diesem Machtvakuum eine gewisse Lockerung. Bis etwa zur Biermann-Ausweisung. Also 1976. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Honecker-Klicke, in erster Linie Mittag und Mielke alle Macht an sich gerissen und es sah nach irgendeinem tausendjährigen Reich des dostojewskischen Großinquisitors aus.


In der DDR sind einige in den 1970ern offensichtlich größenwahnsinnig geworden. Strategisch gesehen hatte der Ostblock ja die Siege in Kuba und in Vietnam vorzuweisen. Dazu kamen entscheidende Geheimdienst-Coups: die Folgen der Ermordung Benno Ohnsorgs durch den Stasi-Mann Kurras führte in Westberlin und in Westdeutschland zu einer gewissen Destabilisierung. Die CDU/CSU legte daraufhin die "Schwarzen Kassen" an, von denen die Stasi schnell Wind bekam und die Leute, wie Kohl und Strauß erpressbar machte. Dazu kam die erfolgreiche Platzierung eines MfS-Spions im Kanzleramt. Das, was sich "demokratischer Zentralismus" nannte, gab es schon im Kaiserreich in Preußen - da galt es, sozialdemokratische Politiker aus Staatsämtern und aus der Verwaltung fernzuhalten. Die "Partei neuen Typus" war gar nicht neu. Auch das war etwas altbekanntes...

Ab Mitte der 80er dann der Absturz. Und verzweifelte Versuche der Rettung. Neue WIrtschaftspolitik. Informatik. Computer. Kulturelle Öffnung. Neue Synagoge in Ostberlin. Aber umsonst: Die Gesellschaft war von Frust zerfressen und ein nicht kleiner Teil ging entweder irgendwie in den Westen oder betrank sich regelmäßig statt auf Computerprogramme oder eine Renaissance jüdischer Kultur zu sinnen. Dennoch befanden sich gerade in Sachsen die verbliebenen Teile der die Gesellschaft noch am Leben haltenden Wirtschaft. Daraus entstand - aus meiner Sicht - dieser rechtskonservative Geist in Sachsen. Als könne man die rechtskonservative Epoche der (west)deutschen Nachkriegs-Bundesrepublik der 50er, 60er Jahre irgendwie nachholen oder wieder heraufholen. In der Bundesrepublik war jedoch mittlerweile Weltläufigkeit eingezogen.


Dass es so gelaufen ist, war in erster Linie ein Versagen Mielkes. Mielke war nicht in der Lage aus all den Lagerberichten aus der Vollüberwachung der Bevölkerung die richtigen Schlüsse zu ziehen. Vielleicht war er auch gar nicht willens, weil zu alt, zu starrsinnig und zu machtgeil. Jedenfalls hat man die Chancen, die sich boten, gar nicht genutzt. Horch und Guck waren mit ihren Ohren überall und nirgends, war aber nicht in der Lage, wirklich zuzuhören. Im Grunde wurden da Berge von Papiermüll produziert.

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