Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Dark Angel » Di 20. Feb 2018, 09:25

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Feb 2018, 20:10)

Darf ich nur mal kurz als Gedankenanstoß und als Denkaufgabe und als Übungsvorschlag Dir die Frage stellen, warum sich die "Identitäre Bewegung" "Identitäre Bewegung" nennt?

Ich weiß nicht, warum sich die "Identitäre Bewegung" "Identitäre Bewegung" nennt. Da musst du die schon selber fragen.
Eins weiß ich allerdings ganz sicher - nämlich dass (individuelle) Identität eines Menschen und "Identitäre Bewegung" genau so viel gemeinsam haben wie der Mount Everest und der Marianengraben!
Du solltest mal unterscheiden lernen zwischen Identität als psychologischem Konzept und "Identitärer Bewegung" als politischer Gruppierung
Es gibt da nämlich gravierendde Unterschiede zwischen Psychologie = (wörtl.) "Seelenkunde" ==> "beschreibt und erklärt menschliches Erleben und Verhalten, deren Entwicklung im Laufe des Lebens sowie alle dafür maßgeblichen inneren und äußeren Ursachen oder Bedingungen"
und
Politik ==> "bezeichnet die Regelung der Angelegenheiten eines Gemeinwesens durch verbindliche Entscheidungen".

UND du solltest aufhören permanent das Private zu politisieren.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Dark Angel » Di 20. Feb 2018, 09:37

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Feb 2018, 20:03)
Nichtnachvollziehbarkeit dieser grundlegenden, existenziellen Erkenntnis des Verurteiltseins des Menschen zur Freiheit als anthropologischer Grundkonstante, ...

Wo steht, dass es eine anthropologische Konstante des "Verurteiltseins des Menschen zur Freiheit" gibt?

Ist das mal wieder einer deiner "Geistesblitze"?

Merkst du eigentlich wie menschenverachtend derartige Behauptungen/Aussagen sind.
Erzähle mal den Eltern vom Mia ais Kandel, dass ihre Tochter "innerlich frei"/"zur Freiheit verurteilt" war, als sie ermordet wurde oder den Eltern der jungen Frau in Freiburg oder den vielen Opfern von Ehrenmorden oder Vergewaltigungsopfern! :mad2:

Wenn es ein "Verurteiltsein des Menschen zur Freiheit" als anthropologische Konstante gibt, wozu brauchen wir dann die AEMR, wozu sprechen wir über Humanismus oder wozu verurteilen wir dann Menschenrechtsverletzungen?

Die gibt es doch offensichtlich nicht - brauchen wir auch nicht - wenn jeder Mensch "innerlich frei" ist und sich nur selbst "in die Abhängikeit von äußeren Zwängen begibt".
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Selina » Di 20. Feb 2018, 10:37

Das Frei-Sein oder Nicht-Frei-Sein des Einzelnen kann man auch gut anhand einer solchen Diskussion sehen: Wer nicht einmal so "frei" ist, auch die Position des anderen zumindest ansatzweise für überlegenswert zu halten, der ist eher unfrei in seinem Denken. Freiheit des Denkens und der Diskussion hat immer auch mit der Akzeptanz gegensätzlicher, sich widersprechender Anschauungen zu tun. Einseitiges, nicht reflektierendes Beharren auf einem einmal für "richtig" befundenen Standpunkt dagegen ist immer Zwang, immer Unfreiheit. Bei jeder Diskussion gibt es mindestens zwei Arten (und noch viel mehr), sich ein und derselben Sache zu nähern. Diese Ausschließlichkeit, dieses Dogma, all das ist Unfreiheit par excellence.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon 3x schwarzer Kater » Di 20. Feb 2018, 10:44

Selina hat geschrieben:(20 Feb 2018, 10:37)

Das Frei-Sein oder Nicht-Frei-Sein des Einzelnen kann man auch gut anhand einer solchen Diskussion sehen: Wer nicht einmal so "frei" ist, auch die Position des anderen zumindest ansatzweise für überlegenswert zu halten, der ist eher unfrei in seinem Denken.


guter Ansatz. Inwiefern hältst du die Position Anderer für überlegenswert?
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Dark Angel » Di 20. Feb 2018, 12:59

Selina hat geschrieben:(20 Feb 2018, 10:37)

Das Frei-Sein oder Nicht-Frei-Sein des Einzelnen kann man auch gut anhand einer solchen Diskussion sehen: Wer nicht einmal so "frei" ist, auch die Position des anderen zumindest ansatzweise für überlegenswert zu halten, der ist eher unfrei in seinem Denken. Freiheit des Denkens und der Diskussion hat immer auch mit der Akzeptanz gegensätzlicher, sich widersprechender Anschauungen zu tun. Einseitiges, nicht reflektierendes Beharren auf einem einmal für "richtig" befundenen Standpunkt dagegen ist immer Zwang, immer Unfreiheit. Bei jeder Diskussion gibt es mindestens zwei Arten (und noch viel mehr), sich ein und derselben Sache zu nähern. Diese Ausschließlichkeit, dieses Dogma, all das ist Unfreiheit par excellence.

Nun - da solltest du dich mal an die eigene Nase fassen (gefettet und unterstrichen) - Stichwort "kulturelle Identität".
Hast du da schon einmal andere Positionen "zumindest ansatzweise für überlegenswert" gehalten?
Offensichtlich nicht, sonst käme ja nicht - wie ein Pawlowscher Reflex - "das ist rääächts".
Rääächts ist kulturelle Identität und Abgrenzung aber nur bei Deutschen, alle anderen dürfen eine kulturelle Identität haben und auch offen zeigen, die dürfen sich auch abgrenzen und deutlich machen "wir sind anders, wir haben andere Werte".

Nebenbei geht es beim "Verurteiltsein des Menschen zur Freiheit" nicht um die Freiheit des Denkens, sondern um die Sicht der Existenzialisten (insbesondere Satre) auf die (ganz konkrete) menschliche Existenz. Für Satre gibt es keine keine feste Wesensbestimmung des Menschen - heißt er lehnt naturwissenschaftliche Erkenntnisse ab bzw ignoriert diese. Der Mensch ist für Satre zuerst Existenz und muss dann entscheiden, welches Wesen er sich geben wolle.

Und genau darauf beruft sich Schoko, wenn er von "innerer Freiheit" redet, die von keinen äußeren Zwängen abhängig wäre.
Satre folgend negiert Schoko die Tatsache, dass wir unter objektiven Bedingungen leben, auf die wir keinen oder nur geringen Einfluss ausüben können, er negiert dass unsere Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten situationsabhängig sind.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Tom Bombadil » Di 20. Feb 2018, 13:55

Dark Angel hat geschrieben:(20 Feb 2018, 12:59)

Rääächts ist kulturelle Identität und Abgrenzung aber nur bei Deutschen, alle anderen dürfen eine kulturelle Identität haben und auch offen zeigen, die dürfen sich auch abgrenzen und deutlich machen "wir sind anders, wir haben andere Werte".

Richtig. Gäbe es andere Werte und kulturelle Identitäten nicht, könnten Zuwanderer auch nicht bereichern und das Leben würde nicht bunter.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Dark Angel » Di 20. Feb 2018, 15:40

Tom Bombadil hat geschrieben:(20 Feb 2018, 13:55)

Richtig. Gäbe es andere Werte und kulturelle Identitäten nicht, könnten Zuwanderer auch nicht bereichern und das Leben würde nicht bunter.

Das kommt auf die Zuwanderer an. Auf eine Bereicherung mit archaischem Menschen- und Frauenbild kann ich dankend verzichten.
Die Bereicherung aus einer Kultur mit langer Tradition und Geschichte ist mir herzlich willkommen.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Woppadaq » Di 20. Feb 2018, 16:40

schokoschendrezki hat geschrieben:(20 Feb 2018, 07:31)
In der DDR galt der Existenzialismus als bürgerlich, dekadent, fatalistisch, subjektivistisch usw. usf. ... so ähnlich wie diese Anschauung teils auch in diesem Thread verunglimpft wird.


Naja, nach allem was ich darüber weiss, ist der Vorwurf nicht ganz von der Hand zu weisen. Denn im Grunde steht der Existenzialismus für Gleichheit im Sinne von kompletter Wertelosigkeit. Er sagt zwar so schön, ma müsse den Sinn seines Lebens schon selbst finden, er sagt aber nicht, was Sinn macht und was nicht. Der Mensch hat im Existenzialismus nur ganz allein Verantwortung für sein Leben, was im Grunde auch bedeutet, dass er nur für sich alleine lebt. Aus existenzialistischer Sicht hat damit Breiviks Leben genau den gleichen Sinn wie der von Mutter Theresa oder irgenjemanden von der Strasse, der tatsächlich nur für sich alleine lebt.

Das Problem ist nur, dass Verantwortung an sich nicht ohne die anderen funktioniert. Wenn man das ignoriert, handelt man egoistisch. Wenn man das mittels einer philosophischen Weltanschauung auch noch propagiert, ist man - und das wirklich nicht übertrieben - schon ziemlich nahe an der Rechtfertigung des Nationalsozialismus.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Woppadaq » Di 20. Feb 2018, 16:46

Selina hat geschrieben:(20 Feb 2018, 10:37)

Das Frei-Sein oder Nicht-Frei-Sein des Einzelnen kann man auch gut anhand einer solchen Diskussion sehen: Wer nicht einmal so "frei" ist, auch die Position des anderen zumindest ansatzweise für überlegenswert zu halten, der ist eher unfrei in seinem Denken.


Findest du? Ich nehme mir die Freiheit, tatsächlich zu dem zu stehen, was ich sage, und es nicht pausenlos infrage zu stellen, wenn es dafür keinen offensichrtlichen Grund gibt.

Freiheit des Denkens und der Diskussion hat immer auch mit der Akzeptanz gegensätzlicher, sich widersprechender Anschauungen zu tun.


Wenn ich alles akzeptieren muss, ist das auch wieder ein Zwang. Menschen haben Grenzen, und diese respektiere ich. Ich hab aber auch Grenzen.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 20. Feb 2018, 23:26

Dark Angel hat geschrieben:(20 Feb 2018, 09:37)

Wo steht, dass es eine anthropologische Konstante des "Verurteiltseins des Menschen zur Freiheit" gibt?

Ist das mal wieder einer deiner "Geistesblitze"?


Oh je oh je, Solche Geistesblitze wie die Jean-Paul Sartres werden mir wohl nicht gegeben sein ... :( Aber immerhin glaube ich inzwischen, den genialen Ansatz seines "Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt" wenigstens einigermaßen zu verstehen. Nicht trotz sondern gerade auch wegen Sachsenhausen oder Hohenschönhausen. Auschwitz oder Srebrenica sind womöglich noch mal ein anderes Thema.

Wo das steht, liebe D.A. habe ich schon weiter oben geschrieben: In wirklich Dutzenden von Artikeln, Essays, Reflexionen, Aufsätzen, ganzen Büchern usw. usf. nur zu diesem einen zentralen Satz: "Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt".

Ein Problem scheint mir darin zu bestehen, dass schlicht und einfach gesagt "Nachdenken" obsolet geworden zu sein scheint. "Nachdenken" jedenfalls, ohne zu meinen, vorher Reagenzgläser schütteln oder Elementarteilchen aufeinander losschießen zu müssen. Philosophie kurzgesagt, Nachdenken über Sprache, den Sinn des Lebens, den Sinn des Universums. Über das Wesen des Menschen. Über die Wurzeln des Guten und die des Bösen. Usw, Usf.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 20. Feb 2018, 23:43

Woppadaq hat geschrieben:(20 Feb 2018, 16:40)

Naja, nach allem was ich darüber weiss, ist der Vorwurf nicht ganz von der Hand zu weisen. Denn im Grunde steht der Existenzialismus für Gleichheit im Sinne von kompletter Wertelosigkeit. Er sagt zwar so schön, ma müsse den Sinn seines Lebens schon selbst finden, er sagt aber nicht, was Sinn macht und was nicht. Der Mensch hat im Existenzialismus nur ganz allein Verantwortung für sein Leben, was im Grunde auch bedeutet, dass er nur für sich alleine lebt.

Nee ... das ist nicht schlüssig. Dass ich ganz allein Verantwortung für mein Leben habe, ist zwar vollkommen richtig. Und wird bei Sartre mit dem ziemlich treffenden Begriff der "Geworfenheit" umschrieben. Leider habe ich keinerlei Französischkenntnisse und kann absolut nicht beurteilen, ob dieser sehr spezielle Begriff tatsächlich adäquat die originalen Gedanken Sartres wiedergibt. Das bedeutet aber keinswegs, dass er nur "für sich allein lebt". Sartre selbst ist das beste Beispiel dafür: In negativer Hinsicht beweist er das durch seine lebenslange und historisch tragische Begeisterung für die Person Stalin. Sartre war Stalinist. So bedauerlich und abscheuenswert das auch ist. Solschenizyn, der bedeutendste antistalinistische Autor von "Archipel Gulag" und selbst Überlebende des Gulag-Systems hat sich am Ende seines Lebens zum Putinisten entwickelt. Zum Versteher eines ehemaligen KGB-Offiziers. Mach was. Beziehungsweise: Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. Im positiven wie im negativen Sinn.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 21. Feb 2018, 00:10

Dark Angel hat geschrieben:(20 Feb 2018, 12:59)
Und genau darauf beruft sich Schoko, wenn er von "innerer Freiheit" redet, die von keinen äußeren Zwängen abhängig wäre.
Satre folgend negiert Schoko die Tatsache, dass wir unter objektiven Bedingungen leben, auf die wir keinen oder nur geringen Einfluss ausüben können, er negiert dass unsere Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten situationsabhängig sind.

Du solltest einfach mal versuchen, dir bewusst zu machen, dass dies das Eingeständnis einer Kapitulation ist. Die Auslebbarkeit unserer Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten ist in der Tat begrenzt und von äußeren Zwängen abhängig. Ich kann mich durchaus "entscheiden", ein Yuppie sein zu wollen, aber wenn ich nun mal weder young noch urban noch professional bin und vor allem nicht das Geld habe, einen Yuppie-Lebensstil zu pflegen, nützt mir diese Entscheidung überhaupt nix. Das ist in der heutigen Welt insofern kaum anders als in repressiven Systemen wie dem der DDR. Jetzt kommt aber der alles entscheidende Punkt: Bin ich es, der dieser Situation mit alternativen Lebensentwürfen begegnet oder ist es irgendein System, Staat, eine soziale Einrichtung, die Berufung auf eine "kulturelle Identität", die Hinwendung zu irgendeiner Grupppenzusammengehörigkeit? Nein! Ich, nur ich allein kann einen alternativen Lebensentwurf, Ich-Entwurf für mich schaffen. Und das Geniale bei Sartres Philosophie besteht darin, dass er dies nicht etwa als ein "Geschenk", als eine "Freiheitserkenntnis" versteht sondern als eine "Verurteilung". Man kann gar nicht genug sich darüber wundern wie tiefliegend und essenziell diese Erkenntnis ist. Und ich bin mir absolut sicher, dass es eine Renaissance der Existenzialismus-Philosophie geben wird, Wenn sie denn nicht längst schon stattfindet ...
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 21. Feb 2018, 09:44

Woppadaq hat geschrieben:(20 Feb 2018, 16:46)

Findest du? Ich nehme mir die Freiheit, tatsächlich zu dem zu stehen, was ich sage, und es nicht pausenlos infrage zu stellen, wenn es dafür keinen offensichrtlichen Grund gibt.



Wenn ich alles akzeptieren muss, ist das auch wieder ein Zwang. Menschen haben Grenzen, und diese respektiere ich. Ich hab aber auch Grenzen.

Man sollte zwischen "Akzeptanz" und "Toleranz" unterscheiden. "Akzeptanz" ist ein aktives Gutheißen. "Toleranz" ein passives Hinnehmen. Und schließt insofern natürlich eine größere Menge von Ansichten ein. Hat aber nichtsdestotrotz dennoch Grenzen.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Dark Angel » Mi 21. Feb 2018, 10:37

schokoschendrezki hat geschrieben:(20 Feb 2018, 23:26)

Oh je oh je, Solche Geistesblitze wie die Jean-Paul Sartres werden mir wohl nicht gegeben sein ... :( Aber immerhin glaube ich inzwischen, den genialen Ansatz seines "Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt" wenigstens einigermaßen zu verstehen. Nicht trotz sondern gerade auch wegen Sachsenhausen oder Hohenschönhausen. Auschwitz oder Srebrenica sind womöglich noch mal ein anderes Thema.

Ach du glaubst ... Satres Existenzialismus ist für dich also eine Ersatzreligion mit absolutem Wahrheitsanspruch.
Dabei merkst du nicht einmal, dass sich die diversen Existenzialisten/Existenzphilosophen gegenseitig widersprechen, sich jeder im Besitz der absoluten Wahrheit wähnt, sie faktisch Dogmatiker sind. Dir fällt nicht auf, dass die Existenzialisten - allen voran Satre - in ihrer Philosophie keinerlei Bezug zu (Erkenntnissen) der Naturwissenschaften haben, ja diese Erkenntnisse gerazu leugnen. Du merkst nicht, dass Existenzialisten behaupten, es könn(t)en keine allgemeinen Aussagen über den Menschen gemacht werden. Tja, wenn recht hätten - wenn Satre recht hätte - wozu benötigen wir dann noch die Humanwissenschaften?

Darüber hinaus fällt dir auch nicht auf wie zynisch deine Aussagen sind, dass sie von Menschenverachtung nur so triefen, schlimmer noch - dir fällt nicht mal auf, dass die mit deiner Behauptung, die Verbrechen der nazis relativierst und bagatellisierst.
Pfui Deibel!

schokoschendrezki hat geschrieben:(20 Feb 2018, 23:26)Wo das steht, liebe D.A. habe ich schon weiter oben geschrieben: In wirklich Dutzenden von Artikeln, Essays, Reflexionen, Aufsätzen, ganzen Büchern usw. usf. nur zu diesem einen zentralen Satz: "Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt".

Ach du hast das in Dutzenden Artikeln, Essays blablabla gelesen - aber belegen - und zwar anhand wissenschaftlicher Erklärungen, Aussagen von Anthropologen, kannst du das nicht.
Nur weil irgendwelche Anhänger Satres das nachplappern, dessen Aussagen nicht hinterfragen, wird aus einer unbewiesenen und unbeweisbaren Behauptung Satres noch lange keine anthropologische Konstante.
Nur zu deiner Info: "Antropologische Konstanten" sind etwas immer gleichbleibendes und unbeeinflussbares in der Natur und/oder im Wesen des Menschen. Und wie der Begriff "Natur" bereits nahe legt, sind "antropologische Konstanten" allgemeingültig UND sie fallen in den "Zuständigkeitsbereich" der Naturwissenschaften - um die Existezialisten nachweisbar einen sehr großen Bogen machen.

schokoschendrezki hat geschrieben:(20 Feb 2018, 23:26)Ein Problem scheint mir darin zu bestehen, dass schlicht und einfach gesagt "Nachdenken" obsolet geworden zu sein scheint. "Nachdenken" jedenfalls, ohne zu meinen, vorher Reagenzgläser schütteln oder Elementarteilchen aufeinander losschießen zu müssen. Philosophie kurzgesagt, Nachdenken über Sprache, den Sinn des Lebens, den Sinn des Universums. Über das Wesen des Menschen. Über die Wurzeln des Guten und die des Bösen. Usw, Usf.

Du kannst so viel "nachdenken" wie du willst, Allgemeingültigkeitscharakter haben deine Schlussfolgerungen deshalb noch lange nicht und werden den auch niemals haben, so lange dur nicht hinterfragst und einen "Abgleich" mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaften herstellst.
Und ich verrate dir nochwas: Menschen sind keine mathematischen Gleichungen und sie existieren auch nicht in Reagenzgläsern, deine kruden Vergleiche, die du anstellst, sind keine - sie sind nur Unsinn!
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Dark Angel » Mi 21. Feb 2018, 10:49

schokoschendrezki hat geschrieben:(21 Feb 2018, 00:10)

Du solltest einfach mal versuchen, dir bewusst zu machen, dass dies das Eingeständnis einer Kapitulation ist.

Ooh das ist ganz und gar kein Eingeständnis einer Kapitulation - ganz im Gegenteil!
Im Gegensatz zu dir, habe ich mir die Fähigkeit des hinterfragens, des (über)prüfens und des widerlegens bewahrt. Ich plappere keinen unbeweisbaren Dogmen nach und ich leben auch in keiner Filterblase. Das überlassen ich Dir!

schokoschendrezki hat geschrieben:(21 Feb 2018, 00:10) Die Auslebbarkeit unserer Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten ist in der Tat begrenzt und von äußeren Zwängen abhängig. Ich kann mich durchaus "entscheiden", ein Yuppie sein zu wollen, aber wenn ich nun mal weder young noch urban noch professional bin und vor allem nicht das Geld habe, einen Yuppie-Lebensstil zu pflegen, nützt mir diese Entscheidung überhaupt nix. Das ist in der heutigen Welt insofern kaum anders als in repressiven Systemen wie dem der DDR. Jetzt kommt aber der alles entscheidende Punkt: Bin ich es, der dieser Situation mit alternativen Lebensentwürfen begegnet oder ist es irgendein System, Staat, eine soziale Einrichtung, die Berufung auf eine "kulturelle Identität", die Hinwendung zu irgendeiner Grupppenzusammengehörigkeit? Nein! Ich, nur ich allein kann einen alternativen Lebensentwurf, Ich-Entwurf für mich schaffen.

Mein Gott, was für ein selbstverliebtes Gesülze! Der Herr Schokoschendretzki befindet sich im Besitz einer absoluten allgemeingültigen Wahrheit, er hat das Allseeligmachende gefunden. Oommmm!
Schoko - ich will dir deinen Glauben, deine Pseudoreligion nicht nehmen, aber bitte nimm zur Kenntnis, dass es DEINE Pseudoreligion ist, dass es eben KEINE absolute Wahrheit ist, was du hier von dir gibst, sondern die Sichtweise eines einzelnen Existenzphilosophen, der sich im Widerspruch zu anderen Existenzphilosophen befindet.
Unterlass es also zu missionieren und andere bekehren zu wollen. Du müsstest doch eigentlich mitkriegen, dass du auf allgemeinen Widerspruch stößt.


schokoschendrezki hat geschrieben:(21 Feb 2018, 00:10) Und das Geniale bei Sartres Philosophie besteht darin, dass er dies nicht etwa als ein "Geschenk", als eine "Freiheitserkenntnis" versteht sondern als eine "Verurteilung". Man kann gar nicht genug sich darüber wundern wie tiefliegend und essenziell diese Erkenntnis ist. Und ich bin mir absolut sicher, dass es eine Renaissance der Existenzialismus-Philosophie geben wird, Wenn sie denn nicht längst schon stattfindet ...

An Satres Philosophie ist gar nichts genial - ganz im Gegenteil, die ist ignorant, egozentrisch und ziemlich krank!

Ich finde diese Aussage passt zu Satre wie die berühmte Faust aufs Auge:

"Und nun nehmen einige Menschen (im übertragenen Sinne) eine Küchenrollen, und wälzen ihre Probleme nach allen Seiten aus. Und wenn sie einige hundert Seiten zusammen haben, geben sie das als philosophisches Buch heraus ;-) Die Existentialisten bzw. Existenzphilosophen sind Paradebeispiele für eine solche Vorgehensweise."

Was das Finden eines Sinn im Leben bzw finden von Glück, halte ich es mit Popper und Kant, alles andere bzw anderen vorschreiben zu wollen, was eine wahre Existenz ist, birgt die Gefahr des Totalitarismus in sich.
Gerade dafür ist Satre ein Paradebeispiel.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Selina » Mi 21. Feb 2018, 11:09

Dark Angel hat geschrieben:(21 Feb 2018, 10:49)

Ooh das ist ganz und gar kein Eingeständnis einer Kapitulation - ganz im Gegenteil!
Im Gegensatz zu dir, habe ich mir die Fähigkeit des hinterfragens, des (über)prüfens und des widerlegens bewahrt. Ich plappere keinen unbeweisbaren Dogmen nach und ich leben auch in keiner Filterblase. Das überlassen ich Dir!

Mein Gott, was für ein selbstverliebtes Gesülze! Der Herr Schokoschendretzki befindet sich im Besitz einer absoluten allgemeingültigen Wahrheit, er hat das Allseeligmachende gefunden. Oommmm!


Das ist eine perfekte Beschreibung dessen, was du hier selbst gebetsmühlenartig von dir gibst: Ohne Fähigkeit, zu hinterfragen, mit Widerspruch klar zu kommen. Und ja, du plapperst "unbeweisbare Dogmen" irgendwelcher "Fachleute" nach, die lediglich auszeichnet, dass sie auf deiner Wellenlänge funken. Und ja, Dark Angel "befindet sich im Besitz einer absoluten allgemeingültigen Wahrheit, sie hat das Allseeligmachende gefunden. Oommmm!". "Selbstverliebtes Gesülze". Perfekte Analyse. Bis auf die Rechtschreibung. Das "Allseeligmachende" muss nämlich richtig heißen: Das allein Seligmachende. Getrennt und nicht mit Doppel-e. Und allein statt All :)
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon pikant » Mi 21. Feb 2018, 11:53

Dark Angel hat geschrieben:(21 Feb 2018, 10:49)

Der Herr Schokoschendretzki befindet sich im Besitz einer absoluten allgemeingültigen Wahrheit, er hat das Allseeligmachende gefunden. Oommmm!


auch wenn diese Satz mal wieder spam ist, 'allgemeinguelitge Wahrheit' kenne ich, aber bei 'das Allseeligmachende' bin ich gescheitert und finde dieses Wort auch nicht beim googeln.
Kreieren Sie immer eigenen Woerter, aber dann bitte auch dazu schreiben, was es bedeuten soll - Danke!
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Ammianus
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Ammianus » Mi 21. Feb 2018, 14:30

pikant hat geschrieben:(21 Feb 2018, 11:53)

auch wenn diese Satz mal wieder spam ist, 'allgemeinguelitge Wahrheit' kenne ich, aber bei 'das Allseeligmachende' bin ich gescheitert und finde dieses Wort auch nicht beim googeln.
Kreieren Sie immer eigenen Woerter, aber dann bitte auch dazu schreiben, was es bedeuten soll - Danke!


Jetzt bin ich mal gespannt, ob du dich für diesen Irrtum samt der daraus resultierenden Unterstellung entschuldigen wirst.

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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Woppadaq » Do 22. Feb 2018, 04:51

schokoschendrezki hat geschrieben:(20 Feb 2018, 23:43)

Nee ... das ist nicht schlüssig. Dass ich ganz allein Verantwortung für mein Leben habe, ist zwar vollkommen richtig. Und wird bei Sartre mit dem ziemlich treffenden Begriff der "Geworfenheit" umschrieben. Leider habe ich keinerlei Französischkenntnisse und kann absolut nicht beurteilen, ob dieser sehr spezielle Begriff tatsächlich adäquat die originalen Gedanken Sartres wiedergibt. Das bedeutet aber keinswegs, dass er nur "für sich allein lebt".


Ich meine das in dem Sinne, dass nur er selbst bestimmen kann, was der Sinn seines Lebens ist. Das klingt auf dem ersten Blick logisch, ist es aber nicht. Der Mensch ist immer bestrebt, durch Fortpflanzung oder Schaffung eines körperexternen Wertes weiterzuleben, gegebenenfalls seinen eigenen Wert zu erhöhen, seies nun materieller, geistiger oder moralischer Natur. Er braucht dazu den anderen Menschen, selbst dann, wenn er zu ihm auf Abstand geht. Alle Ismen dieser Welt beschreiben dabei das Verhältnis des Menschen zum anderen auf ihre Weise, und wenn der Existenzialismus behauptet, der Mensch sei nur sich selbst gegenüber verantwortlich, nimmt er ihm im Grunde jegliche Verantwortung zu anderen Menschen. Und das ist eindeutig Egoismus, und die Rechtfertigung ist geradezu fatalistisch.

Sartre selbst ist das beste Beispiel dafür: In negativer Hinsicht beweist er das durch seine lebenslange und historisch tragische Begeisterung für die Person Stalin. Sartre war Stalinist. So bedauerlich und abscheuenswert das auch ist. Solschenizyn, der bedeutendste antistalinistische Autor von "Archipel Gulag" und selbst Überlebende des Gulag-Systems hat sich am Ende seines Lebens zum Putinisten entwickelt. Zum Versteher eines ehemaligen KGB-Offiziers.


Das ist ein eher schlechtes Beispiel. Ich kann jedenfalls nicht wirklich was damit anfangen, dass Marx während des Deutschen Krieges auf Seiten der im Vergleich zum Bismarck-Preussen weitaus reaktionäreren österreichischen Monarchie stand. Und Solschenizyn hat sich bereits in den 90ern dahingehend geäussert, dass er meinte, Russland brauche wieder einen Zaren. Gorbatschow meinte damals, als Russe könne er ihn verstehen (soviel zu der von dir immer so oft behaupteten nicht vorhandenen kulturellen Identität...), Jelzin hat später ebenfals versucht, möglichst zaristisch rüberzukommen. Es ist deshalb nur logisch, dass Solschenizyn mit dem Putin-System zufrieden ist. Dass Putin ein ehemaliger KGB-Offizier ist, spielt dabei absolut keine Rolle, ein Geheimdienst sit schliessloch keine Partei, sondern ein Staatsorgan, das wird bei der hiesigen anti-Stasi-Hysterie oft ausgeblendet.

Dass Sartre Stalinist war, wundert mich auf eine Art allerdings nicht. Egoisten neigen dazu, sich eine starke Persönichkeit zu suchen, die ihnen ihre gesellschaftliche Verantwortung abnimmt.
Woppadaq
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Woppadaq » Do 22. Feb 2018, 05:14

schokoschendrezki hat geschrieben:(21 Feb 2018, 00:10)

Du solltest einfach mal versuchen, dir bewusst zu machen, dass dies das Eingeständnis einer Kapitulation ist. Die Auslebbarkeit unserer Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten ist in der Tat begrenzt und von äußeren Zwängen abhängig. Ich kann mich durchaus "entscheiden", ein Yuppie sein zu wollen, aber wenn ich nun mal weder young noch urban noch professional bin und vor allem nicht das Geld habe, einen Yuppie-Lebensstil zu pflegen, nützt mir diese Entscheidung überhaupt nix. Das ist in der heutigen Welt insofern kaum anders als in repressiven Systemen wie dem der DDR. Jetzt kommt aber der alles entscheidende Punkt: Bin ich es, der dieser Situation mit alternativen Lebensentwürfen begegnet oder ist es irgendein System, Staat, eine soziale Einrichtung, die Berufung auf eine "kulturelle Identität", die Hinwendung zu irgendeiner Grupppenzusammengehörigkeit? Nein! Ich, nur ich allein kann einen alternativen Lebensentwurf, Ich-Entwurf für mich schaffen.


Und darin liegt eben der Fehler. Du kannst für dich schaffen, was du magst, aber ohne Response, ohne die anderen Menschen, bekommt das keinen Wert. Du entscheidest dich, Yuppie zu sein, weil du wie die Yuppies sein willst. Du fängst an, etwas eigenes zu kreieren, weil dir andere suggerieren, dass sie das belohnen würden.

Und das Geniale bei Sartres Philosophie besteht darin, dass er dies nicht etwa als ein "Geschenk", als eine "Freiheitserkenntnis" versteht sondern als eine "Verurteilung".


Du merkst aber schon, dass Sartre damit quasi dem Grundgedanken der Freiheit negativ gegenübersteht? Aus der Freude, dass ich machen kann, was ich will, wird der Zwang, ich selbst sein zu müssen.

Und ich bin mir absolut sicher, dass es eine Renaissance der Existenzialismus-Philosophie geben wird, Wenn sie denn nicht längst schon stattfindet ...


Eher das Gegenteil ist der Fall. Der Spruch "Guns don't kill people, people kill people" ist Existenzialismus pur - und wird inzwischen selbst in Amerika immer mehr infrage gestellt. Existenzialismus wird wahscheinlich erst dann wieder in Mode kommen, wenn die Gesellschaft meint, sich wieder mehr Egoismus leisten zu können.

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