Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

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Watchful_Eye
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Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Watchful_Eye » Di 16. Jan 2018, 20:56

Ich frage mich seit der Flüchtlingskrise häufig: In welchem Maße darf eine Nation "an sich" denken bzw. darf man als Wähler eines Nationalstaates an seine eigene Nation denken?

Es gibt ja diesen häufig kritisierten Trump-Ausspruch "America First!". Meines Erachtens ist diese Kritik auch berechtigt, symbolisiert es doch das übermäßig national-egoistische Handeln Trumps. Auch impliziert er fälschlicherweise, in der Vergangenheit habe Amerika nicht im auf den eigenen Vorteil bedacht gehandelt. Meinem Eindruck nach existiert allerdings kein Staat auf der Welt, welcher dies nicht zumindest im weiteren Sinne tut.

Wenn wir 100%ig "global utilitaristisch" denken würden, wäre im Anbetracht globaler Armut bereits der bescheidenste Luxus eines Deutschen schwierig zu rechtfertigen. Wir müssten wohl einen sehr großen Teil unseres BIPs, möglicherweise über die Hälfte, in Entwicklungshilfe investieren. Schon das Konzept der Grenzziehung wäre schwierig zu rechtfertigen, da es in letzter Konsequenz bedeutet, nationale, mit dem Staat verbundene Privilegien zu sichern. Auch wäre es problematisch, zu versuchen, bei Verhandlungen mit anderen Staaten "das Maximum" herauszuholen, denn wir hätten dann ja als Weltbürger zu denken und nicht mehr als Deutsche.

Ein solches Handeln, in dieser Extremform gedacht, würde wohl schon alleine spieltheoretisch in eine Katastrophe führen, weil sich ausländische Bürger und Staaten natürlich mutmaßlich nicht unserem strikt globalen Denken anschließen würden. Es scheint auch insofern falsch, als dass wir hierzulande bereits ein weit überdurchschnittlich hohes Niveau an gesellschaftlicher Kohärenz und Stabilität erreicht haben, welches sich bei unbegrenzter Migration und Umverteilung nicht aufrechterhalten ließe.

Daher scheint es mir eine Frage der richtigen Abwägung zu sein; und nach welchen Kriterien ist hier vorzugehen? Wie sehr dürfen wir unser eigenes Land bevorzugen und ab wann wirds, ethisch gesehen, eklig? Ist "nationales" Denken ein relativer Begriff? Sollte ein Wähler die Wahl seiner Partei in erster Linie am Wohl der eigenen Nation ausrichten oder eher am Wohl der gesamten Welt? Im Falle Deutschlands auch am Wohle Europas?

Ich würde von mir sagen, das Wohl meiner eigenen Nation schon am stärksten zu gewichten (dafür ist die Regierung schließlich auch zuständig), dann kommt Europa und dann der Rest der Welt. Das ist vermutlich auch normal. Aber ist es ethisch zu rechtfertigen und wenn ja, wie?
Zuletzt geändert von Watchful_Eye am Di 16. Jan 2018, 21:00, insgesamt 1-mal geändert.
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Milady de Winter
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. wo wirds eklig?

Beitragvon Milady de Winter » Di 16. Jan 2018, 21:00

Eine Gegenfrage zu Deiner letzten Frage: warum muss es ethisch gerechtfertigt werden können?
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Watchful_Eye
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. wo wirds eklig?

Beitragvon Watchful_Eye » Di 16. Jan 2018, 21:12

Milady de Winter hat geschrieben:(16 Jan 2018, 21:00)

Eine Gegenfrage zu Deiner letzten Frage: warum muss es ethisch gerechtfertigt werden können?

Gute Frage - vielleicht, weil wir nicht nur Deutsche, sondern auch Menschen sind und uns unserer Spezies zu einem gewissen Grad verpflichtet fühlen sollten? Verstehe ich mich falsch - solch eine Gewichtung wird ja faktisch auch vorgenommen.

Natürlich basiert ein wichtiger Grund nicht-egoistischen nationalen Handelns schlicht darin, dass wir eben selbst auch rücksichtsvoll behandelt werden wollen. Wir ächten Angriffskriege und Kolonialismus, beteiligen uns an Abkommen gegen den Klimawandel und gewähren Flüchtlingen Asyl. Trotzdem sind wir vermutlich auch nicht ausschließlich auf das eigene Wohl bedacht. Es ist ja ziemlich offensichtlich, dass nicht alle Nationen/Regierungen gleich kooperativ bzw. "egoistisch" handeln, und das liegt sicherlich auch in der ethischen Kultur des jeweiligen Landes begründet.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Quatschki » Di 16. Jan 2018, 21:16

Im Grundsatz gilt das Selbstbestimmungsrecht der Völker.
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die gegenüber dem Ausland souverän und weder unterhaltsverpflichtet noch unterhaltsberechtigt sind
(sofern sie nicht selbst aus wechselseitigem Interesse heraus entsprechende Abkommen schließen).
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon odiug » Di 16. Jan 2018, 21:28

Was sind denn die Interessen einer Nation :?:
Die von Rhein Metall zB. :?:

oder :
http://www.daserste.de/information/repo ... o-102.html
Es ist schön, wenn die Globalisierung eigentlich den nationalen Wirtschaftsinteressen so so nützlich ist, daß sich damit auch nationale Gesetze ganz legal umgehen lassen.
Andere Beispiele lassen sich auch aufreihen ... die deutsche Massentierhaltung zB.
Wir importieren Soja aus Latein Amerika um damit soviel Scheiße in den Zuchtfabriken zu Produzieren, daß wir damit das eigene Grundwasser buchstäblich versauen zur Freude von Nestle und anderen Deppen, die Wasser in Flaschen verkaufen :eek:

Von daher ist schon die Frage in diesem Strang völlig absurd.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Brainiac » Di 16. Jan 2018, 21:30

Es ist sogar um Sinne des großen Ganzen sinnvoll, wenn eine Nation zuerst an sich denkt - aus Gründen der Komplexitätsreduktion, auf einer anderen Ebene auch Subsidiaritätsprinzip genannt.

Verantwortung muss sinnvoll delegiert und heruntergebrochen werden. Die Frage ist nur, ob die heutigen Nationalstaaten eine sinnvolle Zwischenebene zu Ansiedlung von Verantwortung darstellen (ich meine eher nein, da zu viele / zu atomisiert, und dafür zu bedeutend, auch wenn sich das paradox anhören mag). Das ist aber eine andere Diskussion.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Adam Smith » Di 16. Jan 2018, 21:35

Im Prinzip müssten die Länder oder Städte usw. wie die Unternehmen um die besten Menschen konkurrieren. Und das wäre auch das Beste. Denn der Kapitalismus beweist jedes Mal, dass er das optimalste und beste System ist.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon odiug » Di 16. Jan 2018, 21:37

Brainiac hat geschrieben:(16 Jan 2018, 21:30)

Es ist sogar um Sinne des großen Ganzen sinnvoll, wenn eine Nation zuerst an sich denkt - aus Gründen der Komplexitätsreduktion, auf einer anderen Ebene auch Subsidiaritätsprinzip genannt.

Verantwortung muss sinnvoll delegiert und heruntergebrochen werden. Die Frage ist nur, ob die heutigen Nationalstaaten eine sinnvolle Zwischenebene zu Ansiedlung von Verantwortung darstellen (ich meine eher nein, da zu viele / zu atomisiert, und dafür zu bedeutend, auch wenn sich das paradox anhören mag). Das ist aber eine andere Diskussion.

Die "Interessen" einer Nation sind völlig belanglos, denn sie werden von Leuten definiert, deren ihr Interesse weit wichtiger ist, als die einer Nation.
Die viel wichtigere Frage ist doch, was sind diese nationalen Interessen und wer definiert sie ?
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Brainiac » Di 16. Jan 2018, 21:45

odiug hat geschrieben:(16 Jan 2018, 21:37)

Die "Interessen" einer Nation sind völlig belanglos, denn sie werden von Leuten definiert, deren ihr Interesse weit wichtiger ist, als die einer Nation.

Das würde ich so nicht unterschreiben. Klar, die regierenden Personen haben eigene persönliche Ziele, dazu gehört aber idR. auch der Wunsch nach (öffentlicher) Anerkennung der eigenen Arbeit, mithin ist es für sie (auch) sinnvoll, das Beste für ihr Land zu tun. "Belanglos" sind die Interessen der Nation also keineswegs.

Die viel wichtigere Frage ist doch, was sind diese nationalen Interessen und wer definiert sie ?

Das wird ua. durch Wahlen geklärt.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Adam Smith » Di 16. Jan 2018, 21:50

odiug hat geschrieben:(16 Jan 2018, 21:37)

Die "Interessen" einer Nation sind völlig belanglos, denn sie werden von Leuten definiert, deren ihr Interesse weit wichtiger ist, als die einer Nation.
Die viel wichtigere Frage ist doch, was sind diese nationalen Interessen und wer definiert sie ?

Dazu müsste man sich den Merkantilismus mal ansehen. Hier sind Importe z.B. schädlich.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. wo wirds eklig?

Beitragvon Milady de Winter » Di 16. Jan 2018, 21:55

Watchful_Eye hat geschrieben:(16 Jan 2018, 21:12)

Gute Frage - vielleicht, weil wir nicht nur Deutsche, sondern auch Menschen sind...

Durchaus. Aber so, wie es formuliert ist, klingt es, als ob man als Deutscher eine besondere Verpflichtung hat, ohne die man nicht "vollständig" oder "vollwertig" wäre.

... und uns unserer Spezies zu einem gewissen Grad verpflichtet fühlen sollten?

Weil wir Deutsche sind oder weil wir Menschen sind? Wenn ersteres, warum? Wenn letzteres, dann müsste das für alle Menschen gleichermaßen gelten. Nur wenn man sich in der Welt umsieht, erkennt man, dass dieses Gesetz offensichtlich noch nirgends festgeschrieben wurde.

Verstehe ich mich falsch - solch eine Gewichtung wird ja faktisch auch vorgenommen.

Von wem, in welcher Form?

Ich sehe es so: an sich denken ist nicht automatisch schlecht oder egoistisch. Zumindest so lange nicht, solange ich damit keinem Unbeteiligten schade. Und das ist für mich auch die erste Priorität: von meinem Tun und Handeln müssen nicht stets Gott und die Welt profitieren. Wichtiger ist, dass dadurch niemand Schaden nimmt.

Letztendlich bewertet das aber jeder Mensch gemäß seinem eigenen moralischen Kompass. Ein "richtig" oder "falsch", oder eine festgeschriebene Verpflichtung, je nach Nation, gibt es in meinen Augen nicht.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Adam Smith » Di 16. Jan 2018, 21:56

Watchful_Eye hat geschrieben:(16 Jan 2018, 20:56)


Wenn wir 100%ig "global utilitaristisch" denken würden, wäre im Anbetracht globaler Armut bereits der bescheidenste Luxus eines Deutschen schwierig zu rechtfertigen. Wir müssten wohl einen sehr großen Teil unseres BIPs, möglicherweise über die Hälfte, in Entwicklungshilfe investieren.

Was würde denn mit der Armut oder dem Wohlstand passieren, wenn wir versuchen würden dieses nur in Deutschland umzusetzen? Also, dass jeder gleich viel verdient oder besitzt.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Skeptiker » Di 16. Jan 2018, 22:02

Ich würde sie vielleicht mit der Situation eines Ersthelfers vergleichen. Der ist nach ethischen Massstäben natürlich verpflichtet jemandem in einer Notlage zu helfen (also medizinscher Notfall angenommen, kein finanzieller ;) ).
Die Grenze der Hilfsbereitschaft wird aber durch die Gefahr und den Nachteil für den Helfers begrenzt.

Beispiel: Wenn ein Kind im Eis einbricht, dann wäre es nicht ethisch vertretbar die Hilfe zu verweigern weil die teuren Schuhe ruiniert werden und das Wasser so kalt ist. Wenn sicher aber jemand leicht in den Finger schneidet und kein Pflaster zur Hand ist, bin ich nicht verpflichtet ihn ins weit entferne nächste Krankenhaus zu bringen.

Mit Gesellschaften verhält es sich ähnlich. Sicher kann Deutschland Menschen in der Not Hilfe leisten. Wenn aber die Hilfe so attraktiv, bzw. die Not so groß, ist, dass sich durch die zu erbringende Leistung inakzeptable Nachteile ergeben, dann ist halt irgendwann die ethische Verpflichtung ausgeschöpft. Oder wie Sloterdijk es sagte: "Es gibt schließlich keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung."
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon zollagent » Di 16. Jan 2018, 22:07

Skeptiker, nun tu mal Butter bei die Fische und erzähl, welche Nation durch Hilfeleistung in ihrem Bestand gefährdet ist? Wenn man das als Maßstab nimmt, dürfte vielleicht Jordanien die Hilfe einschränken, aber doch nicht die im Überfluß schwimmenden Länder Europas. Von denen ist keines gefährdet, was sich da abspielt, ist Panikmache und Demagogie in größtem Maßstab, befeuert von Gruppen, die die demokratische Grundordnung bestenfalls nicht mögen und sie gerne durch eine autoritäre Gesellschaftsform ersetzt sehen würden. Und die angebliche Gefährdung des Staates ist der Hebel, den diese Gruppen, namentlich würde ich hier die AfD, die FN, die Lega Nord, die polnische PIS oder die Ukip nennen, sehen, die Gesellschaft in ihrem Sinn umzubauen.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon H2O » Di 16. Jan 2018, 22:23

Vielleicht darf man sich dieser Frage nicht so abstrakt nähern, wie das hier versucht worden ist, sondern anhand bekannter Lumpereien, die Staaten/Staatenbünde sich erlauben:

Die EU unterhält eine mit Steuergeldern gestützte Landwirtschaft, die möglichst die Ernährung der Europäer sicher stellen soll. Ich nehme an, daß dieses grundlegende Ziel erreicht wurde. Also erst einmal ein sinnvolles Staatsziel, das auch eine Unabhängigkeit und Absicherung gegen Erpressung in Zeiten der Knappheit vermeidet.

Die notwendigen Steuergelder verdient die EU mit der Ausfuhr industrieller Güter.

Zugleich hat sich die Landwirtschaft der EU auf industrielle Erzeugung ihrer Veredelungsprodukte (Fleisch, Molkereiprodukte, Konserven) verlegt... und erzeugt davon weit mehr, als in der EU benötigt wird. Diese Waren werden nun ebenfalls auf dem Weltmarkt angeboten zu Preisen, die unter den heimischen Kosten für die Empfängerstaaten liegen. Das ist möglich, weil diese Produkte und ihr Export mit Hilfe von Steuergeldern auf Weltmarktpreise geschleust werden.

Die Folge: Menschen in den Empfängerländern können zu diesen Preisen nicht mehr ihre Produkte herstellen und verarmen, suchen ihr Auskommen in Städten; das Land verödet. Manche dieser Menschen versuchen dann, Europa zu erreichen, um an unserem Reichtum teilhaben zu können.

Daß Europa eine Landwirtschaft betreibt, die die Ernährung Europas sichert, das ist Daseinsvorsorge.

Die Sache wird anrüchig, wenn das bestehende Monopol "Industriewaren" die gar nicht erforderliche Überproduktion von Veredelungsprodukten quersubventioniert und damit konkurrenzlos billig auf den Weltmarkt wirft.

Ebenso anrüchig ist aber auch, daß von der EU selbst diese Weltmarktpreise durch Zölle ferngehalten werden.

Richtig eklig wird die Angelegenheit, wenn dann auf Wirtschaftsflüchtlingen herum getreten wird, weil die im eigenen Lande nicht konkurrieren können, also zu Hilfsempfängern werden, und sie sich hilflos aus dieser Not befreien wollen.

Ich hoffe, daß ich an einem besonders anschaulichen Beispiel zeigen konnte, wie ein Nationalstaat (hier unsere EU) erst einmal seinen Bürgern Sicherheit gibt, dann aber aus dieser Sicherheit heraus andere Staaten auf anrüchige Weise zerstört, um sich dann über ganz eklige "Dreckslöcher" zu beschweren.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Watchful_Eye » Di 16. Jan 2018, 22:25

Adam Smith hat geschrieben:(16 Jan 2018, 21:56)

Was würde denn mit der Armut oder dem Wohlstand passieren, wenn wir versuchen würden dieses nur in Deutschland umzusetzen? Also, dass jeder gleich viel verdient oder besitzt.

Naja, das würde, so pauschal umgesetzt, wohl fatal enden. Aber es sollte klar sein, dass im globalen Maßstab auch eine Chancengleichheit noch sehr viel weniger realisiert ist als innerhalb Deutschlands, wo immerhin alle Menschen Zugang zu einer öffentlich finanzierten Bildung haben.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon zollagent » Di 16. Jan 2018, 22:25

In der EU redet bitte wer von "Dreckslöchern"?
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon jorikke » Di 16. Jan 2018, 22:42

H2O hat geschrieben:(16 Jan 2018, 22:23)

Vielleicht darf man sich dieser Frage nicht so abstrakt nähern, wie das hier versucht worden ist, sondern anhand bekannter Lumpereien, die Staaten/Staatenbünde sich erlauben:

Die EU unterhält eine mit Steuergeldern gestützte Landwirtschaft, die möglichst die Ernährung der Europäer sicher stellen soll. Ich nehme an, daß dieses grundlegende Ziel erreicht wurde. Also erst einmal ein sinnvolles Staatsziel, das auch eine Unabhängigkeit und Absicherung gegen Erpressung in Zeiten der Knappheit vermeidet.

Die notwendigen Steuergelder verdient die EU mit der Ausfuhr industrieller Güter.

Zugleich hat sich die Landwirtschaft der EU auf industrielle Erzeugung ihrer Veredelungsprodukte (Fleisch, Molkereiprodukte, Konserven) verlegt... und erzeugt davon weit mehr, als in der EU benötigt wird. Diese Waren werden nun ebenfalls auf dem Weltmarkt angeboten zu Preisen, die unter den heimischen Kosten für die Empfängerstaaten liegen. Das ist möglich, weil diese Produkte und ihr Export mit Hilfe von Steuergeldern auf Weltmarktpreise geschleust werden.

Die Folge: Menschen in den Empfängerländern können zu diesen Preisen nicht mehr ihre Produkte herstellen und verarmen, suchen ihr Auskommen in Städten; das Land verödet. Manche dieser Menschen versuchen dann, Europa zu erreichen, um an unserem Reichtum teilhaben zu können.

Daß Europa eine Landwirtschaft betreibt, die die Ernährung Europas sichert, das ist Daseinsvorsorge.

Die Sache wird anrüchig, wenn das bestehende Monopol "Industriewaren" die gar nicht erforderliche Überproduktion von Veredelungsprodukten quersubventioniert und damit konkurrenzlos billig auf den Weltmarkt wirft.

Ebenso anrüchig ist aber auch, daß von der EU selbst diese Weltmarktpreise durch Zölle ferngehalten werden.

Richtig eklig wird die Angelegenheit, wenn dann auf Wirtschaftsflüchtlingen herum getreten wird, weil die im eigenen Lande nicht konkurrieren können, also zu Hilfsempfängern werden, und sie sich hilflos aus dieser Not befreien wollen.

Ich hoffe, daß ich an einem besonders anschaulichen Beispiel zeigen konnte, wie ein Nationalstaat (hier unsere EU) erst einmal seinen Bürgern Sicherheit gibt, dann aber aus dieser Sicherheit heraus andere Staaten auf anrüchige Weise zerstört, um sich dann über ganz eklige "Dreckslöcher" zu beschweren.



Das kann ich alles gut nachvollziehen.
Wie könnte man das ändern?
Da wir Niemanden mit Waffengewalt zwingen unser Zeug zu kaufen, müssten wohl die Import Staaten selber Einfuhrbeschränkungen beschließen.
Die machen das aber nicht weil sie unsere Produkte brauchen.
Andererseits könnten wir natürlich selber beschließen nichts mehr zu exportieren.
Ich verzichte mal auf das vielbemühte Arbeitsplatzargument und gebe lediglich zu bedenken, wie wohl der Aufschrei aus den Drittstaaten aussehen würde.
"Die wollen uns klein halten, unsere Entwicklung verhindern, usw."
Zu dumm das man jedes Problem von mindestens zwei Seiten beurteilen kann.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Skeptiker » Di 16. Jan 2018, 22:47

zollagent hat geschrieben:(16 Jan 2018, 22:07)

Skeptiker, nun tu mal Butter bei die Fische und erzähl, welche Nation durch Hilfeleistung in ihrem Bestand gefährdet ist? Wenn man das als Maßstab nimmt, dürfte vielleicht Jordanien die Hilfe einschränken, aber doch nicht die im Überfluß schwimmenden Länder Europas. Von denen ist keines gefährdet, was sich da abspielt, ist Panikmache und Demagogie in größtem Maßstab, befeuert von Gruppen, die die demokratische Grundordnung bestenfalls nicht mögen und sie gerne durch eine autoritäre Gesellschaftsform ersetzt sehen würden. Und die angebliche Gefährdung des Staates ist der Hebel, den diese Gruppen, namentlich würde ich hier die AfD, die FN, die Lega Nord, die polnische PIS oder die Ukip nennen, sehen, die Gesellschaft in ihrem Sinn umzubauen.


Klar, rechte Parteien nutzen das auch um Wähler zu gewinnen und Populismus zu betreiben. Linke Parteien wiederum betreiben Populismus damit, dass es immer so weiter gehen kann, wohlwissend dass es ganz selbstverständlich eine Grenze der Integrationsfähigkeit gibt.

Einen inakzeptablen Nachteil würde ich da sehen, wo Integrationsleistungen einfach nicht mehr erbracht werden können, weil durch die Anzahl der Leute und der Integrationsaufwand z.B. durch Sprach- und Bildungsdefizite, nicht mehr gelingt. Der Aufwand dafür ist schon beachtlich. Ich sehe Deutschland da jedenfalls nicht in der weiteren moralischen Bringschuld - hier wird einiges geleistet.

Gerne darfst Du an die europäischen Nachbarn appellieren. Ja, da wäre man wohl noch dran zu helfen. Denen scheint dann aber die Moral am Ars.. vorbei zu gehen. Offensichtlich will Frankreich nicht gänzlich vom FN übernommen werden (hunderttausende Afrikaner wären Anlass genug für viele Franzosen den FN zu wählen) und die Visegrad Länder sind sich mit Ihrer Bevölkerung wohl einig, dass man das einfach aussitzen möchte und sich kein soziales Spannungsfeld für die nächsten Dekaden einfangen möchte.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Adam Smith » Di 16. Jan 2018, 22:48

Watchful_Eye hat geschrieben:(16 Jan 2018, 22:25)

Naja, das würde, so pauschal umgesetzt, wohl fatal enden. Aber es sollte klar sein, dass im globalen Maßstab auch eine Chancengleichheit noch sehr viel weniger realisiert ist als innerhalb Deutschlands, wo immerhin alle Menschen Zugang zu einer öffentlich finanzierten Bildung haben.

Das liegt aber nicht an uns, sondern an den anderen. Was können wir denn dafür, dass die jetzt so viel verkehrt machen?

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