Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

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Watchful_Eye
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Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon Watchful_Eye » Di 26. Sep 2017, 02:57

Mein Beitrag besteht aus 2 Teilen. Der erste Teil drückt etwas aus, was mir zu dem Thema schon länger auf den Nägeln brennt. Der zweite ist eine Idee für einen Schluss, den man daraus ziehen könnte.
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I. Ich frage mich seit längerem, ob ich irgendetwas entscheidendes an der Flüchtlingskrise missverstehe, oder ob sie wirklich so heuchlerisch geführt wird, wie ich denke. Falls ersteres der Fall ist, erklärt mir bitte, wo mein Denkfehler liegt. Irgendwas muss ich missverstanden haben.

Einerseits empfindet man es skandalös, wenn die Grenzen kontrolliert werden sollen (was theoretisch auch Waffengewalt einschließen kann) oder wenn die CSU von einer Obergrenze spricht. Andererseits sichert man unsere Grenzen in der Tat, aber eben nicht hier, sondern in Libyen und in der Türkei, und man kooperiert dabei mit Autokraten und Warlords, die bestimmt nicht mit Samthandschuhen vorgehen. Auch erlässt die EU ein Gesetz, was den Export von Schlauchbooten blockieren soll. Angeblich alles, um die bösen Schlepper aufzuhalten. Komischerweise gilt das, im Gegensatz zu dem, was die AfD vorhat, als legitim. Ich sehe da eigentlich kaum einen Unterschied.

Das ist ungefähr so wie in "Super Mario", wo sich Bowser allerhand Fallen und Blockaden ausdenkt, um Mario an der Ankunft an seiner Festung zu hindern - mit dem Unterschied, dass er ihn mit heuchlerisch mit Handschlag begrüßt, sobald er jene Festung erreicht hat.

Die Idee, eine Obergrenze prinzipiell abzulehnen, erscheint mir absurd. Es geht gar nicht darum, dass sie niedrig sein muss, aber das Gegenteil davon wäre eine unbegrenzte Aufnahme. Die Sache ist die - wenn alle Menschen, die das Bedürfnis danach haben, in Deutschland einen Asylantrag zu stellen, es problemlos hierher schaffen würden, hätten wir vermutlich -zig Millionen Flüchtlinge. Wir sind nunmal eine reiche, stabile "Insel der Seligen" im Vergleich zu einem überwiegend trostlosen und gefährlichen Nordafrika. Die Regierung stellte es nach meinem Eindruck oft so dar, als würden wir derzeit allen helfen wollen, die unsere Hilfe ernsthaft beanspruchen. Aber mir scheint es so, dass wir das immer noch bei weitem nicht tun und wir dazu auch als einzelnes Land überhaupt nicht in der Lage wären.

Es existiert eine Abwägung zwischen 2 Faktoren, und je nach rechter und linker Seite wird fast immer die jeweils andere Seite ignoriert:
Durch die Aufnahme von Flüchtlingen in siebenstelliger Höhe akzeptieren wir zwar in der Tat hohe Kosten, hohen Integrationsaufwand, kulturelle Uneinigkeit und eine erhöhte Gewaltkriminalität.
Wir retten aber auch extrem vielen Menschen durch unsere Aufnahme ihr Leben. Und auch diejenigen, die nicht aus einer Lebensgefahr heraus hierher gekommen sind, kommen in der Regel aus erbärmlichsten Verhältnissen. Ein Begriff wie "Glücksritter" zu verwenden, ist zynisch. Keinen Beitrag zur Hilfe zu leisten, wäre meines Erachtens zwar nicht faschistisch, aber enorm rücksichtslos und ignorant.

Die Tatsache, dass überwiegend nur junge und männliche Flüchlinge kommen, spiegelt im Übrigen auch nicht die reale Bedürftigkeit wieder. Man kann sich denken, dass Frauen unter dem Krieg mindestens so sehr leiden müssen wie die Männer, diese aber die Überfahrt oft körperlich nicht schaffen oder schlicht nicht von der Familie finanziell ausreichend unterstützt werden. Diese ungleiche demographische Verteilung erschwert obendrein massiv die Integration in den westlichen Ländern.

Verstehe ich an dieser Sache irgendetwas grundsätzlich nicht oder ist es wirklich so heuchlerisch und albern, wie ich denke? Wenn nein, komme ich zu Punkt 2.

___
II. Warum führen wir nicht einerseits Grenzkontrollen ein, übernehmen aber andererseits den Transport der Flüchtlinge aus Krisengebieten selbst?

Mein Eindruck ist, dass wir uns einerseits über die AfD und die ertrinkenden Flüchtlinge im Mittelmeer empören, es aber andererseits von den Kosten her zu vernachlässigen wäre, sich selbst um den Transport zu kümmern. Wir verdammen diejenigen, die ehrlich sagen, dass sie keine Flüchtlinge aufnehmen wollen, tun aber trotzdem so, dass das Problem die vergleichsweise kostengünstige Reise hierher sei. Mein Eindruck ist, dass man zwar einerseits nicht zu den schlechten Menschen gehören will, die Flüchtlinge an der Grenze abweisen, aber andererseits es als Recht und Billig empfindet, wenn diese Flüchtlinge es erst gar nicht hierher schaffen.

Denn wenn ich das Problem richtig verstanden habe, ist es eben in Wahrheit letztendlich doch eine quantitative Frage. Die Nachfrage nach Hilfe ist viel zu hoch, und wir bekommen das nur deshalb nicht zu sehen, weil wir eben die Schicksale all jener ausblenden, die die Reise hierher erst gar nicht antreten oder gar auf dem Weg sterben.

Wenn wir das selbst machen würden, könnten wir vorher politisch festlegen, wie viele wir aufnehmen, und sogar die Einreise in einer Art und Weise quotieren, so dass es demographisch gleichmäßig wäre. Wir könnten die Flugzeuge, mit denen man die Flüchtlinge abholt, direkt dorthin schicken, wo man weiß, dass es Brennpunkte sind und die Hilfe am dringendsten gebraucht wird. Man könnte die Personalien vorher checken und die Verteilung auf Wohnungen, soziale Einrichtungen etc. schon viel früher planen und koordinieren. Und vor allem, niemand müsste diesen gefährlichen, entwürdigenden Weg mit den Schlauchbooten antreten. Es wäre ja sogar heute schon möglich, dass sie per Flugzeug kommen - ein Flugticket wäre meines Wissens sogar billiger als das, was teilweise für die Schlepper ausgegeben wird. Da stehen nur Formalien im Weg.

Es geht mir erstmal überhaupt nicht um die Zahl - sowohl eine niedrige als auch eine sehr hohe wäre möglich - aber dann könnte man das doch viel koordinierter Regeln, auch mit den anderen EU-Staaten. Wir könnten vielen Flüchtlingen helfen und hätten trotzdem nicht den von rechter Seite teils zu Recht beklagten Kontrollverlust. Dass wir am liebsten alle aufnehmen würden, aber nicht die fiesen Schlepper unterstützen wollen, glaubt uns im Anbetracht unseres Verhaltens doch eh niemand - oder?

Wie gesagt, vielleicht verstehe ich irgendwas falsch an der Debatte. :?:
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Re: Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon watisdatdenn? » Di 26. Sep 2017, 03:38

1 ist definitiv heuchlerisch. Vor allem wenn man bedenkt, dass die italienische Regierung geheimverträge mit Libyen geschlossen hat um Flüchtlinge aufzuhalten. (Warum diese Geheimnistuerei?!)
Wenn sie dann im Meer sind werden sie aber nicht zurückgebracht, sondern nach Europa chauffiert anstatt zurück nach Libyen oder Tunesien. Organisiert durch die italienische Küstenwache!

2 ich finde deinen Vorschlag gut! Auch wenn das de Fakto das Ende von Schengen bedeutet (was schade ist).
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Re: Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon krone » Di 26. Sep 2017, 05:43

Wenn die Bedingungen zu einen regulären Flugbetrieb in die Flüchtlingsnationen gegeben sind entfällt meiner Meinung nach ein Anspruch als Flüchtling nach dem Asylrecht .
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Adam Smith
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Re: Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon Adam Smith » Di 26. Sep 2017, 06:26

Flüchtlinge aus der Türkei werden ja eingeflogen, weil die Grenze zwischen Griechenland und Bulgarien zu ist.
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Re: Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Di 26. Sep 2017, 06:27

Es gibt keine vielen Millionen, die nach Deutschland wollen. Über Jahre weniger als eine Viertelmillion, dann mal etwas mehr. Und natürlich ist eine Obergrenze nicht als rein theoretisches fernes Maximum gemeint sondern als "weniger als jetzt". Obwohl heuer kaum wer kam.
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relativ
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Re: Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon relativ » Di 26. Sep 2017, 08:04

Einige Faktoren hast du richtig erkannt, aber was wäre die Alternative zu deinem heuchlerisch, dein Vorschlag hat einen ganz entscheidenen Hinkefuss.
1. Der Fakt und dies hast du auch richtig erkannt, daß durch vermehrte Krisen , Hungersnöte und Klimawandel wesentlich mehr Menschen fliehen muessen, wollen bzw. dazu auch in der Lage sind und es auch riskieren.
2. Der Reichtum und das relativ bessere Leben in Europa ect. ist im Zuge der Globalsierung und Digitalisierung selbst in den hintersten Winkel der Erde kein Geheimnis mehr.
3. Eine eigene Flüchtlingslogistik in den betroffenen Ländern/Regionen eine ganz wichtige Vorraussetzung erfüllen muss. Sicherheit und Zustimmung der örtlichen Regierungen. Da du wohl nicht mit Diktatoren ect. verhandeln möchtest, fallen wohl viele dieser Fluchthotspots als Logistikhotspot aus.
4. Wir nehmen ja nicht regelmäßig Millionen von Flüchtlinge auf . 2015 war und sollte eine einmalige Sache bleiben, ich denke mal da sind wir uns alle einig.
5. Fakt ist auch, die meisten Flüchtlinge würden lieber in ihrer Heimat bleiben , wenn sie denn die Wahl hätten, daher sind stabilisierungs Einsätze plus "Marschalpläne", gerechter Handel die weit aus bessere Lösung um Massenflucht zu verhindern.
6. Wichtig dabei ist und auch dies hast du richtig erkannt, daß dies nur wirklich wirksam seien kann, wenn alle Nationen, z.B. die von Flüchtlingsströmen hauptsächlich betroffen sind, auch wirklich ernsthaft gemeinsame Lösungen angehen.
7. Hohe Flüchtlingszahlen (gerade zentriert auf nur wenige Länder) sind deshalb schon nicht gesund, weil kein Land auf hohe Flüchtlingszahlen in relativ kurzer Zeit ausgerichtet ist. Sowohl Logistisch als auch Gesellschaftlich.
8. Da unser Grundgesetz keine Obergrenze für Asly vorsieht und wir auch die Genfer Flüchtlingskonvention unterschrieben haben, sind externe Lösungen die bessere Wahl, da wir dort auch mehr Gestaltungsfreiräume haben.
9. Schengen auszusetzen wäre m.M. ein riesiger Fehler, dies kann man höchstens temporär machen, z.B. wenn ein Erdogan den Flüchtlingsdeal mit der EU platzen lässt.
10. der wichtigste Punkt ist m.M. aber, daß die int. Staatengemeinschaft die globale Überbevölkerung in den Griff kriegen muss, sonst bekommt man Fluchtgründe wohl nie erträglich eingedämmt.

Also wenn ich mal davon ausgehe, daß wir das Rad der Globalisierung nicht mehr zurück drehen können, noch wollen, dann bleibt uns gar nix anderes übrig, um uns über Probleme in anderen Ländern nicht nur Gedanken zu machen, sondern zu versuchen deren Lebensverhältnisse zu verbessern bzw. anzugleichen. Was mom. leider geschieht ist m.M. nur Flickschusterrei und wird die Probleme die uns auch Probleme bereiten auf Dauer nicht beseitigen

Btw. Auch für die Transporte von diesen Flüchtlingsgebieten zu uns, tritt wohl eine automatische Obergrenze in Kraft, nämlich die der möglichen/nötigen Logistik, für sehr viele Menschen. Vorteil ist natürlich, daß wir dieses Elend aus unseren unmittelbaren Fokus nehmen, wäre ja für viele auch sehr angenehm....
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Re: Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon Niklas » Di 26. Sep 2017, 10:38

Watchful_Eye hat geschrieben:(26 Sep 2017, 03:57)

Die Tatsache, dass überwiegend nur junge und männliche Flüchlinge kommen, spiegelt im Übrigen auch nicht die reale Bedürftigkeit wieder

Das ist kein Zufall. Nur die fitteren Fremdlinge sollen nach Europa kommen, um die aussterbenden europäischen Völker zu ersetzen.
Europäer aller Länder, vereinigt euch!
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Re: Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon Quatschki » Di 26. Sep 2017, 10:47

Niklas hat geschrieben:(26 Sep 2017, 11:38)

Das ist kein Zufall. Nur die fitteren Fremdlinge sollen nach Europa kommen, um die aussterbenden europäischen Völker zu ersetzen.

Wäre die Debatte eine andere, wenn nur hunderttausende junge ledige Frauen kämen?
Was menschlicher Wahn erschuf, kann durch menschliche Einsicht überwunden werden.
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Re: Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon Tom Bombadil » Di 26. Sep 2017, 10:49

Natürlich ist unser Verhalten heuchlerisch, weil wir denen, die unseren Schutz am dringendsten brauchen, keinen Schutz geben können oder wollen. Als moralische Beruhigungspille hat Merkel dann im Herbst 2015 die Tore aufgemacht und hunderttausende Menschen unkontrolliert ins Land gelassen, wissentlich, dass man auch Nicht-Asylberechtigte höchstwahrscheinlich nie wieder los wird.
Wir brauchen - wie von der FDP gefordert - ein stringentes Gesetz, das Asyl, Aufenthalt und Familiennachzug regelt, wo alle Vorschriften zusammengefasst und nicht über x verschiedene Gesetze verstreut sind. Dann brauchen wir ein Einwanderungsgesetz, wo genau festgelegt ist, wer einwandern darf und wer nicht. Das ist aber nur die innenpolitische Seite.

Die andere Seite ist außenpolitisch. Wir geben jetzt pro Jahr 22 Mrd. € zur Bewältigung der Flüchtlingskrise aus, damit hätte man rund um Syrien sehr viele gut ausgestattete Flüchtlingslager bauen können, die dann auch wirklich allen Flüchtlingen, auch Frauen, Kindern, Alten und Kranken zu Gute gekommen wären. Diese Option sollte man sich in Zukunft offenhalten, anstatt sich auf schmutzige Deals mit Diktatoren und Warlords einzulassen.
Fluchtursachen müssen beseitigt werden. Im Falle Syriens ist das natürlich sehr schwierig, weil Russland da sein eigenes Süppchen kocht und Assad retten will. Die Weltgemeinschaft muss anfangen, an einem Strang zu ziehen und zum Wohle der Menschen Partikularinteressen hinten anzustellen. Dazu gehört natürlich auch die EU, die mittels subventionierter Lebensmittelexporte in Afrika die Lebensgrundlagen der Bevölkerung zerstört, deren Fischereiflotte die Existenz von afrikanischen Fischern vernichtet, die ihr Heil dann in Flucht oder Gewalt suchen. Die Vernunft muss Einzug halten und der Profit muss sich hinten anstellen.
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Re: Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon relativ » Di 26. Sep 2017, 10:53

Quatschki hat geschrieben:(26 Sep 2017, 11:47)

Wäre die Debatte eine andere, wenn nur hunderttausende junge ledige Frauen kämen?

Da würde ich fast drauf wetten. Natürlich hätten wir nicht die Probleme die eher Männerspezifisch sind und dies sind ja schon die größsten Brocken.
Zuletzt geändert von relativ am Di 26. Sep 2017, 11:37, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon relativ » Di 26. Sep 2017, 11:07

Tom Bombadil hat geschrieben:(26 Sep 2017, 11:49)

Natürlich ist unser Verhalten heuchlerisch, weil wir denen, die unseren Schutz am dringendsten brauchen, keinen Schutz geben können oder wollen. Als moralische Beruhigungspille hat Merkel dann im Herbst 2015 die Tore aufgemacht und hunderttausende Menschen unkontrolliert ins Land gelassen, wissentlich, dass man auch Nicht-Asylberechtigte höchstwahrscheinlich nie wieder los wird.
Wir brauchen - wie von der FDP gefordert - ein stringentes Gesetz, das Asyl, Aufenthalt und Familiennachzug regelt, wo alle Vorschriften zusammengefasst und nicht über x verschiedene Gesetze verstreut sind. Dann brauchen wir ein Einwanderungsgesetz, wo genau festgelegt ist, wer einwandern darf und wer nicht. Das ist aber nur die innenpolitische Seite.

Ich behaupte mal, daß die Entscheidung von der Frau Merkel eben nicht nur moralischer Natur war, sondern viel mehr Pragmatismus da drin war, denn du vergisst, daß diese Leute teils schon auf der Autobahn Richtung Deutschland zu Fuß unterwegs waren.
Also Merkel wollte eher so Bilder wie die in Ungarn verhindern. Ungarn kann Merkel heute noch auf Knien danken, daß ihre Tat von Orbans schäbigen Verhalten abgelenkt hat.
Ein Einwanderungsgesetz verhindert , wenn es hart auf hart kommt, aber nicht mögliche Flüchtlingswellen. Er regelt "nur" die juristisch/rechtliche Seite in Deutschland.

Die andere Seite ist außenpolitisch. Wir geben jetzt pro Jahr 22 Mrd. € zur Bewältigung der Flüchtlingskrise aus, damit hätte man rund um Syrien sehr viele gut ausgestattete Flüchtlingslager bauen können, die dann auch wirklich allen Flüchtlingen, auch Frauen, Kindern, Alten und Kranken zu Gute gekommen wären. Diese Option sollte man sich in Zukunft offenhalten, anstatt sich auf schmutzige Deals mit Diktatoren und Warlords einzulassen.
Ja hätte haben können, diese erkenntnis hätte Frau Merkel ob ihrer Entscheidung aber genau wieviel gebracht?
Fluchtursachen müssen beseitigt werden. Im Falle Syriens ist das natürlich sehr schwierig, weil Russland da sein eigenes Süppchen kocht und Assad retten will. Die Weltgemeinschaft muss anfangen, an einem Strang zu ziehen und zum Wohle der Menschen Partikularinteressen hinten anzustellen.
Da sind die Probleme die die Staatengemeinschaft lösen muss, wenn es global vorran gehen soll und Flüchtlingsströme vermieden werden sollen.

Dazu gehört natürlich auch die EU, die mittels subventionierter Lebensmittelexporte in Afrika die Lebensgrundlagen der Bevölkerung zerstört, deren Fischereiflotte die Existenz von afrikanischen Fischern vernichtet, die ihr Heil dann in Flucht oder Gewalt suchen. Die Vernunft muss Einzug halten und der Profit muss sich hinten anstellen.
Sowohl die EU als auch die UN, sollten nicht für die jeweiligen Industrien ihre Heimatländer solche Hilfsmaßnahmen starten, sondern gezielt Aufbaumaßnahmen zur Eigenversorung und Stabilität und für die Weiterentwicklung dieser Länder. Wandert das Gro der Gelder wieder in die Geberländer, bringt dies nicht den erwünschten Erfolg, sondern die Maßnahmen verpuffen nach kurzer Zeit wieder.
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Re: Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon ThorsHamar » Di 26. Sep 2017, 11:35

Ja, "unser" Verhalten ist heuchlerisch und beginnt bereits mit der Bezeichnung "Flüchtlingskrise". Wir reden nicht über konkrete Flucht nach Naturkatastrophen.
Ohne JEDE Heuchelei heisst das Problem:
Begegnung von Steinzeit, Mittelalter und Moderne und der Versuch des Überspringens von hunderten und tausenden von Jahren der Entwicklung einer Sozialisation durch rein geografische Veränderung.

Es gibt keine Flüchtlingskrise, es gibt ein Bildungsgefälle und die tatsächliche, praktische Überwindung dieses Gefälles nach Prämissen der Moderne heisst Kolonialismus, allein die Feststellung des Vorhandenseins dieses Gefälles wird als Rassismus bezeichnet.
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Re: Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon relativ » Di 26. Sep 2017, 11:39

ThorsHamar hat geschrieben:(26 Sep 2017, 12:35)

Ja, "unser" Verhalten ist heuchlerisch und beginnt bereits mit der Bezeichnung "Flüchtlingskrise". Wir reden nicht über konkrete Flucht nach Naturkatastrophen.
Ohne JEDE Heuchelei heisst das Problem:
Begegnung von Steinzeit, Mittelalter und Moderne und der Versuch des Überspringens von hunderten und tausenden von Jahren der Entwicklung einer Sozialisation durch rein geografische Veränderung.

Es gibt keine Flüchtlingskrise, es gibt ein Bildungsgefälle und die tatsächliche, praktische Überwindung dieses Gefälles nach Prämissen der Moderne heisst Kolonialismus, allein die Feststellung des Vorhandenseins dieses Gefälles wird als Rassismus bezeichnet.

Bevor ich draufhaue,....
stellt sich die Frage was du dir unter diesen "Kolonialismus" so alles vorstellt. Alter Prägung?
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Re: Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon Tom Bombadil » Di 26. Sep 2017, 11:48

Kolonialismus ist natürlich extrem negativ behaftet, zu groß waren die Gräuel, die damit über die Urbevölkerung gebracht wurden. Heute heißt es Entwicklungshilfe und jedes Jahr gehen weit über 100 Mrd. € in die Welt, ohne wirklich etwas ausrichten zu können. Da muss man auch mal ansetzen, die Verteilung der Gelder muss an die Bereitschaft der Nehmerländer, wirklich etwas zu verändern (zB. Geburtenkontrolle, Korruptionsbekämpfung, Aufbau von Demokratie und Rechtsstaat) geknüpft werden, reine Alimentierung auch in Form von Infrastruktur bringt es nicht.
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Re: Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon relativ » Di 26. Sep 2017, 11:55

Tom Bombadil hat geschrieben:(26 Sep 2017, 12:48)

Kolonialismus ist natürlich extrem negativ behaftet, zu groß waren die Gräuel, die damit über die Urbevölkerung gebracht wurden. Heute heißt es Entwicklungshilfe und jedes Jahr gehen weit über 100 Mrd. € in die Welt, ohne wirklich etwas ausrichten zu können. Da muss man auch mal ansetzen, die Verteilung der Gelder muss an die Bereitschaft der Nehmerländer, wirklich etwas zu verändern (zB. Geburtenkontrolle, Korruptionsbekämpfung, Aufbau von Demokratie und Rechtsstaat) geknüpft werden, reine Alimentierung auch in Form von Infrastruktur bringt es nicht.

Sehe ich ähnlich, eine neue Partnerschaft, die sowohl auf wirtschaftlichen, gesellschaftlichen als auch auf kulturellen Gebieten vorrangetrieben werden sollte, ich für mich der einzig friedliche Lösungansatz, der funktionieren könnte.
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Re: Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon ThorsHamar » Di 26. Sep 2017, 12:24

relativ hat geschrieben:(26 Sep 2017, 12:39)

Bevor ich draufhaue,....
stellt sich die Frage was du dir unter diesen "Kolonialismus" so alles vorstellt. Alter Prägung?


Nein, ich meine, dass weisse Mann, dem es so gut geht, dass man zu ihm flüchten muss, "den Neger" an die Hand nehmen muss, um ihm einfachste, moderne Sozialisation beizubringen, damit es dem Azubi auch bald so gut geht wie dem Massa ....
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Re: Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon ThorsHamar » Di 26. Sep 2017, 12:26

Tom Bombadil hat geschrieben:(26 Sep 2017, 12:48)

Kolonialismus ist natürlich extrem negativ behaftet, zu groß waren die Gräuel, die damit über die Urbevölkerung gebracht wurden. Heute heißt es Entwicklungshilfe und jedes Jahr gehen weit über 100 Mrd. € in die Welt, ohne wirklich etwas ausrichten zu können. Da muss man auch mal ansetzen, die Verteilung der Gelder muss an die Bereitschaft der Nehmerländer, wirklich etwas zu verändern (zB. Geburtenkontrolle, Korruptionsbekämpfung, Aufbau von Demokratie und Rechtsstaat) geknüpft werden, reine Alimentierung auch in Form von Infrastruktur bringt es nicht.


Eben, aber es gibt diese Länder, diese Staaten als, sozusagen autorisierte, Partner gar nicht. Es gibt abertausend Stämme und Clans ....
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Re: Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon ThorsHamar » Di 26. Sep 2017, 12:28

relativ hat geschrieben:(26 Sep 2017, 12:55)

Sehe ich ähnlich, eine neue Partnerschaft, die sowohl auf wirtschaftlichen, gesellschaftlichen als auch auf kulturellen Gebieten vorrangetrieben werden sollte, ich für mich der einzig friedliche Lösungansatz, der funktionieren könnte.


Der Ansatz funktioniert NUR mit Hilfe eines gewaltigen Entwicklungssprunges der Steinzeitgesellschaften im Busch. Und der passiert ganz sicher nicht ....
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Re: Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon relativ » Di 26. Sep 2017, 12:31

ThorsHamar hat geschrieben:(26 Sep 2017, 13:28)

Der Ansatz funktioniert NUR mit Hilfe eines gewaltigen Entwicklungssprunges der Steinzeitgesellschaften im Busch. Und der passiert ganz sicher nicht ....

Na dann leben wir halt mit den Flüchtlingsströmen.
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Re: Ist unser Verhalten in der Flüchtlingskrise nicht total heuchlerisch?

Beitragvon ThorsHamar » Di 26. Sep 2017, 12:33

relativ hat geschrieben:(26 Sep 2017, 13:31)

Na dann leben wir halt mit den Flüchtlingsströmen.


Ja, natürlich, was denn sonst?

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