Warum driftet Deutschland nach rechts?

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Warum driftet Deutschland nach rechts?

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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon Watchful_Eye » So 1. Okt 2017, 18:00

Also ehrlich gesagt wundert mich, dass es als überraschend gilt, dass Deutschland nach rechts driftet. Es liegt halt einfach zu 90% an der Aufnahme der Flüchtlinge im Jahr 2015. So etwas gab es zuvor in der Geschichte Deutschlands nicht, und ausgerechnet eine starke und stabile CDU-Regierung sorgte dafür. Das ist für einen konservativen ungefähr das, was die SPD der linken Seite mit den Hartz-Gesetzen angetan hat - und es sorgte ja auch für die selbe Reaktion: die Gründung einer Partei weiter am Rand.

In meiner Schulzeit war ich mit dem Wissen aufgewachsen, dass sich Deutschland stets um sein eigenes Asylgesetz herummogelt, mittels der Drittstaatenregelung von 1992 (schon damals auf Druck von rechts). Das war eines dieser Dinge, weswegen man immer so ein unterbewusstes schlechtes Gewissen im Hinterkopf hatte - so, wie wenn man eines von diesen vielen Produkten nutzt, die absehbarerweise unter Ausbeutung armer Länder entstanden sind. Man konnte auch vor 2015 ständig in den Zeitungen darüber lesen, wie rücksichtslos "Festung Europa" ist und wie viele Menschen im Mittelmeer ertrunken sind.

Für mich bedeutete "rechts/rechtsradikal" immer, dass man Ausländern, die für Deutschland nicht explizit von wirtschaftlichem Nutzen sind, nach Möglichkeit eher loswerden will; und "konservativ", dass man sich nach Möglichkeit darum drückt, neue aufzunehmen. Nicht zuletzt deshalb war Konservativismus unter jungen Studenten ja auch immer so uncool - er war bei genauerem Hinsehen immer etwas doppelmoralisch, den Kernproblemen ausweichend. Wir hatten in der vergangenen Legislaturperiode dann eine von einer äußerst starken CDU geführte Regierung an der Macht, und viele andere EU-Länder hatten sich vor der Aufnahme von Flüchtlingen weitgehend gedrückt. Ich weiß zwar, dass wir das Asylrecht im Grundgesetz stehen haben, aber ich bin eigentlich fest davon ausgegangen, dass sich die Union schon irgendwas überlegen wird, dass wir wieder einmal nicht mehr als ein Minimum tun werden - eben so viel, wie nötig ist, um nicht als rücksichtsloser dazustehen als andere. Unser ziemlich hartes Verhalten in der Griechenlandkrise und das positive Feedback der Bevölkerung dafür bestärkte meine Erwartung, dass die CDU auch dort nicht weniger "konservativ" agieren wird als früher.

Und als ich dann 2015 erstmals verstanden habe, dass die CDU da wirklich mal nach vorne gehen und helfen will, hab ich ehrlich auch so gedacht "Okay.. :?: Mutige Entscheidung."
Ich war nicht direkt dagegen, ich fand diese Entscheidung nur überhaupt nicht "konservativ" und hätte sie eher unter einer Rot-Rot-Grünen Regierung erwartet. Sie wirkte idealistisch, gewagt und vielleicht etwas naiv. Ich war selbst nicht sicher, wie groß die Konsequenzen daraus sein würden und dachte mir gerade 2015/16 noch öfters "hoffentlich geht das gut :? ". Mein chinesischer Sprachpartner hatte mich zu der Zeit gefragt, warum wir Deutschen das machen und er fragte, ob wir es aus einem Schuldbewusstsein der Nazi-Zeit heraus tun. Man merkte ihm an, dass er uns für bescheuert hielt, aber das in seiner höflichen Art nicht so direkt sagen wollte. Nur die CSU verhielt sich so, wie ich es von einer konservativen Partei erwartet hätte.

Inzwischen, wo ich höre, dass die CDU jetzt versucht, die Grenzen Europas von außen dicht zu machen, verhält sich die Union wieder so ausweichend, wie ich eine konservative Regierung einschätzen würde. Und ich verstehe auch, dass die AfD aufgrund ihres Gebarens mittlerweile genügend Anlässe liefert, (stolz auf Leistungen der Wehrmacht etc.) als mindestens rechtspopulistisch angesehen zu werden. Aber trotzdem wundert mich, dass unser Verhalten im Jahre 2015 im Inland als so selbstverständlich angesehen wird bzw. warum für viele auch ohne AfD alleine schon die Ablehnung dieser Maßnahmen auszureichen scheint, um von vielen in eine rechte Ecke gerückt zu werden. Meinem Eindruck nach gehörten wir im europäischen Vergleich schon zu den 2-3 Staaten, die im Jahre 2015 am deutlichsten "hervorgeprescht" sind. Als ich in diesem Jahr auf einem Konzert von Arcade Fire war, hat die Band explizit unser Land für unsere offenherzige Flüchtlingspolitik gelobt. Meines Erachtens war zu erwarten, dass eine solche Flüchtlingspolitik in einer Zeit, in der eine konservative Kraft die relative Mehrheit hatte, von einem gehören Anteil der Menschen nicht gutgeheißen werden würde.

Es stimmt natürlich, dass eigentlich alle Staaten mehr tun sollten, und es war sicherlich richtig, dass wir uns nicht diesem Problem verschlossen haben, aber warum wird eine kritische Haltung dazu gleich als "rechts" gebrandmarkt? Früher wäre ein solches Verhalten vielleicht als ignorant/rücksichtslos bezeichnet worden, aber kaum jemand hätte an gleich an Rassismus oder Faschismus gedacht.
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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon Woppadaq » So 1. Okt 2017, 21:03

Watchful_Eye hat geschrieben:(01 Oct 2017, 19:00)

Also ehrlich gesagt wundert mich, dass es als überraschend gilt, dass Deutschland nach rechts driftet. Es liegt halt einfach zu 90% an der Aufnahme der Flüchtlinge im Jahr 2015.


Hab danach aufgehört zu lesen. Dachte tatsächlich, es kommt mal was konstruktives zum Thema.
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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon Progressiver » So 1. Okt 2017, 23:16

In den 1990ern kamen fast eine Million Asylanten aus Bosnien und anderen Ländern aus dem ehemaligen Jugoslawien in Deutschland an. Damals waren die Partei der Republikaner ganz groß. Die Asylanten blieben in den meisten Fällen. Und sie konnten auch vom deutschen Arbeitsmarkt integriert werden. Von den Republikanern spricht heutzutage auch kaum noch jemand. Die Analyse des Problems muss also tiefer gehen, denn auch zu dieser Zeit hatte man unter Helmut Kohl eine tiefschwarz-gelbe Regierung. Ich selbst kann das dauernde Gejammer vom Kontrollverlust 2015 schon nicht mehr hören. Andere Länder, die näher an Syrien liegen, nehmen ein vielfaches mehr an Flüchtlingen auf. Aber auch da denkt niemand in der Bevölkerung daran, jetzt ein Viertes Reich aufzubauen.

Das Gejammer über die Flüchtlinge muss also andere Ursachen haben. Denn tatsächlich war das Nachkriegswestdeutschland schon immer ein Einwanderungsland: Zuerst kamen die Vertriebenen. Dann die Gastarbeiter von überall her. Dann hieß es in den 1990ern "Das Bott ist voll", weil man keine muslimische Bosnier aufnehmen wollte. Und jetzt die Flüchtlinge aus Syrien und weiteren Ländern kann man sicher auch irgendwie integrieren.

Was aber neu ist: Im Gegensatz zu früher trauen sich die Leute heute, offener rassistisch und xenophobisch zu handeln. Unter Kohl wurde der Ärger über die Asylanten abgelegt. Es folgten eine Rot-Grüne Regierung. Dieses Mal konnte man jedoch sehen, dass Merkel nicht von Rot-Rot-Grün abgewählt wurde, obwohl andererseits die soziale Frage viel drängender ist.
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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon Woppadaq » So 1. Okt 2017, 23:48

Progressiver hat geschrieben:(02 Oct 2017, 00:16)

In den 1990ern kamen fast eine Million Asylanten aus Bosnien und anderen Ländern aus dem ehemaligen Jugoslawien in Deutschland an. Damals waren die Partei der Republikaner ganz groß. Die Asylanten blieben in den meisten Fällen. Und sie konnten auch vom deutschen Arbeitsmarkt integriert werden. Von den Republikanern spricht heutzutage auch kaum noch jemand. Die Analyse des Problems muss also tiefer gehen, denn auch zu dieser Zeit hatte man unter Helmut Kohl eine tiefschwarz-gelbe Regierung. Ich selbst kann das dauernde Gejammer vom Kontrollverlust 2015 schon nicht mehr hören. Andere Länder, die näher an Syrien liegen, nehmen ein vielfaches mehr an Flüchtlingen auf. Aber auch da denkt niemand in der Bevölkerung daran, jetzt ein Viertes Reich aufzubauen.

Das Gejammer über die Flüchtlinge muss also andere Ursachen haben. Denn tatsächlich war das Nachkriegswestdeutschland schon immer ein Einwanderungsland: Zuerst kamen die Vertriebenen. Dann die Gastarbeiter von überall her. Dann hieß es in den 1990ern "Das Bott ist voll", weil man keine muslimische Bosnier aufnehmen wollte. Und jetzt die Flüchtlinge aus Syrien und weiteren Ländern kann man sicher auch irgendwie integrieren.

Was aber neu ist: Im Gegensatz zu früher trauen sich die Leute heute, offener rassistisch und xenophobisch zu handeln. Unter Kohl wurde der Ärger über die Asylanten abgelegt. Es folgten eine Rot-Grüne Regierung. Dieses Mal konnte man jedoch sehen, dass Merkel nicht von Rot-Rot-Grün abgewählt wurde, obwohl andererseits die soziale Frage viel drängender ist.


Ich denke, die wahre Ursache für das ganze Merkel-Bashing liegt darin, dass Frau Merkel das C der CDU einfach wörtlich genommen und Menschlichkeit gezeigt hat, anstatt brav den rechten Rand zu bedienen, wie man das bisher von der CDU gewohnt war. Die Leute sagen es nicht so offen, aber: sie fühlen sich von ihr verraten, sie hätten so eine Entscheidung von den Grünen erwartet, aber nicht von der Bundeskanzlerin. Deswegen wird jetzt gegen diese "Verräterin" alles aufgefahren, was man zur Verfügung hat. Man glaubt tatsächlich, wenn Merkel nur weg wäre, würde die CDU wieder brav den rechten Rand bedienen, vielleicht sogar eine Koalition mit der AfD wagen.

Mich wunderst nicht, dass die AfD so agressiv auftritt. Wenn sie sagen "wir holen uns unser Land zurück", dann meinen sie damit dieses vergangene Deutschland, wo es keine Willkommenskultur gab, wo Nachrichten über angesteckte Asylantenheime die Nachrichten verstopften, wo die Regierung jedes Jahr ein bisschen mehr das Asylrecht verschärfte. Die Bilder von den jubelnden Massen, die die Flüchtlinge begrüssten, haben sie kalt erwischt, ihnen wurde zum ersten Mal ihre Sterblichkeit bewusst.
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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon Watchful_Eye » Mo 2. Okt 2017, 01:07

Woppadaq hat geschrieben:(01 Oct 2017, 22:03)
Hab danach aufgehört zu lesen. Dachte tatsächlich, es kommt mal was konstruktives zum Thema.

Woppadaq hat geschrieben:(02 Oct 2017, 00:48)
Ich denke, die wahre Ursache für das ganze Merkel-Bashing liegt darin, dass Frau Merkel das C der CDU einfach wörtlich genommen und Menschlichkeit gezeigt hat, anstatt brav den rechten Rand zu bedienen, wie man das bisher von der CDU gewohnt war. Die Leute sagen es nicht so offen, aber: sie fühlen sich von ihr verraten, sie hätten so eine Entscheidung von den Grünen erwartet, aber nicht von der Bundeskanzlerin.[...]

Ist ja schade, wenn du einen Beitrag von mir nicht konstruktiv findest, man kann es nicht allen Recht machen. Aber dass du im Anschluß darauf meine Analyse aus einem minimal anderen Blickwinkel teilst, fand ich jetzt gerade doch recht witzig. Da hätte sich ein Zuendelesen meines Beitrags dann vielleicht doch empfohlen. :s


Progressiver hat geschrieben:(02 Oct 2017, 00:16)
In den 1990ern kamen fast eine Million Asylanten aus Bosnien und anderen Ländern aus dem ehemaligen Jugoslawien in Deutschland an. Damals waren die Partei der Republikaner ganz groß. Die Asylanten blieben in den meisten Fällen. Und sie konnten auch vom deutschen Arbeitsmarkt integriert werden. Von den Republikanern spricht heutzutage auch kaum noch jemand. Die Analyse des Problems muss also tiefer gehen, denn auch zu dieser Zeit hatte man unter Helmut Kohl eine tiefschwarz-gelbe Regierung. Ich selbst kann das dauernde Gejammer vom Kontrollverlust 2015 schon nicht mehr hören. Andere Länder, die näher an Syrien liegen, nehmen ein vielfaches mehr an Flüchtlingen auf. Aber auch da denkt niemand in der Bevölkerung daran, jetzt ein Viertes Reich aufzubauen.[...]

Aber kann man die Tatsache, dass die Rechte zu dieser Zeit stark war und dann schwächer wurde, nicht eben auf den Flüchtlingskompromiss und die daraufhin zurückgehenden Zahlen zurückführen? Erst Recht, wenn man dazu noch bedenkt, dass durch 9/11 und die anschließenden Terrorakte des IS arabischstämmige Muslime häufig als Bedrohung geframed werden. Und eine etwas andere Qualität würde ich da bezogen auf 2015 dann eben doch erkennen, da die von dir genannte Million eben verteilter ankam und nicht so sehr "auf einen Schlag".

Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der AfD-Wähler ein viertes Reich aufbauen wollen. Es wurde ja schon von ARD und ZDF analysiert, dass die AfD mehrheitlich aus Protest gewählt wurde, und zwar aus den von Woppadaq und mir genannten Gründen. Die Pöbelschreier bei Merkel etc. bilden auch nur einen kleinen und vergleichsweise radikalen Teil ihrer Anhänger ab.

Ein allgemeiner Trend, der in diesem Zusammenhang sicherlich eine Rolle spielt, ist ja der der geringeren Parteibindung. Was ich aber zusätzlich zu erkennen meine, ist ein Trend dazu, eine radikalere Partei zu wählen als diejenige, dessen Politik man im Ergebnis wirklich wollen würde, um die eigene Meinung auf diese Weise deutlicher zum Ausdruck bringen zu können. Nicht zuletzt dank der sozialen Medien leben wir in einer Zeit des Individualismus. Wenn man zB an Fastfoodketten denkt, die allerlei Möglichkeiten anbieten, das eigene Sandwich oder den eigenen Burger auf vielerlei Hinsicht zu personalisieren: Menschen wollen ihre eigene Nische finden und sich nicht in ein enges Meinungskorsett zwängen lassen, was natürlich in einem System, was auf Konsensfindung beruht, durchaus ein Problem ist.

Wenn man z.B. soziale Gerechtigkeit will, denkt man sich heute "Warum soll ich eine SPD wählen, die nur ein bisschen für soziale Gerechtigkeit ist, wenn ich auch die Linke wählen kann, die radikal dafür ist?". So war es bei dieser Wahl mit der AFD und der Union, und so erkläre ich mir übrigens auch umgekehrt das überraschend starke Ergebnis der Grünen. Viele der expliziten AfD-Gegner haben nämlich genau dasselbe gedacht - wir wollen nicht nur irgendeine Partei wählen, die die AfD ablehnt, sondern diejenigen, die von ihr am diametralsten entgegensteht.
Zuletzt geändert von Watchful_Eye am Mo 2. Okt 2017, 01:20, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon Senexx » Mo 2. Okt 2017, 01:19

Progressiver hat geschrieben:(02 Oct 2017, 00:16)

In den 1990ern kamen fast eine Million Asylanten aus Bosnien und anderen Ländern aus dem ehemaligen Jugoslawien in Deutschland an. Damals waren die Partei der Republikaner ganz groß. Die Asylanten blieben in den meisten Fällen.

Dasi ist nicht richtig. Die meisten wurden wieder zurückgeführt. So z. B. unsere Putzfrau.
Trollprovokationen prallen an mir ab. Nicht immer, aber immer öfter.

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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 2. Okt 2017, 09:41

Progressiver hat geschrieben:(02 Oct 2017, 00:16)

In den 1990ern kamen fast eine Million Asylanten aus Bosnien und anderen Ländern aus dem ehemaligen Jugoslawien in Deutschland an. Damals waren die Partei der Republikaner ganz groß. Die Asylanten blieben in den meisten Fällen. Und sie konnten auch vom deutschen Arbeitsmarkt integriert werden. Von den Republikanern spricht heutzutage auch kaum noch jemand. Die Analyse des Problems muss also tiefer gehen, denn auch zu dieser Zeit hatte man unter Helmut Kohl eine tiefschwarz-gelbe Regierung. Ich selbst kann das dauernde Gejammer vom Kontrollverlust 2015 schon nicht mehr hören. Andere Länder, die näher an Syrien liegen, nehmen ein vielfaches mehr an Flüchtlingen auf. Aber auch da denkt niemand in der Bevölkerung daran, jetzt ein Viertes Reich aufzubauen.

Das Gejammer über die Flüchtlinge muss also andere Ursachen haben. Denn tatsächlich war das Nachkriegswestdeutschland schon immer ein Einwanderungsland: Zuerst kamen die Vertriebenen. Dann die Gastarbeiter von überall her. Dann hieß es in den 1990ern "Das Bott ist voll", weil man keine muslimische Bosnier aufnehmen wollte. Und jetzt die Flüchtlinge aus Syrien und weiteren Ländern kann man sicher auch irgendwie integrieren.

Ganz richtig beobachtet.

Sachsen, das Bundesland mit dem prozentual höchsten AfD-Wähleranteil ist eigentlich kein vorrangiges soziales Problemgebiet. Wirtschaftsdaten und zum Beispiel auch ein Spitzenplatz im Bildungsranking sagen etwas ganz anderes. Es herrscht dort allerdings eine weit verbreitete gefühlte soziale Benachteiligung. Eine verbreitete (vermeintliche oder tatsächliche) Sozialbiographien-Abwertung. Und die Reaktion ist eine Rückberufung auf eine Gruppenzugehörigkeit. Hans Vorländer, Politikwissenschaftler, Wahl-Dresdner, eigentlich aus NRW stammend, kennt sich da mit seinem Außenblick aus. In der Reihe "Hörsaal" spricht er über die soziologischen Ursachen des Rechtsdrifts in solchen Regionen. Das Bedürfnis der Zugehörigkeit nach möglichst homogenen Gruppen, nach einer - wie er es nennt - "Kollektivsingularität", das Bedürfnis, sich als Mitglied einer Menschengruppe von anderen Menschengruppen zu unterscheiden ist der eigentliche Kern dieses Entdemokratisierungsprozesses, der mit der Rechtsdrift in Deutschland verbunden ist. Nehmen wir die angebliche Linksdrift der deutschen Volksparteien in den letzten Jahrzehnten her, also Dinge wie Familienpolitik, Gleichberechtigung, so bieten gerade diese auch Identifikationsmöglichkeiten für solche Gruppenzugehörigkeitsreflexe.

https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/hoersaal-demokratie-unter-dem-einfluss-von-populismus-und-asozialen-medien
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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon Tom Bombadil » Mo 2. Okt 2017, 09:52

Progressiver hat geschrieben:(02 Oct 2017, 00:16)

Die Asylanten blieben in den meisten Fällen.

Das stimmt nicht:
Deutschland nimmt in der Zeit zwischen 1991 und 1995 die meisten Bürgerkriegsflüchtlinge aus den Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens auf. 350.000 Menschen finden einen Zufluchtsort in der Bundesrepublik. Nach einer Berechnung der Uni Bamberg kehrten die meisten wieder in ihr Land zurück. Lediglich 20.000 Flüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina wurden als Härtefälle eingestuft und blieben dauerhaft bei uns im Land
und
Ende 2001 hielten sich nur noch 19.277 Flüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina in Deutschland auf.

Was aber neu ist: Im Gegensatz zu früher trauen sich die Leute heute, offener rassistisch und xenophobisch zu handeln.

In Hoyerswerda und Lichtenhagen brannten bewohnte Asylbewerberunterkünfte, diesmal wurden "nur" unbewohnete Heime abgefackelt, immerhin ein kleiner Fortschritt.
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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon Woppadaq » Mo 2. Okt 2017, 09:55

Watchful_Eye hat geschrieben:(02 Oct 2017, 02:07)

Ist ja schade, wenn du einen Beitrag von mir nicht konstruktiv findest, man kann es nicht allen Recht machen. Aber dass du im Anschluß darauf meine Analyse aus einem minimal anderen Blickwinkel teilst, fand ich jetzt gerade doch recht witzig. Da hätte sich ein Zuendelesen meines Beitrags dann vielleicht doch empfohlen. :s


Es war nur ein Test, ob du wirklich konstruktiv bist oder nur Wolf im Schafspelz spielst. Und ja, natürlich hab ich deinen ganzen Post gelesen. Ich teile deine Analyse aber nicht wirklich, ich verstehe nur recht gut, dass Konservative so denken, wie du das vorgeführt hast. Du führst aber - und das bereits in diesem ersten von mir beanstandeten Satz - auch vor, dass du der rechten Propaganda auf dem Leim gegangen bist.

Das, was mich gerade an eher sachlichen Beiträgen zum Thema eklatant stört, ist diese Suggestion, dass die AfD ohne die Flüchtlingskrise niemals so erfolgreich gewesen wäre. Das also ein einziger "Fehler" von Frau Merkel zu 13 % AfD geführt hat. In Wahrheit war die AfD doch schon vorher da, dort haben sich schon vorher jene versammelt, für die sich die CDU zu sehr nach links entwickelt hat. Minestlohn, Atomausstieg, Homo-Ehe, um jetzt nur ein paar zu nennen, waren schon vorher eine Belastungsprobe für manchen Alt-Konservativen in dieser Partei. Die AfD hatte sich schon vorher auf Merkel eingeschossen, und hätte ohne die Flüchtlingskrise irgendein anderes Thema genommen, um es überproportional aufzubauschen. Sie hätten es dann vielleicht schwerer gehabt zu punkten, aber die Presse hätte es auch schwerer gehabrt, diese Partei als rechtes Sammelbecken vorzuführen.

Die Flüchtlingskrise war nur ein Katalysator für etwas, was sich vorher schon angebahnt hat. Dieser Katalysator hat dann aber auch dafür gesorgt, dass sich die AfD so sicher gefühlt hat, dass sie ihr wahres Gesicht zeigen konnte. Manche Konservative tun noch so, als ob viele Positionen nicht rechts wären, weil sie früher so wohl auch von der CDU vertreten worden wären. Aber für die meisten Linken und Grünen waren das schon vorher quasi rechte Positionen, die die CDU nur mit genügend Scheinheiligkeit, Gemässigtsein und dem Selbstverständnis, dass sie als CDU ja niemals rechts sein können, vertreten haben. Im Grunde tut das die CDU noch immer, Merkel hat es nur diesmal andersrum gemacht: statt sich rechts angehaucht zu geben und hintenrum gemässigt zu handeln, hat sie sich vordergründig menschlich gegeben, hintenrum ist sie aber die harte Linie gefahren und hat alles ausgenutzt, um die Balkan-Route dicht zu machen. Dass ihr ausgerechnet DAS als Fehler angelastet wird, zeigt mir, wie gut die AfD-Propaganda aufgegangen ist.

Ich sag das, um klarzumachen: man kann in Punkto Flüchtlingskrise durchaus geteilter Meinung sein, muss aber auch damit leben, dass eine eventuell rechte Position jetzt nicht mehr von der CDU-Selbstverständlichkeit gedeckt wird. Sie ist jetzt AfD-Selbstverständlichkeit, und die Afd hatte ja regelrecht Freude daran, ihr rechtsextremes Image zu zelebrieren. Ein gemässigtes, aber kritisches Auftreten in der Flüchtlingskrise, ohne die rechten Spitzen von Höcke, Gauland und, ja auch, Petry, obgleich sie das noch am geschicktesten konnte, hätte die AfD als ernstzunehmende Alternative dastehen lassen, die der CDU richtig gefährlich hätte werden können, und wo Regierungsbeteiligung früher oder später eine Selbstverständlichkeit gewesen wäre.

Deshalb ist das jetzige Ergebnis vielleicht sogar das beste, was Angela Merkel rausholen konnte: zwar viel verloren, aber immer noch die Regierung stellend, die AfD hingegen auf ewig stigmatisiert - was sie sich komplett selbst zuzuschreiben hat, und was es Merkel leicht macht, jegliches Bündnis mit ihr nicht nur heute, sondern auch in 4 oder 8 Jahren abzulehnen. Und man sollte sich keine Illusionen machen: auch ein Merkel-Nachfolger kann sich keine Koalition mit der AfD erlauben. Die CDU mag konservativ sein, rückwärts gewandt ist sie nicht.
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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon sünnerklaas » Mo 2. Okt 2017, 11:26

Progressiver hat geschrieben:(02 Oct 2017, 00:16)


Das Gejammer über die Flüchtlinge muss also andere Ursachen haben. Denn tatsächlich war das Nachkriegswestdeutschland schon immer ein Einwanderungsland: Zuerst kamen die Vertriebenen. Dann die Gastarbeiter von überall her. Dann hieß es in den 1990ern "Das Bott ist voll", weil man keine muslimische Bosnier aufnehmen wollte. Und jetzt die Flüchtlinge aus Syrien und weiteren Ländern kann man sicher auch irgendwie integrieren.


Es hat andere Ursachen und das Phänomen hat auch nur am Rande etwas mit dem Thema Ausländer und Flüchtlinge zu tun. Es ist eine kulturelle Frage. Es gab in den letzten 25 Jahren Entscheidungen, denen eine lautstarke Minderheit auf gar keinen Fall mit gehen will. Ein wesentlicher Punkt ist da z.B. die Homo-Ehe und heute die "Ehe für alle" oder Antidiskriminierungsrichtlinien.
Hinzu kommt die tiefe Enttäuschung in den ehemaligen RGW-Ländern, einschliesslich der Neuen Bundesländer. Man habe 1990, so ist der Narrativ, eine Reise gebucht, die jetzt nicht zum damals gewünschten Ziel führe. Man wäre betrogen worden.

Was aber neu ist: Im Gegensatz zu früher trauen sich die Leute heute, offener rassistisch und xenophobisch zu handeln. Unter Kohl wurde der Ärger über die Asylanten abgelegt. Es folgten eine Rot-Grüne Regierung. Dieses Mal konnte man jedoch sehen, dass Merkel nicht von Rot-Rot-Grün abgewählt wurde, obwohl andererseits die soziale Frage viel drängender ist.


Der Erfolg der AfD beruht darauf, dass sie das Wirtschaftssystem ja ausdrücklich NICHT ändern will. Ökonomisch soll ja alles so bleiben, wie es ist. In der Agrarpolitik ist zu erkennen, dass die AfD voll und ganz auf Brüssel-Kurs ist. Da krallt man sich - genau, wie die CSU am Masholt-Plan fest, ein Plan, der schon fast 50 Jahre alt ist.
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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 2. Okt 2017, 11:54

Woppadaq hat geschrieben:(02 Oct 2017, 10:55)

Das, was mich gerade an eher sachlichen Beiträgen zum Thema eklatant stört, ist diese Suggestion, dass die AfD ohne die Flüchtlingskrise niemals so erfolgreich gewesen wäre. Das also ein einziger "Fehler" von Frau Merkel zu 13 % AfD geführt hat. In Wahrheit war die AfD doch schon vorher da, dort haben sich schon vorher jene versammelt, für die sich die CDU zu sehr nach links entwickelt hat.

Ganz richtig. Und vor allem ist die AfD Teil einer generellen europäisch-transatlantischen Rechtsdrift. Die sich in Deutschland aus historischen Gründen nur etwas länger zurückgehalten hat. Und die (hoffentlich nicht!) jetzt umso ungehemmter loslegt. Völlig unabhängig davon, was die großen Volksparteien in Deutschland so treiben, hätte man sich eigentlich wundern müssen, dass das Phänomen AfD so lange auf sich warten ließ.
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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon Eisvogel » Mo 2. Okt 2017, 12:09

Progressiver hat geschrieben:Ich selbst kann das dauernde Gejammer vom Kontrollverlust 2015 schon nicht mehr hören.


Gejammer hin oder her, es ist nun mal Tatsache, dass man 2015 auf ganzer Linie versagt hat..da kann und muss man nichts beschönigen.


Progressiver hat geschrieben:Das Gejammer über die Flüchtlinge muss also andere Ursachen haben.



Ersetze "Gejammer" und füge "Ängste" ein, dann passt es wieder. Woher diese Ängste kommen kannst du beinahe täglich lesen,hören und manchmal sogar sehen..


Progressiver hat geschrieben: Denn tatsächlich war das Nachkriegswestdeutschland schon immer ein Einwanderungsland: Zuerst kamen die Vertriebenen.


Von wo nach wo sind die denn eingewandert ? Von Deutschland nach Deutschland ? Selbst wenn sie gewollt hätten, in den meißten Fällen durften die in ihrer Heimat nicht mehr bleiben, völlig egal ob die mittlerweile Polen,Russland oder Litauen hieß..


Progressiver hat geschrieben:Dann die Gastarbeiter von überall her.


Das Wort sagt schon....GASTarbeiter, dringend gebrauchte Kräfte nach dem Krieg weil viele der eigenen Fachkräfte entweder tot oder in Gefangenschaft waren, die Regelung im Umgang mit diesen Gastarbeitern war wohl etwas fehl geplant so dass viele hier blieben..das ist aber nicht unbedingt als schlecht anzusehen, im Gegenteil.


Progressiver hat geschrieben: Und jetzt die Flüchtlinge aus Syrien und weiteren Ländern kann man sicher auch irgendwie integrieren.




Und wie genau soll das funktionieren wenn man in den meißten Fällen nicht mal weiß wer sie sind und wo sie herkommen ? Den Pass haben sie ja alle "verloren" und die Erinnerung ist oft auch sehr schwammig. Wie viel Flüchtlinge kommen tatsächlich aus den Kriegsgebieten von Syrien ? Ich meine es waren 2%..und die meißten davon junge Männer, die bei Aufbau und Verteidigung zusammen mit Natosoldaten dringend gebraucht werden..der große Teil der vor allem aus Afrika stammenden Flüchtlinge hat weder eine Bildung noch eine Ausbildung..und nicht selten eine kriminelle Vergangenheit..die sind da nicht mal traurig wenn sie "fliehen".


Progressiver hat geschrieben:Was aber neu ist: Im Gegensatz zu früher trauen sich die Leute heute, offener rassistisch und xenophobisch zu handeln. Unter Kohl wurde der Ärger über die Asylanten abgelegt. Es folgten eine Rot-Grüne Regierung. Dieses Mal konnte man jedoch sehen, dass Merkel nicht von Rot-Rot-Grün abgewählt wurde, obwohl andererseits die soziale Frage viel drängender ist.



Neu ist, dass man sich heute mehr trauen kann, anders denkende als Rassist,Fremdenfeindlich oder ganz neu "echter Nazi" zu betiteln ohne großartig mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Warum auch ? Ist der Sprachgebrauch im heutigen Bundestag doch nicht viel anders (echte Nazis,Arschlöcher,in die Fresse hauen...sogar von entsorgen war die rede)...es sei denn, eine bestimmte blaue Partei nutzt einen solchen Jargon, dann steht gleich die ganze Welt Kopf und jeder fühlt sich verpflichtet gegen diese bösen blauen anzustinken..


Die Menschen haben die Schnauze voll von der vergangenen Politik, die letzte Bundestagswahl war ein klares Zeichen. Die Frage müsste also nicht lauten ob Deutschland immer weiter nach rechts rückt, sondern warum Parteien wie die CDU immer weiter nach links rückten..
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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon Selina » Mo 2. Okt 2017, 12:12

Also ich hab nichts von einem Linksruck der CDU gesehen. Merkel verhält sich einfach manchmal pragmatisch und menschlich. Was das mit "links" zu tun haben soll, ist mir schleierhaft. Das zuweilen ein wenig Menschliche hat eher mit dem C im Parteinamen zu tun.
Drüben im Walde kängt ein Guruh - Warte nur balde kängurst auch du. Joachim Ringelnatz
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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon Olympus » Mo 2. Okt 2017, 12:13

Die Rechtsparteien schossen aus dem Boden, jeder kennt sich. Alle Putins Freunde, alle gegen Europa.
Putin Assads Freund. Bomberei in Syrien begann, Flüchtlinge kamen, Merkel lässt alle rein. Die zufällig auch in Russland studiert hat.
Wie doch eines zum anderen führt.

Ok, das war jetzt für Verschwörungsfanatiker.
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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon Selina » Mo 2. Okt 2017, 12:19

Die Rechtsdrift wird später noch weiter "vervollkommnet" werden, wenn sich die konservativen Kräfte mit der AfD zusammenschließen. Der Kern der AfD entstand ja sowieso aus dem "Stahlhelmflügel" der CDU.
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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon Watchful_Eye » Mo 2. Okt 2017, 14:50

Woppadaq hat geschrieben:(02 Oct 2017, 10:55)
Es war nur ein Test, ob du wirklich konstruktiv bist oder nur Wolf im Schafspelz spielst. Und ja, natürlich hab ich deinen ganzen Post gelesen. Ich teile deine Analyse aber nicht wirklich, ich verstehe nur recht gut, dass Konservative so denken, wie du das vorgeführt hast. Du führst aber - und das bereits in diesem ersten von mir beanstandeten Satz - auch vor, dass du der rechten Propaganda auf dem Leim gegangen bist.
Ich bin hier schon seit 9 Jahren angemeldet, war eine zeitlang im Forum 3 als Moderator aktiv (bzw. ich denke darüber nach, wieder aktiver zu werden) und musste entsprechend natürlich auch hetzerische Beitrage löschen - daher finde ich es interessant, dass man anhand eines solchen Beitrags gleich offenbar schon der Hetze verdächtigt wird. Ich finde eigentlich, dass ich stets sehr um eine sachliche Sprache bemüht bin und solch ein Eindruck eigentlich nicht entstehen sollte.

Es stimmt aber, ich fühle mich bei dem Thema etwas desorientiert. Eigentlich bin ich inaktives Mitglied der Piraten und es überrascht mich selbst, dass ich mal meine, so viel Verständnis für diejenigen haben zu müssen, die um ihre Sicherheit fürchten. Vielleicht magst du mal in dieses Topic von mir hineinschauen, wo ich versucht habe, nach konstruktiven Lösungen für die Flüchtlingskrise zu suchen: viewtopic.php?f=5&t=64632

Aber es soll hier nicht um mich gehen. Ich merke, dass du mich bei dem Thema für ein bisschen doof hältst. Zieh daraus bitte keine Rückschlüsse auf andere Themen, in denen ich schreibe.

Das, was mich gerade an eher sachlichen Beiträgen zum Thema eklatant stört, ist diese Suggestion, dass die AfD ohne die Flüchtlingskrise niemals so erfolgreich gewesen wäre. Das also ein einziger "Fehler" von Frau Merkel zu 13 % AfD geführt hat. In Wahrheit war die AfD doch schon vorher da, dort haben sich schon vorher jene versammelt, für die sich die CDU zu sehr nach links entwickelt hat. Minestlohn, Atomausstieg, Homo-Ehe, um jetzt nur ein paar zu nennen, waren schon vorher eine Belastungsprobe für manchen Alt-Konservativen in dieser Partei. Die AfD hatte sich schon vorher auf Merkel eingeschossen, und hätte ohne die Flüchtlingskrise irgendein anderes Thema genommen, um es überproportional aufzubauschen. Sie hätten es dann vielleicht schwerer gehabt zu punkten, aber die Presse hätte es auch schwerer gehabrt, diese Partei als rechtes Sammelbecken vorzuführen.
Eigentlich war die AfD vor der Flüchtlingskrise sehr schwach und schon im Begriff, Auflösungserscheinungen zu zeigen. Erst danach gewann sie an Auftrieb, radikalisierte sich zudem noch und wurde dabei sehr viel erfolgreicher. Ohne dieses Thema wäre sie wahrscheinlich untergegangen bzw. hätte definitiv nicht die 5%-Hürde überschritten. Ich würde dir nicht völlig widersprechen, es gab natürlich auch andere Gründe, aber die Flüchtlingskrise ist in Deutschland schon eindeutig der wichtigste Grund für das Erstarken der Rechten, denke ich.

Zeit Online hatte kürzlich nach der Wahl Menschen gefragt, warum sie die AfD gewählt haben. Das Thema Flüchtlingskrise tauchte als einendes Thema in praktisch jedem Beitrag auf, alles andere war meines Erachtens eher diffus: http://www.zeit.de/politik/deutschland/ ... d-gewaehlt

[...]
Ich sag das, um klarzumachen: man kann in Punkto Flüchtlingskrise durchaus geteilter Meinung sein, muss aber auch damit leben, dass eine eventuell rechte Position jetzt nicht mehr von der CDU-Selbstverständlichkeit gedeckt wird. [...] Und man sollte sich keine Illusionen machen: auch ein Merkel-Nachfolger kann sich keine Koalition mit der AfD erlauben. Die CDU mag konservativ sein, rückwärts gewandt ist sie nicht.
Was du glaube ich missverstanden hast, ist, dass du mich selbst als einen solchen "enttäuschten Konservativen" identifiziert hast. Ich dachte eigentlich, klargemacht zu haben, eigentlich nicht hinter dem "ausweichenden Idealen" des Konservatismus zu stehen - und dass ich trotzdem überrascht und etwas besorgt war, dass Merkel so weit gehen würde. Dieses Missverständnis ist aber wahrscheinlich meine Schuld, da ich durch meine subjektive Ausdrucksweise zu sehr rumgeeiert habe und den Eindruck erweckt habe, es ginge mir irgendwie um mich.

Also, ich will es nochmal etwas knackiger zusammenfassen:
Das im Jahre 2015 war eine gewagte Aktion, sicherlich gut gemeint und man konnte nicht tatenlos zusehen. Trotzdem ist es meiner Ansicht nach nachvollziehbar, dass es viele Konservative als einen starken Bruch mit der bisherigen, so legendär vorsichtigen Politik Merkels verstanden haben und darauf entsprechend darauf reagierten. Ich fühlte mich selbst davon zu der Zeit etwas überrumpelt. Insofern ist es meines Erachtens nicht direkt ein Rechtsruck, sondern das, was man aufgrund der politischen Zusammensetzung in der BRD hätte erwarten können. Dadurch, dass diese vorhersehbar entstehenden Zweifler dann auch noch medial als "rechte Gefahr" identifiziert wurden, hat man die Situation verschlimmert und Trotz provoziert. Es war trotzdem wahrscheinlich richtig, es zu tun, auch wenn ein kontrollierterer Ablauf natürlich von Vorteil gewesen wäre.

Ich wollte Aufnahme der Flüchtlinge an dieser Stelle eigentlich gar nicht bewerten, sondern nur sagen, dass der starke Zusammenhang zwischen Flüchtlingspolitik und Rechtsruck meines Erachtens nicht zu leugnen ist. Wenn man ausländische Berichterstattung zur Wahl liest, weisen die auch stets auf diesen Zusammenhang hin, weil er so klar ist. Man kann ja trotzdem der Ansicht sein, dass es zu der Zeit aufgrund der Notwendigkeit der Maßnahme einfach nicht anders ging, als jenen Rechtsruck zu provozieren.

______________________________

Davon abgesehen ist ein Thema, was man allgemein gegen Rechts stärker thematisieren sollte, die soziale Frage. Und das ist tatsächlich dann ein Thema, was die Rechten der gesamten westlichen Welt eint. Viele Menschen vertrauen einer Politik, die auf Isolation und einen starken innerstaatlichen Wettbewerb durch eine kompetitive Marktwirtschaft setzt (Post-Brexit-Großbritannien, Trump, auch AfD) mehr als der einer gemeinsamen Absprache. Viele identifizieren unsere gemeinsame, offene Politik als den Schuldigen für die zunehmende Ungleichheit, aber sehen nicht die Chancen, die eine koordinierte Wirtschaftspolitik bieten würde. Wenn wir als EU gemeinsame Standards im Bereich Steuerpolitik hätten, könnten wir dem "Rat Race" durch innerstaatlichen Wettbewerb entgehen. Die AfD will ja ganz offen in ein solches Rat Race einsteigen, wenn man sieht, wie knallhart liberal ihre wirtschaftspolitischen Vorschläge sind.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass die EU in den vergangenen Jahrzehnten bei diesem Thema einfach nicht liefern konnte, obwohl es so naheliegend wäre, dort koordiniert zu agieren. Andere Länder würden das auch gerne sehen, aber gerade in Deutschland existiert viel Angst, am Ende der "Zahlmeister" zu sein. Hier fehlt es irgendwie an einer gemeinsamen europapolitischen Vision und es ist schade, dass nicht einmal Martin Schulz bereit war, sie zu liefern.
Zuletzt geändert von Watchful_Eye am Mo 2. Okt 2017, 14:52, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon Woppadaq » Mo 2. Okt 2017, 14:51

Eisvogel hat geschrieben:(02 Oct 2017, 13:09)

Gejammer hin oder her, es ist nun mal Tatsache, dass man 2015 auf ganzer Linie versagt hat..da kann und muss man nichts beschönigen.


Das ist deine Meinung, meiner Meinung ist das einzige, was bei der Flüchtlingskrise versagt hat, die gute Kinderstube gewisser AfD-Mitglieder. Kannst ja gerne deine Meinung hundertmal ohne weitere Argumente wiederholen, dann wiederhol ich meine eben auch hundertmal.

Ersetze "Gejammer" und füge "Ängste" ein...


Sorry, aber ihr habt nicht Angst, dass Merkel versagt hat, ihr JAMMERT darüber. Das Flüchtlingsproblem ist längst gelöst, aber ihr jammert immer noch über diesen "grössten Fehler aller Zeiten, nur vergleichbar mit Hitlers Überfall auf die Sowjetunion"....von einer irgendwie gearteten Suche nach Lösungen oder überhaupt Ansätze, was man hätte anders machen können, kommt von euch NICHTS ausser GEJAMMER, als wäre seit 2015 nichts passiert. Mit Angst hat das nichts mehr zu tun.

Neu ist, dass man sich heute mehr trauen kann, anders denkende als Rassist,Fremdenfeindlich oder ganz neu "echter Nazi" zu betiteln ohne großartig mit Konsequenzen rechnen zu müssen.


Das ist nicht neu, das konnte man früher auch. Es wurde nur nicht so ernst genommen. Bedankt euch bei der AfD für ihr Auftreten.

Die Menschen haben die Schnauze voll von der vergangenen Politik, die letzte Bundestagswahl war ein klares Zeichen. Die Frage müsste also nicht lauten ob Deutschland immer weiter nach rechts rückt, sondern warum Parteien wie die CDU immer weiter nach links rückten..


Vielleicht, weil es einfach eine logische Richtung war? Vielleicht, weil damit ein ganz anderes Deutschlandbild als bisher geschaffen wird, eines, für das man sich nicht mehr schämen muss? Vielleicht, weil dieses ganze Rechtstum nichts weiter bringt ausser Terror, Spaltung der Gesellschaft, Rückwärtsgewandheit ?

Die Konservativen von heute haben sich aus dem rechten Schoss gelöst, aus dem sie früher kamen. Sie haben sich weiterentwickelt. Was ich von manchen Usern hier nicht gerade sagen kann.
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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon think twice » Mo 2. Okt 2017, 15:05

[quote="Woppadaq"](02 Oct 2017, 15:51)

Sorry, aber ihr habt nicht Angst, dass Merkel versagt hat, ihr JAMMERT darüber. Das Flüchtlingsproblem ist längst gelöst, aber ihr jammert immer noch über diesen "grössten Fehler aller Zeiten, nur vergleichbar mit Hitlers Überfall auf die Sowjetunion"....von einer irgendwie gearteten Suche nach Lösungen oder überhaupt Ansätze, was man hätte anders machen können, kommt von euch NICHTS ausser GEJAMMER, als wäre seit 2015 nichts passiert. Mit Angst hat das nichts mehr zu tun.

/quote]
" Ich habe Angst" klingt nunmal sympathischer als "Ich bin fremdenfeindlich".
Wie kann es sein, dass Europa seine Werte verteidigt, in dem es andere Menschen von seinen Werten ausschließt?
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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon Olympus » Mo 2. Okt 2017, 15:19

think twice hat geschrieben:(02 Oct 2017, 16:05)


Richtig. Richtig Aufschwung gibt es bei" Wir holen uns Deutschland zurück", oder auch die Ansage zu dem Deutschland des Jahres 1945. Also mir verbiegen sich da die Zehnägel.
Wollen die da weitermachen wo Hitler aufgehört hat oder waren die Gebäude in Trümmern so toll, das man das wieder will?
Da man Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft nicht abschieben kann, wie wollen die das dann tun?
GG abschaffen, Auschwitz wiederbeleben. Was glauben diese Leute in welchem Land sie leben?
Darauf gibt die "Wahrheitsliebenden" AfD keine konkreten Antworten, wie auf sonst auch nichts.
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Re: Warum driftet Deutschland nach rechts?

Beitragvon Woppadaq » Mo 2. Okt 2017, 15:57

Watchful_Eye hat geschrieben:(02 Oct 2017, 15:50)

Ich bin hier schon seit 9 Jahren angemeldet, war eine zeitlang im Forum 3 als Moderator aktiv (bzw. ich denke darüber nach, wieder aktiver zu werden) und musste entsprechend natürlich auch hetzerische Beitrage löschen - daher finde ich es interessant, dass man anhand eines solchen Beitrags gleich offenbar schon der Hetze verdächtigt wird.


Nunja, Hetze hab ich dir glaub ich nicht vorgeworfen, aber ich wolte mal deutlich machen, dass ich dieses ewige Rumreiten auf der Flüchtlingspolitik Angela Merkels nicht mehr für konstruktiv halte, weil die Aufregung darüber in keinem Verhältnis mehr zum eventuellen oder tatsächlich entstandenen/entstehenden Schaden steht. Hier haben einfach gewisse Leute ihr Hetzthema gefunden, und man muss denen nicht noch in die Hände spielen, indem man gewisse Halbwahrheiten als Gewissheiten darstellt.

Ich merke, dass du mich bei dem Thema für ein bisschen doof hältst.


Ich kann dir nicht Dummheit wegen etwas vorwerfen, was jeden Tag hier bis zum Erbrechen wiederholt wird. Aber man sollte sich auch mal ganz sachlich reflektierend fragen, was eigentlich passiert ist. Inwieweit war 2015 denn ein Problem für die Leute? Wo in ihrem Leben betraf es sie denn? Warum ist, vonn allen Problemen, die sie haben, ausgerechnet DAS angeblich ihr grösstes?

Eigentlich war die AfD vor der Flüchtlingskrise sehr schwach und schon im Begriff, Auflösungserscheinungen zu zeigen. Erst danach gewann sie an Auftrieb, radikalisierte sich zudem noch und wurde dabei sehr viel erfolgreicher. Ohne dieses Thema wäre sie wahrscheinlich untergegangen bzw. hätte definitiv nicht die 5%-Hürde überschritten. Ich würde dir nicht völlig widersprechen, es gab natürlich auch andere Gründe, aber die Flüchtlingskrise ist in Deutschland schon eindeutig der wichtigste Grund für das Erstarken der Rechten, denke ich.

Zeit Online hatte kürzlich nach der Wahl Menschen gefragt, warum sie die AfD gewählt haben. Das Thema Flüchtlingskrise tauchte als einendes Thema in praktisch jedem Beitrag auf, alles andere war meines Erachtens eher diffus: http://www.zeit.de/politik/deutschland/ ... d-gewaehlt


Ja, und jetzt frag dich doch mal nicht nur, warum ausgerechnet das Flüchtlingsthema die Leute so berührt - sondern worüber sie sich sonst noch so aufregen könnten, wenn es sonst nichts aufzuregen gäbe. Atomausstieg? Ist zwar grünes Thema, aber irgendwo haben sie ja auch recht. Mindestlohn? Darüber kann man sich nicht aufregen, ohne asozial zu wirken. Homo-Ehe? Würde undemokratisch wirken, das zu verbieten. Unser Auftreten in der Griechenland-Krise? Nunja, weis erstmal nach, dass das ein Fehler war.

Bei der Flüchtlingskrise hingegen kann man wunderbar so tun, als wär man ja kein Nazi, aber....weil man sich auf die diffusen Ängste der Deutschen in dieser Hinsicht absolut verlassen kann, wie man gesehen hat. Man lässt dann noch ein paar Experten vor "unkalkulierbaren Risiken" warnen, egal ob das jetzt stimmt oder nicht, und schon hat man das Gefühl, endlich kann man mal gegen die Merkel alles rauslassen, was sich so angesammelt hat.

Die Wahrheit ist, das nicht unser Agieren in der Flüchtlingskrise den Rechten in die Hände gespielt hat - sondern die Tatsache, dass es überhaupt eine Flüchtlingskrise gab, die man irgendwie bewältigen musste, ohne dass sie irgendjemand bewältigen wollte. Man macht Merkel zum Vorwurf, dass sie überhaupt reagiert und dann auch dazu gestanden hat. Was die Leute mit dem Wort "Flüchtlingskrise" verbinden, hat mit der eigentlichen Krise fast gar nichts zu tun. Die Leute sind schon seit mehr als einem Jahrzehnt frustriert über die Entwicklung in diesem Land, sie haben schon immer nach einem einfachen Grund gesucht, Protestwahl abzuhalten. Flüchtlingskrise als Modewort macht sich da ganz passend.

Also, ich will es nochmal etwas knackiger zusammenfassen:
Das im Jahre 2015 war eine gewagte Aktion, sicherlich gut gemeint und man konnte nicht tatenlos zusehen. Trotzdem ist es meiner Ansicht nach nachvollziehbar, dass es viele Konservative als einen starken Bruch mit der bisherigen, so legendär vorsichtigen Politik Merkels verstanden haben und darauf entsprechend darauf reagierten. Ich fühlte mich selbst davon zu der Zeit etwas überrumpelt. Insofern ist es meines Erachtens nicht direkt ein Rechtsruck, sondern das, was man aufgrund der politischen Zusammensetzung in der BRD hätte erwarten können. Dadurch, dass diese vorhersehbar entstehenden Zweifler dann auch noch medial als "rechte Gefahr" identifiziert wurden, hat man die Situation verschlimmert und Trotz provoziert.


So kann man das sehen. Aber was wäre die Alternative gewesen? Nicken und "ihr habt ja Recht damit, dass wir nicht ganz Syrien aufnehmen können" sagen, obwohl das nie zur Debatte stand? Oder "die AfD hat ja Recht, wenn sie unser Vorgehen in der Flüchtlingskrise kopflos nennt" ? Irgendwo muss man auch mal Position beziehen, muss zu dem stehen, was man da tut, muss rechte Positionen auch mal so nennen, anstatt die Hetzer noch für ihr Tun zu loben. Wenn das dann bei einigen Trotz verursacht, dann ist es eben so.

Davon abgesehen ist ein Thema, was man allgemein gegen Rechts stärker thematisieren sollte, die soziale Frage. Und das ist tatsächlich dann ein Thema, was die Rechten der gesamten westlichen Welt eint. Viele Menschen vertrauen einer Politik, die auf Isolation und einen starken innerstaatlichen Wettbewerb durch eine kompetitive Marktwirtschaft setzt (Post-Brexit-Großbritannien, Trump, auch AfD) mehr als der einer gemeinsamen Absprache. Viele identifizieren unsere gemeinsame, offene Politik als den Schuldigen für die zunehmende Ungleichheit, aber sehen nicht die Chancen, die eine koordinierte Wirtschaftspolitik bieten würde. Wenn wir als EU gemeinsame Standards im Bereich Steuerpolitik hätten, könnten wir dem "Rat Race" durch innerstaatlichen Wettbewerb entgehen. Die AfD will ja ganz offen in ein solches Rat Race einsteigen, wenn man sieht, wie knallhart liberal ihre wirtschaftspolitischen Vorschläge sind.


Ich geb dir da vollkommen recht. Aber wie gesagt, ich denke, dass die Leute nicht explizit die AfD als AfD wählen, sondern als Anti-Merkel-Partei, wobei Merkel für den Linksdrift der Union steht, den sie am liebsten rückgängig machen würden - egal was es bringt.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass die EU in den vergangenen Jahrzehnten bei diesem Thema einfach nicht liefern konnte, obwohl es so naheliegend wäre, dort koordiniert zu agieren. Andere Länder würden das auch gerne sehen, aber gerade in Deutschland existiert viel Angst, am Ende der "Zahlmeister" zu sein. Hier fehlt es irgendwie an einer gemeinsamen europapolitischen Vision und es ist schade, dass nicht einmal Martin Schulz bereit war, sie zu liefern.


Ich glaub, die derzeitige europäische Vision ist, dass man erst mal guckt, inwiefern sich die Länder überhaupt von Brüssel aus regieren lassen. Griechenland ist dabei der Testfall. Wenn das klappt, hat man schon mal eine berechenbare Basis, mit der man dann die echten Umstrukturierungspläne angehen kann.

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