Die Krise der Konservativen in Deutschland

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Woppadaq
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon Woppadaq » Mo 18. Dez 2017, 23:50

Sextus Ironicus hat geschrieben:(18 Dec 2017, 22:45)

Läge, wenn es stimmt, vielleicht an der fehlenden Verkrampfung. Denn die größten Tugendbolde sind auch immer die größten Unterdrücker. Und vielleicht liegt's auch an dieser etwas größeren Lockerheit, dass Konservative nachweislixch besseren Sex haben. :D :p :cool:


Moment mal, du willst mir erzählen, Konservative seien keine Tugendwächter? Wo war denn das BR-Pendant zu "Erotisches zur Nacht", welches das DDR-Fernsehen immer nach 23 Uhr ausgestrahlt hat? Und wieso hältst du Larry Flynt für konservativ?

Also mich erinnert ja vieles an vieles, aber auf die SED und die Romantik in einem Atemzug wäre ich jetzt nicht gekommen.


Romantische Selbstbeweihräucherung gibt es wohl bei allen grossen Parteien, und je mächtiger sie sind, desto heftiger fällt diese Romantik aus. Ich hab beim Lesen von derartigen Selbstlob halt meistens ein Deja vu, denn als es die SED noch gab, war das dort gang und gäbe.

Dass Faschismus (woher kommt der bei dir so plötzlich) wiederum einige Wurzeln in romantischen Gedankengut hat, ist bekannt. Aber welche Gefahr von irgendeinem Konservatismus momentan ausgehen sollte, erschließt sich mir nicht automatisch.


Jede Richtung birgt doch irgendeine Gefahr, meist ist es die extreme Ausrichtung. Mir ist schon klar, dass sich Konservative nicht für Extremisten halten, was irgendwo auch stimmt. Man muss es aber auch mal so sehen: Linke, Rechte, Progressive und Reaktionäre haben alle relativ klare Positionen und Prinzipien und neigen da biswelien auch zu Extremen, Konservative haben das nicht und wanken deshalb zwischen diesen Polen. Deshalb mein Hinweis, dass Konservative Hitler unterstützt, wenn nicht sogar erst möglich gemacht haben. Das heisst nicht, dass sie Faschisten sind, aber schon, dass ihre Prinzipienlosigkeit von diesen ausgenutzt wird.

Das ist doch auch der Grund, warum Leute AfD wählen, um ein Umdenken in der CDU zu erreichen. Man rechnet einfach mit der schwammigen Reaktivität und Prinzipienlosigkeit der Konservativen. Die AfD an sich ist kein Problem, sie ist halt Teil der demokratischen Meinungsbildung. Wenn man aber anfängt, ihrer Thematik nachzulaufen, um AfD-Wähler zurückzuholen, hat die AfD exakt das erreicht, was sie erreichen wollte - und das völlig ohne Regierungsbeteiligung. Und das sehen Leute wie ich eben als konservative Gefahr an. Die Gefahr ist dabei nicht der Konservative an sich, sondern was er gerade nach Lust und Laune für richtig hält.
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon Chronus1 » Di 19. Dez 2017, 09:51

Excellero hat geschrieben:(18 Dec 2017, 12:44)

Es war keinesfalls ein Scherz. Es ist traurige Tatsache daß der größte Teil jeglicher Journallie im linken Spektrum liegt. Spontan fallen mir lediglich 3 Beispiele ein für ein eher konservatives Blatt: Focus Cicero und teils Welt.

Ist 'Links' sein nicht mittlerweile konservativ im Wortsinn?

Excellero hat geschrieben:(18 Dec 2017, 12:44)
Und was "mein politischer Gegner" denkt oder meint ist mir langsam ziemlich Schnuppe. Ich habe in den letzten 3 - 4 Jahren festgestellt, es völlig egal ist ob ich nun agrumentativ schreibe, oder mich kurz fasse. Das Ergebniss ist immer das gleiche. Aber das ist zu einem gewissen Grad auch verständlich, da es schlicht keine Argumente gibt die diesen Wahnsinn der hierzulande getrieben wird rechtfertigen würden. Also bleibt dem Gegenüber nur Zustimmung oder das retten in Hetze Propaganda und Diskreditierung.

Diese Ignoranz ist mir leider auch aufgefallen. Das ist sogar noch schlimmer, als eine Einstellung, die nicht auf der Realität basiert.


Excellero hat geschrieben:(18 Dec 2017, 12:44)
Mit dem letzten Satz hast du natürlich Recht. Das liegt allerdings auch wiederum an dem völligen desinteresse an Debatte.

Nehme eine Position ein und du hast eine Debatte. Schau dir die AFD an. Man kann ihre Positionen nicht gut finden - wie ich - aber sie stellen sich öffentlich hin und stehen zu ihrer Meinung. Wann hat das letzte mal eine andere Partei diesen Schneid gehabt bei so etwas großen? Das letzte mal vielleicht die Grünen mit dem Kosovo-Einsatz? Wer Positionen hat, riskiert etwas und macht sich angreifbar. Darum haben moderne Politiker am besten nur Scheinstandpunkte, die weder etwas aussagen noch angreifbar sind. Das finde ich viel schlimmer, als Standpunkte mit denen ich nicht übereinstimme.
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon Sextus Ironicus » Di 19. Dez 2017, 09:58

Woppadaq hat geschrieben:(18 Dec 2017, 23:50)

Moment mal, du willst mir erzählen, Konservative seien keine Tugendwächter? Wo war denn das BR-Pendant zu "Erotisches zur Nacht", welches das DDR-Fernsehen immer nach 23 Uhr ausgestrahlt hat? Und wieso hältst du Larry Flynt für konservativ?



Konservative sind Tugendwächter? Gibt's denn exemplarischere Spießer als diejenigen, die grüne gesellschaftspolitische Thesen vertreten?
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon Woppadaq » Mi 20. Dez 2017, 01:05

Sextus Ironicus hat geschrieben:(19 Dec 2017, 09:58)

Konservative sind Tugendwächter?


Ich hab zuerst gefragt.

Gibt's denn exemplarischere Spießer als diejenigen, die grüne gesellschaftspolitische Thesen vertreten?


Mag schon sein, dass die Grünen über die Jahre etwas spiessiger geworden sind, und die Konservativen im Gegenzug etwas lockerer. Die sexuelle Revolution haben aber nicht die Konservativen ausgelöst.
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon rain353 » Mi 20. Dez 2017, 03:33

Sextus Ironicus hat geschrieben:(17 Dec 2017, 14:10)

Man sollte aber auch bedenken, dass die Tories weitaus weniger Milieus abzudecken hat. GB hat erstens in quantitativer Hinsicht keine nennenswerten ländlichen Räume, zweitens sind sie auf bestimmte, hauptsächlich südenglische Regionen begrenzt, was Politik für die eigene Klientel auch immer etwas einfacher macht. Die CDU dagegen muss einen viel größeren Spagat machen - entsprechend schwammig wird das eben.



Ja, aber die ganzen sozialdemokratischen Stammwähler waren im Osten, also hätte die CDU bis zur Wiedervereinigung Spielraum nutzen können, aber ironischer weise war das Gegenteil der Fall..
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon Chronus1 » Do 21. Dez 2017, 10:30

Woppadaq hat geschrieben:(20 Dec 2017, 01:05)
Mag schon sein, dass die Grünen über die Jahre etwas spiessiger geworden sind, und die Konservativen im Gegenzug etwas lockerer. Die sexuelle Revolution haben aber nicht die Konservativen ausgelöst.


1. So what? Das die GRÜNEN mal etwas gutes 'ausgelöst haben' * rechtfertigt doch nicht, dass sie aktuell Duckmäuser sind. Da könnte ich auch sagen:' Mag schon sein, dass die Grünen wirtschaftsnäher geworden sind und die Konservativen im Gegenzug etwas sozialer. Das Wirtschaftswunder haben die Grünen aber auch nicht ausgelöst', um zu 'beweisen', dass sie keine Expertise haben.

2. Von wem redest du, wenn du 'Konservative' meinst?

Mir sind mittlerweile (als ein linksliberaler Mensch) Leute mit einem konservativen Habitus lieber als Leute, die nach vorne raus offen und liberal tun und hintenrum autoritär sind (meine Erfahrung in linken Gruppen).

*oder waren sie als Partei Folge eines Wandels, der NICHT auf eine einzelne Gruppe zurückzuführen ist?
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon Sextus Ironicus » Do 21. Dez 2017, 10:49

Chronus1 hat geschrieben:(21 Dec 2017, 10:30)

Mir sind mittlerweile (als ein linksliberaler Mensch) Leute mit einem konservativen Habitus lieber als Leute, die nach vorne raus offen und liberal tun und hintenrum autoritär sind (meine Erfahrung in linken Gruppen).



Sehr schön aus persönlicher Sicht beschrieben, es ist eine Erfahrung, die ich teile. Mir ist irgendwann einmal aufgefallen, dass Konservative im Schnitt im alltäglichen Umgang, privat, bei der Arbeit, aber auch in politischen Diskussionen weitaus weniger aggressiv, menschlicher, entspannter, selbstgewisser und daher großzügiger daherkommen. Und der Umgang in linken Gruppen ist ja sowieso legendär.

@Woppadaq

Es gab keine sexuelle Revolution, sondern nur ein pubertäres Blubbern und Zetern über das, was auch ohne Kommune 1 in der Gesellschaft stattgefunden hätte. Und der unpolitische Sex der Konservativen ist halt erfüllender als der der Linken, wo man immer eine Therapiesitzung draus gemacht hat. :D
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon Woppadaq » Do 21. Dez 2017, 17:48

Chronus1 hat geschrieben:(21 Dec 2017, 10:30)

1. So what? Das die GRÜNEN mal etwas gutes 'ausgelöst haben' * rechtfertigt doch nicht, dass sie aktuell Duckmäuser sind. Da könnte ich auch sagen:' Mag schon sein, dass die Grünen wirtschaftsnäher geworden sind und die Konservativen im Gegenzug etwas sozialer. Das Wirtschaftswunder haben die Grünen aber auch nicht ausgelöst', um zu 'beweisen', dass sie keine Expertise haben.


Das ist aber genau das, was man den Grünen ständig vorwirft: wirtschafts- und arbeitsplatzgefährdend zu sein, weil einen die Natur und Nachhaltigkeit wichtiger ist als die kurzfristige Schaffung von hochprofitablen Arbeitsplätzen, die am Ende aber nur verbrannte Erde hinterlassen. Als bekennender Grüner hab ich damit noch nicht einmal Probleme. Manchmal muss der Profit der Industrie eben zurückstecken.


Mir sind mittlerweile (als ein linksliberaler Mensch) Leute mit einem konservativen Habitus lieber als Leute, die nach vorne raus offen und liberal tun und hintenrum autoritär sind (meine Erfahrung in linken Gruppen).


Das versteh ich zwar, aber als Konservativer (oder Sympathisant) die Grünen spiessig zu nennen ist ungefähr so als ob Helene Fischer sagt, sie sei mehr Rock n Roll als die Toten Hosen. Man kann sich vieles einbilden.
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon Progressiver » Sa 23. Dez 2017, 18:25

Die Grünen sind insbesondere hier bei uns in BaWü selbst eine etwas modernere konservative Partei. Die CDU wird fast nur noch auf dem Land gewählt. Die Konservativen in den Städten wählen grün.

Das zeigt sich exemplarisch an Winfried Kretschmann. In seinen früheren Jahren hat er mal Karl Popper gelesen. Dieser wird folglich immer wieder zitiert, wenn es darum geht, gegen Linke zu hetzen. Hier gilt wohl auch das Motto: "Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche." Dass aber Karl Popper überhaupt nichts von Metaphysik hielt, scheint Kretschmann überlesen zu haben. Da wird dann lieber dafür gebetet, dass Merkel Kanzlerin bleibt.

Wenn die Grünen wirklich progressiv wären, dann würden sie sich für einen laizistischen Staat stark machen! In Deutschland gibt es immer mehr Konfessionslose. Es wäre mal zu untersuchen, wieviele davon sich als säkulare Humanisten bezeichnen. Diese gilt es abzugreifen! In der Praxis klammern sich aber sowohl die Grünen als auch die anderen Parteien alle an die immer kleiner werdende Zahl der Restchristen.

Und hier sehe ich eine große Diskrepanz: Die Grünen, aber auch die anderen Parteien, zielen auf Wählergruppen, die immer mehr am Absterben sind. Das Durchschnittsalter der Mitglieder der meisten Parteien liegt zumindest meines Wissens bei über 59. Deutschland hat zwar zunehmend ein Überalterungsproblem. Das gilt aber für die Parteien noch mehr! Zudem macht sich auch niemand mehr die Mühe, die Wähler mitzunehmen, sondern es wird mit dem Sound des Sachzwangs scheinbar "alternativlos" durchregiert. Die moderneren Anteile der Bevölkerung kann man auch nicht mehr mitnehmen, da sie viel progressiver sind. Insofern haben wir es sicher mit einer Krise des gesamten Parteiensystems zu tun.

Für die Konservativen trifft das aber noch einmal viel stärker zu. Wenn man wie der Grüne Kretschmann einen christlichen Gott postuliert, dann finden sich dazu keine wissenschaftlichen Beweise für seine Existenz. Auch nicht bei Karl Popper! Auf welches Wertefundament wollen sie aber ihre Politik stützen? Die CDU hat es da scheinbar einfacher: Ihr Ersatzgottheit ist spätestens seit Angela Merkel nicht mehr ein biblischer Gott, sondern das Wirtschaftswachstum. Da es nun aber so ist, dass trotz allem viele Menschen in Deutschland gesellschaftlich nicht mehr aufsteigen können, grassieren die Abstiegsängste. Die Progressiven wählen sicher nicht die CDU. Die Abgehängten dagegen haben in der AfD eine Partei, die sich laut ihrem Gebaren um sie kümmert. Wer natürlich das Parteiprogramm der AfD liest, weiß natürlich, dass da nichts dahinter ist.
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon Watchful_Eye » Sa 23. Dez 2017, 18:29

Progressiver hat geschrieben:(23 Dec 2017, 18:25)Wenn die Grünen wirklich progressiv wären, dann würden sie sich für einen laizistischen Staat stark machen! In Deutschland gibt es immer mehr Konfessionslose. Es wäre mal zu untersuchen, wieviele davon sich als säkulare Humanisten bezeichnen. Diese gilt es abzugreifen! In der Praxis klammern sich aber sowohl die Grünen als auch die anderen Parteien alle an die immer kleiner werdende Zahl der Restchristen.

Absolut! :thumbup: Ich bin auch sehr entnervt davon, wie einige Konservative - unter anderem auch Merkel - den Ängsten vor dem Einfluss des Islams eine Stärkung des Christentums entgegenstellen wollen. Besser wäre eine klare Kante für Säkularisierung, die Religionen im Allgemeinen weniger Extrawürste gewährt.
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon Charles » So 24. Dez 2017, 14:44

Wenn das hier die Hoffnung des Konservatismus in Deutschland sein soll, dann gute Nacht.

https://www.n-tv.de/politik/Jens-Spahn- ... 00877.html
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon Unité 1 » So 24. Dez 2017, 15:24

Charles hat geschrieben:(24 Dec 2017, 14:44)

Wenn das hier die Hoffnung des Konservatismus in Deutschland sein soll, dann gute Nacht.

https://www.n-tv.de/politik/Jens-Spahn- ... 00877.html

Ein ordentlicher Konservativer darf nicht offen schwul sein, was "Charles"? Stattdessen geziemte ihm das Führen einer öffentlichen Scheinehe mit einer Frau zur konservativen Ehre.
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon Dampflok94 » Mo 25. Dez 2017, 23:17

Charles hat geschrieben:(24 Dec 2017, 14:44)

Wenn das hier die Hoffnung des Konservatismus in Deutschland sein soll, dann gute Nacht.

https://www.n-tv.de/politik/Jens-Spahn- ... 00877.html

Ich halte Jens Spahn für eine Null. Aber doch nicht deswegen. Warum sollte konservativ und schwul nicht funktionieren? Was hat sexuelle Präferenz mit Politik zu tun?
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon Woppadaq » Di 26. Dez 2017, 01:44

Progressiver hat geschrieben:(23 Dec 2017, 18:25)

Die Grünen sind insbesondere hier bei uns in BaWü selbst eine etwas modernere konservative Partei. Die CDU wird fast nur noch auf dem Land gewählt. Die Konservativen in den Städten wählen grün.

....

Wenn die Grünen wirklich progressiv wären, dann würden sie sich für einen laizistischen Staat stark machen! In Deutschland gibt es immer mehr Konfessionslose. Es wäre mal zu untersuchen, wieviele davon sich als säkulare Humanisten bezeichnen. Diese gilt es abzugreifen! In der Praxis klammern sich aber sowohl die Grünen als auch die anderen Parteien alle an die immer kleiner werdende Zahl der Restchristen.


Sich für einen laizistischen Staat (inwiefern haben wir den nicht?) stark zu machen macht erst dan Sinn, wenn die Religion politischer Faktor und damit zum Problem wird. Die Grünen hoffen insgeheim, dass es diesbezüglich nie so schlimm wird, dass sie deshalb eine Richtungsentscheidung treffen müssten. Denn dann würden linke Progressivisten gegen konservative Christen stehen, und das würde die Partei spalten. Bisher läuft sie aber ganz gut damit, mehrgleisig fahren zu können. Konfessionslose entscheiden meist nach Programm, Christen aber ist es wichtig, dass ihr Glaube nicht als Hemmnis empfunden wird.

Und hier sehe ich eine große Diskrepanz: Die Grünen, aber auch die anderen Parteien, zielen auf Wählergruppen, die immer mehr am Absterben sind. Das Durchschnittsalter der Mitglieder der meisten Parteien liegt zumindest meines Wissens bei über 59. Deutschland hat zwar zunehmend ein Überalterungsproblem. Das gilt aber für die Parteien noch mehr! Zudem macht sich auch niemand mehr die Mühe, die Wähler mitzunehmen, sondern es wird mit dem Sound des Sachzwangs scheinbar "alternativlos" durchregiert. Die moderneren Anteile der Bevölkerung kann man auch nicht mehr mitnehmen, da sie viel progressiver sind. Insofern haben wir es sicher mit einer Krise des gesamten Parteiensystems zu tun.


Manche Leute müssen unbedingt wegen jeder Kleinigkeit gleich eine Krise an die Wand malen. Richtig ist, dass es eine Art Verwirrung bezüglich der Richtung gibt, weil links und rechts nicht mehr so eindeutig sind und die Amis uns jetzt auch noch ihr Authorithär-Libertär-Gegensatzmodell andrehen wollen, das nur noch mehr Verwirrung stiftet.

Die Wahrheit ist, dass die Älteren leider Gottes immer noch die überwiegende Mehrheit in diesem Land stellen und damit auch das Wahlverhalten beeinflussen. Und dass sich eine allgemeine Konservativität breit gemacht hat, die die "Alternativlosigkeit" stützt, weil ihr das Progressive langsam zu unrealistisch wird. Bestes Beispiel sind die Piraten, die ja die letzte grosse progressivistische Bewegung waren - zu progressiv, um langfristig Wähler an sich binden zu können. Man hatte bisweilen das Gefühl, dass die Piraten selbst nicht so richtig erklären konnten, was ihr wesentlichstes Unterscheidungsmerkmal zu den anderen, etablierten Parteien darstellt. Die Diskussionen um das BGE haben gezeigt, dass der Wille zur Progressivität bei der überwiegenden Mehrheit der Menschen eine Grenze erreicht hat.

Für die Konservativen trifft das aber noch einmal viel stärker zu. Wenn man wie der Grüne Kretschmann einen christlichen Gott postuliert, dann finden sich dazu keine wissenschaftlichen Beweise für seine Existenz. Auch nicht bei Karl Popper! Auf welches Wertefundament wollen sie aber ihre Politik stützen?


Es gibt allgemeine Werte der Vernunft, die sowohl von Christen wie Nichtchristen gleichermassen getragen werden können. Diese Werte haben die UNO gechaffen, haben den Eisernen Vorhang zum Einsturz gebracht, haben unsere Klimapolitik wie überhaupt die Politik der Grünen jahrelang bestimmt, ohne dass es darüber eine Bibel gab. Die Grünen jedenfalls haben sich nicht gegründet, weil sie an Gott glauben, sondern weil sie eine Aufgabe der Vernunft erkannten. Jemand wie Kretschmann mag ja gerne an Gott göauben und sich im Rahmen seiner individuellen Präsentation an den christlichen Werten orientieren. Aber die Grünen sind voller Individualisten mit stellenweise absolut konträren Meinungen zueinander.

Die CDU hat es da scheinbar einfacher: Ihr Ersatzgottheit ist spätestens seit Angela Merkel nicht mehr ein biblischer Gott, sondern das Wirtschaftswachstum.


Bevor ich mich jetzt mal wieder echauffiere, dass Angela Merkel wohl gerade für alles herhalten muss, vom weltweiten Klimawandel bis hin zu meinem Hustenanfall, möcht ich erst mal fragen: was ist eigentlich daran so schlecht? welche Partei kann es sich gerade leisten zu sagen, dass ihr das Wirtschaftswachstum egal ist, es vielleicht sogar stört?
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon schokoschendrezki » Di 26. Dez 2017, 06:04

Neben den Dimensionen links-rechts und konservativ-progressiv gibts auch noch die Frage "Opportunismus" (="zweckmäßige Anpassung an die jeweilige Situation") vs. Prinzipienfestigkeit. Bei letzterem sehe ich eher zwei so unterschiedliche Parteien wie die FDP und die (heutige) Linke vorn.
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon Sextus Ironicus » Di 26. Dez 2017, 10:04

Woppadaq hat geschrieben:(26 Dec 2017, 01:44)

Sich für einen laizistischen Staat (inwiefern haben wir den nicht?) stark zu machen macht erst dan Sinn, wenn die Religion politischer Faktor und damit zum Problem wird. Die Grünen hoffen insgeheim, dass es diesbezüglich nie so schlimm wird, dass sie deshalb eine Richtungsentscheidung treffen müssten. Denn dann würden linke Progressivisten gegen konservative Christen stehen, und das würde die Partei spalten. Bisher läuft sie aber ganz gut damit, mehrgleisig fahren zu können. Konfessionslose entscheiden meist nach Programm, Christen aber ist es wichtig, dass ihr Glaube nicht als Hemmnis empfunden wird.



Manche Leute müssen unbedingt wegen jeder Kleinigkeit gleich eine Krise an die Wand malen. Richtig ist, dass es eine Art Verwirrung bezüglich der Richtung gibt, weil links und rechts nicht mehr so eindeutig sind und die Amis uns jetzt auch noch ihr Authorithär-Libertär-Gegensatzmodell andrehen wollen, das nur noch mehr Verwirrung stiftet.

Die Wahrheit ist, dass die Älteren leider Gottes immer noch die überwiegende Mehrheit in diesem Land stellen und damit auch das Wahlverhalten beeinflussen. Und dass sich eine allgemeine Konservativität breit gemacht hat, die die "Alternativlosigkeit" stützt, weil ihr das Progressive langsam zu unrealistisch wird. Bestes Beispiel sind die Piraten, die ja die letzte grosse progressivistische Bewegung waren - zu progressiv, um langfristig Wähler an sich binden zu können. Man hatte bisweilen das Gefühl, dass die Piraten selbst nicht so richtig erklären konnten, was ihr wesentlichstes Unterscheidungsmerkmal zu den anderen, etablierten Parteien darstellt. Die Diskussionen um das BGE haben gezeigt, dass der Wille zur Progressivität bei der überwiegenden Mehrheit der Menschen eine Grenze erreicht hat.



Es gibt allgemeine Werte der Vernunft, die sowohl von Christen wie Nichtchristen gleichermassen getragen werden können. Diese Werte haben die UNO gechaffen, haben den Eisernen Vorhang zum Einsturz gebracht, haben unsere Klimapolitik wie überhaupt die Politik der Grünen jahrelang bestimmt, ohne dass es darüber eine Bibel gab. Die Grünen jedenfalls haben sich nicht gegründet, weil sie an Gott glauben, sondern weil sie eine Aufgabe der Vernunft erkannten. Jemand wie Kretschmann mag ja gerne an Gott göauben und sich im Rahmen seiner individuellen Präsentation an den christlichen Werten orientieren. Aber die Grünen sind voller Individualisten mit stellenweise absolut konträren Meinungen zueinander.



Bevor ich mich jetzt mal wieder echauffiere, dass Angela Merkel wohl gerade für alles herhalten muss, vom weltweiten Klimawandel bis hin zu meinem Hustenanfall, möcht ich erst mal fragen: was ist eigentlich daran so schlecht? welche Partei kann es sich gerade leisten zu sagen, dass ihr das Wirtschaftswachstum egal ist, es vielleicht sogar stört?


Ein paar Gedanken dazu:

1. Der laizistische Staat, den ich immer wollte, ist aus meiner Sicht gerade wegen der Politisierung von Religion nicht mehr vernünftig. Denn wenn man für Imame Regeln zur Zulassung und Studium einführen möchte und leider auch muss, wenn man den Hinterhofunttericht für muslimische Kinder und Jugendliche sowie die Lehrer in den Griff bekommen möchte, dann ist das der Abschied vom laizistischen Gedanken. Auch ein Preis, der nun zu zahlen ist. Nur noch 55% gehören den beiden großen Kirchen an, aber mit dem Islam nimmt das Religionsproblem wieder zu.

2. Die Älteren werden sogar weiter an Gewicht gewinnen bei den Wahlen - jeder von uns gehört irgendwann ja dazu, und dieser hierzu zu beobachtende Alarmismus ist eher amüsant. Wenn die heute Dreißigjährigen, die sich in großer Zahl nie etwas erkämpfen mussten, sondern alle Wünsche kaum aussprechen mussten, um sie erfüllt zu bekommen, wenn die ihre Interessen durchsetzen wollen, müssen sie ihre gesalbten Häupter und Hintern eben anstrengen bzw. hochbringen. Jetzt müssen sie es selbst machen, zur Macht geht's nicht im SUV wie seinerzeit in den Kindergarten.

3. Die frühen Grünen und Vernunft? Auch wenn ich zu deren Anfängen eher noch grasgrün hinter den Ohren war: Aber Vernunft war nun die Stärke der ehemaligen K-Gruppenleute, der Spontis, der Radikalökos von rechts und links, der Indianerkommunen und unzähliger Spinner ganz bestimmt nicht. Und mit den Grünen hat sich die Moralisierung aller Politik erfolgreich institutionalisiert - das war immer auch die Klammer zwischen den unterschiedlichen Fraktionen. Der Pragmatismus ist noch immer in der Minderheit, Kretschmann ist allein wegen seiner Wirkung gelitten und Palmer kann man nicht rausschmeißen, weil er eben auch in Amt und Würden ist. Vielleicht wird das mit einer neuen Generation besser.
… habe ich mich sorgsam bemüht, menschliche Tätigkeiten nicht zu verlachen, nicht zu beklagen und auch nicht zu verdammen, sondern zu begreifen. (Spinoza)
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon Alpha Centauri » Di 26. Dez 2017, 12:51

Progressiver hat geschrieben:(23 Dec 2017, 18:25)

Die Grünen sind insbesondere hier bei uns in BaWü selbst eine etwas modernere konservative Partei. Die CDU wird fast nur noch auf dem Land gewählt. Die Konservativen in den Städten wählen grün.

Das zeigt sich exemplarisch an Winfried Kretschmann. In seinen früheren Jahren hat er mal Karl Popper gelesen. Dieser wird folglich immer wieder zitiert, wenn es darum geht, gegen Linke zu hetzen. Hier gilt wohl auch das Motto: "Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche." Dass aber Karl Popper überhaupt nichts von Metaphysik hielt, scheint Kretschmann überlesen zu haben. Da wird dann lieber dafür gebetet, dass Merkel Kanzlerin bleibt.

Wenn die Grünen wirklich progressiv wären, dann würden sie sich für einen laizistischen Staat stark machen! In Deutschland gibt es immer mehr Konfessionslose. Es wäre mal zu untersuchen, wieviele davon sich als säkulare Humanisten bezeichnen. Diese gilt es abzugreifen! In der Praxis klammern sich aber sowohl die Grünen als auch die anderen Parteien alle an die immer kleiner werdende Zahl der Restchristen.

Und hier sehe ich eine große Diskrepanz: Die Grünen, aber auch die anderen Parteien, zielen auf Wählergruppen, die immer mehr am Absterben sind. Das Durchschnittsalter der Mitglieder der meisten Parteien liegt zumindest meines Wissens bei über 59. Deutschland hat zwar zunehmend ein Überalterungsproblem. Das gilt aber für die Parteien noch mehr! Zudem macht sich auch niemand mehr die Mühe, die Wähler mitzunehmen, sondern es wird mit dem Sound des Sachzwangs scheinbar "alternativlos" durchregiert. Die moderneren Anteile der Bevölkerung kann man auch nicht mehr mitnehmen, da sie viel progressiver sind. Insofern haben wir es sicher mit einer Krise des gesamten Parteiensystems zu tun.

Für die Konservativen trifft das aber noch einmal viel stärker zu. Wenn man wie der Grüne Kretschmann einen christlichen Gott postuliert, dann finden sich dazu keine wissenschaftlichen Beweise für seine Existenz. Auch nicht bei Karl Popper! Auf welches Wertefundament wollen sie aber ihre Politik stützen? Die CDU hat es da scheinbar einfacher: Ihr Ersatzgottheit ist spätestens seit Angela Merkel nicht mehr ein biblischer Gott, sondern das Wirtschaftswachstum. Da es nun aber so ist, dass trotz allem viele Menschen in Deutschland gesellschaftlich nicht mehr aufsteigen können, grassieren die Abstiegsängste. Die Progressiven wählen sicher nicht die CDU. Die Abgehängten dagegen haben in der AfD eine Partei, die sich laut ihrem Gebaren um sie kümmert. Wer natürlich das Parteiprogramm der AfD liest, weiß natürlich, dass da nichts dahinter ist.




Der Ersatzgott "Wirtschaftswachstum" ist beileibe nicht nur in der Union zu Hause. Geld regiert die Welt. Und hieß früher das Gotteshaus " Kirche" nennt man es heute " Einkaufszentrum". :D
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon BlueMonday » Di 26. Dez 2017, 13:36

Woppadaq hat geschrieben:(26 Dec 2017, 01:44)


Manche Leute müssen unbedingt wegen jeder Kleinigkeit gleich eine Krise an die Wand malen. Richtig ist, dass es eine Art Verwirrung bezüglich der Richtung gibt, weil links und rechts nicht mehr so eindeutig sind und die Amis uns jetzt auch noch ihr Authorithär-Libertär-Gegensatzmodell andrehen wollen, das nur noch mehr Verwirrung stiftet.


Was verwirrt dich daran so? Das ist auch keine jüngst gemachte Unterscheidung, sondern hat locker 200 Jahre auf dem Buckel. Stammt auch ursprünglich nicht von den "Amis", sondern von den franzözischen/europäischen Anarchisten.
Untergejubelt und angedreht ist allenfalls, dass braunrote Nationalsozialisten irgendwie "rechts" stünden und den völligen Gegensatz zu anderen, "linken", rotbraunen Kollektivisten und sonstigen Etatisten bilden würden. Da passt dann eigentlich nur noch Jandls "lechtsrinks".
But who would build the roads?
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon Woppadaq » Di 26. Dez 2017, 15:42

BlueMonday hat geschrieben:(26 Dec 2017, 13:36)

Was verwirrt dich daran so?


Genau das hier:

Untergejubelt und angedreht ist allenfalls, dass braunrote Nationalsozialisten irgendwie "rechts" stünden und den völligen Gegensatz zu anderen, "linken", rotbraunen Kollektivisten und sonstigen Etatisten bilden würden.


Genau das tun sie aber. Der Kollektivismus eines Stalin war real und weitaus authoritärer, die Nazis propagierten doch nur oberflächlichen Kollektivismus aus Imagegründen, ideell betrieben sie Extrem-Egoismus, also das exakte Gegenteil von Sozialismus, und dieser Egoismus wurde lediglich durch den Krieg derartig authoritär, dass Hitler in diesem Koordinatensystem immer als die Speerspitze des Authoritarismus gesehen wird, obwohl die Industriellen dort weit mehr Freiheiten hatten als im stalinistischen System.

Für mich ist das deshalb nur der billige Versuch, linke und rechte Extremitäten gleichermassen zu entsorgen und den Rechts-Begriff wieder reinzuwaschen, indem man den Leuten Egoismus als notwendiges Vernunftpaket verkauft. Wenn dem Konservativen links und rechts egal ist, ist das sein Ding, dem Linken ist es nicht egal, für ihn ist es eine bedeutende Unterscheidung.

Das ist auch keine jüngst gemachte Unterscheidung, sondern hat locker 200 Jahre auf dem Buckel. Stammt auch ursprünglich nicht von den "Amis", sondern von den franzözischen/europäischen Anarchisten.


Es gibt zwischen den wirklich authoritären Systemen wie eben den Absolutismus und den nur als authoritär empfundenen wie der Sozialdemokratie, wo Dinge wie der Mindestlohn von manchen schon als authoritäre Einmischung des Staates angesehen werden, schon einen rein zeitbezogenen Unterschied. Vor 200 Jahren wurden Dinge für progressiv gehalten, die heute entweder konservativ oder glattweg reaktionär sind. Das demokratische Gesellschaftsmodell mag man 1933 noch zur Debatte gestellt haben, heute ist das in der westlichen Welt grösstenteils kein Thema mehr. Deswegen wird in der Diskussion um den authoritären Staat auch nicht mehr das System oder die Demokratie angegriffen, sondern die Rolle des Staates generell zur Disposition gestellt.

Es wird dabei gerne so getan, als ob das nichts mehr mit links oder rechts zu tun hat. Gleichzeitig wird jegliches staatliches Agieren aber als Kollektivismus - also als links - verdammt. Für mich klarer Fall von Verwirrungsstiftung.
Woppadaq
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Re: Die Krise der Konservativen in Deutschland

Beitragvon Woppadaq » Di 26. Dez 2017, 16:00

Sextus Ironicus hat geschrieben:(26 Dec 2017, 10:04)
3. Die frühen Grünen und Vernunft? Auch wenn ich zu deren Anfängen eher noch grasgrün hinter den Ohren war: Aber Vernunft war nun die Stärke der ehemaligen K-Gruppenleute, der Spontis, der Radikalökos von rechts und links, der Indianerkommunen und unzähliger Spinner ganz bestimmt nicht. Und mit den Grünen hat sich die Moralisierung aller Politik erfolgreich institutionalisiert - das war immer auch die Klammer zwischen den unterschiedlichen Fraktionen. Der Pragmatismus ist noch immer in der Minderheit, Kretschmann ist allein wegen seiner Wirkung gelitten und Palmer kann man nicht rausschmeißen, weil er eben auch in Amt und Würden ist. Vielleicht wird das mit einer neuen Generation besser.


Verzeihung, aber ich habe nicht gesagt, dass die Grünen vernünftig waren oder sind, sondern dass sie sich aus einem vernunftbezogenen Akt heraus gegründet haben. Deswegen können sie sich relativ viele Sperenzien erlauben, schliesslich wissen sie die Moral immer auf ihrer Seite. Ich sehe deshalb die ganzen Moralverdammungen der Grünen-Gegner mit einer gewissen Amüsiertheit, denn damit offenbahren sie nur, wie sehr sie selbst moralisch ins Hintertreffen geraten sind, und von dieser Sichtweise profitieren die Grünen am meisten.

Wirklich gefährlich wird es für die Grünen doch nur, wenn man ihr Sujet akzeptiert, aber gleichzeitig nachweist, dass man mit vernünftigen, realistischen Vorgehen weit mehr erreicht als die grünen Regierungen erreichen können. Ohne konservative Verdammung der grünen Moralität hätten die Grünen wahrscheinlich zu dieser BT-Wahl mit der 5%-Hürde zu kämpfen gehabt.

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