Misanthropie

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Re: Misanthropie

Beitragvon MäckIntaier » Sa 13. Okt 2018, 19:39

schokoschendrezki hat geschrieben:(18 Sep 2018, 09:28)

Richtig. Der "Waldgänger" ist kein Misanthrop sondern ein Mensch, der sich "gedanklich unabhängig hält von der umgebenden Gesellschaft und zum Widerstand fähig ist, falls der jeweilige Staat ein verbrecherischer ist oder wird" (wikipedia zum "Waldgänger" von Ernst Jünger).


Auch richtig. Der Jüngersche Waldgänger, Erzplatoniker wie sein Schöpfer, stemmt sich heroisch gegen Misanthropie und Nihilismus. Dabei wäre sicher einmal zu untersuchen, inwieweit diejenigen, die - durchaus argumentativ - gegen Misanthropie und Nihilismus zu Felde ziehen, die wirklich Verzweifelten sind, weil sie beide weitgehend durchdacht haben. Auch Nietzsche, immer ein Gewährsmann Jüngers, ist nicht ganz zu Unrecht in den Verdacht geraten, dass sein Heroismus nichts als das Pfeifen im Walde ist. Der bessere Marcuse, also Ludwig Marcuse, sprach einmal von der "Theatralik der Theodizee". Für Jünger und Nietzsche könnte man, der Unterschiede in Bezug auf Gott ungeachtet, diesen Begriff durchaus anwenden. Bei aller Grundsympathie enthält Jüngers Waldgänger trotz aller brillanter Analysen des politschen Geschäfts für den Misanthropen neben dem Optimismus auch den entscheidenden Tick zu viel an Partisanentum.
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Re: Misanthropie

Beitragvon ThorsHamar » Sa 13. Okt 2018, 19:56

Liegestuhl hat geschrieben:(10 Sep 2018, 13:32)

Doch. Ist dir schon einmal aufgefallen, wie positiv das Wort "Menschlichkeit" konnotiert ist?


Hi Liege, long time no see .... Der imho bemerkenswerteste Beitrag und trotzdem keine Resonanz ....ist wahrscheinlich sozio-politisch viel zu brisant. :cool:
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Re: Misanthropie

Beitragvon MäckIntaier » Sa 13. Okt 2018, 22:22

ThorsHamar hat geschrieben:(13 Oct 2018, 20:56)

Hi Liege, long time no see .... Der imho bemerkenswerteste Beitrag und trotzdem keine Resonanz ....ist wahrscheinlich sozio-politisch viel zu brisant. :cool:


Welche "Brisanz" sehen Sie da? Menschlichkeit meint immer ein konkretes Verhalten. Der Misanthrop wird das Kind, das am Brunnenrand sitzt und in seiner unbedarften Ahnungslosigkeit in die Tiefe starrt, nicht im Vorbeigehen in diese Tiefe stoßen. Eine erfahrungsgestützte Gegenfrage könnte lauten: Ist schon jemandem einmal aufgefallen, wie abstrakt der ebenfalls positiv konnotierte Begriff der "Menschenliebe" in aller Regel ist? Wie viel Gewalt und Totschlag sich mit ihm verbindet?
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Re: Misanthropie

Beitragvon ThorsHamar » Sa 13. Okt 2018, 23:02

MäckIntaier hat geschrieben:(13 Oct 2018, 23:22)

Welche "Brisanz" sehen Sie da? Menschlichkeit meint immer ein konkretes Verhalten.


Im Ernst? Menschlichkeit ist doch eher ein Allgemeinplatz und meint Empathie, Barmherzigkeit und Güte.
Das "Konkrete" ist dann die Beurteilung eines Einzelnen nach dieser Vorgabe.

Das ist doch auch Das, was Liegestuhl meinte: Der Terminus "Menschlichkeit" wird praktisch vom Menschsein befreit, in dem nur Empathie und Co. übrig bleiben ...
Die sozio-politische Brisanz besteht darin, dass die Definition von Menschlichkeit, also die Zutaten für das "Rezept" "Menschsein", eben kulturabhängig ist.


Der Misanthrop wird das Kind, das am Brunnenrand sitzt und in seiner unbedarften Ahnungslosigkeit in die Tiefe starrt, nicht im Vorbeigehen in diese Tiefe stoßen.


Richtig, impliziert Misantropie doch keinen Handlungszwang.

Eine erfahrungsgestützte Gegenfrage könnte lauten: Ist schon jemandem einmal aufgefallen, wie abstrakt der ebenfalls positiv konnotierte Begriff der "Menschenliebe" in aller Regel ist? Wie viel Gewalt und Totschlag sich mit ihm verbindet?


Nee, diese "Gegenfrage" finde ich unpassend, weil sinnlos. Wo, meinst Du, ist denn Menschenliebe mit Gewalt und Totschlag verbunden?

Menschlichkeit nicht konkret definiert, impliziert alles Menschliche und somit auch Mord und Totschlag. Aber Menschenliebe ist doch konkret Liebe.
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Re: Misanthropie

Beitragvon Bielefeld09 » Sa 13. Okt 2018, 23:35

Es ist schon gut,
Wer will euer Schicksal teilen.
Sorry Mods, es ist nie persönlich gemeint. Ihr habt immer recht. Sorry :( :p
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Re: Misanthropie

Beitragvon MäckIntaier » So 14. Okt 2018, 20:48

[quote="ThorsHamar"](14 Oct 2018, 00:02)

Nee, diese "Gegenfrage" finde ich unpassend, weil sinnlos. Wo, meinst Du, ist denn Menschenliebe mit Gewalt und Totschlag verbunden?

Menschlichkeit nicht konkret definiert, impliziert alles Menschliche und somit auch Mord und Totschlag. Aber Menschenliebe ist doch konkret Liebe.[/quote

Menschlichkeit wird als Begriff in der Regel in seiner Bedeutung als (positive) "menschliche Haltung und Gesinnung" verwendet. Menschenliebe dagegen ist ein Abstraktum, dessen sich der Priester, der seine Schäfchen liebt, ebenso und ganz direkt bedient wie jede Heilslehre, sei sie religiös oder säkular grundiert, sie sich auf die Fahne schreibt. Wie sollte derjenige, der die Menschen verbessern möchte, das als Misanthrop und nicht als Philanthrop tun? Und die Methoden der Verbesserung bleiben oft genug nicht gewaltfrei. Es scheint mir schon dabei zu bleiben, was ich oben schrieb: Wer die Menschheit möglichst meidet, wird sich an ihr auch nicht aktiv vergehen.
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Re: Misanthropie

Beitragvon ThorsHamar » Mo 15. Okt 2018, 01:15

MäckIntaier hat geschrieben:(14 Oct 2018, 21:48)




Menschlichkeit wird als Begriff in der Regel in seiner Bedeutung als (positive) "menschliche Haltung und Gesinnung" verwendet.

Eben!

Menschenliebe dagegen ist ein Abstraktum, dessen sich der Priester, der seine Schäfchen liebt, ebenso und ganz direkt bedient wie jede Heilslehre, sei sie religiös oder säkular grundiert, sie sich auf die Fahne schreibt.


Menschenliebe ist doch kein Synonym für sexuelle Begehrlichkeiten ...

Wie sollte derjenige, der die Menschen verbessern möchte, das als Misanthrop und nicht als Philanthrop tun? Und die Methoden der Verbesserung bleiben oft genug nicht gewaltfrei. Es scheint mir schon dabei zu bleiben, was ich oben schrieb: Wer die Menschheit möglichst meidet, wird sich an ihr auch nicht aktiv vergehen.


Hm.... ich meine, dass Jeder, der Menschen überhaupt und irgendwie "verbessern" möchte, schon per se Misanthrop ist. :cool:
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Re: Misanthropie

Beitragvon MäckIntaier » Mo 15. Okt 2018, 06:43

ThorsHamar hat geschrieben:(15 Oct 2018, 02:15)


Hm.... ich meine, dass Jeder, der Menschen überhaupt und irgendwie "verbessern" möchte, schon per se Misanthrop ist. :cool:


Das wäre ein verheirateter Junggeselle.
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Re: Misanthropie

Beitragvon ThorsHamar » Mo 15. Okt 2018, 10:15

MäckIntaier hat geschrieben:(15 Oct 2018, 07:43)

Das wäre ein verheirateter Junggeselle.


;) Das ist dann, zusätzlich zur Misanthropie, ein Opfer eines bürokratischen Aktes, mehr oder weniger freiwillig vor den Altar/Beamtentisch gezerrt oder gezogen .... gruselig. Und wenn dann noch die Gattin grundsätzlich, also auch quasi punktuelll misanthrohisch, an Veränderung des Ehegesponstes interessiert ist, ist das Ehegattensplitting per Axt durchaus in Sichtweite ....
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Re: Misanthropie

Beitragvon Fliege » Mo 15. Okt 2018, 16:45

MäckIntaier hat geschrieben:(10 Sep 2018, 08:12)
Vom französischen Schriftsteller Chamfort stammt der Gedanke, wonach derjenige, der mit 40 nicht Misanthrop sei, die Menschen nie geliebt habe.
Das scheint überraschend: Menschenflucht aus enttäuschter Menschenliebe. Enttäuscht worüber? Und warum stehen Misanthropen in einem so zweifelhaften Ruf, obwohl sie einige herausragende Geister hervorgebracht haben? Was kritisieren sie eigentlich?

Spätere Misanthropen haben Gutmenschen kennengelernt, darum werden sie zu Misanthropen, die Gutmenschen hassen und meiden. Der Misanthrop möchte das sogenannte "Gute" im Menschen (also das, was Gutmenschen für das Gute im Menschen halten) nicht befördern, vielmehr widert ihn das sogenannte "Gute" im Menschen an.
Schnittblumen verhalten sich zahm, sind aber nicht immer stubenrein; gelten "als politisch ungefestigt und unklar".
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Re: Misanthropie

Beitragvon MäckIntaier » Mo 15. Okt 2018, 18:48

Fliege hat geschrieben:(15 Oct 2018, 17:45)

Spätere Misanthropen haben Gutmenschen kennengelernt, darum werden sie zu Misanthropen, die Gutmenschen hassen und meiden. Der Misanthrop möchte das sogenannte "Gute" im Menschen (also das, was Gutmenschen für das Gute im Menschen halten) nicht befördern, vielmehr widert ihn das sogenannte "Gute" im Menschen an.


Leider ist ja bisher noch nicht geklärt, was für die Misanthropie am Ende tatsächlich den Ausschlag gibt Das hier aufgeführte "Gute" im Menschen, das wohl eher auf dessen naive Grundlage hinweisen soll, wäre für manchen vielleicht ein Grund. Nimmt man dagegen Montaigne, der bekanntlich sagt, wer sich selbst kenne, kenne alle Menschen, ergäbe das wieder ein ganz anderes Bild.

So ein gewisses Unbehagen am Thema ist schon spürbar. Wie stünde man da, wenn jetzt Montaigne recht hat? Wer würde sich dann zur Misanthropie bekennen?
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Re: Misanthropie

Beitragvon Fliege » Mo 15. Okt 2018, 21:11

MäckIntaier hat geschrieben:(15 Oct 2018, 19:48)
Leider ist ja bisher noch nicht geklärt, was für die Misanthropie am Ende tatsächlich den Ausschlag gibt. Das hier aufgeführte "Gute" im Menschen, das wohl eher auf dessen naive Grundlage hinweisen soll, wäre für manchen vielleicht ein Grund. Nimmt man dagegen Montaigne, der bekanntlich sagt, wer sich selbst kenne, kenne alle Menschen, ergäbe das wieder ein ganz anderes Bild.

So ein gewisses Unbehagen am Thema ist schon spürbar. Wie stünde man da, wenn jetzt Montaigne recht hat? Wer würde sich dann zur Misanthropie bekennen?

Der Misanthrop verachtet den Gutmenschen. Daraus macht der Gutmensch das falsche Narrativ, der Misanthrop verachte den Menschen. Dieses falsche Narrativ entsteht, weil der Gutmensch meint, ein Mensch sei überhaupt nur Mensch, insofern er Gutmensch sei, andernfalls handele es sich um einen Unmenschen. Vor diese falsche Wahl gestellt sagt nun der Misanthrop: Lieber bin ich Unmensch als Gutmensch.

Dazu Montaigne: "Jeder Mensch trägt die ganze Gestalt des Menschseins in sich" (zitiert nach Wirtschaftswoche online, Lest Philosophen statt Managementratgeber, 24. Dezember 2017). Und ausführlicher: "Unser Leben ist wie die Harmonie der Welt aus Gegensätzen zusammengefügt, aus ungleichen Tönen: weichen und harten, hellen und dunklen, sanften und strengen. Ein Musiker, der nur die einen liebte – was hätte der uns schon zu sagen? Er muß sie vielmehr gemeinsam zu benutzen und recht zu mischen wissen: wie wir das Gute und das Böse, die beide unserem Leben wesenseigen sind" (zitiert nach Joachim Kahl, Michel de Montaignes Beitrag zu einer Philosophie der Lebenskunst; Aufklärung und Kritik, Heft 2, 2001, S. 15).
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Re: Misanthropie

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 15. Okt 2018, 21:28

Fliege hat geschrieben:(15 Oct 2018, 22:11)

Der Misanthrop verachtet den Gutmenschen.

Nach meinem Verständnis von Misanthropie können Misanthropen eine konkrete Gruppe von Menschen nicht verachten. Weil das irgendwo impliziert, dass sie das Komplement dieser Gruppe achten oder sogar lieben. Und sich womöglich selbst zu dieser Gruppe zählen. Das passt auf alles mögliche ... aber nicht auf "Misanthropie".


Mal ganz davon abgesehen, dass der Begriff "Gutmensch" eine typische Fremdzuschreibung ist. Ganz im Gegensatz zu Misanthrop/Philantrop, bei denen Fremd- und Selbstzuschreibung eher übereinstimmt.
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Re: Misanthropie

Beitragvon Fliege » Mo 15. Okt 2018, 21:53

schokoschendrezki hat geschrieben:(15 Oct 2018, 22:28)
Mal ganz davon abgesehen, dass der Begriff "Gutmensch" eine typische Fremdzuschreibung ist. Ganz im Gegensatz zu Misanthrop/Philantrop, bei denen Fremd- und Selbstzuschreibung eher übereinstimmt.

Ein Philanthrop ist genau durch das charakterisiert, was einen Gutmenschen ausmacht (egal, ob Eigen- oder Fremdzuschreibung).
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Re: Misanthropie

Beitragvon Senexx » Di 16. Okt 2018, 05:10

Fliege hat geschrieben:(15 Oct 2018, 22:53)

Ein Philanthrop ist genau durch das charakterisiert, was einen Gutmenschen ausmacht (egal, ob Eigen- oder Fremdzuschreibung).



Das sind zwei ganz verschiedene Dimensionen: Ein Philanthrop ist ein Wohltäter, ein Gutmensch ist ein "Gutwoller", der ohne Rücksicht auf Verluste, und ohne das "respice finem", seine Vorstellungen vom moralisch Richtigem durchsetzt.

"Gutmenschentum" ist moralisch verwerfliche gesinnungsethische Brutalität.
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Re: Misanthropie

Beitragvon Selina » Di 16. Okt 2018, 09:34

schokoschendrezki hat geschrieben:(15 Oct 2018, 22:28)

Nach meinem Verständnis von Misanthropie können Misanthropen eine konkrete Gruppe von Menschen nicht verachten. Weil das irgendwo impliziert, dass sie das Komplement dieser Gruppe achten oder sogar lieben. Und sich womöglich selbst zu dieser Gruppe zählen. Das passt auf alles mögliche ... aber nicht auf "Misanthropie".


Mal ganz davon abgesehen, dass der Begriff "Gutmensch" eine typische Fremdzuschreibung ist. Ganz im Gegensatz zu Misanthrop/Philantrop, bei denen Fremd- und Selbstzuschreibung eher übereinstimmt.


Genau. Der Begriff "Gutmensch" wird in erster Linie durch die Neue Rechte (von gemäßigt bis extrem) zur Verunglimpfung des politischen Gegners verwendet und manchmal auch von anderen Leuten gedankenlos nachgeplappert. Daher wurde das Wort zurecht auch zum Unwort des Jahres 2015 erkoren.

Zitat:

Durch die fünfköpfige Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres in Deutschland erhielt das Wort 2011 den zweiten und 2015 den ersten Platz als Unwort des Jahres.[32] Dies begründete die Jury 2011 folgendermaßen:

„Mit dem Ausdruck Gutmensch wird insbesondere in Internet-Foren das ethische Ideal des ‚guten Menschen‘ in hämischer Weise aufgegriffen, um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren. Ähnlich wie der meist ebenfalls in diffamierender Absicht gebrauchte Ausdruck Wutbürger widerspricht der abwertend verwendete Ausdruck Gutmensch Grundprinzipien der Demokratie, zu denen die notwendige Orientierung politischen Handelns an ethischen Prinzipien und das Ideal der Aushandlung gemeinsamer gesellschaftlicher Wertorientierungen in rationaler Diskussion gehören. Der Ausdruck wird zwar schon seit 20 Jahren in der hier gerügten Weise benutzt. Im Jahr 2011 ist er aber in unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Kontexten einflussreich geworden und hat somit sein Diffamierungspotential als „Kampfbegriff gegen Andersdenkende“ verstärkt entfaltet.“[33]

Im Jahr 2015 lautete die Begründung, dass im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsthema insbesondere auch diejenigen beschimpft würden, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe oder gegen flüchtlingsfeindliche Angriffe in der Bundesrepublik Deutschland einsetzen.[34][35] Die Wahl war beeinflusst durch das Flüchtlingsthema 2015.[36] „Gutmensch“ wurde gewählt, weil der Begriff Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd diffamiere.[37] Die Kritik richte sich nicht nur gegen Rechtspopulisten, sondern auch gegen Journalisten auch von Leitmedien, die das Wort „Gutmensch“ gebrauchen würden.
[38]

https://de.wikipedia.org/wiki/Gutmensch
Drüben im Walde kängt ein Guruh - Warte nur balde kängurst auch du. Joachim Ringelnatz
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Re: Misanthropie

Beitragvon schokoschendrezki » Di 16. Okt 2018, 19:47

Fliege hat geschrieben:(15 Oct 2018, 22:53)

Ein Philanthrop ist genau durch das charakterisiert, was einen Gutmenschen ausmacht (egal, ob Eigen- oder Fremdzuschreibung).

Nein. Nochmal: "Gutmensch" ist einfach ein Baukasten-Begriff, der etwas Anspruchsvolles wie "Polemik" auch für geistig sehr einfach gestrickte Zeitgenossen zugänglich macht oder zu machen scheint. Ähnlich (siehe Selinas Beitrag) wie "Wutbürger".

Ein Misanthrop dagegen begehrt nicht dagegen auf, so bezeichnet zu werden, Er weiß es und akzeptiert es sogar.

Philosophisch viel viel interessanter ist der im Eingangsbeitrag zitierte Ausspruch, " wonach derjenige, der mit 40 nicht Misanthrop sei, die Menschen nie geliebt habe." Es scheint erst mal paradox: Aber Misanthropie und Menschenzugewandtheit schließen sich nicht nur nicht aus, sondern bedingen sich womöglich sogar gegenseitig.
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Re: Misanthropie

Beitragvon Fliege » Di 16. Okt 2018, 23:33

schokoschendrezki hat geschrieben:(16 Oct 2018, 20:47)
Nein. Nochmal: "Gutmensch" ist einfach ein Baukasten-Begriff, der etwas Anspruchsvolles wie "Polemik" auch für geistig sehr einfach gestrickte Zeitgenossen zugänglich macht oder zu machen scheint.

Philanthropen glauben als Gutmenschen an das Gute im Menschen. Wie lächerlich ein Glaube an das Gute im Menschen ist, möchte ich nicht näher erläutern. Inwiefern "Gutmensch" ein Baukasten-Begriff sein soll, ist mir schleierhaft.
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Re: Misanthropie

Beitragvon aleph » Mi 17. Okt 2018, 05:02

Senexx hat geschrieben:(16 Oct 2018, 06:10)

Das sind zwei ganz verschiedene Dimensionen: Ein Philanthrop ist ein Wohltäter, ein Gutmensch ist ein "Gutwoller", der ohne Rücksicht auf Verluste, und ohne das "respice finem", seine Vorstellungen vom moralisch Richtigem durchsetzt.

"Gutmenschentum" ist moralisch verwerfliche gesinnungsethische Brutalität.

ja, dann bin ich wohl kein gutmensch, obwohl einige meiner beiträge durchaus so verstanden werden können, dass ich einer sei und ich auch gar nichts dagegen habe, so bezeichnet zu werden.
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Re: Misanthropie

Beitragvon MäckIntaier » Mi 17. Okt 2018, 07:09

schokoschendrezki hat geschrieben:(16 Oct 2018, 20:47)
Philosophisch viel viel interessanter ist der im Eingangsbeitrag zitierte Ausspruch, " wonach derjenige, der mit 40 nicht Misanthrop sei, die Menschen nie geliebt habe." Es scheint erst mal paradox: Aber Misanthropie und Menschenzugewandtheit schließen sich nicht nur nicht aus, sondern bedingen sich womöglich sogar gegenseitig.



Es scheint nur paradox: Jemand hat, etwas pathetisch ausgedrückt, die Menschheit geprüft, und sie hat diese Prüfung nicht bestanden, und aus diesem Grund wird aus einem menschenzugewandten Dasein ein menschenmeidendes Dasein. Die Prüfung muss dabei theoretisch nicht einmal allzu drastisch Negatives feststellen, es genügt manchem vielleicht zu konstatieren, in welch großem Umfang die Menschen als solche in der Summe ihre Möglichkeiten verfehlen. Dieses Verfehlen der Möglichkeiten ist allgegenwärtig, Ignoranz, Bösartigkeit, Würde- und Taktlosigkeit im alltäglichen Umgang dazugerechnet, schon streckt man abwehrend die Hände aus gegen jedes Mehr, stellt sich vor die Bücherwand, zieht einen Band heraus und bleibt unauffindbar. Es mag auch eine Prädisposition für den Genuss der Menschenleere geben, und bei manchen dauert es, bis es ihnen selbst auffällt, woher dieses Unbehagen an den plötzlich als die Vielzuvielen empfundenen Anderen kommt. Der tonnenschwere Band "Die Farben der Erde" enthält, so viel ich sehe, auf seinen vielen Seiten nur einen einzigen Menschen, sonst nur Landschaft. Mit Menschen bestückt wären dieses Buchmonster nur halb so genussreich, Menschen würden die Ästhetik und Schönheit der Landschaft aufheben.

Inwieweit sich Misanthropie und Menschenzugewandtheit bedingen? Nun ja, ohne andere bräuchte man nicht misanthropisch werden. Manchmal geht es auch nur darum, nicht immer über den Menschen nachzudenken und sich ständig Verbesserungsprogramme auszudenken, sondern ihn sein zu lassen, wie er ist. Dann braucht man sich ihm gar nicht zuzuwenden und hat Zeit, auch mal was Sinnvolles zu tun oder sinnvoll einfach nichts zu tun.
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