Heidegger: 30 Jahre Faschismusvorwurf und kein gutes Ende

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Re: Heidegger: 30 Jahre Faschismusvorwurf und kein gutes Ende

Beitragvon watisdatdenn? » Di 3. Jul 2018, 11:55

Alexyessin hat geschrieben:(03 Jul 2018, 12:03)
Im Zeitalter des Nationalismus haben sich einige Philosophen versucht mittels komplexer Gedankengänge die völkischen Denkweisen zu bestätigen. Und somit den klassischen Fehler der Philosophie begangen, das Denken hin zum Ziel und nicht das Denken als solches zu erklären. ( Siehe auch Aquin oder Karl Marx ).

Tja. Ist halt ein Fehler.

es gab ja sogar eine "Deutsche Physik".
Nur gut, dass man nach dem zweiten Weltkrieg nur die "deutsche physik" ad acta gelegt hat und nicht die Physik als gesammtes!

So würde ich das auch mit Heidegger sehen... Oder mit Autobahnen :D (BAM!! Voll ins Tabu geknallt!!)
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Re: Heidegger: 30 Jahre Faschismusvorwurf und kein gutes Ende

Beitragvon Alexyessin » Di 3. Jul 2018, 12:00

watisdatdenn? hat geschrieben:(03 Jul 2018, 12:04)

Wenn man etwas abstrahiert nicht zwischen klo und dusche erklären kann, kann man es nicht gut erklären.

Ich kann ja auch meiner Tochter die Relativitätstheorie zwischen Klo und Dusche mit wenigen Worten erklären, ohne gleich Christoffelsymbole einbringen zu müssen, die für die mathematische Beschreibung zwingend gebraucht werden (wenn man nicht alles in Matritzen schreiben will..).


Naturwissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich viel leichter erklären ( sofern Basiswissen und Intelligenz vorhanden sind ) als Denkmuster der philosophischen Art.
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Re: Heidegger: 30 Jahre Faschismusvorwurf und kein gutes Ende

Beitragvon watisdatdenn? » Di 3. Jul 2018, 12:06

Alexyessin hat geschrieben:(03 Jul 2018, 13:00)
Naturwissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich viel leichter erklären ( sofern Basiswissen und Intelligenz vorhanden sind ) als Denkmuster der philosophischen Art.

für mich sind Mathematik, Physik, etc.. Teilbereiche der Philosophie.

Wenn diese Teilbereiche so leicht begreifbar sind (sind sie ab einer gewissen Tiefe teilweise auch nicht mehr), warum sollten es die anderen nicht sein?
Ich glaube man kann alles mit einfachen Worten erklären. Man muss halt abstrahieren, wenn es zu komplex wird. Dabei geht natürlich Information verloren, aber der Grundgedanke bleibt.
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Re: Heidegger: 30 Jahre Faschismusvorwurf und kein gutes Ende

Beitragvon Alexyessin » Di 3. Jul 2018, 12:14

watisdatdenn? hat geschrieben:(03 Jul 2018, 12:16)

für mich als hardcore Materialisten (alles "transzendente" basiert auf atomaren/chemischen prozessen), stellt sich die Sinnfrage natürlich nur im menschlichen Kontext.


Mit dieser Überheblichkeit des eigenen Seins bist du wohl bei Heidegger richitg ;)
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Re: Heidegger: 30 Jahre Faschismusvorwurf und kein gutes Ende

Beitragvon Alexyessin » Di 3. Jul 2018, 12:18

watisdatdenn? hat geschrieben:(03 Jul 2018, 13:06)

für mich sind Mathematik, Physik, etc.. Teilbereiche der Philosophie.

Wenn diese Teilbereiche so leicht begreifbar sind (sind sie ab einer gewissen Tiefe teilweise auch nicht mehr), warum sollten es die anderen nicht sein?
Ich glaube man kann alles mit einfachen Worten erklären. Man muss halt abstrahieren, wenn es zu komplex wird. Dabei geht natürlich Information verloren, aber der Grundgedanke bleibt.


Ein Gedankengebäude eines Heideggers kannst du nicht abstrahieren und in einfache Wörter verpacken - übrigens etwas an dem die Philosophie schon seit Platon leidet ( wenn nicht sogar früher, aber es fehlen diesbezüglich die Erkenntnisse ).
Und mit Verlaub, du läufst gerade in die klassische Falle - Für DICH ( Subjekt ) stellen die Naturwissenschaften nur einen Teilbereich der Philosophie dar und daher kommst du auf den Gedanken, das sich alles leicht erklärbar machen muss. Ist für Philophie der falsche Ansatz.
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Re: Heidegger: 30 Jahre Faschismusvorwurf und kein gutes Ende

Beitragvon Alexyessin » Di 3. Jul 2018, 12:19

watisdatdenn? hat geschrieben:(03 Jul 2018, 12:55)

Tja. Ist halt ein Fehler.

es gab ja sogar eine "Deutsche Physik".
Nur gut, dass man nach dem zweiten Weltkrieg nur die "deutsche physik" ad acta gelegt hat und nicht die Physik als gesammtes!


Naturwissenschaft kennt keine Nationalitäten ;)
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Re: Heidegger: 30 Jahre Faschismusvorwurf und kein gutes Ende

Beitragvon watisdatdenn? » Di 3. Jul 2018, 19:08

Alexyessin hat geschrieben:(03 Jul 2018, 13:18)
Und mit Verlaub, du läufst gerade in die klassische Falle - Für DICH ( Subjekt ) stellen die Naturwissenschaften nur einen Teilbereich der Philosophie dar und daher kommst du auf den Gedanken, das sich alles leicht erklärbar machen muss. Ist für Philophie der falsche Ansatz.

Ok das ist möglich. Ich bin defintiv (wenn überhaupt) Laie was Philosophie angeht.

Ich dachte aber schon, dass Logik eine grosse Rolle in der Philosophie spielt.

Und logische Zusammenhänge lassen sich meist sehr kompakt darstellen.
In der Informatik hat man ja auch logikgatter (And, Or, Xor usw...) und diese kann man enorm kompakt darstellen.

Kann man philosophische Konzepte nicht prinzipiell in "Wenn, dann" Beziehungen setzen?

Also z.b.: "Wenn ich nur die Schatten an der Höhle sehen kann, dann kann ich daraus nicht das komplette Umfeld ableiten.
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Re: Heidegger: 30 Jahre Faschismusvorwurf und kein gutes Ende

Beitragvon Alexyessin » Mi 4. Jul 2018, 08:17

watisdatdenn? hat geschrieben:(03 Jul 2018, 20:08)

Ok das ist möglich. Ich bin defintiv (wenn überhaupt) Laie was Philosophie angeht.

Ich dachte aber schon, dass Logik eine grosse Rolle in der Philosophie spielt.

Und logische Zusammenhänge lassen sich meist sehr kompakt darstellen.
In der Informatik hat man ja auch logikgatter (And, Or, Xor usw...) und diese kann man enorm kompakt darstellen.

Kann man philosophische Konzepte nicht prinzipiell in "Wenn, dann" Beziehungen setzen?

Also z.b.: "Wenn ich nur die Schatten an der Höhle sehen kann, dann kann ich daraus nicht das komplette Umfeld ableiten.


Okay, da machst du ein weites Feld auf. Die erste Hürde Philosophie hast aber schon genommen. Fragen stellen.
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Re: Heidegger: 30 Jahre Faschismusvorwurf und kein gutes Ende

Beitragvon watisdatdenn? » Mi 4. Jul 2018, 08:59

Alexyessin hat geschrieben:(04 Jul 2018, 09:17)
Okay, da machst du ein weites Feld auf. Die erste Hürde Philosophie hast aber schon genommen. Fragen stellen.

Wir gehen mal einen heben und vertiefen das Gespräch :thumbup:
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Re: Heidegger: 30 Jahre Faschismusvorwurf und kein gutes Ende

Beitragvon Alexyessin » Mi 4. Jul 2018, 09:03

watisdatdenn? hat geschrieben:(04 Jul 2018, 09:59)

Wir gehen mal einen heben und vertiefen das Gespräch :thumbup:


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Re: Heidegger: 30 Jahre Faschismusvorwurf und kein gutes Ende

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 9. Jul 2018, 07:39

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(02 Jul 2018, 21:08)

Kennen Sie das? Sie benutzen die Bürste, doch der lang ungeputzte Schmutzrand sitzt so fest, es hilft alles nichts. Es ist nicht Ihre Schuld. Das Vereinsheim, der Jugendclub oder die Schuitoilettn ist nicht durch Ihre Einwirkung in diesen jämmerlichen Zustand versetzt, wie sie sich nun präsentieren. So ähnlich ist es auch mit Martin Heidegger. Dass der den Nationalsozialismus mehr oder weniger begeistert affirmierte, ist seine eigene Leistung und seit den 1990er Jahren unbestritten. Wollten Schüler, Apologeten und Adepten die Kritik lange Zeit als "Biographismus" wegwischen, hat sich jedoch schon 1988 aus der linksradikalen Ecke eine inhaltlich am Hauptwerk orientierte Heidegger-Kritik nachlesen lassen, wie auch immer man zu ihr stehe.

So heißt es in der den "Roten Zellen" nahestehenden MSZ 3-1988



So weit, so lange her. Es verwundert, dass in hippen Philosophenheften, wie man sie am Bahnhofskiosk gleich hinter dem Sexhefte-Regal neben "Compact" und "Esoterik Aktuell" kaufen kann, dieser tote Hund heute noch eine Rolle spielen kann. Hintergrund sind die sogenannten "Schwarzen Hefte". Die seit 2014 serienweise verlegten Denktagebücher Heideggers haben noch einmal unbestreitbar aufgezeigt, wie tief Heidegger in seinem Denken und Wirken in den Nationalsozialismus eingetaucht war. Das Abiturientenmagazin "Hohe Luft" dreht daraus eine veritable Endlosserie, wie sie an Kundenbindungswirkung höchstens die Foto-Love-Story der Bravo in den 90er Jahren erzielen wollte: Unter den Schlagworten "Fall Heidegger" und "Schwarze Hefte" sind seit 2014 insgesamt über 30 Beiträge veröffentlicht worden, darunter eine Streitserie zwischen dem Verleger der Heidegger-Gesamtausgabe und seinen Kritikern, Artikel über die Heidegger-Tagung in - wo wohl, na klar - Siegen, Antworten auf den Artikel zur Heidegger-Tagung, Antworten auf Antworten, steile Thesen wie "Moralische Schuld ist in Heideggers Philosophie nicht möglich" (meint Trawny, der Herausgeber der Schwarzen Hefte), aber auch jede Menge Meta und Meta zum Meta. Heidegger und kein Ende? Wird das dem letztlich doch banalen Gedankenwartehäuschen gerecht, das er da zimmerte?


Der eigentliche Skandal liegt für mich eher in der (meist szientistischen) modernen und hipp gewordenen Herabwürdigung von Philosophie ganz allgemein. Von der natürlich auch einer ihrer letzten jüngeren großen Denker wie eben Heidegger betroffen ist. Dass wir angeblich Philosophie nicht mehr brauchen. Und den "schwarzen Heften" steht die ganz persönliche Beziehung Heideggers zur jüdischen Intellektuellen Hannah Arendt gegenüber. Die, die all dies nicht wissen, leugnen, für nicht relevant halten, sind ohnehin raus aus einer seriösen DIskussion.
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Re: Heidegger: 30 Jahre Faschismusvorwurf und kein gutes Ende

Beitragvon odiug » Mo 9. Jul 2018, 08:03

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 Jul 2018, 08:39)

Der eigentliche Skandal liegt für mich eher in der (meist szientistischen) modernen und hipp gewordenen Herabwürdigung von Philosophie ganz allgemein. Von der natürlich auch einer ihrer letzten jüngeren großen Denker wie eben Heidegger betroffen ist. Dass wir angeblich Philosophie nicht mehr brauchen. Und den "schwarzen Heften" steht die ganz persönliche Beziehung Heideggers zur jüdischen Intellektuellen Hannah Arendt gegenüber. Die, die all dies nicht wissen, leugnen, für nicht relevant halten, sind ohnehin raus aus einer seriösen DIskussion.

Na ja ... also erstens würde ich die Denkfaulheit nicht einem speziellen Zeitgeist zuordnen und Philosophen waren selten Bestseller.
Das ist ein zeitloses Phänomen .
Und die eigentliche Frage ist, ob Heiddegers Denkansätze anfällig für die Ideologie der Nationalsozialisten ist und da ist, neben den schwarzen Heften einiges zu finden in Heiddegers Schriften.
Das gilt so aber für viele Philosophen.
Die Nazis waren Meister im klauen und entfremden von Ideen.
Um diese Frage besser zu beleuchten, sollte man nicht so sehr auf Heidegger und seine Schriften schauen, sondern vielmehr auf die Ideologie der Nazis selbst und da fällt einem sehr schnell auf, es ist kein kohärentes System, sondern oft nur eine wirre Ansammlung von "Ideen", zusammen geklaut wo es sich halt finden lies.
Ändert aber nichts daran, das Heidegger eine Nähe zu den Nazis zeigte und von ihnen profitierte.
Aber auch das ist kein Alleinstellungsmerkmal ... auch da gibt es viele, die sich schuldig machten.
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Re: Heidegger: 30 Jahre Faschismusvorwurf und kein gutes Ende

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Mo 9. Jul 2018, 08:12

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 Jul 2018, 08:39)

Der eigentliche Skandal liegt für mich eher in der (meist szientistischen) modernen und hipp gewordenen Herabwürdigung von Philosophie ganz allgemein. Von der natürlich auch einer ihrer letzten jüngeren großen Denker wie eben Heidegger betroffen ist. Dass wir angeblich Philosophie nicht mehr brauchen.

Das ist ein alternatives Thema, das man ruhig ein wenig ausführen kann - der Thread platzt ja nicht gerade von Beteiligung. Die moderne Philosophie ist keine Protowissenschaft mehr, aus ihr sind harte Wissenschaften, eine wissenschaftlich orientierte statt narrative Geschichtsschreibung, aber auch verschiedene konkrete, wohlabgegrenzte Sozialwissenschaften hervorgegangen, deren jeweiliger Wert ein anderes Thema ist. Philosophie war lange Zeit eine Beschäftigung mit den Dingen, die wir noch nicht so genau wissen können. Sie diente mehr der Ordnung und Orientierung in der Welt. Die Mehrung von echtem Wissen über die Welt bleibt heute weitgehend den konkreten Wissenschaften überlassen, während die Philosophie sich auf Warum- und Wozu-Fragen verengt und ansonsten die zeitgeistige Begleitmusik zur Politik hergibt. Ob "man" das heute braucht, kann kontrovers diskutiert werden. Wäre die Epoche der Deregulierung und der marktgläubigen Hybris, die heute hinter uns liegt, ohne die Einlassungen Sloterdijks kürzer gewesen? Vermutlich kaum. Wäre die Storch-für-Deutschland-Partei ohne das Machwerk "Schelling-Projekt" verhindert worden? Leider wohl eher nicht. Die Tragweite der Philosophie mag groß oder klein, ihr Tun berechtigt oder sinnlos sein - das nimmt den einzelnen Philosophen von konkreter Kritik nicht aus. Um diese Frage geht es aber beim Faschismusvorwurf an Heidegger nicht, da geht es um Faschismus.

Und den "schwarzen Heften" steht die ganz persönliche Beziehung Heideggers zur jüdischen Intellektuellen Hannah Arendt gegenüber. Die, die all dies nicht wissen, leugnen, für nicht relevant halten, sind ohnehin raus aus einer seriösen DIskussion.

Die persönliche Beziehung auch zu Juden tut der Möglichkeit des Faschismus keinen Abbruch, wie wir aus der Geschichte wissen. Das sagt nichts über die Qualität der Vorwürfe. Es wäre schön, wenn es so einfach wäre.
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Re: Heidegger: 30 Jahre Faschismusvorwurf und kein gutes Ende

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 9. Jul 2018, 08:58

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(09 Jul 2018, 09:12)

Das ist ein alternatives Thema, das man ruhig ein wenig ausführen kann - der Thread platzt ja nicht gerade von Beteiligung. Die moderne Philosophie ist keine Protowissenschaft mehr, aus ihr sind harte Wissenschaften, eine wissenschaftlich orientierte statt narrative Geschichtsschreibung, aber auch verschiedene konkrete, wohlabgegrenzte Sozialwissenschaften hervorgegangen, deren jeweiliger Wert ein anderes Thema ist. Philosophie war lange Zeit eine Beschäftigung mit den Dingen, die wir noch nicht so genau wissen können.


Das sehe ich - und sehen vielleicht auch andere - ganz anders. Eher umgekehrt. Philosophie geht wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht voraus, sondern, im Gegenteil, benötigt wissenschaftliche Erkenntnisse als Voraussetzung. Aus verschiedenenen Wissenschaften natürlich und zusammen mit abstrakten gedanklichen Ansätzen. Wir haben in jüngerer Zeit insbesondere mit der modernen Physik, der Genetik usw. einen durch die Naturwissenschaften vermittelten völlig neuen Blick auf die Welt. Und wir haben andererseits einen völlig neuen Blick auf uns selbst als Individuum und auch als soziales und politisches Wesen. Ideale Voraussetzungen eigentlich für die Entstehung von philosophischen Gedankengebäuden wie sie etwa von Heidegger oder Sartre entworfen wurden. Diese werden nur nicht in unserer durchökonomisierten akademischen Welt mit ihren Publikationsrankingzwängen entstehen. Sondern von irgendwo außerhalb. Ganz sicher aber nicht in den Bahnhofskioskillustrierten.
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Re: Heidegger: 30 Jahre Faschismusvorwurf und kein gutes Ende

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Mo 9. Jul 2018, 10:07

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 Jul 2018, 09:58)

Das sehe ich - und sehen vielleicht auch andere - ganz anders. Eher umgekehrt. Philosophie geht wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht voraus, sondern, im Gegenteil, benötigt wissenschaftliche Erkenntnisse als Voraussetzung. Aus verschiedenenen Wissenschaften natürlich und zusammen mit abstrakten gedanklichen Ansätzen. Wir haben in jüngerer Zeit insbesondere mit der modernen Physik, der Genetik usw. einen durch die Naturwissenschaften vermittelten völlig neuen Blick auf die Welt. Und wir haben andererseits einen völlig neuen Blick auf uns selbst als Individuum und auch als soziales und politisches Wesen. Ideale Voraussetzungen eigentlich für die Entstehung von philosophischen Gedankengebäuden wie sie etwa von Heidegger oder Sartre entworfen wurden. Diese werden nur nicht in unserer durchökonomisierten akademischen Welt mit ihren Publikationsrankingzwängen entstehen. Sondern von irgendwo außerhalb. Ganz sicher aber nicht in den Bahnhofskioskillustrierten.

Das ist der berechtigte Hintergrund der Pauschalkritik an "der Philosophie": Brauchen wir (du, ich als Einzelne) diese allgemeinveröffentlichten Weltsichten denn? Die Wissenschaften können uns heute viel darüber sagen, wie die Welt ineinander greift. Was ist die chemische Grundlage des Lebens einer Zelle? Wie vererben sich Gebrechen? Wie entstand unser Planetensystem? Ist der Mond ein abgebrochenes Stück Erde? Das sind keine Fragen mehr an die Philosophen. Das war einmal anders. Hingegen gibt es die Fragen, wie wir uns als Gesellschaft zu dieser erkannten Welt und zueinander verhalten wollen. Das sind Fragen an die Grenzen des Menschen als Naturwesen und als soziales Wesen, die Verhaltensforscher, Soziologen, Biologen nicht befriedigend klären können und im Wesentlichen aus der beobachteten Praxis (Geschichte, Gegenwart) und aus mehr oder minder validen Kleinexperimenten schließen. Philosophie kann hier Anregung für neues Sein, Ethische Erwägungen die Schranke vor der blinden Veränderung zum Fatalen. Jedoch muss diese abstrakte Möglichkeit durch die einzelnen Philosophen auch brauchbar umgesetzt sein, sonst bleibt dieser Wert nur behauptet, eine Leerstelle.
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