Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

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Boraiel
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Re: Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Boraiel » Mi 18. Okt 2017, 22:00

Ein Terraner hat geschrieben:(18 Oct 2017, 22:47)

An Unsinn?

Wodrin erkennst du denn einen Sinn?
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Re: Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Ein Terraner » Mi 18. Okt 2017, 22:18

Boraiel hat geschrieben:(18 Oct 2017, 23:00)

Wodrin erkennst du denn einen Sinn?

Im Leben. :p


Wieso denkst du es hätte Sinn sich immer und immer wieder mit der gleichen Esoterik zu beschäftigen nur weil sie umbenannt wurde?

Frag dich doch mal lieber ob Kant auch versucht hätte Gott über die Existenz von Gut und Böse herzuleiten wenn er vorher Nietzsches Jenseits von Gut und Böse gelesen hätte.
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Boraiel
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Re: Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Boraiel » Mi 18. Okt 2017, 22:47

Ein Terraner hat geschrieben:(18 Oct 2017, 23:18)

Im Leben. :p


Wieso denkst du es hätte Sinn sich immer und immer wieder mit der gleichen Esoterik zu beschäftigen nur weil sie umbenannt wurde?

Frag dich doch mal lieber ob Kant auch versucht hätte Gott über die Existenz von Gut und Böse herzuleiten wenn er vorher Nietzsches Jenseits von Gut und Böse gelesen hätte.

Ich kenne beides nicht, aber die Antwort ist wahrscheinlich Ja.
Es ist schön, wenn du im Leben einen Sinn siehst. Für meine Begriffe ist aber ein Teil von dir recht unglücklich, es ist die Grundhaltung, die hinter Wörter wie Esoterik hier deutlich wird. Es ist eine negative und das muss nicht sein. Wenn du offenen Herzens Gott in dein Leben lässt, dann wird diese Negativität verschwinden und in vielen Bereichen wird dir Positives geschehen. ;)











P.S.: Ich hätte Pastor werden sollen. :D
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Re: Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Ein Terraner » Do 19. Okt 2017, 08:31

Boraiel hat geschrieben:(18 Oct 2017, 23:47)

Wenn du offenen Herzens Gott in dein Leben lässt, dann wird diese Negativität verschwinden und in vielen Bereichen wird dir Positives geschehen. ;)


Wies sollte jemand das machen wenn es doch nur Nachteile mit sich bringt?


Und welchen Gott überhaupt, irgend einen Esoterischen, irgend was Hinduistisches oder Buddhistisches, was Ägyptisches, einen der Asen oder doch nur das Arschloch aus der Bibel ? Da gibt es eine große Auswahl.
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Re: Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Progressiver » Fr 20. Okt 2017, 20:51

Boraiel hat geschrieben:(18 Oct 2017, 22:14)

Hast du dir hier Religion und Theologie jeweils richtig eingesetzt?


Sorry, das war ein Schreibfehler meinerseits. Diese These lautet richtig:

Religion und Philosophie haben nichts miteinander zu tun. Hier gehören dann auch die Aussagen des Neopositivismus hinzu: Die Aussagen der Religion sind nicht falsch, aber wissenschaftlich sinnlos.
"Skepsis ist der erste Schritt auf dem Weg zur Philosophie." (Denis Diderot)
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Re: Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Boraiel » Fr 20. Okt 2017, 21:56

Progressiver hat geschrieben:(17 Oct 2017, 23:10)

Popper war der Begründer des Kritischen Rationalismus. Aus diesem entsprang die Wissenschaftslehre. Aber in gewisser Hinsicht ist das alles auch nur eine Spielart der Philosophie.

Man sollte zudem folgendes bedenken: Die Philosophie ist keine Einzelwissenschaft, sondern eine Universalwissenschaft. Während die verschiedenen Einzelwissenschaften nur bestimmte Teilbereiche erforschen, fragt die Philosophie nach den Bedingungen des Ganzen. Während die Einzelwissenschaften thematisch reduziert und methodisch abstrakt sind, betrachtet die Philosophie die Erfahrungswirklichkeit ganzheitlich. Oder um ein sehr gutes Buch dazu zu zitieren:



So gelesen in: Arno Anzenbacher: Einführung in die Philosophie, S. 36

In diesem Buch geht es auch um das Verhältnis zwischen der Philosophie zu der anderen Universalwissenschaft, der Theologie. Dazu gibt es verschiedene Positionen:

1. Religion und Philosophie* haben nichts miteinander zu tun. Hier gehören dann auch die Aussagen des Neopositivismus hinzu: Die Aussagen der Religion sind nicht falsch, aber wissenschaftlich sinnlos.

2. Zwischen Religion und Philosophie besteht Widerspruch. Von Seiten der Religion her wird dann zum Beispiel von Martin Luther behauptet, die Vernunft sei eine Dirne des Teufels. Umgekehrt wird von den religionskritischen Philosophen versucht, die Religion als vernunftwidrig zu entlarven. Und da sind wir ja hier voll im Thema. :thumbup:

3. Religion und Philosophie bilden eine Einheit. Das ist zum einen der Versuch der Gläubigen wie Augustinus, mithilfe der Philosophie die "Wahrheit Gottes" zu beweisen. Erst der Glaube ermögliche daher Philosophie. Umgekehrt ist für die Philosophen, die die Einheit dieser beiden Universalwissenschaften beschwören, jede Religion nur eine Unterart, wie Philosophie gedacht werden kann.

4.Religion und Philosophie bilden verschiedene, aber aufeinander bezogene Sinnebene.

Quelle: ebenda, S. 31f

Wie ich aber unschwer zu erkennen gegeben habe, stehe ich wie Nietzsche auf der Position, dass Religion und Philosophie völlig unterschiedlich sind.

Generell störe ich mich an der Verwendung des Begriffs Religion hier. Religionen sind für mich vor allem Kulte menschlichen Lebens, die Erkenntnisse aus der Philosophie, philosophischen Theologie, aber auch alltägliche Erfordernisse aufgenommen haben und bei den erfolgreichen Religionen ein nicht zuwiderlegendes, geschlossenes Glaubenssystem enthalten. Religionen prägen ja ganze Lebensweisen, diese mit der Theologie gleich zusetzen, würde in die irreführen.
Philosophie und Theologie stehen sich nahe, philosophische Theologie könnte man auch als Teilbereich der Philosophie sehen. Philosophie und christliche Theologie oder andere sind offensichtlich weiter entfernt, aber sofern der Philosoph einige Glaubenssätze akzeptiert, kann man das ganze zumindest auf seine Stichhaltigkeit überprüfen.
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Re: Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Alpha Centauri » So 5. Nov 2017, 22:53

Progressiver hat geschrieben:(20 Oct 2017, 21:51)

Sorry, das war ein Schreibfehler meinerseits. Diese These lautet richtig:


Oh, haben wir hier etwa einen Fan des Gottlosen Franzosen und Freidenkers Denis Diderot?

Ich bin selbst ein großer Fan des Philosophen und brillanten Literaten Diderot, eine meine ersten und vergnüglichsten literarischen Erfahrung der Kindheit war die Lektüre von Jacques der Fatalist und sein Herr, in diesen genialen philosophischen Anti Roman bin ich regelrecht versunken,

Auch Rameaus Neffe ( Übersetzunng Goethes) finde ich aller feinste Sahne.

Gruß
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Re: Friedrick Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Alpha Centauri » Di 7. Nov 2017, 16:24

Progressiver hat geschrieben:(28 Sep 2017, 19:53)

Das kommt darauf an. Wenn man das durch seine Schwester verfälschte Bild nimmt, die ihm das Werk "Der Wille zur Macht" unterschob, dann hätte er ein festes Theoriegebäude gebaut, dass zutiefst antidemokratisch erschiene. Tatsächlich war er aber aufgrund seines labilen Gesundheitszustandes dazu immer weniger in der Lage. Und im Gegensatz zu Elisabeth Förster-Nietzsche, die er als "Lama" verspottete und als solche nicht mochte, war er in späteren Jahren ein Gegner des Antisemiten Richard Wagners. Und gegen das, was seine Schwester und spätere Generationen -von der Zeit des Ersten Weltkriegs bis hin zu Hitler- mit ihm machten, konnte er sich ja nicht wehren. Erst allmählich entdeckte man dann aber, wie er wirklich dachte.

Meine Einschätzung: Natürlich war seine Schreiberei immer auch ein Kampf gegen seine Erkrankung. Deswegen konnte er nur in Aphorismen schreiben. Wie die Dokumentation aber zeigt, ist das revolutionäre an seiner Philosophie die radikale individualistische Sicht in einer Zeit, in der die Industrialisierung in Deutschland immer weiter fortschritt. Und er schaffte etwas, das andere nicht können: Er stellte alles in Frage, was den Deutschen wichtig war. Und gerade sein berühmtestes Zitat "Gott ist tot. Gott bleibt tot. Und wir haben ihn getötet." zeigt auch auf, was er für ein Genie war. Ein anderes, in diesem Zusammenhang, passendes, lautet bekanntlich "Ich bin kein Mensch. Ich bin Dynamit."


Friedrich Nietzsche hat ganz im Gegensatz kein überbordende systematische Gedankenarchitektur a la Kant, Schelling oder Hegel in bester deutscher Denktradition ( auch wieder anders als die französische oder britische) sondern viel mehr Gedankenskulpture.



Was mich betrifft, so war Nietzsche gegen Ende der Schulzeit wohl der erste Philosoph, der mich näher interessierte. Gerade auch wegen seines Zitats "Gott ist tot" übte er auf mich eine Faszination aus, da ich auch in der Pubertätszeit zum Atheisten geworden war. Und in solchen Aussagen ist er wohl eindeutig zu interpretieren, da er klar gegen die Religion Stellung bezieht. Ob ich später seinen "Zarathustra" verstanden hatte, kann ich nicht so ohne weiteres bejahen. Aber das ist wohl auch das Problem vieler anderer Philosophen, die jeder auf seine Art völlig unlesbare Bücher geschrieben haben, um mit ihnen komplexe Theoriegebäude aufzubauen. Da lese ich dann doch lieber Sekundärliteratur über sie.

Nietzsches Verdienst ist es jedenfalls meiner Ansicht nach, dass er alle Werte seiner Zeit infrage stellen konnte. Und auch, was das Aufkommen des Nihilismus betraf, so hatte er wohl Recht, wie das 20. Jahrhundert bis 1945 es zeigte. Er selbst war aber anscheinend kein Nihilist, sondern versuchte nur, durch die Alpen wandernd wie sein Zarathustra, so über den Dingen und allem Menschlichen zu stehen, dass er, wenn möglich, weder Schmerz noch Leid, weder Freund noch Feind mehr kannte. Und in diesem Versuch, in sich selbst diesen sogenannten "Übermenschen" zu finden, ähnelt er manchen Autoren zufolge wohl auch Teilen der indischen Philosophie. Zumindest die "Ewige Wiederkehr des Gleichen", von der Nietzsche schreibt, scheint sich mit dem zu ähneln, was man auch dort finden kann.

Insofern ist die Nietzsche-Forschung sicher noch lange nicht zu Ende. Und eine Anleitung zum Selber-Denken und zur Infragestellung sämtlicher althergebrachter Vorstellungen ist seine Philosophie allemal.

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