Anhänger der Philosophie Epikurs

Moderator: Moderatoren Forum 7

Alpha Centauri
Beiträge: 2607
Registriert: Mo 19. Jun 2017, 09:49

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon Alpha Centauri » Do 28. Dez 2017, 12:51

Dark Angel hat geschrieben:(28 Dec 2017, 11:21)

Und schon wieder horrender Blödsinn!
Epikurs Lehren haben eben absolut nichts mit "Kunst" oder "Kunst schaffen" zu tun und noch viel weniger mit "Bezug auf unsere Lebenswelt", sondern mit ganz individuellem Lustgewinn, ganz individuellem Streben nach Glück UND der Definition dessen, was das Individuum unter Glück versteht, woraus er Lustgewinn erzielt.
Es geht darum bewusst zu leben - jeden einzelnen Tag - es geht darum, dieses Leben zu genießen - hier und jetzt, im "Diesseits" und sich nicht auf irgendein "glückseliges Jenseits" verströsten zu lassen. Es geht darum, dass Mensch(en) sein/ihr Schicksal selbst bestimmen und diesem nicht hilflos ausgeliefert sind.


Nein, du hast keine Maske fallen gelassen - du hast keine, weil du jedesmal und überall deine Beschränktheit und Eingeschränktheit im Denken offenbarst.
Egal was das Thema ist, du kommst immer "mit irgendwas mit Kust", ob das zum Thema passt, auch nur ansatzweise mit dem Thema zu tun hat, kriegst du nicht auf die Reihe.
Die Philosophie Epikurs hat nichts, aber auch gar nichts mit "herausragende Kunst schaffen" zu tun.


Richtig, Epikur geht es nicht um Kunst oder Kunstschaffen oder darum eine ästhetische Theorie der Kunst und des Schönen aufzustellen, seine Gedanken.zielen im eine andere Richtung.
Benutzeravatar
Sextus Ironicus
Beiträge: 737
Registriert: Mo 13. Nov 2017, 14:04
Benutzertitel: Normativer Minimalismus
Wohnort: Südwest

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon Sextus Ironicus » Do 28. Dez 2017, 12:52

Alpha Centauri hat geschrieben:(28 Dec 2017, 12:47)

Es ist gewisser weise das theoretisch philosophische Gegenmodell des modernen Lebensstils zum Großteil insgesamt den viele heute pflegen, bange Gedanken über die Zukunft, ein Leben im stetem materiellen Überfluss, eine exzessive Lebensgestaltung ( Fressgelage, Drogen - und Alkohol Ausschweifungen, sexuelle Orgien, das stet fast schon pathologisch anmutend Bedürfnis nach dem dem nächsten emotionalen Rausch, den Gefühlskick, die Sucht stets immer mehr haben zu wollen.( Facebook Freunde,Autos, Jachten, Marken Mode, Schmuck, Einfluss) macht nach Epikur nicht wirklich glücklich ( kann um diesen Begriff das" Glück dreht sich sein ganzes Denken) erst recht nicht dauerhaft.

Man könnte dem entgegensetzen, macht es denn wirklich glücklich dauerhaft glücklich zu sein? ( vorausgesetzt es wäre möglich, was ich bezweifel.

Glück ist immer das, was wir erkennen, wenn es verschwunden ist. Solange wir nicht an Glück denken, also weder als Abwesendes noch als Anwesendes, herrscht in der Regel jenes Gleichgewicht, jenes erfolgreiche Umgehen mit Welt und sich, das das Glück ausmacht.
… habe ich mich sorgsam bemüht, menschliche Tätigkeiten nicht zu verlachen, nicht zu beklagen und auch nicht zu verdammen, sondern zu begreifen. (Spinoza)
Benutzeravatar
Adam Smith
Beiträge: 24791
Registriert: Mi 18. Jan 2012, 21:57

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon Adam Smith » Do 28. Dez 2017, 12:52

schokoschendrezki hat geschrieben:(26 Dec 2017, 06:11)

Aber Epikurs Genuss-Philosophie steht auch ganz besonders für Mäßigung}. Interessante Frage für mich: Ist dieses Mäßigungsgebot kunstfeindlich? Müssten wir nach Epikur dauernd nur noch Wartezimmerentspannungsmusik hören und Richtungen wie György Ligeti oder den Free Jazz auf den Index setzen? Mäßigung steht gegen Exzess. Letzteres ist aber nötig für wirklich herausragende Kunst.

Hollywood-Filme sind aus dem Grund so erfolgreich, weil hier sehr viel Geld ausgegeben wird. Hollywood achtet aber auch sehr darauf, dass Filme auch Gewinn abwerfen. Exzess ist dauerhaft nicht gut.
Benutzeravatar
Adam Smith
Beiträge: 24791
Registriert: Mi 18. Jan 2012, 21:57

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon Adam Smith » Do 28. Dez 2017, 12:54

Sextus Ironicus hat geschrieben:(28 Dec 2017, 12:52)

Glück ist immer das, was wir erkennen, wenn es verschwunden ist. Solange wir nicht an Glück denken, also weder als Abwesendes noch als Anwesendes, herrscht in der Regel jenes Gleichgewicht, jenes erfolgreiche Umgehen mit Welt und sich, das das Glück ausmacht.

Wer glücklich sein will, der ist es halt nicht.
Alpha Centauri
Beiträge: 2607
Registriert: Mo 19. Jun 2017, 09:49

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon Alpha Centauri » Do 28. Dez 2017, 13:22

Sextus Ironicus hat geschrieben:(28 Dec 2017, 12:52)

Glück ist immer das, was wir erkennen, wenn es verschwunden ist. Solange wir nicht an Glück denken, also weder als Abwesendes noch als Anwesendes, herrscht in der Regel jenes Gleichgewicht, jenes erfolgreiche Umgehen mit Welt und sich, das das Glück ausmacht.


Ist schon was dran. Nach der positiver Psychologie reicht es aus sich vorzustellen man sei glücklich und dann ist man es auch tatsächlich,was ich für realitätsfern und eine ziemlich psychologische Überforderung halte
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 11474
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon schokoschendrezki » Do 28. Dez 2017, 18:59

Zunder hat geschrieben:(28 Dec 2017, 00:47)
Exzeß heißt:
Ausschweifung; Maßlosigkeit

Das ist nicht richtig. Von seiner lateinischen Wurzel ("Excedere") her bedeutet "Exzess" schlicht und einfach und ganz wörtlich "heraustreten". Und wird als "normative Grenzüberschreitung" aufgefasst. Kunstphänomene wie Neue Musik oder Free Jazz sind auch nur Beispiele dafür. Und sie müssen keineswegs immer positiv gewertet sein. Ein ganz anderes (aktuelles) Beispiel für eine solche normative Grenzüberschreitung wäre das verbreitete exzessive Hating in Internetforen.

Kürzlich hörte ich ein Radiofeature betitelt mit "Èmilie du Chatelet - Vom Glück der Leidenschaft". Èmilie du Chatelet war eine bedeutende Wissenschaftlerin, Philosophin und Identifikationsfigur der frühen Aufklärung. Und schon diese Rolleninanspruchnahme als Frau zu dieser Zeit könnte man im Sinne von "normativer Grenzüberschreitung" als "Exzess" bezeichnen. Ich kann nur vermuten, dass die Diskreditierung des Exzesshaften und die Eingrenzung des Begriffs auf das "Ausschweifende" in der Zeit der Gegenbewegung gegen diese Frühaufklärung in Form der "Biedermeier-Epoche" (ca 1815-1848) begann. du Chatelet betrieb ihre Leidenschaften aber nicht "ausschweifend" sondern - als Mathematikerin - geradezu berechnend. Für Epikur war Leidenschaft (wörtlich) eine "Krankheit der Seele". Eine heutige Rückbesinnung auf diese Ansicht würde ich kurz und schlecht als eine "Neue Biedermeierepoche" bezeichnen. Und tatsächlich betitelte vor einigen Jahren die FAZ einen Artikel mit "Rückkehr des Biedermeier".

Eine andere Begrifflichkeit in diesem Zusammenhang ist die vom "divergentem" vs "konvergentem" Denken. Ich bin in einer westeuropäischen, von der Aufklärung geprägten Kultur sozialisiert worden. In der das "divergente Denken" hoch bewertet wird. In ostasiatischen, hinudistischen, islamischen Kulturen steht das "konvergente Denken" höher im Kurs. Das ist ja keineswegs eine Wertung. Divergent vs konvergent meint auch nicht dasselbe wie konformistisch vs. nonkomformistisch. Wer divergent denkt, widersetzt sich nicht einfach irgendeinem System sondern hält die eigenen Widersprüchlichkeiten aus. Mehr noch: Sucht sie. Empfindet sie als Kick. Sucht nach allem Neuen, Ungewohnten, Nichteinordenbaren. Divergenz erzeugt notwendigerweise Spannungen. Dissonanzen. Und da sind wir wieder bei Phänomenen wie Free Jazz oder Neuer Musik.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
Selina
Beiträge: 7272
Registriert: Do 29. Sep 2016, 14:33

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon Selina » Do 28. Dez 2017, 19:18

schokoschendrezki hat geschrieben:(28 Dec 2017, 18:59)

Das ist nicht richtig. Von seiner lateinischen Wurzel ("Excedere") her bedeutet "Exzess" schlicht und einfach und ganz wörtlich "heraustreten". Und wird als "normative Grenzüberschreitung" aufgefasst. Kunstphänomene wie Neue Musik oder Free Jazz sind auch nur Beispiele dafür. Und sie müssen keineswegs immer positiv gewertet sein. Ein ganz anderes (aktuelles) Beispiel für eine solche normative Grenzüberschreitung wäre das verbreitete exzessive Hating in Internetforen.

Kürzlich hörte ich ein Radiofeature betitelt mit "Èmilie du Chatelet - Vom Glück der Leidenschaft". Èmilie du Chatelet war eine bedeutende Wissenschaftlerin, Philosophin und Identifikationsfigur der frühen Aufklärung. Und schon diese Rolleninanspruchnahme als Frau zu dieser Zeit könnte man im Sinne von "normativer Grenzüberschreitung" als "Exzess" bezeichnen. Ich kann nur vermuten, dass die Diskreditierung des Exzesshaften und die Eingrenzung des Begriffs auf das "Ausschweifende" in der Zeit der Gegenbewegung gegen diese Frühaufklärung in Form der "Biedermeier-Epoche" (ca 1815-1848) begann. du Chatelet betrieb ihre Leidenschaften aber nicht "ausschweifend" sondern - als Mathematikerin - geradezu berechnend. Für Epikur war Leidenschaft (wörtlich) eine "Krankheit der Seele". Eine heutige Rückbesinnung auf diese Ansicht würde ich kurz und schlecht als eine "Neue Biedermeierepoche" bezeichnen. Und tatsächlich betitelte vor einigen Jahren die FAZ einen Artikel mit "Rückkehr des Biedermeier".

Eine andere Begrifflichkeit in diesem Zusammenhang ist die vom "divergentem" vs "konvergentem" Denken. Ich bin in einer westeuropäischen, von der Aufklärung geprägten Kultur sozialisiert worden. In der das "divergente Denken" hoch bewertet wird. In ostasiatischen, hinudistischen, islamischen Kulturen steht das "konvergente Denken" höher im Kurs. Das ist ja keineswegs eine Wertung. Divergent vs konvergent meint auch nicht dasselbe wie konformistisch vs. nonkomformistisch. Wer divergent denkt, widersetzt sich nicht einfach irgendeinem System sondern hält die eigenen Widersprüchlichkeiten aus. Mehr noch: Sucht sie. Empfindet sie als Kick. Divergenz erzeugt notwendigerweise Spannungen. Dissonanzen. Und da sind wir wieder bei Phänomenen wie Free Jazz oder Neuer Musik.


Dieses von dir erwähnte divergente Denken ist in meinen Augen unabdingbar für die Entwicklung von Menschen, Dingen, Situationen, Verhältnissen. So finde ich zum Beispiel ein antithetisches Herangehen an alles sehr vernünftig. Einander scheinbar ausschließende Momente als verschiedenartige Teile eines Ganzen zu begreifen. Das würde im Übrigen auch manche Forums-Diskussion entspannter laufen lassen. Weil es nie ein Entweder-Oder gäbe, sondern immer ein Und. Oft werden Aussagen als unvereinbar begriffen, die aber einfach "nur" zwei Seiten einer Medaille sind. Und selbst krasse Antagonismen ließen sich aushalten, wenn man sie als im Grunde dazugehörig betrachtete. Aber nicht im Sinne von harmonisch oder harmonisierend, sondern eher von provokant, belebend, wider den Stachel löckend...
Drüben im Walde kängt ein Guruh - Warte nur balde kängurst auch du. Joachim Ringelnatz
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 11474
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon schokoschendrezki » Do 28. Dez 2017, 19:37

Es gibt unter den Ergebnissen dieser in Mode gekommenen Untersuchungen zu den "Korrelationen der Alltagswelt" eins, das mir sehr bezeichnend vorkam: Je geringer der Gesamtpreis des Inhalts eines IKEA-Einkaufswagen an der Kasse ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Packung Teelichter darunter befindet. Ich glaube, das sagt eine Menge aus. Nicht nur über das Verhalten der Menschen, ihre Sehnsucht nach neuer Innerlichkeit, nach einem Heraushalten aus nervenden Gegenwartsaufpeitschungen. In demselben Bericht über diesen Zusammenhang heißt es, man könne sich kaum vorstellen, wie genau Konsumstrategen bei einem Großkonzern wie IKEA über diese Zusammenhänge bescheid wissen. Wir glauben, wir könnten uns mit einer Neubesinnung auf Harmonie, innere Zirkel, auf die eigentlichen Bedürfnisse von diesen globalen Warenkreisläufen lossagen. Aber im Gegenteil: Wir verfallen ihnen auf diese Weise völlig. An der politischen Auseinandersetzung mit dem globalen Geschehen führt kein Weg vorbei. Und das heißt normalerweise: Sich mitten ins Getümmel werfen. Die WIdersprüche nicht verdecken sondern sie zu suchen und deutlich zu machen. Ohne eine gewisse völlig unepikureische Schmerzlust geht das glaub' ich nicht.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 11474
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon schokoschendrezki » Do 28. Dez 2017, 19:48

Das aus meiner Sicht mit Abstand biedermeierlichste Phänomen der Gegenwart ist der jüngere Wandel in der Ausgestaltung der Kinderzimmer und Bekleidung für kleine Mädchen: Sterne, Glitzer, Prinzessinnen. Wenn es eine solche Rückkehr des Biedermeierlichen gibt, dann plädiere ich für die Rückkehr einer (modernisierten Variante) des Vormärz als damaliger Gegenbewegung. Wo sind die Heines und Büchners? Die Gebrochenheit und Zerrissenheit des modernen Menschen nicht leugnen, überspielen oder irgendwie im Sinne einer Glücksphilosophie therapieren wollen. Sondern in ironischer Brechung thematisieren. Und Leidenschaft auch vorleben.
Zuletzt geändert von schokoschendrezki am Do 28. Dez 2017, 19:51, insgesamt 1-mal geändert.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
BlueMonday
Beiträge: 1708
Registriert: Mo 14. Jan 2013, 17:13

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon BlueMonday » Do 28. Dez 2017, 19:50

"Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr."
Da übersieht er den langen Übergang, das Sterben, den Zerfall, das graue Altern. Der Tod ist auch weniger zu fürchten als das. Bzw. ist das die eigentliche Herausforderung, damit zu leben, das Lebensleid zu filtern und sich gegen die allgegenwärtige Entropie zu stemmen ... und nicht alle Lebenslust und Energie dabei zu verlieren. Der Tod als Nichtexistenz ist eben möglichst lange zu vermeiden. Die Sorge darum ist unvermeidlich, die Achtsamkeit.

Der heutige Mensch fürchtet sich mehr denn je. Zu sterben hat er praktisch verlernt, unterzugehen, zu scheitern, alles eine Tragödie, jede Veränderung schon eine Bedrohung. Alles soll und muss abgesichert sein - möglichst auf Kosten aller anderen - bis zum letzten Lebenstag. Alte Götter wurden vielleicht zurückgelassen, neue sind dafür entstanden. Frau Politik und Herr Staat, die möglichst alle Lebenslast vom Einzelnen nehmen sollen. Ein absurder Umverteilungsstaat wäre dann wohl ein Graus für den apolitischen Epikur gewesen... Lebe im Verborgenen! Bewusst gewählte und selbst geschaffene Unabhängigkeit. Autarkie.
But who would build the roads?
Benutzeravatar
Selina
Beiträge: 7272
Registriert: Do 29. Sep 2016, 14:33

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon Selina » Do 28. Dez 2017, 19:55

schokoschendrezki hat geschrieben:(28 Dec 2017, 19:48)

Das aus meiner Sicht mit Abstand biedermeierlichste Phänomen der Gegenwart ist der jüngere Wandel in der Ausgestaltung der Kinderzimmer und Bekleidung für kleine Mädchen: Sterne, Glitzer, Prinzessinnen. Wenn es eine solche Rückkehr des Biedermeierlichen gibt, dann plädiere ich für die Rückkehr einer (modernisierten Variante) des Vormärz als damaliger Gegenbewegung. Wo sind die Heines und Büchners?


:D

Man sieht es auch an der Bühnengestaltung bei solchen Riesenevents mit Silbereisen und co. Das ist der pure Glitzer-Kitsch, hausbacken und hässlich. Da hatten wir in den 70ern schon mal Besseres, Klareres und Originelleres in der Gebrauchsgrafik und Bühnenbildnerei. Das Heutige wirkt ebenfalls wie ein Rückgriff auf allerschlimmsten Biedermeier.
Drüben im Walde kängt ein Guruh - Warte nur balde kängurst auch du. Joachim Ringelnatz
Benutzeravatar
Progressiver
Beiträge: 1803
Registriert: Sa 31. Mär 2012, 23:37
Wohnort: Baden-Württemberg

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon Progressiver » Do 28. Dez 2017, 20:01

schokoschendrezki hat geschrieben:(28 Dec 2017, 18:59)
Eine andere Begrifflichkeit in diesem Zusammenhang ist die vom "divergentem" vs "konvergentem" Denken. Ich bin in einer westeuropäischen, von der Aufklärung geprägten Kultur sozialisiert worden. In der das "divergente Denken" hoch bewertet wird. In ostasiatischen, hinudistischen, islamischen Kulturen steht das "konvergente Denken" höher im Kurs. Das ist ja keineswegs eine Wertung. Divergent vs konvergent meint auch nicht dasselbe wie konformistisch vs. nonkomformistisch. Wer divergent denkt, widersetzt sich nicht einfach irgendeinem System sondern hält die eigenen Widersprüchlichkeiten aus. Mehr noch: Sucht sie. Empfindet sie als Kick. Sucht nach allem Neuen, Ungewohnten, Nichteinordenbaren. Divergenz erzeugt notwendigerweise Spannungen. Dissonanzen. Und da sind wir wieder bei Phänomenen wie Free Jazz oder Neuer Musik.


Meines Wissens ist das divergente Denken aber kein Produkt der europäischen Aufklärung, sondern hat seine Wurzeln in der griechischen Philosophie, die von Anfang an vom Individuum her dachte. Es gab zwar auch konvergentes Denken in Europa. Als Paradebeispiele dafür würde ich die kollektivistischen Ideologien der Nazis und Kommunisten benennen. Aber es ist meines Erachtens speziell das Denken vom Individuum her, welches als typisch europäisch bzw. westlich bezeichnet werden kann, während die "anderen" -Muslime, Hindus, Chinesen- immer die Gemeinschaft betonten. Und noch einen Unterschied würde ich festmachen: Die westliche Wertegemeinschaft vertritt die Ansicht, dass die darauf aufbauenden Menschenrechte universell seien. Die "anderen" dagegen pochen darauf, dass ihre Kulturen anders seien und sie die individuellen Menschenrechte folglich mit Füßen treten können. Dies aber nur am Rande, da die hier zuletzt angesprochene Fragestellung das Threadthema sprengen würde.
"Skepsis ist der erste Schritt auf dem Weg zur Philosophie." (Denis Diderot)
Benutzeravatar
Adam Smith
Beiträge: 24791
Registriert: Mi 18. Jan 2012, 21:57

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon Adam Smith » Do 28. Dez 2017, 20:06

Progressiver hat geschrieben:(28 Dec 2017, 20:01)

"anderen" -Muslime, Hindus, Chinesen- immer die


so etwas ist ja nicht verkehrt.
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 11474
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon schokoschendrezki » Do 28. Dez 2017, 20:26

Selina hat geschrieben:(28 Dec 2017, 19:18)

Dieses von dir erwähnte divergente Denken ist in meinen Augen unabdingbar für die Entwicklung von Menschen, Dingen, Situationen, Verhältnissen. So finde ich zum Beispiel ein antithetisches Herangehen an alles sehr vernünftig. Einander scheinbar ausschließende Momente als verschiedenartige Teile eines Ganzen zu begreifen. Das würde im Übrigen auch manche Forums-Diskussion entspannter laufen lassen. Weil es nie ein Entweder-Oder gäbe, sondern immer ein Und. Oft werden Aussagen als unvereinbar begriffen, die aber einfach "nur" zwei Seiten einer Medaille sind. Und selbst krasse Antagonismen ließen sich aushalten, wenn man sie als im Grunde dazugehörig betrachtete. Aber nicht im Sinne von harmonisch oder harmonisierend, sondern eher von provokant, belebend, wider den Stachel löckend...

Dazu der Sozialpsychologe Dieter Frey von der LMU erst jüngst vor einer Woche:
Konvergentes Denken ist sehr angepasstes Denken, man hat das zu reproduzieren, was der Lehrer sagt, was im Buch steht. Und was wir ja wollen, ist, dass neben dem konvergenten Denken auch divergentes Denken möglich ist. Das heißt, dass die Leute eigenständig sich entwickeln können, eigenständig nachdenken können.Schon was Kant gesagt hat - bediene dich deines eigenen Verstandes, traue nicht unbedingt den Autoritäten. Und es ist deshalb nicht zufällig, dass in den Ländern, nämlich Europa, Nordamerika, wo diese Kant sche Aufklärung quasi auch in den Universitäten stattgefunden hat, auch in der Gesellschaft, also dieses eher individualistische Denken im Gegensatz zum kollektiven Denken, dieses fördert natürlich eher auch wissenschaftliche Leistungen. Und es ist deshalb kein Zufall, dass 95% aller Nobelpreise in der Vergangenheit in diese Regionen gehen, nämlich nach Europa und nach Nordamerika.

http://www.br-online.de/podcast/mp3-download/bayern2/mp3-download-podcast-radiowissen.shtml
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 11474
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon schokoschendrezki » Do 28. Dez 2017, 20:31

Progressiver hat geschrieben:(28 Dec 2017, 20:01)

Meines Wissens ist das divergente Denken aber kein Produkt der europäischen Aufklärung, sondern hat seine Wurzeln in der griechischen Philosophie, die von Anfang an vom Individuum her dachte. Es gab zwar auch konvergentes Denken in Europa. Als Paradebeispiele dafür würde ich die kollektivistischen Ideologien der Nazis und Kommunisten benennen. Aber es ist meines Erachtens speziell das Denken vom Individuum her, welches als typisch europäisch bzw. westlich bezeichnet werden kann, während die "anderen" -Muslime, Hindus, Chinesen- immer die Gemeinschaft betonten. Und noch einen Unterschied würde ich festmachen: Die westliche Wertegemeinschaft vertritt die Ansicht, dass die darauf aufbauenden Menschenrechte universell seien. Die "anderen" dagegen pochen darauf, dass ihre Kulturen anders seien und sie die individuellen Menschenrechte folglich mit Füßen treten können. Dies aber nur am Rande, da die hier zuletzt angesprochene Fragestellung das Threadthema sprengen würde.

Meines Erachtens ist das Denken in (philosphischen) Schulen - so wie in der Antike oder in Ostasien - aufgrund seiner Reproduktionsforderung schon immer eher konvergent. Dass der Begriff "Dialektik" im antiken Griechenland entstand, ist zwar richtig, bedeutete dort aber eher eine bestimmte Art der Gesprächsführung. Dialektik im Sinne einer Lehre von den Widersprüchen in allen Dingen und Begriffen ist ein Produkt der europäischen Aufklärung.

Siehe auch das Zitat von Frey etwas weiter oben.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
Adam Smith
Beiträge: 24791
Registriert: Mi 18. Jan 2012, 21:57

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon Adam Smith » Do 28. Dez 2017, 20:38

schokoschendrezki hat geschrieben:(28 Dec 2017, 20:31)
Dialektik im Sinne einer Lehre von den Widersprüchen in allen Dingen und Begriffen ist ein Produkt der europäischen


Dialektik ist Kommunismus.
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 11474
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon schokoschendrezki » Do 28. Dez 2017, 20:52

Adam Smith hat geschrieben:(28 Dec 2017, 20:38)

Dialektik ist Kommunismus.

:p Nun wissen wirs endlich. Bislang war - nach Lenin - Kommunismus Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes.

Dialektik (im modernen Sinne) ist vor allem Hegel. Ich habe auch Schwierigkeiten, das richtig einzuordnen. Westliche Vorstellungen und Philosophien sind, soweit ich es verstehe, besonders nachhaltig von Descartes geprägt. Und der dachte nun wirklich konvergent, deterministisch, eben kartesisch. Nur war das eben noch vor der Aufklärung. Und einen völlig ungeahnten Aufschwung bekam die Dialektische Sicht auf eine dialektische Welt durch die modernen Naturwissenschaften des 20. Jahrhunderts.
Hegels Logik und die Ergebnisse der Quantenphysik
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
Boraiel
Beiträge: 4034
Registriert: Di 25. Feb 2014, 02:25
Benutzertitel: Let’s rule the world.
Wohnort: Deutschland/Niederlande

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon Boraiel » Do 28. Dez 2017, 21:37

schokoschendrezki hat geschrieben:(28 Dec 2017, 20:52)

:p Nun wissen wirs endlich. Bislang war - nach Lenin - Kommunismus Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes.

Dialektik (im modernen Sinne) ist vor allem Hegel. Ich habe auch Schwierigkeiten, das richtig einzuordnen.Westliche Vorstellungen und Philosophien sind, soweit ich es verstehe, besonders nachhaltig von Descartes geprägt. Und der dachte nun wirklich konvergent, deterministisch, eben kartesisch. Nur war das eben noch vor der Aufklärung. Und einen völlig ungeahnten Aufschwung bekam die Dialektische Sicht auf eine dialektische Welt durch die modernen Naturwissenschaften des 20. Jahrhunderts.
Hegels Logik und die Ergebnisse der Quantenphysik

Das hat du richtig verstanden. :thumbup:
Libertas veritasque.
Lesen und verstehen: http://www.feynmanlectures.caltech.edu/I_01.html
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 14175
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 07:08
Benutzertitel: From Hell

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon Dark Angel » Do 28. Dez 2017, 21:43

@ Schokoschendretzki und Selina würdet ihr beide bitte aufhören, das Thema zu schreddern!
In diesem Thread geht es um die Philosophie Epikurs und nicht um irgendwelche Kunstgenres, "Korrelationen in der Alltagswelt" oder Bühnenbilder und Kinderzimmereinrichtungen.

Entweder ihr beide könnt etwas zum Thema beitragen, dann tur das - ansonsten haltet euch zurück.
Ist das angekommen?

Und noch ein Hinweis: Epikur (bzw griechische und römische Philosophie) versteht unter Exzess eben nicht "heraus treten - "normative Grenzüberschreitungen", sondern tatsächlich Maßlosigkeit, Ausschweifung etc
Mod.
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Benutzeravatar
Mia2706
Beiträge: 88
Registriert: Sa 23. Dez 2017, 23:26

Re: Anhänger der Philosophie Epikurs

Beitragvon Mia2706 » Do 28. Dez 2017, 22:22

Das Ich-Bewußtsein –gemeinhin auch als Seele definiert - ist vor der Geburt nicht existent und mit dem Hirntod wird es ausgelöscht.
Das ist auch die These von Epikur. Und das ist auch die Erkenntnis der Hirnforschung. Erstaunlich diese Erkenntnis des gr. Philosophen und der nicht vorhandenen Erkenntnisse der Hirnforschung.

Das Ich-Bewußtsein ist ein Konstrukt des sehr komplexen Gehirns mit seinen Billionen Gehirnzellenverknüpfungen. Man hat in der Wissenschaft der Neurologie und Neurobiologie schon sehr viele neue Erkenntnisse gewonnen. Aber es dürfte noch ein weiter Weg sein, die letzten "Geheimnisse" des Ich-Bewußtseins erklären zu können, weil es zugegebenermaßen derzeit noch schwierig ist, , quasi von Außen das eigene Ich zu reflektieren.
Es dürfte eine tiefe Unsicherheit bestehen, sich vorstellen zu müssen, dass dieses Ich-Bewußtsein vor der Geburt nicht existiert hat und nach dem Hirntod nicht mehr existent ist. Das zu verinnerlichen, ist sehr schwer. Angesichts der Unübersichtlichkeit und Komplexität der Welt kommen die meisten Menschen nicht umhin, diese Komplexität auf ein handbares verständliches Maß zu reduzieren. Das ist wohl auch eine Erklärung für das schlichte mitunter naive Weltbild vieler Menschen.

Es wird an der Zeit – falls noch nicht geschehen- die Wissenschaften der Hirnforschung mit den Wissenschaften der Physik, der Chemie, der Neurologie der Psychologie und der Philosophie zu verbinden
Ein Siebtel unseres Lebens verbringen wir an Samstagen.

Zurück zu „70. Philosophie“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast