Philosophie als Fußnote Platons?

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Philosophie als Fußnote Platons?

Beitragvon Progressiver » Di 11. Apr 2017, 21:33

Vom englischen Philosophen Alfred North Whitehead (1861-1947) ist folgendes Zitat überliefert:

"Die sicherste allgemeine Charakterisierung der philosophischen Tradition Europas lautet, daß sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht." - Prozeß und Realität (Process and Reality), Teil II, Kapitel 1, Abschnitt 1, S. 91
(Oft zitiert als "Alle abendländische Philosophie ist als »Fußnote zu Platon« zu verstehen.")


https://de.wikiquote.org/wiki/Alfred_North_Whitehead

Obwohl das Zitat einige Berühmtheit erlangt hat und das Werk "Prozess und Realität" laut Wikipedia eines der wichtigsten der westlichen Metaphysik sein soll, überzeugt es mich nicht. Mein Philosophielehrer aus der gymnasialen Oberstufe hat dieses Zitat seinerzeit öfter gebracht. Wenn man dagegen den Wikipedia-Artikel dazu hernimmt, liest man folgendes:

Die angesetzten zehn Vorträge baute Whitehead später zu 25 Kapiteln aus. Die Veröffentlichung in Buchform 1929 wurde mit „Process and Reality. An Essay in Cosmology“ sein philosophisches Hauptwerk und eines der wichtigsten der westlichen Metaphysik. Ähnlich wie seine Gifford Lectures, denen die Zuhörer in Scharen wegliefen, wurde „Process and Reality“, das wegen seines schwierigen Gedankengangs und einer eigenwilligen Sprache als schwer verständlich galt, von der Fachwelt nur zögerlich aufgenommen.


https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_No ... nd_Reality

Um es kurz zu machen: Whitehead wurde zwar zu Lebzeiten für sein Werk über die Metaphysik großartig im akademischen Sinne geehrt. In der Nachwelt ist er jedoch in Vergessenheit geraten. Das Zitat soll auch nicht dafür herhalten, dass Whitehead jetzt mit Platons Lehre absolut konform ging, sondern es ist anscheinend so zu verstehen, dass letzterer überhaupt erst die Begriffe der Philosophie benutzt haben solle. Außerdem seien alle Philosophen des Abendlandes nur Stimmen, die miteinander im Disput stünden.

Von daher möchte ich folgende Fragen hier diskutieren:

1. Inwieweit hat er Recht oder Unrecht? (Kennt überhaupt jemand dieses Zitat?)

2. Wie kann man in akademischen Kreisen derart zu Lebzeiten geehrt werden, wenn die Studenten einem in Scharen davon laufen und die Nachwelt einen danach fast vergisst? Worin begründet sich also der Ruhm des Zitats oder des Philosophen?
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Re: Philosophie als Fußnote Platons?

Beitragvon Boraiel » Mo 24. Apr 2017, 23:56

Progressiver hat geschrieben:1. Inwieweit hat er Recht oder Unrecht? (Kennt überhaupt jemand dieses Zitat?)

Vor allem ist das ein Witz (unter Gelehrten). Nach all dem Jahren, die die verschiedenen Personen, Philosophie gelernt und ggf. gelehrt haben, ist das, wo alle mit einem Schmunzeln zustimmen können; dass die abendländische Philosophie aus Fußnoten zu Platon besteht. Im Umkehrschluss können sich die Gelehrten in vielen anderen Dingen nämlich nicht so sehr einigen, sondern liegen häufig im Streit, weswegen das mit Platon das sicherste ist.
Platon ist eine ganz wichtige Figur in der abendländischen Geistergeschichte, der Unterricht in Philosophie beginnt häufig mit ihm. Wenn man systematisch die Werke der großen Philosophen durchgehen will, fängt man in der Regel auch mit ihm an, dann schreibt man häufig seine eigenen Anmerkungen auf und verweist in Fußnoten auf Platon, weswegen dieser Ausspruch seinen wahren Kern hat. Vielleicht hat Marx heute mehr Fußnoten, aber Platon ist bei Fußnoten und Zitaten auch in absoluten Zahlen immer noch weit vorne, würde ich vermuten.

Progressiver hat geschrieben:2. Wie kann man in akademischen Kreisen derart zu Lebzeiten geehrt werden, wenn die Studenten einem in Scharen davon laufen und die Nachwelt einen danach fast vergisst? Worin begründet sich also der Ruhm des Zitats oder des Philosophen?

Ja, zum Beispiel auf solchen Aussprüchen. Mich bringt so ein Ausspruch wegen oben genannten durchaus zum Lächeln und das erzeugt auch eine gewisse Sympathie für Herrn Whitehead.
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Re: Philosophie als Fußnote Platons?

Beitragvon Progressiver » Mi 10. Mai 2017, 23:51

Boraiel hat geschrieben:(25 Apr 2017, 00:56)
Platon ist eine ganz wichtige Figur in der abendländischen Geistergeschichte, der Unterricht in Philosophie beginnt häufig mit ihm. Wenn man systematisch die Werke der großen Philosophen durchgehen will, fängt man in der Regel auch mit ihm an, dann schreibt man häufig seine eigenen Anmerkungen auf und verweist in Fußnoten auf Platon, weswegen dieser Ausspruch seinen wahren Kern hat. Vielleicht hat Marx heute mehr Fußnoten, aber Platon ist bei Fußnoten und Zitaten auch in absoluten Zahlen immer noch weit vorne, würde ich vermuten.


Platon war ein Schüler von Sokrates. Wieso nicht mit diesem beginnen? Und weiter davor gab es noch einige Philosophen mehr. Deren Gedanken sind aber natürlich kaum überliefert. Der Erfinder der Philosophie war Platon jedenfalls nicht. Von der Bedeutung her gibt es sogar Leute, die seinen Schüler Aristoteles für wichtiger erachten. Und Karl Popper hat sich in seinem Werk "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" sogar dermaßen auf Platon eingeschossen, dass er ihn mit seinem Werk "Der Staat" als Vorläufer von Karl Marx sah. Während Karl Marx eine Diktatur des Proletariats für gut empfand, war es bei Platon der Philosophenkönig, dem sich alle unterordnen müssten.
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Re: Philosophie als Fußnote Platons?

Beitragvon Progressiver » Di 23. Mai 2017, 19:47

Ich weiß jetzt im Übrigen selbst, was Whitehead gemeint hat. Ich lese gerade die "Einführung in die Philosophie" von Arno Anzenbacher. Dieser Autor erklärt es meiner Ansicht ganz gut, wofür Platon die Grundlagen geschaffen hat.

Ich versuche mal, seine Ideenlehre in meinen eigenen Worten zusammenzufassen:

Die Suche nach der geistigen Wahrheit hinter den Dingen beschreibt Platon im Mythos des Höhlengleichnisses. Demnach sehen wir die Dinge gar nicht, wie sie sind, sondern nur Schatten in einer Höhle. Die Wahrheit bleibt den meisten verborgen, da sie in ihrer Höhle -also in ihrem begrenzten Weltbild- gefangen sind. Und nur, wer sich raustraut, vermag die Wahrheit hinter den Dingen zu sehen. Man erkennt unschwer einen Dualismus zwischen "Schein" und "wahrem Sein". Mit "Sinnlichkeit" alleine ist es ihm zufolge nicht möglich, wahre Erkenntnis darüber zu gewinnen, da man dadurch alleine in seiner "Höhle" bleibt.

Die Suche nach Erkenntnis kann man dabei aus drei verschiedenen Blickwinkeln beginnen, welche man als sogenanntes "platonisches Dreieck" darstellen kann. Das wären die Pole Sein, Ich und Idee. Beziehungsweise. Natur, Subjekt und Absolutes. Oder Welt, Seele und Gott.

Ich zitiere aus dem Buch:

Wenn auch das Philosophieren vielfach im Zeichen des Mythos steht und in seiner Ursprünglichkeit vieles undifferenziert lässt, so lässt sich doch vom Höhlengleichnis und vom Dreieck her die Grundproblematik des Philosophierens aufweisen. Das Dreieck führt zunächst in die Differenz von theoretischer und praktischer Philosophie, von Erkennen und Handeln.

Das Dreieck umreißt mit dem Zusammenhang Sein-Ich-Idee (oder Natur-Subjekt-Absolutes oder Welt-Seele-Gott den Gesamtraum der theoretischen Philosophie. Die wichtigsten Positionen der philosophischen Tradition unterscheiden sich zunächst darin, an welcher dieser drei "Ecken" das Philosophieren "ansetzt", um das Ganze der Philosophie systematisch zu entfalten. Damit ergeben sich drei Hauptrichtungen des Philosophierens:

-Seinsphilosophie: Das Denken setzt damit an, dass es von den Erscheinungen aus nach dem Sein fragt, das den Erscheinungen zugrunde liegt. Es fragt also nach den Bedingungen der Möglichkeiten der Erfahrung im Nicht-Ich. Das Philosophieren ist hier also primär ontologisch orientiert (Ontologie=Lehre vom Seienden). Es fragt also nach dem wahren Sein des Seienden und sucht das Seiende aus seinen letzten Seinsgründen zu verstehen.

-Ichphilosophie: Das Denken geht den umgekehrten Weg. Es setzt an bei der Frage nach dem Ich als Subjekt aller Erfahrung. Es fragt also nach den Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung im Ich, im Subjekt. Es ist demnach primär transzendental orientiert, d.h. es fragt nach dem Subjekt der Erfahrungswelt und seinen Bestimmungen.

Geistphilosophie: Das Denken setzt bei den Ideen an. Es versucht, von der Idee her die Möglichkeit der Erfahrung in den Griff zu bekommen. Dieses Philosophieren denkt also vom Absoluten her Sein und Ich, Substanz und Subjekt, Methexis und Anamnesis, das ontologische und das transzendentale Problem zusammen.

Philosophiegeschichtlich sind diese drei Hauptrichtungen mit drei großen Namen verbunden: Die Seinsphilosophie mit ARISTOTELES, die Ichphilosophie mit KANT, die Geistphilosophie mit HEGEL. Dennoch laufen alle drei Hauptrichtungen durch die ganze Tradition. Sie widersprechen sich nicht prinzipiell, sondern sie entfalten von verschiedenen Ansatzpunkten her den gleichen Gesamtzusammenhang. Freilich kommen die drei Ansatzpunkte in sehr unterschiedlicher Weise zum Tragen. (...) In der Fragestellung des platonischen Dreiecks bewegt sich die ganze philosophische Tradition.


Man kann also von Platon (und Whitehead) ansonsten halten, was man will. Laut Arno Anzenbacher hat der erstere zumindest mit seinem "platonischen Dreieck" den Rahmen geschaffen, in dem sich alle weitere abendländische Philosophie bewegte.

Freilich gibt es aber immer noch Karl Popper, der Platon ansonsten am liebsten in der Luft zerrissen hätte, weil er mit seinem Buch "Der Staat" die Vorlage geliefert haben soll beispielsweise für die totalitäre Ideologie des Marxismus. Dieser Totalverriss geschieht aber in Poppers Werk "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde". Und so weit bin ich noch nicht, dass ich dieses Werk ebenfalls schon gelesen hätte.
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