Gender Studies Wissenschaft oder Ideologie?

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schokoschendrezki
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Re: Gender Studies Wissenschaft oder Ideologie?

Beitragvon schokoschendrezki » Do 12. Jan 2017, 09:52

Zunder hat geschrieben:(11 Jan 2017, 16:48)

Nein, ganz sicher nicht.
Einen solchen formalistischen Unfug wirst du bei Hegel nicht finden.

Die zunehmende Entropie hat übrigens mit Energiezufuhr nicht einmal ansatzweise etwas zu tun.

Und ob! Biologische Systeme etwa verdanken ihre Stabilität nicht zuletzt der Energiezufuhr von außen, die der (ansonsten erfolgenden) Entropiezunahme entgegenwirkt.
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Re: Gender Studies Wissenschaft oder Ideologie?

Beitragvon Dark Angel » Do 12. Jan 2017, 12:57

schokoschendrezki hat geschrieben:(12 Dec 2016, 09:20)

Das was die theoretische Physikerin Karen Barad in einer Synthese von Quantentheorie und Feministischer Theorie schreibt und wie sie daraus folgend über einige grundlegende Prinzipien sowohl des Universums als auch des Denkens nachdenkt, gehört zum spannendsten und interessantesten, was ich die letzten Jahre aufgeschnappt habe. Ist nicht nur einfach Wissenschaft (das sowieso) sondern darüberhinaus der Versuch, Wissenschaft und Philosophie neu zu synthetisieren und gemeinsam zu betreiben, so wie in der Antike.

Ich muss dich korrigieren - Karen Barad hat zwar irgendwann mal Physik studiert, ist aber keine theoretische Physikerin heißt arbeitet nicht in dem fachgebiet, welches sie einst studiert hat. Sie ist vollständig auf Genderstudies/Feministische Theorie umgeschwenkt und versucht die (in Genderkreisen üblichen) Methoden des Konstruktivismus und Dekonstruktivismus, basierend auf Foucault und Butler, als "wissenschaftliche" Methoden in die Naturwissenschaften einzuführen - sie nennt das "agenten Realismus". Das heißt für Barad besteht die Welt nur aus "Phänomenen", die erst durch bestimmte Intraktionen entstehen (von Messgeräten/Aparaten erzeugt werden), dafür erfindet sie sogar neue Begriffe wie "Neolismus" und "individualistische Methaphysik".
Metaphysik hat mit Physik (Naturwissenschaft) allerdings nicht das geringste zu tun, dafür um so mehr mit Spekulation und gehört somit vollständig in den Bereich Philosophie.
Das mag zwar "interessant" und "spannend" sein, mit Wissenschaft hat das allerdings nichts zu tun. Eine "Synthese" von Wissenschaft und Philosophie, ein "gemeinsames Betreiben wie in der Antike" ist heute - im Zeitalter zunehmender Spezialisierung innerhalb naturwissenschaftlicher Fachrichtungen - nicht mehr möglich, ja unsinnig.
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Re: Gender Studies Wissenschaft oder Ideologie?

Beitragvon Dark Angel » Do 12. Jan 2017, 13:08

schokoschendrezki hat geschrieben:(12 Jan 2017, 09:52)

Und ob! Biologische Systeme etwa verdanken ihre Stabilität nicht zuletzt der Energiezufuhr von außen, die der (ansonsten erfolgenden) Entropiezunahme entgegenwirkt.

Biologische Systeme sind offene Systeme - sie erhalten ihre (scheinbare) Stabilität zulasten der Umgebung aufrecht. Die Entropie der Umgebung steigt.
Andererseits unterliegen auch biologische Systeme (offene Systeme) dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik - auch bei/In ihnen nimmt die Entropie zu - nämlich beim beim Wachsen der Lebewesen und bei ihrem Tod.
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Re: Gender Studies Wissenschaft oder Ideologie?

Beitragvon schokoschendrezki » Do 12. Jan 2017, 13:16

Dark Angel hat geschrieben:(12 Jan 2017, 13:08)

Biologische Systeme sind offene Systeme - sie erhalten ihre (scheinbare) Stabilität zulasten der Umgebung aufrecht. Die Entropie der Umgebung steigt.
Andererseits unterliegen auch biologische Systeme (offene Systeme) dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik - auch bei/In ihnen nimmt die Entropie zu - nämlich beim beim Wachsen der Lebewesen und bei ihrem Tod.

Ja. Leider. Dessenungeachtet wird sowohl dieses nichtvermeidbare gebremste Entropiewachstum als auch die zeitweilige Entropieabführung bzw. das Negentropiewachstum der Umgebung lebender Systeme durch Energieaustauschprozesse am Laufen gehalten.
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Re: Gender Studies Wissenschaft oder Ideologie?

Beitragvon schokoschendrezki » Do 12. Jan 2017, 13:38

Dark Angel hat geschrieben:(12 Jan 2017, 12:57)
Das mag zwar "interessant" und "spannend" sein, mit Wissenschaft hat das allerdings nichts zu tun. Eine "Synthese" von Wissenschaft und Philosophie, ein "gemeinsames Betreiben wie in der Antike" ist heute - im Zeitalter zunehmender Spezialisierung innerhalb naturwissenschaftlicher Fachrichtungen - nicht mehr möglich, ja unsinnig.

Die Physik brauche Philosophie ebensosehr wie Vögel Ornithologen brauchen hat sinngemäß mal jemand geschrieben (weiß nicht mehr wer). Alles was ich von und über den aktuell spektakulärsten und erfolgreichsten Physiker, Nima Arkani-Hamed, gehört und gelesen habe, geht allerdings eher in eine andere Richtung. Da herrscht eine Art Komplementarität zwischen Spezialisierung (Quantentheorie) und grundsätzlichen Fragen nach dem Aufbau und dem Ursprung der Raum-Zeit, die ans Philosophische reichen.

Ich hab' mir für 2017 vorgenommen das aktuelle Buch von Karen Barad ("Verschränkungen") zu lesen. Mal sehen.
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Re: Gender Studies Wissenschaft oder Ideologie?

Beitragvon Zunder » Do 12. Jan 2017, 14:20

schokoschendrezki hat geschrieben:(12 Jan 2017, 09:52)

Und ob! Biologische Systeme etwa verdanken ihre Stabilität nicht zuletzt der Energiezufuhr von außen, die der (ansonsten erfolgenden) Entropiezunahme entgegenwirkt.

Hab' ich falsch verstanden, sorry.
Ich bin von der Gesamt-Entropie ausgegangen, bei der es eine Energiezufuhr gar nicht geben kann.
Auf offene Sub-Systeme trifft das natürlich zu.

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