Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

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Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon Provokateur » Di 19. Apr 2016, 19:04

Was bedeutet Toleranz?

Das Wort entlehnt sich aus dem lateinischen "tolerare", was "erdulden" oder "ertragen" heißt. Später wurde der Begriff ausgeweitet, auf das Hinnehmen einer anderslautenden Meinung. Und damit wurde seine ursprüngliche Bedeutung verfälscht.

Denn grundsätzlich teilt sich alles, was wahrnehmbar ist, in drei Kategorien:

1) Es gibt Dinge, die kann die von ihnen betroffene Person akzeptieren. Das bedeutet, er erkennt sie in ihrer Wesenheit an und betreibt keinerlei Aufwand, um sie zu ändern.

2) Es gibt Dinge, die werden von der betroffenen Person nicht akzeptiert. Hier finden verschiedene Versuche statt, diese Dinge zu ändern, weil sie einerseits ein Problem in der Weltwahrnehmung des Rezipienten darstellen ("kognitive Dissonanz") oder andererseits eine Bedrohung für Leib, Leben, Besitz und/oder geistige Gesundheit darstellen.

3) Hintergrundrauschen, Nichtwahrnehmbares, Ausgeblendetes (zum Beispiel die Tatsache, dass jeder jederzeit ein Stück seiner Nase sieht, das Gehirn aber beschließt, diese Information aufgrund von Irrelevanz auszublenden - wenn ihr euch konzentriert, könnt ihr das sehen. Und habt es im nächsten Moment vergessen. Aber herzlichen Glückwunsch, jetzt konzentriert ihr euch auf eure Atmung. Und atmet bewusst Habt ihr vorher auch nicht gemacht, oder?) - Dinge, die schlicht keine oder noch keine Bedeutung haben.

Wo findet sich jetzt die Toleranz? Von dem, was wir gelernt haben, würden wir das der Nummer 1 zuordnen. Aber halt - hier ist die Akzeptanz. Ich kann auch Meinungen akzeptieren, wenn sie von meiner abweichen. Das bedeutet aber nicht, dass ich sie ertrage wie ein schmerzendes Knie - welches jeder übrigens durch Entlastung oder andere Haltung zu einem nicht mehr schmerzenden Knie verwandeln versucht, weil hier auch keine Toleranz vorliegt, sondern Schmerz. Und den genießen (--> akzeptieren) nur wenige Menschen. Selbst bei unvermeidbaren Schmerzen, zum Beispiel bei hartem Training oder danach, erinnert sich jeder daran zurück, wie es ohne Schmerzen war und freut sich darauf, wie es sein wird, wenn er wieder schmerzfrei ist.

Im Spannungsfeld zwischen Akzeptanz und Antiakzeptanz ist für Toleranz schlicht kein Platz.

Entweder die betroffene Person akzeptiert, dass eine andere Meinung existiert. Dann schütteln beide Meinungsträger die Hand, sagen "Ich habe meine Meinung, du deine, aber es gibt bestimmt andere Bereiche, in denen wir ähnlicher Meinung sind" und jeder geht seiner Wege.
Oder sie akzeptiert es nicht. Dann werden bestimmte Eskalationsstufen, beginnend mit demonstrativem Ignorieren über Gegenrede bis hin zu - auch tödlicher - Gewalt durchgespielt, bis die Situation bereinigt ist. Das bedeutet, bis nur noch eine Meinung geäußert wird.

Und da sind wir nur im Bereich der Meinungen. Richtig abstrus wird es, wenn es um Hautfarbe oder Sexualität geht, also nicht Meinungen, sondern Eigenheiten der Personen.

"Ich bin tolerant! Ich habe schwarze Freunde!"

Aha, du erträgst es, dass deine Freunde eine andere Hautfarbe haben? Brennt das ein wenig in den Augen, aber gerade nicht so schlimm, dass du sie in einem Gespräch noch lange genug anblicken kannst, um nicht unhöflich zu wirken?

"Ich toleriere Schwule!"

Nun, es wird dir nix anderes übrig bleiben, denn die existieren, ob du das nun gut findest oder nicht. Aber warum erdulden? Erstens ist es ziemlich schwul, sich darum zu kümmern, was andere Männer so mit ihrem Schwanz anstellen, zweitens, wenn du nicht schwul bist, hast du durch die Existenz der Schwulen wohl eher einen Vorteil als einen Nachteil - denn wenn zwei Männer einander lieben, kommen bei einer ausgewogenen Bevölkerungspyramide gleich zwei Frauen in deinen (hypothetischen) Paarungsverfügbarkeitspool.
Komischerweise sind Lesben deutlich weniger häufig derartigen Anfeindungen ausgesetzt. Obwohl die dieses Verhältnis eventuell wieder ausleveln, denn mit jedem Lesbenpaar verschwinden wieder zwei Frauen aus deinem (hypothetischen) Paarungsverfügbarkeitspool. Denn nein, in der Regel (no pun intended) lassen die nicht nicht als Live-Action-Dildo bei einer heißen Orgie mitmachen, auch wenn der Gedanke aufkommen mag.


Hier sind die Akzeptanzprobleme in der Regel deutlich geringer. Aber das ist ein Thema für einen anderen Strang.

Was also bleibt von der Toleranz?

Nicht viel, wie ich finde. Das bedeutet aber, dass "Intolerant" nicht mehr zwingend ein Schimpfwort ist, auch, wenn wir das gerne so verwenden, weil es eben bequem ist. Wir sind es gewohnt. Es ist wohlig, warm, bekannt und ein Schwert, dessen wir uns gerne bedienen.

Aber bei genauer Betrachtung ist es stumpf. Denn niemand toleriert. So etwas zu behaupten wäre - eine Lüge.
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Re: Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon 3x schwarzer Kater » Di 19. Apr 2016, 19:08

Sehr gut dargestellt.

Vielleicht ist aber Toleranz auch der erste Schritt zur Akzeptanz.
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Re: Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon Provokateur » Di 19. Apr 2016, 19:15

Danke für die Blumen. :)

Ich glaube aber schlicht, dass Toleranz, egal, in welchem Bereich, nicht existent ist.

Jeder kann seinen Blick auf die Welt und damit sein Akzeptanzspektrum ändern. Buddhisten versuchen, alles zu akzeptieren, weil damit jedes Begehren stirbt und dadurch auch jeder Schmerz.

Aber ertragen bedeutet schon akzeptieren. Ich mache trotz einem Hemmnis weiter - das bedeutet, ich mache weiter. Einen Baum bewertet man nach seinen Früchten, nicht nach seinen Wurzeln, besagt ein arabisches Sprichwort. Was hinten rauskommt ist "weitermachen". Also Akzeptanz.
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Re: Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon BingoBurner » Di 19. Apr 2016, 19:18

Provokateur hat geschrieben:(19 Apr 2016, 20:04)

Denn niemand toleriert. So etwas zu behaupten wäre - eine Lüge.


Du bist oder warst noch nie verheiratet oder ?

Mal ernsthaft, wenn ich den Gedankengängen richtig folge führt es über kurz oder lang immer zu einer Eskalation ?
Bis "Nur einer (Meinung/Auffassung) übrig bleibt" ?

Nun, wir erklärst du dir den eine bunte Welt ?
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Re: Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon Quatschki » Di 19. Apr 2016, 19:23

Toleranz ist die Abweichung von der Norm, die man noch akzeptieren kann.
Was nicht innerhalb der Toleranzgrenzen liegt, ist Ausschuß oder muß nachbearbeitet werden.
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Re: Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon Adam Smith » Di 19. Apr 2016, 19:23

Der eine kann mehr Lärm ertragen oder tolerieren als der andere. Eine Person kann länger warten als die andere Person ohne sich zu beschweren. Es gibt also etwas was einen stört, aber es ist noch nicht dermassen störend, dass aktiv versucht wird das Problem zu beseitigen.
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Re: Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon Milady de Winter » Di 19. Apr 2016, 19:29

Ich unterscheide zwischen Akzeptanz und Toleranz. Inhaltlich. Die Akzeptanz ist für mich positiver besetzt als die Toleranz. Was sie gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass beides keine aktive Ablehnung zur Folge hat. Aber für mich koexistieren die beiden Begriffe.
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Re: Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon Provokateur » Di 19. Apr 2016, 19:33

BingoBurner hat geschrieben:(19 Apr 2016, 20:18)

Du bist oder warst noch nie verheiratet oder ?


Ich habe eine Langzeitbeziehung von fast 11 Jahren hinter mir. Aber ich glaube, ich weiß, worauf du hinaus willst.

Man muss die andere Person akzeptieren, auch wenn es Verhalten gibt, welches einem selber nicht gefällt. Natürlich gibt es Streit in einer Beziehung. Dieser dient aber dazu, entweder das Akzeptanzspektrum einer oder der anderen Person zu erweitern. Ist das nicht möglich, zerbricht die Beziehung.

BingoBurner hat geschrieben: Mal ernsthaft, wenn ich den Gedankengängen richtig folge führt es über kurz oder lang immer zu einer Eskalation ?
Bis "Nur einer (Meinung/Auffassung) übrig bleibt" ?


Solange es noch Raum gibt, um einander zu ignorieren, muss es zu keiner Begegnung kommen. Aber jeder hat seinen Bereich des Akzeptablen abgesteckt.

BingoBurner hat geschrieben:Nun, wir erklärst du dir den eine bunte Welt ?
Weil es genug Platz gab um sich aus dem Weg zu gehen ?


Joa, so ziemlich. Wobei ich "bunt" etwas irritierend finde, es ist ja nicht so, dass es keine versuchten Genozide in der jüngeren Vergangenheit gab. Wobei man die "Cagots" eventuell als schleichenden, aber vollendeten Genozid betrachten könnte, aber das ist auch wieder ein Thema für einen anderen Strang.

Sagen wir lieber: Die Welt ist "divers". Es gibt unterschiedliche Meinungen, auch unvereinbare. Hier gilt es, eine Begegnung zu vermeiden, damit der tatsächliche Konflikt nicht erst entsteht.

Quatschki hat geschrieben:Toleranz ist die Abweichung von der Norm, die man noch akzeptieren kann.
Was nicht innerhalb der Toleranzgrenzen liegt, ist Ausschuß oder muß nachbearbeitet werden.


Dummerweise gibt es weder bei Meinungen noch bei Eigenschaften eine in Stein gemeißelte Norm, sondern das ist immer selbstbestimmt durch den Betrachter.

Adam Smith hat geschrieben:Der eine kann mehr Lärm ertragen oder tolerieren als der andere. Eine Person kann länger warten als die andere Person ohne sich zu beschweren. Es gibt also etwas was einen stört, aber es ist noch nicht dermassen störend, dass aktiv versucht wird das Problem zu beseitigen.


Der eine akzeptiert den Lärm. Er fügt ihn seiner Welt hinzu und lebt damit. Der andere hält sich die Ohren zu oder bollert nachts beim Nachbarn drüber mit dem Besen an die Decke, während er in der anderen Hand schon den Telefonhörer hat, um die Polizei zu rufen.

Auch warten ist Akzeptanz- Und irgendwann ist die Akzeptanzgrenze erreicht. Entweder ich kann die Störung hinnehmen, oder ich versuche, sie zu beseitigen. Das ist aber nicht tolerant.

Wir sind hier in einem binären Verhaltensbereich. Weitermachen wie bisher (=akzeptieren) oder abweichen vom Ursprungsverhalten mit dem Ziel der Störungsbeseitigung (anti-akzeptieren).
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Re: Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon Billie Holiday » Di 19. Apr 2016, 19:35

Ich toleriere Dinge, die ich hinnehmen muß, aber letztlich ablehne oder nicht gut finde oder die mir eher gleichgültig sind.
Akzeptanz ist was anderes, positiver, wie Milady schon sagt.
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Re: Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon Charles » Di 19. Apr 2016, 19:36

Provokateur hat geschrieben:(19 Apr 2016, 20:15)
Aber ertragen bedeutet schon akzeptieren.


Laut wikipedia bedeutet "Akzeptanz":

Akzeptanz (von lat. „accipere“ für gutheißen, annehmen, billigen) ist eine Substantivierung des Verbes akzeptieren, welches verstanden wird als annehmen, anerkennen, einwilligen, hinnehmen, billigen, mit jemandem oder etwas einverstanden sein.


und:

Akzeptanz drückt ein zustimmendes Werturteil aus und bildet demnach den Gegensatz zur Ablehnung (Aversion).


https://de.wikipedia.org/wiki/Akzeptanz

Etwas zu tolerieren bedeutet nicht es zu akzeptieren. Man kann auch etwas ertragen, das man nicht akzeptiert, sondern sogar stark ablehnt.

Ich würde sogar sagen, wenn man etwas akzeptiert (=damit einverstanden ist, ein zustimmendes Werturteil gebildet hat), dann braucht es keine Toleranz mehr. Denn wenn man etwas selbst gut findet, muss man es nicht mehr "ertragen".
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Re: Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon Provokateur » Di 19. Apr 2016, 19:39

Charles hat geschrieben:(19 Apr 2016, 20:36)
Etwas zu tolerieren bedeutet nicht es zu akzeptieren. Man kann auch etwas ertragen, das man nicht akzeptiert, sondern sogar stark ablehnt.


Und das stelle ich in Abrede. Weil es eben die von mir weiter oben erwähnten zwei Verhaltenspfade gibt.

Entweder ich belasse es dabei, oder ich versuche, es zu ändern. Was ich dabei denke, ist irrelevant.
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Re: Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon Milady de Winter » Di 19. Apr 2016, 19:40

Provokateur hat geschrieben:(19 Apr 2016, 20:39)

Und das stelle ich in Abrede. Weil es eben die von mir weiter oben erwähnten zwei Verhaltenspfade gibt.

Entweder ich belasse es dabei, oder ich versuche, es zu ändern. Was ich dabei denke, ist irrelevant.

Warum? Weil das Ergebnis ggf. dasselbe ist? In meinen Augen hat der Unterschied zwischen Akzeptanz und Toleranz aber in nächster Instanz starken Einfluss auf das weitere Geschehen...
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Re: Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon Liegestuhl » Di 19. Apr 2016, 19:43

Toleranz nützt doch nur den Rücksichtlosen. Ich toleriere nicht. Ich nehme stillschweigend zur Kenntnis.

Noch.
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Re: Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon Charles » Di 19. Apr 2016, 19:59

Provokateur hat geschrieben:(19 Apr 2016, 20:39)
Und das stelle ich in Abrede. Weil es eben die von mir weiter oben erwähnten zwei Verhaltenspfade gibt.

Entweder ich belasse es dabei, oder ich versuche, es zu ändern. Was ich dabei denke, ist irrelevant.


Das verstehe ich nicht. Ich kann doch z.B. etwas ablehnen und versuchen durch Argumente meine Ablehnung zum Ausdruck zu bringen und andere zu überzeugen. Dennoch kann ich diese Sache vielleicht noch gerade so ertragen/dulden, wenn sie vorkommt.
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Re: Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon BingoBurner » Di 19. Apr 2016, 20:04

Provokateur hat geschrieben:(19 Apr 2016, 20:33)

Ich habe eine Langzeitbeziehung von fast 11 Jahren hinter mir. Aber ich glaube, ich weiß, worauf du hinaus willst.

Man muss die andere Person akzeptieren, auch wenn es Verhalten gibt, welches einem selber nicht gefällt. Natürlich gibt es Streit in einer Beziehung. Dieser dient aber dazu, entweder das Akzeptanzspektrum einer oder der anderen Person zu erweitern. Ist das nicht möglich, zerbricht die Beziehung.



Solange es noch Raum gibt, um einander zu ignorieren, muss es zu keiner Begegnung kommen. Aber jeder hat seinen Bereich des Akzeptablen abgesteckt.



Joa, so ziemlich. Wobei ich "bunt" etwas irritierend finde, es ist ja nicht so, dass es keine versuchten Genozide in der jüngeren Vergangenheit gab. Wobei man die "Cagots" eventuell als schleichenden, aber vollendeten Genozid betrachten könnte, aber das ist auch wieder ein Thema für einen anderen Strang.

Sagen wir lieber: Die Welt ist "divers". Es gibt unterschiedliche Meinungen, auch unvereinbare. Hier gilt es, eine Begegnung zu vermeiden, damit der tatsächliche Konflikt nicht erst entsteht.



Dummerweise gibt es weder bei Meinungen noch bei Eigenschaften eine in Stein gemeißelte Norm, sondern das ist immer selbstbestimmt durch den Betrachter.



Der eine akzeptiert den Lärm. Er fügt ihn seiner Welt hinzu und lebt damit. Der andere hält sich die Ohren zu oder bollert nachts beim Nachbarn drüber mit dem Besen an die Decke, während er in der anderen Hand schon den Telefonhörer hat, um die Polizei zu rufen.

Auch warten ist Akzeptanz- Und irgendwann ist die Akzeptanzgrenze erreicht. Entweder ich kann die Störung hinnehmen, oder ich versuche, sie zu beseitigen. Das ist aber nicht tolerant.

Wir sind hier in einem binären Verhaltensbereich. Weitermachen wie bisher (=akzeptieren) oder abweichen vom Ursprungsverhalten mit dem Ziel der Störungsbeseitigung (anti-akzeptieren).


Ich denke, du übersiehst den Faktor "Ist mir doch egal" in deiner Überlegung.

Momentan läuft Werder gegen Bayern.
Ich brenne, juckt dich das ?

Cooperation in ist der Natur mindestens genau so wichtig wie " Survival of the Fittest "
Nimm Darmbakterien. Sie werden von deinem Immunsystem nicht attackiert solange sie dir helfen......

Jetzt aber wieder zum Fussball :)
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Re: Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon Provokateur » Di 19. Apr 2016, 20:16

Milady de Winter hat geschrieben:(19 Apr 2016, 20:40)

Warum? Weil das Ergebnis ggf. dasselbe ist? In meinen Augen hat der Unterschied zwischen Akzeptanz und Toleranz aber in nächster Instanz starken Einfluss auf das weitere Geschehen...


Inwiefern?

Das interessante und wichtige ist doch: Niemand hat einen sicheren "Hebel", um die Meinung des Gegenüber zu ändern. Ich kann diese Meinung akzeptieren und damit leben.
Wer einen grimmigen Blick aufsetzt und sagt "Ich toleriere das!" erstellt Subtext, der ungesagte Folgehalbsatz lautet "...aber ich gebe dir durch meine Haltung und mein Verhalten, wenn du diese Meinung äußerst, zu verstehen, dass ich dir wohlgesonnener wäre, wenn du eine andere Meinung hast."
Und das ist schon Antiakzeptanz. Denn der Betroffene kann nicht hinnehmen, was er hier erfährt, ist aber gezwungen, seine Antiakzeptanz auf ein sozial akzeptiertes Level herabzufahren, da er ansonsten Konsequenzen (= eine Strafe) fürchten muss.
Er wird dennoch alles tun, was innerhalb dieses Rahmens geht, um die Meinung zu ändern, und sei es durch demonstratives Missfallen oder Vermeidung der Begegnung.

Charles hat geschrieben:
Das verstehe ich nicht. Ich kann doch z.B. etwas ablehnen und versuchen durch Argumente meine Ablehnung zum Ausdruck zu bringen und andere zu überzeugen. Dennoch kann ich diese Sache vielleicht noch gerade so ertragen/dulden, wenn sie vorkommt.


Dann erträgst du sie ja gerade nicht, sondern bemühst dich, sie in etwas erträgliches, d.h. akzeptables zu verwandeln. Innerhalb des von dir akzeptieren Methodenrahmens (zu dem auch tödliche Gewalt gehören könnte, wobei ich das niemandem unterstelle; das machen aber dennoch einige und bekommen dann eine Strafe, wenn sie ertappt werden) wirst du so lange Handeln, bis der von dir akzeptierte Zustand hergestellt ist oder deine Persistenz wird aufgebraucht und du wendest dich ab. Dann vermeidest du weitere Begegnungen.

BingoBurner hat geschrieben:
Ich denke, du übersiehst den Faktor "Ist mir doch egal" in deiner Überlegung.


Habe ich in meinem Eingangstext erwähnt. Deine Nase.

BingoBurner hat geschrieben:Momentan läuft Werder gegen Bayern.
Ich brenne, juckt dich das ?


Wenn das stimmt, bin ich nicht der richtige Ansprechpartner, sondern die Jungs unter der 112. Sprich schnell, sonst schmilzt das Telefon in deiner Hand.

BingoBurner hat geschrieben:Cooperation in ist der Natur mindestens genau so wichtig wie " Survival of the Fittest "
Nimm Darmbakterien. Sie werden von deinem Immunsystem nicht attackiert solange sie dir helfen......


Richtig, mein Körper akzeptiert diese, solange diese dem Körper nicht schaden. Wird ein inakzeptabler Zustand hergestellt, wird der Körper tätig, um den Urzustand oder einem dem Urzustand angemessen ähnlichen Zustand herzustellen.
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Re: Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon BingoBurner » Di 19. Apr 2016, 20:31

Provokateur hat geschrieben:(19 Apr 2016, 21:16)

Wird ein inakzeptabler Zustand hergestellt, wird der Körper tätig, um den Urzustand oder einem dem Urzustand angemessen ähnlichen Zustand herzustellen.


Ähm nö, wie erklärst du dir sonst den Blinddarm ?
"Egal" reicht nicht. Vorteil ist das Zauberwort.

Umgekehrt..... "ist mir doch egal" .....ist völlig ausreichend für den "Beweiß" von Toleranz und dessen Sinnhaftigkeit oder nicht ?
Gut, ich hebe das jetzt vielleicht auf eine "Metaebene" der Biologie.
Aber wie gesagt Werder gegen Bayern.
1 : 0 durch Müller nur mal so am Rande.....
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Re: Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon Charles » Di 19. Apr 2016, 20:33

Provokateur hat geschrieben:(19 Apr 2016, 21:16)
Dann erträgst du sie ja gerade nicht, sondern bemühst dich, sie in etwas erträgliches, d.h. akzeptables zu verwandeln.


Toleranz bedeutet für mich, dass man etwas erträgt, auch wenn man es selbst schlecht/falsch findet.

Akzeptanz bedeutet für mich, dass man sich selbst ein zustimmendes Werturteil zu etwas gebildet hat und es aus dieser Überzeugung heraus gutheisst.

Das sind für mich zwei völlig verschiedene Dinge.
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Re: Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon Provokateur » Di 19. Apr 2016, 20:36

BingoBurner hat geschrieben:(19 Apr 2016, 21:31)

Ähm nö, wie erklärst du dir sonst den Blinddarm ?
"Egal" reicht nicht. Vorteil ist das Zauberwort.


Richtig. Man munkelt, er diene als Rückzugsraum zur Wiederbesiedelung durch nützliche Darmbakterien, sollten andersartige Mikroorganismen zur schwallartigen Selbstausräumung des gesamten Darmtraktes führen. Die Evolution begünstigt keinen sinnlosen Ballast, er wird langsam, aber sicher verschwinden.

BingoBurner hat geschrieben:(19 Apr 2016, 21:31)
Umgekehrt..... "ist mir doch egal" .....ist völlig ausreichend für den "Beweiß" von Toleranz und dessen Sinnhaftigkeit oder nicht ?
Gut, ich hebe das jetzt vielleicht auf eine "Metaebene" der Biologie.


Nein, denn was mir wirklich egal ist, nehme ich entweder wahr und akzeptiere es oder ich nehme es nicht bewusst wahr und kann keine Entscheidung treffen.
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Re: Ethik: Warum Toleranz eine bequeme Lüge ist

Beitragvon Provokateur » Di 19. Apr 2016, 20:38

Charles hat geschrieben:(19 Apr 2016, 21:33)

Toleranz bedeutet für mich, dass man etwas erträgt, auch wenn man es selbst schlecht/falsch findet.

Akzeptanz bedeutet für mich, dass man sich selbst ein zustimmendes Werturteil zu etwas gebildet hat und es aus dieser Überzeugung heraus gutheisst.

Das sind für mich zwei völlig verschiedene Dinge.


Es geht um Verhalten, nicht um Gedanken. Was am Ende dabei rauskommt und sich konkret als Handlung manifestiert.

Wie bereits gesagt, der Baum wird nach seinen Früchten beurteilt und nicht nach seinen Wurzeln. Was du dir dabei denkst, wenn du handelst, spielt für die Handlung keine Rolle.
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