Der naturalistische Fehlschluss

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BlueMonday
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Re: Der naturalistische Fehlschluss

Beitragvon BlueMonday » Mi 30. Mai 2018, 11:05

Fliege hat geschrieben:(29 May 2018, 01:19)

Hübner dürfte eher dies im Auge haben: "Im [...] aussagenlogischen Sinn ist eine zusammengesetzte Aussage genau dann eine Tautologie, wenn sie wahr ist unabhängig davon, ob die Teilaussagen, aus denen sie zusammengesetzt ist, ihrerseits wahr oder falsch sind."


"Eine aussagenlogische Tautologie ist zum Beispiel die Disjunktion „Entweder es regnet, oder es regnet nicht“: Unabhängig davon, ob die in ihr vorkommende Aussage „Es regnet“ wahr ist oder nicht, ist die ganze Aussage wahr:"

Nur sind die Teile keine Behauptungen mit empirischen Gehalt. Es wird nicht behauptet, dass es während der Aussage regnet. Oder dass es nicht regnet. Insofern kann da nichts wahr oder falsch in Teilen sein.
Es wird hingegen behauptet, dass zu jeder Zeit, auch während der Aussage, es entweder regnet oder nicht regnet. Man legt damit alle denkbaren Möglichkeiten fest ("garbage in"). Und schließt dann zwingend im zweiten Schritt, dass es ja gar nicht anders sein kann, als dass eine der Möglichkeiten immer zutrifft, denn andere Möglichkeiten gibt es nicht. So hat man es ja zuvor festgelegt ("same garbage out"). Das ist absolut richtig, aber eben auch hohl und leer. Das macht die Tautologie aus.
Sie ist immer wahr, weil keinerlei fallibler Raum gelassen wurde. Das Festgelegte ist identisch mit dem Festgelegten.

Fallible (und damit gehalt- bzw. sinnvolle) Aussagen sind dann hingegen: Morgen wird es im Laufe des Tages in Deutschland regnen. Das kann der Fall sein oder auch nicht, und es kann geprüft werden. Und es ist ein induktiver Schluss, durch die Meteorologie bspw, die dann Luftströmungen etc. extrapoliert. Dieser Schluss kann falsch sein oder richtig. Man kann darüber streiten (unterschiedlich extrapolieren). Man kann verschiedene Vorhersagen treffen, Schlüsse ziehen, aber keiner ist zwingend.
Oder so gesagt: sinnvolle Schlüsse sind in der Regel keine zwingenden Schlüsse.

Und so ist es nicht anders bei präskriptiven, normativen, moralischen Entscheidungen. Man hat zwar versucht, sich aus der Fallibilität zu winden, etwa mit der Transzendalpragmatik (K-O. Apel, Habermas). Da behauptet man dann, dass der Sprechakt einen "performativen Inhalt" hat, der sich mit dem, was man im Sprechakt aussagt, "performativ widersprechen" könne. So sollen dann zwingende Schlüsse ("Letztbegründungen") möglich werden. Aber das ist bei näherer Betrachtung auch Humbug. Schon aus dem Grunde, dass Aussagen über den vermeintlich "performative Gehalt" fallible sind. Also bspw. könnte man behaupten, dass wenn jemand eine Aussage macht, er ja lebendig sein muss, sich ernährt haben muss zuvor, praktisch in einer Gesellschaft leben muss, die ihm ermöglicht, überhaupt Aussagen machen zu können... also kann er nicht widerspruchsfrei gegen eine solche Gesellschaft argumentieren(dass sie nicht sein soll), er würde sich performativ widersprechen.
But who would build the roads?

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