Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

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Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Progressiver » Mi 27. Sep 2017, 23:11

Heute lief auf arte.tv eine Dokumentation über Nietzsche, die ich euch nicht vorenthalten will:

https://www.arte.tv/de/videos/062255-00 ... nietzsche/

Aus der Beschreibung des Senders:

Aufklärer, Visionär, Vordenker totalitärer Systeme – ist Nietzsche wirklich der, für den wir ihn halten? Das "Gehirn" des 20. Jahrhunderts? Was waren seine Ideen, und was wird dafür gehalten? Und wer ist seine Schwester? Welchen Einfluss hatte sie auf ihren Bruder? Die Doku bringt einen Fälschungsskandal ans Licht, der in der deutschen Geistesgeschichte beispiellos ist.
Aufklärer, Visionär, Vordenker totalitärer Systeme – ist Nietzsche wirklich der, für den wir ihn halten? Was waren seine Ideen, und was wird dafür gehalten? Und welchen Einfluss hatte seine Schwester auf ihren Bruder? „Wahnsinn! Nietzsche!“ bringt einen Fälschungsskandal ans Licht, der in der deutschen Geistesgeschichte beispiellos ist. Nach einem Zusammenbruch verbringt der bis dahin nahezu unbekannte Philosoph sein Dasein in vollkommener geistiger Umnachtung. Seltsam ist: Nietzsche wird nach seinem Zusammenbruch plötzlich über Nacht berühmt. Seine Bücher finden reißenden Absatz, Millionen erklären Gott endgültig für tot und Nietzsche zum Propheten ihrer schöpferischen Befreiung. Nicht nur das linke, auch das rechte Spektrum beruft sich auf Nietzsche. Der aufstrebende Adolf Hitler beruft sich auf den Philosophen als seinen ideologischen Vordenker. Das prägt das Bild Nietzsches: Bis heute gilt er als der große Blut- und Bodenphilosoph, als Autor des Werks „Der Wille zur Macht“. Doch gerade hier gibt es Zweifel: Wann soll Nietzsche das Buch verfasst haben, das unmittelbar nach seinem Tod auf den Markt kam? Nach seinem Zusammenbruch? Vorher? Oder ist das einflussreiche Werk eine Fälschung? Und ist Nietzsches eigene Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche dafür verantwortlich? „Wahnsinn! Nietzsche!“ ermittelt die Hintergründe und Folgen einer kriminellen Werkfälschung im Stil eines modernen Untersuchungsverfahrens. Die Geschichte führt aber auch in die Abgründe einer ungewöhnlich engen Geschwisterbeziehung und macht den Philosophen Friedrich Nietzsche als Menschen spürbar.


Leider ist die Sendung nur bis 4.10.2017 in der Arte-Mediathek abrufbar.

Oder, um die Hauptthesen der Dokumentation in meinen eigenen Worten in Kürze wiederzugeben:

Friedrich Nietzsche war bekanntlich mal ein Anhänger Richard Wagners. Während er sich aber mit diesem verwarf, hielt seine Schwester dem Komponisten die Treue. Friedrich Nietzsche schaffte es dann, in seinen letzten Jahren vor seinem Zusammenbruch, trotz rasender Kopfschmerzen und anderer Gebrechen seine größten Werke niederzuschreiben. Seine Schwester heiratete derweil einen Antisemiten und versuchte erfolglos in Südamerika eine Kolonie von Deutschen aufzubauen. Als sie wieder nach Deutschland kam, fand sie den gebrochenen Bruder und benutzte ihn, um selbst als Verwalterin seiner Schriften groß herauszukommen. Dazu war ihr jeder Mittel recht: Sie verfälschte mit geradezu krimineller Energie sein Werk und schob ihm das Buch "Der Wille zur Macht" unter, das dieser nie so hätte schreiben können oder wollen. Elisabeth schaffte es so, verkürzt gesagt, Friedrich Nietzsche als angeblichen Vorkämpfer einer Herrenrasse zu installieren, auf den sich die Deutschen insbesondere unter Hitler berufen konnten. Mit ihrem eigenen Willen zur Macht schaffte sie es dann, für die Mächtigen Deutschlands zu einer wichtigen Person zu werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg war dann natürlich der Philosoph selbst als "Blut- und Bodenphilosoph" verfemt, der den Nazis angeblich den Boden bereitete. Tatsächlich waren er und sein Werk nur Opfer der Machenschaften seiner Schwester.

Erst heute entdeckt die Nietzsche-Forschung, welche Philosophie er erfand. Er verabscheute jegliche Deutschtümelei sowie Antisemitismus. Und der Übermensch aus Zarathustra war eher der Eremit, der als radikaler Individualist über allen menschlichen Dingen stand. Anstatt eine Herrenrasse zu propagieren, lautete einer seiner Wahlsprüche: "Werde, der du bist".

In diesem Thread will ich die Philosophie Friedrich Nietzsches diskutieren. Ebenso aber den Punkt, wieso es über hundert Jahre gebraucht hat, bis man allmählich den wahren Nietzsche entdecken konnte. Inwieweit ist der wahre Nietzsche heute von Bedeutung? Wo ist er noch unverstanden? Was kann er uns noch sagen? Und warum wurde dieser Fälschungsskandal nicht schon früher aufgedeckt?
Zuletzt geändert von Progressiver am Do 28. Sep 2017, 18:56, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Friedrick Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Provokateur » Do 28. Sep 2017, 05:08

Nietzsche hat die angenehme Eigenschaft, dass man aus ihm alles heraus- oder hineinlesen kann, was man möchte. Er war so wenig konkret und vergeistigt, dass man ihn zwingend interpretieren muss...und was dabei herauskommt, bleibt einem selbst überlassen.
Harry riss sich die Augen aus dem Kopf und warf sie tief in den Wald. Voldemort schaute überrascht zu Harry, der nun nichts mehr sehen konnte.
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Re: Friedrick Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Alpha Centauri » Do 28. Sep 2017, 09:47

Provokateur hat geschrieben:(28 Sep 2017, 06:08)

Nietzsche hat die angenehme Eigenschaft, dass man aus ihm alles heraus- oder hineinlesen kann, was man möchte. Er war so wenig konkret und vergeistigt, dass man ihn zwingend interpretieren muss...und was dabei herauskommt, bleibt einem selbst überlassen.


Interpretation ist alles. :cool:
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Re: Friedrick Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Provokateur » Do 28. Sep 2017, 09:51

Alpha Centauri hat geschrieben:(28 Sep 2017, 10:47)

Interpretation ist alles. :cool:


Klassiker bei Nietzsche:
Wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht!


Die eine Auslegung: Das Weib sei zu peitschen.
Die andere Auslegung: Der Mann soll sich selber züchtigen, um seine Triebe zu bändigen.
Harry riss sich die Augen aus dem Kopf und warf sie tief in den Wald. Voldemort schaute überrascht zu Harry, der nun nichts mehr sehen konnte.
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Re: Friedrick Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Progressiver » Do 28. Sep 2017, 18:53

Provokateur hat geschrieben:(28 Sep 2017, 06:08)

Nietzsche hat die angenehme Eigenschaft, dass man aus ihm alles heraus- oder hineinlesen kann, was man möchte. Er war so wenig konkret und vergeistigt, dass man ihn zwingend interpretieren muss...und was dabei herauskommt, bleibt einem selbst überlassen.


Das kommt darauf an. Wenn man das durch seine Schwester verfälschte Bild nimmt, die ihm das Werk "Der Wille zur Macht" unterschob, dann hätte er ein festes Theoriegebäude gebaut, dass zutiefst antidemokratisch erschiene. Tatsächlich war er aber aufgrund seines labilen Gesundheitszustandes dazu immer weniger in der Lage. Und im Gegensatz zu Elisabeth Förster-Nietzsche, die er als "Lama" verspottete und als solche nicht mochte, war er in späteren Jahren ein Gegner des Antisemiten Richard Wagners. Und gegen das, was seine Schwester und spätere Generationen -von der Zeit des Ersten Weltkriegs bis hin zu Hitler- mit ihm machten, konnte er sich ja nicht wehren. Erst allmählich entdeckte man dann aber, wie er wirklich dachte.

Meine Einschätzung: Natürlich war seine Schreiberei immer auch ein Kampf gegen seine Erkrankung. Deswegen konnte er nur in Aphorismen schreiben. Wie die Dokumentation aber zeigt, ist das revolutionäre an seiner Philosophie die radikale individualistische Sicht in einer Zeit, in der die Industrialisierung in Deutschland immer weiter fortschritt. Und er schaffte etwas, das andere nicht können: Er stellte alles in Frage, was den Deutschen wichtig war. Und gerade sein berühmtestes Zitat "Gott ist tot. Gott bleibt tot. Und wir haben ihn getötet." zeigt auch auf, was er für ein Genie war. Ein anderes, in diesem Zusammenhang, passendes, lautet bekanntlich "Ich bin kein Mensch. Ich bin Dynamit."

Was mich betrifft, so war Nietzsche gegen Ende der Schulzeit wohl der erste Philosoph, der mich näher interessierte. Gerade auch wegen seines Zitats "Gott ist tot" übte er auf mich eine Faszination aus, da ich auch in der Pubertätszeit zum Atheisten geworden war. Und in solchen Aussagen ist er wohl eindeutig zu interpretieren, da er klar gegen die Religion Stellung bezieht. Ob ich später seinen "Zarathustra" verstanden hatte, kann ich nicht so ohne weiteres bejahen. Aber das ist wohl auch das Problem vieler anderer Philosophen, die jeder auf seine Art völlig unlesbare Bücher geschrieben haben, um mit ihnen komplexe Theoriegebäude aufzubauen. Da lese ich dann doch lieber Sekundärliteratur über sie.

Nietzsches Verdienst ist es jedenfalls meiner Ansicht nach, dass er alle Werte seiner Zeit infrage stellen konnte. Und auch, was das Aufkommen des Nihilismus betraf, so hatte er wohl Recht, wie das 20. Jahrhundert bis 1945 es zeigte. Er selbst war aber anscheinend kein Nihilist, sondern versuchte nur, durch die Alpen wandernd wie sein Zarathustra, so über den Dingen und allem Menschlichen zu stehen, dass er, wenn möglich, weder Schmerz noch Leid, weder Freund noch Feind mehr kannte. Und in diesem Versuch, in sich selbst diesen sogenannten "Übermenschen" zu finden, ähnelt er manchen Autoren zufolge wohl auch Teilen der indischen Philosophie. Zumindest die "Ewige Wiederkehr des Gleichen", von der Nietzsche schreibt, scheint sich mit dem zu ähneln, was man auch dort finden kann.

Insofern ist die Nietzsche-Forschung sicher noch lange nicht zu Ende. Und eine Anleitung zum Selber-Denken und zur Infragestellung sämtlicher althergebrachter Vorstellungen ist seine Philosophie allemal.
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Re: Friedrick Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Adam Smith » Do 28. Sep 2017, 18:59

Geht es hier um das Werk "Also sprach Zarathustra"?
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Re: Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Progressiver » Do 28. Sep 2017, 19:00

EDIT: Ich habe soeben den Titel geändert, da mir offensichtlich ein Schreibfehler unterlaufen ist. Aus "Friedrick Nietzsche" wird jetzt ganz richtig "Friedrich Nietzsche".
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Re: Friedrick Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Progressiver » Do 28. Sep 2017, 19:07

Adam Smith hat geschrieben:(28 Sep 2017, 19:59)

Geht es hier um das Werk "Also sprach Zarathustra"?


Ja, auch. Eigentlich um sein ganzes Gesamtwerk. Bzw. das, wie seine Schwester und spätere Leute ihn verfälschten. Siehe das Buch "Der Wille zur Macht", das sie ihm untergeschoben hatten.

Aber "Also sprach Zarathustra" gilt meines Wissens heutzutage als sein Hauptwerk, also quasi die Krönung seines Schaffens. Und: Der "Zarathustra" ist authentisch von ihm selbst geschrieben.
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Re: Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Perdedor » Fr 6. Okt 2017, 19:22

Progressiver hat geschrieben:In diesem Thread will ich die Philosophie Friedrich Nietzsches diskutieren. Ebenso aber den Punkt, wieso es über hundert Jahre gebraucht hat, bis man allmählich den wahren Nietzsche entdecken konnte.


Ist das denn so?
Ich bin kein Kenner, aber als ich das erste mal von Nietzsche hörte (vor ~20 Jahren), erschien er mir als dezidiert antinationalistisch, antirassistisch und insbesondere antideutsch (allerdings nicht im modernen Sinne).

Ist nicht unter anderem dieses Zitat von ihm?
"Beim Nationalismus handelt es sich um die schlechte Ausdünstung von Leuten, die nichts anderes als ihre Herden-Eigenschaften haben, um darauf stolz zu sein."

Die Nazis konnten sich eigentlich nur auf ihn berufen, wenn sie große Teile seines Werks ausblendeten.
Nietzsche ging es nach meinem Verständnis in erster Linie um Selbstverwirklichung und -optimierung. JEDER kann zum Übermenschen werden (unabhängig von Hautfarbe, Herkunft und Abstammung).
Haben ihn wirklich Leute mal anders interpretiert (außer offenbar seiner Schwester)?
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Re: Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Ein Terraner » Fr 6. Okt 2017, 19:38

Perdedor hat geschrieben:(06 Oct 2017, 20:22)

Ist das denn so?

Die Nazis konnten sich eigentlich nur auf ihn berufen, wenn sie große Teile seines Werks ausblendeten.


Das ist durchaus einigen Aufgefallen, Propaganda war wohl wichtiger.

https://de.wikipedia.org/wiki/Nietzsche ... ozialismus
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Re: Friedrick Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Zinnamon » Fr 6. Okt 2017, 19:52

Provokateur hat geschrieben:(28 Sep 2017, 10:51)

Klassiker bei Nietzsche:

Die eine Auslegung: Das Weib sei zu peitschen.
Die andere Auslegung: Der Mann soll sich selber züchtigen, um seine Triebe zu bändigen.


Die ganz andere Auslegung: wenn du ein zuvorkommender Peitschenfreund bist, nimmst du dem Weib ne Peitsche mit, denn vllt hat sie keine oder deine ist besser.

--> https://s-media-cache-ak0.pinimg.com/56 ... 351fa6.jpg

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Re: Friedrick Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Provokateur » Fr 6. Okt 2017, 20:18

Zinnamon hat geschrieben:(06 Oct 2017, 20:52)

Die ganz andere Auslegung: wenn du ein zuvorkommender Peitschenfreund bist, nimmst du dem Weib ne Peitsche mit, denn vllt hat sie keine oder deine ist besser.

--> https://s-media-cache-ak0.pinimg.com/56 ... 351fa6.jpg

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Es ist halt für jeden was dabei.
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Re: Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Boraiel » Fr 6. Okt 2017, 22:46

Bezüglich Nietzsche ist wohl das Beste, dass er in Vergessenheit gerät.
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Re: Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Ein Terraner » Fr 6. Okt 2017, 23:14

Boraiel hat geschrieben:(06 Oct 2017, 23:46)

Bezüglich Nietzsche ist wohl das Beste, dass er in Vergessenheit gerät.


Das macht Gott auch nicht mehr lebendig.
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Re: Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Boraiel » Fr 6. Okt 2017, 23:42

Ein Terraner hat geschrieben:(07 Oct 2017, 00:14)

Das macht Gott auch nicht mehr lebendig.

Stimmt, er war ja auch nie weg. :)
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Re: Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Ein Terraner » Fr 6. Okt 2017, 23:50

Boraiel hat geschrieben:(07 Oct 2017, 00:42)

Stimmt, er war ja auch nie weg. :)

Muss er auch nicht um Tod zu sein, wird wohl das Beste sein wenn er in Vergessenheit gerät.
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Re: Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Progressiver » Sa 7. Okt 2017, 21:44

Boraiel hat geschrieben:(06 Oct 2017, 23:46)

Bezüglich Nietzsche ist wohl das Beste, dass er in Vergessenheit gerät.


Bellen hier getroffene Hunde? Nietzsche gilt trotz seiner diversen Erkrankungen und seines teils aphoristischen Stils als einer der bedeutendsten deutschen Philosophen der Neuzeit! Wie viele andere Philosophen haben teils nur schwer lesbare komplizierte Werke verfasst, die dann doch substanzlos waren? Ich denke da an Heidegger oder auch Hegel. Aber die sollen hier nicht das Thema sein! So wie ich ihn bisher verstanden habe, kann seine Philosophie nicht nur selbstbefreiend wirken, sondern in seiner ganzen Sprachgewalt ist er durchaus zitierfähig und -würdig. Es scheint wohl auch Länder zu geben, in denen er als der bedeutendste deutsche Philosoph gilt. So entstand ja auch noch zu seinen Lebzeiten ein Nietzsche-Kult. Leider wurde seine Berühmtheit von seiner Schwester dazu missbraucht, ihn in ihrem Sinne zurechtzubiegen. Seit der Eiserne Vorhang gefallen ist, können jetzt aber unabhängige Forscher in seinem Archiv sich an die Arbeit machen, um ein möglichst unverfälschtes Bild von ihm in die Welt zu setzen.

Oder kannst du deine Kritik auch sachlich begründen? Liegt es in deinem Falle etwa darin, dass er eine zutiefst antichristliche Haltung hatte? Anders kann ich es mir nicht erklären. Mit seiner dezidiert antichristlichen Haltung war er aber nicht alleine. Schon Ludwig Feuerbach hat bekanntlich sinngemäß gesagt, dass die ganzen Götter quasi nur überhöhte Idealbilder des Menschen darstellen würden. Oder anders formuliert, war er der Meinung, dass der Mensch sich seine Götter nach dem eigenen Angesichte schuf. Und Nietzsche selbst war ja dann später kein Nihilist, sondern er sah ein Zeitalter des Nihilismus kommen. Und hatte er etwa Unrecht, wenn man beispielsweise an die beiden Weltkriege und den Holocaust denkt?
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Re: Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Perdedor » Sa 7. Okt 2017, 22:27

Progressiver hat geschrieben:Und Nietzsche selbst war ja dann später kein Nihilist, sondern er sah ein Zeitalter des Nihilismus kommen. Und hatte er etwa Unrecht, wenn man beispielsweise an die beiden Weltkriege und den Holocaust denkt?


Ich denke nicht, dass die Weltkriege und der Holocaust Ausdruck von Nihilismus im Nietzscheschen Sinne waren.
Sie waren ja ganz im Gegenteil auf eine sehr starke Wertebasis gegründet (Rassenreinhaltung etc.). Nach Nietzsche ist der Nihilismus gerade die Wertlosigkeit.
Nietzsche hätte vielleicht gesagt, dass Gott kurzzeitig als Untoter aus seinem Grab gestiegen ist, um den Holocaust zu verüben. Will heißen, die Urheber handelten aus absoluter Überzeugung nach ihren Werten, also quasi religiös (z.T. auch ohne quasi).
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Re: Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon BlueMonday » So 8. Okt 2017, 11:58

Ein Staatsgläubiger war er jedenfalls nicht. Die heutigen politischen Zustände wären ihm wohl hochgradig zuwider, da völlig verkommen.

Aus seinem Zarathustra:

Staat heisst das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: »Ich, der Staat, bin das Volk.«

Lüge ist's! Schaffende waren es, die schufen die Völker und hängten einen Glauben und eine Liebe über sie hin: also dienten sie dem Leben.

[...] der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch redet, er lügt – und was er auch hat, gestohlen hat er's.
Falsch ist Alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen beisst er, der Bissige. Falsch sind selbst seine Eingeweide.

Viel zu Viele werden geboren: für die Überflüssigen ward der Staat erfunden!
Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Viel-zu-Vielen! Wie er sie schlingt und kaut und wiederkäut!

»Auf der Erde ist nichts Grösseres als ich: der ordnende Finger bin ich Gottes« – also brüllt das Unthier. Und nicht nur Langgeohrte und Kurzgeäugte sinken auf die Kniee!
Ach, auch in euch, ihr grossen Seelen, raunt er seine düsteren Lügen! Ach, er erräth die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden!

[...]

Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist: da beginnt das Lied des Nothwendigen, die einmalige und unersetzliche Weise.
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Re: Friedrich Nietzsche: der verfälschte Philosoph

Beitragvon Progressiver » So 8. Okt 2017, 17:35

Nietzsche war sicher kein lupenreiner Demokrat. Wahrscheinlich verachtete er die Massen. Am glücklichsten war er sicherlich, wenn er alleine die Berge der Alpen durchstreifen konnte. Seine Philosophie versucht ja auch gar nicht, für alle gültige Gesetze und Normen zu formen, sondern wurde aus der rein individuellen Perspektive aufgeschrieben. Mit dem anderen großen Atheisten seiner Zeit, Karl Marx, konnte er ja auch nichts anfangen. Aber wahrscheinlich wurde er ja vor allem dadurch populär, weil er in einer sich industrialisierten Gesellschaft die Ebene des Individuums stark betonte. Natürlich wird sich keiner seiner Anhänger freiwillig zeitlebens in eine Berghütte verkriechen wollen, jenseits aller Zivilisation und ohne Strom und Warmwasseranschluß. Aber wenn er doch keine Ideologie begründete beispielsweise mit seiner antichristlichen Haltung, so lieferte er doch eine Ideologiekritik in einer Zeit, in der die "alten Werte" bigott und heuchlerisch erschienen. Und gerade deswegen traf er ja auch den Nerv vieler Zeitgenossen, die sich nicht mehr von der Obrigkeit sämtliche Werte und Moralvorstellungen vorschreiben lassen wollten. Dass "Gott tot sei und wir ihn getötet hätten" war doch in Philosophenkreisen schon damals nichts neues mehr. So ist der Atheismus ja seit der Antike eine europäische Konstante. Nur das Christentum hat zeitweilig diese philosophische Erkenntnis vergessen lassen. Die Philosophie Nietzsches verstehe ich daher als eine Wiedergeburt der Philosophie an sich, nachdem sie 1.400 Jahre durch Aurelius Augustinus zur Magd der Religion degradiert wurde. Nietzsche bietet also kein Weg in ein neues, besseres Zeitalter, sondern zerdeppert nur alte Gewissheiten, die schon lange nicht mehr tragen. Die Lösung muss sich das Individuum als selbst denkender Mensch selbst erschaffen. Insofern ist seine Philosophie sicher eine der Befreiung. Wenn er dann von vielen seiner Zeitgenossen nicht verstanden wurde und daher ins "Exil" in die Alpen gehen musste, so müsste es heutzutage von vielen Menschen besser verstanden werden, da er ja nur das offensichtliche aussprach. Da aber die Religionen immer noch an ihre toten Götter glauben, die Deutschtümelei -Stichwort AfD- wieder zunimmt und auch der tote Marktgott des Kapitalismus immer noch angebetet wird, ist Nietzsche aktueller denn je. Jedenfalls, wenn ich ihn richtig verstehe. In diesem Sinne habe ich auch nichts gegen einen Nihilismus im Sinne Nietzsches, wenn die alten Gewissheiten und Moralvorstellungen zerdeppert werden und die Denkfreiheit wartet. Nietzsche selbst ist letztendlich persönlich gescheitert, weil er den Kampf gegen seine Krankheiten verlor. Das hat er mit Ikarus aus der griechischen Sage gemeinsam, der der Sonne als fliegender Adler zu nahe kam und dann abstürzte. Aber unbestreitbar ist, dass Selber-Denken und eigene Wege zu finden nicht nur gefährlich sein können, sondern auch ein spannendes Abenteuer. So verstehe ich ihn jedenfalls. Man muss nicht alle seine Gedankengänge teilen. Aber faszinierend ist er auf jeden Fall.
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