Saudi-Arabien - der Fall Khashoggi

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Sofawolf
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Saudi-Arabien - der Fall Khashoggi

Beitragvon Sofawolf » Di 23. Okt 2018, 09:07

Was im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul (Türkei) passiert ist, ist schlimm. Man kann es wohl ein "Staatsverbrechen" nennen, weil es im Auftrage eines Staates begangen wurde (wahrscheinlich). Trotzdem verstehe ich nicht recht, wieso jetzt plötzlich Waffenexporte nicht mehr genehmigt werden sollen und bereits genehmigte gestoppt werden sollen. Saudi-Arabien hat doch auch in der Vergangenheit dutzende Gründe dafür geliefert (Todesstrafe, Krieg gegen den Jemen, vermeintliche Unterstützung des Islamischen Staates ...) und "Staatsterror" kennen wir aus etlichen anderen Ländern auch.

Was ist denn jetzt anders oder schlimmer? Warum zählt das Leben des einen Journalisten so viel, aber das Leben so vieler anderer so wenig oder gar nicht? Was ist der Unterschied?


Hintergründe, z.B. http://www.spiegel.de/politik/ausland/r ... 34576.html
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Re: Saudi-Arabien - der Fall Khashoggi

Beitragvon King Kong 2006 » Mi 24. Okt 2018, 08:07

Saudi-Arabien ist für die USA und Israel ein Platzhalter.

Das war der Iran bis 1979. Er war "der beste Freund der USA am Golf". Ebenso Verbündeter Israels. Es gab z.B. Rüstungs- und Nachrichtendienstliche Kooperationen mit Israel. Dazu die fossilen Energieträger. Dafür putschten Briten und die USA auch demokratische Entwicklungen weg (Operation Ajax). Das führte u.a. zum Sturz des pro-US Führers 1979. Die USA stationierten sehr viele Truppen in Saudi-Araben. Das wurde problematisch. Siehe saudische Bürger wie Osama bin Laden. Man befürchtete, das die massive US-Präsenz Saudi-Arabien kippen lassen könnte wie den Iran 1979. Aber wohin? Saddam wurde beim Angriff auf den Iran unterstützt. Massiv, auch von den USA. Dann wurde er langsam dadurch auch ein Problem. Die elegante Lösung war den in Ungnade gefallenen Verbündeten Saddam loszuwerden (passende Gelegenheit war sein Auflaufenlassen in Kuwait - siehe die Affäre um die US-Botschafterin im Irak seinerzeit) und dann mit einem potentiellen Verbündeten Diktator, der dort statt Saddam installiert werden könnte, die US-Truppen vom bröckelnden Saudi-Arabien nach Irak zu verlegen. Alles schiefgegangen. Die USA sitzen bis heute maßgeblich mit Saudi-Arabien da. Das muß dann eben unbedingt geschützt werden. Nicht die Menschenrechte.

Aber es scheint so, als ob Saudi-Arabien nicht mehr so wichtig ist. Zeiten ändern sich. Das macht die Herrscher dort entbehrlicher und angreifbarer. Das sieht man jetzt an dem Fall Kashoggi. Saudi-Arabien wird mittelfristig richtig Probleme bekommen. Auch, weil sie nicht mehr die Kohle haben die eigene Bevölkerung ruhig zu halten.
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Re: Saudi-Arabien - der Fall Khashoggi

Beitragvon Sofawolf » Do 25. Okt 2018, 21:13

Hier wird das anscheinend ähnlich gesehen (meine Fragen):

Waffen für Saudi-Arabien, blutiges Geld und Öl für Deutschland: Das ist der Deal. Die Bundesregierung - allen voran Außenminister Heiko Maas - sollte sich ihre heuchlerische Moral im Fall Khashoggi sparen, solange das Unrechtsregime der Saudis weiter ungeniert hofiert wird.
Fundamentalistischer Islam, Terrorismus, Korruption, Frauenfeindlichkeit, öffentliche Enthauptungen, Amputationen, Steinigungen, Auspeitschungen, Geständnisse, die durch Folter erpresst und Beschuldigte, die dann einzig aufgrund dieser Geständnisse zum Tode verurteilt werden. Nicht nur Mord, Vergewaltigung, schwerer Raub, Drogenhandel sondern Hochverrat und Hexerei können mit dem Tode bestraft werden. Ehebrecher oder Homosexuelle müssen mit Gefängnis und Peitschenhieben rechnen.

https://www.focus.de/politik/experten/k ... 94096.html


Geht es bei dem gegenwärtigen "Aufschrei" womöglich nur um die bevorstehenden Wahlen?
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Re: Saudi-Arabien - der Fall Khashoggi

Beitragvon Sofawolf » So 4. Nov 2018, 10:08

Der sieht das auch so:

Auszug: "Rolex oder Cum-Ex, Jamal Khashoggi oder Jemenkrieg? Die öffentliche Empörung sucht sich oft nicht die größten Ziele, sondern die einfachsten.
...
Entscheidend dafür ist Saudi-Arabien, dessen Flugzeuge im Jemen Wohngebiete, Märkte, Beerdigungen, Hochzeiten, Gefängnisse, zivile Schiffe und Krankenhäuser bombardieren. Jetzt empört sich die westliche Welt über Saudi-Arabien. Aber nicht wegen des Kriegs im Jemen. Sondern wegen des Mordes an dem Journalisten Jamal Khashoggi.
"

https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitge ... eit-medien
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Re: Saudi-Arabien - der Fall Khashoggi

Beitragvon King Kong 2006 » So 4. Nov 2018, 12:28

Five myths about Saudi Arabia

MYTH NO. 1
Saudi Arabia is a
good partner against Iran.

MYTH NO. 2
Saudi Arabia is a key ally
in the fight against terrorism.

usw.
https://www.washingtonpost.com/outlook/ ... c6b1e418ce


Das weiß man alles.

Aber man nimmt es für kurzfristige "Erfolge" in Kauf. So, wie das Abbremsen demokratischer Entwicklungen im Iran für einen pro-US Diktator, für die Unterstützung Saddams oder der herrschenden Familie al-Saud. Da gibt es kein nachhaltiges, langfristiges Denken (im blumigen Sinne von Humanismus o.ä.). So etwas macht auch keine Supermacht. Oder Superkonzerne. Die Israelis versuchen aufgrund ihrer begrenzten Möglichkeiten das Spiel des gegenseitigen Ausspielens. Mal sind die Türken gut, dann wieder ein Problem, dann Saudi-Arabien ein Problem, dann nicht. Diktatoren sind nicht gleich. Der eine gut, der andere schlecht. Dann wurde der Iran unterstützt (siehe Iran-Contra), dann ist er die größte Bedrohung des Universums. Das sorgt natürlich für gewaltige Verwerfungen in der Region. Man braucht sich nur mal die Interventionen im Iran anzuschauen. Oder den Irak-Krieg der USA und was er mit der Region, inklusive Syrien angerichtet hat. Die Unterstützung der al-Sauds. Und woher die meisten Attentäter vom 11. September kamen. Das Spiel produziert eine Katastrophe nach der anderen.

Langsam ziehen sich die USA ohnehin aus der Region zurück. So, wie unter Bush eine gewaltige Kraftanstrengung versucht wurde das fehlen der UdSSR und der neuen Macht China auszunutzen um die Machtbasis in der Region neu zu gestalten - und alles schief gelaufen ist. So, versucht Trump den sukzessiven weiteren Rückzug der USA mit ähnlich desaströsen Verhalten gegenüber z.B. Saudi-Arabien und Iran zu "gestalten". Am Ende ziehen sie weiter ab.

Citing Iran, military officials are alarmed by shrinking U.S. footprint in Middle East

https://www.washingtonpost.com
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Re: Saudi-Arabien - der Fall Khashoggi

Beitragvon zollagent » Mo 5. Nov 2018, 11:08

Man könnte diesen Strang in den Strang "wird Saudi-Arabien modern" integrieren. Sie behandeln das gleiche Thema.
Wer an Absurditäten glaubt, wird Abscheulichkeiten begehen. (Voltaire)

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