Wahlen im Irak 2018

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Alexyessin
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Wahlen im Irak 2018

Beitragvon Alexyessin » Mo 14. Mai 2018, 11:22

Im Irak wurde dieses Wochenende ein neues Parlament gewählt.
http://www.faz.net/aktuell/politik/ausl ... 88640.html

Wie es aussieht, ist der schiitische Prediger Al-Sadr momentan vorne. Sollte es dazu kommen, das die schiitischen Religiösen hier die Mehrheit erlangen, dürfte das für den Irak und der Region erneut zu Spannungen führen.
Der neue Faschismus wird nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Er wird sagen: Ich bin kein Nazi, aber...
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Orbiter1
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Re: Wahlen im Irak 2018

Beitragvon Orbiter1 » Mo 14. Mai 2018, 12:30

Alexyessin hat geschrieben:(14 May 2018, 12:22)

Im Irak wurde dieses Wochenende ein neues Parlament gewählt.
http://www.faz.net/aktuell/politik/ausl ... 88640.html

Wie es aussieht, ist der schiitische Prediger Al-Sadr momentan vorne. Sollte es dazu kommen, das die schiitischen Religiösen hier die Mehrheit erlangen, dürfte das für den Irak und der Region erneut zu Spannungen führen.
Spielt überhaupt keine Rolle wer gewählt wird, die Menschen die dort leben erwarten nichts von der Politik (Wahlbeteiligung lag bei 44%, vor ein paar Jahren waren es 70%) und zu Spannungen wird es so oder so kommen. Dazu reichen auch die vorhandenen Konflikte locker aus.
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Re: Wahlen im Irak 2018

Beitragvon Undercover04 » Mo 14. Mai 2018, 16:15

Orbiter1 hat geschrieben:(14 May 2018, 13:30)

Spielt überhaupt keine Rolle wer gewählt wird, die Menschen die dort leben erwarten nichts von der Politik (Wahlbeteiligung lag bei 44%, vor ein paar Jahren waren es 70%) und zu Spannungen wird es so oder so kommen. Dazu reichen auch die vorhandenen Konflikte locker aus.


Der Meinung bin ich auch. Nach fast anderthalb Jahrzehnten erfolgreicher Destabilisierung durch Russland, USA, EU und so weiter wird das Land genau wie die gesamte Region so schnell nicht zur Ruhe kommen. Der IS wird die Leute dort noch lange heimsuchen, aus offizieller westlicher Sicht ist er vielleicht "besiegt" aber der Terror entwickelt sich eigentlich wenn überhaupt zur Al-Qaida Methode zurück: Angriffe aus dem HInterhalt, ständige Nadelstiche etc. Ob ein neuer Präsident da überhaupt was dran ändern kann - keine Ahnung. Halte es aber für sehr unwahrscheinlich
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Orbiter1
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Re: Wahlen im Irak 2018

Beitragvon Orbiter1 » Di 15. Mai 2018, 09:36

Orbiter1 hat geschrieben:(14 May 2018, 13:30)

Spielt überhaupt keine Rolle wer gewählt wird, die Menschen die dort leben erwarten nichts von der Politik (Wahlbeteiligung lag bei 44%, vor ein paar Jahren waren es 70%) und zu Spannungen wird es so oder so kommen. Dazu reichen auch die vorhandenen Konflikte locker aus.
Geht mit den Spannungen schon los weil der neue starke Mann Al-Sadr ein Nationalist ist und den Abzug aller ausländischen Soldaten fordert, auch der iranischen. Der Iran kündigte dazu bereits seinen Widerstand an, die wollen mit ihren Truppen im Irak bleiben. Quelle: http://www.tagesschau.de/ausland/irak-sadr-101.html
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Re: Wahlen im Irak 2018

Beitragvon Kardux » Do 17. Mai 2018, 08:02

Das Wahlergebnis dürfte sowohl in Washington als auch in Teheran Kopfschmerzen ausgelöst haben. Mein Beileid hält sich für beide in Grenzen.

Schon vor den Parlamentswahlen war jedem bekannt, dass es keine irakische Wahl ist.

1. Weil sowas wie eine irakische Identität schlicht nicht existiert.

2. Weil die ganze Wahl lediglich darüber entscheidet wessen Einflussmänner an den Hebeln sitzen bzw. welche Marionetten in Zukunft für Washington oder Teheran tanzen dürfen...
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SirToby
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Re: Wahlen im Irak 2018

Beitragvon SirToby » So 27. Mai 2018, 06:04

Kardux hat geschrieben:(17 May 2018, 09:02)

Das Wahlergebnis dürfte sowohl in Washington als auch in Teheran Kopfschmerzen ausgelöst haben. Mein Beileid hält sich für beide in Grenzen.

Schon vor den Parlamentswahlen war jedem bekannt, dass es keine irakische Wahl ist.

1. Weil sowas wie eine irakische Identität schlicht nicht existiert.

2. Weil die ganze Wahl lediglich darüber entscheidet wessen Einflussmänner an den Hebeln sitzen bzw. welche Marionetten in Zukunft für Washington oder Teheran tanzen dürfen...


Mal eine Frage an Sie: Wie stehen denn eigentlich PUk und PDK zueinander?
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Re: Wahlen im Irak 2018

Beitragvon Kardux » Sa 2. Jun 2018, 10:32

SirToby hat geschrieben:(27 May 2018, 07:04)

Mal eine Frage an Sie: Wie stehen denn eigentlich PUk und PDK zueinander?


Die Frage müsste eher lauten: wie stehen beide Parteien derzeit zueinander. Historisch gesehen, waren die Gründer der PUK allesamt Mitglieder der älteren Partei PDK. Die beiden Köpfe der PUK, Ibrahim Ahmad und Jalal Talabani (ehemaliger Präsident des Iraks) wollten mit der Dominanz des Barzani-Clans innerhalb der PDK brechen. Sie waren gegen Nepotismus und Tribalismus - zumindest haben sie das behauptet (was natürlich im Nachhinein nicht gestimmt hat). Der Bruch zwischen der Talabani-Ahmad Gefolgschaft und dem Barzani-Clan fand in den 60er Jahren statt - mitten im Bürgerkrieg zwischen den Kurden (unter der Führung von Mullah Mustafa Barzani und seiner PDK) und der damaligen irakischen Regierung. Gegründet wurde die PUK jedoch erst 1975 - nachdem Mullah Mustafa Barzani in seinem letzten großen Aufstand gegen Baghdad scheiterte (er wurde von Kissinger und dem Shah instrumentalisiert) und sich politisch zurückzog. Bevor sich Mullah Mustafa Barzani nicht zurückzog fehlte der große Halt in der Bevölkerung für Talabani und Ahmad. Aber schon vor ihrer Parteigründung lieferte sich ihre Gefolgschaft einige Kämpfe mit der PDK und knüpften 1966 sogar Kontakte zu Baghdad. In den späten 70er Jahren begann sich das Blatt aber zu wenden - die PUK bekam großen Zulauf und lieferte sich, separat von der PDK, einen sporadischen Mini-Bürgerkrieg gegen Baghdad. Sowohl PDK als auch PUK knüpften dann mit der Machtergreifung der Mullahs im Iran Kontakte zu diesen. Beide Parteien wurden während dem 1. Golfkrieg (zwischen dem Iran und dem Irak) von Teheran unterstützt. Während dieser Zeit konnte sich die PUK dann endgültig neben der PDK etablieren und ging militärisch gesehen effektiver gegen Baghdad vor. Obwohl die Baath-PArtei den gesamten Nordirak damals fest im Griff hatte (die Städte) entstanden bereits zu dieser Zeit sogenannte Einflusssphären beider Parteien. Die Umgebung rund um Mosul und Dihuk war und ist bis heute die Hochburg der PDK, die südlichen Gebiete Südkurdistans (=Nordirak) also die Provinz Silêmanî waren Hochburg der PUK. Das Gebiet dazwischen, also Erbil/Hewlêr, war strittig. Da wie bereits erwähnt, die Südkurden während dem 1. Golfkrieg Baghdad "in den Rücken fielen" (aus Sicht der Araber) pochte Saddam Hussein auf Rache. Er begann seinen Genozid gegen die Südkurden unter dem Namen "Anfal" (in Anlehnung an die achte Sure des Korans --> die Beute). Besonders hart traff es damals die Einflusssphären der PUK, weil diese sehr eng mit dem Iran kooperierten und der irakischen Armee empfindliche Nadelstiche versetzten. Der Genozid an den Südkurden bestand aus 8 Operationen, 7 davon richteten sich gegen PUK-Einflussgebiete. Trauriger Höhepunkt war der Giftgasanschlag in Helebce (Halabja). Dieses

Dieser Genozid war in seiner Ausführung sehr konsequent (zwischen 4000 und 5000 Dörfer wurden zerstört, an die 180 000 Menschen systematisch getötet). Die Südkurden wurden zwar seit der Staatsgründung des Iraks unterdrückt aber ein solches Ausmaß kannten sie nicht. Es hinterließ einen großen Schock in der Bevölkerung und beide Parteien zogen sich (auch wenn sie das heute verneinen) komplett zurück - die Köpfe beider Parteien verweilten im Iran, den USA und Europa. Das Zentrum der PDK befand sich mehr oder weniger in Wien, die PUK bevorzugte Berlin. Zwischen 1988 und 1991 waren beide Parteien in Südkurdistan kaltgestellt. Saddam arbeitete zu dieser Zeit auch daran das Kurdenproblem im Irak endgültig zu "lösen" - auf seine Art. Er siedelte u.a. Palästinenser in Kurdengebieten an. Dann aber kam die Wende und diese hatte Saddam höchstpersönlich eingeleitet. Sein Einmarsch in Kuwait war unterm Strich das Beste was den Südkurden passieren konnte. Nachdem die USA Kuwait befreiten, ging Saddam geschwächt hervor - ihn stürzen wollten sie aber auch nicht - auch wenn Bush Sen. die Kurden und Schiiten zum Aufstand aufgefordert hatte. Und das taten sie auch. Die Schiiten revoltierten zuerst, einige Tage später auch die Kurden. Und genau hier wird es nun spannend. Anders als es PDK und PUK in ihren Sagen und Märchen behaupten, waren es nicht sie die diesen Aufstand anführten. Die einfache Bevölkerung, kurdische Deserteure innerhalb der irakischen Armee und vorallem ehemalige kurdische Kollaborateure hatten diesen Aufstand begonnen und geführt. Hört sich merkwürdig an, ist aber genau so geschehen. PUK und PDK verschanzten sich zuvor noch in den abgelegenen Bergen - als der Aufstand am Rollen waren, kamen sie von den Bergen hinunter und fingen an sich daran zu beteiligen. Der Aufstand wurde jedoch brutal niedergeschlagen und so waren die Kämpfer beider PArteien gezwungen wieder in die Berge zu fliehen. Weil die einfache kurdische Bevölkerung jedoch noch so traumatisiert war vom Anfal-Genozid und mit einem weiteren Völkermord rechnen musste (Saddams Cousin, "Chemie-Ali" hatte diesen sogar angekündigt und reiste wieder in den Norden) flohen sie mit den Kämpfern beider Parteien in die Berge. Man könnte nun den Kämpfern beider Parteien zugutehalten, dass sie bei der Evakuierung mithalfen und sich Gefechte mit den anrückenden irakischen Soldaten lieferten - es änderte aber kaum etwas an der Katastrophe für die kurdische Zivilbevölkerung. Das Elend wurde erst beendet nachdem Frankreich, UK und die USA einschritten und die No-Fly-Zone im Irak installierten. Nachdem dies erfolgte, existierte ein politisches Vakuum im Norden - logisch das dies von den beiden bestehenden Parteien aufgefüllt wurde. Ihre politischen Kader kamen aus dem Ausland zurück und arbeiteten daran die oben erwähnte strittige Region (Erbil) für ihre Partei zu gewinnen. Im Jahr 1992 fanden dann Wahlen statt, welche die PDK mit einem Sitz mehr knapp für sich entscheiden konnte - die PUK warf der Gegenseite Wahlbetrug vor und so kam es zu einer 50:50 Regierungsbildung - die aber auch nicht lange hielt. Von Wahlen und Demokratie verstehen beide Parteien nämlich nichts. Militärisch gesehen kontrollierten PUK-Kämpfer Erbil (die als Hauptstadt der Autonomieregion gewählt wurde) und die große Provinz Silêmanî. Darüberhinaus unterhielt die PUK (ideologisch bedingt) auch gute Kontakte zur PKK, die sich ab den frühen 90er Jahren in den Bergregionen Südkurdistans verschanzten. Das Gleichgewicht kippte somit. Es kam dann zum offenen Bürgerkrieg zwischen PDK und PUK. Wobei Letztere militärisch überlegen waren. Dies führte dazu, dass der Führer der PDK, Mesud Barzanî, 1996 Saddam um Hilfe bat. Ein Verrat der bis heute unvergessen ist. Mithilfe von Saddams Truppen konnte die PDK Erbil erobern - später sogar die PUK-Hochburg Silêmanî. Mithilfe des Irans konnte die PUK aber wieder ihre Hochburg zurückerobern, Erbil jedoch nicht - die Grenzen wurden zwischen beiden Parteien gesetzt, Südkurdistan quasi in zwei geteilt. Allgemein betrachtet waren die 90er Jahre gezeichnet von den Machtspielchen beider Parteien aufkosten der Zivilbevölkerung. Mal paktierte die PDK mit dem Iran, mal mit der Türkei dann mit Saddam. Aber auch die PUK pflegte beste Kontakte zum Iran und im Geheimenen auch zu Saddam. Beide Parteien rangen um die Alleinherrschaft in Südkurdistan. 1998 brachten die USA beide Parteien zusammen - eine Machtverteilung konnte realisiert werden die sich bis zum heutigen Tag hält. Ab 2005 arbeiteten beide Parteien eng zusammen - Hand in Hand berauben sie der Region mit ihrem Nepotismus, ihrer Korruption, und ihrem Opportunismus jegliche Möglichkeit sich weiterzuentwickeln. Seit 2009 wurde die PUK jedoch geschwächt, weil ein ehemaliges Gründungsmitglied der PUK, Nawshirwan Mustafa (der mittlerweile gestorben ist), den Talabani-Nepotismus innerhalb der PUK satt hatte und eine neue Partei gründen wollte - Change Movement (Gorran). Diese Schwächung nutzte die PDK aus und nahm Gorran mit in die Regierung. Der Verlust von Kerkuk ist ein weiteres Kapitel in der unrühmlichen Geschichte beider Parteien. Mittlerweile hat auch noch Dr. Barham Salih (ebenfalls ein ehemaliger hoher Funktionär der PUK) eine neue Partei gegründet. Dies führte dazu, dass die PDK in den letzten Parlamentswahlen immer deutlich mehr Stimmen als die PUK erhielt. Aber an den tatsächlichen Machtverhältnissen verändert sich gar nichts. Beide Parteien kontrollieren alle Geldquellen in ihren Gebieten und bezahlen somit ihre Milizen. Bis zum heutigen Tag konnte aufgrund dieser beiden PArteien weder der Geheimdienst, die Polizei, noch die Armee vereinheitlicht werden. Wahl für Wahl betreiben beide Parteien Wahlbetrug und können sich weiter halten.

Im Grunde hassen sich die Köpfe beider Parteien abgrundtief, der Traum von der Alleinherrschaft schwirrt bestimmt noch in den Köpfen. Aber sowohl PUK als auch PDK haben ihre Allianzen - Teheran und Ankara. Beide Staaten erfreut es, dass man zwei zutiefst korrupte Parteien nach Belieben bei Bedarf gegeneinander ausspielen kann. Beide Parteien wissen um dieses militärische Gleichgewicht, dass von beiden Regionalmächten so gewollt ist, und finden sich damit ab. Und in der Zwischenzeit beuten beide Parteien die Region aus und rauben den Menschen jede Zukunft. Mittlerweile hat es den Anschein, dass beide Parteien sogar voneinander abhängig sind.

Der Opportunismus beider Parteien hat sich seit letztem Jahr ja auch wieder bestätigt. Talabanis Sohn und Neffe verkauften Kerkûk an den Iran und die PDK fordert nach den Parlamentswahlen den Posten des irakischen Präsidenten. Und das nachdem die PDK das Unabhängigkeitsreferendum im letzten September durchführte...
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