Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon Kardux » Fr 28. Okt 2016, 00:19

King Kong 2006 hat geschrieben:(27 Oct 2016, 17:09)

Ankara kündigt Offensive gegen Rakka an. Da Teamkollegen fehlen - alleine.



Ist das der Plan B und C, wenn die Türkei keinen ihr angemessen empfundenen Platz bei der Offensive auf Mosul erhält?

Im Grunde genommen wird jetzt das Bärenfell zerlegt. Neo-Osmanen, Persian Empire/Schiitischer Halbmond, Kurdistan, russische Einflußsphäre in Nahost und die USA mit ihrer plattgetretenen Carter-Doctrine. Das versprechen spannende Zeiten zu werden...

Könnte sein, daß jetzt die "Schonzeit" des IS vorbei ist. Jetzt will jeder erster sein. In Mosul, in Rakka usw. Es geht um Raum und Zeit. Geopolitik. Oder wie es früher hieß, Imperialismus.


Was ist Ihre persönliche Meinung zum türkischen Vorhaben im Nordirak bzw. in Nordsyrien? In den türkischen Medien schwirren immer wieder Karten von einer neuen Türkei herum.
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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon King Kong 2006 » Fr 28. Okt 2016, 14:22

Kardux hat geschrieben:(28 Oct 2016, 01:19)

Was ist Ihre persönliche Meinung zum türkischen Vorhaben im Nordirak bzw. in Nordsyrien? In den türkischen Medien schwirren immer wieder Karten von einer neuen Türkei herum.


Meine persönliche Meinung ist, daß diese Karten vielleicht eher Stimmung, Motivation und Sensibilisierung bei der türk. Bevölkerung erzeugen soll. Für mögliche politische, wirtschaftliche Anstrengungen, die eine verstärkte Intervention in Syrien und Irak mit sich bringt. Es geht ja um ein höheres Ziel. Also hier die machtvolle Vergangenheit. Natürlich wird das Engagement auch nüchtern versucht zu erklären. Prävention wegen den Terroristen, wegen Separatisten usw. Also politisch korrekte Ansagen. Aber mit dem Gefühl kriegt man die Leute immer eher. Erstrecht, wenn man die Gesellschaft will. Einzelpersonen kann man mit Argumenten eher beschwatzen. Die Menge mit Stimmungen.

Annexion von Gebieten im Nordirak oder Nordsyrien kann ich mir schwer vorstellen. Das wird kaum durchsetzbar sein. Weder vor der UN noch vor den USA, Russland, Iran oder Syrien und Irak. Es geht wohl vielmehr darum, daß man sich positioniert. In Stellung bringt für die folgenden Verhandlungen und Entwicklungen. Es geht wie gesagt um geografische Bedeutungen. Um Pipelinenetze, Transport- und Wirtschaftsnetzwerke und deren Kernräume, wie Aleppo und Mosul. Um die kurdische Sache natürlich auch. Wer da persönlich mit Truppen oder mit seinen Proxies ist, kann mitgestalten. Wer nicht, hat wenig zu melden. Die schiitischen Milizen haben offiziell den Auftrag den Rückzug von IS-Truppen von Mosul nach Syrien zu verhindern. Klingt logisch und pragmatisch. Gleichzeitig stossen sie natürlich in Räume vor, in denen sie vorher noch nicht waren... Jeder bringt sich in Position.
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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon Kardux » Fr 28. Okt 2016, 21:27

King Kong 2006 hat geschrieben:
Meine persönliche Meinung ist, daß diese Karten vielleicht eher Stimmung, Motivation und Sensibilisierung bei der türk. Bevölkerung erzeugen soll. Für mögliche politische, wirtschaftliche Anstrengungen, die eine verstärkte Intervention in Syrien und Irak mit sich bringt. Es geht ja um ein höheres Ziel. Also hier die machtvolle Vergangenheit. Natürlich wird das Engagement auch nüchtern versucht zu erklären. Prävention wegen den Terroristen, wegen Separatisten usw. Also politisch korrekte Ansagen. Aber mit dem Gefühl kriegt man die Leute immer eher. Erstrecht, wenn man die Gesellschaft will. Einzelpersonen kann man mit Argumenten eher beschwatzen. Die Menge mit Stimmungen.

Annexion von Gebieten im Nordirak oder Nordsyrien kann ich mir schwer vorstellen. Das wird kaum durchsetzbar sein. Weder vor der UN noch vor den USA, Russland, Iran oder Syrien und Irak. Es geht wohl vielmehr darum, daß man sich positioniert. In Stellung bringt für die folgenden Verhandlungen und Entwicklungen. Es geht wie gesagt um geografische Bedeutungen. Um Pipelinenetze, Transport- und Wirtschaftsnetzwerke und deren Kernräume, wie Aleppo und Mosul. Um die kurdische Sache natürlich auch. Wer da persönlich mit Truppen oder mit seinen Proxies ist, kann mitgestalten. Wer nicht, hat wenig zu melden. Die schiitischen Milizen haben offiziell den Auftrag den Rückzug von IS-Truppen von Mosul nach Syrien zu verhindern. Klingt logisch und pragmatisch. Gleichzeitig stossen sie natürlich in Räume vor, in denen sie vorher noch nicht waren... Jeder bringt sich in Position.


Danke erstmal für die Ausführung.

Ja, die Stimmungsmache ist schon ein sehr gutes Argument, aber ich finde die Situation derzeit sehr verwoben. Nehmen wir zum Beispiel die Situation in Nordsyrien. Die USA behaupten felsenfest das sie mithilfe der SDF Raqqa vom IS befreien wollen, gleichzeitig aber verschließt man die Augen bei den türkischen Luftangriffen gegen den sogenannten Partner SDF. Laut türkischen Medienberichten wurden in den letzten Wochen hunderte SDF-Kämpfer umgebracht. Wie richtig diese Meldungen wirklich sind sei dahin gestellt, aber die Türkei stößt derzeit auch in Räume in denen man seit fast 100 Jahren nicht mehr war. Ob das alles nur Stimmungsmache ist? Was ich auch interessant finde ist die Zurückhaltung der UN und speziell der westlichen Staaten. All die Aufrufe Abadis nach dem Völkerrecht und der territorialen Integrität seines international anerkannten Iraks sind vergeblich. Welcher Staat hat denn das Vorgehen der Türkei nachhaltig getadelt? Wo bleibt die UN?
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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon King Kong 2006 » Sa 29. Okt 2016, 08:30

Kardux hat geschrieben:(28 Oct 2016, 22:27)Was ich auch interessant finde ist die Zurückhaltung der UN und speziell der westlichen Staaten. All die Aufrufe Abadis nach dem Völkerrecht und der territorialen Integrität seines international anerkannten Iraks sind vergeblich. Welcher Staat hat denn das Vorgehen der Türkei nachhaltig getadelt? Wo bleibt die UN?


Also, ich finde, man sollte bei der UN immer im Auge behalten was, genauer gesagt, wer das ist.

Nehmen wir die Frage: "Wo bleibt die UN?". Gemeint ist sicherlich im Kontext der Geschehnisse in Syrien und Irak. Mit den beteiligten Staaten Türkei, Iran, Saudi-Arabien, USA und Russland.

Man könnte die Frage auch pointiert so formulieren: "Wo bleiben die USA, Russland, Türkei, Iran und Saudi-Arabien?" Bei der Be- und Verurteilung der Interventionen der USA, Russlands, der Türkei, des Irans und Saudi-Arabiens? Das verwundert dann weniger. Die Sprachlosigkeit. Wer verurteilt denn sich oder Verbündete denn selbst?

Die UN ist keine unbeteiligte außerirdische Gerechtigkeitsmacht. Sondern sie besteht aus genau z.B. den hier in dem Fall beteiligten Staaten, den USA, Russland, Türkei, Iran, Saudi-Arabien, China uvm. Egal, in welchen Gremien. Die Aussagen der UN sind je nach Einflußgewalt der beteiligten Staaten und deren Interessen. Man braucht sich doch nur mal die UN-Resolutionen zu bestimmten Themen anzusehen und wie sie entstanden sind. Durch welche Staaten, die welche Stimmgewalt, durch ihr Gewicht und Lobbyarbeit auf andere Staaten aufwenden können.
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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon Kardux » Sa 29. Okt 2016, 10:17

King Kong 2006 hat geschrieben:Die UN ist keine unbeteiligte außerirdische Gerechtigkeitsmacht. Sondern sie besteht aus genau z.B. den hier in dem Fall beteiligten Staaten, den USA, Russland, Türkei, Iran, Saudi-Arabien, China uvm.


Dementsprechend wurde der Einmarsch der türkischen Truppen und auch ihr Verbleib mit eben jenen Staaten abgesprochen.
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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon King Kong 2006 » Sa 29. Okt 2016, 11:12

Kardux hat geschrieben:(29 Oct 2016, 11:17)

Dementsprechend wurde der Einmarsch der türkischen Truppen und auch ihr Verbleib mit eben jenen Staaten abgesprochen.


Berichte darüber gibt es jedenfalls. DEBKA meint ja, daß die USA sogar Druck auf Erbil ausgeübt hätten türkische Truppen als "Unterstützung" zuzulassen.

DEBKAfile’s military sources report that Turkey was allowed to gatecrash the fighting around Mosul after US Defense Secretary Ashton Carter visited the KRG capital of Irbil Sunday, Oct. 23. He urged Kurdish leaders to bow to President Tayyip Erdogan’s demands for a role in the battle.

The Kurdish leaders succumbed to the pressure with the proviso that Turkey cease its air and artillery assaults on Syrian Kurdish militias in northern Syria.

http://www.debka.com/article/25735/Tehr ... ght-Turkey’s-role-in-Mosul-operation


Vielleicht hat Ankara auch Russland ein Angebot gemacht. Bei Aleppo, um keine Störmanöver diplomatischer Art beim Nordirak von Russland zu bekommen? Von der Leyen hat die Türkei kritisiert. Aber seien wir mal ehrlich. Die sagen offiziell dies und machen inoffiziell das. Das wäre nicht neu. Also wer lügt da, pardon verhält sich nicht diplomatisch?
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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon Kardux » Sa 29. Okt 2016, 13:12

King Kong 2006 hat geschrieben:Vielleicht hat Ankara auch Russland ein Angebot gemacht. Bei Aleppo, um keine Störmanöver diplomatischer Art beim Nordirak von Russland zu bekommen? Von der Leyen hat die Türkei kritisiert. Aber seien wir mal ehrlich. Die sagen offiziell dies und machen inoffiziell das. Das wäre nicht neu. Also wer lügt da, pardon verhält sich nicht diplomatisch?


Ich bin mir auch sicher das Erdogan Zugeständnisse gegenüber Putin gemacht hat. Genau das macht die Situation im Nahen Osten so kompliziert. Die Regionalmächte Iran und Türkei tasten immer wieder gerne ihre Grenzen ab, wie weit sie gehen können. Wenn man dann einmal in der Klemme steckt kann man sich immer noch an den Tisch setzen und Rückzieher/Zugeständnisse machen und somit die Karten neu mischen. Das hat die Türkei zumindest getan. Ganz nüchtern betrachtet muss ich sagen das die Außenpolitik der Türkei seit 2011 stümpferhaft ist. Man könnte es auch als riskant bezeichnen, aber ich bevorzuge stümperhaft.
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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon King Kong 2006 » Sa 29. Okt 2016, 15:57

Kardux hat geschrieben:(29 Oct 2016, 14:12)

Ich bin mir auch sicher das Erdogan Zugeständnisse gegenüber Putin gemacht hat. Genau das macht die Situation im Nahen Osten so kompliziert. Die Regionalmächte Iran und Türkei tasten immer wieder gerne ihre Grenzen ab, wie weit sie gehen können. Wenn man dann einmal in der Klemme steckt kann man sich immer noch an den Tisch setzen und Rückzieher/Zugeständnisse machen und somit die Karten neu mischen. Das hat die Türkei zumindest getan. Ganz nüchtern betrachtet muss ich sagen das die Außenpolitik der Türkei seit 2011 stümpferhaft ist. Man könnte es auch als riskant bezeichnen, aber ich bevorzuge stümperhaft.


Ich sehe die Außenpolitik, somit inklusive interventionistische Aspekte der Türkei im Ausland als eine komplizierte Angelegenheit an. Ich meine deshalb, weil die Türkei sich nicht sicher ist, nicht sicher sein kann, wo sie genau ihren Platz hat. Wie sie sich genau definiert. Sozusagen auf der Sinnsuche. Da kann es schon zu ziemlichen Irritationen und Gerempel kommen.

Die Türkei war bis zum Ende des klassischen OST-WEST Konflikts relativ klar im Westen verankert. Auch wollte man (wohl irgendwie immer noch) in die EU. Die Türkei hat seit ein paar Jahrzehnten neue Handlungsspielräume erhalten. Auch durchaus ungewollt. Aus Sicht einer im Westen verankerten Türkei, wie in der Vergangenheit, ist es sehr irritierend, was Ankara jetzt macht. Es wirkt wenig angepasst an Befindlichkeiten der EU und Washington. Aus der Sicht einer Türkei, die eher eine "Liberoposition" wie z.B. Indien einnimmt, sieht es weniger irritierend aus. Aus einer Sicht einer Türkei, die mehr oder weniger komplett ihr Ding macht und kein Problem hat mit z.B. Russland zu kooperieren, würde es weniger irritierend aussehen. Wie im Falle des Irans.

Weil die Türkei sich aufgrund der veränderten Geopolitik langsam zwischen den Welten auf einem Grenzbereich bewegt, ihre ursprüngliche Position verlässt, wirkt es sicherlich stümperhaft. Und holperig. Als Erdogan die Null-Probleme Außenpolitik betrieb, lief es recht gut. Jetzt, wo sich die Türkei neu positioniert gibts Funken. Es gibt ja noch andere Platzhirsche dort.
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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon King Kong 2006 » So 30. Okt 2016, 09:13

Es gibt Unstimmigkeiten zwischen Ankara und Teheran bei Kampf um Mosul. Schiitische Milizen, die offiziell den irakischen Streitkräften unterstellt sind, sind weiträumig westlich um Mosul herumgeschwenkt und sollen die Vebindungswege des IS von Mosul nach Syrien blockieren. Jetzt sind sie zum Angriff auf Tal Afar angetreten, welches westlich von Mosul liegt.

Natürlich geht es bei den Interventionen der USA, Russlands, dem Westen oder der Türkei und Irans immer um die Menschenrechte oder der Verhinderung von Atomkriegen. Aber böse Zungen behaupten, es geht den Beteiligten um weitaus profaneres, aber "existentiell" wichtiges. Bei Tal Afar geht es nicht unbedingt darum, wer die Menschen dort schneller mit Fladenbrot versorgen kann. Die türkischen oder die iranischen Bäcker, sondern um Einfluß in der Region. Deshalb war es u.a. für Erdogan so wichtig einen Platz auf dem Schlachtfeld zu bekommen. Bei Nichtgelingen auch mit Plan B und C.

Tal Afar, West of Mosul, Becomes Center of Battle for Influence in Iraq

http://www.nytimes.com/2016/10/30/world ... -isis.html


Iran backed Shiite militia launches operation in Tal Afar to cut supply lines from Syria to Mosul

http://www.dailysabah.com/mideast/2016/ ... a-to-mosul


Erdoğan warns of Shia militia entering Iraq's Tal Afar

http://www.yenisafak.com/en/news/erdoga ... ar-2555825
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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon King Kong 2006 » So 30. Okt 2016, 17:39

Die EU-Außenpolitikbeauftragte Mogherini ist in Teheran, danach geht es weiter nach Riad.

EU’s Mogherini arrives in Tehran for Syria talks

http://www.timesofisrael.com/eus-mogher ... ria-talks/


Da muß Mogherini aber sehr flexibel sein. Saudi-Arabien und Iran sind in Syrien nicht gerade auf derselben Seite.
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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon King Kong 2006 » So 30. Okt 2016, 22:35

Der irakischen Armee sind jetzt beim Marsch auf Mosul die schiitischen Milizen, die unter den PMF organisiert sind, beigestellt. Sicher ist sicher.

Iran-trained militias join U.S-backed campaign on Mosul, flying Shi'ite flags

The convoys were the first clear sign of a new player on the battlefield in the U.S.-backed offensive to retake Mosul from Islamic State: Hashid Shaabi or Popular Mobilization Forces (PMF), a coalition of Shi'ite militias.

They have close ties with General Qassem Soleimani, the commander of Iran's Quds Brigade, the extra-territorial arm of Iran's Revolutionary Guards. He was seen touring the frontlines around Mosul last week.

Among the banners that could be seen flying from artillery cannons, communication towers and buildings recently retaken from Islamic State were those of Kataib Hezbollah and Asaib Ahl al-Haq, two of the main Iranian-backed groups, alongside the Badr Organization, considered the largest.

http://www.reuters.com/article/us-midea ... SKBN12U0UI
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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon King Kong 2006 » Mo 31. Okt 2016, 19:00

Der Libanon hat nach zwei Jahren wieder einen Präsidenten. Die Wahl fiel auf Michel Aoun. Der Christ ist nicht unumstritten. Einst floh er vor den Syrern nach Paris. Nach dem Abzug dieser kam er wieder. Saudi-Arabien hätte lieber den schwerreichen Sunniten Saad al-Hariri in der Rolle gesehen.

Iran ally Michel Aoun elected as president of Lebanon

Parliament’s appointment of former general and Tehran ally edges regional balance of power away from Saudi Arabia


Aoun’s political bloc, which accounts for roughly half of Lebanon’s Christian population, aligned its strategic interests with Hezbollah, and united against the political weight of Hariri’s Sunni-dominated Future bloc.


He served briefly as prime minister of one of the two rival governments established near the war’s end. Besieged by Syrian troops, he sought refuge in the French embassy and fled to Paris, where he remained in exile for close to 15 years until Syrian troops were forced to flee Lebanon after the assassination of their former leader Rafiq Hariri.

Aoun remained a staunch critic of the Syrian regime. However, his position shifted after he returned to Lebanon, where he became a powerful political presence. He soon won the patronage of Iran, setting his sights on the country’s highest office and tailoring his message to suit Tehran.

https://www.theguardian.com/world/2016/ ... udi-arabia


Da die Sunniten in der Region die Mehrheit stellen ist man von nicht-sunnitischer Seite gewohnt sich in Allianzen zusammenzuschliessen. So in den syrischen NDF oder den irakischen PMF, die neben Schiiten, Alawiten, Sunniten, Drusen auch Christen usw. einschliessen. Auch im Libanon ist der Christ Aoun für die Hisbollah erste Wahl. Ohnehin muß der Präsident ein Christ sein. Der Premier ein Sunnit und der Parlamentspräsident ein Schiit. Erdogan sieht sich als eine Führungsfigur der Sunniten. Ebenso die Saudis und der IS. Der Iran sammelt Schiiten + weitere Minderheiten. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.
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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon Summers » Mo 31. Okt 2016, 19:20

Damit orientiert sich der Libanon in Richtung Iran und Syrien, schreibt die Tagesschau:

http://www.tagesschau.de/ausland/libano ... t-105.html
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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon King Kong 2006 » Mi 2. Nov 2016, 08:05

Bagdad würde die türkischen Truppen als Feinde deklarieren, falls Ankara sich tiefer im Irak involvieren würde.

Irak warnt Ankara vor Einmischung

Die Türkei verlegt Panzer ins Grenzgebiet zum Irak. Eine Unterstützung Ankaras im Kampf gegen den IS lehnt der irakische Premier ab - sollten sich türkische Truppen einmischen, würden sie "als Feinde" behandelt.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/i ... 19275.html


Man darf gespannt sein wie Erdogan darauf reagiert. Immerhin kanzelte er seinen irakischen Kollegen als jemanden ab, der nicht seiner Kragenweite wäre. So eine Ansage kann Erdogan eigentlich nicht stehen lassen.
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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon King Kong 2006 » So 6. Nov 2016, 12:32

Schon einige Jahre im Vorfeld war zu erkennen, daß die USA (jetzt auch Russland wieder vor Ort) nicht mehr Willens oder in der Lage sind vor Ort auf dem Boden eine wie auch immer geartete Ordnung herzustellen. Sie können ihr diplomatisches Gewicht einsetzen. In der UN, bei anderen Staaten. Sie können mit Luftfahrzeugen und Satelliten "helfen". Oder mit einem gewissen Rat oder Tat punktuell. Dann hört es auch auf. Auf dem Boden sind sie nur mit einigen hundert oder tausend Mann/Frau Personal oder gar mit Söldner und Zeitarbeitsleuten vertreten. Auch Russland. Damit gewinnt man keinen Blumentopf. Das war noch nie in der Kriegsgeschichte so.

"Boots on the ground" waren, sind und werden die entscheidenden Momente sein. Das kann auch nicht der Iran leisten. Wenn auch aus unterschiedlichen Quellen zu lesen wäre, daß von den dreien das größte Kontingent auf dem Boden vom Iran gestellt wird. Mittlerweile nicht nur von den IRGC, sondern jetzt auch schon von der regulären iranischen Armee. Aber das wird vermutlich kaum über 10 000 Mann hinaus gehen. Auf einer Fläche vom Libanon bis zum Iran und der Türkei bis nach Saudi-Arabien verteilt. Damit gewinnt man auch keinen Blumentopf. Das Mittel der Wahl sind neben den "hocheffizienten" regulären irakischen und syrischen Streitkräften die Milizen. Im Syrien sollen je nach Quellenlage 25 000 - 60 000 Mann unter iranischem Kommando stehen, im Irak sind die PMF als Dachverband mit fast 100 000 zu nennen. Wobei die iranischen Seite dort "beratend" zur Seite steht. Diese Milizen agieren Grenzüberschreitend zwischen Syrien und dem Irak. Dazu als stabilisierende Zaunpfeiler (wie einst die brit. Truppen unter Wellington mit holländisch/dt. Truppen verzahnt bei Waterloo waren) die Hisbollah, wenns immer haarig wird.

"The Americans and the Russians agree on ending the Sunni rebellion [in Iraq and Syria ]," said Hashimi. "Russia and the US don't want to fight these groups [ISIL and others], so they rely on the Shia factions to do just that.''

http://www.aljazeera.com/news/2016/10/b ... 21060.html


Analysis Russian Strategy in Aleppo: Delay Diplomacy, Let Shi'ite Militias Finish the Job

Assad won't win the city by Russian airpower alone, but he stands a chance with Iranian-backed militias fresh from the battle for Mosul.

read more: http://www.haaretz.com/middle-east-news ... m-1.750998


Ohne Frage: Russland und dessen syrischer Verbündeter Assad sind verantwortlich für Kriegsverbrechen wie die Bombardierung der Stadt Aleppo und des Hilfskonvois der Vereinten Nationen am 19. September. Zu Recht denkt auch die Bundesregierung darüber nach, ob weitere Sanktionen gegen Russland angebracht sind. Aber das träfe nur einen Teil der Achse, die sich in Syrien gebildet hat und mit militärischen Mitteln Tatsachen schafft.

Was allerdings bei diesen Überlegungen noch zu wenig Beachtung findet, ist, dass Russland und mehr noch Assad die Unterstützung durch die iranischen Bodentruppen benötigen, wenn sie auch nur ein paar Meter Rebellengebiet zurückerobern wollen.

http://www.zeit.de/2016/45/syrien-krieg ... ettansicht


Wobei letztere Artikel andere Schlußfolgerungen zieht. Aus israelischer Sicht. Und deshalb gezwungenermassen nur auf die bösen Russen als argumentativer Unterbau verwiesen werden kann. Syrien eben. Dasselbe läuft aber auch im Irak mit den USA. Dieselbe iranische Doktrin, dieselben Stäbe, dieselbe Strategie, teilweise dieselben Milizen usw... Aber eben schlecht für Israel. Da Syrien näher an Israel ist, als der Irak.

Das ist der modus vivendi. Die USA ziehen sich aus der Region zurück. Aus der Luft oder Weltraum oder in der UN sind die wirkmächtigen Möglichkeiten aber begrenzt. Man muß vor Ort sein um mitgestalten zu können. Auf dem Boden. Im Dreck und Blut. Da wo man steht, da spielt die Musik. Und nicht im All, auf einem russischen oder us-amerikanischen Luftwaffenstützpunkt, Schiff oder in einem holzvertäfelten Büro in New York. Der Iran kann das direkt mit Truppen auch nicht leisten. Aber er hat genug soft power in der Region, daß er Instrumente einsetzen kann, nämlich die Milizen in großer Zahl, daß er ein Kooperationsparter darstellt. Ob man sich mag oder nicht, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Oder wie eng die Kooperation temporär mit den USA und Russland ist.

Soft Power is Key to Iran’s Success

While much is made of Iran’s hard power, the recent nuclear deal hints at the prospect of the country’s untapped soft power being far more central to its long-term success in the 21st century. As the 13th-century Persian poet, Jalal ad- Din Muhammad Rumi, wrote:

“Raise your words, not voice. It is rain that grows flowers, not thunder.”

http://www.huffingtonpost.com/sam-sasan ... 65208.html


Das Spiel Irans in der Region ist langatmiger als das der USA. Die USA haben viel mehr Power, wie ein thunder, aber es hat wohl eine geringere Halbwertszeit. Wie eine österreichische Politikwissenschaftlerin schrieb "Halbjahres Schubladenpläne".

"Während die USA Poker in der Region gespielt haben, hat der Iran Schach gespielt." / 'While the US has been playing poker in the region, Iran has been playing chess.'

Das Londoner Institut Chatham House veröffentlicht eine interessante Studie: Iran, its Neighbours and the Regional Crises

http://www.ag-friedensforschung.de/regi ... atham.html


Die Aufhebung der Sanktionen sehe ich durchaus im Zusammenhang mit der gezwungenermassenen Kooperation der USA/Westen mit dem Iran in der Region. So, wie die EU auch mit Erdogan Deals machen mußte, wegen den Flüchtlingen. Meinetwegen ist die "atomare Gefahr" Irans gebannt und in Teheran will man jetzt plötzlich keinen Atomkrieg mehr o.ä. und deswegen die neue Wirtschaftspolitik mit dem Iran. Meinem dafürhalten ist dieser propagandistischer nuklearer Nebel eher nur dafür da gewesen den Iran in der Region zu fesseln. Umstände ändern sich. Weil der Iran in der Region Fähigkeiten besitzt, hat das auch Auswirkungen auf das Verhältnis zum Westen/USA, auch im Kontext globalerer Gründe (Russland/Energie usw.), da stören/blockieren die Sanktionen nur noch. Dazu sind sie ja auch da.
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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon King Kong 2006 » Mo 7. Nov 2016, 08:18

Die arabisch-kurdische SDF wird mit US-Unterstützung den Angriff auf Rakka unternehmen. Die Türkei soll nicht beteiligt werden.

Miliz: Offensive auf syrische IS-Hochburg Raqqa begonnen

Kurdisch-arabische Miliz wird von den USA unterstützt – Die Türkei soll nicht beteiligt werden

Damaskus/Raqqa – Nach dem Vormarsch auf die nordirakische Großstadt Mossul hat nun auch eine Offensive zur Rückeroberung der syrischen IS-Hochburg Raqqa begonnen. "Die große Schlacht zur Befreiung von Raqqa und seiner Umgebung hat begonnen", verkündete am Sonntag eine Sprecherin der Demokratischen Syrischen Kräfte (SDF), einer von den USA unterstützten kurdisch-arabischen Rebellenallianz. Die Türkei soll nicht an der Offensive beteiligt werden.


Damit würden die Kurden relativ tief vordringen. Ankara muß alarmiert sein. Damaskus eigentlich auch.

Großteil Kurden

Die SDF-Miliz ist ein Bündnis kurdischer und arabischer Rebellen. Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) stellen einen Großteil der Kämpfer. Sie haben den IS bereits aus mehreren Orten in Nordsyrien vertrieben, darunter die strategisch wichtige Stadt Manbij.


Türkei will Kurdenstaat verhindern

Mossul und Raqqa sind die beiden letzten Hochburgen des IS in der Region. Die SDF-Miliz und die maßgeblich beteiligte Kurdenmiliz YPG kontrollieren bereits große Gebiete im Norden Syriens. Die Türkei will jedoch verhindern, dass die Kurden ein zusammenhängendes Autonomiegebiet in der Grenzregion schaffen. Ankara betrachtet die YGP zudem genauso wie die in der Türkei verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) als Terrororganisation.

"Keine Rolle" für türkische Armee Die SDF-Miliz vereinbarte nach eigenen Angaben aber nun mit den USA, die Türkei von der Raqqa-Offensive auszuschließen. Die türkische Armee und auch mit ihr verbündete Rebellen würden "keine Rolle" bei den Einsatz spielen, sagte SDF-Sprecher Sello.

http://derstandard.at/2000047036591/Mil ... a-begonnen
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King Kong 2006
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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon King Kong 2006 » Mo 7. Nov 2016, 21:32

Der Konflikt zwischen den syrischen Kurden und der Türkei könnte sich bei den Operationen gegen Rakka zuspitzen.

Rakka ist die Hochburg des "Islamischen Staats" - nun rufen die "Syrischen Demokratische Kräfte" zum Sturm. Doch der Konflikt zwischen der Türkei und den Kurden gefährdet den Vormarsch.

Die Türkei will keine Kurden in Rakka sehen

Doch mehr als ein Jahr nach der Gründung des Bündnisses sind in seinen Reihen noch immer kurdische Kämpfer in der Überzahl. Die Volksverteidigungseinheiten (YPG) bilden das Rückgrat der SDF. Zwar bemühen sich die USA seit Monaten, arabische Stammeskämpfer und andere IS-Gegner für das Militärbündnis zu gewinnen - allerdings spielen diese innerhalb der SDF allenfalls eine Nebenrolle.


Für die USA und ihren Kampf gegen den IS ist das aus zwei Gründen ein Problem: Zum einen ist Rakka eine durch und durch arabische Stadt. Selbst wenn es gelingen sollte, den Ort am Euphrat einzunehmen und den IS zu vertreiben: Die meisten der 200.000 Einwohner von Rakka würden die kurdischen Eroberer wohl als Fremdherrscher betrachten, die keine gewachsene Verbindung zu den Menschen in der Stadt haben.

Zum anderen ist die Türkei über die führende Rolle der Kurden bei der Eroberung der IS-Hauptstadt erzürnt. Ankara betrachtet die YPG als Terrororganisation. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat mehrfach deutlich gemacht, dass seine Regierung nicht hinnehmen werde, dass die kurdischen Milizen Rakka erobern.

Die Zerschlagung des IS ist für Erdogan zweitrangig


Das könnte wahrlich eine Zerreissprobe für die in Syrien beteiligten anti-IS Kräfte werden. Iran und Russland ausgenommen. Aber für die USA, Türkei und die kurdischen Kräfte. Und Assad wird auch nicht begeistert sein. Kurdische Kämpfer in einer arabischen Stadt? Für viele Araber und Ankara worst scenario. Aber die USA scheinen einen Plan zu haben. Nämlich, daß irgendwann, wenn es wirklich ernst um Rakka wird, sich genügend arabische Kämpfer schon finden lassen, um den Job dort zu machen. In dem Falle, wären die Kurden (dort) überflüssig? Vielleicht klappt es diesmal besser. Zuletzt fanden sich 5-6 (!) syrische Kämpfer zum kämpfen, nach einer millionenschweren, monatelangen US-Anwerbung und Schulung. Man könnte darüber lachen, wenn das nicht alles so dramatisch wäre.

Die USA handeln nach dem Prinzip Hoffnung

Die seit drei Wochen laufende Schlacht um Mossul zeigt, wie erbittert der IS Widerstand leistet. Und dort rücken gut ausgebildete Peschmerga, von Iran trainierte und finanzierte schiitische Milizen und die irakische Armee auf die Stadt vor. Gegen dieses Heer von mehr als 50.000 Mann nehmen sich die SDF aus wie eine bunt zusammengewürfelte Truppe, die in einer Art Crashkurs für die Schlacht um Rakka trainiert wurde.

Die USA sind deshalb bemüht, die von den SDF geschürte Euphorie zu bremsen. Zunächst gehe es darum, einen Belagerungsring um die Stadt zu ziehen. "Allein diese Phase wird Monate dauern", sagte Joseph Dunford, Chef des US-Generalstabs.

Wenn dann der Sieg über den IS in greifbare Nähe rückt, werden sich auch genügend arabische Kämpfer den SDF anschließen, die dann in Rakka einrücken und die Stadt nach der Befreiung kontrollieren, so das Kalkül des US-Militärs. Das klingt wie eine vage Hoffnung - mehr nicht.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/i ... 20154.html


Es ist richtig und bezeichnend, daß bei Mosul die irakische Armee als letztes genannt wird. Die wird zwar aus propagandistischen Gründen vom Iran und den USA hochgehalten, aber sie sind tatsächlich wohl die letzten, die dort etwas bewegen können. Es macht aber kein gutes Bild, wenn man hinter allem in der Region die USA und den Iran verortet. Washington, Teheran und Israel haben da einschlägige Erfahrungen bei diesen Vorwürfen.
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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon Kardux » Mo 7. Nov 2016, 22:57

King Kong 2006 hat geschrieben:Aber die USA scheinen einen Plan zu haben. Nämlich, daß irgendwann, wenn es wirklich ernst um Rakka wird, sich genügend arabische Kämpfer schon finden lassen, um den Job dort zu machen. In dem Falle, wären die Kurden (dort) überflüssig? Vielleicht klappt es diesmal besser. Zuletzt fanden sich 5-6 (!) syrische Kämpfer zum kämpfen, nach einer millionenschweren, monatelangen US-Anwerbung und Schulung. Man könnte darüber lachen, wenn das nicht alles so dramatisch wäre.


Ja, die Kurden sollen also die Drecksarbeit leisten und die Lorbeeren kassieren dann irgendwelche angeworbene arabischen Kämpfer. Die Kurden sind sich im klaren das Raqqa und mit Abstrichen auch Mosul nichts weiter Verlustschlachten sind. Aber so ist nunmal das Spiel. Die Kurden agieren sowohl im Irak als auch in Syrien als Söldner und dafür gibt es irgendwelche politischen "Vergütungen" seitens der USA, wie auch immer diese aussehen mögen.

King Kong 2006 hat geschrieben:Die meisten der 200.000 Einwohner von Rakka würden die kurdischen Eroberer wohl als Fremdherrscher betrachten, die keine gewachsene Verbindung zu den Menschen in der Stadt haben.


Wenn ich solche Zeilen lese frage ich mich immer weshalb dann Kurden türkische, arabische und persische Eroberer hinnehmen müssen. Weshalb ist das kein Unrecht?
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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon King Kong 2006 » Mo 7. Nov 2016, 23:01

Kardux hat geschrieben:(07 Nov 2016, 22:57)

Ja, die Kurden sollen also die Drecksarbeit leisten und die Lorbeeren kassieren dann irgendwelche angeworbene arabischen Kämpfer.


So hört sich das an.

Wenn ich solche Zeilen lese frage ich mich immer weshalb dann Kurden türkische, arabische und persische Eroberer hinnehmen müssen. Weshalb ist das kein Unrecht?


Vermutlich das Recht des Stärkeren... Da wird wohl jede Volksgruppe und Staat in der Geschichte ein Lied singen können. Letztendlich hat sich bereits eine kurdische Autonomie im Irak und faktisch auch in Syrien herausgebildet.

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Re: Geopolitik - Interventionen/Präventionen im Sykes-Picot Raum

Beitragvon King Kong 2006 » Do 10. Nov 2016, 16:49

Die USA werden sich wohl weiter zurückziehen. Mehrarbeit für den Iran. So wars abzusehen. Der modus vivendi.

Assad atmet auf, der IS jubelt

Donald Trump hat einen Kurswechsel in der Syrien-Politik angekündigt. Das Thema "Regime Change" fliegt vom Tisch, einziger Gegner ist der IS.

http://m.spiegel.de/politik/ausland/a-1120668.html


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