Warum der Islamische Staat gewinnt.

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Platon
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Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon Platon » Di 3. Nov 2015, 23:21

Als Obama am 10.9.2014 eine programmatische Rede zum Kampf gegen den Islamischen Staat hielt, sprach er davon man wolle den Islamischen Staat, der weder ein Staat noch Islamisch sei, schwächen und schlussendlich zerstören.

Bezüglich der Frage ob der Islamische Staat islamisch sei, würde ich persönlich der hier dargelegten Position zustimmen. Der IS war im Sommer 2014 womöglich noch kein funktionierender Staat im eigentlichen Sinne. Im November 2015 kommt man aber nicht mehr darum herum festzustellen, dass staatliche Institutionen im eigenen Herrschaftsbereich etabliert wurden, auch wenn der Islamische Staat natürlich von niemandem als solcher anerkannt wurde und auch umgekehrt auch das internationale System nicht anerkennt. Trotz allem ist der Islamische Staat immer noch da und er zeigt keinerlei Anzeichen der Schwäche oder Desintegration. Es gab einige militärische Niederlagen gegen die Kurden in Syrien, in Kobane, Tal Abyad und Hasakah und gegen schiitische Milizen in Irak in Tikrit und Baiji. Diese Niederlagen wurden aber vor allem durch die Eroberung von Ramadi im Irak und Palmyra in Syrien ausgeglichen.
(Strang des geehrten Users Platon zum Kampf der Kurden gegen den IS)

Wenn man das ausgegebene Ziel Obamas den Islamischen Staat durch eine Internationale Koalition zu schwächen und schließlich zu zerstören ernst nimmt, dann ist es klar, dass dieses Ziel nicht erreicht wurde. Der IS wurde nicht besiegt, vielmehr hat er sich im eigenen Gebiet etabliert, ist dort ohne echte Konkurrenz und expandiert vielmehr zumindest nominell, indem immer mehr jihadistische Gruppen dem Kalifat die Gefolgschaft leisten.
(Strang des sehr geehrten Users Platon zum globalen Bürgerkrieg IS vs Al Qaida)

Es ist daher durchaus keine Übertreibung zu sagen, dass der Islamische Staat den Krieg gegen sich gewinnt. Warum ist das so?

1. Der Islamische Staat besteht aus einer Koalition von überaus fähigen Leuten, die sehr professionell vorgehen, die der gemeinsamen Sache zu 100% verpflichtet sind und auch schon einiges mitgemacht haben. Das heißt sie haben zumeist einen langfristigen, durchdachten und aus bisherigen positiven wie negativen Erfahrungen hervorgegangenen Plan den sie diszipliniert und schonungslos durchziehen. So ging der Expansion in Syrien und Irak jeweils eine Unterwanderung der jeweiligen Regionen voraus, man bildete Netzwerke schaltete potenzielle Gegner aus und am Ende musste man nur noch einmarschieren und alles übernehmen, hatte aber schon Leute vor Ort, die aus der Region kamen und bestens vernetzt waren. Im Gegensatz dazu sind Leute wie die Zentralregierung in Bagdad und Damaskus oder andere Rebellengruppen ein organisatorischer Hühnerhaufen, die Entscheidungen ad hoc treffen, bzw. ohne nennenswerte Kontakte in den entsprechenden Regionen sind. Die Versuche der USA Rebellen für den Kampf gegen den IS zu organisieren, traut man sich in dem Kontext kaum zu erwähnen.
Die Koalition aus der der IS besteht sind vor allem a) Internationale Jihadisten, die auch schon anderswo in Afghanistan, Bosnien etc. gekämpft haben, aber auch viele neue Rekruten die hoch motiviert und der IS-Führung bedingungslos loyal sind, ja sein müssen, weil sie ja sonst niemand vor Ort kennen b) alte Leute aus dem Baath-Regime die sich in den 1990ern der Religion zuwandten und sich ab 2003 den Jihadisten im Kampf gegen die USA und die schiitisch dominiert Zentralregierung anschlossen, sie organisieren alles und kennen sich in Sachen staatlicher Bürokratie, Propaganda, Geheimdienstarbeit und Kriegsführung bestens aus und c) sunnitische Stämme die von der Zentralregierung in Bagdad enttäuscht dem Islamischen Staat Gefolgschaft geschworen haben und deren Loyalität der Schlüssel für die Aufrechterhaltung der eigenen Herrschaft ist.
(A Case Study of the Islamic State as the Saddam Regime’s Afterlife: The Fedayeen Saddam)
(Isis: the inside story)
(How the Islamic State evolved in an American prison)

2. Der IS ist finanziell unabhängig. Er bezieht seine Einnahmen anders als andere jihadistische Gruppen nicht primär von den berühmten Sponsoren in den Golfstaaten. Sondern man ist in der Lage durch Steuern, den Verkauf von Ressourcen, durch den Verkauf von Kunstgegenständen und so Sachen wie wie Kidnapping gegen Lösegeld hohe Einnahmen zu erzielen. Gerade der Verkauf von Öl und Gas, selbst zu Discountpreisen dürften jährlich Einnahmen im dreistelligen Millionenbereich erzielen. Geschmuggelt wird über alte Wege über die man schon in den 90ern die Sanktionen der USA gegen Saddam Hussein umgangen hat, die Leute die das damals gemacht haben, arbeiten heute nämlich allesamt für den IS. Hinzu kommen natürlich trotzdem Spenden aus den umliegenden Ländern von Geschäftsleuten die mit der Sache des IS symphatisieren. Ebenso gab es einmalig hohe Einnahmen durch die Plünderung von Banken in den eroberten Gebieten. Man ist auch bemüht einen eigenen Markt zu schaffen, hierzu hat man mit dem Golddinar eine eigene Währung geschaffen, die Transaktionen innerhalb des IS-Territoriums von ausländischen Währungen unabhängig machen soll. Die Einführung einer eigenen Währung war keineswegs eine Lachnummer sondern eine sinnvolle Maßnahme.
(Islamic State Meets the Laws of Economics)
(Islamic State: The economy-based terrorist funding)
(Arte-Doku: IS - Die Wirtschaftsmacht der Gotteskrieger)


3. Dem IS ist es gelungen in seinem Herrschaftsbereich staatliche Strukturen zu etablieren. Dadurch gelingt es ihm einerseits seine Gebiete gut zu verwalten, zu kontrollieren und zu besteuern. Andererseits ist es ihm so auch möglich seinen Untertanen Dienstleistungen anzubieten, wie Schulen, Polizei, die Durchsetzung von Scharia-Rechtsstaatlichkeit, Krankenhäuser, man legt neue Straßen an, sogar eine Krankenversicherung soll es geben. Somit gelingt es dem IS diese Gebiete besser zu regieren als es die Regierungen in Damaskus und Bagdad realistischerweise tun würden. Denn diese sind korrupt, bestehen nicht aus Einheimischen und würden die Gebiete völlig vernachlässigen und müssten ständig gegen einen Aufstand eben des IS kämpfen. Die Messlatte was gute Regierungsführung angeht, ist in der Region, die der IS beherrscht, einfach so niedrig, dass der IS als gar nicht mal die schlechteste Alternative für viele seiner Untertanen erscheinen muss. Und auch die Brutalität mit der der IS gegen Widerstand in den eigenen Gebieten vorgeht ist z.B. unter Assad nicht wirklich anders. Nur das sein Regime diese Sachen nicht im Internet hochlädt.
Um sich mal eine Vorstellung zu machen, welchen Ausmaß der Islamische Staat als Staat mittlerweile haben dürfte: Einer Schätzung zur Folge, die ich für recht plausibel halte, legt die Anzahl der Mitglieder oder besser Mitarbeiter des IS irgendwo in der Größenordnung von 100 000 Menschen fest.
(How Many Fighters Does the Islamic State Really Have?)
(ISIS Transforming Into Functioning State That Uses Terror as Tool)
(A bureaucracy of terror: Life under Islamic State rule)
(Islamic State: Bureacracy and Brutality)
(Zur Verwaltungsstruktur des IS: YouTube: The Islamic State: How Its Leadership Is Organized, Führungsstruktur des "Islamischen Staats": Organigramm des Terrors, Irak und Syrien: So regiert der "Islamische Staat")


4. Der IS ist für die meisten seiner Gegner nicht die Priorität. Das heißt für die meisten Mächte in der Region ist es im Moment überhaupt nicht von oberster Bedeutung den IS zu bekämpfen. Es geht ihnen mehr darum Assad zu bekämpfen bzw. zu unterstützen. Die Türkei, die anderen sunnitischen Rebellen sind vor allem gegen Assad, die Türken sehen dazu die Kurden als das eigentliche Problem und beim IS hofft man das Beste, die pro-iranischen Leute sind für Assad und wenden ihre Kräfte dazu auf ihn an der Macht zu halten. Die Provinz Anbar vom IS zurückzuerobern ist da einfach für keinen wirklich eine Priorität. Ebenso wie für die USA die ganze Region nicht mehr so wichtig ist und man sich auf seine Kerninteressen und ein wenig Krisenmanagement beschränkt. Und solange der IS nicht versucht vitale Interessen, wie die Sicherheit im Golf, die Sicherheit Israels, Jordaniens oder Saudi-Arabiens anzugreifen, ist die Existenz des IS für die USA durchaus verkraftbar. Ähnlich sehen die Russen und Assad im IS im Moment keine Priorität, sondern in den sunnitischen Rebellen, hier darf man eher davon ausgehen, dass ein starker IS sogar im Interesse des Assad-Lagers in Syrien ist, weil ein starker IS das langfristige Überleben Assads sichert. Von daher mag der IS einer gegen alle kämpfen, aber so wirklich weh tut es eigentlich niemanden, dass er Raqqa oder Mossul beherrscht. Solange er sich nicht noch weiter ausbreitet, ist das eigentlich nicht das Problem der USA, Russlands, Irans, der Saudis oder der Türkei. Viele mögen es sogar ganz gerne sehen, dass der IS die pro-iranischen schiitischen Milizen im Irak bekämpft und so den iranischen Einfluss in der Region eindämmt.
(Beitrag des sehr geehrten und verehrten Users Platon zu den schiitischen Milizen im Irak)

5. Es gelingt dem IS die Loyalität der Bevölkerung in den beherrschten Gebieten zu sichern. Das macht er durch die bereits in 3. dargelegten Formen verhältnismäßig guter Regierungsführung, durch die Angst vor der Alternativen, vor allem die pro-iranische schiitischen Milizen, aber auch die Kurden, die doch öfters mal Racheaktionen an pro-IS-Sunniten durchführen. Dazu hat sich der IS sehr stark auf die Bedürfnisse der Stammesgesellschaft eingestellt, d.h. in weiten Teilen Iraks und Syriens agiert der IS primär als Führer einer Stammeskonföderation, der Loyalitätseid wird durch die Stammesführer geleistet und diese sind dann auch für ihre Mitglieder verantwortlich. Das ist am Ende genau das was auch der Islamische Prophet Mohammed gemacht hat, dessen Staat - den der IS gerne wiederbeleben will - war am Ende auch nichts Anderes als eine Stammeskonföderation mit ihm an der Spitze. Im Gegenzug zum Loyalitätseid der Stammesführer garantiert der IS für Sicherheit, Stabilität und Unabhängigkeit vor der Zentralregierung in Bagdad und Damaskus. Und sollte es dennoch mal zu Unzufriedenheit kommen, geht der IS mit äußerster Brutalität vor und massakriert auch schon mal einen ganzen Stamm, wenn er Widerstand leistet. Dazu sollen öffentliche Ermordungen und die Zurschaustellung der eigenen Gräueltaten natürlich die lokale Bevölkerung einschüchtern. Die Leute die unter Saddam Hussein bereits in dessen Geheimdiensten aktiv waren und sich dem IS angeschlossen haben, haben dazu Erfahrung Dissidenten per Geheimdienstarbeit aufzuspüren und auszuschalten. So ist es dem IS bisher gelungen nennenswerte Aufstände zu verhindern und das wird meines Erachtens auch in Zukunft so sein.

6. Der IS ist nach wie vor die attraktivste Gruppe für ausländische Jihadisten. Der Hauptgrund ist hierfür der eigene Erfolg. Neben den Eroberungen vor allem der Coup tatsächlich das Kalifat neu ausgerufen zu haben. Mit Bagdadi als einem Kalifen, der keineswegs eine Witzfigur ist. Er hat immerhin einen PhD in religiösen Wissenschaften an einer echten islamischen Universität in Bagdad, damals noch unter Saddam Hussein. Er soll dazu ein Quraish sein, seine Abstimmung soll also auf den Stamm des Propheten Mohammed zurückgehen. Allein durch diese zwei Sachen hat er schon einmal mehr religiöse Credibility, als alle anderen Jihad-Anführer im syrischen Bürgerkrieg und von al Qaida. Weitere Gründe für den Erfolg bei potenziellen Rekruten sind die professionelle Medienabteilung, d.h. die gut produzierte Propaganda, die auf die unterschiedlichen Erwartungen möglicher Empfänger gezielt eingeht. Man hat auch eine apokalyptisches Element, nach dem der Kampf um die Etablierung des Kalifats die Vorgeschichte zur bald kommenden Endzeit ist. Alle potenziellen Rekruten sollen nun schnell zum Kalifat eilen um noch rechtzeitig auf der richtigen Seite zu stehen und aktiv am Aufbau der wahren islamischen Gemeinschaft mitzuhelfen. Dazu wendet man sehr viele Energien darauf, auf die eigenen Taten als der Scharia gemäß zu rechtfertigen. So hat man das Kalifat nicht einfach in einem youtube-Video ausgerufen, sondern der Sprecher hat es dann noch einmal islamisch begründet. Ebenso hat man auch die Verbrennung des jordanischen Piloten oder die Wiedereinführung der Sklaverei als der Scharia gemäß zu begründen versucht. Es ist für den IS von zentraler Bedeutung, das eigene Handeln als der Religion entsprechend darzustellen.
(The Islamic State Restores the Caliphate)
(ISIS Enshrines a Theology of Rape)
(Inside The Islamic State's Apocalyptic Beliefs) (Starr Forum: The ISIS Apocalypse (entire event))
(The Virtual ‘Caliphate’: Understanding Islamic State’s Propaganda Stratgegy) (YouTube: Islamic State Propaganda: What it aims to achieve)


7. Es gelingt dem IS immer mehr Sympathien bei anderen Jihadisten-Gruppen zu wecken, die vom Erfolg des IS beeindruckt sind, ihm nacheifern und sich von der Leistung des Treueids natürlich auch finanzielle Vorteile erhoffen. Umgekehrt kann der IS durch diese Expansion auch neue Einkommensquellen erschließen und seine Schmuggel- und allgemein kriminellen Netzwerke ausbauen. Durch die Expansion nach Afghanistan z.B. könnte man ins dortige Drogengeschäft einsteigen. Durch die Expansion in weitere Gebiete in der islamischen Welt wird dazu das revolutionäre Momentum des IS aufrecht erhalten, hat man doch in Syrien und vor allem im Irak die maximale Ausbreitung erreicht, indem man praktisch alle mehrheitlich sunnitischen Gebiete erobert hat. In Syrien hat der IS aber durchaus noch Potenzial und durch die heftigen Kämpfe zwischen pro-Assad-Kräften inklusive Russland und den Rebellen ist man da in den letzten Wochen wieder langsam auf dem Vormarsch.


Am Ende muss man festhalten, dass der IS die Loyalität aller relevanten Gruppen gesichert hat und mal abgesehen von den sunnitischen Rebellen in Syrien keine echte Konkurrenz hat, die aber lieber Assad bekämpfen als den IS. Ähnlich wie vergleichbare jihadistische Gruppen, denen es gelungen war im Rahmen einer Aufstandsbewegung weite Territorien zu erobern und mit Brutalität zu halten, ist es unwahrscheinlich, dass man von indigenen Kräften besiegt wird. Vergleichbar wären die Taliban in den 1990ern bis sie 2001 von den USA besiegt wurden oder die Geschichte in Mali, als Tuareg und al Kaida/Ansar Dine weite Teile des Landes eroberten und von einer gemeinsamen Offensive aus afrikanischen und französischen Truppen wieder aus den eroberten Städten vertrieben wurden.

Dennoch sehe ich die langfristige Fähigkeit des IS skeptisch, denn auch wenn man im Jahr vielleicht Einnahmen in der Größenordnung von vielleicht 2-3 Milliarden US-Dollar im Jahr hat, ist das zwar genug um eine Armee und eine überschaubare staatliche Bürokratie zu unterhalten und es ist Lichtjahre von dem entfernt was alle anderen Jihadisten-Gruppen haben. Aber das eigene Territorium ökonomisch wirklich nach vorne bringen kann man damit nicht. Wenn man also davon ausgeht, dass der IS tatsächlich mehr oder weniger in seiner jetzigen Form bestehen bleibt, wird das so eine Art Jihad-Nordkorea werden. Eine stark militarisierte autoritäre Herrschaft mit einer ziemlich abgehobenen Ideologie, aber ohne Chance auf ökonomische und technologische Entwicklung, die vor allem dadurch überlebt, dass niemand den Müllhaufen haben will, den man regiert.
Ist natürlich auch die Frage ob die Regierungen in Damaskus und Bagdad ihrerseits wirklich motiviert wären, in die fraglichen Regionen zu investieren.

Die entscheidende Frage ist also am Ende ob es der IS doch noch schafft irgendwie eine ausländische Intervention gegen sich zu provozieren, die sie von der Macht wieder vertreibt oder ob man sich damit begnügt den IS davon abzuhalten sich in strategisch bedeutendere Gebiete auszubreiten. Und in zweiterem Falle stellt sich dann schon irgendwann die Frage ob der IS sich irgendwann in das staatliche System integriert. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass ein revolutionäres staatliches Projekt, als Weltrevolution gestartet, sich irgendwann als normaler Nationalstaat wiederfindet. Die Islamische Republik Iran z.B. versteht die eigene Revolution durchaus auch als weltgeschichtliches Ereignis als die Mächte des Bösen erstmals von einem Volk heldenhaft per Revolution besiegt wurden, und man hat lange versucht die eigene Revolution in der gesamten islamischen Welt zu verbreiten. Mit wenig Erfolg wie man weiß. Man hat es auch anfangs abgelehnt sich in das internationale System der Nationalstaaten anzuerkennen und sich darin zu integrieren. Aber irgendwann, nach dem Ende des Iran-Irak-Krieges, hat man doch eingesehen, dass man mit pragmatischem Vorgehen mehr erreicht und jetzt hat man sogar mit dem Erzfeind USA ein Abkommen geschlossen. Es ist vor dem Hintergrund der islamischen Überlieferung durchaus denkbar, dass der IS irgendwann beschließt, dass der revolutionäre Überschwang langsam abebbt und nun die Zeit gekommen ist mit seinen Feinden einen Waffenstillstand zu schließen, um so das Überleben des Kalifats zu sichern.
(What Should We Do if the Islamic State Wins?)


Der Beginn einer graduellen Anerkennung der Realitäten, wären Verhandlungen zwischen dem IS und anderen staatlichen und internationalen Akteuren humanitäre Hilfe in die vom IS beherrschten Gebiete zu liefern oder Impfkampagnen durchzuführen. Das ist in geringem Umfang bereits jetzt der Fall und ausbaufähig.
(Siehe hier, Beitrag Platon)
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Re: Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon palulu » Di 3. Nov 2015, 23:36

Punkt 1 stimmt; Punkt 2 stimmt so absolut formuliert ganz gewiss nicht; Punkt 3 gilt eingeschränkt, ja eher punktuell; Punkt 4 gilt lediglich für die Gegenwart, das muss nicht heißen, dass das für alle Zeiten so bleibt; Punkt 5 hängt vom Zusammenspiel der vorherigen Punkte ab; beim letzten Punkt gebe ich dir Recht.

Unterm Strich: so stabil der IS auch erscheinen mag, so fragil ist er auch. Das mag sich seltsam anhören, aber aus meiner Perspektive ist es so. Es sind die äußerlichen Faktoren, die den IS stabilisieren - und diese müssen nicht so bleiben, wie sie sind.
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Re: Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon JFK » Di 3. Nov 2015, 23:45

Weiß man ungefähr die aktuellen Einwohnerzahlen? Die meisten fliehen ja aus den IS Gebieten, das ist bestimmt dünn besiedelt dort.
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Re: Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon Platon » Di 3. Nov 2015, 23:50

JFK » Mi 4. Nov 2015, 00:45 hat geschrieben:Weiß man ungefähr die aktuellen Einwohnerzahlen? Die meisten fliehen ja aus den IS Gebieten, das ist bestimmt dünn besiedelt dort.

http://warontherocks.com/2015/02/how-ma ... ally-have/
2,2 Mio in Syrien
3,9-4,6 Mio in Irak

Also etwas in der Größenordnung von 6-7 Millionen.
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Re: Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon Fadamo » Mi 4. Nov 2015, 06:27

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Re: Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon Kardux » Fr 6. Nov 2015, 13:12

Platon hat geschrieben:5. Es gelingt dem IS die Loyalität der Bevölkerung in den beherrschten Gebieten zu sichern.


Das stimmt so nicht. Interessant auch das Sie dafür ausnahmsweise keine Quelle angeben. Die lokale Bevölkerung lebt in Angst und Schrecken, bis auf eine kleine Zahl von Nutznießern des IS hat die gesamte Bevölkerung die Schnauze voll vom IS und seinen rigiden Regeln die jedes peinliche Detail der Menschen vorort kontrollieren will.

Platon hat geschrieben:Es gab einige militärische Niederlagen gegen die Kurden in Syrien, in Kobane, Tal Abyad und Hasakah und gegen schiitische Milizen in Irak in Tikrit und Baiji. Diese Niederlagen wurden aber vor allem durch die Eroberung von Ramadi im Irak und Palmyra in Syrien ausgeglichen.


Es gab auch sehr viele militärische Niederlagen gegen die Kurden im Irak. In Zummar, Sinune (bei Shingal), Mosul- Stausee, Kerkûk- Umgebung, Makhmur, usw.

Der IS wird solange exisitieren, bis sich die Großmächte auf eine neue Ordnung in der Region geeinigt haben. Wie sollte man glauben das der IS überlebensfähig wäre, wenn wirklich so viele Staaten aktiv gegen ihn kämpfen würde ? Der IS ist nur Mittel zum Zweck - für welchen, ist derzeit noch unklar (für mich zumindest).
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Re: Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon Emin » Sa 7. Nov 2015, 12:51

Dass der IS für sunnitische Muslime die attraktivste Alternative ist halte ich für falsch. Der IS versucht schon seit Jahren Migrationsströme sunnitischer Muslime in sein Gebiet zu lenken, aber kein Mensch kommt, bzw. ganz im Gegenteil die Leute flüchten eher. Für einige Sunniten, die obere Ränge in der Machtstruktur bekleiden, lohnt es sich vielleicht, für den Rest ganz sicher nicht.

Auch Al-Baghdadi einfach als einen legitimen religiösen Führer zu bezeichnen ist falsch. Von den vielen Jihadisten sieht ihn kaum einer als solchen. Sein Doktortitel und seine höchstwahrscheinlich erfundene Abstammungsgeschichte interessiert niemanden.
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Re: Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon Platon » Sa 7. Nov 2015, 14:46

Emin » Sa 7. Nov 2015, 13:51 hat geschrieben:Dass der IS für sunnitische Muslime die attraktivste Alternative ist halte ich für falsch. Der IS versucht schon seit Jahren Migrationsströme sunnitischer Muslime in sein Gebiet zu lenken, aber kein Mensch kommt, bzw. ganz im Gegenteil die Leute flüchten eher.

Sunniten sind nicht gleich Sunniten. Die soziale Herkunft spielt auch immer eine wichtige Rolle, meines Erachtens. Die sunnitischen Aufstandsbewegungen in Syrien und Irak werden vor allem von der ländlichen Bevölkerung und den jeweiligen Stämmen getragen. Das erkennt man besonders in Syrien auch an der Art wie der Krieg verläuft, wie ich hier erläutert haben.

Ich würde erwarten, dass die meisten Flüchtlinge aus den großen Städten kommen bzw. aus den ländlichen Gebieten unmittelbar an den Frontlinien.
Für einige Sunniten, die obere Ränge in der Machtstruktur bekleiden, lohnt es sich vielleicht, für den Rest ganz sicher nicht.

Wie gesagt es hängt davon ab, woher man kommt.
Auch Al-Baghdadi einfach als einen legitimen religiösen Führer zu bezeichnen ist falsch. Von den vielen Jihadisten sieht ihn kaum einer als solchen. Sein Doktortitel und seine höchstwahrscheinlich erfundene Abstammungsgeschichte interessiert niemanden.

Grundsätzlich geht es mir nicht darum jemanden als legitim zu bezeichnen, sondern darum festzustellen, dass jemand von den entsprechenden Leuten als legitim oder eher legitim als andere gesehen werden kann. Und es ist nicht korrekt, dass die mutmaßliche Abstammung und der Doktortitel diesbezüglich unbedeutend wären. Im Gegenteil, bei al Bagdadi ist das ganz wichtig, wenn es um seinen Anspruch geht Kalif zu sein. Weil es kann ja nicht jeder einfach sagen er ist Kalif, es gibt in der islamischen Tradition klare Kritierien, die ein Kalif erfüllen muss. Und der Islamische Staat zeichnet sich dadurch aus, dass er genau diese klassische Islamische Theorien sehr ernst nimmt, versucht entsprechend zu agieren und sich bemüht zu rechtfertigen, wenn es doch mal nicht klappt. Denn die Wiederbelebung des tatsächlichen islamischen Kalifats ist das ideologische Hauptzugpferd des IS und auch ganz wichtig in der Propaganda, im eigenen Selbstverständnis der Gruppe und damit auch in der Legitimation bei tatsächlichen und potenziellen Anhängern:

Ich bin jetzt kein Experte davon, aber was ich diesbezüglich als Link gefunden habe, was passen müsste.
http://islamic-world.net/khalifah/definition.htm

Dort wird der Theoretiker Mawardi angeführt, der die Kriterien folgendermaßen anlegt:
The legitimacy of the Khalifah depends on the Bai'ah, the Pledge of Allegece of the People, and as long as he could perform the following functions:

The defence and maintainance of religion
The decision of legal dispute
The protection of territory of Islam
The punishment of the wrong doers
The provision of troop for guarding the frontiers
The waging of Jihad againts the Kafir Harbi
The organization and collection pf zakat
The payment of salery and administration of public fund
The appointment of competent officials
Personal attention to the detail of the government


Der auch bei uns teilweise bekannte Ibn Khaldun formulierte es ein paar hundert Jahre später so:
The Khalifa must be Muslim.
He must be a man.
He must be knowledgeable in Islaam, and be able to make independent decisions if necessary.
He must be just, have good morals, and be trustworthy.
He must be physically able (non-handicapped), spiritual, brave, and helpful to protect the Ummah against its enemies. His eyes, ears, tongue, and body in general should be in working condition.Today, for example, an artificial limb could be used to offset an otherwise crippling injury.
He must be politically, militarily, and administratively experienced.
He must be from The Tribe of Quraish because they used to be the leading tribe, the majority.


Der Kalif muss also über einen Islamischen Staat und eigenes Territorium gebieten. Das ist das was Oktober 2006 als man erstmals den Islamischen Staat im Irak ausgerufen hat, nicht so ganz der Fall war bzw. man wurde 2007 und 2008 dann von den sunnitischen Stämmen besiegt. Aber seit 2011 geht es da immer weiter aufwärts. Er muss ein Mann sein, er muss Muslim sein, er muss Wissen über den Islam haben, er muss körperlich und geistig gesund sein (die körperliche Unversehrtheit ist mittlerweile durchaus so eine Sache) und er sollte nach der Meinung einer Reihe von Leuten ein Quraishi sein, wobei das nicht allgemeiner Konsens ist. Es schadet aber gewiss nicht.
Al-Mawardi has written that the Khalifa should be Quraishi based on the saying of Abu Bakr that the Khalifas are Quraishi and their ministers are non-Quraishi. The majority of scholars are of this opinion. Other scholars have arrived at a different conclusion. Abu Bakr Al-Baqlani has said that the leader of the Muslims simply should be from the majority. Muhammad Riya-Ad-Deen and Abu Hanifa wrote that the leader must come from the majority to make it easy to follow him.


Abu Bakr al Bagdadi ist Oberhaupt eines Herrschaftsgebildes, das sich Islamischer Staat nennt, das versucht die Dinge umzusetzen die ein Islamischer Staat der klassischen Theorie nach umsetzen sollte. Er ist ein Mann, er ist Muslim, er hat einen PhD in islamischen Wissenschaften, er ist mutmaßlich Quraishitischer Abstammung, er ist so weit man bisher weiß geistig und solange das Gegenteil nicht bewiesen ist körperlich unversehrt. Ob er fähig ist in der Verwaltung zu arbeiten und ob er moralisch gerecht etc. ist, das ist wohl Ansichtssache. Und genau darauf wollte ich hinaus im Eingangsbeitrag. Bagdadi hat sich zum Kalifen machen lassen. Und er erfüllt eben halt doch so einigermaßen die Vorausetzungen Kalif zu sein und er ist dadurch eben keine Witzfigur, die eigentlich nicht ernst zu nehmen ist. Es sei denn natürlich man lehnt das Kalifat aus grundsätzlichen Gründen ab bzw. man kann ja versuchen die Abstammungslinie, die Gelehrsamkeit oder das moralische Urteil in Zweifel ziehen. Das ist dann aber halt Ansichtssache.

Die Abstammung von Bagdadi von den Quraish kommt übrigens daher, dass sein Stamm diese Abstammung beansprucht. Er hat das jetzt nicht für sich persönlich erfunden.
http://www.joshualandis.com/blog/meet-the-badris/

Und man vergleiche das z.B. mit Osama bin Laden, der war jemenitischer Abstammung hatte BWL und Bauingenieurwesen studiert, oder der aktuelle Führer von al Qaida Zawahiri ist Ägypter und ist Chirurg in der ägyptischen Armee gewesen. Diese wollten bzw. wollen das Kalifat gar nicht jetzt errichten, aber sie hätten es selber auch gar nicht gekonnt, weil ihnen die persönlichen Voraussetzungen unzweifelhaft gefehlt hätten.

PS
Bezüglich der Legitimität des Kalifats gibt es einen Brief von 120 islamischen Rechtsgelehrten, die den Islamischen Staat verurteilen:
http://www.huffingtonpost.com/2014/09/2 ... 78038.html
http://madrasah.de/leseecke/islam-allge ... i-und-isis
Zuletzt geändert von Platon am Sa 7. Nov 2015, 16:11, insgesamt 3-mal geändert.
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Re: Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon YTX » Sa 7. Nov 2015, 15:13

Kardux » Fr 6. Nov 2015, 14:12 hat geschrieben:
Wie sollte man glauben das der IS überlebensfähig wäre, wenn wirklich so viele Staaten aktiv gegen ihn kämpfen würde ?

Alle Staaten dieser Welt haben die Ressourcen nicht, um mit islamistischen Kämpfern fertig zu werden.
Russisch: Putin
Englisch: To poo in a tin
Deutsch: In eine Blechbüchse scheißen :D
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Re: Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon Kardux » Sa 7. Nov 2015, 21:26

YTX » Sa 7. Nov 2015, 16:13 hat geschrieben:Alle Staaten dieser Welt haben die Ressourcen nicht, um mit islamistischen Kämpfern fertig zu werden.


Die Amerikaner hätten die kurdischen YPG- Einheiten bei ihrem Vormarsch auf Jarablus nicht stoppen sollen (aus Rücksicht vor den Türken) sondern unterstützen, bis sie die gesamte türkisch- syrische Grenze kontrolliert hätten. Das wäre einmal der erste Schritt gewesen um die wichtigste Nachschubroute des IS abzuschneiden. Danach hätten die USA ganz einfach nur das Wüstengebiet zwischen dem Irak und Syrien absichern müssen, sprich alles bombardieren was sich bewegt, somit hätte man die Beweglichkeit des IS entscheidend geschwächt, sie hätten nicht mehr nach Belieben Kämpfer und Waffen von einem Teil in den anderen transferieren können.

Natürlich kann man die Idee des extremistischen Islams nicht mit Waffen besiegen, aber die Argumente die für den IS sprechen, längerfristig ganze Landstriche und sogar wichtige Metropolen und Städte zu kontrollieren sind doch mehr als nur dürftig. Die sogenannte mächtige Armee von Saddam Hussein konnte 2003 gerade einmal 2 Wochen Widerstand leisten gegen die USA, die Köpfe des IS stammen genau aus dieser Armee (samt Geheimdienst, Polizei, und Revolutionsgarden). Wie sollte man glauben das diesmal, nachdem angeblich so viele Staaten und regionale Verbände und Milizen gegen eine Gruppe von ehemaligen Baathisten und ausländischen Jihadisten (denen ich nicht die Kompetenz absprechen will) in der Lage wären solch einen Kampf fortzuführen und sich zu behaupten.

Ich mein es würde schon reichen wenn die USA und Russland einmal ordentlich auf den Tisch hauen und die Geldgeber des IS ermahnen und den Terrorpaten, die Türkei. Ich bin gespannt womit der IS dann kämpfen möchte...

Man sollte den IS nicht stärker machen als er wirklich ist.

Platon hat geschrieben:Weil es kann ja nicht jeder einfach sagen er ist Kalif, es gibt in der islamischen Tradition klare Kritierien, die ein Kalif erfüllen muss.


Diese erfüllt Ibrahim Awwad nicht. Wenn Sie an einer theologischen Debatte hierzu interessiert sind, nur zu.

Platon hat geschrieben:Und der Islamische Staat zeichnet sich dadurch aus, dass er genau diese klassische Islamische Theorien sehr ernst nimmt, versucht entsprechend zu agieren und sich bemüht zu rechtfertigen, wenn es doch mal nicht klappt. Denn die Wiederbelebung des tatsächlichen islamischen Kalifats ist das ideologische Hauptzugpferd des IS und auch ganz wichtig in der Propaganda, im eigenen Selbstverständnis der Gruppe und damit auch in der Legitimation bei tatsächlichen und potenziellen Anhängern:

Ich bin jetzt kein Experte davon, aber was ich diesbezüglich als Link gefunden habe, was passen müsste.


Die islamisch- sunnitischen Gelehrten auf der Welt, bezeichnen die IS- Schergen als Khawarij, von einem Kalifat ist nirgendwo die Rede. Dieser Legitimation fehlt es einfach. Und wann gab es jemals ein islamisches Kalifat ohne die heiligen Städte Mekka und Medina ?

Platon hat geschrieben:Die Abstammung von Bagdadi von den Quraish kommt übrigens daher, dass sein Stamm diese Abstammung beansprucht. Er hat das jetzt nicht für sich persönlich erfunden.

:D
Fast jeder arabisch- sunnitische Stamm behauptet das von sich. Sogar Nicht- Araber behaupten sie wären entfernt mit Mohamed verwandt. Und nebenbei gesagt, nicht jeder islamische Kalif war vom Quraishi- Stamm, das ist im Islam kein Gesetz, erst recht nicht im sunnitischen Islam. Die Osmanen stellten zumindest eine Reihe von Kalifen.
Zuletzt geändert von Kardux am Sa 7. Nov 2015, 21:38, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon Platon » Sa 7. Nov 2015, 22:28

Kardux » Sa 7. Nov 2015, 22:26 hat geschrieben:Natürlich kann man die Idee des extremistischen Islams nicht mit Waffen besiegen, aber die Argumente die für den IS sprechen, längerfristig ganze Landstriche und sogar wichtige Metropolen und Städte zu kontrollieren sind doch mehr als nur dürftig. Die sogenannte mächtige Armee von Saddam Hussein konnte 2003 gerade einmal 2 Wochen Widerstand leisten gegen die USA, die Köpfe des IS stammen genau aus dieser Armee (samt Geheimdienst, Polizei, und Revolutionsgarden). Wie sollte man glauben das diesmal, nachdem angeblich so viele Staaten und regionale Verbände und Milizen gegen eine Gruppe von ehemaligen Baathisten und ausländischen Jihadisten (denen ich nicht die Kompetenz absprechen will) in der Lage wären solch einen Kampf fortzuführen und sich zu behaupten.

Es mag ja sein, dass die USA die Saddam Armee in relativ kurzer Zeit besiegt haben. Allerdings haben die USA es danach jahrelang nicht geschafft den sunnitischen Aufstand nieder zu schlagen. Das gelang auch der allmächtigen US-Armee erst nachdem die Stämme sich zur Zusammenarbeit mit den USA entschlossen hatten. Die USA waren zwar in der Lage mit großem Aufwand an Material und Soldaten, größere Städte wie Ramadi und Fallujah zurück zu erobern, aber den sunnitischen Aufstand konnten auch die US-Armee nur nieder halten, nie wirklich im Alleingang besiegen.

Wenn die USA dort einmarschieren, würde das nur die Zeit zurückdrehen und die USA wieder in die Position versetzen einen großen sunnitischen Aufstand zu bekämpfen. Mit astronomischen Kosten. Und das wie gesagt für ein Gebiet das streng genommen nichtmal besonders bedeutsam ist für US-Interessen. Aus diesem Grund werden sie es auch nicht tun, solange der IS nicht mit aller Gewalt versucht die USA zur Invasion zu zwingen.

Außer natürlich die sunnitischen Stämme wenden sich wieder kollektiv gegen den IS, dann werden Luftangriffe und Spezialeinheiten aber auch ausreichen um dem Spuk ein Ende zu bereiten.

Diese erfüllt Ibrahim Awwad nicht. Wenn Sie an einer theologischen Debatte hierzu interessiert sind, nur zu.

Die islamisch- sunnitischen Gelehrten auf der Welt, bezeichnen die IS- Schergen als Khawarij, von einem Kalifat ist nirgendwo die Rede. Dieser Legitimation fehlt es einfach. Und wann gab es jemals ein islamisches Kalifat ohne die heiligen Städte Mekka und Medina ?

:D
Fast jeder arabisch- sunnitische Stamm behauptet das von sich. Sogar Nicht- Araber behaupten sie wären entfernt mit Mohamed verwandt. Und nebenbei gesagt, nicht jeder islamische Kalif war vom Quraishi- Stamm, das ist im Islam kein Gesetz, erst recht nicht im sunnitischen Islam. Die Osmanen stellten zumindest eine Reihe von Kalifen.

Es ist für den IS nicht so wichtig, was irgendwelche anderen Leute sagen. Die Salafi-Jihadisten waren mit ihren Interpretationen immer eine Randgruppe. Entscheidend sind für die Gruppe eher die Meinungen der Mitglieder, der Unterstützer und potenziellen Unterstützer des IS.

Entscheidend ist für den IS, dass es diese Meinung in der Tradition gibt und man sich darauf beziehen kann.
Zuletzt geändert von Platon am Sa 7. Nov 2015, 22:39, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon schokoschendrezki » So 8. Nov 2015, 07:28

YTX » Sa 7. Nov 2015, 15:53 hat geschrieben:Sehr guter Beitrag. Ich habe auch die Befürchtung, dass ISIS der Welt noch sehr viel Ärger breiten wird. Aber schlussendlich wird der Gedanke der Freiheit dominieren. Er ist wie ein Virus, der nicht mehr auszurotten ist.

Ganz ehrlich: Was soll dieser eher abstrakte "Gedanke der Freiheit" den Bewohnern der Region im Moment bedeuten? Selbst die freieste Gesellschaft dort, die israelische, akzeptiert es, für die Wahrung ihrer Identität in einem eingemauerten Staat zu leben.
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Re: Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon Gejatter » Di 17. Nov 2015, 00:46

Warum ISIS verliert:
(in der sunnitischen, islamischen welt)

https://www.youtube.com/watch?v=wbzIujub-6I


Ich lasse mal völlig unkommentiert, das sich die Kommentatoren und leute im video hauptsächlich darüber aufregen, das der IS Moslems tötet. Ungläubige zu töten wäre dagegen völlig OK. deswegen sind natürlich auch die ganzen anderen islamistischen grupppierungen völlig inakzeptabel.
Zuletzt geändert von Gejatter am Di 17. Nov 2015, 01:11, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon Cat with a whip » Di 17. Nov 2015, 04:15

Na, steht der vom IS erhoffte Endkampf kurz bevor?
http://www.faz.net/aktuell/politik/terr ... 14393.html
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Re: Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon Platon » Do 19. Nov 2015, 11:15

Extrem lesenswert, ein Erfahrungsbericht aus dem Islamischen Staat:
Confessions of an ISIS Spy
He joined the self-proclaimed Islamic State, trained jihadist infantry, and groomed foreign operatives—including a pair of Frenchmen. And now, Abu Khaled says he is ready to talk.

For all the attention paid to ISIS, relatively little is known about its inner workings. But a man claiming to be a member of the so-called Islamic State’s security services has stepped forward to provide that inside view. This series is based on days of interviews with this ISIS spy. Read part two here and part three here.

Part One: An Appointment in Istanbul

ISTANBUL — It took some convincing, but the man we’ll call Abu Khaled finally came to tell his story. Weeks of discussion over Skype and WhatsApp had established enough of his biography since last we’d encountered each other, in the early, more hopeful days of the Syrian revolution. He had since joined the ranks of the so-called Islamic State and served with its “state security” branch, the Amn al-Dawla, training jihadist infantry and foreign operatives. Now, he said, he had left ISIS as a defector—making him a marked man. But he did not want to leave Syria, and The Daily Beast was not about to send me there to the kidnap and decapitation capital of the world. I had met him often enough in Syria’s war zones in the past, before the rise of ISIS, to think I might trust him. But not that much. “Lucky for you, the Americans don’t pay ransoms,” he ventured, after the two of us began to grow more relaxed around each other and the question of ISIS hostage-taking inevitably came up. He said he was joking.

I knew from our digital parlays that, if he were telling the truth, he had extraordinary, granular information about the way ISIS operates: who is really in charge, how they come and go, what divisions there are in the ranks of the fighters and the population. Abu Khaled saw firsthand, he said, what amounted to the colonial arrogance of Iraqi and other foreign elites in the ISIS leadership occupying large swaths of his Syrian homeland. He was in a position to explain the banality of the bureaucracy in a would-be state, and the extraordinary savagery of the multiple security services ISIS has created to watch the people, and to watch each other. He could also tell me why so many remain beholden to a totalitarian cult which, far from shrinking from its atrocities and acts of ultra-violence, glories in them.[...]

http://www.thedailybeast.com/articles/2 ... s-spy.html
Zuletzt geändert von Platon am Do 19. Nov 2015, 11:17, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon steve1974 » Do 19. Nov 2015, 13:41

-
aha, China will jetzt auch gegen den IS ziehen :

http://www.gmx.net/magazine/politik/Kam ... s-31147610

als ob denen ein Menschenleben jemals etwas wert war .
Aber man kann ja einen Grund angeben,
der gerade so in ist .
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Re: Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon steve1974 » Do 19. Nov 2015, 13:44

Platon » Mi 4. Nov 2015, 00:21 hat geschrieben:Als Obama am 10.9.2014 eine programmatische Rede zum Kampf gegen den Islamischen Staat hielt, sprach er davon man wolle den Islamischen Staat, der weder ein Staat noch Islamisch sei, schwächen und schlussendlich zerstören.

Bezüglich der Frage ob der Islamische Staat islamisch sei, würde ich persönlich der hier dargelegten Position zustimmen. Der IS war im Sommer 2014 womöglich noch kein funktionierender Staat im eigentlichen Sinne. Im November 2015 kommt man aber nicht mehr darum herum festzustellen, dass staatliche Institutionen im eigenen Herrschaftsbereich etabliert wurden, auch wenn der Islamische Staat natürlich von niemandem als solcher anerkannt wurde und auch umgekehrt auch das internationale System nicht anerkennt. Trotz allem ist der Islamische Staat immer noch da und er zeigt keinerlei Anzeichen der Schwäche oder Desintegration. Es gab einige militärische Niederlagen gegen die Kurden in Syrien, in Kobane, Tal Abyad und Hasakah und gegen schiitische Milizen in Irak in Tikrit und Baiji. Diese Niederlagen wurden aber vor allem durch die Eroberung von Ramadi im Irak und Palmyra in Syrien ausgeglichen.
(Strang des geehrten Users Platon zum Kampf der Kurden gegen den IS)

Wenn man das ausgegebene Ziel Obamas den Islamischen Staat durch eine Internationale Koalition zu schwächen und schließlich zu zerstören ernst nimmt, dann ist es klar, dass dieses Ziel nicht erreicht wurde. Der IS wurde nicht besiegt, vielmehr hat er sich im eigenen Gebiet etabliert, ist dort ohne echte Konkurrenz und expandiert vielmehr zumindest nominell, indem immer mehr jihadistische Gruppen dem Kalifat die Gefolgschaft leisten.
(Strang des sehr geehrten Users Platon zum globalen Bürgerkrieg IS vs Al Qaida)

Es ist daher durchaus keine Übertreibung zu sagen, dass der Islamische Staat den Krieg gegen sich gewinnt. Warum ist das so?

1. Der Islamische Staat besteht aus einer Koalition von überaus fähigen Leuten, die sehr professionell vorgehen, die der gemeinsamen Sache zu 100% verpflichtet sind und auch schon einiges mitgemacht haben. Das heißt sie haben zumeist einen langfristigen, durchdachten und aus bisherigen positiven wie negativen Erfahrungen hervorgegangenen Plan den sie diszipliniert und schonungslos durchziehen. So ging der Expansion in Syrien und Irak jeweils eine Unterwanderung der jeweiligen Regionen voraus, man bildete Netzwerke schaltete potenzielle Gegner aus und am Ende musste man nur noch einmarschieren und alles übernehmen, hatte aber schon Leute vor Ort, die aus der Region kamen und bestens vernetzt waren. Im Gegensatz dazu sind Leute wie die Zentralregierung in Bagdad und Damaskus oder andere Rebellengruppen ein organisatorischer Hühnerhaufen, die Entscheidungen ad hoc treffen, bzw. ohne nennenswerte Kontakte in den entsprechenden Regionen sind. Die Versuche der USA Rebellen für den Kampf gegen den IS zu organisieren, traut man sich in dem Kontext kaum zu erwähnen.
Die Koalition aus der der IS besteht sind vor allem a) Internationale Jihadisten, die auch schon anderswo in Afghanistan, Bosnien etc. gekämpft haben, aber auch viele neue Rekruten die hoch motiviert und der IS-Führung bedingungslos loyal sind, ja sein müssen, weil sie ja sonst niemand vor Ort kennen b) alte Leute aus dem Baath-Regime die sich in den 1990ern der Religion zuwandten und sich ab 2003 den Jihadisten im Kampf gegen die USA und die schiitisch dominiert Zentralregierung anschlossen, sie organisieren alles und kennen sich in Sachen staatlicher Bürokratie, Propaganda, Geheimdienstarbeit und Kriegsführung bestens aus und c) sunnitische Stämme die von der Zentralregierung in Bagdad enttäuscht dem Islamischen Staat Gefolgschaft geschworen haben und deren Loyalität der Schlüssel für die Aufrechterhaltung der eigenen Herrschaft ist.
(A Case Study of the Islamic State as the Saddam Regime’s Afterlife: The Fedayeen Saddam)
(Isis: the inside story)
(How the Islamic State evolved in an American prison)

2. Der IS ist finanziell unabhängig. Er bezieht seine Einnahmen anders als andere jihadistische Gruppen nicht primär von den berühmten Sponsoren in den Golfstaaten. Sondern man ist in der Lage durch Steuern, den Verkauf von Ressourcen, durch den Verkauf von Kunstgegenständen und so Sachen wie wie Kidnapping gegen Lösegeld hohe Einnahmen zu erzielen. Gerade der Verkauf von Öl und Gas, selbst zu Discountpreisen dürften jährlich Einnahmen im dreistelligen Millionenbereich erzielen. Geschmuggelt wird über alte Wege über die man schon in den 90ern die Sanktionen der USA gegen Saddam Hussein umgangen hat, die Leute die das damals gemacht haben, arbeiten heute nämlich allesamt für den IS. Hinzu kommen natürlich trotzdem Spenden aus den umliegenden Ländern von Geschäftsleuten die mit der Sache des IS symphatisieren. Ebenso gab es einmalig hohe Einnahmen durch die Plünderung von Banken in den eroberten Gebieten. Man ist auch bemüht einen eigenen Markt zu schaffen, hierzu hat man mit dem Golddinar eine eigene Währung geschaffen, die Transaktionen innerhalb des IS-Territoriums von ausländischen Währungen unabhängig machen soll. Die Einführung einer eigenen Währung war keineswegs eine Lachnummer sondern eine sinnvolle Maßnahme.
(Islamic State Meets the Laws of Economics)
(Islamic State: The economy-based terrorist funding)
(Arte-Doku: IS - Die Wirtschaftsmacht der Gotteskrieger)


3. Dem IS ist es gelungen in seinem Herrschaftsbereich staatliche Strukturen zu etablieren. Dadurch gelingt es ihm einerseits seine Gebiete gut zu verwalten, zu kontrollieren und zu besteuern. Andererseits ist es ihm so auch möglich seinen Untertanen Dienstleistungen anzubieten, wie Schulen, Polizei, die Durchsetzung von Scharia-Rechtsstaatlichkeit, Krankenhäuser, man legt neue Straßen an, sogar eine Krankenversicherung soll es geben. Somit gelingt es dem IS diese Gebiete besser zu regieren als es die Regierungen in Damaskus und Bagdad realistischerweise tun würden. Denn diese sind korrupt, bestehen nicht aus Einheimischen und würden die Gebiete völlig vernachlässigen und müssten ständig gegen einen Aufstand eben des IS kämpfen. Die Messlatte was gute Regierungsführung angeht, ist in der Region, die der IS beherrscht, einfach so niedrig, dass der IS als gar nicht mal die schlechteste Alternative für viele seiner Untertanen erscheinen muss. Und auch die Brutalität mit der der IS gegen Widerstand in den eigenen Gebieten vorgeht ist z.B. unter Assad nicht wirklich anders. Nur das sein Regime diese Sachen nicht im Internet hochlädt.
Um sich mal eine Vorstellung zu machen, welchen Ausmaß der Islamische Staat als Staat mittlerweile haben dürfte: Einer Schätzung zur Folge, die ich für recht plausibel halte, legt die Anzahl der Mitglieder oder besser Mitarbeiter des IS irgendwo in der Größenordnung von 100 000 Menschen fest.
(How Many Fighters Does the Islamic State Really Have?)
(ISIS Transforming Into Functioning State That Uses Terror as Tool)
(A bureaucracy of terror: Life under Islamic State rule)
(Islamic State: Bureacracy and Brutality)
(Zur Verwaltungsstruktur des IS: YouTube: The Islamic State: How Its Leadership Is Organized, Führungsstruktur des "Islamischen Staats": Organigramm des Terrors, Irak und Syrien: So regiert der "Islamische Staat")


4. Der IS ist für die meisten seiner Gegner nicht die Priorität. Das heißt für die meisten Mächte in der Region ist es im Moment überhaupt nicht von oberster Bedeutung den IS zu bekämpfen. Es geht ihnen mehr darum Assad zu bekämpfen bzw. zu unterstützen. Die Türkei, die anderen sunnitischen Rebellen sind vor allem gegen Assad, die Türken sehen dazu die Kurden als das eigentliche Problem und beim IS hofft man das Beste, die pro-iranischen Leute sind für Assad und wenden ihre Kräfte dazu auf ihn an der Macht zu halten. Die Provinz Anbar vom IS zurückzuerobern ist da einfach für keinen wirklich eine Priorität. Ebenso wie für die USA die ganze Region nicht mehr so wichtig ist und man sich auf seine Kerninteressen und ein wenig Krisenmanagement beschränkt. Und solange der IS nicht versucht vitale Interessen, wie die Sicherheit im Golf, die Sicherheit Israels, Jordaniens oder Saudi-Arabiens anzugreifen, ist die Existenz des IS für die USA durchaus verkraftbar. Ähnlich sehen die Russen und Assad im IS im Moment keine Priorität, sondern in den sunnitischen Rebellen, hier darf man eher davon ausgehen, dass ein starker IS sogar im Interesse des Assad-Lagers in Syrien ist, weil ein starker IS das langfristige Überleben Assads sichert. Von daher mag der IS einer gegen alle kämpfen, aber so wirklich weh tut es eigentlich niemanden, dass er Raqqa oder Mossul beherrscht. Solange er sich nicht noch weiter ausbreitet, ist das eigentlich nicht das Problem der USA, Russlands, Irans, der Saudis oder der Türkei. Viele mögen es sogar ganz gerne sehen, dass der IS die pro-iranischen schiitischen Milizen im Irak bekämpft und so den iranischen Einfluss in der Region eindämmt.
(Beitrag des sehr geehrten und verehrten Users Platon zu den schiitischen Milizen im Irak)

5. Es gelingt dem IS die Loyalität der Bevölkerung in den beherrschten Gebieten zu sichern. Das macht er durch die bereits in 3. dargelegten Formen verhältnismäßig guter Regierungsführung, durch die Angst vor der Alternativen, vor allem die pro-iranische schiitischen Milizen, aber auch die Kurden, die doch öfters mal Racheaktionen an pro-IS-Sunniten durchführen. Dazu hat sich der IS sehr stark auf die Bedürfnisse der Stammesgesellschaft eingestellt, d.h. in weiten Teilen Iraks und Syriens agiert der IS primär als Führer einer Stammeskonföderation, der Loyalitätseid wird durch die Stammesführer geleistet und diese sind dann auch für ihre Mitglieder verantwortlich. Das ist am Ende genau das was auch der Islamische Prophet Mohammed gemacht hat, dessen Staat - den der IS gerne wiederbeleben will - war am Ende auch nichts Anderes als eine Stammeskonföderation mit ihm an der Spitze. Im Gegenzug zum Loyalitätseid der Stammesführer garantiert der IS für Sicherheit, Stabilität und Unabhängigkeit vor der Zentralregierung in Bagdad und Damaskus. Und sollte es dennoch mal zu Unzufriedenheit kommen, geht der IS mit äußerster Brutalität vor und massakriert auch schon mal einen ganzen Stamm, wenn er Widerstand leistet. Dazu sollen öffentliche Ermordungen und die Zurschaustellung der eigenen Gräueltaten natürlich die lokale Bevölkerung einschüchtern. Die Leute die unter Saddam Hussein bereits in dessen Geheimdiensten aktiv waren und sich dem IS angeschlossen haben, haben dazu Erfahrung Dissidenten per Geheimdienstarbeit aufzuspüren und auszuschalten. So ist es dem IS bisher gelungen nennenswerte Aufstände zu verhindern und das wird meines Erachtens auch in Zukunft so sein.

6. Der IS ist nach wie vor die attraktivste Gruppe für ausländische Jihadisten. Der Hauptgrund ist hierfür der eigene Erfolg. Neben den Eroberungen vor allem der Coup tatsächlich das Kalifat neu ausgerufen zu haben. Mit Bagdadi als einem Kalifen, der keineswegs eine Witzfigur ist. Er hat immerhin einen PhD in religiösen Wissenschaften an einer echten islamischen Universität in Bagdad, damals noch unter Saddam Hussein. Er soll dazu ein Quraish sein, seine Abstimmung soll also auf den Stamm des Propheten Mohammed zurückgehen. Allein durch diese zwei Sachen hat er schon einmal mehr religiöse Credibility, als alle anderen Jihad-Anführer im syrischen Bürgerkrieg und von al Qaida. Weitere Gründe für den Erfolg bei potenziellen Rekruten sind die professionelle Medienabteilung, d.h. die gut produzierte Propaganda, die auf die unterschiedlichen Erwartungen möglicher Empfänger gezielt eingeht. Man hat auch eine apokalyptisches Element, nach dem der Kampf um die Etablierung des Kalifats die Vorgeschichte zur bald kommenden Endzeit ist. Alle potenziellen Rekruten sollen nun schnell zum Kalifat eilen um noch rechtzeitig auf der richtigen Seite zu stehen und aktiv am Aufbau der wahren islamischen Gemeinschaft mitzuhelfen. Dazu wendet man sehr viele Energien darauf, auf die eigenen Taten als der Scharia gemäß zu rechtfertigen. So hat man das Kalifat nicht einfach in einem youtube-Video ausgerufen, sondern der Sprecher hat es dann noch einmal islamisch begründet. Ebenso hat man auch die Verbrennung des jordanischen Piloten oder die Wiedereinführung der Sklaverei als der Scharia gemäß zu begründen versucht. Es ist für den IS von zentraler Bedeutung, das eigene Handeln als der Religion entsprechend darzustellen.
(The Islamic State Restores the Caliphate)
(ISIS Enshrines a Theology of Rape)
(Inside The Islamic State's Apocalyptic Beliefs) (Starr Forum: The ISIS Apocalypse (entire event))
(The Virtual ‘Caliphate’: Understanding Islamic State’s Propaganda Stratgegy) (YouTube: Islamic State Propaganda: What it aims to achieve)


7. Es gelingt dem IS immer mehr Sympathien bei anderen Jihadisten-Gruppen zu wecken, die vom Erfolg des IS beeindruckt sind, ihm nacheifern und sich von der Leistung des Treueids natürlich auch finanzielle Vorteile erhoffen. Umgekehrt kann der IS durch diese Expansion auch neue Einkommensquellen erschließen und seine Schmuggel- und allgemein kriminellen Netzwerke ausbauen. Durch die Expansion nach Afghanistan z.B. könnte man ins dortige Drogengeschäft einsteigen. Durch die Expansion in weitere Gebiete in der islamischen Welt wird dazu das revolutionäre Momentum des IS aufrecht erhalten, hat man doch in Syrien und vor allem im Irak die maximale Ausbreitung erreicht, indem man praktisch alle mehrheitlich sunnitischen Gebiete erobert hat. In Syrien hat der IS aber durchaus noch Potenzial und durch die heftigen Kämpfe zwischen pro-Assad-Kräften inklusive Russland und den Rebellen ist man da in den letzten Wochen wieder langsam auf dem Vormarsch.


Am Ende muss man festhalten, dass der IS die Loyalität aller relevanten Gruppen gesichert hat und mal abgesehen von den sunnitischen Rebellen in Syrien keine echte Konkurrenz hat, die aber lieber Assad bekämpfen als den IS. Ähnlich wie vergleichbare jihadistische Gruppen, denen es gelungen war im Rahmen einer Aufstandsbewegung weite Territorien zu erobern und mit Brutalität zu halten, ist es unwahrscheinlich, dass man von indigenen Kräften besiegt wird. Vergleichbar wären die Taliban in den 1990ern bis sie 2001 von den USA besiegt wurden oder die Geschichte in Mali, als Tuareg und al Kaida/Ansar Dine weite Teile des Landes eroberten und von einer gemeinsamen Offensive aus afrikanischen und französischen Truppen wieder aus den eroberten Städten vertrieben wurden.

Dennoch sehe ich die langfristige Fähigkeit des IS skeptisch, denn auch wenn man im Jahr vielleicht Einnahmen in der Größenordnung von vielleicht 2-3 Milliarden US-Dollar im Jahr hat, ist das zwar genug um eine Armee und eine überschaubare staatliche Bürokratie zu unterhalten und es ist Lichtjahre von dem entfernt was alle anderen Jihadisten-Gruppen haben. Aber das eigene Territorium ökonomisch wirklich nach vorne bringen kann man damit nicht. Wenn man also davon ausgeht, dass der IS tatsächlich mehr oder weniger in seiner jetzigen Form bestehen bleibt, wird das so eine Art Jihad-Nordkorea werden. Eine stark militarisierte autoritäre Herrschaft mit einer ziemlich abgehobenen Ideologie, aber ohne Chance auf ökonomische und technologische Entwicklung, die vor allem dadurch überlebt, dass niemand den Müllhaufen haben will, den man regiert.
Ist natürlich auch die Frage ob die Regierungen in Damaskus und Bagdad ihrerseits wirklich motiviert wären, in die fraglichen Regionen zu investieren.

Die entscheidende Frage ist also am Ende ob es der IS doch noch schafft irgendwie eine ausländische Intervention gegen sich zu provozieren, die sie von der Macht wieder vertreibt oder ob man sich damit begnügt den IS davon abzuhalten sich in strategisch bedeutendere Gebiete auszubreiten. Und in zweiterem Falle stellt sich dann schon irgendwann die Frage ob der IS sich irgendwann in das staatliche System integriert. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass ein revolutionäres staatliches Projekt, als Weltrevolution gestartet, sich irgendwann als normaler Nationalstaat wiederfindet. Die Islamische Republik Iran z.B. versteht die eigene Revolution durchaus auch als weltgeschichtliches Ereignis als die Mächte des Bösen erstmals von einem Volk heldenhaft per Revolution besiegt wurden, und man hat lange versucht die eigene Revolution in der gesamten islamischen Welt zu verbreiten. Mit wenig Erfolg wie man weiß. Man hat es auch anfangs abgelehnt sich in das internationale System der Nationalstaaten anzuerkennen und sich darin zu integrieren. Aber irgendwann, nach dem Ende des Iran-Irak-Krieges, hat man doch eingesehen, dass man mit pragmatischem Vorgehen mehr erreicht und jetzt hat man sogar mit dem Erzfeind USA ein Abkommen geschlossen. Es ist vor dem Hintergrund der islamischen Überlieferung durchaus denkbar, dass der IS irgendwann beschließt, dass der revolutionäre Überschwang langsam abebbt und nun die Zeit gekommen ist mit seinen Feinden einen Waffenstillstand zu schließen, um so das Überleben des Kalifats zu sichern.
(What Should We Do if the Islamic State Wins?)


Der Beginn einer graduellen Anerkennung der Realitäten, wären Verhandlungen zwischen dem IS und anderen staatlichen und internationalen Akteuren humanitäre Hilfe in die vom IS beherrschten Gebiete zu liefern oder Impfkampagnen durchzuführen. Das ist in geringem Umfang bereits jetzt der Fall und ausbaufähig.
(Siehe hier, Beitrag Platon)

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Mit anderen Worten,
der IS ist so etwas wie eine Mafia und Scient...y auf schwarz . .
Mit solchen Organisationen hat doch der Westen Erfahrung , oder ?
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Re: Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon yogi61 » Do 19. Nov 2015, 14:04

steve1974 » Do 19. Nov 2015, 13:44 hat geschrieben:-
Mit anderen Worten,
der IS ist so etwas wie eine Mafia und Scient...y auf schwarz . .
Mit solchen Organisationen hat doch der Westen Erfahrung , oder ?
-


Natürlich hat der Westen da Erfahrungen, aber eher in der Zusammenarbeit als in der Gegnerschaft.
Two unique places, one heart
https://www.youtube.com/watch?v=Ca9jtQhnjek
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Re: Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon Platon » Do 19. Nov 2015, 17:20

steve1974 » Do 19. Nov 2015, 14:41 hat geschrieben:-
aha, China will jetzt auch gegen den IS ziehen :

http://www.gmx.net/magazine/politik/Kam ... s-31147610

als ob denen ein Menschenleben jemals etwas wert war .
Aber man kann ja einen Grund angeben,
der gerade so in ist .
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Wie schon bei den Japanern können die Chinesen nicht viel machen. Sie sind militärisch nicht vor Ort und haben daher keine Möglichkeit diesbezüglich aktiv zu werden. Sie haben natürlich ein Interesse daran den IS zu bekämpfen, weil vom IS irgendwann auch Leute nach China zurückkehren und dort "für" die Uighuren Anschläge gegen China verüben werden. Das ist für das Land aber keine Priorität.
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Re: Warum der Islamische Staat gewinnt.

Beitragvon Nichtwähler » Do 19. Nov 2015, 18:16

yogi61 » 19.11.2015, 15:04 hat geschrieben:
Natürlich hat der Westen da Erfahrungen, aber eher in der Zusammenarbeit als in der Gegnerschaft.


Jau!

Volltreffer, versenkt. Genau so isses. :thumbup: :thumbup: :thumbup:

PS: Hätte gar nicht gedacht das ich mal mit dir konform gehe . . . . . . . . . . . . .
Tatsachen hören nicht auf zu existieren, nur weil sie ignoriert werden.
( Aldous Huxley )

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