Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

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King Kong 2006
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Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon King Kong 2006 » Di 23. Jul 2013, 23:52

Sykes-Picot und die Auflösung des Nahen Ostens. Wie bereits bekannt wurden die Grenzen in Nahost maßgeblich von Kolonialmächten gezogen. Und nicht gerade nach der Prämisse welches Volk, welche Konfession wo zu finden ist. Darauf wurde keine Rücksicht genommen. Mit dem Ergebnis, daß die Region ein Pulverfass ist. Vieles wächst jetzt zusammen, was zusammengehört, bzw. verschwindet oder entsteht uvm.

Sykes-Picot haben nach dem Zusammenbruch und Niederlage des Osmanischen Reiches alles südlich der heutigen Grenzen der Türkei neu geordnet.

Das Sykes-Picot-Abkommen vom 16. Mai 1916 war eine geheime Übereinkunft zwischen den Regierungen Großbritanniens und Frankreichs, durch die deren koloniale Interessen im Nahen Osten nach der Zerschlagung des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg festgelegt wurden.


Das Geheimabkommen war dem Namen nach geheim. Denn man suggerierte den Arabern, daß sie für ihre Freiheit und Selbstbestimmung kämpfen würden. Schillernde Figur dabei war Colonel Lawrence, der Lawrence von Arabien, der im Auftrage der Briten die Organisation des Kampfes gegen die Osmanen übernahm. In Wirklichkeit wurden Interessensgebiete der Entente-Mächte Großbritannien und Frankreich abgesteckt, nachdem das Osmanische Reich zusammenbrach. Die russische Revolution sorgte dafür, daß es aufflog und bis heute ein Nährboden für arabische Verschwörungstheorien bildete und nicht zu unrecht befeuerte.

Die Oktoberrevolution von 1917 führte dazu, dass Russlands Ansprüche am Osmanischen Reich verworfen wurden. Die bolschewistische Regierung veröffentlichte daraufhin den Inhalt des geheimen Sykes-Picot-Abkommens am 23. November 1917 in den russischen Tageszeitungen Prawda und Iswestija. Drei Tage später erschien der Inhalt des Abkommens auch in der britischen Tageszeitung The Guardian.[3] Die Veröffentlichung löste große Verärgerung unter den Entente-Mächten und wachsendes Misstrauen bei den Arabern aus, was die Arabische Revolte zusätzlich anstachelte.


Ein Superkrisenherd wurde dabei auch gleich gelegt:

Das später Palästina genannte Gebiet wurde unter internationale Verwaltung gestellt. Dieses Gebiet, das in der Folge Anlass zu heftigen Kontroversen sein sollte, hatte folgende Grenzen:
Im Süden: eine West-Ost-Linie, beginnend auf etwa der halben Strecke von Deir al-Balah nach Gaza bis zum Toten Meer, nördlich von Beerscheba und südlich von Hebron.
Im Osten: vom Toten Meer den Fluss Jordan entlang zum See Genezareth und einige Meilen nördlich des Sees.
Im Norden: im Anschluss an die Ostgrenze eine Linie in west-nordwestlicher Richtung, die fast an den Süden von Safed reicht und etwa in der Mitte zwischen Haifa und Tyros auf das Meer stößt.
Im Westen: das Mittelmeer.

http://de.wikipedia.org/wiki/Sykes-Picot-Abkommen


British-Zionist discussions during the negotiations
http://en.wikipedia.org/wiki/Sykes%E2%8 ... _Agreement
Die Kurden wurden dabei komplett vergessen.

Als kleiner Nebenschwenk, es ging natürlich im Vorfeld des Sykes-Picot Vertrages auch im Rahmen des Industriezeitalters um den Stoff, der die Welt goes around macht. Schon im Vorfeld des ersten Weltkrieges machten die Briten klar, daß sie das Öl in der Region als existentiell für sich definiert hatten. Lange vor den USA. Wie sehr man darauf angewiesen war zeigte der 1. Weltkrieg. Danach orientierte man sich unter diesen Gesichtspunkten ebenfalls in der Region.

The British realised that the railways would be slightly too close to their oilfields in Persia. The British were worried that the Young Turks could block off oil supplies vital for the navy.

The main British commercial interest that the British government insisted was protected, was that of the Right Honorable James Lyle Mackay, Baron Inchcape of Strathnaver. As well as being the foremost shipping magnate of the British Empire, Lord Inchcape was a director of the Anglo-Persian Oil Company and of the D'Arcy Exploration Company. On February 23 a contract was signed in London between Lord Inchcape and the Baghdad Railway Company.[19] In March 1914 the German government was obliged to recognize southern Mesopotamia, as well as central and southern Persia, as the exclusive field of operations of the Anglo-Persian Company.[20]

http://en.wikipedia.org/wiki/Baghdad_Railway


Das Red Line Agreement

Red Line Agreement

Red Line Agreement ist der Name eines Abkommens, dass die Partner der Turkish Petroleum Company (TPC) (ab 1929 Iraq Petroleum Company) am 31. Juli 1928 im belgischen Ostende schlossen. Ziel war die Bildung eines Kartells zur gemeinsamen Erdölgewinnung.

Nachdem das Osmanische Reich den Ersten Weltkrieg verloren hatte, setzten sich die Partner über das „Erbe“ des Osmanischen Reichs auseinander.

Es wird behauptet, Mr. Five Percent, Calouste Gulbenkian hätte eine Landkarte ausgebreitet und mit einem roten Stift die Grenze des Ottomanischen Reichs von 1914 eingezeichnet. Sie umfasste die heutige Türkei, Syrien, Jordanien, Irak, Saudi Arabien und Oman; Kuwait war ausgespart.

Man einigte sich im Red Line Agreement darauf, dass die unterzeichnenden Gesellschaften innerhalb dieses Gebietes nur gemeinsam auf Ölsuche und -förderung gehen konnten; ein alleiniges Agieren sollte nicht möglich sein.

http://de.wikipedia.org/wiki/Red_Line_Agreement



Turkish Petroleum Company

The forerunner of the Iraq Petroleum Company (IPC) was the Turkish Petroleum Company (TPC), which grew out of the growing belief, in the late 19th century, that the lands of the Ottoman Empire contained substantial reservoirs of oil.

http://en.wikipedia.org/wiki/Iraq_Petroleum_Company


Die Sykes-Picot Landkarte
http://en.wikipedia.org/wiki/File:Sykes-Picot.svg

Der Nahe Osten nach "Sykes-Picot" Staatszerfall zwischen Mittelmeer und Tigris steht bevor

Vor fast einhundert Jahre teilten Mark Sykes und François Georges-Picot den nahöstlichen Teil des Osmanischen Reiches unter sich auf. Die von ihnen festgelegten Grenzen bestimmen die politische Geographie der Region bis heute. Nun bricht diese „Sykes-Picot“-Ordnung zusammen.

Ägypten taumelt einer ungewissen Zukunft entgegen, Syrien versinkt im Bürgerkrieg, der Zerfall des Irak scheint nur noch eine Frage der Zeit. Immer öfter macht das Diktum vom Ende der „Sykes-Picot-Ordnung“ in Nahost die Runde. Fast hundert Jahre ist es her, dass Mark Sykes und François Georges-Picot im Auftrag der britischen Krone und des französischen Präsidenten den nahöstlichen Teil des Osmanischen Reiches unter sich aufteilten - per Geheimabkommen, versteht sich.


Syriens Grenzen sind in Auflösung begriffen

Syriens Grenzen sind in Auflösung begriffen – auch im Osten des Landes. Die Grenzlinie, die eigentlich die syrische Provinz Deir Ezzor vom benachbarten Al-Anbar im sunnitisch dominierten Westen Iraks trennen soll, verliert sich de facto in den Weiten der syrisch-irakischen Wüste. Je länger der Konflikt andauert, desto wahrscheinlicher wird eine Fragmentierung Syriens: in ein vom Assad-Regime beherrschtes „Alawistan“ entlang der Mittelmeerküste, in ein von den Rebellen kontrolliertes Gebiet und schließlich in eine kurdische Enklave im syrischen Nordosten, die dereinst – so die unausgesprochene Hoffnung vieler Kurden – in einem unabhängigen kurdischen Staat aufgehen könnte.

Die zentrifugalen Kräfte in Syrien ebenso wie die Zerfallserscheinungen im benachbarten Irak, in dem die „Autonome Region Kurdistan“ ihre de facto-Unabhängigkeit von Bagdad peu à peu ausbaut, der schiitische Süden - mit Unterstützung aus Teheran – mehr Autonomie fordert und die sunnitische Minderheit immer vernehmlicher gegen die schiitisch dominierte Zentralregierung aufbegehrt, läuten die Post-Sykes-Picot-Ära ein.


Drei prägende Merkmale zeichnen sich allerdings schon heute ab. Erstens: an die Stelle von – mehr oder weniger soliden – Nationalstaaten tritt eine Vielzahl kleinerer Einheiten, die durch eine gemeinsame konfessionelle oder ethnische Identität zusammengehalten werden. Zweitens: Nicht-staatliche Akteure wie Stammesverbände, Milizen und religiöse Gruppierungen gewinnen weiter an Bedeutung. Drittens: Die traditionellen Ordnungsmächte der Region - Syrien, Irak und Ägypten – haben sich durch innere Konflikte bis auf weiteres ins regionalpolitische Abseits manövriert.


Die benachbarten Staaten sollten in der Neuordung miteinbezogen werden. Fragt sich nur wie, diese scheinen ähnlich wie die Konfliktparteien in Nahost selbst, sich nicht verstehen zu können.

Kein Zweifel besteht indessen daran, dass der Syrien-Konflikt durch die kompromisslose Interessenpolitik der externen Mächte weiter angefacht wird. Insofern sollten die Europäer sich trotz aller Rückschläge in Sachen „Genf II“ auch weiterhin dafür einsetzen, alle relevanten Akteure – einschließlich der Golfstaaten und Iran – an einen Tisch zu bringen und Verhandlungen über die Beendigung der Gewalt und die Grundzüge einer Post-Konflikt-Ordnung anzustoßen. Nicht minder dringend ist die Stabilisierung der Nachbarstaaten Syriens, allen voran Jordaniens und Libanons, die angesichts eines nicht abreißenden Flüchtlingsstroms die Grenze ihrer Belastbarkeit längst überschritten haben und mehr denn je auf internationale Hilfe angewiesen sind.

http://www.tagesspiegel.de/meinung/ande ... 37268.html


Diese von den Kolonial- und Siegermächten gezeichneten Staaten wurden bis dato nach dem Abzug dieser mit teilweise roher Gewalt zusammengehalten. Mit ausländischer Unterstützung. Nun beginnen sie aufzubrechen. Muß man davon ausgehen, daß auf längerer Sicht die Landschaft neu gezeichnet wird? In Europa spricht man von dem Europa der Regionen. Funktionieren der Irak und Syrien (+Staaten der arabischen Halbinsel), der Libanon, neu gegründete Staaten, ja sogar das heutige Israel mit seinem Konflikt, überhaupt in der heutigen Form?
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Re: Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon King Kong 2006 » Mi 24. Jul 2013, 09:42

Ein Ergebnis in der Richtung sieht man bereits in der Kurdenfrage, die seinerseits übergangen wurden. Im Irak die kurdische Autonomiebehörde.

Autonome Region Kurdistan
http://de.wikipedia.org/wiki/Autonome_Region_Kurdistan

Eine ähnliche Entwicklung ist in Syrien zu erwarten. In den Landstrichen Syriens, in denen die Kurden die Mehrheit stellen, sind diese quasi bereits autonom und kontrollieren diese. Das hat direkte Auswirkungen auf die Interessen der Türkei, die die größte kurdische Minderheit beherbergen und lange kriegsähnliche Zustände dort kennen.

Turkey says it won't tolerate 'de facto' Kurdish entity in Syria

Read more: http://www.foxnews.com/world/2013/07/22 ... z2ZwymwWow

Die Angst der Türkei vor den syrischen Kurden

Die syrischen Kurden wollen in den von ihnen bewohnten Gebieten im Norden des Bürgerkriegslandes eine Autonomieregierung aufstellen. Für Ankara ein besorgniserregendes Szenario, denn die türkische Führung fürchtet, eine autonome Kurdenregion im Nachbarstaat könnte die Kurden im eigenen Land, und besonders die PKK stärken. Die schickte unterdessen am Freitag eine, wie es hieß, “letzte Warnung” an die türkische Regierung und warnte vor einem Scheitern des Friedensprozesses.

http://de.euronews.com/2013/07/20/die-a ... en-kurden/


Vermutlich halten sich die Kurden Syriens offiziell noch etwas bedeckt, da man die Zeit noch nicht für reif erachtet und dies zu Komplikationen mit Ankara und den USA führen könnte, die im engen Kontakt zur Türkei steht. Faktisch halte ich das für unaufhaltsam.

Auf lange Sicht wird sich dort oder werden sich dort kurdische Autonomie Gebiete entwickeln. Gerade für die Türkei, die südlich dann diese im Rahmen der Nachbarschaft zu Syrien und zum Irak zweifach haben eine besonders pikante Entwicklung hinsichtlich ihrer eigenen kurdischen Minderheit.
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Re: Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon Liegestuhl » Mi 24. Jul 2013, 09:51

Wie hätte denn die Grenzziehung ausgesehen, wenn man sie nach konfessionellen Gesichtspunkten festgelegt hätte? Ich nehme doch an, dass das deine Kritik ist?
Ein Hütchen mit Federn, die Armbrust über der Schulter, aber ein Jäger ist es nicht.
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Re: Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon Praia61 » Mi 24. Jul 2013, 10:08

Liegestuhl » Mi 24. Jul 2013, 09:51 hat geschrieben:Wie hätte denn die Grenzziehung ausgesehen, wenn man sie nach konfessionellen Gesichtspunkten festgelegt hätte? Ich nehme doch an, dass das deine Kritik ist?

Dort ein Fleck und da ein Fleck auf der Landkarte verbunden mit Korridoren :eek: :cool:
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Re: Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon King Kong 2006 » Mi 24. Jul 2013, 10:14

Liegestuhl » Mi 24. Jul 2013, 10:51 hat geschrieben:Wie hätte denn die Grenzziehung ausgesehen, wenn man sie nach konfessionellen Gesichtspunkten festgelegt hätte? Ich nehme doch an, dass das deine Kritik ist?


Zunächst einmal bin durchaus realistisch eingestellt und vermutlich hätte ich, wenn ich angestellter Staatsdiener Frankreichs oder GB´s gewesen wäre das gar nicht anders getan. Die Gesichtspunkte Großbritanniens unter denen gezeichnet wurde waren realpolitisch in deren Sinne logisch. Es ist die Aufgabe für seinen Staat das maximale herauszuholen. Auch auf Kosten anderer. Sonst wäre man nicht sehr lange auf diesem Stuhl. Siehe, wie bereits verlinkt:

Dass die dunkle Vergangenheit des Empires weiterer Aufarbeitung bedarf, zeigte diese Woche die Empörung über David Cameron. Der Premierminister hatte am Dienstag in Pakistan auf eine Frage zum Kaschmir-Konflikt geantwortet, Großbritannien trage die Verantwortung für viele Probleme auf der Welt.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/k ... 55914.html


Ich erachte es für wichtig, daß man sich dessen bewußt ist. Wie es so schön heißt, man versteht nicht die Gegenwart und kann nicht die Zukunft (anders) gestalten, wenn man die Vergangenheit nicht kennt. Das ist meine Intention.

Wie sähe die Region aus nach konfessioneller, ethnischer Aufteilung?

Plans for Redrawing the Middle East: The Project for a “New Middle East”
http://www.globalresearch.ca/plans-for- ... -east/3882

Das ist sicher nur ein Ansatz, zudem so manche etwas völlig anderes entwerfen würden. Dieses Bild ist in dieser Form jedoch nicht umsetzbar. Weder politisch noch militärisch. Und auch nicht wünschenswert. Wer wolle einen arabisch-schiitischen Staat, der die gewaltigen Erdölreserven (Süd-)Iraks, Irans, Saudi-Arabiens und Bahrains in einer Hand konzentriert sehen? Saudi-Arabien und der Irak würden wieder zu reinen Wüstenstaaten mit nichts darin. Das ist realpolitischer Wahnsinn. Man kann es jetzt zudem nicht mehr ändern. Jedenfalls nicht in absehbarer Zukunft.

Man hätte eher zu Zeiten des 1. Weltkrieges die Sache - für die Region - zweckdienlicher angehen müssen. Z.B. die Kurdenfrage. Türkei, Irak, Syrien und Iran haben dort politische, wie militärische Probleme, die einen Rattenschwanz ein Krisen erzeugten. Hätte man einen kurdischen Staat entstehen lassen, dann hätte man dies eventuell sich sparen können. Wobei hätte und könnte in der Geschichte natürlich so eine Sache ist. Aber nur als Beispiel. Ebenso, daß in Syrien die Minderheit der Alawiten herrschten. Im Irak unter Saddam die Minderheit der Sunniten, in Bahrain die Minderheit der Sunniten. Diese müssen sich, um sich zu behaupten durch Gewalt halten. Unterschwellige Gewalt, teilweise offen, die jetzt aufbrechen. Natürlich sind diese Minderheiten schutzbedürftiger und ansprechbarer für starke Außenmächte. Das macht schon Sinn aus dem Blickwinkel der (ex-)Kolonialmächte.
Zuletzt geändert von King Kong 2006 am Mi 24. Jul 2013, 10:15, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon Praia61 » Mi 24. Jul 2013, 13:14

Man hätte, man hätte :?:
Funktioniert dort das Multi Kulti ( primär verschiedene Religionesausrichtungen) etwa nicht ? :cool:
Kavenzmann

Re: Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon Kavenzmann » Mi 24. Jul 2013, 13:22

Praia61 » Mittwoch 24. Juli 2013, 14:14 hat geschrieben:Man hätte, man hätte :?:
Funktioniert dort das Multi Kulti ( primär verschiedene Religionesausrichtungen) etwa nicht ? :cool:

Sunniten vs. Schiiten sind (untereinander!) in etwa so multi-kulti-fähig wie europäische Lutheraner und Katholiken zwischen dem 16. und dem 20. Jahrhundert :D
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Re: Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon nichtkorrekt » Mi 24. Jul 2013, 13:35

Ich dachte Multi-Kulti sei sowas Tolles und eine Bereicherung für uns alle :?: Offensichtlich wollen nicht mal die Araber selbst mit Ihresgleichen bereichert werden, vielleicht sollte man da auch die deutsche bzw. europäische Einwanderungspolitik in Frage stellen.
Wer nicht AfD wählt, wählt Merkel.
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Re: Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon King Kong 2006 » Mi 24. Jul 2013, 14:54

Es ist interessant, daß mit der angesprochenen Problematik im Orient Vergleiche mit Konfliktfeldern in Europa gezogen werden. Es gibt bis auf den Fall Israel und dem Nachfolger des Osmanischen Reiches, der Türkei, siehe die Alija und die ethnischen Entwicklungen von Griechen, Armeniern und Türken in Kleinasien, in der Nahostregion aber den Unterschied, daß das sehr, sehr altes "Multikulti" dort ist. Während das Multikulti in Deutschland z.B. sehr jung ist. Die Problematik, die Konflikte und Ursachen sind ganz anders. Was man vielleicht in der Form vergleichen könnte war zuletzt der Jugoslawienkrieg.
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Re: Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon Praia61 » Do 25. Jul 2013, 09:03

King Kong 2006 » Mi 24. Jul 2013, 14:54 hat geschrieben:Es ist interessant, daß mit der angesprochenen Problematik im Orient Vergleiche mit Konfliktfeldern in Europa gezogen werden. Es gibt bis auf den Fall Israel und dem Nachfolger des Osmanischen Reiches, der Türkei, siehe die Alija und die ethnischen Entwicklungen von Griechen, Armeniern und Türken in Kleinasien, in der Nahostregion aber den Unterschied, daß das sehr, sehr altes "Multikulti" dort ist. Während das Multikulti in Deutschland z.B. sehr jung ist. Die Problematik, die Konflikte und Ursachen sind ganz anders. Was man vielleicht in der Form vergleichen könnte war zuletzt der Jugoslawienkrieg.

Das Multikulti in D ist nicht sehr jung.
D liegt in der Mitte Europas.
Da gab es schon immer Einwanderung.
Nur in der letzten Zeit wirds zu einem Problem :cool:
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Re: Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon King Kong 2006 » Do 25. Jul 2013, 09:17

Praia61 » Do 25. Jul 2013, 10:03 hat geschrieben:Das Multikulti in D ist nicht sehr jung.
D liegt in der Mitte Europas.
Da gab es schon immer Einwanderung.
Nur in der letzten Zeit wirds zu einem Problem :cool:


Ich finde, daß Deutschland da eigentlich eher ein homogener Staat ist. Abgesehen von der indoeuropäischen Einwanderung, in eine von der Megalithkultur bewohnten Gegend vor langer Zeit.

Deutschland hat stets mehr exportiert an Stämmen, denn importiert. Und wer kam, gehörte einer ähnlichen Sprache und Kultur an. Zuletzt könnte man vielleicht die Ansiedlung von polnischen Arbeitskräften nennen, die bemerkenswert war. Das heutige Mulitikulti Deutschlands ist jüngeren Datums und erst in den Fünfzigern angefahren worden. Die Problematik ist deshalb auch anders, weil wir in Deutschland kein Millionenvolk von z.B. Kurden haben, die seit tausenden Jahren hier wohnen und einen eigenen Staat haben möchten. Es sind Millionen Menschen aus allen Herren Ländern hier eingewandert und haben sich übers ganze Land verteilt - mehr oder weniger. Mit spezifischen Problemen. Das ist die ethnische Komponente.

Die konfessionelle kennt Deutschland schon eher, siehe z.B. der Dreißigjährige Krieg. Das Problem in Nahost ist, daß die Osmanen so lange, danach die Kolonialherren aus dem Westen solche Krisen überdeckt haben. Jetzt wo sie die Hände weggezogen haben, werden sie wieder offenbar und nicht mehr gedeckelt. Sie müssen sich jetzt entfalten. Europa hat seit Jahrhunderten ob Dreißigjähriger Krieg, Nordische Kriege, Siebenjähriger Krieg, Napoleonische Kriege, Preußen-Österreichisch, gegen die Dänen, Preußisch-Französischer Krieg. 1. + 2. Weltkrieg, Jugoslawienkrieg uvm. benötigt, um "reinen Tisch" zu machen. Die Probleme auszubrennen, bis nichts mehr geht. Grenzen gezogen. In Nahost war state buildung, auch begründet durch Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln durch die Osmanen und Kolonialherrschaft nicht möglich. Es gab praktisch keine Staaten. Mag sein, daß man sagen kann, daß dies ein Segen wäre, aber man sieht, über Probleme nicht zu sprechen sie nicht zu lösen bedeutet nur Aufschiebung. Jetzt löst man in Nahost seit Jahrzehnten, was in Europa seit Jahrhunderten ausgefochten wurde.
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Re: Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon Praia61 » Do 25. Jul 2013, 21:48

Alles bekannt, dennoch bleibt die Frage, weshalb die dort immer noch nicht so weit wie wir.
Weshalb brauchen die dazu so viel länger. :?:
Der Startzeitpunkt war ja etwa gleich.
Zuletzt geändert von Praia61 am Do 25. Jul 2013, 21:48, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon King Kong 2006 » Fr 26. Jul 2013, 09:56

Praia61 » Do 25. Jul 2013, 22:48 hat geschrieben:Alles bekannt, dennoch bleibt die Frage, weshalb die dort immer noch nicht so weit wie wir.
Weshalb brauchen die dazu so viel länger. :?:
Der Startzeitpunkt war ja etwa gleich.


Der Startzeitpunkt zum nation building war in Europa wesentlich früher. Wie ja bekannt ist. Der Irak und Syrien existieren erst zusammengebastelt seit 1920. Danach noch einige Zeit unter Einfluß der ehemaligen Kolonialmächte. Das ist sehr jung. Sie haben sich zudem nicht mal selbst zusammengerauft. Sie sind nach Interessen der Briten und Franzosen zusammengesetzt worden. Ihnen fehlen die Jahrhunderte an Kriegsführung von Nationalstaaten, wie Bürgerkriegen, wie in Europa, was die europäischen Landesgrenzen so gestaltet haben, wie sie jetzt sind.

Was genau meinst du mit noch nicht soweit? Die sozioökonomische Entwicklung der Staaten? Die gesellschaftliche Entwicklung?
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Re: Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon King Kong 2006 » Sa 27. Jul 2013, 09:40

Stabilität durch Energiesicherheit und Verträge und Zusammenarbeit zwischen den Nachbarn.

Wie sehr der Staatenzerfall überregionale Projekte gefährdet sieht man an dem Projekt einer Erdgaspipeline vom Iran zum Mittelmeer an die syrische Küste. Irak und Syrien als Endabnehmer iranischen Erdgases und von der syrischen Küste weiter nach Europa. Dieses Projekt wurde bereits 2010 zwischen Damaskus, Bagdad und Teheran diskutiert. Es ist natürlich überflüssig zu erwähnen, daß Washington davon nicht begeistert ist und ähnliche Anstrenungen unternimmt, wie im Falle der Pipeline Iran-Pakistan-Indien um dieses irgendwie aufzuhalten. Wie das Schicksal es so will, das zeitlich dafür optimal zerfallende und im Bürgerkrieg versinkende Syrien hat das Projekt somit zunächst obsolet gemacht. Zum großen Ärger von Teheran. Qatar, das ebenso recht große Erdgasreserven hält, sogar ein "gemeinsames" Erdgasfeld im Persischen Golf mit dem Iran, war von der Pipeline nicht so begeistert. Dafür ist Qatar mit großer Begeisterung dabei die Bürgerkriegsparteien, die gegen die syrischen Streitkräfte kämpfen zu unterstützen. Zufall?

Iraq, Iran, Syria Sign $10 Billion Gas-Pipeline Deal

AMMAN, Jordan—The oil ministers of Iraq, Iran and Syria Monday signed a preliminary agreement for a $10 billion natural-gas-pipeline deal, the official Iranian News Agency IRNA and other Iranian media reported.

http://online.wsj.com/article/SB1000142 ... 50392.html


Solche großen Projekte sorgen dafür, daß die Staaten besser kooperieren, da viele Menschen und Firmen aus der Region involviert sind und die Zusammenarbeit fördert. Das engere wirtschaftliche Zusammenwachsen verhindert zudem eher kriegerische Auseinandersetzungen, da gegenseitige Abhängigkeiten auch die Nachbarn treffen würde. Sprich, stärkere Verpflechtung, wie in Europa, machen Einzelgänge schwerer. Die Nationalstaaten müssen ihr politisches Agieren, gerade auf dem internationalen Parkett gründlich überdenken, da eine stärkere Vernetzung unmittelbare Auswirkungen auf andere haben können. "Man kann nicht mehr so einfach machen, was man will".

Washington macht kein Geheimnis daraus, das es nicht in deren Interesse ist. Militärisches Intervenieren erschwert dies natürlich. Da Kriegsführungen durch sie dann ebenfalls Auswirkungen auf anderen Staaten hat. Z.B. Unterbrechung der Energieversorung. Regionale Projekte wie die Pipelinevernetzung wird stets mit großen Druck durch Washington angegriffen. Divide et impera.

Syrien zerfällt in einen Schrotthaufen. Wie seinerzeit der Irak. Qatar und die USA können hinsichtlich der Pipelinevernetzung aufatmen.

War against Iran, Iraq AND Syria?

At Asia Times Online and also elsewhere I have been arguing that this prospective Pipelinestan node is one of the fundamental reasons for the proxy war in Syria. Against the interests of Washington, for whom integrating Iran is anathema, the pipeline bypasses two crucial foreign actors in Syria - prime "rebel" weaponizer Qatar (as a gas producer) and logistical "rebel" supporter Turkey (as the self-described privileged energy crossroads between East and West).

The US$10 billion, 6,000 kilometer pipeline is set to start in Iran's South Pars gas field (the largest in the world, shared with Qatar), and run via Iraq, Syria and ultimately to Lebanon. Then it could go under the Mediterranean to Greece and beyond; be linked to the Arab gas pipeline; or both.


Den Plan hat man dennoch nicht fallengelassen.

Before the end of August, three working groups will be discussing the complex technical, financial and legal aspects involved. Once finance is secured - and that's far from certain, considering the proxy war in Syria - the pipeline could be online by 2018. Tehran hopes that the final agreement will be signed before the end of the year.

Tehran's working assumption is that it will be able to export 250 million cubic meters of gas a day by 2016. When finished, the pipeline will be able to pump 100 million cubic meters a day. For the moment, Iraq needs up to 15 million cubic meters a day. By 2020, Syria will need up to 20 million cubic meters, and Lebanon up to 7 million cubic meters. That still leaves a lot of gas to be exported to European customers.

http://www.atimes.com/atimes/Middle_Eas ... 30713.html


Der Irak wird grenznah beliefert.

Iran has signed an agreement to send 850 million standard cubic feet per day (scf/d) of natural gas through a pipeline into Iraq, fueling power stations to feed electricity-starved Iraqis and testing the U.S.'s sanctions regime. In a closed-door ceremony at the Ministry of Electricity in Baghdad, Iranian Oil Minister Rostam Qasemi and Iraqi Electricity Minister Karim Aftan Jumaili signed a four-year gas supply agreement, according to a Monday statement from Iraqi Electricity Ministry

http://www.iraqoilreport.com/energy/nat ... ran-11057/


Ein wichtiger Schritt zur Stabilisierung der alten Kriegsgegner, die einen so blutigen Krieg miteinandergeführt haben.

Die USA ist darüber nicht begeistert.

Washington concerned about Iran-Iraq gas deal
http://www.payvand.com/news/13/jul/1189.html

Es ist sicher übertrieben zu behaupten, daß dies der Kriegsgrund wäre, das wird auch nicht in Artikeln behauptet, aber es ist ein wichtiger Gesichtspunkt. Stabilität der (noch vorhandenen?) relativ neuen Nationalstaaten erreicht man u.a. durch starke Einbindung in internationale Projekte und Verträge. Sie stabilisieren und verbinden die dortigen Nachbarn. Wie die Energieversorgung hier thematisiert. Man zieht quasi sprichwörtlich am selben Strang (Pipeline). Es ist schon schade, daß dies irgendwie nicht zu klappen scheint. Ganz im Gegenteil. Die Region muß offenbar den weiten Weg gehen, den Europa ging mit vielen Kriegen, bis man einfach nicht mehr kann. Mit diesem Kriegssyrien ist Pipelinebau nicht mehr möglich. Die Energiesicherheit ist nicht gewährleistet solange dort gekämpft wird. Und die meisten Kriegsparteien, gerade die von weit her zugereisten, geht das auch ziemlich am Gesäß vorbei, ob Strom relevant ist und nachbarschaftliche Zusammenarbeit oder nicht.
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Re: Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon King Kong 2006 » So 28. Jul 2013, 17:58

“Islamischen Staat in Irak und Syrien“? Was ergibt sich an neuen Schnittmengen?

Syrien teilt sich ähnlich auf, wie der Irak. Der Irak hat einen kurdisch bestimmten Norden, einen sunnitischen Westen und einen schiitischen Süden. Formaljuristisch ein Staat. Faktisch, praktisch vor Ort sieht es anders aus. Syrien beginnt sich ebenfalls in drei Hauptbereiche zu teilen. Einen Küstenstreifen mit starken alawitsch-schiitischen Einfluß, einen Mittelteil unter FSA/Salafisten/Al-Qaida Einfluß und einen kurdischen Nordosten. Sicherlich ist noch nicht das letzte Wort gesprochen und letzte Kugel geschossen, aber es wird wohl rudimentär daraufhinauslaufen. Ob sich diese Teile unter einem nationalstaatlichen Dachverband organisieren können ist jedoch äußerst fraglich. Ich glaube nicht. Text plus Karte:

Syria is gradually breaking into three. The forces of Mr Assad recently seized the initiative but they cannot defeat the opposition and instead are consolidating their grip on the western spine of the country. From Damascus and Homs to Hama and Latakia, the regime is carving out a coastal state. Meanwhile, the rebels are doing the same in the Euphrates valley stretching from Turkey to Iraq through open desert. On July 22nd they took over Khan al-Asal, a town close to Aleppo, a divided northern city. As extreme Islamists among the rebels gain in strength, rumours abound that al-Qaeda-related groups will declare a religious state. Already, they fly black flags above mini-emirates.

Further east, long-persecuted Kurdish groups are using the chaos of the civil war to create an autonomous region. Last week the Democratic Union Party, the Syrian branch of Turkey’s Kurdistan Workers Party (PKK), announced a constitution and a plan to elect a council to administer the area known as Rojava or west Kurdistan. Exactly a year ago they took over policing the area and in early July they kicked out jihadists from the border town of Ras al-Ain.

http://www.economist.com/news/middle-ea ... l-advances


Die Landstriche unter Kontrolle der Al-Qaida/FSA/Salafisten etc. werden vermutlich enorme Probleme bekommen sich zu konsolidieren. Zur Zeit kämpfen sie ja untereinander um Einfluß. Was da noch zu erwarten ist, wird interessant. Vom sunnitischen Teil Iraks pumpen sich irakische Al-Qaida und Salafisten in den Irak. Wenn es hart auf hart kommt, würde ich nicht auf die FSA setzen. Ich bezweifle, daß die FSA das Zeug hat mit denen ernsthaft konkurrieren zu können.

Mittlerweile reden die syrischen Oppositionellen und ihre irakischen Kameraden offen von “Islamischen Staat in Irak und Syrien“.

Wie Al-Kaida in Syrien Kinder indoktriniert
http://blog.zeit.de/radikale-ansichten/ ... ktriniert/

Könnte sein, daß sich ganz neue Synapsen zwischen dem sunnitischen Teil Iraks und dem sunnitischen Teil Syriens entwickeln?
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Re: Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon King Kong 2006 » Mo 29. Jul 2013, 17:55

In Libyen ist offenbar der Staatsmacht die Kontrolle entglitten. Die Milizen und Stämme haben vor Ort das Sagen.

Man findet dafür in Tripolis diplomatische Töne:

Libyen im Griff der Milizen

Zugleich räumte der Regierungschef seine eigene Hilflosigkeit gegenüber den mächtigen Milizen ein. "Das sind unsere Bürger, und der Staat kann sich mit ihnen nicht auf Kämpfe einlassen, die schreckliche Konsequenzen nach sich ziehen würden."


Im Klartext heißt das, das Tripolis keine Kontrolle mehr hat und die Milizen machen können, was sie wollen. Schon unter Gaddafi waren die Stämme sehr mächtig. So mächtig, daß Gaddafi darauf Rücksicht nehmen mußte. Die Auslieferung eines Hauptverdächtigen im Kontext des Lockerbie-Attentates erwies sich als schwierig, weil dieser Mitglied des mächtigsten Stammes Libyens war.

Die Grenzsicherung (die Grenzen an sich?) ist unklarer geworden.

Seit diesem Jahr will die Europäische Union der libyschen Regierung dabei helfen, zumindest die 6000 Kilometer langen Landesgrenzen zu kontrollieren. Insgesamt 110 Polizisten und Experten sollen im Rahmen der Eubam-Mission "bei der Entwicklung einer nachhaltigen integrierten Grenzmanagementstrategie helfen" - so der Auftrag aus Brüssel.


Tatsächlich wird die Grenzsicherung von den Milizen und Stämmen übernommen. Die Staatsgewalt existiert dort nicht mehr.

Doch der Weg bis dahin ist weit: Gegenwärtig sind nur zwei der 25 Grenzübergänge dem libyschen Innenministerium unterstellt, heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Linksfraktion zur Eubam-Mission. "Die anderen werden von Milizen und Stammesorganisationen überwacht."


Ob die Stämme dieses Privileg ein durchaus wichtiges Merkmal eine Staates wieder herausrücken bezweifle ich. Und wenn, was ändert das?

Dafür lassen EU und Bundesregierung keinen Zweifel daran, dass sie den libyschen Sicherheitskräften nicht über den Weg traut. Für die Sicherheit der unbewaffneten Polizeibeamten aus Europa sind in Libyen private Sicherheitsfirmen verantwortlich.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/d ... 13739.html


Während des Krieges gegen Gaddafi sah man, daß eine Hauptteilungslinie zwischen Tripolitania im Westen und Cyrenaica im Osten liegt. Tripolis und Bengasi. Oder ethnisch gesehen, zwischen den Arabern im Norden und den Tuaregs im Süden und Berbern im Westen. Wie lange arbeiten sie noch zusammen? Vermutlich solange, solange die Stämme und Milizen einen Nutzen darin sehen in einem Staat zu leben. Sie brauchen vermutlich die Staatsorgane um z.B. Öl und Gas international an den Mann zu bringen. Solange sie nicht eigene Betriebswege und Möglichkeiten gefunden haben, bleiben sie im Staate Libyen. Und Tripolis lässt sie dafür machen, was sie wollen.
Zuletzt geändert von King Kong 2006 am Mo 29. Jul 2013, 18:21, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon Platon » Di 30. Jul 2013, 15:30

King Kong 2006 » Mi 24. Jul 2013, 00:52 hat geschrieben:Sykes-Picot und die Auflösung des Nahen Ostens. Wie bereits bekannt wurden die Grenzen in Nahost maßgeblich von Kolonialmächten gezogen. Und nicht gerade nach der Prämisse welches Volk, welche Konfession wo zu finden ist. Darauf wurde keine Rücksicht genommen. Mit dem Ergebnis, daß die Region ein Pulverfass ist. Vieles wächst jetzt zusammen, was zusammengehört, bzw. verschwindet oder entsteht uvm.

Sykes-Picot haben nach dem Zusammenbruch und Niederlage des Osmanischen Reiches alles südlich der heutigen Grenzen der Türkei neu geordnet.

Das Geheimabkommen war dem Namen nach geheim. Denn man suggerierte den Arabern, daß sie für ihre Freiheit und Selbstbestimmung kämpfen würden. Schillernde Figur dabei war Colonel Lawrence, der Lawrence von Arabien, der im Auftrage der Briten die Organisation des Kampfes gegen die Osmanen übernahm. In Wirklichkeit wurden Interessensgebiete der Entente-Mächte Großbritannien und Frankreich abgesteckt, nachdem das Osmanische Reich zusammenbrach. Die russische Revolution sorgte dafür, daß es aufflog und bis heute ein Nährboden für arabische Verschwörungstheorien bildete und nicht zu unrecht befeuerte.

Ein Superkrisenherd wurde dabei auch gleich gelegt:

British-Zionist discussions during the negotiations
http://en.wikipedia.org/wiki/Sykes%E2%8 ... _Agreement
Die Kurden wurden dabei komplett vergessen.

Als kleiner Nebenschwenk, es ging natürlich im Vorfeld des Sykes-Picot Vertrages auch im Rahmen des Industriezeitalters um den Stoff, der die Welt goes around macht. Schon im Vorfeld des ersten Weltkrieges machten die Briten klar, daß sie das Öl in der Region als existentiell für sich definiert hatten. Lange vor den USA. Wie sehr man darauf angewiesen war zeigte der 1. Weltkrieg. Danach orientierte man sich unter diesen Gesichtspunkten ebenfalls in der Region.

Man sollte vielleicht noch im Kontext einfügen, dass man im Iran erst kurz vor Beginn des ersten Weltkrieges (1908) ausbeutbare Ölvorkommen entdeckt hatte, man bald darauf seine Flotte von Kohle auf Öl umgestellt hatte, und, dass bei den Interessen der Briten in der Region der Seeweg nach Indien auch noch eine wichtige Rolle spielte. Bekanntlich wurde Indien erst 1947 unabhängig. Der Suez-Kanal sollte ja den Handel nach Indien erleichtern, weswegen die Briten - die ab 1882 in Ägypten herrschten - auch das Gebiet nördlich des Sinai beherrschen wollten. Die Unterstützung der zionistischen Sache mit der Balfour-Erklärung sollte letztlich den Anspruch der Briten auf das entsprechende Gebiet als Schutz- oder später dann Mandatsmacht aufzutreten vergrößern.
Das Mandatsgebiet in Irak steht wohl wiederum eher im Kontext der dortigen Ölvorkommen, die man im Kampf gegen die Osmanen erobert hatte.

Wenn es um die historische Bedeutung der Mandatsherrschaft geht sollte man auch nicht unerwähnt lassen, dass der propagierte Sinn dieser vom Völkerbund abgesegneten Herrschaftsform die war, den dortigen Bewohnern durch den Aufbau staatlicher Institutionen die Möglichkeit zur Selbstverwaltung zu geben. Es war die erklärte Aufgabe der Franzosen und Briten den Staatenbildungsprozess in ihren Mandatsgebieten voranzutreiben. Da wie hier in diesem Strang das Scheitern dieser Prozesse diskutieren sind sie in jedem Fall als in historischer Perspektive Hauptmitschuldige zu bezeichnen.

Das Red Line Agreement

Die Sykes-Picot Landkarte
http://en.wikipedia.org/wiki/File:Sykes-Picot.svg

Die benachbarten Staaten sollten in der Neuordung miteinbezogen werden. Fragt sich nur wie, diese scheinen ähnlich wie die Konfliktparteien in Nahost selbst, sich nicht verstehen zu können.

Diese von den Kolonial- und Siegermächten gezeichneten Staaten wurden bis dato nach dem Abzug dieser mit teilweise roher Gewalt zusammengehalten. Mit ausländischer Unterstützung. Nun beginnen sie aufzubrechen. Muß man davon ausgehen, daß auf längerer Sicht die Landschaft neu gezeichnet wird? In Europa spricht man von dem Europa der Regionen. Funktionieren der Irak und Syrien (+Staaten der arabischen Halbinsel), der Libanon, neu gegründete Staaten, ja sogar das heutige Israel mit seinem Konflikt, überhaupt in der heutigen Form?

Eine Neuziehen der Grenzen ist heutzutage nicht mehr möglich und würde die Konflikte meines Erachtens auch nicht wirklich beenden sondern nur neu entfachen, sofern sie nicht entlang von stabilen „de facto-Grenzen“ gezogen werden. Etwas was ja in Syrien und Irak gerade nicht der Fall ist.

Ich würde als Ursache für diese Probleme die Bedeutung der ausländischen Mächte betonen. Aufgrund der Fähigkeit des Irans und der Golfstaaten/Saudi-Arabien ihre Schützlinge zu beschützen wird es auch keine Rückkehr zu der Situation kommen, dass eine Gruppe die anderen beherrschen wird. Was es also braucht ist ein Interessenausgleich des Auslands, wie es ihn im Libanon am Ende des Bürgerkrieges gegeben hat (Abkommen von Taif), wo die jeweiligen Protagonisten bei verschiedensten Gelegenheiten demonstriert haben trotz ausländischer Unterstützung für diesen Fall, vor diesem zurück zu schrecken. Siehe auch: [URL=http://en.wikipedia.org/wiki/Doha_Agreement]Doha-Agreement[/URL-.
In so einem Falle hätte man es mit einer Reihe von quasi-autonomen Regionen zu tun, welche zueinander in einem komplexen aber hoffentlich stabil austarierten Machtverhältnis stehen.

Aber wer soll so ein Abkommen vermitteln? Was es braucht ist ein Überparteilicher Vermittler, welcher in der Region präsent ist und selbst von keiner der Konfliktparteien abhängig ist. Und da fallen mir eigentlich nur ein ernsthafter Kandidat ein, welcher in Sachen Überparteilichkeit aber noch Überzeugungsarbeit leisten müsste: Die USA.
Qatar, welches im Libanon zuletzt vermittelt hatte, hat sich sehr klar im Rahmen der Konflikte positioniert, ebenso wie die Türkei und Russland. Die EU käme noch in Frage ist in der Region aber selbst nicht präsent. Ebenso wie die Chinesen und andere aufstrebende Staaten wie Brasilien oder Indien, die die diplomatische Aufwertung des eigenen Landes zwar zu schätzen wüssten, aber wer würde sie ernst nehmen?

Wenn es jemand schaffen könnte, dann die USA. Diese müssten erstmal ihren eigenen Streit mit der Islamischen Republik Iran abkühlen oder gar in Teilen beilegen, könnten dann aber wieder verstärkt als Vermittler in der Region auftreten. Erst recht wenn die diplomatischen Bemühungen im Nahost-Konflikt Früchte tragen würden. Das würde den Führungsanspruch der USA in der Region nahezu unanfechtbar machen und die Region wieder stabilisieren. Aber einfacher gesagt als getan.

Ich denke die Situation, dass die staatliche Integration in Syrien und Irak gescheitert ist bzw. vor dem Scheitern steht, sollte nicht dazu führen, dass man die Staaten auseinander reißen will. Das führt nämlich zu nichts. Eine Deeskalation kann meines Erachtens nur durch überregionale Integration und Interessensausgleich der hinter den regionalen Gruppen stehenden Staaten erreicht werden. Erst wenn diese die Situation durch politische Unterstützung, Waffenlieferungen und Anfeuerungen nicht mehr weiter anheizen, kann sich die Lage verbessern. Auch nach einem Sturz oder Tod von Assad werden die Iraner sehr wahrscheinlich einen Teil ihres Einfluss behalten und im Irak werden die Sunniten und erst nicht die Kurden sich nicht von der Schiitischen Mehrheit beherrschen lassen.
Zuletzt geändert von Platon am Di 30. Jul 2013, 15:34, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon Platon » Mi 31. Jul 2013, 19:47

Der Irak erlebt den blutigsten Monat seit fünf Jahren. Fast 700 Menschen sind durch die neueste Terrorkampagne von al-Qaida getötet worden. Regierungschef Maliki kann die Gewalt nicht stoppen - sondern treibt mit seiner Politik sogar noch mehr Menschen in die Arme der Extremisten.

Ban Ki Moons Appell klingt dramatisch: "Der Irak steht erneut am Scheideweg. Die Politiker haben die Verantwortung, das Land vom Abgrund wegzuziehen", sagte der Uno-Generalsekretär.

Der Grund für seinen Aufruf: Der Irak wird von der schwersten Gewaltserie seit fünf Jahren erschüttert. Bei Autobombenanschlägen in verschiedenen Städten des Landes sind allein am Montag mindestens 80 Menschen getötet worden. Seit Monatsbeginn sind damit landesweit knapp 700 Menschen bei Anschlägen ums Leben gekommen - die meisten von ihnen Zivilisten. Mehr als 1500 Iraker wurden verletzt.

Seit Beginn des Ramadan am 10. Juli ist die Lage im Zweistromland besonders schlimm. Die irakischen Familien, die in Moscheen, Cafés und Restaurants allabendlich das Fasten brechen, sind ein leichtes Ziel für Attentäter. Zudem trichtern radikale Prediger ihren militanten Gefolgsleuten ein, dass Selbstmordattentäter, die ihre "Märtyreroperationen" im Ramadan verüben, im Jenseits besonders belohnt würden.
[...]

http://www.spiegel.de/politik/ausland/i ... 13921.html

Ein Artikel über die Gründe für die neueste Gewalteskalation im Irak. Darin wird deutlich, dass in der Vergangenheit erzielte Erfolge durch schlechte Regierungsführung und Monopolisierung der Macht wieder zunichte gemacht werden. Weil bekanntlich erzielte man 2007 in Zusammenarbeit mit einigen sunnitischen Stämmen in dann recht kurzer Zeit große Erfolge gegen Al-Qaida im Irak, auf die Teilhabe an der Macht warten die Sunniten aber bis heute. Vielmehr wird allzu heftiges Aufmucken als Regungen des alten Baath-Regimes interpretiert und gnadenlos nieder gemacht. Da wundert es nicht, wenn die Extremisten irgendwann wieder zurück kommen. Zumal auch die Situation in Syrien sie im Moment begünstigt.

Es ist ja nicht so als wäre im Irak alles schlecht und als bestünde eine Situation die man allzu analog zum Bürgerkrieg in Syrien verstehen sollte.
Zuletzt geändert von Platon am Mi 31. Jul 2013, 19:48, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon King Kong 2006 » Mi 31. Jul 2013, 20:26

Platon » Mi 31. Jul 2013, 20:47 hat geschrieben:http://www.spiegel.de/politik/ausland/i ... 13921.html

Ein Artikel über die Gründe für die neueste Gewalteskalation im Irak. Darin wird deutlich, dass in der Vergangenheit erzielte Erfolge durch schlechte Regierungsführung und Monopolisierung der Macht wieder zunichte gemacht werden. Weil bekanntlich erzielte man 2007 in Zusammenarbeit mit einigen sunnitischen Stämmen in dann recht kurzer Zeit große Erfolge gegen Al-Qaida im Irak, auf die Teilhabe an der Macht warten die Sunniten aber bis heute. Vielmehr wird allzu heftiges Aufmucken als Regungen des alten Baath-Regimes interpretiert und gnadenlos nieder gemacht. Da wundert es nicht, wenn die Extremisten irgendwann wieder zurück kommen. Zumal auch die Situation in Syrien sie im Moment begünstigt.

Es ist ja nicht so als wäre im Irak alles schlecht und als bestünde eine Situation die man allzu analog zum Bürgerkrieg in Syrien verstehen sollte.


Wenn ich mich recht erinnere wurde die Zusammenarbeit mit sunnitischen Stämmen nicht unerheblich durch finanzielle Zuwendungen der USA erzielt. Z.B. bei den Sons of Iraq.
http://en.wikipedia.org/wiki/Sons_of_Iraq

Von daher steht es zur Debatte, ob darin eine konstruktive Rolle im Sicherheitsdenken im Rahmen einer Partizipation in einem Staat zu verstehen ist, oder eher ein zeitweises Klientelverhalten zur USA, ohne tatsächliche Substanz. Bagdad sah in diesen Kampfformationen eine Gefahr für das Gewaltmonopol des Staates. Die Stämme wiederum fühlen sich natürlich benachteiligt und wollen sich von einer Zentralregierung auch nicht reinreden lassen. So wurde kurzfristig die Al-Qaida bedrängt, jedoch weiter das Gewaltmonopol des Landes unterhöhlt. Mit dem ohnehin verschiedene Gruppen ein Problem haben.
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Re: Staatenzerfall in Nahost? Die Ära nach Sykes-Picot

Beitragvon King Kong 2006 » So 4. Aug 2013, 21:05

Syrien als Einheit aufgehört zu existieren?

More than 2 years into civil war, Syria effectively split into 3 separate regions

More than two years into Syria's civil war, the once highly-centralized authoritarian state has effectively split into three distinct parts, each boasting its own flags, security agencies and judicial system.


"There is no doubt that as a distinct single entity, Syria has ceased to exist," said Charles Lister, an analyst at IHS Jane's Terrorism and Insurgency Center. "Considering the sheer scale of its territorial losses in some areas of the country, Syria no longer functions as a single all-encompassing unitarily-governed state."


Syria's partition into mini-states is an ominous scenario for a country that sits along the Middle East's most turbulent fault lines. Any attempt to create an official breakaway state could trigger a wave of sectarian killings and have dangerous repercussions in a region where many religious, ethnic and tribal communities have separatist aspirations.


Ein saudischer Beobachter sieht einen klaren Gewinner innerhalb der Nachbarschaft.

Jamal Khashoggi, a Saudi author and columnist, argued in a recent article that at least one of Syria's neighbors will benefit if the dividing lines harden.

"It is an ideal solution for Israel which will benefit from Syria's division into three weak rival states that will never again represent a strategic threat for Israel," he wrote in an article that appeared in the pan Arab Al Hayat newspaper Saturday.

Read more: http://www.foxnews.com/world/2013/08/04 ... z2b23lDoa7


Diese Ansicht teile ich nicht gänzlich. Zum einen ist der Tausch von einem "kontrollierten" Staat zu einem Flickenteppich von unkontrollierten Gebieten mit hoher Extremistenquote kein wirklicher Gewinn. Denn Assad konnte man abschrecken, aus israelischer Sicht, nach sprichwörtlich allen Regeln der Kriegskunst und auch politisch. Milizen und Revoluzzer sind da weniger zu beeindrucken. Deshalb ist sicherlich auch die Zweistaatenlösung aus israelischer Sicht problematisch. Man braucht die Gebiete als Puffer gegen mögliche Angriffe von Gruppierungen mit leichten Waffen. Zuletzt gegen Nationalstaaten, waren/sind sie nicht so sehr relevant. Die kann man besser abschrecken. Gruppen, die im Häuserkämpf und mit Mörsern, leichten Raketen, Panzerfäusten um sich schiessen ist schwerieg. Da braucht man jeden Quadratkilometer als Puffer. Das kann sehr viel ausmachen. Wenn er mit strategisch meint, daß eine relativ große arabische Armee aufgehört hat zu existieren, dann hat er sicher recht. Wie sich allerdings die Gebiete später wieder organisieren, auch waffentechnisch bleibt abzuwarten.
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