Kein Bock auf Karriere?!

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Skull
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Re: Kein Bock auf Karriere?!

Beitragvon Skull » Mi 15. Aug 2018, 21:21

Skull hat geschrieben:(15 Aug 2018, 20:55)

Guten Abend,

zwei Beiträge...entsorgt.

Ergänze...nun vier.

Und nochmals Beiträge...entsorgt.
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Gruwe
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Re: Kein Bock auf Karriere?!

Beitragvon Gruwe » Mi 15. Aug 2018, 21:23

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(15 Aug 2018, 22:02)

Bevor das zu Beschäftigungstherapie aus Erhaltungsgründen wurde, war Bergbau, ob unter Tage oder im Tagebau, eine extrem gesundheitsschädliche Schwerarbeit. Daher gab es auch Zulagen. Ob nun Kohle, Kali, Eisenerze oder Uran.


Naja, aber wirklich nur ganz früher!

Ich habe meine Berufsausbildung im Steinkohle-Bergbau im Saarland gemacht und war 2003-2004 selbst noch unter Tage. Extrem gesundheitsschädliche Schwerarbeit war das sicher nicht, aber logischerweise auch kein Schreibtisch-Job. Das Klima und die Dunkelheit waren da die Punkte, die die Arbeit "ungewohnt" machten.
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Re: Kein Bock auf Karriere?!

Beitragvon Uffzach » Mi 15. Aug 2018, 21:35

frems hat geschrieben:(15 Aug 2018, 13:10)
Was glaubt Ihr, welche Gründe hier eine Rolle spielen?


Die Ideologie des egozentrischen Individualismus wirkt nicht nachhaltig, wenn es de facto keinen Überlebenskampf mehr gibt.
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Re: Kein Bock auf Karriere?!

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Mi 15. Aug 2018, 22:04

Gruwe hat geschrieben:(15 Aug 2018, 22:23)

Naja, aber wirklich nur ganz früher!

Der Uranbergbau endete 1990.
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Maltrino
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Re: Kein Bock auf Karriere?!

Beitragvon Maltrino » Mi 15. Aug 2018, 22:38

Mal gucken ob ich es auch bei diesem unspektakulärem Thema, welches ja ein bischen an das Automobilindustriethema erinnert, es auch schaffe, dass jeder schreit dass ich Unrecht habe...

Vieles wurde schon gesagt, natürlich ist es unattraktiv Karriere anzustreben wenn man beobachten konnte wie andere damit auf die Schnauze fallen. Richtig, warum soll ich mein Leben lang damit verbringen jemand anderen berühmt zu machen und ihm Geld einzubringen?

frems hat geschrieben:...
Was glaubt Ihr, welche Gründe hier eine Rolle spielen? Fehlen den Befragten einfach die Ambitionen? Sind sie stärker werteorientiert, bspw. hinsichtlich der zunehmenden Bedeutung von Familie und Freunden? ...


Vergleich dies mit folgendem Zitat aus dem Artikel den du verlinkt hast:

"Ein interessanter Nebenaspekt: Laut der Studie geben nur 27 Prozent der Studenten gesellschaftlichem Engagement in ihrem Leben eine große Bedeutung."

Was ist das? Familie zuerst, Gesellschaft nicht mal zweitrangig, rein fünftrangig... Das ist die klassiche Denke von Kindern aus konservativen Familien. Und zwar so konservativ, dass man nicht mal mehr Führungspositionen anstrebt, denn Führer sind ja immer immer auch zwangsläufig "revolutionär", da sie selber die Richtung angeben müssen. Ein Satz wie Kinder dürfen nicht von der Gesellschaft erzogen werden ist typisch zum Beispiel auch für religiös eingestellte konservative Menschen. Und offenbar ist es so, dass immer mehr junge Menschen in "konservative" bis "spießbürgerliche" Familien hineingeboren wurden und dies dort gelernt haben. Warum? Unbequeme aber einfach Antwort: Durch die Verhütungsmittel (Pillenknick) kriegen nur solche Leute Kinder die es bewusst planen oder die die finanziellen und zeitlichen Ressourcen haben eine "normale" Familie zu gründen, und das sind eben eher (ich nenne es mal so) "spießbürgerliche".

Ich glaube der Schlüssel um das alles zu verstehen ist nicht unbedingt die Sache mit der Karriere und auch nicht unbedingt die Sache mit der Familie, ich glaube der Schüssel ist die mangelnde Bereitschaft zu gesellschaftlichem Engegement. Die Vertreter der 68er, aber auch der Baby-Boomer Generation schafften durch politisches und gesellschaftliches Engegement etwas zu bewirken. Warum sie dies taten weiß ich nicht.

Meine Generation (also die Generation die laut eurer Meinung die dümmste aller Generationen ist, ich denke damit wisst ihr was ich meine) versuchte es auch, und zwar teilweise noch recht aggressiv und hypermotiviert, scheiterte aber aus verschiedenen Gründen, unter anderen weil es eben auch in meiner Generation schon Leute gibt die eben nicht diese Aggressivität zeigen. Kurz gesagt: Die Piratenpolitiker waren zwar noch engagiert aber auch schon zu brav. Aggresivität und Gesellschaftlices Engegement bedingen sich deshalb gegenseitig, weil nur jemand die Gesellschaft verändern (verbessern) will, der ein Sendungsbewusstsein hat, der im Extremfall die Massen "formen" will. Diese Agresivität, dieses Sendungsbewusstsein, dieses "Ich will die Gesellschaft formen" findet sich auch häufig bei Menschn aus zerrütteten oder schwierigen Familien. Dieses typische "Mir gings scheiße, anderen soll es mal besseren gehen, und zwar allen anderen, nicht nur meinen Kindern", das findet sich nicht bei Leuten die 20 Jahre lang keine Schwierigkeiten gehabt haben.

Die Aggresivität, die vor allem gesellschaftliches Engagement (im guten wie im schlechten), aber offenbar auch Karrierewillen, verursacht, wird nicht mehr hervorgebracht. Mangelndes gesellschaftliches Engagement bedeutet nicht nur, dass niemand mehr ehrenamtlich eine Kindergruppe betreut, es bedeutet auch, dass (fast) niemand mehr die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse ändern will. Ich glaube trotzdem noch, dass es einzelne Leute geben wird die das wollen, aber die Gründe dafür werden äußerst seltsam sein. Es wird eher so sein, dass Leute die Gesellschaft ändern wollen weil ihnen die Gesellschaft noch "zu verdorben" erscheint, also Leute aus konservativem Elternhaus, die den Liberalismus der Gesellschaft ablehnen.

Die Gesellschaft wird sich also immer mehr zu etwas entwickeln was wohl am ehesten mit manchen religiösen Gemeinschaften vergleichbar ist. Niemand zweifelt grundsätzlich an der Gesellschaft, man "glaubt" vielmehr an sie und versucht sie nicht mehr zu verbessern sondern nur noch "reiner" zu machen. Man strebt Führungspositionen auch nicht mehr bewusst an (fehlende Aggresivität) sondern wird nur noch von bisherigen Führern "berufen". Heißt, es entwickelt sich (ähnlich wie in einigen Religionsgemeinschaften erkennbar) eine seltsam bürokratisch anmutende Führungselite, zu der theoretisch jedes Mitglied der Gemeinschaft gehören kann, praktisch aber erstaunlicherweise nur Leute die unfassbar glatt, geschmeidig, angepasst, gutaussehend, rhetorisch perfekt sind und gut auswendig lernen können.

Fast niemand strebt also aktiv und aggresiv eine Führungsrolle an, aber es muss zwangsläufig trotzdem Führer geben. Diese Führer werden euch gefallen, weil sie viel glatter und telegener sind als so Typen wie ich, aber es wird, joa, halt etwas langweilig, um es mal so auszudrücken. Wie gesagt, den meisten hier im Forum wird dieses zukünftige Deutschland glaube ich sehr gefallen. Keine Maltrinos, keine Ponaders, keine Christoph Lauers, die mit wirren Augen irgendwelche Forderungen stellen... EInfach nur gutaussehende aalglatte junge Leute, die höchstens noch Sachen sagen wie "Wir müssen unsere Werte verteidigen" oder sowas wie "Wir müssen unsere Werte vor dem Islam verteidigen"...

Wie gesagt, die fehlende Aggresivität die Gesellschaft zu verändern ist glaube ich der Schlüssel. Und wie gesagt, ich glaube das was dann geschehen wird kann man am ehesten in religiösen Gruppen sehen. Die Mehrheit wird nichts groß hinterfragen und im tagtäglichen Geschäft seriös und kontinuierlich mitmachen. Aber ein paar werden zu "Fanatikern", da sie der Meinung sind, dass die Mehrheit der "Bürokraten" nicht aktiv genug die Werte der Gemeinschaft gegen "unreine Elemente" verteidigen. So ein Konstrukt wie "Deutschland" wird also zur Glaubenssache. Die Mehrheit wird einfach dran glauben und normal mitarbeiten, aber ein paar wenige werden der Meinung sein, dass man Deutschland noch mehr verteidigen muss, zum Beispiel gegen den Islam, zum Beispiel gegen linksliberale die mit ihrer Weltoffenheit den Islam reinlassen... usw. usw. Und damit meine ich nicht nur Neurechte, sondern auch extrem linke Islamkritiker.

Und "kein Bock auf Karriere" ist da nur ein Symptom dessen was ich beschrieb. Ob ich Recht hab kann ich nicht beweisen, aber irgendsoeinen Eindruck habe ich da. Und damit will ich nicht über "die jungen Leute" jammern. Schuld daran sind die älteren die es haben "soweit kommen lassen". Und vielelicht ist diese "fehlende Aggresivität" ja auch ganz gut. Es verhindert zwar Leute wie mich in gesellschaftlich relevanten POsitionen aber hoffentlich auch Leute wie "Realist" oder "3 mal schwarzer Kater"... So, fertig.
Wie ihr seht, habe ich jetzt auch ein Profilbild wo das Portrait eines großen politischen Denkers aus der Vergangenheit abgebildet ist. Damit ist jetzt jede meiner Aussagen wahr und absolut seriös.
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Re: Kein Bock auf Karriere?!

Beitragvon Brainiac » Mi 15. Aug 2018, 23:44

Eine Einschätzung zum Strangthema aus dem IT-Business. Führungskräfte in der IT sind heutzutage, soweit ich das in diversen Großkonzernen beobachte, sehr stark mit administrativ / formellen Aufgaben ausgelastet (Budget-/, Ressourcenplanung etc) und kommen kaum noch zu inhaltlich gestalterischer Tätigkeit. Das bekommen die ganzen Praktikanten und Werksstudenten natürlich mit und betrachten somit eine formelle Führungsfunktion als wenig attraktiv. Vielleicht ist das ein Teil der Erklärung des eingangs dargestellten Trends. Die Berufsanfänger wollen coole Systeme designen und bauen und nicht irgendwelche Planungstemplates mit Zahlen füllen.
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Re: Kein Bock auf Karriere?!

Beitragvon H2O » Do 16. Aug 2018, 00:19

Brainiac hat geschrieben:(16 Aug 2018, 00:44)

Eine Einschätzung zum Strangthema aus dem IT-Business. Führungskräfte in der IT sind heutzutage, soweit ich das in diversen Großkonzernen beobachte, sehr stark mit administrativ / formellen Aufgaben ausgelastet (Budget-/, Ressourcenplanung etc) und kommen kaum noch zu inhaltlich gestalterischer Tätigkeit. Das bekommen die ganzen Praktikanten und Werksstudenten natürlich mit und betrachten somit eine formelle Führungsfunktion als wenig attraktiv. Vielleicht ist das ein Teil der Erklärung des eingangs dargestellten Trends. Die Berufsanfänger wollen coole Systeme designen und bauen und nicht irgendwelche Planungstemplates mit Zahlen füllen.


Da muß man doch wohl unterscheiden, in welche Art von Unternehmen eine IT-Spitzenkraft tätig ist. Was Sie hier ansprechen, das kann ich mir allenfalls in einem Betrieb vorstellen, der im wesentlichen IT-Projekte und Produkte herstellt, die einen sehr ausgeprägten IT-Anteil haben. Nach meinen Erfahrungen sind begehrte Gehaltsstufen doch Mitarbeitern offen, die sich in ihrem Verantwortungsbereich als belastbar und teamfähig erwiesen haben. Dann wäre es sicher verwunderlich, wenn am Ende nicht auch hochqualifiziertes technisches Personal mit Führungsaufgaben betraut wird. Immerhin kann diese Führungskraft durch Fachkenntnis und Berufserfahrung abschätzen, mit welchen Risiken der Betrieb in neue Produkte/Projekte einsteigen wird. Unmittelbar daran arbeiten, das wird nicht funktionieren. Da müssen doch Menschen geführt werden und Konflikte geglättet werden, und von der Führungskraft wird erwartet, daß unter dem Strich Pläne erfüllt und Mittelvorgaben nicht überschritten werden. Schließlich kommt noch das klärende technische Gespräch mit wichtigen Kunden dazu.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß eine technische Führungskraft sich im wesentlichen mit Führungswerkzeugen beschäftigt. Das wäre ja in der Tat ein Verrat an ihren Begabungen, aus vielen Ideen der Mitarbeiter etwas Neues und Besseres an zu steuern. Um den Job würde ich mich als Techniker auch nicht bemühen. Das Angebot würde mich eher in Selbstzweifel stürzen. Auf die "Karriere" hätte ich auch keinen Bock!
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Re: Kein Bock auf Karriere?!

Beitragvon Brainiac » Do 16. Aug 2018, 18:00

H2O hat geschrieben:(16 Aug 2018, 01:19)

Da muß man doch wohl unterscheiden, in welche Art von Unternehmen eine IT-Spitzenkraft tätig ist. Was Sie hier ansprechen, das kann ich mir allenfalls in einem Betrieb vorstellen, der im wesentlichen IT-Projekte und Produkte herstellt, die einen sehr ausgeprägten IT-Anteil haben. Nach meinen Erfahrungen sind begehrte Gehaltsstufen doch Mitarbeitern offen, die sich in ihrem Verantwortungsbereich als belastbar und teamfähig erwiesen haben. Dann wäre es sicher verwunderlich, wenn am Ende nicht auch hochqualifiziertes technisches Personal mit Führungsaufgaben betraut wird. Immerhin kann diese Führungskraft durch Fachkenntnis und Berufserfahrung abschätzen, mit welchen Risiken der Betrieb in neue Produkte/Projekte einsteigen wird. Unmittelbar daran arbeiten, das wird nicht funktionieren. Da müssen doch Menschen geführt werden und Konflikte geglättet werden, und von der Führungskraft wird erwartet, daß unter dem Strich Pläne erfüllt und Mittelvorgaben nicht überschritten werden. Schließlich kommt noch das klärende technische Gespräch mit wichtigen Kunden dazu.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß eine technische Führungskraft sich im wesentlichen mit Führungswerkzeugen beschäftigt. Das wäre ja in der Tat ein Verrat an ihren Begabungen, aus vielen Ideen der Mitarbeiter etwas Neues und Besseres an zu steuern. Um den Job würde ich mich als Techniker auch nicht bemühen. Das Angebot würde mich eher in Selbstzweifel stürzen. Auf die "Karriere" hätte ich auch keinen Bock!

So wie Sie es beschreiben, sollte es natürlich eigentlich sein. ;) Wer aufsteigt, tut dies zumeist (auch) aufgrund guter bis sehr guter fachlicher Fähigkeiten, daneben kann man gut kommunizieren, motivieren, führen, und so weiter. DH. so jemandem kann kein Mitarbeiter ein X für ein U vormachen. Für die Kunden ist man der zentrale Ansprechpartner. Und bei den wesentlichen inhaltlichen Weichenstellungen ist man führend dabei. So die Theorie.

So die Theorie, aber meine Feststellung bleibt, dass die Formalitäten und Berichtspflichten für IT-Führungskräfte einen sehr großen Raum einnehmen. Es gibt ja auch immer mehr ausgefeilte Planungs- und Controllingtools, die zu pflegen sind, und selten stellt jemand die Frage, wozu? Da bleibt wenig Zeit für mehr. Meine Beobachtungen stammen vor allem aus dem Innenleben großer deutscher Telekommunikationsunternehmen.
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Re: Kein Bock auf Karriere?!

Beitragvon H2O » Do 16. Aug 2018, 18:25

Brainiac hat geschrieben:(16 Aug 2018, 19:00)

So wie Sie es beschreiben, sollte es natürlich eigentlich sein. ;) Wer aufsteigt, tut dies zumeist (auch) aufgrund guter bis sehr guter fachlicher Fähigkeiten, daneben kann man gut kommunizieren, motivieren, führen, und so weiter. DH. so jemandem kann kein Mitarbeiter ein X für ein U vormachen. Für die Kunden ist man der zentrale Ansprechpartner. Und bei den wesentlichen inhaltlichen Weichenstellungen ist man führend dabei. So die Theorie.

So die Theorie, aber meine Feststellung bleibt, dass die Formalitäten und Berichtspflichten für IT-Führungskräfte einen sehr großen Raum einnehmen. Es gibt ja auch immer mehr ausgefeilte Planungs- und Controllingtools, die zu pflegen sind, und selten stellt jemand die Frage, wozu? Da bleibt wenig Zeit für mehr. Meine Beobachtungen stammen vor allem aus dem Innenleben großer deutscher Telekommunikationsunternehmen.


In einem solchen Betrieb hielten mich nur sehr liebgewordene Kollegen und Kolleginnen. Ansonsten recht bald wilde Flucht oder die Bitte um Projektverantwortung unterhalb dieser Art Führungsebene. Dann blüht ein Techniker doch regelrecht auf, und alle sind glücklich.
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Re: Kein Bock auf Karriere?!

Beitragvon Maltrino » Do 16. Aug 2018, 21:26

frems hat geschrieben:...

Was glaubt Ihr, welche Gründe hier eine Rolle spielen? ...


Es könnte aber auch sein, dass mein Geschreibsel von gestern nicht die (ganze) Wahrheit ist.

Nachdem ich mich heute eine Stunde lang mit jemandem unterhalten habe der um einige jünger ist als ich, vermute ich dass es auch so sein könnte:

Der Rückzug ins Private, und das ist es wenn Familie wichtiger und soziales Engagement unwichtiger werden, könnte Folge einer tiefen Kränkung und Demütigung dieser jüngeren Generationen durch (logischerweise) vor allem die älteren Generationen sein.

In katastrophalen, existenziellen Extremsituationen hat man nicht mehr die Kraft eine ganze Gesellschaft zu retten. Man schafft es nur noch an die paar Menschen im engsten Umfeld zu denken. Wenn ich so darüber nachdenke: Ich selber kenne diese Gefühle. Die Zeiten in meinem Leben, in denen ich mich engagiert habe, wo ich hochmotiviert zu Events gefahren bin wo es darum ging anderen zu helfen oder "Gesellschaft zu formen", das waren die Zeiten in denen es mir psychisch und vor allem physisch (körperlich) gut ging. In Zeiten wo dies nicht der Fall war, in Teils absurd katastrophalen Zeiten hatten sich meine Gedanken extremst ins "enge" zurückgezogen. Plötzlich war nur noch wichtig zumindest noch Familie zu gründen und eine gute Zeit in nem "Haus am See" leben. Das waren die einzigen Ziele die ich in solchen existentiellen, extremsten, katastrophalsten Situationen hatte. Alles andere waren vielleicht Tagträume, aber konnten keine wirklichen Ziele mehr sein. Und: Wenn es jemandem in meinem Alter, oder gar in noch jüngerem Alter, so schlecht geht, dann hat das meist Gründe die außen (nicht bei sich selbst) zu suchen sind. Einem jungen oder "nicht altem" Menschen geht es meistens nicht einfach so von alleine schlecht. Das hat meistens Gründe.

Folgender Artikel (der aber auch einiges durcheinanderbringt) bringt es so auf den Punkt:

https://www.focus.de/panorama/welt/arbe ... 25714.html

Die Chefs, die Angehörigen der Babyboomer Generation sind laut Meinung des Verfassers schuld.

Ich sprach von "fehlender Aggresivität" der jungen Leute. Vielleicht habe ich es falsch gedeutet. Vielleicht ist dies eher fehlende Kraft. Die Demütigungen der älteren Generationen haben zu einem Zustand geführt, in dem diese jungen Leute (obwohl sie jung sein) keine Kraft mehr haben, die es braucht wenn man die Gesellschaft formen oder bewusst "Karriere machen" will. Es bleibt nur noch Kraft für das allerwesentlichste was notwendig ist um die Menschheit zu erhalten: Familie zu gründen und nett und hoffentlich gefahrlos vor sich hin zu leben. Das alles ist die "Schuld" der älteren Generationen. Vielleicht verläuft die Reihe ungefähr so: Die Nazigeneration führte zur Demütigung aller. Sofort nach dem Krieg wurde, im Verdrängen dieser Demütigungen (die Opfer der Nazis waren sogar tot), eine heile Welt gesucht und beschworen. Ein lustiger Heinz Erhardt, der die Familie bespaßt, ist wohl Ausdruck dieser "Idylle" die nach der Katastrophe gesucht wurde. Erst aus so einer "Idylle" heraus, wo wenig Kränkungen stattfanden, konnten die 68er und später die Babyboomer selbstbewusst Forderungen stellen, nicht nur an das eigene Umfeld, sondern an die ganze Gesellschaft. Wenn ich daran denke was wir (die Generation der ca. 1978 bis 1980 geborenen) in der Schule und in der Uni für einen ideologischen Balast sowohl der 68er, als auch der Babyboomer aufgeladen bekamen. Es war unmöglich das alles zu erfüllen, schlicht unmöglich. Die Folge: Man hatte ständig etwas an uns zu kritisieren, weil wir logischerweise nicht voll und ganz der Ideologie der 68er, der Babyboomer und der "deutschen Werte" ganz allgemein entsprechen konnten. Und wenn ich mir jetzt vorstelle, dass die heute 20 jährigen immer noch unter der "Herrschaft der Babyboomer" und ihrer aggresiven aber nicht zeitgemäßen Forderungen aufwachsen, gleichzeitig enttäuscht sind dass von den Menschen "meiner Generation" nichts kommt, obwohl viele jüngeren sich ganz offensichtlich darüber freuen würden, dann ist klar: Diese jungen Leute können nicht den völlig unrealistischen und unzeitgemäßen Anforderungen der aggressiven und zahlenmäßig starken und mächtigen Babyboomer (Chefs) entsprechen, ihnen fehlt aber der Zuspruch anderer Generationen ("meiner Generation") die schon zu geschwächt ist. Wir erleben also, dass die mächtigste Generation der letzten Jahrzehnte, die Babyboomer Generation, die in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Kultur fast alle Schlüsselpositionen besetzt, die nachfolgenden Generationen "zu Tode regiert" hat. Die absolute Dominanz der älteren Generationen, jetzt vor allem dieser Babyboomer Generation, wurde von den auch zahlenmäßig schwächeren nachfolgenden Generationen als ständige Demütigung wahrgenommen. Als Katastrophe, als existenzielle Bedrohung. Die Folge: Siehe Anfang dieses Textes.

PS: Sie auch dort https://www.deutschlandfunk.de/rueckzug ... _id=380783 Der "Rückzug ins Private" wird auch dort nicht unbedingt als "Es geht ihnen zu gut" beschrieben, sondern als Folge der Flucht vor größeren, von außen hereinprasselnden, Problemen. Ob das jetzt unbedingt die genannten Probleme sein müssen, die die Nachrichten beherrschen, sei mal dahingestellt.

So, ich hoffe ich erfahre morgen nicht neues schaudererregendes und muss mich nochmal ergänzen.
Wie ihr seht, habe ich jetzt auch ein Profilbild wo das Portrait eines großen politischen Denkers aus der Vergangenheit abgebildet ist. Damit ist jetzt jede meiner Aussagen wahr und absolut seriös.
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Re: Kein Bock auf Karriere?!

Beitragvon DieBananeGrillt » So 26. Aug 2018, 08:36

Karriere machen ist out, Goldkaufen ist out und Luxusartikel will auch niemand mehr haben.
Das Häuschen im Grünen ist ebenfalls out, eine bezahlbare Stadtwohnung nicht.
Somit macht es auch keinen Sinn sich für seinen Burnout in einer Firma abzurackern, die vielleicht vorher noch den Standort verlegt und man wieder von vorne anfangen muß, ständig irgendwen sonstwo hineinzukriechen.
Wer aber ganz oben ankommt ist arbeitssüchtig geschädigt und hat auch sonst irgendwelche psychische Probleme damit, nicht mehr sich selbst gewesen zu sein und seine Zeit verschwendet zu haben im Leben.
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Re: Kein Bock auf Karriere?!

Beitragvon JJazzGold » So 26. Aug 2018, 08:40

DieBananeGrillt hat geschrieben:(26 Aug 2018, 09:36)

Karriere machen ist out, Goldkaufen ist out und Luxusartikel will auch niemand mehr haben.
Das Häuschen im Grünen ist ebenfalls out, eine bezahlbare Stadtwohnung nicht.
Somit macht es auch keinen Sinn sich für seinen Burnout in einer Firma abzurackern, die vielleicht vorher noch den Standort verlegt und man wieder von vorne anfangen muß, ständig irgendwen sonstwo hineinzukriechen.
Wer aber ganz oben ankommt ist arbeitssüchtig geschädigt und hat auch sonst irgendwelche psychische Probleme damit, nicht mehr sich selbst gewesen zu sein und seine Zeit verschwendet zu haben im Leben.



Nichts davon kann ich aus Erfahrung bestätigen.
Solche Betrachtungsweise scheint mir eher als Entschuldigung herhalten zu müssen, um die fremdfinanzierten Hände in den Schoß legen zu können.
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Re: Kein Bock auf Karriere?!

Beitragvon Gruwe » So 26. Aug 2018, 08:59

JJazzGold hat geschrieben:(26 Aug 2018, 09:40)

Nichts davon kann ich aus Erfahrung bestätigen.
Solche Betrachtungsweise scheint mir eher als Entschuldigung herhalten zu müssen, um die fremdfinanzierten Hände in den Schoß legen zu können.


Warum?
Nur weil es Menschen gibt, für die Geld nicht die einzige Größe im Leben ist, die es wert ist ihr hinterher zu geiern?
Mache ich ähnlich, und viele meiner Bekannten auch. Und wir sind alles studierte Leute mit nettem Job und keineswegs fremdfinanziert!

Aber manche Menschen sind halt offenbar geistig sehr inflexibel. :rolleyes:
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Re: Kein Bock auf Karriere?!

Beitragvon JJazzGold » So 26. Aug 2018, 09:48

Gruwe hat geschrieben:(26 Aug 2018, 09:59)

Warum?
Nur weil es Menschen gibt, für die Geld nicht die einzige Größe im Leben ist, die es wert ist ihr hinterher zu geiern?
Mache ich ähnlich, und viele meiner Bekannten auch. Und wir sind alles studierte Leute mit nettem Job und keineswegs fremdfinanziert!

Aber manche Menschen sind halt offenbar geistig sehr inflexibel. :rolleyes:


Siehe den Text, auf den ich antwortete.

Weder das



“Häuschen im Grünen ist out“,

noch dies

“Somit macht es auch keinen Sinn sich für seinen Burnout in einer Firma abzurackern, die vielleicht vorher noch den Standort verlegt und man wieder von vorne anfangen muß, ständig irgendwen sonstwo hineinzukriechen.“

noch dieses Fazit,

“Wer aber ganz oben ankommt ist arbeitssüchtig geschädigt und hat auch sonst irgendwelche psychische Probleme damit, nicht mehr sich selbst gewesen zu sein und seine Zeit verschwendet zu haben im Leben.“

kann ich aus Erfahrung bestätigen.


Wenn Sie dies ebenso sehen, wie der User, auf den ich antwortete, steht Ihnen das selbstverständlich zu. Ebenso, wie es mir zusteht, aufgrund meiner Erfahrung anderer Meinung zu sein und eine Vermutung zu äussern, auf welchem Aspekt diese “alles Scheiße, Deine Emma“ Haltung beruhen könnte.
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