Führt "Industrie 4.0" zunehmend zur Deglobalisierung?

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immernoch_ratlos
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Re: Führt "Industrie 4.0" zunehmend zur Deglobalisierung?

Beitragvon immernoch_ratlos » Mo 23. Apr 2018, 08:01

Ganz offensichtlich gibt es DIE eine Globalisierung nicht.

Was stattfindet, ist eine Globalisierung auf unterschiedlichen Ebenen. Damit ist es durchaus möglich, dass die Entwicklung der "Industrie 4.0" zunehmend zur Deglobalisierung auf dieser Ebene führt. Wenn die "Notwendigkeit" sich der billiger Arbeitskräfte in den bis dato schlecht entwickelten Staaten "zu bedienen" wegfällt, weil Industrieroboter zunehmend ganze Fabrikationsbereiche vernetzt, eingesetzt werden, lässt man diese Arbeitskräfte doch tatsächlich in globalem Maßstab zurück.

Verlagert man dann noch ganze Fabrikationsbereiche in die Zielländer unter Umgehung des bis dahin unumgänglichen Exports, verändert sich dieser Globalisierungszweig deutlich negativ. Im Land A genügen eine handvoll 3D-Drucker um bestimmte Ersatzteile lokal unter Umgehung der dortigen Arbeitskräfte "OnDemand" herzustellen. Im Land B leistet eine Fabrik der "Industrie 4.0" das Selbe - ebenfalls, bis auf wenige Spezialisten, die "man" dauerhaft dorthin mitbringt - der "Rest" wird über das WEB überwacht und soweit notwendig in geringem Umfang gesteuert.

Diese Form der "verteilten Produktion" kann sich anders, als der klassische Export von Fertigprodukten, auf den lokalen Markt "bedarfsgerecht" etablieren. Dabei werden eventuelle Zölle komplett unterlaufen - bzw. auf die Vorprodukte, die einen geringeren Wert darstellen, verlagert. "Technisch" ist die betreffende Fabrikation ein nationale - inländische Konstruktion, die den "Wirt" auf eine andere Weise, sehr lokal bedient. Die Finanzströme werden dabei sicher weiter "global" bleiben.

Zumindest ein Teil des gigantischen globalen Transportsystems, wird dadurch "deglobalisiert" - kann entfallen.

Wer irgendwo in einem Land (das ökonomisch geeignet ist), eine Produktion der "Industrie 4.0" aufbaut - komplett mit der notwendigen Stromversorgung - aber OHNE den bislang notwendigen Bedarf an teuren Arbeitskräften (die es dort nicht gibt), kann, wenn das Projekt sicherheitstechnisch entsprechend abgesichert ist, gleichgültig wo auch immer, eine 8.700h/a Produktion etablieren.

Längerfristig - wenn diese Methode "global" zur Anwendung kommt, hat dies einen deglobalisierenden Effekt. Das dürfte aber nicht die einzige "Nebenwirkung" bleiben. Die längerfristigen Effekte einer weitgehend von menschlicher Arbeitskraft "befreiten" Produktion, stehen einem wachsenden Anteil der Bevölkerung gegenüber, die sich weiterhin in jeder Hinsicht über Arbeit definieren muss. Es wird dann spannend sein, zu beobachten, ob sich die in "Industrie 4.xx" produzierten Waren noch in gewohnter Quantität absetzen lassen.

Da wohl die bisherigen Staaten der sog. "1. Welt" diese Methoden anwenden und weiterentwickeln werden, sind hier gewiss auch die ersten "Nebeneffekte" zu beobachten. Wenn ich mich recht erinnere schrieb die FAZ am 21.04.2018 : "Armut in Deutschland : Jeder Dritte hat nicht mal 1000 Euro verfügbar" Das betrifft 21,3 Millionen Menschen in D ! Eines der erfolgreichsten Länder derzeit noch. Was wird sich wie verändern, wenn die o.g. "Nebeneffekte" nicht durch fantastische neue Jobs - (die sehr, sehr hochwertig sein müssen - sonst lässt sich das wesentlich "günstiger" mit Maschinen und Algorithmen erledigen) gepuffert wird.

Nun das wird sicher auch auf die Globalisierung durch Fernreisen seine Auswirkungen haben. Ob sich englisch in einer womöglich eher chinesisch dominierten Welt, weiterhin als quasi "Lingua Franca" halten kann :?: Imperien - bislang meist mit englischsprachigem Hintergrund - haben nach Veränderungen auch meist ihre Sprache dominant gemacht. Doch das dürfte noch die geringste Sorge sein...
"Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen." (aus China)

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