Wirtschaftspolitik des Dritten Reiches und Keynes

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Dampflok94
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Wirtschaftspolitik des Dritten Reiches und Keynes

Beitragvon Dampflok94 » Fr 19. Jan 2018, 12:38

Aus einem anderen Strang:
BlueMonday hat geschrieben:(19 Jan 2018, 11:15)

Perfide wäre es, diese unübersehbare Verbindung deart argumentlos wegzuwischen und damit nichts aus der Geschichte lernen zu wollen.

Das Dritte Reich verfolgte praktisch keynesianische Rezepte, diesen unheilvollen Ankurbelungsverschuldungsinterventionismus. Keynes selbst schrieb im dt. Vorwort seiner "General Theory", seinem Hauptwerk, dass seine Theorie am besten in einem "totalitären Staat" adaptiert werden könne. "Hitler found a cure against unemployment before Keynes was finished explaining it." schrieb die Sozialistin Joan Robinson. Hitler hatte damit zeitweise ja scheinbaren Erfolg, wurde bewundert, gerade von den Keynesianern dieser Zeit, die sich in ihren Vorstellungen bestätigt fühlten. Da war einer, der mit eiserner Hand die Wirtschaft in Ketten legte, der die Wirtschaft lenkte in nahezu jedem Aspekt, der endlich handelte und eingriff, der Programme auflegte. Hitler war praktisch der "New Deal" für Deutschland. Aber es war voraussehbar kein nachhaltiger Erfolg, es war nur eine künstlich abgepumpte Blase, die dann im 2. Weltkrieg jäh platzte und einen gewaltigen Schutthaufen hinterließ. In Deutschland lernte man in Gestalt Ludwig Erhards zumindest zeitweise etwas aus dieser Erfahrung.

Natürlich hat Hitler deficit spending betrieben und damit u.a. die Wirtschaft angekurbelt. Funktioniert halt bei schlechter Wirtschaftslage. Aber dennoch bleibt übrig, daß diese Idee von Keynes nicht dafür gedacht war, eine Kriegspolitik zu betreiben. Die grundsätzliche Idee war doch mit schuldenfinanzierter Ausgabenpolitik die Wirtschaft in Schwung zu bringen, um nach erfolgten Aufschwung aus den steigenden Staatseinnahmen die Schulden wieder zu reduzieren. Im Dritten Reich mag es ja noch um den ersten Teil gegangen sein. Um den zweiten Teil garantiert nicht mehr. Die Schulden sollten nämlich ganz andere tilgen, die unterworfenen Völker. Und das mit Keynes in Verbindung zu bringen nenne ich eben perfide.
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H2O
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Re: Wirtschaftspolitik des Dritten Reiches und Keynes

Beitragvon H2O » Fr 19. Jan 2018, 12:46

Dampflok94 hat geschrieben:(19 Jan 2018, 12:38)

Aus einem anderen Strang:

Natürlich hat Hitler deficit spending betrieben und damit u.a. die Wirtschaft angekurbelt. Funktioniert halt bei schlechter Wirtschaftslage. Aber dennoch bleibt übrig, daß diese Idee von Keynes nicht dafür gedacht war, eine Kriegspolitik zu betreiben. Die grundsätzliche Idee war doch mit schuldenfinanzierter Ausgabenpolitik die Wirtschaft in Schwung zu bringen, um nach erfolgten Aufschwung aus den steigenden Staatseinnahmen die Schulden wieder zu reduzieren. Im Dritten Reich mag es ja noch um den ersten Teil gegangen sein. Um den zweiten Teil garantiert nicht mehr. Die Schulden sollten nämlich ganz andere tilgen, die unterworfenen Völker. Und das mit Keynes in Verbindung zu bringen nenne ich eben perfide.


Mit einfachen Worten: Eine Räuberbande hat sich Geld zusammengeliehen in der Absicht, ihre Schulden wohlanständig mit der Beute aus ihren Raubzügen zu begleichen. So etwas kann natürlich auch einmal schief gehen.
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Re: Wirtschaftspolitik des Dritten Reiches und Keynes

Beitragvon 3x schwarzer Kater » Fr 19. Jan 2018, 12:53

Dampflok94 hat geschrieben:(19 Jan 2018, 12:38)

Die grundsätzliche Idee war doch mit schuldenfinanzierter Ausgabenpolitik die Wirtschaft in Schwung zu bringen, um nach erfolgten Aufschwung aus den steigenden Staatseinnahmen die Schulden wieder zu reduzieren. .


korrekt ... oder eben andersrum. Steigende Staatseinnahmen eben als Rücklage für Konjunkturprogramme zu verwenden.
Was letztendlich aber vielfach nicht so gesehen wird. Leider muss Keynes oft eben als Begründung für immerwährende Staatsverschuldung herhalten.
„Es wurde schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem.“ (Karl Valentin)
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Re: Wirtschaftspolitik des Dritten Reiches und Keynes

Beitragvon Quatschki » Fr 19. Jan 2018, 13:41

Bis 1939 war sämtliche Neuverschuldung Inlandsverschuldung.
(Man hatte ja die Zahlung der Altschulden aus dem 1.Weltkrieg eingestellt und bekam international keinen Kredit)
Die Leute bekamen höhere Löhne, wurden zum Sparen ermuntert und das Geld wurde vom Staat für seine Investitionen genutzt.
Man darf aber auch nicht die veränderte Arbeitskultur unterschätzen, den soziale Druck, sich als "guter Volksgenosse" einzubringen, und das förmliche Verbot aber auch die gesellschaftliche Ächtung von Streiks und Arbeitsbummelei.
Deutschland hatte ein paar Jahre lang chinesische Wachstumsraten und konnte den Aufbau der Wehrmacht zunächst aus dem Wachstum bezahlen.
1938/39 kam der Anschluß von Österreich und der Tschechei und damit sehr hohe Investitionskosten. Zudem wurde die Aufrüstung und die Investitionen in Wirtschaftszweige, die der Autarkie dienten (wie Hydrierwerke), aber per sé unwirtschaftlich waren, nochmals intensiviert.
Damit begann erst die Überschuldung, die man aber als "Verschuldung bei den eigenen Bürgern" über die Preis- und Lohnpolitik auch hätte weginflationieren können. Es gab ja keinen freien Waren- und Kapitalverkehr.
Ab 1939 war dann Kriegswirtschaft, die man sowieso nicht mit normalen Maßstäben bewerten kann, weder in Deutschland, noch in England oder in der Sowjetunion.
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Re: Wirtschaftspolitik des Dritten Reiches und Keynes

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 19. Jan 2018, 13:46

Ich hab' den Wert solcher Pauschalurteile zu (zum Beispiel "Erhöhung der Staatsausgaben an sich") mal (sinngemäß) so erklärt bekommen: Jede medizinische Therapie ist dann und nur dann! hilfreich, wenn sie zur richtigen Diagnose passt. Wenn ich jemandem mit sehr niedrigem Blutdruck versehentlich einen Blutdrucksenker verschreibe, kanns passieren, dass er eine in anderem Zusammenhang gute und nützlicbhe Therapie nicht überlebt.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt

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