Freiwillig befristet?

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Konkordanz
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Freiwillig befristet?

Beitragvon Konkordanz » Di 5. Sep 2017, 09:42

Hallo.

Neulich habe ich eine (wiss.) Mitarbeiterbefragung durchgeführt und stellte unter anderem die Fragen, ob der/die Befragte a) aktuell befristet angestellt ist und b), ob er/sie mit diesem Status zufrieden ist. Erstaunlicherweise sind fast 60 Prozent von allen Befristeten zufrieden damit. Angenommen, das Ergebnis entspringt keinem methodischen Fehler: Womit erklärt ihr euch das? Welche Vorteile hat denn eine Befristung für einen Beschäftigten?
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MoOderSo
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Re: Freiwillig befristet?

Beitragvon MoOderSo » Di 5. Sep 2017, 13:11

In einer guten wirtschaftlichen Situation wie jetzt, hat gutes Personal wenig Angst vor Jobverlust. Die Angst liegt viel mehr beim Unternehmen gute Mitarbeiter zu verlieren. Da liegt der psychologische Vorteil beim Arbeitnehmer. Und wenn man den geschickt ausspielt, verdient man mit befristeten Verträgen mehr Geld als die fest angestellten Kollegen.
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Re: Freiwillig befristet?

Beitragvon Orwellhatterecht » Di 5. Sep 2017, 13:27

Konkordanz hat geschrieben:(05 Sep 2017, 10:42)

Hallo.

Neulich habe ich eine (wiss.) Mitarbeiterbefragung durchgeführt und stellte unter anderem die Fragen, ob der/die Befragte a) aktuell befristet angestellt ist und b), ob er/sie mit diesem Status zufrieden ist. Erstaunlicherweise sind fast 60 Prozent von allen Befristeten zufrieden damit. Angenommen, das Ergebnis entspringt keinem methodischen Fehler: Womit erklärt ihr euch das? Welche Vorteile hat denn eine Befristung für einen Beschäftigten?



Insbesondere sind viele dann zufrieden damit, wenn sie interviewt werden und der Chef hört gerade mit. So musste ich denn vor einiger Zeit doch sehr schmunzeln, in der hiesigen Presse wurde darüber berichtet, dass ein hier ansässiges, grosses Unternehmen von einer "Heuschrecke" aufgekauft worden war und den Mitarbeitern den Kaufpreis aufgedrückt wurde, was sie mit einer 8 %igen Gehaltskürzung
beisteuern mussten. Das Interview wurde In Anwesenheit der neuen Eigner geführt und alles war "Friede, Freude, Eierkuchen...". Vielleicht hätte gar der ein oder andere sogar umsonst gearbeitet oder noch Geld mit gebracht, so kann man Mitarbeiter auch suggestiv beeinflussen. Anders allerdings sieht es dagegen aus, wenn ein(e) Mitarbeiter/in jung und befristet eingestellt worden ist und zwecks Einrichtung eines eigenen Hausstandes möglicherweise fremde Mittel benötigt. Dann heisst es eiskalt "nicht kredidwürdig"! Aber für Menschen, die es gewohnt sind, voraus eilenden Gehorsam zu leisten, ist auch das kein Hindernis, anstelle von hochwertigen Möbeln gibt es ja auch die altbewährten Apfelsinen Kisten, neuerdings werden ja auch aus Paletten Sitzmöbel und Tische gefertigt, da freut sich die Seele.
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Re: Freiwillig befristet?

Beitragvon Orwellhatterecht » Di 5. Sep 2017, 13:28

MoOderSo hat geschrieben:(05 Sep 2017, 14:11)

In einer guten wirtschaftlichen Situation wie jetzt, hat gutes Personal wenig Angst vor Jobverlust. Die Angst liegt viel mehr beim Unternehmen gute Mitarbeiter zu verlieren. Da liegt der psychologische Vorteil beim Arbeitnehmer. Und wenn man den geschickt ausspielt, verdient man mit befristeten Verträgen mehr Geld als die fest angestellten Kollegen.



Die Befristung veranlasst der Chef natürlich aus reinster Menschenfreundlichkeit, er leidet mit seinen Mitarbeitern, denen er es nicht zumuten mag, sich allzulange an seinen Betrieb zu binden. So kann man sich auch die fieseste Situation schön reden...
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Re: Freiwillig befristet?

Beitragvon Konkordanz » Di 5. Sep 2017, 13:44

MoOderSo hat geschrieben:In einer guten wirtschaftlichen Situation wie jetzt, hat gutes Personal wenig Angst vor Jobverlust. Die Angst liegt viel mehr beim Unternehmen gute Mitarbeiter zu verlieren. Da liegt der psychologische Vorteil beim Arbeitnehmer. Und wenn man den geschickt ausspielt, verdient man mit befristeten Verträgen mehr Geld als die fest angestellten Kollegen.


Zugegeben, der Arbeitsmarkt mag befriedigender sein als in Spanien oder Griechenland. So gut, wie du es aber umschreibst, ist sie nicht. Die Abnahme der Arbeitslosigkeit liegt letztlich vor allem in der Zunahme von Teilzeit und prekären Arbeitsverhältnissen begründet. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist nach wie vor riesig, pro freie Arbeitsstelle kommt ein X-faches an potentiellen Arbeitskräften. Aber gut, das ist ein anderes Thema. Jedenfalls denke ich nicht, dass der hohe Anteil an zufriedenen Befristeten auf einen angeblich so guten Arbeitsmarkt zurückzuführen ist. Das glaube ich schon allein deshalb nicht, weil in der selben Umfrage rund 83 Prozent der Leute meinen, dass es immer schwerer wird, eine Arbeit zu finden, von der man gut leben kann (ablehnende Haltung hatten nur rund 5 %).

Orwellhatterecht hat geschrieben:

Insbesondere sind viele dann zufrieden damit, wenn sie interviewt werden und der Chef hört gerade mit. So musste ich denn vor einiger Zeit doch sehr schmunzeln, in der hiesigen Presse wurde darüber berichtet, dass ein hier ansässiges, grosses Unternehmen von einer "Heuschrecke" aufgekauft worden war und den Mitarbeitern den Kaufpreis aufgedrückt wurde, was sie mit einer 8 %igen Gehaltskürzung
beisteuern mussten. Das Interview wurde In Anwesenheit der neuen Eigner geführt und alles war "Friede, Freude, Eierkuchen...". Vielleicht hätte gar der ein oder andere sogar umsonst gearbeitet oder noch Geld mit gebracht, so kann man Mitarbeiter auch suggestiv beeinflussen. Anders allerdings sieht es dagegen aus, wenn ein(e) Mitarbeiter/in jung und befristet eingestellt worden ist und zwecks Einrichtung eines eigenen Hausstandes möglicherweise fremde Mittel benötigt. Dann heisst es eiskalt "nicht kredidwürdig"! Aber für Menschen, die es gewohnt sind, voraus eilenden Gehorsam zu leisten, ist auch das kein Hindernis, anstelle von hochwertigen Möbeln gibt es ja auch die altbewährten Apfelsinen Kisten, neuerdings werden ja auch aus Paletten Sitzmöbel und Tische gefertigt, da freut sich die Seele.


Ich glaube nicht, dass die soziale Erwünschtheit zu dem Ergebnis führt. Der Chef hört bei einer quantitativ durchgeführten Umfrage ja nicht zu und auch konnte er bei der Fragenerstellung und Durchführung kaum etwas beeinflussen. Auch auf die Ergebnisinterpretation hat er keinen Einfluss und ich selbst bin nicht einmal Teil des Unternehmens.
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Re: Freiwillig befristet?

Beitragvon Boracay » Di 5. Sep 2017, 14:46

Die reichsten Staaten Europas habe allesamt keinen Kündigungsschutz:

1. Luxemburg: Kein Kündigungsschutz
2. Schweiz: kein Kündigungssschutz
3. Dänemark: Kein Kündigungsschutz
4. Irland: Kein Kündigungsschutz
5. UK: Kündigungsschutz erst nach 2 Jahren und dann auch nur sehr gering

Sprich: Da sind alle Mitarbeiter befristet und trotzdem sind die Leute wohl nicht so unglücklich.
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Re: Freiwillig befristet?

Beitragvon Konkordanz » Di 5. Sep 2017, 14:48

Boracay hat geschrieben:(05 Sep 2017, 15:46)

Die reichsten Staaten Europas habe allesamt keinen Kündigungsschutz:

1. Luxemburg: Kein Kündigungsschutz
2. Schweiz: kein Kündigungssschutz
3. Dänemark: Kein Kündigungsschutz
4. Irland: Kein Kündigungsschutz
5. UK: Kündigungsschutz erst nach 2 Jahren und dann auch nur sehr gering

Sprich: Da sind alle Mitarbeiter befristet und trotzdem sind die Leute wohl nicht so unglücklich.


Es geht hier ja nicht um "Glück" oder "Zufriedenheit" im Allgemeinen, sondern, ob die Befragten mit ihrer Befristung zufrieden sind. Und ich sehe in einer Befristung kaum Vorteile für Arbeitnehmer...
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Re: Freiwillig befristet?

Beitragvon relativ » Di 5. Sep 2017, 14:51

Konkordanz hat geschrieben:(05 Sep 2017, 15:48)

Es geht hier ja nicht um "Glück" oder "Zufriedenheit" im Allgemeinen, sondern, ob die Befragten mit ihrer Befristung zufrieden sind. Und ich sehe in einer Befristung kaum Vorteile für Arbeitnehmer...

Kommt wohl sehr darauf an, wie gefragt das Berufsbild des Arbeitnehmers auf dem Arbeitsmarkt gerade ist. Daher müsstes du evtl. konkretisieren, welche Berufsgruppen du in deinem Betrieb hast, damit man sich ein besseres Bild davon machen kann.
Das Banale braucht man nicht zu schälen.
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Re: Freiwillig befristet?

Beitragvon jack000 » Di 5. Sep 2017, 15:01

Konkordanz hat geschrieben:(05 Sep 2017, 10:42)Welche Vorteile hat denn eine Befristung für einen Beschäftigten?

Falls einem der Job nicht so gut gefällt weiß man wie lange man es noch aushalten muss und man bekommt sofort ALG1 (Im Gegensatz zu einer eigenen Kündigung, die eine Sperre nach sich zieht)
Es wird sogar nicht mehr im PF geleugnet: "Ja die Gewalt gegen Frauen hat bedingt durch Zuwanderung zugenommen, und jetzt?"
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Re: Freiwillig befristet?

Beitragvon think twice » Di 5. Sep 2017, 15:03

Ich kenne niemanden, der mit seinem befristeten Vertrag zufrieden ist. Ausser die vielleicht, die sowieso vorhaben, sich nach einer bestimmten Zeit zu verändern oder sich weiter bilden wollen.
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Re: Freiwillig befristet?

Beitragvon Konkordanz » Di 5. Sep 2017, 15:38

relativ hat geschrieben:(05 Sep 2017, 15:51)

Kommt wohl sehr darauf an, wie gefragt das Berufsbild des Arbeitnehmers auf dem Arbeitsmarkt gerade ist. Daher müsstes du evtl. konkretisieren, welche Berufsgruppen du in deinem Betrieb hast, damit man sich ein besseres Bild davon machen kann.


Das Berufsbild ist in der Tat eines mit gesellschaftlich relativ geringer Anerkennung - Gebäudereinigung. Von 58,1 Prozent der Befragten wird angegeben, dass sie mit dem Beruf "allgemein zufrieden" sind (sehr zufrieden oder zufrieden).

jack000 hat geschrieben:Falls einem der Job nicht so gut gefällt weiß man wie lange man es noch aushalten muss und man bekommt sofort ALG1 (Im Gegensatz zu einer eigenen Kündigung, die eine Sperre nach sich zieht)


Ja, daran habe ich auch schon gedacht. Aber das hieße ja, dass sich von mehreren hundert Befragten 60 Prozent nur durch den Job hangeln, um endlich wieder aufs Amt zu können. Die Interpretation halte ich zumindest in dem Ausmaß für gewagt. Da muss es doch noch andere Gründe geben...

think twice hat geschrieben:Ich kenne niemanden, der mit seinem befristeten Vertrag zufrieden ist. Ausser die vielleicht, die sowieso vorhaben, sich nach einer bestimmten Zeit zu verändern oder sich weiter bilden wollen.


Ja, mir geht es genauso. Das ist der Grund meiner Frage :)
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Re: Freiwillig befristet?

Beitragvon Orwellhatterecht » Di 5. Sep 2017, 15:45

Konkordanz hat geschrieben:(05 Sep 2017, 14:44)

Zugegeben, der Arbeitsmarkt mag befriedigender sein als in Spanien oder Griechenland. So gut, wie du es aber umschreibst, ist sie nicht. Die Abnahme der Arbeitslosigkeit liegt letztlich vor allem in der Zunahme von Teilzeit und prekären Arbeitsverhältnissen begründet. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist nach wie vor riesig, pro freie Arbeitsstelle kommt ein X-faches an potentiellen Arbeitskräften. Aber gut, das ist ein anderes Thema. Jedenfalls denke ich nicht, dass der hohe Anteil an zufriedenen Befristeten auf einen angeblich so guten Arbeitsmarkt zurückzuführen ist. Das glaube ich schon allein deshalb nicht, weil in der selben Umfrage rund 83 Prozent der Leute meinen, dass es immer schwerer wird, eine Arbeit zu finden, von der man gut leben kann (ablehnende Haltung hatten nur rund 5 %).



Ich glaube nicht, dass die soziale Erwünschtheit zu dem Ergebnis führt. Der Chef hört bei einer quantitativ durchgeführten Umfrage ja nicht zu und auch konnte er bei der Fragenerstellung und Durchführung kaum etwas beeinflussen. Auch auf die Ergebnisinterpretation hat er keinen Einfluss und ich selbst bin nicht einmal Teil des Unternehmens.



Es stand ausdrücklich in der Zeitung, dass die Geschäftsleitung zugegen war, als die Befragung stattfand.
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Re: Freiwillig befristet?

Beitragvon Konkordanz » Di 5. Sep 2017, 15:50

Orwellhatterecht hat geschrieben:(05 Sep 2017, 16:45)

Es stand ausdrücklich in der Zeitung, dass die Geschäftsleitung zugegen war, als die Befragung stattfand.


Mag sein, dass das bei deiner zitierten Befragung der Fall war. Hier geht es ja aber um jene, die ich durchgeführt habe ;)
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Re: Freiwillig befristet?

Beitragvon Boracay » Di 5. Sep 2017, 16:54

Konkordanz hat geschrieben:(05 Sep 2017, 10:42)

Hallo.

Neulich habe ich eine (wiss.) Mitarbeiterbefragung durchgeführt und stellte unter anderem die Fragen, ob der/die Befragte a) aktuell befristet angestellt ist und b), ob er/sie mit diesem Status zufrieden ist. Erstaunlicherweise sind fast 60 Prozent von allen Befristeten zufrieden damit. Angenommen, das Ergebnis entspringt keinem methodischen Fehler: Womit erklärt ihr euch das? Welche Vorteile hat denn eine Befristung für einen Beschäftigten?


Generell wäre es denkbar dass es sich um eine Branche handelt in der Befristungen üblich sind und die AN sich dann mit den direkten Kollegen vergleichen.

In Dänemark ist die Job Zufriedenheit ja auch nicht niedriger obwohl defakto jeder befristet ist (noch nicht mal mit Kündigungsfrist und sehr geringem ALG1). Das hat dann einfach weniger Einfluss auf die Zufriedenheit.
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Re: Freiwillig befristet?

Beitragvon think twice » Di 5. Sep 2017, 17:00

Konkordanz hat geschrieben:(05 Sep 2017, 16:38)

Das Berufsbild ist in der Tat eines mit gesellschaftlich relativ geringer Anerkennung - Gebäudereinigung. Von 58,1 Prozent der Befragten wird angegeben, dass sie mit dem Beruf "allgemein zufrieden" sind (sehr zufrieden oder zufrieden).


Sind sie nun mit ihrem Beruf oder befristeten Vertrag zufrieden?
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Re: Freiwillig befristet?

Beitragvon jack000 » Di 5. Sep 2017, 18:42

Konkordanz hat geschrieben:(05 Sep 2017, 16:38)
Ja, daran habe ich auch schon gedacht. Aber das hieße ja, dass sich von mehreren hundert Befragten 60 Prozent nur durch den Job hangeln, um endlich wieder aufs Amt zu können. Die Interpretation halte ich zumindest in dem Ausmaß für gewagt. Da muss es doch noch andere Gründe geben...

Es wäre die einzige Erklärung. Eine andere höchstens noch, das ein Interesse besteht nicht bis zur Rente in ein und den selben Job zu arbeiten und das es deswegen den Betroffenen egal ist.
Ansonsten sind Befristungen nicht freiwillig.
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Re: Freiwillig befristet?

Beitragvon Adam Smith » Di 5. Sep 2017, 18:59

Konkordanz hat geschrieben:(05 Sep 2017, 10:42)

Hallo.

Neulich habe ich eine (wiss.) Mitarbeiterbefragung durchgeführt und stellte unter anderem die Fragen, ob der/die Befragte a) aktuell befristet angestellt ist und b), ob er/sie mit diesem Status zufrieden ist. Erstaunlicherweise sind fast 60 Prozent von allen Befristeten zufrieden damit. Angenommen, das Ergebnis entspringt keinem methodischen Fehler: Womit erklärt ihr euch das? Welche Vorteile hat denn eine Befristung für einen Beschäftigten?


Vielleicht sollte man die Frage anders stellen. Die Frage müsste lauten: "Wären sie mit einem unbefristeten Job zufriedener?". Ansonsten könnte es sein, dass die Arbeitnehmer einfach zufrieden sind, überhaupt einen Job zu haben.

Hamburg, 12. Juni 2017 - Für die jungen Erwachsenen in Deutschland haben die berufliche Laufbahn und Sicherheit im Job oberste Priorität bei ihrer Lebensplanung. Fast drei Viertel der 18- bis 35-Jährigen (72 Prozent) ist die eigene Karriere und für noch deutlich mehr ein sicherer Arbeitsplatz (86 Prozent) wichtig oder sehr wichtig.

Eine untergeordnete Rolle bei der Arbeit spielen für die jungen Erwachsenen dagegen Motive wie Spaß oder Selbstverwirklichung. Dass für die Mehrheit der NEON-Umfrage-Teilnehmer Sicherheit wichtiger ist als Leidenschaft, zeigt auch ein anderes Ergebnis: 56 Prozent wären nicht dazu bereit, ihren festen Job für eine spannendere, dafür aber befristete Stelle aufzugeben


http://www.presseportal.de/pm/53006/3657533

In einer Studie des Meinungsforschungsinstituts forsa vom Januar 2016, die im Auftrag des Onlinebusinessnetzwerks Xing erstellt wurde, gaben 35 Prozent der befragten Arbeitnehmer an, noch im gleichen Jahr den Job wechseln zu wollen. Laut einer Statistik des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung wechseln pro Jahr aber nur 3,4 Prozent der Beschäftigten.


http://www.zeit.de/karriere/bewerbung/2 ... ettansicht
Pro&Contra

Re: Freiwillig befristet?

Beitragvon Pro&Contra » Di 5. Sep 2017, 19:10

Lieber einen befristeten Job als gar keinen Job denken sich diese Menschen wohl größtenteils. Hätten sie die Wahl würden sie wohl einen unbefristeten Vertrag vorziehen. Als ich vor 15 Jahren neu in der Firma, in der ich jetzt arbeite, angefangen habe, war ich über den befristeten Vertrag auch froh. Über den unbefristeten Vertrag 2 Jahre später aber noch mehr.

In einigen Monaten werde ich aber die Arbeitsstelle wechseln. Unbefristet natürlich.
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Re: Freiwillig befristet?

Beitragvon frems » Di 5. Sep 2017, 19:59

Konkordanz hat geschrieben:(05 Sep 2017, 10:42)

Hallo.

Neulich habe ich eine (wiss.) Mitarbeiterbefragung durchgeführt und stellte unter anderem die Fragen, ob der/die Befragte a) aktuell befristet angestellt ist und b), ob er/sie mit diesem Status zufrieden ist. Erstaunlicherweise sind fast 60 Prozent von allen Befristeten zufrieden damit. Angenommen, das Ergebnis entspringt keinem methodischen Fehler: Womit erklärt ihr euch das? Welche Vorteile hat denn eine Befristung für einen Beschäftigten?

Ich fände detailliertere Angaben etwas hilfreicher. Vielleicht waren die Personen ja vorher erwerbslos und sind nun zufrieden, überhaupt etwas zu haben. Vielleicht sind sie einfach mit ihrer Tätigkeit zufrieden. Sind sie "eher", "sehr" oder "voll" zufrieden? Und was für ein Betrieb ist es? Im Hochschulbereich resultieren viele befristete Arbeitsverhältnisse aus begonnenen Promotionen. Da kann ich schon verstehen, wenn ein Doktorand zufrieden ist, promoviert zu werden, auch wenn er bei Beginn seiner Dissertation nicht gleich eine unbefristete Stelle an der Universität erhielt, sondern es erstmal nur bis zur Fertigstellung seiner Doktorarbeit befristet ist.

Ich selbst hatte auch mal eine unbefristete Stelle, die ich kündigte, weil sich eine projektbezogene, interessantere Arbeitsmöglichkeit ergab, deren Ende von Anfang an feststand. So eine seltene Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen, obwohl ich über den vorigen Job nicht meckern konnte. Mit dem Wechsel war ich auch ziemlich zufrieden und konnte gut damit leben, dass es irgendwann abgeschlossen sein wird. Gut, am Ende bot man mir noch eine unbefristete Stelle im Betrieb für die Leitung weiterer Projekte an, aber die klangen erstmal nicht so spannend (Standardkrams halt) und ich hatte mir vor Ablauf des Vertrags schon eine andere (unbefristete) Stelle besorgt, die aufregender klang und auch viel Spaß macht(e). Dass jeder Wechsel nochmal mit einer ordentlichen Gehaltssteigerung einherging, machte die Sache auch nicht schlechter. Zufrieden war ich bei allen Tätigkeiten und hätte es im Nachhinein wieder genau so gemacht.

Ansonsten seh ich nicht den konkreten Vorteil, befristet statt unbefristet zu sein; außer man hat eh andere Ziele (z.B. Wechsel des Wohnorts/Landes) und kein unbefristetes Arbeitsverhältnis, was einen noch manch Zweifel in den Weg legen könnte, ob der Schritt der richtige ist. Damit tun sich ja manchmal Beamte schwer, die gerne nochmal etwas anderes im Leben machen würden und dies möglicherweise eine deutlich geringere Pension/Rente bedeutet. Ich glaube aber, dass das eher selten der Fall ist. :?
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Senexx
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Geplantes Prekariat

Beitragvon Senexx » Mi 6. Sep 2017, 18:26

Angeblich waren im letzten Jahr 40% der Neueinstellungen befristet.

http://www.focus.de/finanzen/news/arbei ... 62099.html

Immer mehr gehen Arbeitgeber dazu über, nur noch befristet einzustellen. Ist das normal? Muss man diese Entwicklung hinnehmen? Was bedeutet das für die gesellschaftliche Stabilität?
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Zusatzhinweis: Trollbeiträge und ad-personam und Spam werden von mir ignoriert.

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