Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

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Raskolnikof
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Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon Raskolnikof » Mi 15. Mär 2017, 09:58

Alles wird teurer! Zu dieser Erkenntnis ist wahrscheinlich auch der allerletzte Verbraucher gelangt. Dies ist seit Einführung der D-Mark und des Euros so, wahrscheinlich aber war das schon zu Zeiten des Tauschhandels so.
Was mir dabei aber aufgefallen ist, dass es im Bereich Lebensmittel solche gibt, die im Preis über Jahrzehnte recht stabil geblieben sind wie z.B. Butter und solche, wo die Preise geradezu explodiert sind. Von letzteren hier einmal zwei exemplarisch:

Speiseeis beim Italiener oder einer deutschen Eisbude: Als Kind habe ich bis etwa 1960 für eine Kugel Eis 10 Pfennig = 5 Cent bezahlt. Heute kostet die Kugel Eis bei uns 1 Euro. Das entspricht einer Preissteigerung von 2000 Prozent! Oder anders: Wenn bei einer vierköpfigen Familie heute jeder eine Waffel mit jeweils vier Kugel Eis kauft hätte diese für den Transport früher einen großen Eimer mitnehmen müssen. Für das Geld hätte es 320 Kugeln Eis gegeben!

Ein anderes Beispiel sind Brötchen. Als Kind war es meine Aufgabe, samstags (und nur samstags) nebenan beim Bäcker Brötchen zu holen. Die Auswahl an Brötchen, die uns heute geboten wird gab es damals noch nicht. Es gab nur „normale“ und Mohnbrötchen. Seltsamerweise war der Preis gleich, nämlich 5 Pfennig = 2,5 Cent. Und heute? Das normale Brötchen kostet heute beim Bäcker zwischen 36 und 40 Cent, das Mohnbrötchen 60 Cent. Preissteigerung: zwischen 1400 und 2400 Prozent! Und dies, obwohl bei den großen Bäckereibetrieben mit Filialen der Herstellungsprozess von Brötchen bzw. Rohlingen, die täglich zu den Filialbetrieben gefahren und da aufgebacken werden fast vollautomatisch abläuft. Früher war das noch schwere Handarbeit, Nacht für Nacht.

Die Frage die ich mir da stelle: Werden wir Verbraucher da nicht über den Tisch gezogen? Sind diese Preissteigerungen nicht nur ungerecht sondern als organisierter und abgesprochener Wucher zu bezeichnen? Zum Vergleich: Laut dem Statistischem Bundesamt verdiente ein männlicher Arbeitnehmer Anfang der 60er-Jahre im Durchschnitt 590 DM (ca. 302 EUR) Brutto. Steht das im Verhältnis zu den heutigen Preisen von Speiseeis und Brötchchen? Nein, denn dann müsste der Arbeitnehmer mit Durchschnittsverdienst von Anfang der 1960er Jahre heute über 6000 Euro verdienen. Tut er das?

Ich habe mich mit meinem Bäcker darüber unterhalten. Er war da ganz ehrlich zu mir. Seine Antwort (aus dem Gedächtnis): „Wir müssen alle sehen wo wir bleiben. Heute wird der Preis an einer Ware längst nicht mehr daran bemessen, was diese in der Herstellung kostet sondern daran, was der Kunde bereit ist dafür zu bezahlen. Da spielt auch die Qualität kaum eine Rolle. An den Rohmaterialien (Mehl, Hefe, Wasser und gewisse Zutaten, die man vor 50 Jahren in keinem Brötchen fand) kann ein Bäcker kaum etwas sparen. Eine direkte Preisabsprache zwischen den Bäckereien erfolge nicht. Das läuft „im Stillen“ ab. Erhöht der Mitbewerber vor Ort den Brötchenpreis zieht der nächste schnell nach. So wird sich an die Schmerzgrenze des Verbrauchers langsam herangetastet. Der tatsächliche Wert einer Ware (hier Brötchen) hat nichts mit dem Verkaufspreis gemein."

Aha. Mit anderen Worten: Der Verbraucher lässt sich vom Bäcker und sicher auch von anderen Geschäftsleuten am Nasenring herumführen.
Mist, dass auch ich nicht auf das frische Bäckerbrötchen (nicht das von Aldi, Lidl und Co.) oder das Eis vom Italiener verzichten kann. Hab da auch den Nasenring…
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Dampflok94
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Re: Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon Dampflok94 » Mi 15. Mär 2017, 10:20

Raskolnikof hat geschrieben:(15 Mar 2017, 09:58)Ich habe mich mit meinem Bäcker darüber unterhalten. Er war da ganz ehrlich zu mir. Seine Antwort (aus dem Gedächtnis): „Wir müssen alle sehen wo wir bleiben. Heute wird der Preis an einer Ware längst nicht mehr daran bemessen, was diese in der Herstellung kostet sondern daran, was der Kunde bereit ist dafür zu bezahlen.

Das war noch nie anders in einer Marktwirtschaft. Niemand verkauft eine Ware mit Gestehungskosten + meinetwegen 5%, wenn er auch 10, 20 oder 50% mehr nehmen kann. So funktioniert das.

Normalerweise sollte das in einer Marktwirtschaft durch Konkurrenz ausgeglichen werden. Da man sich dann gegenseitig die Preise runter konkurriert. So jedenfalls in der Theorie.
Leute kauft mehr Dampflokomotiven!!!
Orwellhatterecht
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Re: Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon Orwellhatterecht » Mi 15. Mär 2017, 10:27

Raskolnikof hat geschrieben:(15 Mar 2017, 09:58)

Alles wird teurer! Zu dieser Erkenntnis ist wahrscheinlich auch der allerletzte Verbraucher gelangt. Dies ist seit Einführung der D-Mark und des Euros so, wahrscheinlich aber war das schon zu Zeiten des Tauschhandels so.
Was mir dabei aber aufgefallen ist, dass es im Bereich Lebensmittel solche gibt, die im Preis über Jahrzehnte recht stabil geblieben sind wie z.B. Butter und solche, wo die Preise geradezu explodiert sind. Von letzteren hier einmal zwei exemplarisch:

Speiseeis beim Italiener oder einer deutschen Eisbude: Als Kind habe ich bis etwa 1960 für eine Kugel Eis 10 Pfennig = 5 Cent bezahlt. Heute kostet die Kugel Eis bei uns 1 Euro. Das entspricht einer Preissteigerung von 2000 Prozent! Oder anders: Wenn bei einer vierköpfigen Familie heute jeder eine Waffel mit jeweils vier Kugel Eis kauft hätte diese für den Transport früher einen großen Eimer mitnehmen müssen. Für das Geld hätte es 320 Kugeln Eis gegeben!

Ein anderes Beispiel sind Brötchen. Als Kind war es meine Aufgabe, samstags (und nur samstags) nebenan beim Bäcker Brötchen zu holen. Die Auswahl an Brötchen, die uns heute geboten wird gab es damals noch nicht. Es gab nur „normale“ und Mohnbrötchen. Seltsamerweise war der Preis gleich, nämlich 5 Pfennig = 2,5 Cent. Und heute? Das normale Brötchen kostet heute beim Bäcker zwischen 36 und 40 Cent, das Mohnbrötchen 60 Cent. Preissteigerung: zwischen 1400 und 2400 Prozent! Und dies, obwohl bei den großen Bäckereibetrieben mit Filialen der Herstellungsprozess von Brötchen bzw. Rohlingen, die täglich zu den Filialbetrieben gefahren und da aufgebacken werden fast vollautomatisch abläuft. Früher war das noch schwere Handarbeit, Nacht für Nacht.

Die Frage die ich mir da stelle: Werden wir Verbraucher da nicht über den Tisch gezogen? Sind diese Preissteigerungen nicht nur ungerecht sondern als organisierter und abgesprochener Wucher zu bezeichnen? Zum Vergleich: Laut dem Statistischem Bundesamt verdiente ein männlicher Arbeitnehmer Anfang der 60er-Jahre im Durchschnitt 590 DM (ca. 302 EUR) Brutto. Steht das im Verhältnis zu den heutigen Preisen von Speiseeis und Brötchchen? Nein, denn dann müsste der Arbeitnehmer mit Durchschnittsverdienst von Anfang der 1960er Jahre heute über 6000 Euro verdienen. Tut er das?

Ich habe mich mit meinem Bäcker darüber unterhalten. Er war da ganz ehrlich zu mir. Seine Antwort (aus dem Gedächtnis): „Wir müssen alle sehen wo wir bleiben. Heute wird der Preis an einer Ware längst nicht mehr daran bemessen, was diese in der Herstellung kostet sondern daran, was der Kunde bereit ist dafür zu bezahlen. Da spielt auch die Qualität kaum eine Rolle. An den Rohmaterialien (Mehl, Hefe, Wasser und gewisse Zutaten, die man vor 50 Jahren in keinem Brötchen fand) kann ein Bäcker kaum etwas sparen. Eine direkte Preisabsprache zwischen den Bäckereien erfolge nicht. Das läuft „im Stillen“ ab. Erhöht der Mitbewerber vor Ort den Brötchenpreis zieht der nächste schnell nach. So wird sich an die Schmerzgrenze des Verbrauchers langsam herangetastet. Der tatsächliche Wert einer Ware (hier Brötchen) hat nichts mit dem Verkaufspreis gemein."

Aha. Mit anderen Worten: Der Verbraucher lässt sich vom Bäcker und sicher auch von anderen Geschäftsleuten am Nasenring herumführen.
Mist, dass auch ich nicht auf das frische Bäckerbrötchen (nicht das von Aldi, Lidl und Co.) oder das Eis vom Italiener verzichten kann. Hab da auch den Nasenring…



Neue Erkenntnisse? Es wurde schon immer der Preis für eine Ware genommen, den der Kunde gerade noch bereit war, zu zahlen. Am allerbesten lässt sich das an aktuell modischen Artikeln verfolgen, was gerade "in" ist, muß nicht unbedingt qualitativ besonders hoch sein, auf jeden Fall aber ist es der Preis!
Politiker sind wie Tauben, sind sie unten, dann fressen sie einem aus der Hand, sind sie dagegen oben, dann sch...en sie einem auf den Kopf.
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Billabong
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Re: Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon Billabong » Mi 15. Mär 2017, 10:35

Raskolnikof hat geschrieben:(15 Mar 2017, 09:58)

Speiseeis beim Italiener oder einer deutschen Eisbude: Als Kind habe ich bis etwa 1960 für eine Kugel Eis 10 Pfennig = 5 Cent bezahlt. Heute kostet die Kugel Eis bei uns 1 Euro. Das entspricht einer Preissteigerung von 2000 Prozent! Oder anders: Wenn bei einer vierköpfigen Familie heute jeder eine Waffel mit jeweils vier Kugel Eis kauft hätte diese für den Transport früher einen großen Eimer mitnehmen müssen. Für das Geld hätte es 320 Kugeln Eis gegeben!


Von dem einen Euro für eine Kugel Eis, gehen allein für die Mehrwertsteuer 19 Cent drauf. Von der MwSt., die eine Vierköpfige Familie Heute bei 4 Kugeln Eis pro Person zahlt, hätte man 1960 61 Kugeln Eis kaufen können!
Zuletzt geändert von Billabong am Mi 15. Mär 2017, 10:36, insgesamt 1-mal geändert.
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Ein Terraner
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Re: Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon Ein Terraner » Mi 15. Mär 2017, 10:36

Dampflok94 hat geschrieben:(15 Mar 2017, 10:20)


Normalerweise sollte das in einer Marktwirtschaft durch Konkurrenz ausgeglichen werden. Da man sich dann gegenseitig die Preise runter konkurriert. So jedenfalls in der Theorie.

Das hat noch nie funktioniert.
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Teeernte
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Re: Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon Teeernte » Mi 15. Mär 2017, 10:38

Der Lohn/Gewinn ist nur der kleinste Anteil am Preis.

Leider ist heute mehr als der Zehnte abzuführen - Der Staat teilt Brüderlich ....etwas mehr als die Hälfte des Gewinn vor Steuern für ihn....

....und dann kommen staatlich fest geschriebene Abgaben.... Rente/SoLL i? /Kranken/Pflege/Kammerbeitrag.... Gewerbesteuern/ Verordnungen ...

Nebenbei werden vom Staat anderen Gewerbetreibenden die Miete Quersubventioniert (durch selbständige Aufstocker) ...bringt eine hohe Ladenmiete (zu viele Mieter)

Und der Druck von "Nebengewerben" wird auch immer höher . (Brötchen/Eis als NEBENEINKUNFT/Zugabe).

Früher war der Bäcker als Gewerbe angemeldet - hatte einen Gesellen als Arbeitskraft ....und seine Frau und noch eine Kraft als Aushilfe (300 DM).

Heute - muss der 3 Geschäfte (Ladenmiete) haben - um überhaupt die Maschinen auszulasten - hat noch 3 Gesellen - einen Ausfahrer.....und je Laden 3 Vollzeitler in Schichten.... Der "Gewinn" hat sich dagegen halbiert..


Meinst Du die hohen SteuerEINKÜNFTE des Staates in den letzten Monaten .....sind HOHE Mehrproduktion ?

Die Steuer-Büttel wringen grad die letzten Tropfen aus dem feuchten Handtuch Gewerbe.....
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Re: Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon Quatschki » Mi 15. Mär 2017, 10:43

Die Relationen verschieben sich ständig.
Wenn ich 6 Weingläser (Gastro-Standard) kaufe, kosten die pro Stück teilweise weniger als der Inhalt.
Oder Geschirr. Das waren früher richtigen Investitionen.
Heute wird es einem hinterhergeworfen und eine schnöde Busfahrt im OPNV ist vergleichsweise viel teurer.
Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken!
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Re: Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon firlefanz11 » Mi 15. Mär 2017, 10:48

Raskolnikof hat geschrieben:(15 Mar 2017, 09:58)
Heute kostet die Kugel Eis bei uns 1 Euro.

Davon kann ich nur träumen! Bei uns kostet sie 1,35 EUR (letztes Jahr noch 1,20)...
Ich warte noch darauf das linke o. Schulz (fast das selbe nebenbei) darauf kommen für die armen Hartzer einen Anspruch auf die Preise von 1960 zu fordern... :rolleyes:
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Re: Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 15. Mär 2017, 11:12

Im Sommer 2016 gabs im WDR einen Beitrag mit einer ungefähren Durchschnittskalkulation für eine Kugel Speiseeis für 1 Euro:

Personal 35 ct
Herstellung 12 ct
allgemeine Kosten/Reparaturen 10 ct
Miete, Energie 10 ct
Waffel 8 ct
Gewinn vor Steuern 25 ct

http://www1.wdr.de/verbraucher/ernaehrung/eis-ausgerechnet-100.html
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Re: Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon BlueMonday » Mi 15. Mär 2017, 11:26

Naja, das nennt sich "Preisfindung" - und die ist nicht einseitig durch die Kosten bestimmt. Das hat man noch in der Klassik geglaubt (Smith, Marx, Ricardo...)
Idealerweise findet sich der Preis in einem Aktionsverfahren oder sowas. Was ist bspw. der "objektive" Preis eines Gemäldes? Bestimmt sich dieser über die verwendeten Materialen, die bloße Arbeitszeit des Künstlers etc? Wohl kaum.

Es gibt eben anbietende/produzierende Akteure und nachfragende Akteure. Und die meisten Menschen nehmen in ihrem Leben durchaus beide Rollen ein. Das Einkommen (als Arbeitnehmer, Aktionär, Sparer, Unternehmer...) soll möglichst hoch sein (> hohe Preise wünschenswert), und für dieses Einkommen möchte man wiederum möglichst viel Kaufkraft haben (> niedrige Preise wünschenswert). Das ist der ewige Konflikt zwischen beiden Motivlagen, der nicht erst seit Kurzem schwelt. Jeder Lohnstreik ist Ausdruck dessen, dass man praktisch das Preisgefüge zu seinem Gunsten (auf Kosten anderer) verschieben will. Die Folge ist eine Lohn-Preis-Spirale.

Und zudem gibt es doch diese verbreitete geldpolitische Überzeugung (die man auch in diesem Forum vorfindet), dass eine "moderate" Teuerung nicht nur wünschenswert, sondern geradezu notwendig ist. Man verteidigt sozusagen sich mit einem gesteckten "Inflationsziel" gegen das Schreckgespenst der Deflation (allgemein sinkendes Preisniveau).
Zuletzt geändert von BlueMonday am Mi 15. Mär 2017, 12:09, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 15. Mär 2017, 11:37

BlueMonday hat geschrieben:(15 Mar 2017, 11:26)

Naja, das nennt sich "Preisfindung" - und die ist nicht einseitig durch die Kosten bestimmt. Das hat man noch in der Klassik geglaubt (Smith, Marx, Ricardo...)
Idealerweise findet sich der Preis in einem Aktionsverfahren oder sowas. Was ist bspw. der "objektive" Preis eines Gemäldes? Bestimmt sich dieser über die verwendeten Materialen, die bloße Arbeitszeit des Künstlers etc? Wohl kaum.

Ich hätte jetzt ganz simpel gedacht, dass dieser variable Anteil in der obigen Kalkulation der WDR-Sendung einfach der Punkt "Gewinn vor Steuern" ist. Angebot und Nachfrage bestimmen, wie hoch oder niedrig ich als Eisanbieter diesen Anteil ansetzen kann ...
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Re: Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon Adam Smith » Mi 15. Mär 2017, 11:51

Ein Terraner hat geschrieben:(15 Mar 2017, 10:36)

Das hat noch nie funktioniert.

Gibt es Länder in denen es besser funktioniert?
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Re: Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon Adam Smith » Mi 15. Mär 2017, 11:53

BlueMonday hat geschrieben:(15 Mar 2017, 11:26)

Naja, das nennt sich "Preisfindung" - und die ist nicht einseitig durch die Kosten bestimmt. Das hat man noch in der Klassik geglaubt (Smith, Marx, Ricardo...)
Idealerweise findet sich der Preis in einem Aktionsverfahren oder sowas. Was ist bspw. der "objektive" Preis eines Gemäldes? Bestimmt sich dieser über die verwendeten Materialen, die bloße Arbeitszeit des Künstlers etc? Wohl kaum.

Es gibt eben anbietende/produzierende Akteure und nachfragende Akteure. Und die meisten Menschen nehmen in ihren Leben durchaus beide Rollen ein. Das Einkommen (als Arbeitnehmer, Aktionär, Sparer, Unternehmer...) soll möglichst hoch sein (> hohe Preise wünschenswert), und für dieses Einkommen möchte man wiederum möglichst viel Kaufkraft haben (> niedrige Preise wünschenswert). Das ist der ewige Konflikt zwischen beiden Motivlagen, der nicht erst seit Kurzem schwelt. Jeder Lohnstreik ist Ausdruck dessen, dass man praktisch das Preisgefüge zu seinem Gunsten (auf Kosten anderer) verschieben will. Die Folge ist eine Lohn-Preis-Spirale.

Und zudem gibt es doch diese verbreitete geldpolitische Überzeugung (die man auch in diesem Forum vorfindet), dass eine "moderate" Teuerung nicht nur wünschenswert, sondern geradezu notwendig ist. Man verteidigt sozusagen sich mit einem gesteckten "Inflationsziel" gegen das Schreckgespenst der Deflation (allgemein sinkendes Preisniveau).

Adam Smith ging vom natürlichen Preis aus. Um den natürlichen Preis bewegt sich der Marktpreis. Natürlich ging Adam Smith von Angebot und Nachfrage aus.
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Re: Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon BlueMonday » Mi 15. Mär 2017, 12:00

schokoschendrezki hat geschrieben:(15 Mar 2017, 11:37)

Ich hätte jetzt ganz simpel gedacht, dass dieser variable Anteil in der obigen Kalkulation der WDR-Sendung einfach der Punkt "Gewinn vor Steuern" ist. Angebot und Nachfrage bestimmen, wie hoch oder niedrig ich als Eisanbieter diesen Anteil ansetzen kann ...


Sicherlich, wobei die Produktionskosten des einen eben auch nicht in Stein gemeißelt sind bzw sein sollten. Da wird ja - im Idealfall- auch verhandelt, also ein "Kompromisspreis" gesucht, auch wenn vermehrt versucht wird auf politischen Wege in diese Preisfindung einzugreifen (Mindestlohn, Mietpreisbremsen, Quoten, Subventionen etc.) bzw. sie irgendwie zu "entflexibilisieren" (Flächentarife, Buchpreisbindung, politisch erzeugte "Marktmacht").
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Re: Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon Adam Smith » Mi 15. Mär 2017, 12:03

Bezogen auf die Inflation gibt es einmal die Geldentwertung und einmal wie lange wir für etwas arbeiten müssen. Man müsste also schauen wie lange wir früher und wie lange wir heute dafür arbeiten müssen. Den Haarschnitt können wir auch noch mit reinnehmen.
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Re: Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon BlueMonday » Mi 15. Mär 2017, 12:06

Adam Smith hat geschrieben:(15 Mar 2017, 11:53)

Adam Smith ging vom natürlichen Preis aus. Um den natürlichen Preis bewegt sich der Marktpreis. Natürlich ging Adam Smith von Angebot und Nachfrage aus.


Und was ist der "natürliche Preis"? :)
Das ist letztlich, woran auch Marx hängenblieb, eine objektive Preis/Werttheorie, eben noch Klassik, die die subjektive Werttheorie noch nicht entfaltet hatte. Sicher schien sie hier und da mal in kurzen Geistesblitzen durch, aber den Durchbruch hatte sie erst mit der Neoklassik.
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Re: Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon Adam Smith » Mi 15. Mär 2017, 12:07

BlueMonday hat geschrieben:(15 Mar 2017, 12:06)

Und was ist der "natürliche Preis"? :)
Das ist letztlich, woran auch Marx hängenblieb, eine objektive Preis/Werttheorie, eben noch Klassik, die die subjektive Werttheorie noch nicht entfaltet hatte. Sicher schien sie hier und da mal in kurzen Geistesblitzen durch, aber den Durchbruch hatte sie erst mit der Neoklassik.

Natürlicher Preis = Selbstkostenpreis aller Anbieter im Durchschnitt.

Den gibt es.
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Re: Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon Dampflok94 » Mi 15. Mär 2017, 12:08

Ein Terraner hat geschrieben:(15 Mar 2017, 10:36)

Das hat noch nie funktioniert.

Nicht immer und nicht überall. Aber im großen und ganzen. :)
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Re: Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon BlueMonday » Mi 15. Mär 2017, 12:44

Adam Smith hat geschrieben:(15 Mar 2017, 12:07)

Natürlicher Preis = Selbstkostenpreis aller Anbieter im Durchschnitt.

Den gibt es.


Das ist halt die längst längst überholte Produktionskostentheorie der Klassik, wie gesagt.

Mal ne Analogie. Man nimmt alle grünäugigen Männer über 50 Jahre mit dt. Staatsangehörigkeit und bestimmt dann deren durchschnittliche Körpergröße.
Dann kann man sich hinstellen und sagen: Dieser Durchschnittswert existiert.
Nun gibt aber keinen "Durchschnittsmenschen". Was existiert, sind die einzelnen konkreten Menschen mit ihren individuellen Körpergrößen.
Die gibt es. Und wenn es überhaupt eine Durchschnittsgröße "gibt", dann hängt sie vollständig von den konkreten einzelnen Menschen ab. Sie erklärt im Grunde nichts. Sie ist allenfalls Ergebnis. Etwas, das nachfolgt. Sie ist anders gesagt keine Ursache für die Körpergröße der Menschen. Sie "gravitieren" nicht um diese Durchschnittsgröße herum. Ursache und Erklärung von Körpergrößen wären eher in der Ernährung, Chemie, Physik, Biologie, Physiologie, Genetik ... oder sonst was zu suchen.

Und genauso beim Preis:
Was es tatsächlich gibt, sind die realisierten Austauschverhältnisse (eben die Marktpreise).

Ihr Durchschnitt ist eine abgeleitete Größe, die nicht Preise erklären kann, weil er ja eben von den Preisen abgeleitet ist, die sie erklären soll.,
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Re: Brötchen und Speiseeis - Preise noch angemessen?

Beitragvon Adam Smith » Mi 15. Mär 2017, 12:49

BlueMonday hat geschrieben:(15 Mar 2017, 12:44)

Das ist halt die längst längst überholte Produktionskostentheorie der Klassik, wie gesagt.

Mal ne Analogie. Man nimmt alle grünäugigen Männer über 50 Jahre mit dt. Staatsangehörigkeit und bestimmt dann deren durchschnittliche Körpergröße.
Dann kann man sich hinstellen und sagen: Dieser Durchschnittswert existiert.
Nun gibt aber keinen "Durschnittsmenschen". Was existiert, sind die einzelnen konkreten Menschen mit ihren individuellen Körpergrößen.
Die gibt es. Und wenn es überhaupt eine Durchschnittsgröße "gibt", dann hängt sie vollständig von den konkreten einzelnen Menschen ab. Sie erklärt im Grunde nichts. Sie ist allenfalls Ergebnis. Etwas, das nachfolgt. Sie ist anders gesagt keine Ursache für die Körpergröße der Menschen. Sie "gravitieren" nicht um diese Durchschnittsgröße herum. Ursache und Erklärung von Körpergrößen wären eher in der Ernährung, Chemie, Physik, Biologie, Physiologie, Genetik ... oder sonst was zu suchen.

Und genauso beim Preis:
Was es tatsächlich gibt, sind die realisierten Austauschverhältnisse (eben die Marktpreise).

Ihr Durchschnitt ist eine abgeleitete Größe, die nicht Preise erklären kann, weil er ja eben von den Preisen abgeleitet ist, die sie erklären soll.,

Der durchschnittliche Selbstkostenpreis bildet aber die Basis dafür. Nimm einen Kaugummi, einen Stuhl oder einen Flugzeugträger. Und selbstverständlich geht man davon aus, dass der Mensch 1,8 Meter im Durchschnitt ist, wenn man Häuser baut. Der Selbstkostenpreis ändert sich mit der Zeit (ausser beim Haarschnitt) und ein Produkt kann durch neue Produkte ersetzt werden.

Durch den Einsatz von Maschinen verändert sich der Selbstkostenpreis. Das hat Einfluss auf den Preis.
Zuletzt geändert von Adam Smith am Mi 15. Mär 2017, 12:52, insgesamt 1-mal geändert.

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