Kapitalismuskritik und die Realität

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harry52
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Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon harry52 » Mo 11. Jan 2016, 09:57

Ich zitiere aus dem Stern vom 10.12.15 (blaue Farbe), aber diese Zahlen und Fakten kann man auch bei der UNO und der WHO und vielen anderen Organisationen bekommen. Auch auf der Seite des sehr bekannten Statistiker Rosling ( http://www.gapminder.org ) kann man sich darüber informieren.

Rosling sagt:"Die Welt ist tatsächlich viel besser als ihr Ruf!"

Tatsächlich gab es 2000 ein neues Ziel der UNO, des WHO und anderer NGOs, dass bis zum Jahr 2015 die extreme Armut (laut UNO-Definition) halbiert werden soll. Tatsächlich ist das Ziel sogar übertroffen worden. Hier ein paar Zahlen:

1990 gab es 1,958 milliarden Menschen in extremer Armut.
1999 gab es 1,747 miliarden Menschen in extremer Armut.
2011 gab es 0,987 milliarden Menschen in extremer Armut.
2012 gab es 0,902 milliarden Menschen in extremer Armut.
2015 gab es 0,702 milliarden Menschen in extremer Armut.

Weitere Zahlen von der WHO. Nur mal ein Beispiel: "Im Jahr 2000 starben weltweit noch 546800 Kinder an Masern, 2004 waren es 114900.... Fortschritte bei Malaria, Tuberkolose..."

Eine andere Zahl: "Die Spitzengruppe afrikanischer Staaten erreicht mittlerweile Alphabetisierungsquoten von etwa 95% ... wegen dem Handy"

Und all das, obwohl die Weltbevölkerung nach wie vor stark ansteigt. Es gibt doch hier im Forum eine große Zahl extremer Linker und auch manchen sozialistischen Rechten, der wie Heiner Geissler große Sympathie, oder sogar eine Mitgliedschaft bei Attac haben. Von denen hört man seit Jahren, etwas ganz anderes. Wer flunkert hier und warum ist Attac hier in Deutschland in jüngster Zeit verstummt? Was ist los mit den deutschen Kapitalismus-Kritikern?

Ich habe da nur eine gute Erklärung. Man hat die ganze Zeit gelogen, denn Jetzt, wo bei uns in Deutschland die Löhne wieder steigen, die (Neu-)Verschuldung geringer wird, die Arbeitslosigkeit gesunken ist, wird Heiner Geissler und Attac offensichtlich nicht mehr Ernst genommen. Aber man hätte ihn schon seit locker seit 20-30 Jahren anhand der oben genannten Zahlen auslachen müssen, wenn das wirklich witzig wäre. Sind die deutschen Attacs in Wahrheit gar nicht an der Welt interessiert, sondern nur an Deutschland, das tatsächlich einige schwierige Jahre nach der Wiedervereinigung hatte? Denn weltweit gesehen, wird es wirtschaftlich, gesundheitlich und von der Bildung her von Jahr zu Jahr besser. Sind Geissler und die Attacs in Wahrheit rechte Lügner?
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Re: Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 11. Jan 2016, 10:59

In der Zeit, als Länder wie China oder Bangla Desh von extremer Armut geprägt waren, haben diese Zustände, so traurig es ist, in Westeuropa so gut wie niemanden interessiert. Einfach weil kaum authentische Nachrichten von dort rüberkamen. Vor allem aber auch so gut wie keine Produkte. Erst mit der zunehmenden globalen Produktionsvernetzung und den ersten Produkten Made in China usw. erwachte das Interesse. Und da verglich man nicht etwa die Lebensbedingungen im China oder Bangladesh der Gegenwart mit denen der Vergangenheit sondern mit denen in Mitteleuropa. Die heuchlerische Moral etwa der trigema-Webung läuft nicht darauf hinaus, die Zustände in solchen Länder zu verbessern sondern - im Gegenteil - sie wieder - wie in den ach so schönen 50er, 60er, 70er - so ignorierbar zu machen, dass Ereignisse wie Hungersnöte in China oder Bangla Desh wieder etwas aus einer sehr sehr entfernten fremdenn Welt werden.
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Re: Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon BlueMonday » Mo 11. Jan 2016, 11:34

Ein moderner Klassiker dazu:
https://en.wikipedia.org/wiki/In_Defens ... Capitalism

"the diffusion of capitalism in the last decades has lowered poverty rates and created opportunities for individuals all over the world. Living standards and life expectancy has risen fast in most places. World hunger, infant mortality, and inequality have diminished. This is because of economic and technological development that is the result of free market policies. The poor countries that have liberalized their economies have shown impressive results, while those that have not are stuck in deep misery. Therefore, we need more capitalism and globalisation if we want a better world, not less".[1]
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Re: Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon Dampflok94 » Mo 11. Jan 2016, 12:36

harry52 hat geschrieben:Eine andere Zahl: "Die Spitzengruppe afrikanischer Staaten erreicht mittlerweile Alphabetisierungsquoten von etwa 95% ... wegen dem Handy"

Jedenfalls nicht wegen des Genetivs. :?

Scherz bei Seite. :)

Auch der größte Kapitalismuskritiker wird anerkennen, daß es den Menschen heute im Schnitt besser geht als vor 100 Jahren. Vor allem hier im Westen. Das allein aber ist natürlich kein Grund. Man kann immer behaupten, mit anderen Systemen würde es noch besser gehen. Und daran glaubt man eben oder nicht.
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Re: Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon Realist2014 » Mo 11. Jan 2016, 13:02

Dampflok94 hat geschrieben:Jedenfalls nicht wegen des Genetivs. :?

Scherz bei Seite. :)

Auch der größte Kapitalismuskritiker wird anerkennen, daß es den Menschen heute im Schnitt besser geht als vor 100 Jahren. Vor allem hier im Westen. Das allein aber ist natürlich kein Grund. Man kann immer behaupten, mit anderen Systemen würde es noch besser gehen. Und daran glaubt man eben oder nicht.



Doch- ist es.

Denn die Ergebnisse der hier von einigen immer wieder gepriesenen "Alternativen" sind bekannt-- und diese "Systeme" deswegen verschwunden.
Laut Aussage der linken Ideologen sind alle ökonomisch erfolgreichen dumm, und die wahre Intelligenz tritt sich in der untersten ökonomischen Etage auf die Füße.....daher muss diese Etage ausgebaut werden
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Re: Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon Dampflok94 » Mo 11. Jan 2016, 13:07

Realist2014 hat geschrieben:Doch- ist es.

Nein, das ist es nicht. Schön, daß wir darüber geredet haben.
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Re: Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon harry52 » Mo 11. Jan 2016, 13:09

Dampflok94 hat geschrieben:Auch der größte Kapitalismuskritiker wird anerkennen, daß es den Menschen heute im Schnitt besser geht als vor 100 Jahren. Vor allem hier im Westen.

Das ist klar, aber in den letzten Jahrzehnten geht es ja auch rapide in Asien und Afrika vorwärts. Siehe bitte oben. Und es geht nicht nur wirtschaftlich voran, sondern auch gesundheitlich, in der Bildung und in Bezug auf weniger Gewalt.

Ich nenne neben Geissler noch einen Namen: Sven Giegold.

Er ist einer der Mitbegründer von Attac Deutschland und war von 2001-2008 dort auch im Koordinierungskreis an höchster Stelle tätig. Wir alle kennen ihn aus x Talk Shows in diesen Jahren. Genau in diesen Jahren hatten wir in Deutschland einige Schwierigkeiten mit der Globalisierung und erkannten noch gar nicht, dass die Globalisierung auch uns mittelfristig gut tun würde. Die armen Länder profitierten aber schon damals, wie meine Zahlen (siehe oben) ganz eindeutig belegen.

Giegold kann mir nicht erzählen, dass er davon nichts wusste. Dann sollte er sich einen anderen Job suchen. Das sind ganz offizielle Zahlen und noch schneller? Davon war ja nie die Rede und das glaubt er doch selber nicht, wenn er Investoren behindert, dass der Wohlstand in armen Ländern dann noch schneller ankommt oder steigt.

Dumm war das in Bezug auf Deutschland, wie wir heute sehen, auch.

Hätten wir in diesen Jahren auf Attac gehört, dann ständen wir so schlecht dar wie viele Südeuropäer. Aber jetzt bekommt es auch noch einen braunen Beigeschmack anhand dieser Zahlen. Giegold ging es doch gar nicht um den Inder, den Chinesen, den Vietnamesen.... Er machte Karriere mit Hilfe der deutschen Probleme und der Uninformiertheit der Deutschen. Heute sitzt er als Grüner im EU Parlament und da kann man nur gratulieren. Hat sich die "braune", inkompetente Kampagne gegen die ach so böse Globalisierungh ja sogar bei den Grünen gelohnt.

Ich bin da knallhart. Das ist Inkompetenz gepaart mit totaler Rücfksichtslosigkeit gegenüber den Armen. Aber Karriere kann man damit gut machen und dassGiegold und die Grünen sich nicht schämen, ist traurig.
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Re: Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon Realist2014 » Mo 11. Jan 2016, 13:26

Dampflok94 hat geschrieben:Nein, das ist es nicht. Schön, daß wir darüber geredet haben.


es gibt keine realistischen Alternativen mit den realen Menschen zu unserer sozialen Marktwirtschaft.

Egal was die linken Enteignungsphantasten schwadronieren.
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Re: Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 11. Jan 2016, 13:28

Dass der Kapitalismus als System hocheffizient ist, um existentielle Armut zu beseitigen, ist für mich gar keine Frage. Das war in Europa vom Mittelalter zum Frühkapitalismus auch nicht anders. Die wirkliche Frage für mich ist, wie man ihn nach Erreichen eines gewissen materiellen Wohlstands über existentielle Armut hinaus wieder los wird bzw. - besser - begrenzt und in Schach hält. Damit er a) nicht die sozialen Polarisierungen verstärkt, b) nicht infolge von materiellem Überfluss psychosoziale anstelle von existenziellen Problemen schafft, c) die Verselbständigung der Produktions- und Finanzwelt nicht vorantreibt, d) die natürlichen Ressourcen nicht zerstört und c) internationale Konflikt erzeugt und verschärft. Da ist es mit dem Kapitalismus wie in dem bekannten Märchen mit dem süßen Brei ...
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Re: Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon Realist2014 » Mo 11. Jan 2016, 13:34

schokoschendrezki hat geschrieben:Dass der Kapitalismus als System hocheffizient ist, um existentielle Armut zu beseitigen, ist für mich gar keine Frage. Das war in Europa vom Mittelalter zum Frühkapitalismus auch nicht anders. Die wirkliche Frage für mich ist, wie man ihn nach Erreichen eines gewissen materiellen Wohlstands über existentielle Armut hinaus wieder los wird bzw. - besser - begrenzt und in Schach hält. Damit er a) nicht die sozialen Polarisierungen verstärkt, b) nicht infolge von materiellem Überfluss psychosoziale anstelle von existenziellen Problemen schafft, c) die Verselbständigung der Produktions- und Finanzwelt nicht vorantreibt, d) die natürlichen Ressourcen nicht zerstört und c) internationale Konflikt erzeugt und verschärft. Da ist es mit dem Kapitalismus wie in dem bekannten Märchen mit dem süßen Brei ...



In D haben wir dafür unsere soziale Marktwirtschaft.

Die Erfüllt alle deine obigen Vorstellungen im ausreichenden Maße.
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Re: Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon Dampflok94 » Mo 11. Jan 2016, 13:43

harry52 hat geschrieben:Das ist klar, aber in den letzten Jahrzehnten geht es ja auch rapide in Asien und Afrika vorwärts. Siehe bitte oben. Und es geht nicht nur wirtschaftlich voran, sondern auch gesundheitlich, in der Bildung und in Bezug auf weniger Gewalt.

Das ist schon klar. Aber es gilt nun mal: Das Beste der Feind des Guten. Aus der Tatsache, daß etwas gut läuft, kann man eben nicht schließen, es könnte mit einem anderen System nicht noch besser laufen. Das gilt eben nicht nur für Kapitalismuskritiker von der linken Seite. Es gibt ja genauso die Hardcore-Kapitalisten, denen unsere Wirtschaftsform nicht weit genug geht. Den Anarcho-Liberalen zum Beispiel. Die sind auch der Meinung, ohne Staat könnte es noch viel besser laufen.
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Re: Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 11. Jan 2016, 13:50

Realist2014 hat geschrieben:In D haben wir dafür unsere soziale Marktwirtschaft.

Schon das in den ersten vier Zeichen dieses Satzes implizit versteckte Missverständnis, dass sich Marktwirtschaft, auch die sogenannte "soziale" in Gefäße wie Staaten pressen lassen, offenbart aus meiner Sicht ein gehöriges Maß an Naivität und Gutgläubigkeit.

Aus einem aktuellen Radioessay genau zu diesem Thema:
Und das Mantra dieser Produktionsweise heißt unendliches Wachstum. Es ist ein utopisches Mantra, denn es verwandelt die Orte, die Institutionen und die Lebenswelt der Menschen, in U-Topien, in Un-Orte: Die Nation wird vom Gefäß der Gesellschaft zum Standort globaler Konkurrenzkämpfe; das Parlament vom Ort, an dem Bürger beschließen, wie sie leben wollen, zum Notariat für die Investorenimperative; Städte, Regionen, Fabriken werden zu Transit-Räumen, belebt oder entwohnt nach der Logik des Kapitals, die Familien zum Ort, an dem "Humankapital" aufgezogen und Kaufkraft generiert wird.

(http://www.deutschlandfunk.de/die-arbeit-im-anthropozaen-eine-knappe-weltgeschichte-der.1184.de.html?dram:article_id=337835)

"D" ist für die Markwirtschaft ein geographischer Raum, in dem etwas andere formale Vorschriften gelten als in "F" oder "H". Sonst nix. In Ostberlin wurden in Ostberliner Glühlampenfabriken Ost-Glühbirnen in Osram-Schachteln gelegt und problemlos nach Westberlin verfrachtet, wo sie dann zu West-Glühbirnen wurden, während die Menschen hinter Mauer und Stacheldraht lebten. Von Sträflingen, die für Ikea in Gefängnissen Möbel fertigten ganz zu schweigen.
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Re: Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon Realist2014 » Mo 11. Jan 2016, 14:00

schokoschendrezki hat geschrieben:Schon das in den ersten vier Zeichen dieses Satzes implizit versteckte Missverständnis, dass sich Marktwirtschaft, auch die sogenannte "soziale" in Gefäße wie Staaten pressen lassen, offenbart aus meiner Sicht ein gehöriges Maß an Naivität und Gutgläubigkeit.



"D" ist für die Markwirtschaft ein geographischer Raum, in dem etwas andere formale Vorschriften gelten als in "F" oder "H". Sonst nix.


Es ist nun einmal Fakt, das es dem "Durchschnittsbürger" in D mit unserer sozialen Marktwirtschaft besser geht als dem Durchschnittsbürger in jedem anderen Land auf diesem Planeten.

Das es global noch viel zu verbessern gibt- steht außer Zweifel.
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Re: Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon Progressiver » Mo 11. Jan 2016, 19:24

BlueMonday » 11 Jan 2016, 11:34 hat geschrieben:Ein moderner Klassiker dazu:
https://en.wikipedia.org/wiki/In_Defens ... Capitalism

"the diffusion of capitalism in the last decades has lowered poverty rates and created opportunities for individuals all over the world. Living standards and life expectancy has risen fast in most places. World hunger, infant mortality, and inequality have diminished. This is because of economic and technological development that is the result of free market policies. The poor countries that have liberalized their economies have shown impressive results, while those that have not are stuck in deep misery. Therefore, we need more capitalism and globalisation if we want a better world, not less".[1]


Ja, ja. Wenn Zyankali schädlich ist, muss man bekanntlich auch nur die Dosis erhöhen, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Aber genug vom Sarkasmus.

Ein anderer Klassiker ist von Jared Diamond:

Kollaps: Warum Gesellschaften überleben oder untergehen ist ein im Jahr 2005 erschienenes Buch des US-amerikanischen Geographen Jared M. Diamond. Kollaps handelt von den Gründen für den Zusammenbruch mehrerer untersuchter historischer Gesellschaften, ihren Gemeinsamkeiten und den Lehren, die die heutige Gesellschaft daraus ziehen kann.


https://de.wikipedia.org/wiki/Kollaps_(Buch)

Seine Thesen stellen sich laut dem Wikipedia-Artikel wie folgt dar:

Im Blick auf die Zukunft benennt er vier Faktoren, die für die Schwächung und den Untergang heutiger und zukünftiger Gesellschaften beitragen können:
1.menschengemachte Klimaerwärmung
2.Umweltgifte
3.Energiekrisen
4.die volle Nutzung der Photosyntheseleistung der Erde.

Eine entscheidende Rolle spielt für Diamonds Betrachtung immer das Vorliegen einer konkreten Überbevölkerung. Denn würden Teile der Gesellschaft mit lebensbedrohlichen Veränderungen ihrer Umwelt konfrontiert werden, würden sie keinesfalls passiv sterben, sondern bei dem Versuch zu überleben auch die Teile der Gesellschaft gefährden, die bisher nicht betroffen waren und sich möglicherweise in falscher Sicherheit wähnten. Nicht allein der notleidende Teil, sondern die eng vernetzte Gesamtgesellschaft bricht in einer schnellen Katastrophe zusammen und erfährt einen "Kollaps".

Jared Diamond sieht unsere durch die Globalisierung entstandene Weltgesellschaft - der sich niemand entziehen könne - in ebenjener Gefahr.

Diamond behauptet also nicht, dass unabänderliche ökologische Faktoren die einzige Ursache für das Zusammenbrechen von Gesellschaften seien, auch politische und ökonomische Faktoren - also letztlich vor allem die Reaktion auf die ökologischen Bedingungen - stellen den Grund dar.


Der Kapitalismus beutet jedenfalls sehr effizient die Umwelt aus. Dies tut er schneller, als sie sich regenerieren kann. Wohin das wohl führt? Wird die Erde irgendwann zu einer superheißen Osterinsel? Aber das interessiert ja die Gläubigen der Kapitalismusreligion hier ja nicht. Gegen das Gift des Kapitalismus hilft ja ihren Angaben zufolge nur mehr Kapitalismus. Nach ihnen die Sintflut, sagen sie sich und stecken den Kopf in den Sand.

Was notwendig wäre, das ist ein generelles Neuüberdenken, wie wir leben wollen. Oder können, damit auch noch in über 100 Jahren Menschen einigermaßen gut leben können.

Jared Diamond steht im Übrigen nicht alleine da mit der Warnung, dass unsere Weltzivilisation den Weg aller anderen gescheiterten Zivilisationen gehen kann. Eine prominente Warnerin ist auch die Journalistin Naomi Klein, die ebenfalls ein Buch über den Themenkomplex geschrieben hat: Es heißt in der deutschen Ausgabe: "Die Entscheidung: Kapitalismus versus Klima".

Wikipedia schreibt dazu in dem Artikel über Naomi Klein:

In ihrem im September 2014 veröffentlichten Buch This Changes Everything: Capitalism vs. The Climate[23] befasst sich Klein mit dem Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Klimawandel. Notwendige Klimaschutzmaßnahmen seien bislang nicht umgesetzt worden, da sie in fundamentalem Konflikt mit dem Ideal freier, nicht-regulierter Marktwirtschaft stünden und die elitäre Minderheit bedrohen würden, die eine Vormachtstellung in Wirtschaft, Politik und Medien haben. Unter anderem zählt sie verschiedene Beispiele von Greenwashing auf, und nennt dabei unter anderem Richard Branson, der sein Versprechen, drei Milliarden Dollar für den Klimaschutz bereitzustellen, bisher nicht eingelöst habe.


https://de.wikipedia.org/wiki/Naomi_Kle ... limawandel

Selbst wenn die Grundthese des Threaderstellers stimmen würde, dann befände sich die Menschheit in einem Gefangenendilemma: Jeder Mensch und jede Einzelgesellschaft versucht auf der Mikroebene, ihr Schicksal zu verbessern und den individuellen Wohlstand zu erhöhen. Global betrachtet kommt es allerdings zu Emergenzeffekten, die bewirken, dass es der Menschheit insgesamt betrachtet immer schlechter geht, da irgendwann das Ökosystem Erde kollabiert.
"Skepsis ist der erste Schritt auf dem Weg zur Philosophie." (Denis Diderot)
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Re: Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon BlueMonday » Mo 11. Jan 2016, 20:31

Progressiver » 11 Jan 2016, 19:24 hat geschrieben:Aber genug vom Sarkasmus.



Für "Sarkasmus" reicht das bei weitem noch nicht. Da musst du noch reichlich üben. :)


Der Kapitalismus beutet jedenfalls sehr effizient die Umwelt aus.

Wie denn? Das ist ja nur ein Begriff, dem keine wirkliche Entität entspricht, die in irgendeiner Weise handeln könnte.
Schlag mal unter "Reifikation" oder "Hypostase" nach.

"Umwelt" ist nun alles, wovon sich ein Handelnder abgrenzt, was er als "nicht ich" ansieht.
Ohne diese Umwelt ist er offenbar nicht lebensfähig. Vom ersten Moment seiner Existenz an braucht er "Umwelt", greift auf die Umwelt zu, nutzt sie aus, beginnen die Feedbackschleifen zu laufen. Um zu leben, muss er sich in dieser Umwelt bewegen, sie verdauen, sie veratmen, sie ständig verändern und umwandeln. Effizient(er) geht er dabei vor, wenn er bei gleichen Kosteneinsatz(Opferung von Möglichkeiten, sog. Opportunitätskosten) vergleichsweise mehr Resultat erhält(höher bewertete Möglichkeiten letztlich) oder das gleiche Resultat mit geringeren Kosten erreicht. Willst du nun sagen, dass man möglich ineffizient, ergo verschwenderisch mit der vorgefundenen Umwelt umgehen sollte? Soll das der normative Gehalt deines Anliegens sein?

Effizienz ist sicherlich ein kapitalistisches Kernkonzept. Die Steigerung der Ergiebigkeit durch Verlängerung der Produktionsumwege("roundaboutness"), sog Investition. Ein Anreiz dafür ist gegeben, wenn die Kosten für Ineffizienz auf den ineffizienten Verursacher zurückfallen, wenn also möglichst viele Kosten "internalisiert" werden.
Ausgehebelt wird das wiederum durch zu schwach ausgeprägte Eigentumsverhältnisse, durch einen zu geringen Grad der Sonderung: Wenn "allen alles" gehört, also sozialistische, antikapitalistische Ansätze. Das ist die bekannte "Tragik der Allmende", die hoffnungslos überweidete Gemeinweide. Da mag das "single shot Gefangenendilemma" sprießen, ja. Nach mir die Sintflut, der andere ist genauso schlimm wie ich. Entsprechend sah dann die Umwelt auch bei den Realsozialismen aus. Und die heutigen Verhältnisse haben sicherlich immer noch ausgeprägte sozialistische Anteile, die entsprechende Probleme verursachen. Der Gegenansatz setzt auf Sondereigentum und repetition-reputation. Damit können ganz vorzügliche "spontane Orndungen" entstehen.
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harry52
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Re: Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon harry52 » Di 12. Jan 2016, 09:14

"Der Kapitalismus beutet jedenfalls sehr effizient die Umwelt aus. Dies tut er schneller, als sie sich regenerieren kann."

Ja und nein.

Wenn die mittlerweile eine milliarde PKW Trabbis wären, dann hätten wir kein geringeres Umweltproblem. Im Gegenteil, die Zweitakter sind noch schlimmer. Aber ganz Unrecht hast Du natürlich auch nicht. Dass eine milliarde Inder jetzt auch schon Strom in der Wohnung haben und fast ähnlich viele Chinesen sorgt für Umweltschäden und natürlich auch für einen rasanten Verbrauch endlicher Rohstoffe.

Aber wenn wir Sozialismus haben,

dann ist die chemische Reaktion, die bei der Kohleverbrennung abläuft, keine andere und die Mengen des Öls im Boden wird ducrh den Sozialismus auch nicht gesteigert. Der Sozialismus ist bei vielen seiner Anhänger eine Religion. Man meint, der löst alle Probleme und es entsteht ein Paradies. Aber das ist nicht wahr, wie x Experimente gezeigt haben und an den Naturgesetzen ändert der auch nichts.

Aber jetzt mal was zu China, Vietnam, Indien...Polen...

Wenn Dich das stört, dass da monatlich ein weiteres Kohlekraftwerk in Betrieb genommen wird, oder dass in Neu Dehli jeden Tag 1400 PKW (Jeden Tag!!! Die Zahl stammt von einem Bericht zur Klimakonferrenz) zusätzlich in den Straßenverkehr kommen, [b}warum meckerst Du hier bei uns?[/b[ Warum machst Du hier in Deutschland Werbung für eine Rückkehr zu Sozialismus und Armut? Geh doch bitte nach China, Vietnam, Polen ... und sag ihnen, sie sollen wieder zurück zum Kommunismus und hungern wie früher, Fahrrad fahren wie früher, nur zwei Kleidungsstücke haben wie früher, von Hand waschen, sich mit 40 Leuten ein Klo auf dem Hof teilen, im Winter frieren ... und bei Krebs früh sterben...

Geh nach China, Vietnam, Polen... und lass doch uns hier in Deutschland in Ruhe mit dem Mist. Und wenn Du wirklich selber so leben willst. Was hält Dich auf? Es gibt noch einige sozialistische Staaten und da kannst Du hin und den dortigen Sozialismus menschenfreundlich und umweltfreundlich gestalten. Geh doch nach Nordkorea, Kuba ... und sag, was sie anders machen sollen. Viel Spaß.
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Re: Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon moderliese » Di 12. Jan 2016, 09:23

harry52 hat geschrieben:(12 Jan 2016, 09:14)

"Der Kapitalismus beutet jedenfalls sehr effizient die Umwelt aus. Dies tut er schneller, als sie sich regenerieren kann."

Ja und nein.

Wenn die mittlerweile eine milliarde PKW Trabbis wären, dann hätten wir kein geringeres Umweltproblem. Im Gegenteil, die Zweitakter sind noch schlimmer. Aber ganz Unrecht hast Du natürlich auch nicht. Dass eine milliarde Inder jetzt auch schon Strom in der Wohnung haben und fast ähnlich viele Chinesen sorgt für Umweltschäden und natürlich auch für einen rasanten Verbrauch endlicher Rohstoffe.

Aber wenn wir Sozialismus haben,

dann ist die chemische Reaktion, die bei der Kohleverbrennung abläuft, keine andere und die Mengen des Öls im Boden wird ducrh den Sozialismus auch nicht gesteigert. Der Sozialismus ist bei vielen seiner Anhänger eine Religion. Man meint, der löst alle Probleme und es entsteht ein Paradies. Aber das ist nicht wahr, wie x Experimente gezeigt haben und an den Naturgesetzen ändert der auch nichts.

Aber jetzt mal was zu China, Vietnam, Indien...Polen...

Wenn Dich das stört, dass da monatlich ein weiteres Kohlekraftwerk in Betrieb genommen wird, oder dass in Neu Dehli jeden Tag 1400 PKW (Jeden Tag!!! Die Zahl stammt von einem Bericht zur Klimakonferrenz) zusätzlich in den Straßenverkehr kommen, [b}warum meckerst Du hier bei uns?[/b[ Warum machst Du hier in Deutschland Werbung für eine Rückkehr zu Sozialismus und Armut? Geh doch bitte nach China, Vietnam, Polen ... und sag ihnen, sie sollen wieder zurück zum Kommunismus und hungern wie früher, Fahrrad fahren wie früher, nur zwei Kleidungsstücke haben wie früher, von Hand waschen, sich mit 40 Leuten ein Klo auf dem Hof teilen, im Winter frieren ... und bei Krebs früh sterben...

Geh nach China, Vietnam, Polen... und lass doch uns hier in Deutschland in Ruhe mit dem Mist. Und wenn Du wirklich selber so leben willst. Was hält Dich auf? Es gibt noch einige sozialistische Staaten und da kannst Du hin und den dortigen Sozialismus menschenfreundlich und umweltfreundlich gestalten. Geh doch nach Nordkorea, Kuba ... und sag, was sie anders machen sollen. Viel Spaß.

Hmmm, gibt's nur schwarz oder weiss? Kapitalismus ohne wenn und aber oder Sozialismus ohne wenn und aber? Warum keinen Kapitalismus der weniger ausbeutet und sich rücksichtsvoller "aufführt"? Ach ja, stimmt, das würde die Profite einzelner mindern und die Rechnung zahlen ja schliesslcih andere.
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Re: Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon Realist2014 » Di 12. Jan 2016, 10:35

moderliese hat geschrieben:(12 Jan 2016, 09:23)

Hmmm, gibt's nur schwarz oder weiss? Kapitalismus ohne wenn und aber oder Sozialismus ohne wenn und aber? Warum keinen Kapitalismus der weniger ausbeutet und sich rücksichtsvoller "aufführt"? Ach ja, stimmt, das würde die Profite einzelner mindern und die Rechnung zahlen ja schliesslcih andere.



Genau das haben wir ja in D.

Nennt sich soziale Marktwirtschaft.
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Re: Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon moderliese » Di 12. Jan 2016, 12:06

Realist2014 hat geschrieben:(12 Jan 2016, 10:35)

Genau das haben wir ja in D.

Nennt sich soziale Marktwirtschaft.

Ach es geht nur um Deutschland, das wusste ich nicht. Macht dann die Umweltzerstörung an den Grenzen halt?
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Re: Kapitalismuskritik und die Realität

Beitragvon Realist2014 » Di 12. Jan 2016, 12:52

moderliese hat geschrieben:(12 Jan 2016, 12:06)

Ach es geht nur um Deutschland, das wusste ich nicht. Macht dann die Umweltzerstörung an den Grenzen halt?



Nein- es geht nicht nur um Deutschland. Aber in sind ja deine Forderungen bezüglich "Mitte zwischen Kapitalismus und Sozial" praktisch erfüllt.

Die Verbesserungen der Lage in der restlichen Welt stehen ja im Eingangsbeitrag.

Das im Bezug auf Umwelt & Klimaschutz trotzdem noch viel zu tun bleibt- das steht ja außer Frage.

Nur da sind nicht nur die "pösen Konzerne" gefragt- sondern alle Menschen...
Laut Aussage der linken Ideologen sind alle ökonomisch erfolgreichen dumm, und die wahre Intelligenz tritt sich in der untersten ökonomischen Etage auf die Füße.....daher muss diese Etage ausgebaut werden

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