Die Mär vom Fachkräftemangel

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Re: Die Mär vom Fachkräftemangel

Beitragvon frems » So 19. Mär 2017, 19:12

H2O hat geschrieben:(19 Mar 2017, 19:04)

Wenn Verbände solche Wünsche ablassen, dann tun sie das doch ohne jede Mitverantwortung für den tatsächlichen Bedarf. Inzwischen bin ich zu lange aus dem Geschäft. Ich meine aber, daß die deutschen Personaler mit einiger Aufmerksamkeit beobachten, ob sie ausländische Fachleute der Spitzenklasse an sich binden können und daß sie auch entsprechend bekannte Hochschulen und Ausbildungsstätten nach herausragenden Bewerbern fragen. Da spielt dann schon einmal eine Rolle, daß ein erfolgreicher Mitarbeiter aus diesem Institut angeworben wurde, und der nun seinerseits alte Bekanntschaften zur Anwerbung nutzt. Daran ist ja nichts Schlechtes.

Mag sein, daß das heute weniger gebräuchlich geworden ist, weil heute die Zahl der Absolventen ganz einfach völlig andere Größenordnungen erreicht hat.

Man könnte den Verbänden auch unterstellen, sie würden den Mangel überzeichnen, damit es noch mehr potenzielle Bewerber gibt und sie damit die Löhne drücken können. Gerade der VDI hat sich damit in der Vergangenheit unbeliebt gemacht, weil er mit einer unwissenschaftlichen Methodik die Zahl der "benötigten" Stellen künstlich nach oben trieb. Von Forschungsinstituten, Arbeitsagentur, Universitäten usw. wurde das alles auseinandergenommen.

Und ja, die Zahl der Studienanfänger ist ziemlich gestiegen. Aktuelle Zahlen habe ich nicht, aber 2009 gab's im Ingenieurwesen über 110.000 Erstsemester. Zur Wende waren es noch ca. 70.000, in den 70ern rund 40.000. Und die Zahl der Schulabsolventen ist ja seitdem gesunken, nicht gestiegen: http://www.komm-mach-mint.de/var/mint/s ... 5-2009.jpg

In der Informatik ist es noch stärker nach oben gegangen: http://www.komm-mach-mint.de/var/mint/s ... 5-2012.jpg

Bei den Absolventen sieht's ähnlich aus:

Die Zahl der Studienanfänger in den Mint-Fächern ist von rund 110.000 im Jahr 2006 auf knapp 200.000 im Jahr 2013 gestiegen.

Noch wichtiger ist, dass sich im selben Zeitraum auch die Zahl der Absolventen in den Mint-Fächern fast verdoppelt hat: von 84.000 auf knapp 160.000.

http://www.zeit.de/2015/19/studienabbru ... ettansicht
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Re: Die Mär vom Fachkräftemangel

Beitragvon H2O » So 19. Mär 2017, 20:48

frems hat geschrieben:(19 Mar 2017, 19:12)

Man könnte den Verbänden auch unterstellen, sie würden den Mangel überzeichnen, damit es noch mehr potenzielle Bewerber gibt und sie damit die Löhne drücken können. Gerade der VDI hat sich damit in der Vergangenheit unbeliebt gemacht, weil er mit einer unwissenschaftlichen Methodik die Zahl der "benötigten" Stellen künstlich nach oben trieb. Von Forschungsinstituten, Arbeitsagentur, Universitäten usw. wurde das alles auseinandergenommen.

Und ja, die Zahl der Studienanfänger ist ziemlich gestiegen. Aktuelle Zahlen habe ich nicht, aber 2009 gab's im Ingenieurwesen über 110.000 Erstsemester. Zur Wende waren es noch ca. 70.000, in den 70ern rund 40.000. Und die Zahl der Schulabsolventen ist ja seitdem gesunken, nicht gestiegen: http://www.komm-mach-mint.de/var/mint/s ... 5-2009.jpg

In der Informatik ist es noch stärker nach oben gegangen: http://www.komm-mach-mint.de/var/mint/s ... 5-2012.jpg

Bei den Absolventen sieht's ähnlich aus:


http://www.zeit.de/2015/19/studienabbru ... ettansicht


Wir dürfen jetzt aber um Himmelswillen nicht das Gefühl aufkommen lassen, daß die Nachfrage nach diesen Absolventen nicht vergleichbar gestiegen wäre. Das hatten Sie auch am Eingang zu dieser Diskussion festgestellt anhand der 25.000 Arbeitssuchenden bei 800.000 Beschäftigten IT-Fachleuten. Völlig paßgenau, das geht nur bei sozialistischer Planwirtschaft. :eek:
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Re: Die Mär vom Fachkräftemangel

Beitragvon frems » So 19. Mär 2017, 20:51

H2O hat geschrieben:(19 Mar 2017, 20:48)

Wir dürfen jetzt aber um Himmelswillen nicht das Gefühl aufkommen lassen, daß die Nachfrage nach diesen Absolventen nicht vergleichbar gestiegen wäre. Das hatten Sie auch am Eingang zu dieser Diskussion festgestellt anhand der 25.000 Arbeitssuchenden bei 800.000 Beschäftigten IT-Fachleuten. Völlig paßgenau, das geht nur bei sozialistischer Planwirtschaft. :eek:

Ich geh schon davon aus, dass die Nachfrage gestiegen ist. Bei einem Mangel müssten aber auch die Löhne signifikant steigen und das ist nicht der Fall (genau wie es keine Heere an hochqualifizierten Arbeitslose gibt). Hält sich wohl grob die Waage. Oder? :?:
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Re: Die Mär vom Fachkräftemangel

Beitragvon H2O » So 19. Mär 2017, 20:59

frems hat geschrieben:(19 Mar 2017, 20:51)

Ich geh schon davon aus, dass die Nachfrage gestiegen ist. Bei einem Mangel müssten aber auch die Löhne signifikant steigen und das ist nicht der Fall (genau wie es keine Heere an hochqualifizierten Arbeitslose gibt). Hält sich wohl grob die Waage. Oder? :?:


Vielleicht kann man die Lohnzurückhaltung aber auch so deuten, daß der internationale Wettbewerb kaum mehr hergibt. Die Unternehmen wollen schließlich am Markt überleben. So weit ich noch im Film bin, gibt es in einigen mittleren Staaten weltweit eine Überakademisierung, so daß dort auch die Bäume der Einkommen nicht mehr in den Himmel wachsen. Dort werden gute Handwerker händeringend gesucht und deutlich besser bezahlt als mittlere Ingenieure... so hieß es aus Australien. Ist aber auch schon wieder eine ganze Weile her!
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Re: Die Mär vom Fachkräftemangel

Beitragvon frems » So 19. Mär 2017, 21:07

H2O hat geschrieben:(19 Mar 2017, 20:59)

Vielleicht kann man die Lohnzurückhaltung aber auch so deuten, daß der internationale Wettbewerb kaum mehr hergibt. Die Unternehmen wollen schließlich am Markt überleben. So weit ich noch im Film bin, gibt es in einigen mittleren Staaten weltweit eine Überakademisierung, so daß dort auch die Bäume der Einkommen nicht mehr in den Himmel wachsen. Dort werden gute Handwerker händeringend gesucht und deutlich besser bezahlt als mittlere Ingenieure... so hieß es aus Australien. Ist aber auch schon wieder eine ganze Weile her!

Kann sein, aber ich find den Vergleich dann ungünstig. Man vergleicht ja auch nicht gute Ingenieure mit mittleren Handwerkern. Von der Überakademisierung hab ich auch schon oft gehört, aber was die Alternative sein soll, verrät leider keiner. Ein Studium ist ja noch immer die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit.
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Re: Die Mär vom Fachkräftemangel

Beitragvon H2O » Mo 20. Mär 2017, 07:59

frems hat geschrieben:(19 Mar 2017, 21:07)

Kann sein, aber ich find den Vergleich dann ungünstig. Man vergleicht ja auch nicht gute Ingenieure mit mittleren Handwerkern. Von der Überakademisierung hab ich auch schon oft gehört, aber was die Alternative sein soll, verrät leider keiner. Ein Studium ist ja noch immer die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit.


Völlig richtig; aber es schien mir doch geboten darauf hin zu weisen, daß eine Spitzenkraft des Handwerks (Einbauküchen, Bäder) gegenüber ganz ordentlichen Ingenieuren seinerzeit in Australien weit besser verdiente. Das Studium ist also vielleicht Voraussetzung für ein hohes Einkommen, aber überhaupt keine Garantie. Das wird wohl gern falsch eingeschätzt. Mit "mittlerer" Ingenieur meinte ich doch nicht "mittelmäßig", sondern in mittlerer Position. Daß eine gute (fast hätte ich "gediegen" geschrieben ;) ) Ausbildung und auch berufliches Geschick die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit sind, darüber kann es doch gar keinen Streit geben.

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