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lamb of god
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Beitragvon lamb of god » Mi 4. Jun 2008, 19:01

würde die SPD verlieren, wenn die Ergebnisse der heute veröffentlichten Umfrage auch bei der BTW einträfen. Verglichen mit den Ergebnissen von 2005 dürften sich angesichts der Prognosen die dort nur noch in 7 Wahlkreisen eine SPD- Mehrheit sehen, insb. die Mandatsträger aus dem Osten warm anziehen. Wird die SPD im Osten parlamentarisch ausgetrocknet? 8)
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longly
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Re: Fast 100 Mandate

Beitragvon longly » Mi 4. Jun 2008, 20:14

lamb of god hat geschrieben:würde die SPD verlieren, wenn die Ergebnisse der heute veröffentlichten Umfrage auch bei der BTW einträfen. Verglichen mit den Ergebnissen von 2005 dürften sich angesichts der Prognosen die dort nur noch in 7 Wahlkreisen eine SPD- Mehrheit sehen, insb. die Mandatsträger aus dem Osten warm anziehen. Wird die SPD im Osten parlamentarisch ausgetrocknet? 8)

Das hörte ich heute auf hr-info! Die Kommentatorin sagte, das sei wegen der Annäherung an die Linke. Erwähnt wurde dabei nicht, dass Beck vor einigen Tagen die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit der FDP nicht ausschloss. Das SPD Wähler eine Zusammenarbeit mit der FDP nicht wollen, liegt doch viel näher.
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Re: Fast 100 Mandate

Beitragvon lamb of god » Mi 4. Jun 2008, 20:55

longly hat geschrieben: Die Kommentatorin sagte, das sei wegen der Annäherung an die Linke.
Natürlich liegt es daran. :mrgreen: Und das redet man sich gegenseitig so oft selbst ein, bis man es selbst glaubt. Nur wo, ausser in den Hirnen der selben Journalisten
gab es denn eine Annäherung an die Linke? Sollen sie es sich nur einreden In einer Diskussion des D-Radio meinte heute ein Zuhörer, dass er es sogar für möglich hält, dass die SPD bei der BTW hinter die Linke fällt. Das glaube ich zwar nicht, aber mehr als 30% wird dieser Saftverein nicht bekommen und das ist immer noch viel zu viel. Soll die Union doch 60% bekommen. Das wäre immer noch besser als diese Verarsche von den angeblich 2 großen grundverschiedenen Parteien. :roll:
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Re: Fast 100 Mandate

Beitragvon longly » Mi 4. Jun 2008, 21:27

lamb of god hat geschrieben:Natürlich liegt es daran. :mrgreen: Und das redet man sich gegenseitig so oft selbst ein, bis man es selbst glaubt. Nur wo, ausser in den Hirnen der selben Journalisten
gab es denn eine Annäherung an die Linke? Sollen sie es sich nur einreden In einer Diskussion des D-Radio meinte heute ein Zuhörer, dass er es sogar für möglich hält, dass die SPD bei der BTW hinter die Linke fällt. Das glaube ich zwar nicht, aber mehr als 30% wird dieser Saftverein nicht bekommen und das ist immer noch viel zu viel. Soll die Union doch 60% bekommen. Das wäre immer noch besser als diese Verarsche von den angeblich 2 großen grundverschiedenen Parteien. :roll:

Es ist schon bedrückend, dass auch einst seriöse Medien, nicht in der Lage sind Tatsachen zu berichten, sondern wie von einer Macht getrieben, den gleichen Müll verbreiten. :angry:
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Re: Fast 100 Mandate

Beitragvon garfield335 » Do 5. Jun 2008, 00:41

lamb of god hat geschrieben:Natürlich liegt es daran. :mrgreen: Und das redet man sich gegenseitig so oft selbst ein, bis man es selbst glaubt. Nur wo, ausser in den Hirnen der selben Journalisten
gab es denn eine Annäherung an die Linke? Sollen sie es sich nur einreden In einer Diskussion des D-Radio meinte heute ein Zuhörer, dass er es sogar für möglich hält, dass die SPD bei der BTW hinter die Linke fällt. Das glaube ich zwar nicht, aber mehr als 30% wird dieser Saftverein nicht bekommen und das ist immer noch viel zu viel. Soll die Union doch 60% bekommen. Das wäre immer noch besser als diese Verarsche von den angeblich 2 großen grundverschiedenen Parteien. :roll:


Es wäre schon eine ziemliche Demütigung wenn die SPD in ihrem früheren Stammland im Saarland auf den dritten Platz verwiesen werden würde.

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Re: Fast 100 Mandate

Beitragvon lamb of god » Do 5. Jun 2008, 01:48

Garfield335 hat geschrieben:
Es wäre schon eine ziemliche Demütigung wenn die SPD in ihrem früheren Stammland im Saarland auf den dritten Platz verwiesen werden würde..
Stammland??? :giggle: Öhmmm die einzigen Legislaturperioden in denen die SPD im Saarland die stärkste Fraktion stellte, waren die Jahre von Lafontaine.
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Re: Fast 100 Mandate

Beitragvon Rainald de Gien » Do 5. Jun 2008, 07:44

lamb of god hat geschrieben:Stammland??? :giggle: Öhmmm die einzigen Legislaturperioden in denen die SPD im Saarland die stärkste Fraktion stellte, waren die Jahre von Lafontaine.



Stimmt, dass hängt aber mit der besonderen Menthalität der Saarländer zusammen. Im Saarland wurden nach der kathastrophalen Regierung JoHo und der Saaratatutsabstimmung immer Personen gewählt und deren Partei halt hingenommen. Deswegen ist auch Müller MP, da sein Hauptkonkurent Heiko Maas, so farblos ist, dass eine Kalkwand gegen ihn einem Mirogemälde gleicht.

Deshalb hat Lafontaine (leider) wohl an der Saar 2009 durchaus Chancen falls Müller nicht nochmal antritt.
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Re: Fast 100 Mandate

Beitragvon lostsoul » Do 5. Jun 2008, 10:02

Garfield335 hat geschrieben:Es wäre schon eine ziemliche Demütigung wenn die SPD in ihrem früheren Stammland im Saarland auf den dritten Platz verwiesen werden würde.

Unmöglich wäre dies nicht.


in ihren gründungsländern schaffte die spd 2004 doch gerademal 9,8% (sachsen) und 14,5% (thüringen formerly known as sächsische kleinstaaten). die demütigung würde sich also in grenzen halten weil nicht neu.

die spd ist nun mal in einer lustigen situation. der linke flügel will eine zusammenarbeit mit der pds und ist gegen die zusammenarbeit mit der fdp. der rechte flügel will eine zusammenarbeit mit der fdp und ist gegen die zusammenarbeit mit der pds - die präsidentin sollen sie aber trotzdem mitwählen. wer die spd heute wählt weiß nicht was er morgen bekommt. fertig.
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Re: Fast 100 Mandate

Beitragvon yogi61 » Do 5. Jun 2008, 10:20

Rainald de Gien hat geschrieben:

Stimmt, dass hängt aber mit der besonderen Menthalität der Saarländer zusammen. Im Saarland wurden nach der kathastrophalen Regierung JoHo und der Saaratatutsabstimmung immer Personen gewählt und deren Partei halt hingenommen. Deswegen ist auch Müller MP, da sein Hauptkonkurent Heiko Maas, so farblos ist, dass eine Kalkwand gegen ihn einem Mirogemälde gleicht.

Deshalb hat Lafontaine (leider) wohl an der Saar 2009 durchaus Chancen falls Müller nicht nochmal antritt.



Aber Rainald,ich glaube kaum,dass das eine Mentalitätssache ist. Die Wahlen in der Bundesrepublik ob im Land oder im Bund,waren doch bis auf wenige Ausnahmen immer Personenwahlen.
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Re: Fast 100 Mandate

Beitragvon MoOderSo » Do 5. Jun 2008, 10:25

Wenn die Partei sich nicht ändert, endet sie langfristig als profilloser Mehrheitsbeschaffer, der froh sein kann 10% zu erreichen.
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Kommentar zum Komentar

Beitragvon lamb of god » Do 5. Jun 2008, 11:58

„20 Prozent für die Sozialdemokraten, wenn am Sonntag Bundestagswahlen wären: Wieder registrieren die Meinungsforscher von Forsa einen Minusrekord. Aber nicht nur die Wähler laufen der SPD weg - die Partei hat sich längst von sich selbst verabschiedet“, schreibt Franz Walter im Spiegel. Der Essay von Walter über den Niedergang der SPD ist eine Betrachtung von außen. Dabei kann man Vielem, was er beschreibt, nur zustimmen. Was ihm dabei allerdings völlig aus dem Blick gerät, das ist die Analyse, wie es und vor allem durch welche Kräfte innerhalb der Partei es zu dieser Implosion „der SPD“ kommen konnte. Es bleibt nach der Lektüre der Eindruck zurück, als sei der Zustand der SPD einer geradezu schicksalhaften Entwicklung geschuldet. Mit keinem Wort geht Franz Walter auf die Akteure innerhalb der SPD ein, die diese Partei in den Abgrund geführt haben. Es bleibt auch ausgespart, durch welchen politischen Kurs und mit welchen Mitteln das Führungspersonal diese Partei ruiniert hat.

Wie so häufig schreibt Franz Walter manches Richtige über die SPD, bei manchen Einschätzungen vermag ich ihm überhaupt nicht zuzustimmen. So teile ich keineswegs Walters Ansicht, dass „prominente Sozialdemokraten“ angesichts des trostlosen Zustands indifferent, träge oder lethargisch seien. Für mich stellt sich die Situation vielmehr so dar, dass etliche der „Regierungs-Sozialdemokraten“, wie Steinmeier, Steinbrück, Scholz, Tiefensee oder die Führung der Bundestagsfraktion von Struck bis Oppermann, sich mit aller Macht gegen eine Mehrheit oder jedenfalls gegen eine weit verbreitete Stimmung an der Parteibasis stemmen.Sie tun das – insofern gebe ich Walter recht - nicht offensiv und in einer argumentativen Auseinandersetzung, sondern indem sie in ihren Ämtern Fakten setzen oder mit Verfahrenstricks arbeiten.

Das kann man exemplarisch am Umgang der Führungsriege der SPD mit den Beschlüssen des Hamburger Parteitags oder mit dem dort verabschiedeten Grundsatzprogramm deutlich machen.

Auf diesem Parteitag wäre es zu einem Mehrheitsbeschluss gegen eine Privatisierung der Bahn gekommen, wenn nicht der Parteivorsitzende Kurt Beck in einer Art Vertrauensfrage einen Verfahrenskompromiss durchgesetzt hätte. Immerhin hieß es aber in dem verabschiedeten Beschluss noch: Die Deutsche Bahn bleibt ein Instrument der Daseinsvorsorge; private Investoren können sich zwar über stimmrechtslose Vorzugsaktien beteiligen, dürfen jedoch keinen Einfluss auf die Geschäftspolitik bekommen. Wörtlich: “Private Investoren dürfen keinen Einfluss auf die Unternehmensführung ausüben. Zur Erreichung dieses Ziels stellt die stimmrechtslose Vorzugsaktie die geeignete Form dar…eine andere Beteiligung privater Investoren lehnen wir ab.”

Kurt Beck gab bei seiner aufgeregten Intervention auf dem Hamburger Parteitag den Delegierten folgendes Versprechen ab:
„… dann sage ich Euch zu, dass wir bei dieser Beratung die hier deutlich gewordenen Sorgen und Bedenken einbeziehen werden. Und wenn bei dieser Beratung des Parteivorstandes unter diesen Anhörbedingungen, die ich angesprochen habe, diese Sorgen nicht völlig ausgeräumt sind, nicht völlig ausgeräumt sind, dann wird der Parteivorstand einer Regelung nicht von sich aus zustimmen, sondern die Entscheidung dem nächsten Parteitag übertragen.“

Schon wenige Tage nach dem Hamburger Parteitag brachten Tiefensee und Steinbrück, als ginge sie dieser Beschluss nichts an, das sog. Holding-Modell ins Gespräch. Danach sollten der Mutterkonzern im Bundeseigentum bleiben, die Töchter jedoch an die Börse gehen können.

Mitte April haben die Gremien der SPD – ohne einen Parteitag darüber entscheiden zu lassen – beschlossen, dass sich an den Betriebsgesellschaften (Fahrbetrieb und Güterverkehr) private Investoren mit bis zu 24,9 Prozent beteiligen können.

Für ihr Stillhalten gegenüber Kurt Becks ungeschickt eingestielten Öffnungsversuch gegenüber der Linkspartei haben ihm seine Stellvertreter Steinbrück und Steinmeier die Privatisierung der Bahn abgepresst.

Ein ähnliches Überrumpelungsmanöver konnte man auch vor dem „Zukunftskonvent“ der SPD beobachten. Da verortete der Hamburger Parteitag die SPD ausdrücklich als „linke Volkspartei“. Zwei Tage vor dem Treffen legten Steinmeier und Steinbrück ein Papier vor, indem sie die SPD „wieder“ in die „Mitte“ rücken wollten. Und wieder gab Kurt Beck nach und unterzeichnete mit. Beide wussten sehr genau, dass es auf diesem Konvent vor allem um ein trotziges Aufbruchssignal gehen musste und dass keine Entscheidungen getroffen werden konnten, deshalb konnte ein solcher Richtungsschwenk ohne Widerspruch aus der Partei kommuniziert werden.

Das sind nur zwei Beispiele aus der jüngsten Zeit, wie die Parteirechte mit der Partei umspringt. Dieses Ausmanövrieren der Partei durch die rechte Parteiführung machte seit Schröders Agenda-Verkündung Schule. Bis hin zum Coup der Ausrufung von Neuwahlen hat eine Parteiführung nach der anderen mit allen Mitteln versucht, eine Diskussion oder eine kritische Analyse über den politischen Kurs der SPD zu verhindern. Es gab keine Bestandsaufnahme der Agenda-Politik, es gab keine Aufarbeitung, warum die SPD Wahl für Wahl verloren hat, es durfte kein Nachdenken darüber geben, warum der SPD die Mitglieder in Scharen davon gelaufen sind. Die Flügelkämpfe „als Ausdruck elementarer Lebenswelten und Interessen“ (Walter) wurden – auch weil dem linken Flügel ein Kopf und eine informelle Organisationsstruktur fehlen - allenfalls unter der Decke ausgetragen, und mit jedem neuen Parteivorsitzenden, von Schröder über Müntefering und Platzeck bis Beck, musste die SPD zunächst einmal – diszipliniert wie die Parteitagsdelegierten der SPD eben immer waren – die jeweilige neue Führung unterstützen, ohne dass ernsthaft über Inhalte gestritten werden konnte oder wenigstens eine offene Klärung der politischen Ausrichtung herbeigeführt wurde.

Es herrscht ein Führungsstil, der inzwischen hauptsächlich von „bürokratischen“ Machtverwaltern an der Spitze der Partei geprägt ist. Verhaftet in ihrem vorausgegangenen Tun setzen die „Regierungs-Sozialdemokraten“ ihren Kurs mit Verfahrenstricks, „Personalklüngeln“, „intrigenhaften Scharmützeln“ (Walter) oder einfach damit durch, dass sie Fakten schaffen (z.B. die Bahnprivatisierung).

Die „Stones“, also die Steinmeiers und Steinbrücks, aber auch Scholz, Tiefensee oder Oppermann, verstehen und behandeln die SPD nicht mehr als eine Partei, in der sich Menschen zusammengefunden haben, um sich einzubringen und um gemeinsame politische Ziele zu verfolgen. Sie betrachten die SPD als ein in einer Parteiendemokratie notwendiges Übel, als einen Wahlverein, der den Amts- und Mandatsträgern zu folgen und zuzujubeln hat.

Die Schröderianer haben nie verstanden, dass die SPD - wie Franz Walter richtig schreibt - „eine Mitglieder- und Organisationspartei“ ist, die als Unterschichtenpartei auf die Sammlung von Menschen und Potenzierung von Organisationskraft angewiesen ist - weit stärker als ihre bürgerlichen Pendants, die über andere, materiell und kulturell wirksamere Ressourcen verfügen. Man könnte es etwas knapper auch so sagen: Schröder hat den „Genossen der Bosse“ gespielt und auf „Bild und die Glotze“ gesetzt - doch die Bosse und die Leitmedien haben weiterhin andere politische Kräfte unterstützt.

Steinmeier und Steinbrück verhalten sich auch als Politiker wie Karrierebeamte, nämlich so, als wären sie durch ihre Ernennungsurkunde ermächtigt, Entscheidungen zu treffen und diese mit ihrer Amtsautorität gegenüber unwilligen Genossen durchzusetzen. Ihnen geht es nicht mehr darum zu überzeugen, mitzunehmen oder Mehrheiten für Sachfragen zu organisieren, ihnen geht es um Gefolgschaft für die Ziele, die sie für richtig halten oder die sie durch ihr politisches Handeln gesetzt haben.

Verehrter Franz Walter, nicht „die Partei hat sich längst von sich selbst verabschiedet“, „die Partei“ wurde in den letzten Jahren von ihrer Führung verabschiedet oder hat sich verabschieden lassen. Und gerade deshalb hält sich „die Verzweiflung darüber…(dass die Partei implodiert) bei denen, die es angeht, in Grenzen“. Es ist gerade nicht „die Indifferenz, die Trägheit, die Lethargie prominenter Sozialdemokraten…warum der Zustand der SPD zum Gotterbarmen ist“, sondern es ist umgekehrt das zähe Kleben an der Agenda und das verdeckte Lavieren für einen politischen Kurs, den die politische Prominenz gegenüber der Partei und der Bevölkerung durchgesetzt hat. Steinmeier und Steinbrück verteidigen nur noch das vermeintlich heldenhafte Bild, das nach ihrer Meinung ihr großer Zampano Gerhard Schröder im Buch der Geschichte hinterlassen haben soll.

Nicht die SPD als Partei hat sich „von der Arbeiterklasse“ entkoppelt, sondern es waren ihre führenden Leute, die diese Entkoppelung offen zum Programm erhoben. Steinbrück hat das schon im Jahre 2003 in einem Zeit-Interview auf den Punkt gebracht: „Soziale Gerechtigkeit muss künftig heißen, eine Politik für jene zu machen, die etwas für die Zukunft unseres Landes tun: die lernen und sich qualifizieren, die arbeiten, die Kinder bekommen und erziehen, die etwas unternehmen und Arbeitsplätze schaffen, kurzum, die Leistung für sich und unsere Gesellschaft erbringen. Um die – und nur um sie – muss sich Politik kümmern.“

Die seit der Agenda-Ausrufung immer wiederkehrenden Anläufe, „soziale Gerechtigkeit“ neu zu definieren, angefangen vom „Fördern und Fordern“, über den „aktivierenden Sozialstaat“, die „Chancengerechtigkeit“ bis hin zur Orientierung auf die „Leistungsträger“ und „die Mitte“, haben den „kleinen Leuten“ nur allzu deutlich gemacht, dass sie ihre „Schutzmacht“ verloren haben.

Diejenigen, die die Lebenserfahrung gemacht haben, dass sie sich nicht alleine durchsetzen können, sondern dass sie eine politische Organisation, einen parlamentarischen „Betriebsrat“, eine Partei brauchen, die ihre Interessen gegenüber den strukturell mächtigeren Interessen in der Gesellschaft verteidigt, haben gespürt, dass sie von der SPD an den Rand gedrängt wurden, dass ihnen sogar vorgehalten wurde, sie würden sich nicht ausreichend anstrengen („Eigenverantwortung“), ja noch mehr, sie wurden als lästige Kostgänger des Sozialstaats abgestempelt (Hartz IV und die Gleichsetzung mit Sozialhilfeempfängern).

Deshalb verlor die SPD seit 1998 bei den Arbeitnehmern 15 Prozentpunkte und bei etlichen Landtagswahlen „gar ein Fünftel ihrer bisherigen Arbeiterwähler“. Ich stimme Franz Walter zu: „Der kühle, unsentimentale Exodus der Arbeiterklasse hat dem über ein Jahrhundert aufgeschichteten sozialdemokratischen Selbstverständnis den Kern genommen, mehr noch: hat der Partei ihre historische Voraussetzung und Zielsetzung - die Emanzipation der unteren Schichten - entzogen.“

Ich stimme Franz Walter auch zu: „Die SPD des Jahres 2008 ist keine Emanzipationsbewegung mehr“. Sie wurde zu einer Interessensformation der „Neo-Arrivierten in den ‚neuen Mitten’“ deformiert.

Ich kritisiere Franz Walter aber dafür, dass er nicht die Ursachen benennt, die zu dieser Deformation geführt haben. Er lässt die Verantwortlichen für den Niedergang der SPD ungeschoren und stellt keine Verbindung zwischen dem Kurs der Schröderianer in der Führungsriege und der Implosion der Partei her.
Indem Franz Walter nur davon spricht „die SPD“ befinde sich „im Herbst ihrer Geschichte“, fördert er nicht nur die Hoffnungslosigkeit der immer weniger werdenden parteiinternen Kritiker, er stärkt damit gleichzeitig die Siegeszuversicht vor allem ihrer konservativen Gegner.


Vermutlich hat deshalb der Spiegel diesen Essay abgedruckt, denn auf der gleichen Seite bietet das Blatt ein Diskussionsforum unter der Überschrift „Beck am Ende?“. Das soll wohl sagen: nicht die „Regierungs-Sozialdemokraten“ sind am Ende, sondern der hilflose Kurt Beck soll es also schuld sein. So schiebt man Steinmeier immer mehr in die Führungsrolle und die SPD als Partei vollends ins Grab.

Vielleicht wird Steinmeier erst 2009, wenn er sein Regierungsamt verliert, merken, dass er nur den Totengräber für die SPD gespielt hat.
http://www.nachdenkseiten.de/?p=3258
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Re: Fast 100 Mandate

Beitragvon Rainald de Gien » Do 5. Jun 2008, 15:59

yogi61 hat geschrieben:

Aber Rainald,ich glaube kaum,dass das eine Mentalitätssache ist. Die Wahlen in der Bundesrepublik ob im Land oder im Bund,waren doch bis auf wenige Ausnahmen immer Personenwahlen.



Natürlich kann man Mentalitäten immer schlecht belegen, es ist natürlich nur ein persönlicher Eindruck, aber da ich schon in einigen Bundesländern gelebt habe kann ich Dir versichern, hier ticken die Uhren absolut anders als in allen anderen deutschen Ländern und Regionen. Das fängt schon mit einer bewußten optischen Abgrenzung gegen das Reich in vielen öffentlichen Bereichen an, z.B. verschiedener französischer Verkehrsleitsysteme statt der deutschen, Hinweisschilder an Autobahnen zweisprachig und und und.

Wie gesagt, es ist nicht zu beweisen da persönlicher Eindruck, aber in der Politik ist der Homo Sarroilensis weit über andere Regionalien hinaus bereit sich Personen als Programmen und Parteien zuzuwenden. Das hat unteranderem den netten Vorteil, dass Du hier bis heute dem MP im Café in der Stadt auch absolut ohne Bodygarde begenen kannst. Wo gibts das noch bei Euch im Reich ?
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Re: Fast 100 Mandate

Beitragvon Quatschki » Do 5. Jun 2008, 17:24

In Sachsen ist die Personaldecke der SPD so dünn, daß man nur "Hier!" zu rufen braucht, um als Kandidat aufgestellt zu werden.

Und genau so sehen die Bewerber für die Kommunalwahlen am nächsten Sonntag meist auch aus!
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Re: Fast 100 Mandate

Beitragvon John Galt » Fr 6. Jun 2008, 02:49

Die SPD scheint das Projekt 18 bald geschafft zu haben. :o
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Re: Fast 100 Mandate

Beitragvon lamb of god » Fr 6. Jun 2008, 10:34

atompussy hat geschrieben:Die SPD scheint das Projekt 18 bald geschafft zu haben. :o
In Sachsen wäre das sogar ein Sieg. :mrgreen:
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Re: Fast 100 Mandate

Beitragvon lamb of god » Fr 6. Jun 2008, 13:04

Quatschki hat geschrieben:In Sachsen ist die Personaldecke der SPD so dünn, daß man nur "Hier!" zu rufen braucht, um als Kandidat aufgestellt zu werden.

Und genau so sehen die Bewerber für die Kommunalwahlen am nächsten Sonntag meist auch aus!
Dazu passend: SPD-Label wird zum Karrierehemmnis
Die Umfragewerte der SPD nähern sich denen der NPD. Das beschleunigt Absetzbewegungen. In Dresden ist es jetzt soweit, dass der Kandidat für die Oberbürgermeister-Wahl als Sozialdemokrat nicht erkannt werden will, berichtet Susanne Kailitz.

Diese Nachricht hat im Wahlkampf-Endspurt ganz sicher nicht für Begeisterung gesorgt: Nur noch desaströse 20 Prozent der Wähler wollen die SPD, wie der «Stern» ermitteln ließ. Doch Peter Lames hofft immer noch, dass er am Sonntag Dresdner Oberbürgermeister wird – trotz der Tatsache, dass er für die SPD antritt. Auf das bekannte Logo seiner Partei hat er auf den Wahlplakaten sicherheitshalber verzichtet. Die drei weißen Lettern auf rotem Grund fehlen.
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Re: Fast 100 Mandate

Beitragvon lamb of god » Mi 11. Jun 2008, 14:58

auch die neuesten Umfragen verheißen der SPD nix Gutes.
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Re: Fast 100 Mandate

Beitragvon MoOderSo » Mi 11. Jun 2008, 15:15

Die Forsa-Umfrage war noch etwas umfangreicher:
SPD ganz unten

Gut ein Drittel der SPD-Mitglieder denkt laut aktueller forsa-Umfrage über einen Austritt nach. 36 Prozent bejahten die Frage, ob sie angesichts der Turbulenzen der Partei in letzter Zeit über einen solchen Schritt nachgedacht hätten. 6 Prozent wollen demnach in Kürze austreten.

http://www.n-tv.de/Pofalla_tritt_nach_S ... 77601.html
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Re: Fast 100 Mandate

Beitragvon lamb of god » Mi 11. Jun 2008, 15:43

MoOderSo hat geschrieben:Die Forsa-Umfrage war noch etwas umfangreicher:
Aber begriffen haben die SPD-ler immer noch nichts
Heiko Maas, Vorsitzender der Saarland-SPD, betonte bei n-tv, diejenigen, auf die es innerhalb der SPD ankomme, hätten erkannt, "dass es der SPD schadet, wenn sie sich lediglich in Selbstbeschäftigung ergeht. Das schadet auch der Großen Koalition insgesamt." Er sieht jedoch vielfältige Gründe für die schlechten Umfragewerte der SPD. "Die SPD leidet darunter, dass es in Deutschland eine subjektiv empfundene Ungerechtigkeit gibt. Viele Leute haben den Eindruck, dass sie für ihr Geld hart schuften, im Ergebnis aber nichts davon haben und sich andere, in den oberen Etagen der Wirtschaft, die Taschen voll stopfen. Bei der SPD als sozialdemokratischer Partei landet dieser Unmut als erstes an."
Herr Maas ist kurz gesagt der Meinung, dass sich die Menschen das nur einbilden. :roll:
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