Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

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Progressiver
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Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

Beitragvon Progressiver » Mo 9. Apr 2018, 22:16

Die Johannesapokalypse -auch genannt das "Buch der Offenbarungen"- ist der letzte Teil der Bibel. In ihr wird, kurz gesagt, beschrieben, was nach christlichem Glauben der Welt noch alles blühen soll. Jesus sei demnach nicht für immer entschwunden, sondern solle quasi mit Pauken und Trompeten zurückkehren. Dies sogar noch zu Lebzeiten der Gläubigen. Diese Erde, auf der wir leben, würde durch die göttliche Allmacht total zerstört werden. Alle Menschen würden leibhaftig wiederauferstehen. UNd nachdem das christliche Endgericht vorbei sein solle, in der jeder Mensch seine Sünden vorgeworfen werden, gibt es die Alternative: entweder man darf mit einem neuen HImmel auf einer neuen Erde bis in alle Ewigkeit dem christlichen Gott Lobgesänge vorführen. Oder es droht die ewige Hölle. Dem Kirchenvater Augustinus zufolge steht jedoch die göttliche Gerechtigkeit über der menschlichen. Jemand, den wir als guten Menschen bezeichnen würden, kann trotzdem in Ungnade fallen. Da ist also nichts mit dem allmächtigen gleich lieben Gott. (So viel auch zur späteren Pascallschen Wette, welche, vereinfacht gesagt, besagt, dass alleine der Glaube an Gott einen ewig weiterleben lassen könnte.)

Was ich in diesem Thread diskutieren will, ist die Bedeutung der Johannesapokalypse im Christentum. Als ich zur Schule ging und noch katholischen Religionsunterricht hatte, überging der Religionslehrer dieses Thema. Wie man aber im Laufe der Geschichte beobachten konnte, war das drohende Endgericht ein entscheidendes Kapitel des Christentums. Die ersten Christen waren sowieso überzeugt, dass das "Reich Gottes" noch zu ihren Lebzeiten eintreffen würde. Der "Sündenpfuhl Welt" würde komplett vernichtet werden. Und nur sie und ihresgleichen würden überleben. Aber auch später war meines Erachtens die Angst vor dem drohenden vermeintlichen Weltuntergang ein beliebtes Mittel, um die Gläubigen in Angst und Schrecken zu versetzen. Naturkatastrophen und Kriege gab es viele. Und alle konnten als Vorboten eines drohenden christlichen Endgerichtes gesehen werden, welches "noch zu unseren Lebenszeiten" eintreffen könne.

Eine Ironie der Geschichte ist sicher: Schon die ersten Christen hofften so stark auf das baldige Kommen des "Reichs Gottes", dass sie darüber hinaus vergaßen, beispielsweise das Römische Reich und sein weltliches Bildungssystem zu erhalten und zu verteidigen. Immer wieder war man in der Geschichte der letzten 2.000 Jahre derart auf den Weltuntergang vorbereitet, dass man die wirklichen Katastrophen aus dem Auge verlor. Aktuelles Beispiel: Die religiöse Rechte in den USA hofft so stark auf die baldige Wiederkunft des "Reichs Gottes", dass da schon einmal die Folgen der menschengemachten Klimaerwärmung vollends geleugnet werden.

Mir drängt sich also folgende Ansicht auf: Laut der ursprünglichen christlichen Lehre dürfte es, streng genommen, gar keine Kirchen geben, da laut der Johannesapokalypse schon seit fast 2.000 Jahren versprochen wird, dass die baldige Vernichtung der Welt bzw. die Neuerschaffung einer neuen bevorstünde. Die Kirchen als solches waren zunächst nur als Provisorium gedacht, welche es aber bis in unsere Zeit geschafft hatten zu existieren. Die Kirchenoberen wiederum haben sich die Johannesapokalypse zunutze gemacht, indem sie tatsächliche Katastrophen und Kriege immer wieder als Vorboten des "Endgerichtes" gedeutet haben, um sich die Gläubigen mit den Schauermärchen bei der Stange zu halten. Mittlerweile wirkt diese Angstmache nicht mehr. Die Kirchen sind nach 2.000 Jahren Wartezeit in Erklärungsnot, was die baldige Wiederkunft des "Reichs Gottes" betrifft. Einige Gläubige leben zwar weiterhin in einer Art "Endzeitwahn". Da aber die Kirchen das Mittel "Furcht vor dem Endgericht" nicht mehr beherrschen, weil es sich ausgereizt hat, besteht für viele Gläubige keinen Grund mehr, Christ zu sein. Gerade die katholische Kirche ist zwar der Meinung, dass es "kein Heil außerhalb der Kirche" gebe. Da aber das Einschüchterungsmittel "baldiges Endgericht" nicht mehr wirkt, sehen viele Noch-Gläubige keinen Grund mehr, weiterhin Christ zu sein. Dies ist in etwa das, was ich hier diskutieren will. (Andere Religionen wie der Islam haben zwar auch mit der "baldigen Wiederkunft des Mahdi" oder ähnlichem eine stark endzeitliche Note. Doch will ich diese hier nicht diskutieren, da dies den Rahmen dieses Threads sprengen würde.)
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Re: Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

Beitragvon watisdatdenn? » Di 10. Apr 2018, 17:51

Da ist was dran.
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Re: Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

Beitragvon Ein Terraner » Di 10. Apr 2018, 18:30

Progressiver hat geschrieben:(09 Apr 2018, 23:16)

Alle Menschen würden leibhaftig wiederauferstehen.


Könnte etwas eng werden auf unserer Kugel.
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Re: Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

Beitragvon Misterfritz » Di 10. Apr 2018, 20:53

Ein Terraner hat geschrieben:(10 Apr 2018, 19:30)

Könnte etwas eng werden auf unserer Kugel.
:D
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Re: Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

Beitragvon Progressiver » Di 1. Mai 2018, 21:32

Ein Terraner hat geschrieben:(10 Apr 2018, 19:30)

Könnte etwas eng werden auf unserer Kugel.


Natürlich könnte das äußerst eng werden. Es wird geschätzt, dass es bisher circa 100 Milliarden gegeben hat, wenn man davon ausgeht, dass unsere ersten Ahnen sich vor 200.000 Jahren entwickelt hatten. Das wäre mehr Biomasse, als der Planet jetzt schon besitzt. Zumindest wäre die Erde für eine kurze Zeit derart überbevölkert, dass die Menschen in drei Stockwerken wie in einer Sardinenbüchse zusammengepfercht leben müssten, bis jeder von ihnen sein göttliches Urteil bekäme.

Was solche absurden Glaubensinhalte betrifft, so wundere ich mich höchstens, wie undurchdacht und unkritisch sie geglaubt werden. Aber, was die Religionen betrifft, so wird ja sowieso meistens nach dem Pippi-Langstrumpf-Prinzip geglaubt. Aber auch das wäre alleine für mich kein Problem. Mich wundert es nur weiterhin ebenfalls, dass aus diesen Glaubensinhalten heraus gefordert wird, dass die Menschen diese 1. als absolut wahr erachten sollen und 2., dass aus diesem Endzeitszenario dann auch noch Handlungsmaximen gebastelt werden, an die sich selbst Atheisten zu halten hätten.

Und 3. kann ich mich ebenso nur wundern, dass sich bis jetzt noch kein frommer Christenmensch zu diesem Thread geäußert hat. Soll dies etwa bedeuten, dass die ursprünglich wichtigste Botschaft der frühchristlichen Glaubenslehre den denkenden Christen mittlerweile entweder gleichgültig ist oder aber irgendwie derart peinlich, dass sie gar nichts mehr davon wissen wollen? :?:
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Re: Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

Beitragvon Skeptiker » Di 1. Mai 2018, 22:50

Progressiver hat geschrieben:(01 May 2018, 22:32)
Natürlich könnte das äußerst eng werden. Es wird geschätzt, dass es bisher circa 100 Milliarden gegeben hat, wenn man davon ausgeht, dass unsere ersten Ahnen sich vor 200.000 Jahren entwickelt hatten. Das wäre mehr Biomasse, als der Planet jetzt schon besitzt. Zumindest wäre die Erde für eine kurze Zeit derart überbevölkert, dass die Menschen in drei Stockwerken wie in einer Sardinenbüchse zusammengepfercht leben müssten, bis jeder von ihnen sein göttliches Urteil bekäme.

Was solche absurden Glaubensinhalte betrifft, so wundere ich mich höchstens, wie undurchdacht und unkritisch sie geglaubt werden. Aber, was die Religionen betrifft, so wird ja sowieso meistens nach dem Pippi-Langstrumpf-Prinzip geglaubt. Aber auch das wäre alleine für mich kein Problem. Mich wundert es nur weiterhin ebenfalls, dass aus diesen Glaubensinhalten heraus gefordert wird, dass die Menschen diese 1. als absolut wahr erachten sollen und 2., dass aus diesem Endzeitszenario dann auch noch Handlungsmaximen gebastelt werden, an die sich selbst Atheisten zu halten hätten.

Und 3. kann ich mich ebenso nur wundern, dass sich bis jetzt noch kein frommer Christenmensch zu diesem Thread geäußert hat. Soll dies etwa bedeuten, dass die ursprünglich wichtigste Botschaft der frühchristlichen Glaubenslehre den denkenden Christen mittlerweile entweder gleichgültig ist oder aber irgendwie derart peinlich, dass sie gar nichts mehr davon wissen wollen? :?:

Du vermutest hier fromme Christenmenschen? Ich habe hier eher Atheisten wie mich wiedergefunden.

Ja, die Johannesapokalypse gilt ja als sehr dramatisch. Daher haben wir es im Religionsunterricht vorsorglich wohl garnicht behandelt. Ganz im Gegensatz natürlich zu streng christlich erzogenen Leuten, die sich sehr wohl des Inhaltes bewußt sind.

Ich kenne Mitglieder einer Freikirche. Es ist bemerkenswert wie die darauf gepolt sind in gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen die Anzeichen für die kommende Apokalypse zu sehen. Und wir reden da über Ingenieure die ansonsten sehr faktenorientiert gepolt sind.

Mir macht diese Weltuntergangssucht von Sekten und anderen Glaubensgemeinschaften Sorgen. Ich möchte nicht, dass Menschen mit religiösen Denkschematas, mit solchen Hirngespinnsten, am Nukleardrücker sitzen.
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Re: Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

Beitragvon BlueMonday » Mi 2. Mai 2018, 10:28

Progressiver hat geschrieben:(01 May 2018, 22:32)

. Soll dies etwa bedeuten, dass die ursprünglich wichtigste Botschaft der frühchristlichen Glaubenslehre


Wie kommst du darauf? Die Johannesoffenbarung hat nie einen zentralen Platz eingenommen, es wurde gar gestritten, ob sie überhaupt in den Kanon zu übernehmen sei.
Letztlich ist das der Schriebs lediglich eines "Propheten", wie es sie damals zahlreich gab und heute immer noch gibt. Untergangsszenarien an die Wand zu malen, ist immer ein gutes Mittel, um sich Gehör zu verschaffen.

Die wesentliche Botschaft des Chistentum war und ist das Evangelium, eben die "frohe Botschaft", dass Gott als zu Fleisch gewordener Jesus am Kreuz für die Menschen gestorben ist, seine Wiederauferstehung usw usf. und mit alldem der Anbruch des "Reich Gottes auf Erden". Im Grunde ist die frohe Botschaft das Gegenteil zur Untergangshysterie: Du musst dich nicht sorgen, nur glauben.
But who would build the roads?

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