Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

Moderator: Moderatoren Forum 8

Benutzeravatar
Progressiver
Beiträge: 1726
Registriert: Sa 31. Mär 2012, 23:37
Wohnort: Baden-Württemberg

Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

Beitragvon Progressiver » Mo 9. Apr 2018, 22:16

Die Johannesapokalypse -auch genannt das "Buch der Offenbarungen"- ist der letzte Teil der Bibel. In ihr wird, kurz gesagt, beschrieben, was nach christlichem Glauben der Welt noch alles blühen soll. Jesus sei demnach nicht für immer entschwunden, sondern solle quasi mit Pauken und Trompeten zurückkehren. Dies sogar noch zu Lebzeiten der Gläubigen. Diese Erde, auf der wir leben, würde durch die göttliche Allmacht total zerstört werden. Alle Menschen würden leibhaftig wiederauferstehen. UNd nachdem das christliche Endgericht vorbei sein solle, in der jeder Mensch seine Sünden vorgeworfen werden, gibt es die Alternative: entweder man darf mit einem neuen HImmel auf einer neuen Erde bis in alle Ewigkeit dem christlichen Gott Lobgesänge vorführen. Oder es droht die ewige Hölle. Dem Kirchenvater Augustinus zufolge steht jedoch die göttliche Gerechtigkeit über der menschlichen. Jemand, den wir als guten Menschen bezeichnen würden, kann trotzdem in Ungnade fallen. Da ist also nichts mit dem allmächtigen gleich lieben Gott. (So viel auch zur späteren Pascallschen Wette, welche, vereinfacht gesagt, besagt, dass alleine der Glaube an Gott einen ewig weiterleben lassen könnte.)

Was ich in diesem Thread diskutieren will, ist die Bedeutung der Johannesapokalypse im Christentum. Als ich zur Schule ging und noch katholischen Religionsunterricht hatte, überging der Religionslehrer dieses Thema. Wie man aber im Laufe der Geschichte beobachten konnte, war das drohende Endgericht ein entscheidendes Kapitel des Christentums. Die ersten Christen waren sowieso überzeugt, dass das "Reich Gottes" noch zu ihren Lebzeiten eintreffen würde. Der "Sündenpfuhl Welt" würde komplett vernichtet werden. Und nur sie und ihresgleichen würden überleben. Aber auch später war meines Erachtens die Angst vor dem drohenden vermeintlichen Weltuntergang ein beliebtes Mittel, um die Gläubigen in Angst und Schrecken zu versetzen. Naturkatastrophen und Kriege gab es viele. Und alle konnten als Vorboten eines drohenden christlichen Endgerichtes gesehen werden, welches "noch zu unseren Lebenszeiten" eintreffen könne.

Eine Ironie der Geschichte ist sicher: Schon die ersten Christen hofften so stark auf das baldige Kommen des "Reichs Gottes", dass sie darüber hinaus vergaßen, beispielsweise das Römische Reich und sein weltliches Bildungssystem zu erhalten und zu verteidigen. Immer wieder war man in der Geschichte der letzten 2.000 Jahre derart auf den Weltuntergang vorbereitet, dass man die wirklichen Katastrophen aus dem Auge verlor. Aktuelles Beispiel: Die religiöse Rechte in den USA hofft so stark auf die baldige Wiederkunft des "Reichs Gottes", dass da schon einmal die Folgen der menschengemachten Klimaerwärmung vollends geleugnet werden.

Mir drängt sich also folgende Ansicht auf: Laut der ursprünglichen christlichen Lehre dürfte es, streng genommen, gar keine Kirchen geben, da laut der Johannesapokalypse schon seit fast 2.000 Jahren versprochen wird, dass die baldige Vernichtung der Welt bzw. die Neuerschaffung einer neuen bevorstünde. Die Kirchen als solches waren zunächst nur als Provisorium gedacht, welche es aber bis in unsere Zeit geschafft hatten zu existieren. Die Kirchenoberen wiederum haben sich die Johannesapokalypse zunutze gemacht, indem sie tatsächliche Katastrophen und Kriege immer wieder als Vorboten des "Endgerichtes" gedeutet haben, um sich die Gläubigen mit den Schauermärchen bei der Stange zu halten. Mittlerweile wirkt diese Angstmache nicht mehr. Die Kirchen sind nach 2.000 Jahren Wartezeit in Erklärungsnot, was die baldige Wiederkunft des "Reichs Gottes" betrifft. Einige Gläubige leben zwar weiterhin in einer Art "Endzeitwahn". Da aber die Kirchen das Mittel "Furcht vor dem Endgericht" nicht mehr beherrschen, weil es sich ausgereizt hat, besteht für viele Gläubige keinen Grund mehr, Christ zu sein. Gerade die katholische Kirche ist zwar der Meinung, dass es "kein Heil außerhalb der Kirche" gebe. Da aber das Einschüchterungsmittel "baldiges Endgericht" nicht mehr wirkt, sehen viele Noch-Gläubige keinen Grund mehr, weiterhin Christ zu sein. Dies ist in etwa das, was ich hier diskutieren will. (Andere Religionen wie der Islam haben zwar auch mit der "baldigen Wiederkunft des Mahdi" oder ähnlichem eine stark endzeitliche Note. Doch will ich diese hier nicht diskutieren, da dies den Rahmen dieses Threads sprengen würde.)
"Skepsis ist der erste Schritt auf dem Weg zur Philosophie." (Denis Diderot)
Benutzeravatar
watisdatdenn?
Beiträge: 1600
Registriert: Do 19. Jun 2008, 14:08

Re: Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

Beitragvon watisdatdenn? » Di 10. Apr 2018, 17:51

Da ist was dran.
Benutzeravatar
Ein Terraner
Beiträge: 5229
Registriert: Sa 7. Mai 2016, 18:48
Wohnort: München

Re: Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

Beitragvon Ein Terraner » Di 10. Apr 2018, 18:30

Progressiver hat geschrieben:(09 Apr 2018, 23:16)

Alle Menschen würden leibhaftig wiederauferstehen.


Könnte etwas eng werden auf unserer Kugel.
Licht und Dunkel
Benutzeravatar
Misterfritz
Moderator
Beiträge: 3397
Registriert: So 4. Sep 2016, 14:14
Wohnort: badisch sibirien

Re: Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

Beitragvon Misterfritz » Di 10. Apr 2018, 20:53

Ein Terraner hat geschrieben:(10 Apr 2018, 19:30)

Könnte etwas eng werden auf unserer Kugel.
:D

Zurück zu „81. Religion“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste