Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

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Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Progressiver » So 21. Aug 2016, 13:29

In einem Beitrag im Feuilleton der Frankfurter Allgemeine hat Ilja Trojanow die These gebracht, dass der größte Feind des islamischen Extremismus der Sufismus sei. Und er appelliert an den Westen, diese Richtung zu unterstützen:

Undogmatisch, friedfertig, künstlerisch: Der Sufismus ist ein Gegenmittel zu Gewalt und Engstirnigkeit der Orthodoxie. Warum der Westen die noch vielerorts lebhaften Traditionen unterstützen und fördern sollte.


http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/b ... 94753.html

Dieser Artikel war eine Antwort auf einen Beitrag Stefan Weidners in der Süddeutschen Zeitung, der den Sufismus als eben doch nicht so friedlich hinstellen wollte:

In Algerien und Libyen kämpften die Sufi-Orden gegen die Kolonialmächte


http://www.sueddeutsche.de/kultur/islam ... .3109023-2

Aus dessen Artikel habe ich selbst aber nur herausgelesen, dass der Sufismus -also die sogenannte mystische Richtung des Islam- eben doch nicht radikalpazifistisch in seiner Geschichte war. Dieser Autor scheint sich aber daran vor allem zu stören, dass die Sufis früher aktiv Widerstand gegen die Kolonialmächte geleistet hatten.

Wer mehr über den Sufismus mehr wissen will, der sei hiermit auf den Wikipedia-Artikel verwiesen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Sufismus

Der anfangs von mir zitierte Ilja Trojanow meint jedenfalls in seinem Artikel abschließend:

Denn die Sufis sind die wichtigsten Gegner der Fundamentalisten. Wo sich ihr Einfluss hält, wird der Extremismus in Schach gehalten. Wenn aber Salafisten an die Macht gelangen, müssen Sufis um ihr Überleben kämpfen. Gewiss, die Unterstützung von Sufis ist kein Allheilmittel, aber es ist einer der besten Wege hin zu friedlicher Koexistenz, erheblich vielversprechender als die offensichtlich kontraproduktive Politik militärischer Einmischung. Denn die baldige Säkularisierung der islamischen Welt ist eine Fata Morgana.


Hat also Ilja Trojanow Recht? Ist es wirklich so einfach? Reicht es, wenn man nur die pazifistische, mystische und antiautoritäre Seite des Islam unterstützt, damit das Morden der Selbstmordattentäter im Nahen Osten weniger wird? Und wird die baldige Säkularisierung der islamischen Welt demgegenüber wirklich eine Fata Morgana bleiben? Diese und andere Fragen will ich hier mit Hilfe dieses Threads erörtern.
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Re: Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Ebiker » So 21. Aug 2016, 13:35

Was sagt der Sufismus zur Glaubensfreiheit ? Darf ein Sufi konverieren ? Was sagt er zur Gleichberechtigung der Religionen, von Mann und Frau ?
Eines Tages werden Millionen Menschen die südliche Hemisphäre verlassen, um in der nördlichen Hemisphäre einzufallen. Und sie werden sie erobern, indem sie sie mit ihren Kindern bevölkern.
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Re: Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Kael » So 21. Aug 2016, 13:35

Klingt irgendwie als würde man Alkoholiker unterstützen
Marc Aurel

Re: Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Marc Aurel » So 21. Aug 2016, 13:38

Progressiver hat geschrieben:...

Hat also Ilja Trojanow Recht? Ist es wirklich so einfach? Reicht es, wenn man nur die pazifistische, mystische und antiautoritäre Seite des Islam unterstützt, damit das Morden der Selbstmordattentäter im Nahen Osten weniger wird? Und wird die baldige Säkularisierung der islamischen Welt demgegenüber wirklich eine Fata Morgana bleiben? Diese und andere Fragen will ich hier mit Hilfe dieses Threads erörtern.


Interessantes Thema.
Zur markierten Frage: Das ist wohl ironisch gemeint. Dass da einzelne Maßnahmen nicht ausreichen, dürfte wohl jedem klar sein.
Also die erste Frage würde ich klar mit nein, die zweite mit ja beantworten.
Zuletzt geändert von Marc Aurel am So 21. Aug 2016, 13:40, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Flat » So 21. Aug 2016, 13:40

Moin,

beim Sufismus habe ich derzeit das Gefühl, dass das Gutfinden desselben derzeit unter bestimmten Nichtmuslimen sehr angesagt ist, jedoch ohne irgendwie bei der Betrachtung in die Tiefe zu gehen, ob das Idealbild wirklich der Realität entspricht.
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Re: Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Progressiver » So 21. Aug 2016, 13:46

Flat hat geschrieben:(21 Aug 2016, 14:40)

Moin,

beim Sufismus habe ich derzeit das Gefühl, dass das Gutfinden desselben derzeit unter bestimmten Nichtmuslimen sehr angesagt ist, jedoch ohne irgendwie bei der Betrachtung in die Tiefe zu gehen, ob das Idealbild wirklich der Realität entspricht.


Also, für mich sind tanzende Derwische ein kleineres Übel als Terroristen. Aber was verstehst du denn unter einem Idealbild versus der Realität?
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Re: Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Flat » So 21. Aug 2016, 13:53

Progressiver hat geschrieben:(21 Aug 2016, 14:46)

Also, für mich sind tanzende Derwische ein kleineres Übel als Terroristen. Aber was verstehst du denn unter einem Idealbild versus der Realität?


Moin,

ach, ich habe mich über Sufismus nur mal am Rande informiert.

Aber ich musste bei den Beiträgen hier an die Aleviten denken, die ja auch allenthalben als die tollen, integrierten Muslime gesehen werden und als Vorbild für alle anderen Muslime.

Ja, von den Aleviten geht keine Terrorgefahr aus, ja, bei uns sammeln die einmal jährlich in der Stadt ehrenamtlich den Müll auf. Ihre Moschee ist offen, usw.

Die Politik schwärmt gern mal für diese Gruppierung als die guten Muslime.

Ich bin dann mal am Tag der offenen Tür hin. Gemeindeleitung nur Männer, am Eingang eine Broschüre, warum arrangierte Ehen das einzig wahre sind und Liebesheiraten strikt abzulehnen

Irgendwann kamen die Frauen still rein, alle Kopftuchbedeckt und setzen sich still in die letzte Reihe. Sie hatten die Küchenarbeit fertig gemacht.



Ja, natürlich sind mir solche Muslime viel lieber als welche, aus deren Reihen Terrorgefahr ausgeht, aber deshalb muss ich doch nicht den Blick vor allem anderen abwenden.


Ich könnte mir vorstellen, dass es beim Sufismus ähnlich ist.

Ich bin da vorsichtig geworden mit vorauseilender Begeisterung.
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Re: Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Wasteland » So 21. Aug 2016, 17:31

Es gibt verschiedene Formen des Sufismus, von per se pazifistisch kann man nicht sprechen, aber es gibt solche durchaus.

https://de.wikipedia.org/wiki/Mevlevi
https://de.wikipedia.org/wiki/Dschal%C4 ... %ABm%C4%AB

Gilt als sowas wie der Urvater der Aleviten, damals war er einfach nur ein normaler Muslim, Aleviten gab es zu seiner Zeit nicht.
https://de.wikipedia.org/wiki/Hadschi_Bektasch

Seine Philosophie stark verkürzt:

1.Das Universum ist die sichtbare Gestalt Gottes
2.Rituelle Gebete machen keinen Menschen besser
3.Die Taten zählen, nicht die Worte
4.Betet nicht mit den Knien, sondern mit dem Herzen
5.Das wichtigste Buch zum Lesen ist der Mensch
6.Glücklich ist, wer die Gedankenfinsternis erhellt
7.Ermögliche den Frauen eine gute Bildung
8.Es gibt kein Gegeneinander von Gott und Mensch, sondern ein Miteinander in tiefer Verbundenheit
9.Rost glüht nicht von selbst, sondern durch das Feuer
10.Der Verstand sitzt im Kopf, nicht in der Krone
11.Was Du suchst, findest Du in Dir selbst, nicht in Jerusalem, nicht in Mekka

Auch er hat das Alevitentum stark beinflusst:
https://de.wikipedia.org/wiki/Yunus_Emre


Hier etwas zu deren Ansichten (Im Text steht, dass Mevlana Türke war, er war aber Perser)

http://www.transanatolie.com/Deutsch/de ... nismus.htm


Alle Geschöpfe, seien sie nun gut oder schlecht, schön oder hässlich, müsse man lieben und tolerieren als Werke des Schöpfers, hatte Mevlânâ gesagt. Und in einem Gedicht, das ein Gegenstück zu denen von Yunus Emre ist, heißt es:

Wieder komm wieder,
wärst du auch ungläubig,
wärst du ein Feueranbeter
oder ein Götzendiener
Hättest du auch hundertmal Reue geschworen
Und den Schwur hundertmal wieder gebrochen:
Der Hoffnungslosigkeit Tür ist diese Tür nicht.
Wie immer du bist, komm so!

So erteilt Mevlânâ jedem eine Lektion in Menschlichkeit. Und in einem Aphorismus sagt er: „Ich bin wie ein Zirkel. Mit dem einen Fuß stehe ich fest auf dem Boden des Glaubens, mit dem anderen wandere ich durch die 72 Nationen“.

Der Ausdruck „72 Nationen“ wird als Umschreibung für die Menschen der ganzen Welt gebraucht. Wir finden ihn immer wieder bei Yunus Emre und Mevlânâ, aber auch in den Lehren des Hacı Bektaş-i Veli.

„Wer die 72 Nationen nicht kennt, der ist nicht von uns“, damit meint Hacı Bektaş, dass derjenige, der nicht alle Menschen unterschiedslos liebt, für ihn nicht als Weggefährte in Frage kommt – was eine sehr fortschrittliche Ansicht ist.

Yunus Emre ist gegen alle Gedanken, die die Menschen einander zu Feinden machen: Wir sind gegen den Hass, wir rächen uns an niemandem, für uns ist die ganze Welt eine Einheit, so formuliert er.


Und ja, all diese Personen sind bei Salafisten ziemlich stark verhasst. Das geht soweit das sie deren Gräber schänden etc.
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Re: Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Progressiver » So 21. Aug 2016, 18:28

@Wasteland,

zuerst einmal danke. Und zum Gottesbegriff der Sufis hätte ich da noch eine Frage: Kann man die Sufis im westlichen Sinne als Pantheisten bezeichnen?

Was mich selbst betrifft, habe ich mich vor Jahren auch einmal mit den verschiedenen mystischen Traditionen der Religionen befasst. Ich weiß nicht mehr, was davon hängen geblieben ist. Aber mit Mystikern dürfte ich als aufgeklärter Atheist, der ich ja weiterhin bin, im täglichen Umgang am wenigsten Probleme haben. Die Mystiker selbst hatten und haben jedoch in der Regel Probleme mit ihren eigenen Glaubensgenossen.

Im Mittelalter gab es ja im Christentum den Meister Eckhart:

https://de.wikipedia.org/wiki/Meister_Eckhart

Dieser wurde, kurz gesagt, auch vom damaligen Papst der Häresie angeklagt. Während der Prozess gegen Meister Eckhart lief, starb dieser allerdings.

Bei den Sufis jedenfalls werden vom IS und anderen Salafisten nicht nur Gräber geschändet, sondern auch Gläubige und Musiker ermordet. Aber es scheint wohl so, dass die Reihe derer, die lieber fanatisch hassen und morden in allen Religionen größer zu sein scheint als diejenigen, die lieber in sich kehren, um dort ihren Gott -oder was immer sie dafür halten-, zu suchen.

Wie auch immer: Jedenfalls habe ich auch als Laizist weniger Probleme mit Leuten, die ihren "Gott" in sich selbst suchen und diesen mit "Liebe" übersetzen als mit Hasspredigern jedweder Religion, die lieber Gewalt gegenüber Andersdenkenden predigen und die ganze Welt mit ihren Glaubensvorschriften zwangsbeglücken wollen.
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Re: Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Bleibtreu » So 21. Aug 2016, 18:29

Wasteland hat geschrieben:(21 Aug 2016, 18:31)

Es gibt verschiedene Formen des Sufismus, von per se pazifistisch kann man nicht sprechen, aber es gibt solche durchaus. [...]

Richtig - nur die romantisch veranlagten Orientalisten des 19./20. Jahrhunderts haben Sufis, die Mystiker des Islam, pauschal verklärt. Die hatten auch nicht die KritikPunkte im Auge, die für aufgeklärte Gesellschaften gelten. Und diese verklärte Vorstellung wird von berauschten EsoterikAnhängern dann als pazifistische Friedens- und FreiheitsDenomination weiter getragen. Der verkiffte, weltfremde, harmlose Sufi. So eine Art islamischer Hippies. Mit der Realität hat das freilich wenig gemein. Es kommt eben immer darauf an, welchem SufiOrden sie angehören. Bei den sunnitischen Sufis kann man generell sagen, dass sie einer der 4 RechtsSchulen angehören und sich damit deren Ansichten unterwerfen. Ich kenne nicht wenige Sufis der Naqschbandīya, einer der größten SufiOrden, die auch wiederum unterschiedlichen Scheichs angehören und sich der Mystik verschrieben haben, trotzdem sehr oft die Ansichten orthodoxer Hardliner vertreten. Also für die Verschleierung, die Körperstrafen wie Hand abhacken und Auspeitschen, die Beschneidung bei der Frau und die TodesStrafe bei prakt. Homosexualität und EheBruch etc. pp sind.

Und ja, all diese Personen sind bei Salafisten ziemlich stark verhasst. Das geht soweit das sie deren Gräber schänden etc.

Nicht nur die Salafisten verabscheuen Sufis, das ist unter Orthodoxen sehr weit verbreitet. Schon wegen den unterschiedlichen G'ttesBildern.
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Re: Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Platon » So 21. Aug 2016, 20:15

Progressiver hat geschrieben:(21 Aug 2016, 14:29)

In einem Beitrag im Feuilleton der Frankfurter Allgemeine hat Ilja Trojanow die These gebracht, dass der größte Feind des islamischen Extremismus der Sufismus sei. Und er appelliert an den Westen, diese Richtung zu unterstützen:

Es kommt halt immer darauf an was man unter "Islamischen Extremismus" und mit "unterstützen" meint. Sicherlich konkurrieren Sufi-Gruppen um Gläubige aber jemand der in Deutschland zum Islam konvertiert z.B. der kann sich ja problemlos informieren und je nach Vorliebe dann die entsprechende Gruppe aufsuchen.
Ich denke aber nicht, dass Sufi-Gruppen mehr Anrecht haben auf staatliche Anerkennung und auf das Anrecht den Islam zu repräsentieren und für ihn zu sprechen als andere Gruppen.
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/ilija-trojanow-ueber-sufismus-14394753.html

Dieser Artikel war eine Antwort auf einen Beitrag Stefan Weidners in der Süddeutschen Zeitung, der den Sufismus als eben doch nicht so friedlich hinstellen wollte:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/islam ... .3109023-2

Aus dessen Artikel habe ich selbst aber nur herausgelesen, dass der Sufismus -also die sogenannte mystische Richtung des Islam- eben doch nicht radikalpazifistisch in seiner Geschichte war. Dieser Autor scheint sich aber daran vor allem zu stören, dass die Sufis früher aktiv Widerstand gegen die Kolonialmächte geleistet hatten.

Prinzipiell eröffnet das Lehrer-Schüler-Verhältnis im Sufismus bei dem der Schüler bis zum Rande der Selbstaufgabe seinem Meister zu gehorchen hat, und die Organisation in womöglich größere Orden die Möglichkeit weltliche, politische und militärische Macht anzuhäufen. Bei der großen Masse können dann, ähnlich wie bei der Schia, können vor allem charismatische Persönlichkeiten auch politische Bedeutung erlangen, wie in der Türkei Fethullah Gülen oder in Pakistan Tahir ul Qadri.
So eine Persönlichkeit kann im Extremfall auch Anführer einer revolutionären-militanten Bewegung sein, das ist im Moment aber nicht so in Mode, weil es ja die Jihadisten gibt und wer im Moment mit der Waffe in der Hand eine Revolution machen will, wird eben Salafi-Jihadist.

Es kommt eben immer auf die Umstände an. Der Sufismus ist seit dem Mittelalter in Orden organisiert, d.h. es gibt einen obersten Lehrer und einen Kreis von Schülern, die dann womöglich auch wieder Schüler haben usw. und so gibt es große Orden mit vielen Verzweigungen usw. Und es kommt dann halt immer auf den Lehrer/Meister an und welche Vorlieben er hat und in welcher Tradition er steht. Das führt zu einer großen Vielfalt in der Religionsausübung und das zieht dann unterschiedliche Klientel an. Es gibt einige überaus liberale Sufi-Orden vor allem in Indien mit dem Chishti-Orden und auch im Westen gibt es, gerne auf Ableger des Chishti-Ordens zurückgehende, teils extrem-liberale Sufis die sich selbst gar nicht mehr als richtige Muslime sehen und Teil der Esoterik-Szene sind.
Dem gegenüber steht die islamische Orthodoxie die sich in den Kernländern der islamischen Welt findet und dort konservative Schichten anspricht, die vielen Zweige der Naqshbandiya und einige andere mehr. Da sollte man nicht allzu viel Liberalität erwarten.

Dazu muss man sehen, dass die Inhalte des Sufismus sehr großen Einfluss auch auf solche Muslime haben, welche nicht Mitglied in einem Sufi-Orden sind. Gerade in Ländern wie Ägypten, Indonesien oder der Türkei ist Islam, auch konservativer, stark mysthisch geprägt. Der Islam ist eben eine Religion und die Spiritualität die er anbietet ist sehr stark von Sufi-Ideen geprägt.
So wirklich abgrenzbar wird das erst durch die salafistische Reform, welche gegen diese Ideen vorgeht und sie dadurch auch erst problematisiert, wie z.B. der Kult um heilige Persönlichkeiten zu deren Gräbern man pilgert um dort um Hilfe/Einsicht zu beten oder um Punkte fürs Jenseits zu sammeln.
[...]Hat also Ilja Trojanow Recht? Ist es wirklich so einfach? Reicht es, wenn man nur die pazifistische, mystische und antiautoritäre Seite des Islam unterstützt, damit das Morden der Selbstmordattentäter im Nahen Osten weniger wird? Und wird die baldige Säkularisierung der islamischen Welt demgegenüber wirklich eine Fata Morgana bleiben? Diese und andere Fragen will ich hier mit Hilfe dieses Threads erörtern.

Nein. Es ist auch nicht Sache des Westens in der islamischen Welt bestimmte Strömungen zu unterstützen. Es werden sich am Ende die durchsetzen, welche Antworten auf die Lebensverhältnisse der dortigen Menschen finden. Die Gewalt in der arabischen Welt hat nichts damit zu tun, dass sich bestimmte Strömungen ausbreiten oder nicht sondern mit sozialen und politischen Problemen der jeweiligen Länder. Würde der Salafismus aus der Region von heute auf morgen verschwinden würde man halt unter einer anderen Flagge Krieg führen. Es würden sich lediglich die Namen der Gruppen ändern, nicht aber die grundlegenden Ursachen von Gewalt und Krieg. Wie gesagt abgesehen davon, dass es nicht Sache des Westens ist und ohnehin jeder vom Westen unterstützte Islam als koloniales Projekt abgelehnt werden würde und man das genaue Gegenteil erreichen würde, als was intendiert ist.
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Re: Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Bleibtreu » So 21. Aug 2016, 20:21

Danke Platon, da sind wir uns mal absolut einig, ausgenommen dein letzter Absatz, der sich nicht auf den Sufismus bezieht - schöner, ausführlicher Beitrag. Dieses Mal habe ich nichts zu beanstanden; deine sonst so gern ausufernde Geschwätzigkeit, die dem Leser den Blick für das Wesentliche nimmt, hat sich in Grenzen gehalten. Aber... das kann ja noch kommen - deine Schwatzucht + meine Renitenz. Kennst mich ja. :D
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Re: Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Wasteland » So 21. Aug 2016, 20:42

Platon hat geschrieben:
Nein. Es ist auch nicht Sache des Westens in der islamischen Welt bestimmte Strömungen zu unterstützen. Es werden sich am Ende die durchsetzen, welche Antworten auf die Lebensverhältnisse der dortigen Menschen finden. Die Gewalt in der arabischen Welt hat nichts damit zu tun, dass sich bestimmte Strömungen ausbreiten oder nicht sondern mit sozialen und politischen Problemen der jeweiligen Länder. Würde der Salafismus aus der Region von heute auf morgen verschwinden würde man halt unter einer anderen Flagge Krieg führen. Es würden sich lediglich die Namen der Gruppen ändern, nicht aber die grundlegenden Ursachen von Gewalt und Krieg. Wie gesagt abgesehen davon, dass es nicht Sache des Westens ist und ohnehin jeder vom Westen unterstützte Islam als koloniales Projekt abgelehnt werden würde und man das genaue Gegenteil erreichen würde, als was intendiert ist.


Absolut richtig. Selbst wenn es den Islam nicht gäbe, gäbe es dort Krieg unter den jetzigen Umständen.
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Re: Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Bleibtreu » So 21. Aug 2016, 20:47

Wasteland hat geschrieben:(21 Aug 2016, 21:42)

Absolut richtig.

Kommt darauf an, was man unter islamischer Welt versteht. Der Teil der Ummah, der in den aufgeklärten Gefilden lebt, ist mE auch Teil der islamischen Welt. Also die Muslime, die in Europa, USA usw. leben. Und da ich eine Verfechterin des EuroIslam bin und eine eifrige Unterstützerin von Vorbildern eines liberalen Islam, wie dem von Mouhanad Khorchide, kann ich das nicht voll gültig unterschreiben. ;)


Selbst wenn es den Islam nicht gäbe, gäbe es dort Krieg unter den jetzigen Umständen.

Ah, du hast nachträglich noch eine Ergänzung angefügt. Hm, auch das kann ich nicht ganz unterschreiben. Die religiösen Auseinandersetzungen waren immer Bestandteil der Unruhen im Nahen/Mittleren Osten.
Das kann man nicht voneinander trennen.
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Re: Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Platon » So 21. Aug 2016, 20:53

Progressiver hat geschrieben:(21 Aug 2016, 19:28)

@Wasteland,

zuerst einmal danke. Und zum Gottesbegriff der Sufis hätte ich da noch eine Frage: Kann man die Sufis im westlichen Sinne als Pantheisten bezeichnen?

Nein eigentlich nicht, denn im Islam ist eine pantheistische Weltsicht äußerst problematisch. Die Position einer Einheit der Schöpfung und Gott widerspricht der koranischen Lehre nach der Gott die Welt erschaffen hat. Dazu ist Gott ewig und unveränderlich. Es wäre also auch undenkbar, dass sich an Gott durch die Schöpfung etwas verändert hat oder womöglich noch innerhalb der Schöpfung. Es muss also eine Trennung geben, aber natürlich muss auch klar sein, dass die Schöpfung nur durch Gott existiert und nicht irgendwie aus sich selbst heraus. Denn es gibt ja gemäß dem islamischen Glaubensbekenntnis nur einen Gott. Der Vorwurf des Pantheismus kommt gerne von Gegnern bestimmter Lehren um sie zu diskreditieren, während Anhänger dann erklären, dass das alles ganz anders gemeint ist.
Vor allem das Konzept des Wahdat al Wujud ist gerne dem Vorwurf des Pantheismus ausgesetzt.
https://en.wikipedia.org/wiki/Sufi_metaphysics
https://en.wikipedia.org/wiki/Tawhid#Su ... _viewpoint
https://en.wikipedia.org/wiki/Sufi_cosmology

Ist nicht immer so einfach, sich da hineinzudenken, wegen der anderen Begriffe und Vorstellungen die grundlegend sind.
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Re: Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Wasteland » So 21. Aug 2016, 21:48

Bleibtreu hat geschrieben:(21 Aug 2016, 19:29)

Richtig - nur die romantisch veranlagten Orientalisten des 19./20. Jahrhunderts haben Sufis, die Mystiker des Islam, pauschal verklärt. Die hatten auch nicht die KritikPunkte im Auge, die für aufgeklärte Gesellschaften gelten. Und diese verklärte Vorstellung wird von berauschten EsoterikAnhängern dann als pazifistische Friedens- und FreiheitsDenomination weiter getragen. Der verkiffte, weltfremde, harmlose Sufi. So eine Art islamischer Hippies. Mit der Realität hat das freilich wenig gemein. Es kommt eben immer darauf an, welchem SufiOrden sie angehören. Bei den sunnitischen Sufis kann man generell sagen, dass sie einer der 4 RechtsSchulen angehören und sich damit deren Ansichten unterwerfen. Ich kenne nicht wenige Sufis der Naqschbandīya, einer der größten SufiOrden, die auch wiederum unterschiedlichen Scheichs angehören und sich der Mystik verschrieben haben, trotzdem sehr oft die Ansichten orthodoxer Hardliner vertreten. Also für die Verschleierung, die Körperstrafen wie Hand abhacken und Auspeitschen, die Beschneidung bei der Frau und die TodesStrafe bei prakt. Homosexualität und EheBruch etc. pp sind.


Ich sage ja, es gibt solche und solche. Es gibt aber Sufi-Orden, die tatsächlich das sind, was du gerade leicht polemisch beschrieben hast.
Und auch die von mir genannten Vorbilder gehen in diese Richtung.
Ein weiterer Beleg dafür das im Islam, wie in jeder Religion, die Möglichkeiten zur Auslegung unendlich sind.
Atheist

Re: Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Atheist » So 21. Aug 2016, 21:53

Ist Kabbalah schon wieder out oder wie? :?:
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Re: Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Bleibtreu » So 21. Aug 2016, 22:11

Wasteland hat geschrieben:(21 Aug 2016, 22:48)

Ich sage ja, es gibt solche und solche. Es gibt aber Sufi-Orden, die tatsächlich das sind, was du gerade leicht polemisch beschrieben hast.

Ja, ich habe sie mit Vorsatz so witzig umschrieben. Mir kamen dabei die YoutubeStreams von Platon ins Gedächtnis - das waren exakt solche verkifften FriedensHippis, die im Kreis sitzend an SaitenInstrumenten zupften und sich tranig, mit einem selig verzückten Lächeln aus einer anderen Welt, hin und her wiegten. Selbst das Outfit passte. :D Es gibt sie, aber sie stehen halt nicht für DEN Sufismus.

Und auch die von mir genannten Vorbilder gehen in diese Richtung.

Und wieder ja - ich schätze, wie du dich vielleicht aus vergangenen Diskussionen zu auch jüdischen Mystikern mit mir erinnern wirst, Rumi und Emre oder auch Ibn Arabi, sehr. Nur darf man dabei nicht den Fehler begehen in romantische Träumerei über den Sufismus zu verfallen.

Ein weiterer Beleg dafür das im Islam, wie in jeder Religion, die Möglichkeiten zur Auslegung unendlich sind.

Natürlich - wo ein Wille, da ein Weg. Ändert halt leider kein Bisschen an den Menschen verachtenden Strömungen innerhalb des Islam und die auch globale Bedeutung, die sie in den letzten Jahrzehnten sprunghaft genommen haben. :dead:
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Re: Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Wasteland » Mo 22. Aug 2016, 00:40

Ein Freund von mir ist Senegalese, dort werden im Volksislam Sufis auch sehr verehrt.
Die Shabab Milizen und Al-Qaida in Mali haben auch dort deren Gräber geschändet und versucht deren Vermächtnis zu vernichten, auch Bibliotheken wurden verbrannt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Marabout

Timbuktu mayor: Mali rebels torched library of historic manuscripts
https://www.theguardian.com/world/2013/ ... anuscripts
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Re: Der Sufismus: die gute Seite des Islam?

Beitragvon Wasteland » Mo 22. Aug 2016, 00:43

Bleibtreu hat geschrieben:(21 Aug 2016, 23:11)

Natürlich - wo ein Wille, da ein Weg. Ändert halt leider kein Bisschen an den Menschen verachtenden Strömungen innerhalb des Islam und die auch globale Bedeutung, die sie in den letzten Jahrzehnten sprunghaft genommen haben. :dead:


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Und die Muslime in Europa geben nicht den Takt vor.

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