Der Koran aus historisch-kritischer Sicht

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Platon
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Re: Der Koran aus historisch-kritischer Sicht

Beitragvon Platon » Fr 25. Mär 2016, 12:36

Fuerst_48 hat geschrieben:(25 Mar 2016, 10:05)

Was irritiert: Es gibt strenge und weniger strenge Bibelauslegungen. Aber am Korantext darf kein Beistrich in Zweifel gezogen werden. Das irritiert einen kritischen Denker wie mich zutiefst.

Das ist eine sehr simplistische Denkweise, die den Umgang mit Bibel- und Korantext zu stark vereinfacht. Allein die Formulierung es würde strenge oder weniger strenge Auslegungen geben geht am Kern der Sache vorbei. Jede Bibelinterpretation hat den Anspruch die Wahrheit zu behaupten, man bewegt sich nur auf unterschiedlichen Weisen zu dieser Wahrheit. Es geht ja kein Theologe - zumindest kein echter - hin und sagt, das gefällt mir nicht, das mag Gott oder ein göttlich inspirierter vielleicht gemeint haben, aber das kann ja wohl nicht sein ernst sein - ich will lieber was Anderes. Weil das ist dann keine ernsthafte Interpretation mehr, sondern ein Wunschkonzert. Eine ernsthafte Interpretation muss immer erstmal ergebnisoffen sein. Die historisch-kritische Methode wird heutzutage von einigen Bibelinterpreten (bei weiten nicht von allen weltweit) angewandt, weil sie einen Umgang mit dem Quellentext mit modernen wissenschaftlichen Methoden bietet und sie eindrucksvolle Ergebnisse geliefert hat, z.B. was die Redaktionsgeschichte der Bibel angeht, die dann nicht mehr so ohne Weiteres zu ignorieren sind.
https://de.wikipedia.org/wiki/Historisc ... he_Methode

Es geht auch nicht darum den Text "in Zweifel zu ziehen". Es geht bei der Interpretation von religiösen Quellentexten ja nicht darum einen Text zu lesen und sich dann zu überlegen, was stimmt und was nicht. Sondern es geht darum sich die Frage zu stellen welchen Informationswert eine bestimmte Aussage besitzt, da kann man sich dann fragen, was war damals gemeint, was sagt einem das heute? Welche allgemeinen Schlussfolgerungen lassen sich ableiten? Eine christliche Bibelexegese die am Ende zu dem Schluss kommt, dass was in der Bibel steht Quatsch ist, hat das Thema verfehlt.

Und natürlich wird auch der Koran interpretiert und das auch nicht erst seit heute sondern schon immer, einfach weil es anders nicht geht. Denn es gibt im Koran Verse die sind recht klar, wie z.B. rechtliche Anweisungen, und es gibt solche die sind alles andere als klar und unterschiedliche Strömungen kommt zu unterschiedlichen Ergebnissen, Ein gutes Beispiel hierzu ist Sure 4 Vers 59:
O ihr, die ihr glaubt, gehorcht Allah und gehorcht dem Gesandten und denen, die unter euch Befehlsgewalt besitzen. Und wenn ihr über etwas streitet, so bringt es vor Allah und den Gesandten, wenn ihr an Allah glaubt und an den Jüngsten Tag. Das ist das Beste und nimmt am ehesten einen guten Ausgang.

http://islam.de/13827.php?sura=4
Wer denn nun die sind die "Befehlsgewalt" besitzen, "die zu befehlen haben" die "Inhaber der Autorität" sind, darüber kann man freilich streiten. Die islamischen Gelehrten? Die weltlichen Herrscher? Die jeweiligen Imame?

Dazu gibt es auch im Koran in Sure 7 Vers 9 einen Text, welcher darauf verweist, dass es im Koran klare und unklare Verse gibt:
Er ist es, Der das Buch (als Offenbarung) auf dich herabgesandt hat. Dazu gehören eindeutige Verse – sie sind der Kern des Buches – und andere, mehrdeutige. Was aber diejenigen angeht, in deren Herzen (Neigung zum) Abschweifen ist, so folgen sie dem, was davon mehrdeutig ist, im Trachten nach Irreführung und im Trachten nach ihrer Mißdeutung. Aber niemand weiß ihre Deutung außer Allah. Und diejenigen, die im Wissen fest gegründet sind, sagen: „Wir glauben daran; alles ist von unserem Herrn.“ Aber nur diejenigen bedenken, die Verstand besitzen.

http://islam.de/13827.php?sura=3

Aus Stellen wie dieser wurde dann klar, dass der Koran einen äußeren und inneren Sinn hat und dieser könne dann entdeckt werden:
https://en.wikipedia.org/wiki/Esoteric_ ... _the_Quran

Je nachdem welche Strömung gab es dann Leute, welche diesen inneren Sinn etwas intensiver gesucht haben, als andere. Von daher war es im Islam allgemein immer so, dass auch der Koran unterschiedlich interpretiert wurde, auch wenn natürlich manche Strömungen mehr Anhänger hatten als Andere.
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Re: Der Koran aus historisch-kritischer Sicht

Beitragvon Fuerst_48 » Fr 25. Mär 2016, 12:43

Platon hat geschrieben:(25 Mar 2016, 12:36)

Das ist eine sehr simplistische Denkweise, die den Umgang mit Bibel- und Korantext zu stark vereinfacht. Allein die Formulierung es würde strenge oder weniger strenge Auslegungen geben geht am Kern der Sache vorbei. Jede Bibelinterpretation hat den Anspruch die Wahrheit zu behaupten, man bewegt sich nur auf unterschiedlichen Weisen zu dieser Wahrheit. Es geht ja kein Theologe - zumindest kein echter - hin und sagt, das gefällt mir nicht, das mag Gott oder ein göttlich inspirierter vielleicht gemeint haben, aber das kann ja wohl nicht sein ernst sein - ich will lieber was Anderes. Weil das ist dann keine ernsthafte Interpretation mehr, sondern ein Wunschkonzert. Eine ernsthafte Interpretation muss immer erstmal ergebnisoffen sein. Die historisch-kritische Methode wird heutzutage von einigen Bibelinterpreten (bei weiten nicht von allen weltweit) angewandt, weil sie einen Umgang mit dem Quellentext mit modernen wissenschaftlichen Methoden bietet und sie eindrucksvolle Ergebnisse geliefert hat, z.B. was die Redaktionsgeschichte der Bibel angeht, die dann nicht mehr so ohne Weiteres zu ignorieren sind.
https://de.wikipedia.org/wiki/Historisc ... he_Methode

Es geht auch nicht darum den Text "in Zweifel zu ziehen". Es geht bei der Interpretation von religiösen Quellentexten ja nicht darum einen Text zu lesen und sich dann zu überlegen, was stimmt und was nicht. Sondern es geht darum sich die Frage zu stellen welchen Informationswert eine bestimmte Aussage besitzt, da kann man sich dann fragen, was war damals gemeint, was sagt einem das heute? Welche allgemeinen Schlussfolgerungen lassen sich ableiten? Eine christliche Bibelexegese die am Ende zu dem Schluss kommt, dass was in der Bibel steht Quatsch ist, hat das Thema verfehlt.

Und natürlich wird auch der Koran interpretiert und das auch nicht erst seit heute sondern schon immer, einfach weil es anders nicht geht. Denn es gibt im Koran Verse die sind recht klar, wie z.B. rechtliche Anweisungen, und es gibt solche die sind alles andere als klar und unterschiedliche Strömungen kommt zu unterschiedlichen Ergebnissen, Ein gutes Beispiel hierzu ist Sure 4 Vers 59:

http://islam.de/13827.php?sura=4
Wer denn nun die sind die "Befehlsgewalt" besitzen, "die zu befehlen haben" die "Inhaber der Autorität" sind, darüber kann man freilich streiten. Die islamischen Gelehrten? Die weltlichen Herrscher? Die jeweiligen Imame?

Dazu gibt es auch im Koran in Sure 7 Vers 9 einen Text, welcher darauf verweist, dass es im Koran klare und unklare Verse gibt:

http://islam.de/13827.php?sura=3

Aus Stellen wie dieser wurde dann klar, dass der Koran einen äußeren und inneren Sinn hat und dieser könne dann entdeckt werden:
https://en.wikipedia.org/wiki/Esoteric_ ... _the_Quran

Je nachdem welche Strömung gab es dann Leute, welche diesen inneren Sinn etwas intensiver gesucht haben, als andere. Von daher war es im Islam allgemein immer so, dass auch der Koran unterschiedlich interpretiert wurde, auch wenn natürlich manche Strömungen mehr Anhänger hatten als Andere.

Letztlich geht es aber dennoch um eine bindende (gemeint authentische) Auslegung. Die von mir angesprochene Enge hat ja zu diversen Spaltungen geführt. Ob orthodox, evangelisch AB oder HB, sunnitisch oder schiitisch, ist dabei sekundär.
Glauben ist einfach individuell geprägt und auch dadurch mitbestimmt, wie sehr oder wenig ich jemand Glaubenslehreren akzeptiert oder in Zweifel zieht. Der absolute Wahrheitsanspruch der katholischen Kirche ist so ein Musterbeispiel.
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Re: Der Koran aus historisch-kritischer Sicht

Beitragvon Platon » Fr 25. Mär 2016, 15:14

Es ist sicherlich mal auch hilfreich ein Wort darüber zu verlieren, was die historisch-kritische Methode eigentlich ist. Es geht dabei mit wissenschaftlichen Methoden einen Text zu untersuchen um diesen so besser verstehen und in seinen historischen Kontext einordnen zu können.

Der Text wird dabei z.B. mit folgenden Methoden bearbeitet:
1. Textkritik: Vergleich der Handschriften
2. Übersetzung aus dem Hebräischen bzw. Griechischen
3. Textanalyse: Die Struktur des Textes
4. Redaktionsgeschichte: der Umgang des Autors mit seinen Quellen
5. Literarkritik: Rekonstruktion der Quellen
6. Formgeschichte: Bestimmung der Textgattung
7. Traditionsgeschichte: Die zugrunde liegende mündliche Überlieferung
8. Begriffs- und Motivgeschichte: wie sich Vorstellungen entwickelten
9. Religionsgeschichte: Vergleich mit außerbiblischen Texten
10. Zusammenfassende Interpretation und theologische Aussage(n)
Wiki Die Methodenschritte der historisch-kritischen Methode

Weitere schnell gegooglete Links:
Bibelauslegung, historisch-kritische (AT) (!)
Einführung in die historisch-kritische Methode der Textinterpretation
Die historisch-kritische Methode
Historisch-kritische Bibelauslegung . . .
Die historisch-kritische Methode der Bibelauslegung
http://www.zum.de/Faecher/kurse/boeing/ ... ch-kri.pdf


So ein bisschen einen historischen Zugang zum Korantext gibt es auch in der islamischen Überlieferung. Denn dort gibt es zwar die Vorstellung eines Ur-Korans, welcher bereits vor der eigentlichen Verkündigung existiert hat. Der Korantext den wir heute haben ist dann dieser Text in offenbarter Form in arabischer Sprache. Allerdings geschah die koranische Offenbarung bekanntlich nicht auf einen Schlag sondern sie nahm einen historischen Verlauf, d.h. manche wurden in Mekka, manche in Medina offenbar etc. Darum gibt es die islamische Wissenschaft der Offenbarungsanlässe, welche zu jedem Koranvers den konkreten historischen Anlass herausgearbeitet hat und es gibt die Vorstellung der Abrogation, d.h. das bestimmte Verse historisch zuvor offenbarte Aufheben oder Einschränken. Von daher wurde der Korantext immer schon als ein Text verstanden, der einen bestimmten historischen Kontext hat. Allerdings hat er den Anspruch dem Ur-Koran im „Himmel“ zu entsprechen, also die Rede Gottes zu sein, und damit ein Text der nicht von Menschen geschrieben wurde, sondern lediglich für Menschen von Gott offenbart, was dann zur Notwendigkeit der Interpretation führt. Die Vorstellung der Koran sei das direkte Wort Gottes setzt der historischen Einordnung dieser Rede natürlich gewisse Grenzen, wenngleich die traditionelle Sichtweise den Text wie gesagt keineswegs völlig ahistorisch versteht.

In Deutschland gibt es mit dem Projekt Corpus Coranicum nun einen größer angelegten Versuch die historisch-kritische Forschung voran zu treiben. Es werden die ältesten koranischen Handschriften intensiv untersucht, d.h. digitalisiert und systematisch ausgewertet werden. Das ist Schritt 1: Textkritik: Vergleich der Handschriften. Es werden Texte aus dem unmittelbaren Umfeld der islamischen Offenbarung ausgewertet, auf diese Weise wird der Korantext als Teil seiner spätantiken Umwelt greifbar, der Text wird sozusagen zum Leben erweckt und man kann Vergleiche zu anderen Texten herstellen, auf die im Koran geantwortet und sich bezogen wird. Das ist Schritt 4 und Schritt 5 der obigen Liste. Dazu schaut man sich die literarische Form der Texte selber an, welche literarischen Gattungen (Gebete, liturgische Texte für eine Art Gottesdienst, juristische Regelungen) und sprachlichen Formen (Allegorien, sprachliche Besonderheiten) finden sich im Koran? Der koranische Text wird so als Teil seiner Umwelt historisch zum Leben erweckt und kann als „Mitschrift einer Offenbarung“ oder „Mitschrift in der Entwicklung einer Gemeinde“ verstanden werden.

Ist der Koran eine Botschaft an die Heiden der arabischen Halbinsel, die innerhalb von nur 22 Jahren zur Gründung einer neuen Religion geführt hat? Ist er die schon kurz nach dem Tod ihres Verkünders kanonisierte heilige Schrift, die uns dennoch authentisch erhalten ist? Angesichts des beispiellosen Erfolgs des Koran ist es kein Wunder, daß diese Darstellung immer wieder in Frage gestellt und Hypothesen formuliert werden, die die frühislamische Geschichte umschreiben und den Koran in einer anderen Region, zu einer anderen Zeit und sogar ohne die Mitwirkung Muhammads entstehen lassen. Alle bisherigen Rekonstruktionen sind aber miteinander unvereinbar und ergeben kein plausibles Bild der Ereignisse, sondern werfen nur zahllose neue Probleme auf.

Die Frage muß anders lauten: Ist der Koran wirklich ein rein islamischer und damit dem westlichen Leser fremder Text? Oder ist er nicht eher eine neue und eigenwillige Stimme in jenem Konzert spätantiker Debatten, mit denen auch die theologischen Grundlagen der jüdischen und christlichen Religion gelegt worden sind? Nicht den Koran müssen wir aufgrund neuer Handschriftenfunde oder mit Hilfe linguistischer Experimente ummodellieren – unsere Perspektive auf den Koran müssen wir entscheidend ändern, wenn wir seine revolutionäre Neuheit in den Blick bekommen wollen. Angelika Neuwirth, Leiterin des Projekts Corpus Coranicum – Dokumentierte Edition und historisch-literaturwissenschaftlicher Kommentar an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, liest den Koran als Text der Spätantike, einer Epoche, die auch für die europäische Kulturgeschichte formativ war. Der Koran wird so als ein vertrauter Text erkennbar, den wir unbeschadet zum 'europäischen Erbe' rechnen könnten, trennten ihn nicht uralte Vorurteile von einer unvoreingenommenen Wahrnehmung.

Angelika Neuwirth - Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang
n ihrem 2010 im Verlag der Weltreligionen erschienenen Buch „Der Koran als Text der Spätantike“ hat Angelika Neuwirth die Grundlage für ihre fünfbändige Übersetzung und Kommentierung des Koran gelegt (Abschluss voraussichtlich 2014/2015). Der nun folgende erste Band enthält die Anfänge der Verkündigung Muhammads. In chronologischer Ordnung, beginnend mit der vermutlich ältesten Sure 93, analysiert und deutet Neuwirth die Entwicklung seiner prophetischen Botschaft. Jede Sure wird in Umschrift und neuer Übersetzung vorgestellt und dann eingehend kommentiert. Herzstück eines jeden Surenkommentars ist eine Vers-für-Vers-Auslegung, in der neben sprachlichen und inhaltlichen Erläuterungen die denkerische Auseinandersetzung mit der religiösen Umwelt sowie die innerkoranische Weiterentwicklung zentraler Themen nachgezeichnet werden.

Der Koran: Bd. 1: Frühmekkanische Suren. Poetische Prophetie Handkommentar mit Übersetzung von Angelika Neuwirth.
Siehe auch:
[...]Die Chronologie ermöglicht ihr, Entwicklungen der koranischen Verkündigungen zu zeigen: Mohammeds Visionen veränderten sich mit der Zeit. Die Themen, die ihn und seine Urgemeinde umtrieben, verlagerten sich. Anfangs ging es dem Propheten vor allem darum, den allmächtigen Gott zu verkündigen, der die Welt erschaffen habe, am Ende der Zeiten Gericht halten und die Toten auferwecken werde. Später, unter dem Eindruck wachsender Anfeindung gegen die Muslime, tauchen andere Gedanken auf: die Rechtfertigung des Propheten, die Abgrenzung von Judentum und Christentum, Geschichten von bestraften Ungläubigen und die alltäglichen Probleme des jungen Gemeindelebens. Neuwirths These dabei: Nicht nur Allah und sein Prophet, auch Mohammeds Zuhörer waren an diesem Prozess beteiligt - mit ihren Fragen, ihren Sorgen, ihren Bedürfnissen, auf die Mohammed reagieren musste. Die Muslime haben am Koran mitgeschrieben - aus muslimischer Sicht ein Sakrileg.[...]

http://www.welt.de/print/die_welt/vermi ... -Sure.html

Die Suren der mittelmekkanischen Zeit setzen neue Schwerpunkte. Aus dem intimen Gespräch zwischen dem göttlichen Sprecher und dem mit »du« angesprochenen Verkünder entwickelt sich nun eine koranische Theologie. Sie basiert auf der Vorstellung immer wiederholten göttlichen Sprechens durch Propheten. In ihrem Bestreben, sich an diese biblische Prophetengeschichte und damit das Gottesvolk der Israeliten anzubinden, entwickelt die Hörergemeinde zunehmend das Bewusstsein, selbst zu den Erwählten zu gehören. Sie deutet biblische Geschichte, vor allem das Buch Exodus, typologisch und versteht daher ihre eigene Gegenwart nicht nur als Fortsetzung der Geschichte der von Mose geführten Israeliten, sondern als deren Neuinszenierung. Mose tritt als Vorbild für den Verkünder hervor: Nicht nur erfolgt seine Berufung unter ähnlichen Bedingungen wie die des Verkünders, auch Moses Exodus wird in einer wichtigen Transzendenzerfahrung des Verkünders neu inszeniert.

Suren der mittelmekkanischen Zeit kreisen um Erzählungen, die den Mittelteil einnehmen. Mit dieser Struktur greift die Gemeinde auf die Praxis der älteren Religionen zurück: Die Suren reflektieren nicht mehr nur liturgische Vorträge, sondern bilden vollständige monotheistische Gottesdienste ab, bei denen – vom jüdischen und christlichen Modell vorgegeben – Lesungen biblischer Texte in der Mitte zu stehen haben. Das neue Gottesvolk folgt dem älteren auch liturgisch nach.

Der Koran: Bd. 2: Mittelmekkanische Suren: Ein neues Gottesvolk Handkommentar mit Übersetzung von Angelika Neuwirth (noch nicht erschienen: Januar 2017)

Man kann die (sehr detaillierten(!)) Ergebnisse der Forschung bereits auf der Website des Projektes einsehen.
http://www.corpuscoranicum.de/

Texte aus dem Kontext in diversen Sprachen (Lateinisch, Griechisch, Hebräisch, Arabisch, Altsüdarabisch, Syrisch, Altäthiopisch, Aramäisch, Pahlavi, Koptisch, Akkadisch) mit Übersetzung und Anmerkungen welche Stelle im Koran darauf Bezug nimmt.
http://www.corpuscoranicum.de/kontexte/uebersicht

Digitalisierte Versionen der Handschriften:
http://www.corpuscoranicum.de/handschriften/uebersicht

Verschiedene Lesarten des Textes:
http://www.corpuscoranicum.de/lesarten/index/

Literarischer Kommentar, vor allem der Suren der beiden Bände 1 und 2:
http://www.corpuscoranicum.de/kommentar/uebersicht

Dieses Projekt versucht als in einer größer angelegten Aktion die literaturwissenschaftliche Analyse des Korans zu leisten, während der Schritt bezugnehmend auf die Erkenntnisse dieser Analyse eine Exegese zu machen natürlich den islamischen Theologen vorbehalten bleiben muss. Man arbeitet im Sinne einer islamwissenschaftlichen Fleißarbeit den islamischen Theologen zu. Dabei kann es natürlich keine direkte Übernahme der biblischen historisch-kritischen Exegese geben, sondern man muss eine historische Exegese betreiben, welche der historischen Entwicklung der islamischen Offenbarung angemessen ist. Das heißt eine Offenbarung welche sich auf einen Text im Himmel bezieht, welche in einem historischen Verlauf von einigen Jahrzehnten sich zutrug, und dann auch sehr schnell von einer mündlichen Überlieferung in eine feste schriftliche überführt wurde. Das ist etwas Anderes als die Bibel, welche von maximal göttlich inspirierten Personen verfasst, eine lange und komplexe Redaktionsgeschichte hinter sich hat, die man mit der historisch-kritischen Methode sehr gut aufschlüsseln kann.

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