Die Schia

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Platon
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Beitragvon Platon » So 5. Aug 2012, 18:49

Nach dem Erfolgsstrang Sufismus möchte ich in diesem einen weiteren "anderen" Islam thematisieren. Denn die westliche Sicht auf den Islam ist sehr stark "puritanisch"-sunnitisch geprägt, so daß Schiiten sehr schnell als "anders" erscheinen können und sie zu einem anderen Islam gehören, als den man so kennt.

Besonders interessant sind bei den Schiiten die religiösen Praktiken, aber auch die politische Dimension zum Einen in Hinsicht der islamischen Revolution im Iran 1979 welche zur Errichtung einer 12er-schiitischen Theokratie führte und das Thema des Schia Revival oder die Entstehung eines schiitischen Halbmondes besonders nach dem Irak-Krieg 2003.

Ich werde mich in meinen Ausführungen in erster Linie auf die 12er Schiiten beziehen.

Zunächst Was sind Schiiten?
Die Schiiten entstanden, wie die meisten wohl wissen, in der Frühzeit des Islam um die Frage wer der rechtmäßige Nachfolger von Mohammed als Führer der Umma sei. Entweder als Kalif oder in der schiitischen Tradition als Imam. Aus schiitischer Sicht war Ali der rechtmäßige Nachfolger, er stand jedoch hinter den drei ersten Kalifen Abu Bakr, Umar und Uthman zurück um den Frieden und die Einheit nicht zu gefährden. Als er dann aber als Vierter Kalif an der Reihe war, bekam er mit Muawiya - dem Gouverneur in Damaskus und Begründer der späteren Ummayaden-Dynastie - einen Konkurrenten. Der Höhepunkt der Auseinandersetzung beider Parteien war die Schlacht von Siffin die in einem Unentschieden endete, Ali wurde einige Zeit später ermordet - nicht von Muawiya, von einer anderen Gruppe - und in der Folge ernannte sich Muawiya zum Kalif. Der älteste Sohn von Ali, Hassan, verzichtete angesichts seiner Schwäche auf seinen Anspruch auf den Thron des Kalifen - er wird von den Schiiten als zweiter Imam verehrt.

Als dann allerdings der Sohn von Muawiya, Yazid, die Nachfolge als Kalif antrat brach der Streit wieder aus und der jüngere Bruder von Hassad, Hussein, erhob wieder Anspruch auf die Führung der Umma.
Hierzu wurde er von Anhängern in den Südirak gerufen um von dort den Ummayaden den Thron streitig zu machen. Hierzu brach er mit einem kleinen Heer, darunter Frauen und Kinder, von Mekka nach Kufa auf, wurde allerdings bei Kerbala von Truppen der Ummayaden gestellt. Diese Schlacht von Kerbala ist bis heute das Zentrum schiitischer Religiösität. Denn sie zog sich einige Zeit hin, mit der Zeit wurden die Truppen Husseins vom Wasser von Euphrat und Tigris abgeschnitten und man kämpfte bis zum letzten Mann, bis am Ende Hussein - durchlöchert von Pfeilen und bis zum letzten Atemzug heroisch kämpfend getötet wurde. Dabei kamen ihm diejenigen welche ihn in den Südirak gerufen haben nicht zur Hilfe und so konnte sich der aus schiitischer Sicht rechtmäßige Anspruch auf die Führung der Umma nicht durchsetzen. Der unrechtmäßige Herrscher Yazid hatte sich durch die Schwäche der Anhänger Alis - der Partei Alis, Schiat Ali - gegen den rechtmäßigen und wahren Herrscher durchsetzen können.

Vier Jahre später machte sich eine Schar von Büßern auf, dieses Unrecht zu sühnen, indem sie gegen die Ummayaden zogen. Dabei blieben sie auch einige Zeit in Kerbala am Grab von Hussein, um das geschehene Unrecht zu betrauern. Danach zogen sie weiter nach Syrien wo sie angesichts ihrer militärischen Unterlegenheit - die von vorne herein klar war - gnadenlos nieder gemetzelt wurden. Dieser Märtyrertod als Buße der unterlassenen Hilfeleistung bei der Schlacht von Kerbala bildete den Ausgangspunkt der Ashura-Festspiele in dem diese Buße seit nun über Tausend Jahren ritualisiert wiederholt wird.

In der Folge gab es noch weitere Imame welche allesamt direkte Nachfahren von Ali waren und damit zum Ahl al Bait gehörten. Angehörige/Leute des Hauses (des Propheten). Daraus entstand eine Doktrin des Imamat, nach der diese Imame Führer der wahren Umma, der nunmehr unter sunnitischer Mehrheit lebenden Anhänger der Partei Alis, über besonderes religiöses Wissen verfügten und selbst auch unfehlbar waren. Daraus entstand dann eine eigene Jurispundenz, welche sich von den sunnitischen Rechtsschulen unterscheidet und eine eigene Religiösität. Zum Beispiel werden die Imame als Heilige verehrt und ihre Grabstätten sind berühmte Pilgerstätten. Neben Kerbala, wo Hussein beerdigt wurde vor allem Najaf, mit dem Grab von Ali. Im Iran gilt Maschhad als Pilgerziel Nummer Eins, weil dort der achte Imam begraben sein soll. In Afghanistan ist es die blaue Moschee in Mazar e Scharif die ebenfalls ein Kandidat für die letzte Ruhestätte von Ali sein soll.
Es gibt dann auch eine Reihe von Gruppen unter den Schiiten je nachdem welche Imame sie anerkennen, wobei die 12er Schiiten die größte Gruppe sind. Daneben gibt es die Zaiditen, die Ismailiten und mit den Aleviten in der Türkei und Alawiten in Syrien nochmal Andere.



Nun zu einigen Videos von Ashura. Dabei geht es häufig sehr blutig zu, weil die religiöse Symbolik das verlangt. Die blutigen Hände, das blutüberströmte Gesicht und das blutbefleckte Hemd - alles Zeichen des Märtyrertods von Hussein. Auch gibt es Selbstkasteiungen um die Nichterfolgte Hilfeleistung bei Kerbala zu büßen, was dann naturgemäß auch sehr blutig werden kann.
Hier ein stimmungsvolles Video von Ashura in Kerbala.


Aus Bahrain. Vorsicht! Es fließt sehr viel Blut!


Afghnistan:
http://www.youtube.com/watch?v=THy0k9nI4js
Iraq&Iran:
http://www.youtube.com/watch?v=9dPr_u7S3Zw
Libanon:
http://www.youtube.com/watch?v=vKf_B44-5Rk

Bericht über Ashura von pressTV:



Diese religiöse Symbolik spielte eine große Rolle während der islamischen Revolution 1979. Die meiste Zeit in den letzten 1400 Jahren waren die Schiiten eine Minderheit gewesen und hatten sich daher als Unterdrückte und Kämpfer für die Unterdrückten verstanden. Doch trotz allem wurde die meiste Zeit der Märtyrertod von Hussein und die schiitische Religiösität unpolitisch verstanden. Die schiitischen Kleriker verstanden bis in die 1960er Jahre hinein den Schiismus mehrheitlich als eine unpolitische Religion bzw. man war der Ansicht sich mit dem Herrscher einigen zu können. Jedoch gab es einige Leute welche dies insgesamt oder zu gewissen Zeitpunkten nicht so sahen und politisch aktiv wurden. So spielte 1891 Ayatollah Schirazi, welcher damals der angesehenste unter den Klerikern war, eine Schlüsselrolle bei den Tabak-Protesten als er eine entsprechende Fatwa veröffentlichte. In der konstitutionellen Revolution 1905-1911 spielten Kleriker auch eine gewisse Rolle und es gab in den 1950ern mit Kashani einen direkten Vorläufer Khomeinis.
Doch galt damals ein unpolitischer Kleriker Hussein Borujerdi als der Angesehendste unter den Großayatollahs im Iran. Aus diesem Grund konnten die politischen Kleriker wie u.A. Khomeini nur eingeschränkt in die Geschehnisse eingreifen. Erst nach dessen Tod 1961 hatte man dann freie Bahn.
Dabei zeigte sich etwas interessantes. Denn es kam zu einer Entritualisierung von Ashura. Für weite Teile der iranischen Bevölkerung spielte dabei Ali Schariati eine Hauptrolle, welcher einen revolutionären Schiismus propagierte und dabei Anlehnungen an linkes/marxistisches Gedankengut nahm, welches er sich in Paris angeeignet hatte. (Sartre, Franz Fanon u.A.) Von ihm wurde der Satz popularisiert:

Jeder Tag ist Ashura, jeder Ort ist Kerbala.

Der Kampf gegen den Ungerechten Herrscher sollte nicht rituell wiederholt sondern im hier und jetzt erfolgen. Die Bereitschaft zum Märtyrertum war dabei stets mitgedacht und natürlich war der Schah und seine ausländischen Stützen wie die USA und Israel als eben jener ungerechter Herrscher gegen den man zu kämpfen hatte. Für Khomeini war nun der Weg bereitet, welcher den Schah offen beschuldigte Yazid zu sein, gegen den man, im Sinne der Unterdrückten überall auf der Welt, aufstehen und kämpfen müsste.
Dies wurde dann später erweitert als Saddam zum Yazid mutierte und man nun tatsächlich auf dem Weg nach Kerbala sterben konnte. Hier vermischten sich dann nationalistische, anti-koloniale und schiitisch-islamische Inhalte zu einem Gemisch das man bis heute im Iran bewundern kann.


Interessant ist, dass 2009 bei der grünen Revolution nun Khamenei zum Yazid wurde und auch dort die typischen schiitischen Symbole wie die grüne Farbe als Farbe des Islam und die eingefärbten/blutigen Hände und die blutigen Kleidungsstücke auftauchten.


Nun zum Schia Revival.
Die meiste Zeit in der islamischen Geschichte waren die Schiiten von der politischen Macht ausgeschlossen. Ausnahmen bildeten lediglich die Fatimiden in Ägypten und der Iran unter den Safawiden. In den letzten 40 Jahren hat sich das geändert. Neben der Revolution von 1979 und der Entstehung der Amal-Bewegung und später der Hisbollah im Libanon hat vor allem der Sturz von Saddam Hussein die Lage in der Region grundlegend verändert. Weil im Irak lebt eine schiitische Mehrheit, womit sie in einer Demokratie naturgemäß eine dominierende Rolle spielen. Anders als dies unter Saddam Hussein der Fall war, welcher den arabischen Nationalismus propagierte in dem Christen und Sunniten den Ton angaben. Schiiten hatten da wenig zu sagen.
Dazu kommt dann die Rivalität zwischen der islamischen Republik Iran und Saudi-Arabien, welches befürchtet von schiitischen Verbündeten des Iran eingekreist zu werden bzw. die Entstehung eines Schiitischen Halbmondes von Libanon (Hisbollah, Amal), über Syrien (Alawiten/Assad), Irak, Iran, Afghanistan (Hazara/Hizb e Wahdat) bis nach Jemen (Houthi-Aufstand). Dazu kommen die Schiiten im eigenen Land, welche im Zuge des arabischen Frühlings wieder vermehrt demonstrieren. Proteste in Saudi-Arabien 2011-2012
Dazu sind die Wahabiten und die von ihnen ideologisch und finanziell ausgestattenen Salafisten extrem anti-schiitisch eingestellt, was sich in Anschlägen auf Pilger in Pakistan, Afghanistan, Irak und auch Syrien immer wieder bemerkbar macht. Insbesondere im Irak sind dabei schon sehr viele Menschen umgekommen.

Ausgeführt wurde diese Geschichte im Buch The Shia Revival: How Conflicts within Islam Will Shape the Future
http://www.nytimes.com/2006/08/13/books ... nji.t.html

kurzer Al Jazeera-Bericht dazu:
http://www.youtube.com/watch?v=t8zf-uti8-Y

uneingeschränkt sehenswert:




Zum Ende des nun doch sehr langen Beitrags soll auch ein Reformer bei den Schiiten bzw. hier den 12er Schiiten nicht unerwähnt bleiben. Es handelt sich dabei um Abdolkarim Soroush, welcher als Liberaler mit säkular-pluralistischen Positionen gilt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Abdolkarim_Soroush


Zum Abschluss noch als Literaturhinweis für Leserinnen und Leser, welche sich ein wenig mehr Hintergrundwissen über die Schia, ihre Entstehung und Entwicklung anlesen wollen das ultimative Standartwerk zur Einführung in die Thematik:
Die Schiiten - Heinz Halm
Zuletzt geändert von Platon am So 5. Aug 2012, 19:08, insgesamt 6-mal geändert.
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Re: Die Schia

Beitragvon NMA » So 5. Aug 2012, 21:34

Was wäre dieses Unterforum nur ohne Platon? :thumbup:
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Re: Die Schia

Beitragvon Katenberg » So 5. Aug 2012, 22:19

Seeheimer » So 5. Aug 2012, 21:34 hat geschrieben:Was wäre dieses Unterforum nur ohne Platon? :thumbup:


Ein reines Gemetzel! :D
Je freier die Nation, desto sozialer ist sie
Denn jeder Unterdrücker will die Menschen nur vor sich selbst schützen
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Re: Die Schia

Beitragvon Ferit » Mo 6. Aug 2012, 17:22

Ich hätte da schon ein paar Fragen. Inwiefern unterscheidet sich das Gebet bzw. die Art wie sie das Gebet verrichten? Fasten Schiiten auch im Ramadan? Wenn ja, wie Sunniten? Kann / Darf ein Schiit einen Sunniten heiraten oder muss der Sunnit konvertieren?

Danke.
Zuletzt geändert von Ferit am Mo 6. Aug 2012, 17:22, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Die Schia

Beitragvon Mithrandir » Mo 6. Aug 2012, 19:30

Vielen Dank für die aufschlussreiche Erläuterung, Platon!
Das ist im Vergleich zu so manchen Hintergrundartikeln diverser Zeitungen deutlich interessanter.
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Re: Die Schia

Beitragvon ralphon » Mi 8. Aug 2012, 11:57

Platon » So 5. Aug 2012, 19:49 hat geschrieben:... rechtmäßige Nachfolger


Papst. außerdem:

...unfehlbar...Imame als Heilige verehrt und ihre Grabstätten sind berühmte Pilgerstätten.


also: Schiiten = Katholen
Sunniten = Evangelen.

Warum haben die Schiiten irgendwann aufgehört, sich ihre Führer zu wählen?

Vom theologischen Selbstverständnis des Islam her ist der Schiitismus wirklich nicht puritanisch. Denn Mohammed galt als letzte einer Reihe von Propheten. Keiner der früheren Propheten hat jemals eine erbliche Dynastie gebildet.
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Re: Die Schia

Beitragvon Platon » Mi 8. Aug 2012, 13:05

ralphon » Mi 8. Aug 2012, 12:57 hat geschrieben:
Papst. außerdem:



also: Schiiten = Katholen
Sunniten = Evangelen.

Warum haben die Schiiten irgendwann aufgehört, sich ihre Führer zu wählen?

Vom theologischen Selbstverständnis des Islam her ist der Schiitismus wirklich nicht puritanisch. Denn Mohammed galt als letzte einer Reihe von Propheten. Keiner der früheren Propheten hat jemals eine erbliche Dynastie gebildet.

Man kann das nicht so leicht vergleichen, weil auch unter den Sunniten teilweise Heiligenverehrung und Pilgerfahrten zu Gräbern existiert hat und auch nach wie vor existiert. Das war dann so eine Art Volksislam, welcher auch lokale Traditionen aufgenommen hat und zumeist eng mit Sufi-Gruppen verknüpft ist. Die diversen Reformbewegungen - vor allem die Wahabiten - versuchen das aber zu unterbinden, weil sie ja einen reinen Islam schaffen wollen. Man kann das aber nicht auf alle Sunniten verallgemeinern.
Ein Beispiel die Geschichte in Timbuktu als die Salafisten-Eroberer diverse Kulturschätze zerstört haben, weil sie Gegenstand von Heiligenverehrung der Anwohner vor Ort waren.
http://www.youtube.com/watch?v=zx9tPkvLLuo

Die Schiiten haben nicht gewählt sondern es galt das dynastische Prinzip - das ist ja der Knackpunkt bei der Sache - wobei es teils Streitigkeiten gab welcher Sohn nun Nachfolger sein soll. Irgendwann war bei den 12er Schiiten dann aber die Linie ausgestorben, weswegen man dann den Mahdi aus dem Hut gezaubert hat. Später kamen dann die Ulemas die sich aber auch erst vor 200-300 Jahren wirklich durchgesetzt haben.
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Re: Die Schia

Beitragvon Liegestuhl » Mi 8. Aug 2012, 13:25

Sind die Alawiten nun eigentlich Schiiten oder nur der Schia nah?
Ein Hütchen mit Federn, die Armbrust über der Schulter, aber ein Jäger ist es nicht.
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Re: Die Schia

Beitragvon Liegestuhl » Mo 13. Aug 2012, 12:51

Liegestuhl » Mi 8. Aug 2012, 14:25 hat geschrieben:Sind die Alawiten nun eigentlich Schiiten oder nur der Schia nah?


Ich möchte das ungern ein zweites Mal fragen.
Ein Hütchen mit Federn, die Armbrust über der Schulter, aber ein Jäger ist es nicht.
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Re: Die Schia

Beitragvon jabarin » Mo 13. Aug 2012, 16:41

Liegestuhl » Mo 13. Aug 2012, 12:51 hat geschrieben:
Ich möchte das ungern ein zweites Mal fragen.

man merkt, die islamexperten hier können gar nicht an sich halten, um diese frage als erste zu beantworten... :D

nun, ich würde sagen, die frage hängt davon ab, wie man "shia" im einzelnen definiert und welchen wert man fremd- und eigenzuschreibungen beimisst.

ich würde behaupten, die alawiten sind shiiten.

wenn man shiiten simpel und ursprünglich als "anhänger alis" klassifiziert, dann sind alawiten shiiten - auch wenn sie in ihrer verehrung für ali aus sicht anderer shiiten wohl zu weit gehen.

die (meisten) alawiten sehen sich selbst als shiiten.
die (meisten zwölfer-)shiiten sehen sie als shiiten.
die (meisten) sunniten sehen sie als shiiten.

und "politisch" wurde die eigen- und fremdzuschreibung als "shiiten" in den letzten jahrzehnten noch eher verfestigt.

insofern kann man behaupten, sie sind shiiten. gegenwärtig jedenfalls - es mag durchaus sein, dass sie in ihrem selbstverständnis irgendwann zu einer anderen auffassung gelangen, ähnlich wie die drusen.
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Re: Die Schia

Beitragvon Ferit » Mo 26. Aug 2013, 18:02

Bezugnehmend auf dein Posting:

Platon » Mo 26. Aug 2013, 17:51 hat geschrieben:Ich habe in der letzten Zeit einiges zur Schia gelesen und werde demnächst in meinem Strang dazu, mal ein paar Beiträge zu diesem Thema schreiben. Da können wir ja dann mal ausdiskutieren, ob es wirklich nur ein "Sie missverstehen nur einiges" ist.

PS
Zu deinen Fragen im dortigen Strang übrigens: Die 12er-Schiiten fasten natürlich auch, sie fasten aber glaube ich länger, also nicht bis zum Beginn des Sonnenuntergang sondern Fastenbrechen ist erst, wenn die Sonne ganz weg ist. Beim Beten gibt es einige ganz kleine Unterschiede in den Bewegungen. Wie das mit dem Heiraten ist, weiß ich nicht und wüsste auch nicht, wo ich das nachschlagen sollte. Dieses Buch ist das einzige wirklich brauchbare Übersichtsbuch, wenn es um solche Sachen geht.


Zu den Schiiten. Sie sind klar Moslems, daran gibt es überhaupt keinen Zweifel. Im Laufe der Zeit entwickelten sie den Glauben an die Imame. Sie sind der festen Meinung, dass nur Ali und seine Nachkommen die Nachfolger des Propheten sein können. Daher lehnen sie die ersten drei Kalife (Abu Bakr, Omar und Osman) ab, da diese das Recht Alis auf die Nachfolgeschaft des Propheten beschnitten. Sie glauben ferner, dass Ali und die 12 Imame keine Sünden begehen und somit sündenfrei sind. Das ist eines der wichtigsten Unterschiede zwischen uns Sunniten und den Schiiten. Von der Ausübung der Religion her gibt es wenig Unterschiede. Schiiten glauben an den Koran und beten auch (namaz), sie fasten auch im Fastenmonat Ramadan.
Es gibt allerdings gewisse Unterschiede, was das Glaubensdogma angeht. Das sunnitische Glaubensdogma besteht aus:

- Glaube an Allah, den einen Gott
- Glaube an seine Engel
- Glaube an die heiligen Bücher
- Glaube an die Propheten
- Glaube an das jüngste Gericht
- Glaube an das Schicksal: ob gut oder schlecht, es ist allein von Allah vorherbestimmt.

Das schiitische Glaubensdogma ist etwas anders:

- Glaube an Allah, den einen Gott
- Glaube, dass Allah gerecht ist (dies zeigt sich laut Schiiten dadurch, dass Allah zu keinem Zeitpunkt die Menschen ohne Führung, ohne Propheten und ohne Imame belassen habe)
- Glaube an die Propheten
- Glaube an die Imame: Nach schiitischem Glauben sind der Prophet, dessen Tochter Fatima und die Imame (somit auch Ali) in religiöser Hinsicht unfehlbar und sündenlos. Aufgrund dieser beiden Eigenschaften sind diese auch nicht wie der Rest der Menschen aus Staub erschaffen worden, sondern aus Licht.
- Glaube an das jüngste Gericht

(vgl. hierzu auch diese Quelle: http://eine-menschheit.de/index.php?pag ... erschiiten )

Ebenfalls gibt es beim Glaubensbekenntnis Unterschiede. Schiiten fügen einen Zusatz hinzu: لا إله إلا الله‏محمد رسول الله‏علي ولي الله. Das ist ein Zusatz, der von Sunniten nicht gemacht wird.

Weitere Unterschiede:

- Bei Gefahr ist die taqiyya, die Täuschung / das Verbergen des Glaubens legitim.
- Schiiten haben auch eine Zeitehe, was von uns Sunniten klar abgelehnt wird.
- Beim Gebet legen Schiiten manche zusammen, sodass sie 3 mal am Tag beten, statt wie wir Sunniten 5 mal am Tag.

Ich hoffe, das beantwortet deine Frage, Platon. Aus obigen Unterschieden können wir nicht folgern, dass Schiiten keine Moslems sind. Sie sind in mancher Hinsicht im Irrglauben, möge Allah sie rechtschaffen leiten.
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Re: Die Schia

Beitragvon Ferit » Di 27. Aug 2013, 13:36

Anders verhält es sich mit den Aleviten (nicht verwechseln mit den Alawiten und auch nicht mit den Alawiden).

Diese kommen den 5 Säulen des Islams in keiner Weise nach. Diese da wären:

- Das Glaubensbekenntnis
- Das rituelle Gebet (Namaz)
- Das Fasten im Ramadan
- Almosen geben (Zekât)
- Die Pilgerfahrt nach Mekka (Hac)

Wie können wir behaupten, dass Aleviten also Moslems sind, wo sie doch keine der Pflichten nachkommen? Aleviten sind keine Muslime, bei ihnen scheitert es sowohl am Glaubensdogma, als auch in ihrer Ausübung der islamischen Pflichten.
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Re: Die Schia

Beitragvon Ferit » Di 27. Aug 2013, 13:47

Liegestuhl » Mo 13. Aug 2012, 13:51 hat geschrieben:
Ich möchte das ungern ein zweites Mal fragen.

Ich beantworte deine Frage auch gerne.

Alawiten

A., auch Nussairîya, schiit. Sekte mit weiter Verbreitung in Westsyrien und im Südosten der Türkei (Aleviten). Gegründet wurde dieser Zweig der extremen Schiiten Mitte des 9. Jh. im Irak durch Muhammad ibn Nussair an-Namîrî, der - gegen dessen Widerspruch - die göttliche Natur des zehnten schiit. Imâms Alî al-Hâdî verkündete und sich selbst zum Propheten erklärte. Die Doktrin der A. ist eine mythische Lehre von der Entstehung der Welt, in der dem Vetter und Schwiegersohn des Propheten, dem ersten Imâm der Schiiten, Alî ibn Abî Tâlib, göttlicher Charakter verliehen wird. Im Verlaufe der Geschichte gab es verschiedene alawit. Dynastien im Maghreb, Jemen, in Mekka, Nordiran und Andalusien. In Syrien sind seit 1966 alawit. Offiziere der Baath-Partei an der Macht, zu denen der amtierende Präsident Bashshâr al-Asad gehört.

http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/i ... 7/alawiten

Ihre Religion entwickelte sich aus der schiitischen Richtung des Islams. Die Göttlichkeit von irgendwelchen Personen hat nichts mit dem Islam zu tun und somit sind sie als Muslime klar abzulehnen.
Kavenzmann

Re: Die Schia

Beitragvon Kavenzmann » Mi 28. Aug 2013, 09:35

Ferit » Montag 26. August 2013, 19:02 hat geschrieben:
[...] Weitere Unterschiede:

- Bei Gefahr ist die taqiyya, die Täuschung / das Verbergen des Glaubens legitim.
- Schiiten haben auch eine Zeitehe, was von uns Sunniten klar abgelehnt wird.
- Beim Gebet legen Schiiten manche zusammen, sodass sie 3 mal am Tag beten, statt wie wir Sunniten 5 mal am Tag.

Ich hoffe, das beantwortet deine Frage, Platon. Aus obigen Unterschieden können wir nicht folgern, dass Schiiten keine Moslems sind. Sie sind in mancher Hinsicht im Irrglauben, möge Allah sie rechtschaffen leiten.

Ach ja, erinnert mich ein bißchen an das Gezänk zwischen Katholiken, Lutheranern, Reformierten, Unierten, Baptisten, Anglikanern, Methodisten, Mennoniten oder Mormonen.
Nicht zu vergessen "Jehovas Zeugen".

Die sprechen sich auch gegenseitig den wahren Glauben ab. Und dann noch Rudolf Steiner.
Der hat ja mit seiner "Anthroposophie" das s.M.n. einzig wahre Superchristentum erfunden. :D

Wir können festhalten: der (sogenannte) "Islam" hat ein frühes Schisma, ähnlich dem der christlichen Kirche (lateinische vs. griechische Kirche 1054 n.d.Z.).
Beide weisen auch nach diesem Schisma weitere Zersplitterungen und Flügelkämpfe auf.

http://www.historeo.de/hintergrund/stroemungen-im-islam
http://religionv1.orf.at/projekt03/reli ... oemung.htm
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Re: Die Schia

Beitragvon Ferit » Mi 28. Aug 2013, 10:28

Kavenzmann » Mi 28. Aug 2013, 10:35 hat geschrieben:
Ach ja, erinnert mich ein bißchen an das Gezänk zwischen Katholiken, Lutheranern, Reformierten, Unierten, Baptisten, Anglikanern, Methodisten, Mennoniten oder Mormonen.
Nicht zu vergessen "Jehovas Zeugen".

Die sprechen sich auch gegenseitig den wahren Glauben ab. Und dann noch Rudolf Steiner.
Der hat ja mit seiner "Anthroposophie" das s.M.n. einzig wahre Superchristentum erfunden. :D

Wir können festhalten: der (sogenannte) "Islam" hat ein frühes Schisma, ähnlich dem der christlichen Kirche (lateinische vs. griechische Kirche 1054 n.d.Z.).
Beide weisen auch nach diesem Schisma weitere Zersplitterungen und Flügelkämpfe auf.

http://www.historeo.de/hintergrund/stroemungen-im-islam
http://religionv1.orf.at/projekt03/reli ... oemung.htm

Sehe ich genauso. Wie ist das im Judentum eigentlich? Ist zwar off-topic, interessiert mich aber. Gibt es da unterschiedliche Glaubensrichtungen?
Kavenzmann

Re: Die Schia

Beitragvon Kavenzmann » Mi 28. Aug 2013, 11:09

Ferit » Mittwoch 28. August 2013, 11:28 hat geschrieben:Sehe ich genauso. Wie ist das im Judentum eigentlich? Ist zwar off-topic, interessiert mich aber. Gibt es da unterschiedliche Glaubensrichtungen?
In welcher Religion gäbe es keine unterschiedlichen Auslegungen und Richtungen?

Habe irgendwo eine schöne satirische Liste zu dieser Frage im Judentum, ist aber gerade nicht auffindbar.

http://www.talmud.de/cms/Was_ist_juedis ... 258.0.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Judentum#R ... _Judentums
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Re: Die Schia

Beitragvon Platon » Mi 28. Aug 2013, 12:56

Hier mal mein Text über die Lehre des Imamats.

Das Imamat:

Das Imamat ist eine zentrale Lehre der Schia, welches sie wesentlich und grundlegend vom sunnitischen Mehrheitsislam unterscheidet und über das man auch einen Großteil der Schiitischen (Geistes-)Geschichte verstehen kann. Sie hat den 12er-Schiiten (Ithna-Ashariyya) auch ihren Namen gegeben, welche auch Immamiya genannt werden.
Ausformuliert wurde die Lehre im wesentlichen zur Zeit des fünften und ganz besonders des sechsten Imams Jafar as-Sadiq, auf den einen Großteil der entsprechenden Überlieferungen zurückgehen und der auch sonst eine herausragende Rolle in der Entwicklung der Schia gespielt hat.

Sunniten und Schiiten sind sich über die Natur des Prophetentums weitgehend einig. Demnach verkündet der Prophet das Gesetz Gottes und führt die Menschen zu Gott. Während die Sunniten glauben, dass beide Funktionen mit dem Prophetentum Mohammeds, welcher bekanntlich als das Siegel der Propheten angesehen wird, endet, sind die Schiiten der Ansicht die Imame würden weiterhin die zweite Aufgabe erfüllen. Sie sind dafür verantwortlich die Menschen zu Gott zu führen und das religiöse Gesetz zu erklären und autoritativ zu interpretieren. Der aktuell lebende Imam ist der Beweis und „Guide“ (Hadi) Gottes auf Erden und es muss auch immer einen Imam auf der Welt geben, andernfalls würde diese aufhören zu existieren. Auf Jafar as-Sadiq soll der Ausspruch zurückgehen, dass wenn auf der Welt nur zwei Menschen existieren würden, würde einer davon der Beweis Gottes, also ein Imam, sein. Der Islam geht bekanntermaßen von zyklischen Offenbarungen im Laufe der Geschichte aus, welche allerdings mit Mohammed und dem Islam geendet haben. Auch während dieser Zeit habe es immer Imame gegeben.
Der Imam ist also eine sehr zentrale religiöse Figur, welche göttlich inspiriert ist über besonderes religiöses Wissen ('ilm) verfügt, z.B. das Wissen über die inneren, verborgenen, allegorischen Inhalte des Korans, und die Führung der Gemeinde der Gläubigen übernimmt. Er ist den Propheten allerdings theologisch untergeordnet.

Der Imam wird durch seinen Vorgänger eingesetzt. (nass) Dabei gilt das dynastische Prinzip, dass der Imam ein Angehöriger des Hauses des Propheten (Ahl al Bayt) sein muss und zwar der Linie, die aus der Verbindung von Fatima und Hussein hervorgegangen ist. Für gewöhnlich setzt der Vater seinen ältesten Sohn als Nachfolger ein.
In der Praxis hat das aber nicht immer reibungslos funktioniert. So war im Falle des sechsten Imams Jafar as-Sadiq, zunächst sein Sohn Ismail als Nachfolger vorgesehen. Als dieser aber noch zu seinen Lebzeiten starb wurde nach Ansicht der 12er Schiiten daraufhin ein anderer Sohn Musa al-Kasim zum Imam, über dessen Nachkommen es dann weiterging. So entstanden nach dem Tod des sechsten Imams eine Reihe von Gruppen die unterschiedlicher Ansicht in diesem Punkt waren. Das führte zur Spaltung und heutzutage wird die Imam-Linie von den etwas irreführend 7er-Schiiten Bezeichneten über Ismail weitergeführt, weswegen sie auch Ismailiten genannt werden und sich mittlerweile auch selbst so bezeichnen.
Die 12er-Schiiten haben wieder aus dieser Entwicklung auch Theologische Rückschlüsse gezogen. Denn die Einsetzung des neuen Imams ist natürlich keine persönliche Entscheidung eines Menschen sondern letzten Endes göttlich inspiriert. Die Tatsache, dass ihrer Ansicht nach zunächst Ismail und dann Musa al-Kazim zum siebten Imam eingesetzt wurde, hat sie zu der Erkenntnis kommen lassen, dass Gott manchmal seine Meinung ändert.
Ein weiteres Problem ergab sich als nach dem elften Imam Hassan al-Askari kein männlicher Nachkomme existierte und wieder entstanden eine Unmenge an Gruppen, welche mit diesem Problem unterschiedlich umgingen. Am Ende setzte sich eine Strömung durch, welche der Ansicht war, es gäbe einen männlichen Nachkommen, Mohammed al-Mahdi, der allerdings in die Verborgenheit gegangen sei. Er ist der zwölfte Imam, deswegen auch der Name 12er-Schiiten, für die heutzutage größte Strömung der Schia.
Nach deren Meinung wurden auch alle Imame durch ihre Zeitgenossen ermordet, vorzugsweise wurden sie vergiftet, während der dritte Imam Hussein natürlich den Märtyrer-Tod vor Kerbala erlitten hat. Da die Imame bekanntlich alle frei von Sünden sind haben sie ihren Tod unschuldig erlitten, was die Sache noch viel schlimmer macht.

Mit der Entrückung des 12ten Imams, welcher bis heute noch irgendwo lebt, denn wie gesagt: es muss immer einen Imam auf Erden geben, begann nach der 12er-Schiitischen Überlieferung zunächst die Zeit der „kleinen Verborgenheit“. Zu dieser Zeit gab es noch das Amt eines Botschafters, Tors (Bab) oder Stellvertreters (Na'ib) des verborgenen Imams. Dieser stand in Kontakt mit diesem und konnte Nachrichten von ihm übermitteln. (z.B. in der Form handgeschriebener Briefe) Auch dieses Amt wurde von Vater zum Sohn übertragen, es endete allerdings nach der vierten Person, welcher einen Nachricht des verborgenen Imams übermittelte, dass nun keiner mehr in seinem Namen sprechen würde. Damit beginnt die Zeit der großen Verborgenheit, die nach allgemeiner Ansicht bis heute andauert und nach allgemeiner Vorstellung erst im apokalyptischen Zeitalter endet.

Es ist noch zu erwähnen, dass diese Lehren von der Verborgenheit (Ghayba) und Rückkehr (Raj'a) des verborgenen Imams bereits vorher im schiitischen Millieu präsent waren, Wann immer Zweifel aufkamen, wie die Imam-Linie nun weiter zu führen sei, erwies sich die Ansicht der Imam sei gar nicht tot sondern entrückt als mögliche Antwort. Die meisten dieser Grüppchen haben die Zeiten aber nicht überdauert.

Die 12 Imame bilden bei den 12er-Schiiten mit Fatima und Mohammed die so genannten 14 Unfehlbaren, deren Aussprüche und Taten die Grundlage des schiitischen Rechts bilden und welche dadurch stellenweise von Sunnitischem Recht abweicht.

Angesichts der Entrückung des aktuellen Imams stellte sich für die Gemeinde der 12er-Schiiten irgendwann die Frage, wer nun eigentlich die vakante Führung der Gemeinde der Gläubigen übernehmen sollte? Wer sollte die Menschen recht leiten, wer sollte administrative Aufgaben übernehmen, wer die religiöse Steuern eintreiben?
Das führte auf der einen Seite zur Herausbildung der schiitischen Gelehrsamkeit, welche mit der Zeit eine Funktion des verborgenen Imam nach der Anderen für sich in Anspruch nahmen, da sie als Experten des religiösen Rechts, der Überlieferungen und der dazu notwendigen Methoden der Erkenntnis (usul al-fiqh) dafür besonders qualifiziert seien. Ein Standpunkt der sich in letzter Konsequenz auch erst im 19ten Jahrhundert durchsetzte, gegen die rivalisierende Strömung der Akhbaris, welcher der Ansicht waren, jeder Mensch könnte durch das Lesen der Überlieferung zu religiösem Wissen gelangen.
Der vorläufige Endpunkt dieser Entwicklung ist die Theorie des Velayet-e-Faqih von Khomeini, in dem er auch die politische Führerschaft für die religiösen Gelehrten in Anspruch nahm. Etwas völlig Neues, da man zuvor jede politische Herrschaft, die nicht von einem Imam ausgeübt wird, grundsätzlich für unrechtmäßig angesehen hat und das damit Anderen überlassen konnte. Die Islamische Republik trägt dem heute insofern noch Rechnung, dass in der Verfassung der verborgene Imam als eigentlicher Herrscher des Staates genannt wird und die Ulemas lediglich als seine Stellvertreter (Na'ib) handeln.
Und es ist übrigens keineswegs so, dass diese Lehre von allen Schiitischen Gelehrten (vorbehaltlos) vertreten wird. Die politischen Umstände im Iran sind aber heutzutage nun einmal so wie sie sind.

Auf der anderen Seite gab es aber immer wieder auch Einzelpersonen, welche für sich in Anspruch nahmen Stellvertreter des oder der verborgene 12te Imam selbst zu sein. Ein sehr gutes Beispiel ist der so genannte Bab, der Mitte des 19ten Jahrhundert zunächst erklärte das Tor (Bab) zum verborgenen Imam zu sein und schließlich dieser selbst. Dies verband sich mit millenaristischen Vorstellungen vom baldigen Weltende und z.B. auch der Abrogation der Scharia. Das führte zu Aufständen in deren Folge die Bewegung fast vollständig vernichtet wurde. Die Reste der Bewegung wurden von einer weiteren charismatischen Führerfigur (Baha'ullah) schließlich in eine neue Religion, die Baha'i, überführt. Diese verstehen sich nicht mehr als Teil sondern als Nachfolgereligion des Islam. (siehe auch den Strang zu den Baha'i)

Ich werde in einem weiteren Beitrag noch versuchen zusammenfassen was es mit den anderen noch heute existierenden Gruppierungen auf sich hat, welche schiitisch sind bzw. zumindest aus der Schia entstanden sind. (Drusen, Alawiten, Aleviten, Ahl-i Haqq, Zaiditen, Ismailiten)
Zuletzt geändert von Platon am Mi 28. Aug 2013, 13:24, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Die Schia

Beitragvon Lomond » Mo 2. Dez 2013, 10:24

Liegestuhl » Mi 8. Aug 2012, 14:25 hat geschrieben:Sind die Alawiten nun eigentlich Schiiten oder nur der Schia nah?



Ich sag mal so:


Macht aus den Schi-iten
gute Alewiten! :thumbup:
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Re: Die Schia

Beitragvon Antonius » Sa 28. Dez 2013, 14:54

Lomond » Mo 2. Dez 2013, 10:24 hat geschrieben:Ich sag mal so:

Macht aus den Schi-iten
gute Alewiten! :thumbup:

Ja, dann wäre der erste Schritt zur notwendigen Reformation im Islam getan. :thumbup:
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Re: Die Schia

Beitragvon PublicEye » Sa 28. Dez 2013, 22:07

Antonius » Sa 28. Dez 2013, 14:54 hat geschrieben:Ja, dann wäre der erste Schritt zur notwendigen Reformation im Islam getan. :thumbup:

Allerdings nur in einem kleinen Teil der islamischen Umma.

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