Die Schia

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Antonius
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Re: Die Schia

Beitragvon Antonius » Mi 12. Okt 2016, 15:27

Platon hat geschrieben:(11 Oct 2016, 11:59)
Es gibt im Christentum, ich meine vor allem auf den Phillippinen, ja auch Leute die sich tatsächlich ans Kreuz nageln lassen um den Tod von Jesus besser nachvollziehen oder betrauern(?) zu können. Das erinnert schon stark an Ashura.
(...)

Das mag daran erinnern, hat aber nichts mit der Christlichen Lehre zu tun.
Aus meiner Sicht zweifellos ein Fehlverhalten!

Wir sollten nicht vergessen:
Nach Christlichen Lehre ist der Gottessohn Jesus Christus am dritten Tag wieder auferstanden; wir feiern Ostern.
SAPERE AUDE - Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.
Immanuel Kant (1724-1804)
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Kael
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Re: Die Schia

Beitragvon Kael » Mi 19. Okt 2016, 10:05

Durch so etwas werden dritte aber nicht verletzt ;)
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Platon
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Re: Die Schia

Beitragvon Platon » So 30. Okt 2016, 12:07

Einer der bekanntesten Besonderheiten im schiitischen Islam ist die Zeitehe, eine Ehe die für eine bestimmte Zeit geschlossen wird und nach Ablauf der Zeit ohne irgendeine Form der Scheidung endet.
Die Ehe ist im islamischen Recht ein Vertrag, in dem Mann und Frau in ein bestimmtes rechtliches Verhältnis, charakterisiert durch Rechte und Pflichten zueinander, treten und beide legal miteinander Sex haben können ohne sich dem Vorwurf der Unzucht auszusetzen. Ein Vorwurf der je nach jeweiliger Rechtsprechung harte Strafen bis hin zur Todesstrafe nach sich ziehen kann.

In der dauerhaften Ehe ohne zeitliche Begrenzung verpflichtet sich der Mann der Frau ein Brautgeld bezahlen, für ihren Unterhalt aufzukommen und es entsteht ein erbrechtlicher Anspruch beider Ehepartner füreinander. Wenngleich in vielen Fällen das Brautgeld nicht bezahlt wird, sondern als Druckmittel der Frau gegenüber ihrem Mann dient. Weil er ist verpflichtet es zu bezahlen und in nicht wenigen Fällen kann und will er das nicht.
Eine Ehe wird wie jeder Vertrag nach klassischem Recht abgeschlossen von zwei geschäftsfähigen Parteien. Das heißt die Volljährigkeit muss eingetreten sein und man muss geistig gesund sein. Wenn eine oder beide Parteien nicht volljährig sind, kann man eine Ehe über einen Vormund abschließen. Hier gibt es dann einige problematische Regelungen, wenn z.B. das Mädchen bereits in sehr jungen Jahren verheiratet wird, was in vormodernen Zeiten wohl durchaus sehr üblich war, weil damit ein Mund weniger zu stopfen ist. Heutzutage gibt es starke Unterschiede im Heiratsalter zwischen 9 Jahren, was im Jemen und ich meine auch Saudi Arabien als Beginn der Pubertät und damit frühestes Heiratsalter gesehen wird, und 18 Jahren (Tunesien, Marokko, Türkei). Im Iran liegt es, glaube ich, bei 13 für Mädchen und 15 für Jungen. Besonders problematisch kann es werden, wenn es um die Frage geht, ob die Frau einwilligen muss. Denn für den Fall einer nicht geschäftsfähigen Frau, d.h. einem minderjährigen Mädchen, für das ein Vormund eine Ehe abschließt, wird unter Umständen Schweigen als Zustimmung gewertet bzw. offenbar gibt es auch die Meinung man könne dann den erklärten Willen des Mädchen nicht verheiratet zu werden ignorieren. (siehe: Walī mudschbir) Und das ist dann genau der Fall, was als Kinderzwangsehen etc. bekannt und offenbar mit allgemein gültigen Vorstellungen von Menschenwürde und Menschenrechten nicht in Einklang zu bringen ist, wenn man meint das heute auch noch umsetzen zu müssen.
Die Frau ist gemäß dem klassischen Recht dem Mann zum Gehorsam verpflichtet, der unter Umständen Wohnort und den Umfang sozialer Aktivitäten bestimmen kann. In der heutigen Zeit ist das natürlich alles ein wenig anders, weil Frauen ökonomisch und sozial unabhängiger von ihrem Mann leben können und man unter dem Einfluss der modernen Welt und neuer Realitäten es die Unterordnung der Frau unter dem Mann, wie vor 500 oder 1000 Jahren, so nicht oder nur in Ausnahmefällen gibt. Das ist aber dann von Land zu Land und von Millieu zu Millieu stark unterschiedlich.
Dieses Ungleichgewicht zugunsten des Mannes im klassischen Eherecht kommt auch bei der Scheidung zum Tragen, da allein der Mann die Scheidung aussprechen kann. Die Frau hat allerdings die Möglichkeit sich mit dem Mann darauf zu einigen, dass sie ihm einen Vermögenswert gibt/überlässt, z.B. ihre Brautgabe und dieser dafür die Scheidung ausspricht. Es gibt auch die Möglichkeit bestimmte Umstände geltend zu machen um eine Ehe vor dem Richter annullieren zu lassen, wie Impotenz des Mannes, die Unfähigkeit oder fehlende Bereitschaft für den Unterhalt aufzukommen etc.
Es gibt also auch im klassischen islamischen Recht, Möglichkeiten bestimmte Härten für die Frau zu lindern. Dazu kommt es immer ganz stark auf die soziale Herkunft der Frau an, wenn eine Frau aus einer angesehen Familie kommt, hat sie natürlich ganz andere Möglichkeiten ihren Ehemann zur Räson zu bringen, als eine Frau ohne irgendwelche Verbindungen. Das der Mann aber rechtlich im Großen und Ganzen die bessere Stellung hat ist offenkundig.
Die moderne Gesetzgebung ist wie man bereits am Beispiel des Heiratsalters gesehen hat von Land zu Land stark unterschiedlich, teilweise finden sich moderne Auslegungen der Scharia, Übernahmen aus der westlichen Gesetzgebung oder eben auch noch vormoderne Regelungen des klassischen Rechts. Man sollte also bevor man sich zum Retter der muslimischen Frau aufschwingt erst einmal anschauen wie die moderne Gesetzgebung im jeweiligen Land denn tatsächlich aussieht. In Ländern wie dem Jemen dürfte man aber mit seiner Kritik zumeist richtig liegen.

Eine Doku über ein Scheidungsgericht im Iran und die dortigen Regeln:


Der Witz bei einer Zeitehe ist nun, dass sie wie gesagt auf Zeit abgeschlossen wird, die Frau ihr Brautgeld bekommt, ihr allerdings keinerlei Unterhalt zusteht und kein erbrechtlicher Anspruch entsteht. Das heißt eine Zeitehe kommt den Mann im Normalfall günstiger. Und das ist dann auch genau der springende Punkt bei der Sache. Denn der Nutzen der Ehe wird heutzutage wie in der klassischen Literatur vor allem darin gesehen, dass Menschen eine Ehe schließen können, die die finanziellen Mittel für eine dauerhafte Ehe nicht haben. Es galt und gilt auch als eine Möglichkeit in seiner Jugend erste sexuelle Erfahrungen zu machen, ehe man sich dann in eine dauerhafte Ehe begibt. Gerade heutzutage ist das von Relevanz, da das tatsächliche durchschnittliche Heiratsalter im Iran bei 23 für Frauen und 27 für Männer liegt. [Quelle] Wenngleich es auch noch zahlreiche Kinderehen gibt (Quelle), ich vermute das ist alles stark Millieu-spezifisch. Es gibt dazu die Variante einer nicht-sexuellen Ehe, in der es nur um das gemeinsame Zusammenleben geht ohne sich dem Vorwurf der Unzucht auszusetzen.

Hier eine Arte-Doku zum Thema:


Das sunnitische Recht lehnt die Zeitehe ab. Demnach wurde sie zwar in vorislamischer Zeit praktiziert bis in die Frühgeschichte des Islam hinein, wurde dann aber von Mohammed abgeschafft. Die Schiiten erklären, dass die Zeitehe nicht von Mohammed sondern vom zweiten Kalifen Omar abgeschafft wurde und dieser nicht für verboten erklären kann, was der Prophet des Islam erlaubt hat. Im Wikipedia-Artikel über die Zeitehe kann man die Details dieser Kontroverse nachlesen, auch wenn sich das ein wenig so liest als wenn ein Orientalistik-Student eine Zusammenfassung einer Hausarbeit bei Wikipedia gepostet hat.

Wenn man mehr darüber wissen will lohnt sich ein Blick in „Law of Desire: Temporary Marriage in Shi'i Iran“ (GoogleBooks, Amazon) in dem eine Autorin in den 1980ern Interviews im Iran geführt hat, um sich anzusehen, wie die Zeitehe in der sozialen Praxis nach der Islamischen Revolution 1979 gelebt wird.
Zuletzt geändert von Platon am Di 1. Nov 2016, 12:20, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Die Schia

Beitragvon Platon » So 30. Okt 2016, 16:21

Habe vorhin einen interessanten Artikel gelesen über iranische Exiltheologen, die mit kontroversen Thesen für Unruhe sorgen. Aber bevor ich erkläre worum es da geht, einige einführende Worte zur schiitischen Geistlichkeit.
Was hat es mit diesen Leuten auf sich? Es gab im 13ten Jahrhundert einen wichtigen schiitischen Gelehrten Allama Hilli (dt. der Großgelehrte von Hilla). Dieser hatte erklärt, wie man in Fragen zu denen in den religiösen Quellen (Koran und Hadith) keine eindeutige Antwort gegeben ist, zu einer religiös richtigen/wahren Ansicht kommen könnte. Hierzu müsse man eigenständige Rechtsfindung betreiben, was allerdings nur möglich sei, wenn man eine entsprechende Ausbildung durchlaufen habe, die einen dazu befähigt. Man erhält sie in einer schiitischen Hochschule, im Iran besonders prominent die Hochschule in Qom. Es gibt noch andere Einrichtungen in Teheran und Isfahan. Außerhalb des Iran vor allem die Hochschule in Najaf, Irak. Diese Studien können dann schon mal 20-30 Jahre dauern.
Grundlage ist die umfassende Kenntnis der arabischen Sprache und Grammatik um die religiösen Quellen und die theologischen Werke lesen und kompetent verstehen zu können. Dazu Kenntnisse der (aristotelischen) Logik um sauber zu argumentieren. Man liest die theologischen Standartwerke der Methoden der Rechtsfindung (usul al fiqh), der gültigen Rechtsmeinungen (furu al fiqh) und weiterer religiöser Disziplinen. Was man in moderner Zeit sehr viel macht ist westliche Philosophie (Heidegger, Freud) zu studieren, man setzt sich damit auseinander. Natürlich um am Ende die Wahrheit des Islam aufzuzeigen, indem man sie widerlegt oder einige ihrer Argumente und Begriffe übernimmt. Es gibt natürlich Internet und die Hochschule in Qom hat auch eine eigene Website. Man hat sich diese Seminare also nicht so vorzustellen, dass die dortigen Studenten und Professoren abgeschottet von der Welt leben und nur in ihrem eigenen Saft schmoren, ganz im Gegenteil! Das hat auch damit zu tun, dass die Islamische Republik als Herrschaft eben der schiitischen Rechtsgelehrten konstruiert ist. Man würde die Legitimation des politischen Systems untergraben, würde man sich die theologischen Hochschulen zum Feind machen, indem man sie übertrieben zensiert oder ihnen sonstwie auf die Nerven geht. Das führt dazu, dass gerade bei den Schiiten im Iran eine recht freie Atmosphäre herrscht und zahlreiche Reformtheologen des Islam in Qom studiert haben und auch politisch durch die Reformbewegung innerhalb des Systems wirksam wurden. Dabei handelt es sich um eine politische Strömung innerhalb der Islamischen Republik, die nach der Revolution 1979 zu den Unterstützern von Khomeini gehörten, später allerdings erklärten die Ideale der damaligen Revolution würden nur unzureichend umgesetzt und daher für eine Reform des politischen Systems, mehr Demokratie und mehr Menschenrechte eintreten. Einige Vertreter haben es damit dann übertrieben und mussten dann in Verbindung mit den Protesten 2009 ins Exil gehen. Einigen ihrer prominenten Vertreter war es möglich an westlichen Universitäten ein Auskommen zu finden und ihre Ideen dort weiter zu entwickeln und als Bücher und im Internet zu publizieren.



Im eingangs erwähnten Artikel kann man nun lesen, dass die Thesen dieser Exiltheologen neue Reformideen propagieren und in den religiösen Institutionen im Iran von den Gelehrten diskutiert und natürlich nach Kräften widerlegt werden. Im konkreten Fall geht es um die These, dass Mohammed seine Offenbarungen im Traum erhalten habe soll.
[...]„Reich ohne Himmel“ lautet der Titel des Essays – eine religionshistorische Schrift, gerichtet an ein Fachpublikum. Erst in der Mitte des Textes erfährt der Leser, wo das besagte Reich liegt und warum ihm der Himmel abhanden gekommen ist. Der Autor erzählt dort von einer persönlichen Begegnung: Kürzlich habe ihn ein Gelehrter aus der heiligen iranischen Stadt Qom besucht und berichtet, dass inzwischen auch dort viele Geistliche der Meinung seien, der Koran sei eine Traumerzählung des Propheten. „Nun auch die Gelehrten?, fragte ich entrüstet meinen Besucher und wollte von ihm wissen, wie sie das begründen würden. Ganz einfach und nachvollziehbar, antwortete er: Etwas zu sehen oder zu hören, was andere nicht wahrnehmen, ist bekanntlich eine Krankheit. Behauptet jemand, er höre oder sehe im wachen Zustand etwas, was andere nicht vernehmen können, schicken wir ihn höchstwahrscheinlich in die Psychiaterie. Wenn wir annehmen, dass Mohammed – Friede sei mit ihm – in wachem Zustand die Koranverse hörte, während andere das nicht konnten, dann liegt – Gott behüte – ein Fall von Halluzination vor. Dann wäre der Prophet geisteskrank – und welcher Gelehrte käme auf solch einen schwachsinnigen Gedanken?“[...]

http://iranjournal.org/gesellschaft/ira ... chiitentum

Die These stammt ursprünglich von Abdolkarim Soroush und es soll am Ende darauf hinauslaufen, den Koran für eine historisierende Interpretation zu öffnen. Das heißt man versteht die Offenbarungen im Koran als in einer historischen Situation entstanden und kann dadurch dann argumentieren man wolle den Sinn einer bestimmten Regelung in dieser historischen Situation erkennen und diesen Sinn dann auch in der modernen Zeit umsetzen. Damit ist man natürlich schon sehr weit hin zu einer Reform und Modernisierung des Islam.

[...]Soroush schreibt: „Die Sprache des Koran ist rein menschlich und weltlich. Gott sprach nicht, er schrieb auch kein Buch. Es war ein historischer Mensch, der in Gottes Namen sprach. Und die göttliche Eingebung war nichts anderes als Mohammeds persönliche Erfahrung. Seine Beschreibung von Diesseits und Jenseits fußt ausschließlich auf seiner tribalen Erfahrung in Saudi-Arabien vor 1.400 Jahren.“ Nach Soroush ist der Koran ein genaues Spiegelbild von Mohammeds psychischer Verfassung. „Wir begegnen im Koran Höhepunkten und Niedergängen. Wo der Prophet sich wohlfühlt, ist auch der Text erbaulich, erreicht seine bewundernswerte Sprachgewalt und Eloquenz. Und umgekehrt, wo er banal und oberflächlich ist, zeugt er von der Niedergeschlagenheit und Bedrücktheit seines Autors.“ Mohammeds Wissen entspreche genau dem seiner Zeit, schreibt Soroush, und zählt „die sachlichen Fehler des Korans“ auf, über die man heute lachen könne: „Niemand glaubt heute noch, Meteoriten seien Teufelssteine, der Himmel besitze sieben Decken oder die Berührung des Teufels verursache Wahnsinn.“[...]

http://iranjournal.org/gesellschaft/ira ... iitentum/2

Er hat diese Idee vor allem über BBC Persia (persisch) verbreitet.
پرگار: "قرآن، رویاهای پیامبر؟" ، بخش اول
پرگار: "قرآن، رویاهای پیامبر؟"، بخش دوم
Text:
رویاهای رسولانه؛ زهی کرشمه خوابی که به ز بیداری ست
Wiederlegung von Großayatollah Naser Makarem Shirazi
پاسخ آیت الله مکارم شیرازی به سخنان عبدالکریم سروش
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Re: Die Schia

Beitragvon Platon » So 1. Okt 2017, 17:27

Heute ist wieder Aschura. Darum zwei Videos von Twitter.
1. Ein Sine-Zani, also ein "Brustschlagen" in einem iranischen Dorf Mohammad-Abad:
https://twitter.com/chakhmaghi/status/9 ... 5660766209
2. Das Herumziehen eines Wagens auf dem Allah, Mohammad, Ali und Fatima stehen in der Amir Chakhmaq-Moschee in Yazd:
https://twitter.com/chakhmaghi/status/9 ... 5660766209

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