Ist die Spaltung der Gesellschaft in Wirklichkeit eine Spaltung zwischen nordwestlich und östlich-bayerisch?

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Maltrino
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Ist die Spaltung der Gesellschaft in Wirklichkeit eine Spaltung zwischen nordwestlich und östlich-bayerisch?

Beitragvon Maltrino » Sa 24. Nov 2018, 19:12

Mal etwas provokatives:
https://www.br.de/themen/migration_armu ... ss100.html
Wenn man sich diese Statistik anschaut, wird auf jeden Fall ein "West-Ost" Gefälle im Ausländerhass deutlich, wobei Bayern hier dem "Osten" zugerechnet werden kann. Je nach Lesart, zum Beispiel wenn man nur die Länder zählt bei denen der Ausländerhass über 30% beträgt, und berücksichtigt, dass die Pegida Hochburg Dresden da auch in der Gegen liegt, kann man sogar von einem "Südost-Nordwest" Gefälle ausgehen. Wenn man die offenbar extrem weltoffenen Bürger in RLP und Saarland hinzuzählt ist es aber wieder ein "Ost-West" Gefälle, wobei zum "Osten" eben nicht nur die neuen Länder, sondern auch und an forderster ausländerskeptischer Front, Bayern zu zählen ist.

Was ist das? Was heißt das? Rein optisch und rhetorisch fällt auf, dass sowohl in Bayern, als auch im Osten offenbar eine Sehnsucht nach "volkstümelnden" Politikern besteht, die von "Heimat" reden. In Bayern wird das vor allem durch die CSU bedient. Im Osten inzwischen vor allem von der AfD, aber teils vielleicht auch von der Linkspartei (?).

Ist die Spaltung in der Gesellschaft vielleicht auch eine Spaltung in eine "heimatverbundene und, dorflich, gruppenbezogene kollektivistische östlich-bayerische Mentalität" und eine "weltoffene, individualistische westlich, großstädtische hanseatische Mentalität"?

Was subjektiv auffällt: Im Osten, als auch in Bayern, vor allem aber in diesem dichtbesiedelten Osten zwischen Erfurt und Dresden, ist es recht leicht mit Menschen in Kontakt zu treten, es wird also (kollektivistisch) als durchaus normal empfunden, dass Menschen miteinander reden und miteinander handeln. Gleichzeitig fällt auch auf, dass die eigene Lebensart in fast aggresiver Weise als "normal" dargestellt wird. Es wird einfach als normal empfunden, dass man weiß was eine "Soljanka Suppe" ist, dass man natürlich deutsch spricht und dass man bei rot nicht über die Ampel geht weil "Wos sind se denn für ein Vorbild für die Kindaa!". Auffällig auch. In dieser ganzen Gegend sind kulturell wertvolle Ortschaften wo irgendwas kulturell wertvolles entstanden ist. Göthe und Schiller waren da, das Bauhaus, Bach, und vor allem Martin Luther, der wahrscheinlich auf eine Pegida hafte Horde bauen konnte die ihm im Kampf gegen "Die da oooben in Rom!" unterstützten. Das Schaffen von Werten, die eine eigene, nach außen abgrenzbare, kulturelle Gruppe definieren, scheint mir da im "Südosten" recht ausgeprägt zu sein.

Anders offenbar im Westen. Was im Saarland passiert kann ich nicht nachvollziehen, vielleicht hat einfach die Nähe zu "Europa" (Frankreich) was damit zu tun. Auf jeden Fall unterscheidet sich diese "ostsüdliche" Mentalität ganz eindeutig von einer klischeehaften hanseatisch nordwestlichen weltoffenen Mentalität, wo (klischeehaft!) in der Hafenkneipe sich friesische Elemente munter mischen mit Einflüssen aus aller Welt, die durch die Seefahrt mitgebracht wurden. Und, das muss ich so sagen, ist im nordwestdeutschen Bereich der Kontakt zu (fremden) Menschen eben oft nicht normal, was aber dann eher eine individualistische Gleichgültigkeit ("Ich mach mein Ding") statt eine gruppenbezogene Abgrenzung zu anderen Gruppen ist.

Personell in den Parteien kann man die Sache vielleicht auch festmachen. Die "östlich-bayerischen" und "ausländerskeptischen" Verteter: Zum Beispiel Gauland (Chemnitz), Seehofer (Bayern), Höcke (aus irgendwelchen Gründen in Thüringen). Der weltoffene Gegenpart aus dem Nordwesten: Habeck (Schleswig Holstein), so Leute wie Schröder und Fischer zähle ich ganz eindeutig zu einer globalisierten westdeutschen "Elite", Annegret Kramp Karrenbauerger wird ja jetzt als Gegenpart der "rechten" Bewerber gesehen (ob sie es ist, sei mal dahingestellt), aber woher kommt sie? Aus dem laut Statistik weltoffenen Saarland.

Um es in einer provokativen Frage zu formulieren:

Es wird ja von rechter Seite immer der "Europabrei" und die "Globalisierung" angeprangert, wo angeblich "unterschiedliche Mentalitäten" zusammengewürfelt werden. Ist das Problem vielleicht auch ein "Deutschlandbrei", in dem unterschiedliche Mentalitäten zusammengerpresst werden?

Was wäre wenn die Ostdeutschen Länder+Bayern einen eigenen Staat bilden würden und dann lustig einen ungarischen Weg gehen würden? "Mia saan mia" und "Wir sind das Volk" halt zusammen... Passt doch ganz gut. Und die Nord-westdeutschen Länder bilden dann einen ordentlichen demokratischen weltoffenen Staat, so man sich dann an die klassischen westeuropäischen Demokratien wie Frankreich, Niederlande, Belgien, oder auch Norwegen und GB anlehnen und orientieren kann und wo es (ähnlich wie in Hamburger Hafenkneipen) eine Tradition des "überseeischen und globalisierten Austausches" gibt.

Oder um es noch provokativer zu sagen: Deutsche Nationalisten und Staatenbildner wie Bismarck, Hindenburg und Hitler haben versucht aus den unterschiedlichsten deutschsprachigen Kulturen "ein Volk" zu machen, um es nach Außen abzugrenzen. Ist dieser nationalistische Weg nicht eigentlich ein Irrweg weil im künstlichen Konstrukt der (deutschen) Nation eben völlig unterschiedliche Kulturen zusammengewürfelt wurden (teils auch aus wirtschaftlichen Gründen wie im deutschen Zollverein, dem Vorläufer der deutschen Nation)? Und was ist die Alternative? Ein regionalisiertes Europa wo Katalonien, Schottland und Bayern mehr Eigenständigkeit erhalten? Oder eher ein globalisiertes und grenzenloses Konzept der Welt, wo dann eben Hamburg näher an Amsterdam ist und die Münchner sich schön an Wien und Budapest schmiegen kann? Aber was ich nie so recht verstand: Warum soll ein Flensburger Fischer, der ne nackte schwarze Gallionsfigur an seinem Kutter hat sich dem Alm-Öi auf dem Berg in den Alpen näher fühlen als dem dänichen Nachbar, nur weil Bayern und Schleswig Holstein zufällig in einem Deutschlandbrei zusammengerührt wurden?

Ist diese "gespaltene Nation", diese Spaltung in "Refugees Welcome" und "Pegida" nicht (ähnlich wie in den USA die Spaltung zwischen ländlichen und städtischen Regionen) eine Spaltung zwischen unterschiedlichen Regionen und den Kulturen die sich dort entwickelt haben, den "weltoffenen und globalisierten und individualisierten Kulturen" in Nordwestdeutschland und den "heimatverbundenen, gruppenbezogenen Kulturen" im bayerisch und östlichen Deutschland?

Nur mal so als provokativer Gedankenbrei hier reingeschrieben...
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Re: Ist die Spaltung der Gesellschaft in Wirklichkeit eine Spaltung zwischen nordwestlich und östlich-bayerisch?

Beitragvon MäckIntaier » Sa 24. Nov 2018, 19:57

Maltrino hat geschrieben:(24 Nov 2018, 19:12)

Was wäre wenn die Ostdeutschen Länder+Bayern einen eigenen Staat bilden würden und dann lustig einen ungarischen Weg gehen würden? "Mia saan mia" und "Wir sind das Volk" halt zusammen...


Das ist ganz einfach: Bayern war und ist nicht preußisch, der Osten aber schon. Ein Bayer ist erst einmal ein Bayer und höchstens dann ein deutscher Staatsbürger. Und auch sonst stehen die süddeutschen Mentalitäten den preußischer geprägten nördlichen und nordöstlichen Mentalitäten nicht sehr nahe. Wer "Deutschland" kennenlernen will, der ist im Süden und Südwesten nicht so gut aufgehoben wie weiter oben. Ein Bayer hat mit einem Südtiroler mehr gemeinsam als mit einem Brandenburger oder Schleswig-Holsteiner, ein Südwestler mehr mit dem Elsaß oder der Schweiz als mit Niedersachsen oder NRW.
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Re: Ist die Spaltung der Gesellschaft in Wirklichkeit eine Spaltung zwischen nordwestlich und östlich-bayerisch?

Beitragvon Maltrino » Sa 24. Nov 2018, 20:36

MäckIntaier hat geschrieben:(24 Nov 2018, 19:57)

Das ist ganz einfach: Bayern war und ist nicht preußisch, der Osten aber schon. Ein Bayer ist erst einmal ein Bayer und höchstens dann ein deutscher Staatsbürger. Und auch sonst stehen die süddeutschen Mentalitäten den preußischer geprägten nördlichen und nordöstlichen Mentalitäten nicht sehr nahe. [*].


Tja, aber irgendwas ist in Folge des zweiten Weltkrieges und der DDR da offenbar durcheinandergeraten. Siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Preu%C3%9 ... beralismus
Ein preußischer "protestantischer Liberalismus" also... Wo finden wir den den heute? In Niedersachen kann ich sowas glaube ich schon noch erkennen, wobei das "liberal" da relativ ist. Aber was ist im Osten passiert? Eine Theologentochter aus gutem Hause wie Merkel oder ein Gauck überstehen vielleicht religionsfeindlichen Sozialismus, aber die einfachen Leute? Was ist von „nach seiner eigenen Fasson selig zu werden“ in Ostdeutschland noch zu spüren? Historisch gesehen hast du sicher recht. Aber was in in der Zwischenzeit passiert, dass in Sachen Flüchtlingsfragen die Ostdeutschen und die Bayern als eher auf "einer Linie" wahrgenommen werden? Hm...

PS: Oder hat sich wegen der Isolierung der DDR im Osten vielleicht sogar ein ursprüngliches "Preußentum" erhalten, was heutzutage, nach dem Mauerfall, als noch rückständig und reaktionärer wahrgenommen wird im Vergleich zum restlichen Deutschland und deshalb ein "rückständiges östliches Preußentum" und ein "konservatives Bayerntum" ähnliche Folgen haben obwohl es jeweils eigentlich was anderes ist? Hm...
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Re: Ist die Spaltung der Gesellschaft in Wirklichkeit eine Spaltung zwischen nordwestlich und östlich-bayerisch?

Beitragvon Quatschki » Sa 24. Nov 2018, 21:15

Schau mal über die Grenzen.
Der Konflikt, der die deutsche Gesellschaft spaltet, zieht sich durch die ganze westliche Welt!
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Re: Ist die Spaltung der Gesellschaft in Wirklichkeit eine Spaltung zwischen nordwestlich und östlich-bayerisch?

Beitragvon MäckIntaier » Sa 24. Nov 2018, 22:38

Maltrino hat geschrieben:(24 Nov 2018, 20:36)

Tja, aber irgendwas ist in Folge des zweiten Weltkrieges und der DDR da offenbar durcheinandergeraten. Siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Preu%C3%9 ... beralismus
Ein preußischer "protestantischer Liberalismus" also... Wo finden wir den den heute? In Niedersachen kann ich sowas glaube ich schon noch erkennen, wobei das "liberal" da relativ ist. Aber was ist im Osten passiert? Eine Theologentochter aus gutem Hause wie Merkel oder ein Gauck überstehen vielleicht religionsfeindlichen Sozialismus, aber die einfachen Leute? Was ist von „nach seiner eigenen Fasson selig zu werden“ in Ostdeutschland noch zu spüren? Historisch gesehen hast du sicher recht. Aber was in in der Zwischenzeit passiert, dass in Sachen Flüchtlingsfragen die Ostdeutschen und die Bayern als eher auf "einer Linie" wahrgenommen werden? Hm...

PS: Oder hat sich wegen der Isolierung der DDR im Osten vielleicht sogar ein ursprüngliches "Preußentum" erhalten, was heutzutage, nach dem Mauerfall, als noch rückständig und reaktionärer wahrgenommen wird im Vergleich zum restlichen Deutschland und deshalb ein "rückständiges östliches Preußentum" und ein "konservatives Bayerntum" ähnliche Folgen haben obwohl es jeweils eigentlich was anderes ist? Hm...


Nun, die Frage der Wahrnehmung in der Passivform ("wahrgenommen werden") enthält ja einen Teil der Antwort, was Bayern angeht. Man sollte einfach das "Wahrnehmen" anhand von Daten, in denen die tatsächliche Leistung Bayerns abgebildet ist, überprüfen, nicht anhand der Rhetorik von Politikern. Dann würde der Unterschied zu den östlichen Preußen rasch evident.

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